Eine kleine Wochenschau | KW08-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


21. Februar 2022, Berlin

Wie schon im letzten Jahr erhalte ich ein Blog-Kooperationsangebot einer Firma, die Rasierapparate und Pflegeprodukte für den Intimbereich vertreibt. In der Mail gibt es verschiedene Vorschläge, wie das Thema aufbereitet werden könnte. Zum Beispiel „Unaufhaltbare Leistung beim Sport”. Ohne einen „Schwitz-Schritt“ und ohne Einschränkungen wären maximale sportliche Leistungen möglich. So richtig überzeugend finde ich die Storyline nicht. Ich meine, wie voluminös muss deine Schambehaarung sein, damit sie dich beim Joggen behindert? Verfängt die sich dann in deinen Beinen und du fällst andauernd hin? (Viel Spaß beim Kopfkino.)

Außerdem wird auch diesmal ein Selbstcheck vorgeschlagen, bei der ich die Produkte ausprobieren und dabei auf das Thema Hodenkrebsvorsorge aufmerksam machen könnte. Das ist natürlich ein wichtiges Anliegen, denn jährlichen werden tausende Menschen mit Hodenkrebs diagnostiziert und es ist die häufigste Krebsneuerkrankung bei Männern zwischen 25 und 45. Daher schlage ich Folgendes vor: Ich traumatisiere Sie nicht mit einem bebilderten Beitrag über Intimrasur-Experimente und Sie gehen trotzdem zum Urologen und lassen Ihre Testikel abtasten. (Und wenn Sie schon mal da sind, können Sie auch noch Ihre Prostata abchecken lassen.) Deal?

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Eine kleine Wochenschau | KW07-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


14. Februar 2022, Berlin

Valentinstag. Auf meiner morgendlichen Laufrunde begegnen mir sehr viele Männer, die mit Blumensträußen unterwegs sind. (Irrelevanter fun fact am Rande: Als Kind habe ich mich immer gewundert, wenn der Valentinstag an einem anderen Tag als Dienstag war. Das ergab für mich überhaupt keinen Sinn.)

Meine Frau und ich haben uns noch nie etwas zum Valentinstag geschenkt. Aber nicht, um dem kapitalistischen Konsumzwang die Stirn zu bieten und um mit selbstgefälligen Social-Media-Posts zu verkünden, dass wir nicht auf die perfiden Marketingmanipulationen der Schnittblumen- und Pralinenindustrie reinfallen. Nein, eher weil wir vergesslich sind. Außerdem haben wir Ende Januar unseren Jahrestag. Innerhalb von vierzehn Tagen zwei Mal unsere romantische Verbundenheit zu zelebrieren, erschiene mir doch etwas bemüht. Fast schon zwanghaft. Als müssten wir irgendetwas kompensieren. Deswegen lassen wir das mit Valentinstag.

Okay, um ehrlich zu sein, hat in unserer 25-jährigen Partnerschaft in mehr als der Hälfte der Jahre einer oder eine von uns nicht an unseren Jahrestag gedacht (meistens beide), so dass wir unsere romantische Verbundenheit gar nicht zelebriert haben. Zum Glück haben wir im Mai Hochzeitstag. Dann haben wir einen weiteren Tag, den wir vergessen können.

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Eine kleine Wochenschau | KW06-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


07. Februar 2022, Berlin

Ich starte in unsere jährliche Saftfastenwoche mit einer Tasse Tee. Heißer Holunder. Nach drei Schlucken habe ich kein Bock mehr auf Tee. Ich habe prinzipiell nichts gegen Holunder. Meine Haltung gegenüber Holunder würde ich als indifferent bezeichnen. Er ist mir schlichtweg egal. (Ohne zu googeln, weiß ich nicht einmal wie Holunder aussieht.) Aber normalerweise würde ich jetzt einen Kaffee trinken, der Körper und Geist aus dem Standby-Modus holt und mich in einen menschähnlichen Zustand transformiert. Da kann Holunder einfach nicht mithalten.

Koffein ist beim Saftfasten jedoch nicht erlaubt. Da haben die Saftfastengötter einen Riegel vorgeschoben. (Wie auch vor alles andere, was ein kleines bisschen Spaß machen würde.)

Also sitze ich auf dem Sofa, nippe an meinem Holundertee und versuche mir einzureden, dass er eigentlich doch ganz lecker ist. Das will mir aber nicht recht gelingen. Für so viel Phantasie, Selbstsuggestion und Selbstbetrug bräuchte ich erstmal eine ordentliche Ladung Koffein.

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Eine kleine Wochenschau | KW05-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


31. Januar 2022, Berlin

Ich rufe bei meinen Eltern an, kann sie aber nicht erreichen. Das ist für Montag, 18 Uhr, eher ungewöhnlich. Der Grund für ihre Unerreichbarkeit, den ich später erfahre, ist noch ungewöhnlicher: Sie waren auf einer Demo. Ich glaube, das erste Mal in ihrem Leben. Mit Mitte und Ende 70. Auf einer Anti-Anti-Corona-Maßnahmen-Querschwurbler Demo. Erstaunlich, dass es in Westerburg überhaupt Anti-Corona-Maßnahmen-Querschwurbler-Aufmärsche gibt, gegen die demonstriert werden muss. Umso schöner, wenn es jemand tut. Und noch schöner, wenn die eigenen Eltern dabei sind.

Der Pfarrer, der mich Ende der 1980er konfirmiert hat, hatte zu der Kundgebung aufgerufen und mein alter Lateinlehrer hat bei der Versammlung Gitarre gespielt. (Das klingt jetzt gruseliger, als es ist. Während seines Studiums war mein Lateinlehrer ein ambitionierter Liedermacher im Kölner Raum und er hatte seine fünfzehn Minuten Ruhm, als er mal gemeinsam mit Wolfgang Niedecken im Radio interviewt wurde.)

Damit war das Setting Anti-Anti-Corona-Maßnahmen-Querschwurbler Demo fast wie auf einer der größten Demos, auf der ich war. Das war 1992 in Frankfurt das Heute die, morgen du-Konzert gegen rechtsextreme Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. Dort traten allerdings unter anderem die Fantastischen Vier, Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer und Marius Müller-Westernhagen auf und nicht mein alter Lateinlehrer. (Wäre er gefragt worden, hätte er aber bestimmt mitgemacht.)

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Eine kleine Wochenschau | KW04-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


24. Januar 2022, Berlin

Heute ist Tag der Komplimente. Deswegen eine Botschaft an alle, die das hier lesen: Sie sind die besten Leser:innen auf der ganzen Welt.

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Eine kleine Wochenschau | KW03-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


17. Januar 2022, Berlin

Heute ist mein erster Arbeitstag 2022. Nach insgesamt viereinhalb Wochen Urlaub. Das ist nicht besonders erfreulich. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass, wenn du einen Monat frei hattest, sich niemand dein Gejammer anhören möchte, wie furchtbar es ist, dass du wieder arbeiten musst.

Damit ich keine Eingewöhnungschwierigkeiten habe, stehen heute gleich drei Telefonkonferenzen an. Aber auch darüber will sich niemand dein Gejammer anhören, wenn du über vier Wochen frei hattest.

Zu meiner großen Überraschung kann ich mich noch an alle meine Passwörter erinnern. Anscheinend war mein Urlaub doch nicht lang genug.

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Eine kleine Wochenschau | KW02-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


10. Januar 2022, Stockholm/Kopenhagen/Hamburg/Berlin

Es ist kurz nach sieben, ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof. Unterwegs hole ich mir einen Cappuccino, in der Bahnhofshalle einen weiteren. Ich habe noch fast eine Stunde Zeit und gehe noch ein wenig spazieren. Das gibt mir die Gelegenheit, in einem Coffeeshop Halt zu machen, um mir den nächsten Cappuccino zu genehmigen.

Die Menge an Koffein sollte nun ausreichen, um mich durch den Tag zu bringen. Auf der Hinreise hatte ich morgens nur einen kleinen Kaffee getrunken und dann im Laufe des Tages ziemlich starke Kopfschmerzen entwickelt. Das möchte ich heute unbedingt vermeiden. Nicht zuletzt, weil du zurzeit nicht weißt, ob das Kopfweh vom Koffein-Entzug kommt oder ein Symptom für eine Omnikron-Infektion ist.

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Eine kleine Wochenschau | KW01-2022 – Stockholm Edition (5/5)

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


08. Januar 2022, Stockholm

Wie echte Schweden-Profis frühstücken wir Zimtschnecken und trinken dazu wie echte Schweden-Amateure Cappuccino. Anschließend setzen wir unser Stockholm-Sightwalking fort und gehen zum königlichen Palast, der ungefähr 800 Meter von unserem Hotel liegt, damit ich dort meine nostalgischen royalen Schwärmereien ausleben kann.

Als Kind war ich nämlich großer Fan der europäischen Königshäuser und habe in den Klatschzeitschriften meiner Oma mit großem Eifer die Artikel über den königlichen Nachwuchs wie Prinz William und Prinz Harry gelesen. (Ich hatte sogar ein Baby-Foto von Prinz William an meiner Pinnwand hängen, was hier aber nicht weiter vertieft werden muss.) Da Prinzessin Viktoria von Schweden nur unwesentlich jünger war als ich, hielt ich es mit kindlichem Optimismus für durchaus möglich, dass wir einmal heiraten könnten, was mir eine Karriere als König ermöglicht hätte. Dazu ist es aber nie gekommen. (Ich mache meine Eltern dafür verantwortlich, weil wir immer nur in Dänemark, aber nie in Schweden Urlaub gemacht haben.)

Vor dem Palast stehen ein paar königliche Wachen. Ich frage mich, ob es sich dabei tatsächlich um Elite-Soldaten handelt oder nur um Schauspieler, die in alte Uniformen gesteckt werden und dann im Stechschritt die Palastmauern abschreiten müssen. (Sollten Mitglieder der schwedischen königlichen Wache dies lesen, möchte ich mich in aller Form für meine ehrabschneidenden Gedanken entschuldigen. Da ich nicht satisfaktionsfähig bin, macht es aber keinen Sinn, mich zum Duell herauszufordern.)

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Zur Mittagszeit fahren wir zu unserer zweiten Zimmerbesichtigung. Es geht wieder in den Süden Stockholms, diesmal nach Farsta. Am Bahnhof holt uns die potenzielle Vermieterin ab, damit wir uns nicht verlaufen, weil der Weg zu ihr so kompliziert sei. Sie ist ungefähr Mitte 50, heißt uns herzlich willkommen und entschuldigt sich, dass Schweden unhöflich seien und sich zur Begrüßung nicht die Hand gäben. Ich finde, in Corona-Zeiten ist das vielleicht gar nicht unhöflich, sondern eher vernünftig.

Vom Bahnhof aus betreten wir eine großzügige, moderne Einkaufsstraße mit allerlei Geschäften des täglichen und des untäglichen Bedarfs. Nach ungefähr zehn Minuten erreichen wir die Wohnung, wobei der Weg eigentlich doch gar nicht so kompliziert ist. (Selbst für einen Menschen wie mich, der über den Orientierungssinn einer Stubenfliege verfügt.)

Das zu vermietende Zimmer ist zwar nicht allzu groß, aber funktional eingerichtet und vollkommen ausreichend für eine erste Studentenbude. Das Bad und die Küche sind ebenfalls in Ordnung. Spätestens als die Vermieterin verkündet, dass sie Kuchen gebacken hat und Kaffee für uns kocht, ist uns klar, dass die Tochter das Zimmer nehmen wird.

09. Januar 2022, Stockholm

Wir schlafen heute aus und nehmen gegen kurz nach 11 unser liebgewonnenes schwedisches Touri-Frühstück ein (Zimtschnecken und Cappuccino). Danach machen wir wieder einen unserer ebenfalls liebgewonnen Spaziergänge, schlagen diesmal aber einen anderen Weg ein, um noch etwas Neues zu sehen.

Wir gehen am Wasser entlang, vorbei am pompösen Grand Hotel und an luxuriösen Wohnhäusern. Auf der anderen Uferseite zeichnet sich eine Vielzahl herrschaftlicher Gebäude ab, die alle sehr wichtig aussehen. Allerdings weiß ich bei keinem einzigen, um welche Einrichtung, Kirche oder Sehenswürdigkeit es sich handelt. Früher hast du vor einem Städtetrip den neuesten Marco-Polo-Reiseführer gelesen, um vorab top-informiert und auf dem neuesten Stand zu sein, heute hast du diese Informationen alle kompakt und viel aktueller in der Hosentasche, bist aber zu faul, dein Handy rauszuholen, um kurz etwas nachzulesen. (Mit „du“ meine ich selbstverständlich mich. Wobei ich mir relativ sicher bin, dass ich nicht der einzige bin, dem es so geht.)

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Nachmittags fahren wir mit Sack und Pack, das heißt, mit einem großen Koffer, einem kleinen Koffer, zwei kleinen Rucksäcken und zwei Jutebeuteln, nach Farsta, um das neue Zimmer der Tochter einzurichten. Bei Kaffee und Kuchen unterzeichnet die Tochter dann den Mietvertrag und bekommt von ihrer Vermieterin ihren Schlüssel ausgehändigt. Nun hat die Tochter ganz offiziell ihre erste Studentenbude. Toll! Und meine Frau und ich dürfen ganz offiziell für die erste Studentenbude eines unserer Kinder bezahlen. Ein bisschen toll!

Anschließend gehe ich mit der Tochter nochmal zum Supermarkt, um gemeinsam mit ihr die nötigsten Sachen für die nächsten Tage einzukaufen. Schließlich möchtest du als Vater sicher gehen, dass dein Kind genügend Nudeln und Ketchup hat, um ein ordentliches Studentinnenleben zu führen.

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Schließlich ist die Zeit gekommen, um Abschied zu nehmen. Ein komisches Gefühl. Ich fahre morgen früh zurück nach Berlin, die Tochter bleibt hier in Stockholm.

Für die Tochter geht ein Lebensabschnitt zu Ende und ein neuer beginnt. Und für uns Eltern auch. Mir wird etwas wehmütig. Natürlich ist es gut, wenn du dein Kind zur Selbstständigkeit erzogen hast, so dass es eines Tages auszieht, um auf eigenen Füßen zu stehen. Aber muss das denn jetzt schon sein? Es ist doch erst 18 Jahre her, dass wir sie auf dem Arm gehalten haben und uns darüber freuten, das süßeste Baby der Welt zu haben. (Es ist auch 18 Jahre her, dass wir feststellten, ein sehr schlafunwilliges Baby zu haben, aber das ist eine andere Geschichte.)

Ja, es muss wohl jetzt sein, dass die Tochter den Schritt wagt, die Welt alleine und ohne unsere ständige Begleitung zu erobern. Zum Studium in eine andere Stadt und sogar ein anderes Land zu gehen, wo du niemanden kennst und die Sprache nicht beherrschst, ist besorgniserregend und angsteinflößend. Aber auch interessant, spannend und herausfordernd und wahrscheinlich wird es eine der besten Zeiten im Leben unserer Tochter.

Mir bleiben zum Abschluss nur die Worte des jungen Mannes aus dem Testzentrum:

„Viel Spaß in Schweden und pass gut auf dich auf. Und vergiss’ uns nicht und komm’ wieder zurück.“


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Eine kleine Wochenschau | KW01-2022 – Stockholm Edition (4/5)

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


07. Januar 2022, Stockholm

Das Thermometer zeigt heute früh minus zehn Grad. Wir gehen daher erstmal zu H&M, um für mich eine Mütze und für die Tochter dickere Handschuhe zu besorgen. Handschuhe sind allerdings ausverkauft, aber ich bekomme wenigstens meine Mütze. Die müssen wir an einer Selbstbedienungskasse bezahlen, was ich immer etwas befremdlich finde. Wenn ich etwas kaufe, ohne beim Bezahlvorgang Kontakt mit Verkäufer:innen gehabt zu haben, fühle ich mich beim Verlassen des Geschäfts immer wie ein Ladendieb.

In einem Sportgeschäft gegenüber versuchen wir noch einmal unser Glück wegen der töchterlichen Handschuhe. Der Laden führt aber ausschließlich Fußballbekleidung, so dass der Verkäufer uns lediglich Torwarthandschuhe anbieten kann. Wir lehnen dankend ab und die Tochter beschließt, dass ihre aktuellen Handschuhe doch dick genug seien.

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Als nächstes gehen wir erneut zur Universität, da die Tochter immer noch ihre T-Nummer für die Kursanmeldung benötigt. Während die Tochter am Registrierungsschalter ihre Nummer in Erfahrung bringt, vertreibe ich mir die Zeit an einem Touch Screen, um mich über die Uni zu informieren. Nachdem ich den Menüpunkt International Students gedrückt habe, stelle ich allerdings fest, dass das gar kein Info-Screen ist, sondern dass ich gerade eine Wartenummer für eine Beratung für International Students gezogen habe. Ich beschließe, auf das Gespräch zu verzichten und werfe den Zettel weg.

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Anschließend fahren wir mit der U-Bahn zur ersten Zimmerbesichtigung. Die Bahn ist nicht besonders voll. Aber sie ist auch nicht besonders leer. Anscheinend folgen nicht alle Stockholmer der Empfehlung der schwedischen Regierung, in Corona-Zeiten auf die Nutzung des ÖPNV zu verzichten.

Die Tochter und ich beschließen, unsere Masken aufzuziehen, was uns zu ziemlichen Exoten macht. Vor allem weil wir unter den ohnehin nur vier Maskenträgern im Zug die einzigen mit FFP2-Masken sind. Das hat aber wenigstens den Vorteil, dass die anderen Mitreisenden uns für hochinfektiös halten und deswegen auf größtmöglichen Abstand achten.

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Nach ungefähr 50 Minuten Fahrzeit inklusive einmal Umsteigen kommen wir in Bandhagen im Süden Stockholms an. Der Stadtteil besticht durch eine marzahnige Architektur mit vielen Plattenbauten, zwischen denen zwar viele Grünflächen und auch Spielplätze angelegt sind, die aber nur bedingt einladend wirken.

In einem dieser Hochhäuser untervermietet ein Ehepaar ein Zimmer, das wir uns anschauen wollen. An der Haustür gibt es keine Klingeln, sondern lediglich eine Zahlentastatur. Nachdem die Tochter Bescheid gegeben hat, dass wir da seien, kommt der Mann runter, um uns reinzulassen. Er ist ungefähr 1,70, schmächtig und eher wortkarg. Er begrüßt uns mit einem kurz angebundenen „Hej” und führt uns anschließend schweigend zum Aufzug.

Es ist kein gutes Zeichen, wenn ich in einer Gruppe die Person mit den besten Small-Talk-Fähigkeiten bin. Das scheint hier aber der Fall zu sein und es obliegt mir, die unangenehme Stille bei der Fahrt in den 9. Stock zu durchbrechen. (“The view up there must be spectacular.” “Yes.” Gut, dass wir darüber gesprochen haben.)

Das zu vermietende Zimmer ist recht geräumig und hell und eigentlich ganz schön. (Abgesehen davon, dass schwarze Möbel seit den 90ern nicht mehr angesagt sind.) Badezimmer und Küche sind zwar nicht besonders modern, jedoch alles in allem auch in Ordnung. Aber der Mann bleibt weiterhin etwas merkwürdig. Einerseits ist er höflich, aber andererseits auch ziemlich verdruckst. Seine Ehefrau sei gerade nicht da, erklärt er uns, was bei mir den Gedanken aufkommen lässt, dass er möglicherweise mit einer imaginären Frau zusammenlebt.

Nachdem er uns die Wohnung gezeigt hat, fragt mich der Mann, ob ich mit einziehen werde. Die Tochter zuckt bei dem Gedanken unmerklich zusammen, aber wahrscheinlich wäre ihr das immer noch lieber, als allein bei diesem Mann zu wohnen. (Falls meine Frau dies liest: Sollte sich die morgige Zimmeroption zerschlagen, wohne ich die nächsten sechs Monate in Bandhagen.)

Nach knapp fünf Minuten verabschieden wir uns mit dem Hinweis, wir hätten noch weitere Besichtigungen und würden uns melden. Ein hoffentlich auch international verständlicher Code für „Vielen Dank, wir sind an dem Zimmer nicht interessiert.“

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Als sich die Tochter im Hotel für ihre Unikurse registrieren will, stellt sich heraus, dass sie zuerst einen IT-Account anlegen muss. Dafür braucht sie einen Identity Code, der aber nicht identisch mit der Registrierungsnummer ist, die sie heute Vormittag erhalten hat.

Nun gibt es zwar nichts digitaleres als einen IT-Account, aber es ist trotzdem nicht möglich, die Zugangsdaten online zu erhalten, sondern sie müssen ebenfalls persönlich im Studenthuset abgeholt werden. (Es wird das Geheimnis des Mannes am Registrierungsschalter bleiben, warum es ihm heute Vormittag nicht in den Sinn kam, die Tochter zu fragen, ob sie – wie alle neuen Studierenden – außer der Registrierungsnummer auch die IT-Daten benötigt.)

Also machen wir uns erneut auf den Weg zur Uni. Diesmal aber mit der U-Bahn, denn auch unsere Freude an Fußmärschen bei eisigen Temperaturen hat ihre Grenzen. Während die Tochter ihre Zugangsdaten abholt, weiß ich diesmal, dass ich nicht wahllos auf irgendwelchen Info-Screens rumtatschen sollte. Ich setze mich auf eine Bank und fasse nichts an.

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Zurück im Hotel kann sich die Tochter endlich für ihre Kurse registrieren und ich bin somit stolzer Vater einer Studentin der Stockholms universitet. Wäre Alkohol in Schweden nicht so teuer, würden wir jetzt mit Sekt anstoßen. So prosten wir uns mit Leitungswasser zu. Skål!


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Eine kleine Wochenschau | KW01-2022 – Stockholm Edition (3/5)

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


06. Januar 2022, Stockholm

Die Tochter und ich beginnen den Morgen mit einem Corona-Selbsttest. Sie fallen beide negativ aus. Dass war nach unserer gestrigen fünfstündigen maskenlosen Zugfahrt durch halb Schweden nicht unbedingt zu erwarten. Anscheinend sind wir so immun, dass wir auch nach Wuhan reisen und auf Tiermärkten Fledermäusen die Köpfe abbeißen könnten, ohne dass uns etwas passiert.

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Als erstes muss die Tochter zur Universität, um sich im Studenthuset eine Identifikationsnummer zu holen, die sie für die Registrierung bei ihren Kursen braucht. Aus unerklärlichen Gründen, die wahrscheinlich nicht einmal der Universitätsverwaltung bekannt sind, kann diese Nummer nicht digital zur Verfügung gestellt werden, sondern ist zwingend persönlich zu erfragen.

Wir beschließen, die knapp fünf Kilometer zur Uni zu laufen, denn es ist ja immer gut, eine Stadt zu Fuß zu erkunden. Minus sieben Grad, die sich wegen des Windes wie minus zwölf anfühlen, mindern den Vergnügungsfaktor unseres Entdeckungsspaziergangs allerdings ein ganz klein wenig.

Wenn du dich in einer fremden Stadt bewegst, möchtest du selbstverständlich ungern als Tourist auffallen. Das gelingt uns auch ganz gut, weil wir nicht mit Stadtplan in der Hand, Brustbeutel und Fotoapparat um den Hals und Deutschlandkäppi auf dem Kopf rumlaufen. Unsere Lässigkeit vortäuschende Tarnung fliegt aber doch auf, als wir an der ersten Fußgängerampel zu lange überlegen, welchen Knopf wir drücken müssen, während die Einheimischen alle bei Rot die Straße überqueren.

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Es ist ungefähr 11 Uhr und die Straßen sind fast menschenleer. Fast schon unnatürlich leer. Anscheinend haben es die Schweden zwar nicht so mit dem Maskentragen, bleiben dafür aber epidemiologisch vorbildlich zuhause. Sehr löblich. Vielleicht verlässt aber auch niemand das Haus, weil eine Zombieapokalypse unmittelbar bevorsteht. Oder ein schwedischer Purge.

Wie so oft, schreibt das Leben aber doch nicht die besten Geschichten – ihm fehlt einfach der Sinn für Dramatik, Plotentwicklung und interessante Charaktere –, sondern die Erklärung ist viel banaler. In Schweden ist heute Feiertag. Trettondedag jul. Deswegen stehen wir auch nach unserem einstündigen Fußmarsch vor einem verschlossenen Studenthuset und müssen unverrichteter Dinge wieder abziehen. Aber wenigstens habe ich schon um 11.30 Uhr mein Tagesziel von 10.000 Schritten erreicht.

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Nachmittags schauen wir uns noch mehr von Stockholm an. Wir laufen an der königlichen Oper und am Reichstag vorbei – von Greta keine Spur, die kommt erst morgen wieder –, passieren das Museum Tre Kronor und schlendern durch die pittoreske Altstadt mit seinen Fachwerkhäusern, engen Gassen und zahlreichen kleines Cafés. (Und mit zahlreichen Andenkenläden, die allesamt versprechen, die besten Souvenirs in ganz Stockholm anzubieten.) Anschließend laufen wir bis zum Stadtteil Södermalm, der von Visit Sweden als einer von Stockholms „hottest neighborhoods“ mit einer „relaxed, creative and trendy“ Atmosphäre angepriesen wird, flanieren noch ein wenig ziellos durch die Straßen, bis wir schließlich wieder bei unserem Hotel sind.

Die Tochter und ich sind beide von der Stadt begeistert. Von den beeindruckenden herrschaftlichen Gebäuden, von den engen verwinkelten Gässchen, von den kleinen Läden, Coffee Shops und gemütlichen Kneipen, von den Altbauten ebenso wie von den neueren stilvollen Wohnhäusern, von dem vielen Wasser und von den zahlreichen Grünanlagen. Stockholm scheint wirklich sehr viel Lebensqualität zu bieten. Zumindest wenn du genügend Geld hast und es dir leisten kannst, hier zu wohnen.

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Abends nähern wir uns den kulinarischen Gepflogenheiten Schwedens. Wir essen Pizza. Zu einem fürstlichen Preis. Einem sehr fürstlichen Preis.

Die Preise in Schweden sind ohnehin recht gewöhnungsbedürftig. Da zehn schwedische Kronen ungefähr einem Euro entsprechen, hast du an der Kasse immer das Gefühl, gerade einen Kleinwagen erworben zu haben. Aber auch in Euro umgerechnet sind die Preise immer noch ziemlich hoch, weil die Lebenshaltungskosten in Schweden höher sind.

Daher weiß ich beim Bezahlen nicht, ob unsere Pizza normal schwedisch teuer ist oder es sich auch für hiesige Verhältnisse um einen unverschämten Wucherpreis handelt. Dafür schmeckt die Pizza aber sehr lecker. (Unter Umständen reden wir uns das auch nur ein, weil wir für den gleichen Preis auch im Adlon hätten brunchen könnten.)


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