Eine kleine Wochenschau | KW21-2022 (Teil 2)

Teil 1


25. Mai 2022, Berlin

Im Radio läuft eine Sendung zum Thema „Geräusche, die wir lieben, Geräusche, die wir hassen.“ Ein Hörer ruft an und erzählt in jammernden Tonfall und in epischer Breite, welche Geräusche er super nervig findet. Den Wecker am Morgen, Styroporquietschen, Kreidequieken, Schmatzen, seinen Name, wenn der Chef ihn ruft und noch tausend andere Sachen. Nach fünf Minuten finde ich seine Stimme super, super nervig.

26. Mai 2022, Berlin/Westerburg

Heute ist Vatertag. Der wird bei uns noch weniger begangen als Muttertag. Wobei ich in diesem Zusammenhang Abbitte beim Sohn leisten muss. Vor drei Wochen hatte ich geschrieben, dass der Muttertag bei uns quasi ignoriert wird und die Kinder da auch keine Geschenke besorgen würden. Tatsächlich hat der Sohn aber für seine Mutter einen Strauß Blumen gekauft. Ohne dass ich ihn daran erinnert habe und sogar von seinem eigenen Taschengeld. Sie werden also tatsächlich so schnell groß und geben einem wirklich so viel zurück.

Das gilt aber anscheinend nicht für Vatertag. Ich habe keinen Blumenstrauß bekommen. Und auch sonst nichts. Ob der Sohn seine Mutter wohl lieber hat als mich? Und kann er sich nicht mehr daran erinnern, wie wir früher immer Kuckuck gespielt haben? Und zählt es nichts, dass ich ihn regelmäßig bei den Wocheneinkäufen mit Red Bull und Kaugummis versorge? Ich urteile nicht, ich stelle nur Fragen.

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Wir nutzen das verlängerte Himmelfahrtswochenende, um zu meinen Eltern in den Westerwald zu fahren. Das hatten wir eigentlich schon über Ostern vorgehabt, was dann aber auch wegen Corona ausfallen musste.

Impressionen von der Zugreise:

  • Eine Mutter schaut sich mit ihrem circa zweieinhalbjährigen Kind ein Bilderbuch an. Das Kind ist unzufrieden, dass das Polizeiauto nicht tatütata macht.
  • Eine Familie isst, kaum dass wir den Hauptbahnhof verlassen haben, ihre belgischen Waffeln auf. (Die Familie sind wir.)
  • Eine Frau mit Hund setzt sich auf den freien Platz an unseren Tisch. Der Hund klettert in eine große Reisetasche und schläft sofort ein.
  • Ein ungefähr achtjähriger Junge wird von seinem Tablet hypnotisiert.
  • Das Kleinkind freut sich, dass es einen Papagei in seinem Bilderbuch entdeckt hat.
  • Die Tablet-Hypnose wirkt. Der Junge möchte keine Zimtschnecke essen, sondern ein Vollkornbrötchen mit Kürbiskernen.
  • Das Kleinkind freut sich immer noch über den Papagei.
  • Am Nachbartisch schreibt eine Mutter den Deutschaufsatz ihrer Tochter. Die Tochter schaut sich währenddessen YouTube-Videos auf ihrem Handy an.
  • Eine Frau lässt stoisch ihren Rucksack auf dem Sitz neben sich stehen, obwohl andere Reisende nach freien Plätzen suchen.
  • Die Kleinkind-Mutter schaut sich das Bilderbuch inzwischen alleine an. Das Kleinkind leckt derweil an der Scheibe.
  • In der Reihe hinter mir trägt ein circa sechsjähriges Mädchen rosafarbene Kopfhörer mit blinkenden Katzenöhrchen. Bestimmt hat sie die von ihren Großeltern bekommen. Eltern kaufen prinzipiell keine blinkenden Sachen.
  • In Braunschweig steigt eine sechsköpfige Familie aus. Ob die dort wohl einen Kurzurlaub machen?
  • Das Katzenohren-Kopfhörer-Mädchen singt sehr laut ein Lied mit, dass sie über ihre Katzenohren-Kopfhörer hört. Ihre entweder sehr alte Schwester oder ihre sehr junge Mutter ermahnt sie, leise zu sein.
  • Die Frau mit dem Hund steigt in Kassel aus. Der Hund schaut aus, als würde er lieber weiterschlafen.

27. Mai 2022, Westerburg

Ich muss trotz Brückentag ein bisschen arbeiten. Das ist einerseits nervig, aber andererseits darf ich für ein Projekt Schokolade im Wert von 500 Euro bestellen. Das gibt einem irgendwie ein befriedigendes Gefühl. Und ich muss die Schokolade nicht von meinem eigenen Geld bezahlen. Das gibt einem ein noch befriedigenderes Gefühl. Allerdings darf ich die Schokolade auch nicht essen. Das erspart einem aber wenigstens später auf der Waage ein sehr unbefriedigendes Gefühl.

28. Mai 2022, Westerburg

Werde morgens von einem Geräusch geweckt, dass sich wie eine Mischung aus Fön, Staubsauger und Schleifmaschine anhört. Die Nachbarn meiner Eltern renovieren ihre Garage.

Warum zur Hölle renoviert jemand seine Garage und warum samstagmorgens um kurz nach sieben? Okay, Letzteres wahrscheinlich, weil sie erwerbstätig sind und unter der Woche keine Zeit haben. Aber wieso müssen sie die Garage überhaupt auf Vordermann bringen? Da fährt man doch nur mit dem Auto rein, steigt aus und geht ins Haus. Ich schätze die Garagen-Aufenthaltsdauer beträgt pro Tag zwischen 30 und maximal 120 Sekunden. Da ist es doch nicht nötig, dass die Garage wie ein Showroom für Schöner Wohnen aussieht.

Die Nachbarn sind aber anderer Meinung und fön-staubsaugen-schleifen fröhlich weiter.

29. Mai 2022, Westerburg/Berlin

Ich schmiere morgens Brote für die Heimreise. Für den Sohn drei Klappstullen mit so viel Schinken, dass mehrere Schweineherden dafür ihr Leben lassen mussten, für meine Frau zwei Klappstullen mit Salami und Butterkäse und für mich ebenfalls zwei Klappstullen aber mit Ziegen-Gouda.

Vielleicht interessiert es Sie, dass sich meine Frau diesen Ziegen-Gouda gestern im Supermarkt ausgesucht hatte, wofür ich dann den von mir bevorzugten Edamer wieder ins Regal zurückgelegt habe. Aber das nur am Rande. Nach 25 Jahren Beziehung ist es nicht nötig, auf solchen Kleinigkeiten rumzureiten. Ziegen-Gouda ist ja auch lecker. Für mein Empfinden vielleicht nicht ganz so lecker wie Edamer, aber Geschmäcker sind ja verschieden und das ist ja kein Grund, sich unnötig lange aufzuregen. Wenn meine Frau mit ihrer Salami-Käsestulle glücklich ist, bin ich es selbstverständlich auch. Da braucht es wirklich keinen Edamer, um das Glück perfekt zu machen. Das wäre ja Käse.

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Impressionen von der Heimreise:

  • Ich muss der Schaffnerin erklären, dass wir die Bahncard25 des Sohns vergessen haben, und schaue so treuherzigdackelig wie möglich, damit wir nichts nachzahlen müssen. Die Frau denkt bei meinem Gesichtsausdruck wahrscheinlich, dass ich gerade einen Schlaganfall habe, stempelt das Ticket schnell ab und geht weiter.
  • Eine Gruppe älterer Damen am Vierer-Tisch vor mir unterhält sich darüber, dass sie nicht im Ruheabteil sitzen, dass es im Zug aber ein Ruheabteil gibt und dass sie schon mal in einem Ruheabteil gesessen haben.
  • Ein Vater neben mir ist für seine circa 10-jährige Tochter nicht ansprechbar, weil er gerade Salat isst und alte Ladykracher-Folgen schaut. Dafür ist er aber anscheinend empfänglich, denn er lacht mehrmals und sehr herzhaft.
  • In Erfurt steigt ein Vater mit seiner zweijährigen Tochter ein. Er holt Vollkorn-Stullen und allerlei Obst aus seinem Rucksack. Ich bin froh, dass der Sohn so alt ist, dass wir Kuchen, Kekse und Joghurt-Gums essen können.
  • Der Ladykracher-Vater ermahnt seine Tochter, sie soll beim Videoschauen nicht so laut lachen. Ich bin kurz davor, ihn zu ermahnen, er soll nicht so ein Vollpfosten sein. Aber vielleicht ist er ja sonst ganz nett. Nur heute halt nicht ganz so.
  • Die Zweijährige isst eine Stulle, eine Banane, noch eine Stulle, einen Apfel, einen Pfirsich und noch eine halbe Banane. Danach verpuppt sie sich und verwandelt sich kurz vor Berlin in einen Schmetterling.

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Eine kleine Wochenschau | KW21-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


23. Mai 2022, Berlin

Heute Abend darf ich bei Fuchs & Söhne auftreten. Fuchs & Söhne ist eine renommierte Berliner Lesebühne, die die renommierten AutorInnen Kirsten Fuchs, Paul Bokowski, Sebastian Lehmann und André Hermann – der inzwischen von Tilman Birr ersetzt wurde – gegründet haben, die monatlich im Grips-Theater stattfindet und zu der immer wieder berühmte Gäste eingeladen werden. Sarah Bosetti zum Beispiel. Oder Felix Lobrecht vor ein paar Jahren. (Da war er allerdings noch nicht so bekannt wie heute.)

Ich selbst falle in die Kategorie „Gast“, aber ohne den Zusatz „berühmt“. Es ist mehr als drei Jahre her, dass ich das letzte Mal öffentlich gelesen habe. Hoffentlich denkt das Fuchs & Söhne-Publikum heute Abend nicht, was das für eine merkwürdige subversive Performance-Art mit dadaistischem Einschlag war.

Da ich das vermeiden möchte, bereite ich mich penibel vor. Ich suche Geschichten raus, schreibe sie ein wenig um, damit sie auf der Bühne besser funktionieren, und lese mir die Texte laut vor. Das ist die absolute Hölle. Es gibt wirklich nichts schlimmeres, als sich eigene Texte laut vorlesen zu müssen. Also, zumindest aus einer egozentrischen First-World-Perspektive. Global gesehen, gibt es eventuell ein oder zwei Sachen, die noch schlimmer sind. Zum Beispiel rohen Kohlrabi essen.

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Eine kleine Wochenschau | KW20-2022 (Teil 2)

Teil 1


20. Mai 2022, Berlin

Ich muss abends nochmal los, ein Paket abholen. Das wurde heute im Paketshop um die Ecke abgegeben. Selbstverständlich während ich den ganzen Tag zuhause war. Zuerst kamen per Mail minütlich Nachrichten, wo sich das Päckchen gerade befindet, und ich konnte im Internet per Live-Viewing auf einer Landkarte die Fahrt des Kurier-Fahrzeugs verfolgen. Aber dann war der Kurier anscheinend so in Eile, dass er nicht klingeln konnte – oder er hatte keine Lust –, und er hat das Paket stattdessen zu dem Shop gebracht.

Der Begriff „Paketshop“ ist etwas irreführend und könnte den Eindruck erwecken, es handelt sich um ein modernes Logistikzentrum, wo sich fachkundiges Personal professionell um die Pakete kümmert. Tatsächlich ist der Paketshop ein ranziger Späti in unserer Straße, mit einem zwielichtigen Besitzer, der aussieht, als würde er die bei ihm abgegebenen Kartons und Kisten alle unverzüglich auf eBay verticken. (Es handelt sich dabei aber nicht um den gleichen Späti, in dem ich vor zwei Wochen das Paket für meine Frau abholen musste.)

Tatsächlich kann der Mann mein Paket nicht finden. Auch als ich ihm helfe und wir die Regale gemeinsam intensiv absuchen, bleibt es unauffindbar. Es stellt sich aber raus, dass das nicht daran liegt, dass der Typ es veräußert hat, sondern – wie ich nach einem Blick in meine Benachrichtigungsmail feststelle – es befindet sich in einem ganz anderen Laden. (Weil meine Pakete bisher immer in diesem Späti abgegeben worden sind, hielt ich es nicht für nötig, das vorher zu kontrollieren.)

Also gehe ich die drei Straßen weiter zu dem Späti, wo ich früher ab und an Lieferungen abgeholt hatte. Dort lagert mein Päckchen aber ebenfalls nicht. Erneut ist nicht der Späti-Betreiber schuld, obwohl auch er die Vertrauenswürdigkeit eines vorbestraften Gebrauchtwagenhändlers ausstrahlt, sondern – wie ich wieder durch einen Blick in meine Benachrichtigungsmail feststelle – der Laden, wo mein Paket tatsächlich liegt, hat eine andere Hausnummer. (Meine Lernkurve bezüglich des Findens von richtigen Paketshops hat ungefähr den gleichen Verlauf wie meine Lernkurve zurwetteradäquaten Kleidungswahl.)

Nachdem ich vor der Eingangstür überprüft habe, dass ich diesmal wirklich richtig bin, betrete ich den Späti. Der sieht aber gar nicht wie ein Späti aus. Der Boden ist mit neuen, sauberen Dielen ausgelegt, die Regale sind hell ausgeleuchtet und die Ware wird verkaufsfördernd feilgeboten.

An der Kasse steht eine nette, junge Frau, die mich freundlich begrüßt. Auch das ist für Spätis eher unüblich. Ich erkläre, dass ein Paket für mich abgegeben wurde und zeige meinen Ausweis. „Brauchste nicht“, sagt sie. „Ich kenn’ dich doch.“ Das verwirrt mich ein wenig. Nicht weil sie mich duzt, sondern weil ich noch nie in dem Laden war.

Die Frau geht kurz ins Hinterzimmer und holt mein Paket. Als sie es mir aushändigt, fragt sie: „Wie immer noch eine Schachtel Marlboro Light?“ Ich bin noch verwirrter und antworte: „Nein danke, heute nicht.“ Zum Glück hat sie nicht gefragt „Wie immer noch der St. Pauli-Spezial-Report – Dicke Möpse XXL?“

Beim Rausgehen nehme ich mir vor, in den nächsten Tagen in der Nähe des Ladens abzuhängen. Es würde mich doch interessieren, wer der Stammkunde ist, der so aussieht wie ich. (Hoffentlich kein 80-jähriger kettenrauchender Tattergreis, der jeden Tag seine Schachtel Marlboro Light holt.)

21. Mai 2022, Berlin

Sitze morgens, kurz nach sieben, auf dem Sofa, trinke einen kleinen Kaffee, als ich lese, dass es demnächst einen Sperrmülltag in unserem Kiez gibt. Da kann ich endlich die alte Matratze abgeben, die seit einigen Jahren unseren Keller blockiert. Freudig erregt trage ich den Termin im Kalender ein. Eine Erinnerungsfunktion richte ich auch noch ein, damit ich dieses wichtige Datum auf keinen Fall verpasse. Ich kann auch mit Mitte 40 noch das aufregende Leben eines Rockstars führen!

In meiner Kindheit gab es bei uns immer feste Sperrmülltermine, zu denen du deinen alten Krempel an die Straße stellen konntest, und den hat dann die Müllabfuhr am nächsten Tag abgeholt. Oder andere Menschen nahmen die Sachen mit, die sie gebrauchen konnten. Einmal kam mein Bruder mit einem alten Brotkasten nach Hause, den er auf dem Heimweg von der Schule auf einem Sperrmüllhaufen entdeckt hatte. Der sähe total schön aus und sei auch überhaupt nicht kaputt. Fand zumindest er. Meine Eltern teilten seine Begeisterung über diesen spektakulären Fund allerdings nicht und der Brotkasten kam nie bei uns zum Einsatz.

22. Mai 2022, Berlin

Im Internet stoße ich auf eine Seite mit Vorschlägen für höfliche Formulierungen im Büroalltag. Meine drei Favoriten:

Google that yourself.
The internet is a great resource for these types of questions and I am available to clarify elements that you are not able to find online.

That meeting sounds like a waste of my time.
I’m unable to add value to this meeting but I would be happy to review the minutes.

That sounds like a horrible idea.
Are we confident that this is the best solution or are we still exploring alternatives?

Die Seite habe ich durch den phantastischen Recomendo-Newsletter entdeckt. Falls Sie nur einen einzigen Newsletter abonnieren möchten, sollte es definitiv der Recomendo-Newsletter sein. Auf den bin ich wiederum durch den High-Five-Newsletter von Matze Hielscher aufmerksam geworden. Den können Sie bestellen, wenn sie noch einen zweiten Newsletter lesen möchten.


Terminhinweis in eigener Sache

Ich habe die große Ehre und darf am 23. Mai bei der phantastischen Lesebühne Fuchs & Söhne lesen. Gemeinsam mit Kirsten FuchsTilman BirrSebastian Lehmann und Paul Bokowski und der Gast-Leserin  Jacinta Nandi von der Lesebühne Rakete2000. Im Grips-Theater. Um 19.30 Uhr. Falls Sie in Berlin leben, kommen Sie doch vorbei. Das wird bestimmt lustig. Zumindest während Kirsten, Tilman, Sebastian und Paul lesen.

Tickets gibt es hier.


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Eine kleine Wochenschau | KW20-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


16. Mai 2022, Berlin

Anscheinend bin ich geistig noch nicht darauf eingestellt, dass es Mitte Mai ist und die Temperaturen morgens bereits zweistellig sein können. In der Sonne auch gerne deutlich mehr als 20 Grad. Anders kann ich mir nicht erklären, warum ich heute früh dachte, ich müsse auf meiner Einkaufstour nicht nur einen Kapuzenpulli tragen, sondern auch noch eine Jacke anziehen. Nun schwitze ich auf dem Weg zum Supermarkt, als würde ich in einer finnischen Dampfsauna auf einem Laufband einen Ultramarathon laufen. (Keine Ahnung, was ein Laufband in einer finnischen Dampfsauna macht, aber wenn sich schon jemand die Mühe gemacht hat, es dort aufzustellen, wäre es unhöflich, das Laufband nicht zu benutzen.)

Meine Schweißdrüsen arbeiten auf Übersoll-Produktion und mir läuft der Schweiß monsunartig die Stirn hinunter. (Ganz lieben Dank an meine Augenbrauen, die sich den Transpirations-Niagarafällen entgegenstemmen und verhindern, dass sie ungebremst in meine Augen fließen.) Gleichzeitig merke ich, wie ein dünnes Schweiß-Rinnsal meinen Rücken hinunter läuft geradewegs in Richtung sie-wissen-schon-wohin. Es ist alles ganz wunderbar.

Ein Gutes hat meine unpassende Klamottenwahl aber auch: So stark wie ich schwitze, denken die anderen Menschen im Supermarkt, ich würde eine neue, todbringende Coronavirus-Variante in mir tragen, und sie halten gebührend Abstand von mir.

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Eine kleine Wochenschau | KW19-2022 (Teil 2)

Teil 1


12. Mai 2022, Berlin

Impressionen von meinem Morgenspaziergang um kurz vor acht:

In der Imbissbude drückt ein Zocker auf den Knöpfen der Spielautomaten rum und verliert sein erstes Geld des Tages. Vor dem Eingang stehen zwei Trinker und kippen den ersten Schnaps des Tages. Eine Krähe zieht aus einem Mülleimer einen halben Döner für ihre erste Mahlzeit des Tages.

Ein kleines Kind fährt mit seinem Laufrad gegen einen Poller und weint. Seine Mama tröstet es und schon ist die Welt wieder in Ordnung.

Ein älterer Herr schlurft in Richtung Supermarkt und macht alle 20 Meter Pause, um sich auszuruhen. Vielleicht sollte ich ihm meine Kopfhörer geben, damit er Roland Kaiser hören kann.

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Ich gehe zum Friseur beziehungsweise zur Friseurin. Als ich zum Haarewaschen am Waschbecken Platz nehme, tritt ein Mann an die Kasse. Er ist groß und schlank, seine Haare sind ziemlich dünn und schulterlang und er hat sich blonde Strähnchen und eine Minipli-Dauerwelle machen lassen, die Rudi Völler Tränen der Rührung in die Augen treiben würde. „Mal sehen, was der Spaß kostet“, sagt er und lacht dabei. „Bei der Frisur hoffentlich gar nichts“, denkt der überhebliche, zynische Arsch in mir und ich schäme mich ein bisschen dafür.

„156 Euro“, sagt die Friseurin, was der guten Laune des Mannes keinen Abbruch tut. Er bezahlt und beim Rausgehen begutachtet er sich noch einmal im Spiegel. Er scheint zufrieden zu sein mit dem, was er da sieht, und verlässt breit grinsend den Laden. Mein innerer Gutmensch schubst den überheblichen, zynischen Arsch zur Seite und freut sich, dass sich der Mann so freut.

13. Mai 2022, Berlin

Heute ist Tag des Apfelkuchens. Ich habe aber keinen Apfelkuchen, mit dem ich diesen Tag stilecht begehen könnte. Auch keinen anderen Kuchen, mit dem ich den Tag stillos begehen könnte. Das ist doch alles Mist.

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Bekomme auf Instagram eine Werbung eingespielt: 99 Ruhestand-Tipps für Anleger mit einem Portfolio ab 250.000 Euro. Ich befürchte, der Werbealgorithmus ist da etwas überoptimistisch, was unseren Kontostand angeht. So weit scheint die Künstliche Intelligenz noch nicht zu sein. Vielleicht kennt er aber auch schon die morgigen Lottozahlen und weiß, dass wir einen üppigen Gewinn einfahren werden. Dann möchte ich nichts gegen die Künstliche Intelligenz gesagt haben.

14. Mai 2022, Berlin

Wir haben heute Hochzeitstag. Den müssen wir getrennt feiern, denn meine Frau fährt mit dem Sohn auf ein Judo turnier nach Greifswald. Wahrscheinlich ist das ihr Geschenk an mich, dass ich da nicht hinfahren muss.

Es ist das erste Mal seit ungefähr vier Jahren, dass ich allein zuhause bin. Als die Kinder noch klein waren und meine Frau ab und an mit ihnen Oma und Opa besucht hat, habe ich mich immer über ein paar Tage „sturmfrei“ gefreut. Endlich mal ausschlafen, sich nicht um volle Windeln, Kita-Abholzeiten und Trotzanfälle kümmern müssen. Und in Ruhe aufs Klo gehen können. (Ein Luxus, den nur Eltern richtig zu schätzen wissen.)

Wenn ich dann aber nach der Arbeit nach Hause kam, war die Wohnung ohne die Kinder viel zu groß, zu leer und unnatürlich leise und ich sie vermisst. Ein klassischer Fall von Eltern-Stockholm-Syndrom.

15. Mai 2022, Berlin

Ich nutze mein sonntägliches Strohwitwertum und erledige die Steuererklärung fürs letzte Jahr. Ich erinnere mich noch gut an die Atmosphäre bei uns, wenn mein Vater früher die Steuererklärung machte. Mein Vater war und ist ein alles in allem recht ausgeglichener und ruhiger Mensch. Beim Steuererklärungausfüllen war er aber leicht gereizt und tendenziell übel gelaunt. Mein Bruder und ich wurden dann immer angehalten, uns möglichst leise zu verhalten, während mein Vater am Schreibtisch saß und grummelnd die Steuerbögen ausfüllte.

Heutzutage ist das mit der Steuererklärung gar nicht mehr so schlimm. Ich benutze dazu seit fast 20 Jahren das gleiche Programm, bei dem ich nach bestem Wissen – also wenig – und Gewissem – geringfügig mehr – die Felder ausfülle und dann wird unsere Steuererklärung ausgespuckt. Irgendwann kommt dann der Bescheid vom Finanzamt zurück und so lange dieser nicht mehr als 20 Prozent von dem Betrag abweicht, den das Programm berechnet hat, lasse ich es dabei bewenden.

Tatsächlich habe ich nur ein einziges Mal Einspruch gegen den Steuerbescheid eingelegt. Das war im ersten Jahr nach unserer Hochzeit. Wie von dem Programm vorgeschlagen, hatte ich die Einzelveranlagung mit Antrag auf hälftige Anrechnung von Sonderausgaben ausgewählt. Ich verstand zwar nicht genau, was das ist, aber es sollte uns 20 Euro mehr einbringen. Aufgrund einer falschen Kalkulation forderte das Finanzamt jedoch plötzlich eine Nachzahlung im niedrigen vierstelligen Bereich, wobei ich eigentlich mit einer Rückzahlung im mittleren dreistelligen Bereich gerechnet hatte.

Mit meinem ergoogelten Wissen über Besteuerungsmöglichkeiten bei Ehepaaren rief ich beim Finanzamt an und versuchte dort einer Frau zu erklären, dass ihr bei ihren Berechnungen ein Fehler unterlaufen sei. Dabei kam ich mir vor, als müsste ich Stephen Hawking darauf hinweisen, ihm seien bei seinen quantenphysikalischen Ausführungen zur Einsteinschen Relativitätstheorie ein paar kleinere Ungenauigkeiten unterlaufen. Die Finanzbeamtin war an meinen Erläuterungen aber nicht interessiert. Ich solle das einfach in einem Einspruch aufschreiben und dann würde das geprüft.

Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich recht und wir bekamen doch noch unsere Erstattung. Eine dreiviertel Stunde Internetrecherche, ein Telefonat und ein Brief hatten uns quasi 1.500 Euro eingebracht. Ein recht attraktiver Stundenlohn. Trotzdem habe ich nie wieder die Einzelveranlagung mit Antrag auf hälftige Anrechnung von Sonderausgaben gewählt.


Terminhinweis in eigener Sache

Ich habe die große Ehre und darf am 23. Mai bei der phantastischen Lesebühne Fuchs & Söhne lesen. Gemeinsam mit Kirsten FuchsTilman BirrSebastian Lehmann und Paul Bokowski und der Gast-Leserin  Jacinta Nandi von der Lesebühne Rakete2000. Im Grips-Theater. Um 19.30 Uhr. Falls Sie in Berlin leben, kommen Sie doch vorbei. Das wird bestimmt lustig. Zumindest während Kirsten, Tilman, Sebastian und Paul lesen.

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Eine kleine Wochenschau | KW19-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


09. Mai 2022, Berlin

An der Supermarktkasse steht hinter mir ein älterer Mann und begutachtet das Regal mit den Klatschmagazinen und Revolverblättchen. „Es gibt so viele intelligente Menschen und trotzdem so viele von diesen Zeitschriften“, murmelt er und schüttelt den Kopf.

Ich bin mir nicht sicher, ob er mit dem ersten Teil seiner Aussage richtig liegt, aber ich bin überzeugt, dass das Lesen von Klatschzeitschriften kein Ausdruck von Dummheit ist, sondern einen sogar klüger macht. Als Kind schaute ich mir immer bei meiner Oma Freizeit Revue, Das Goldene Blatt und Co. an und nur durch die Kreuzworträtsel in den Heften weiß ich, dass es einen Schweizer Kanton namens Uri gibt. (Was für mich damals immer aussah, als sei das eine Art Spitzname.)

Um ehrlich sein, las ich die Zeitschriften nicht zu Kreuzworträtsel-Fortbildungszwecken, sondern weil ich auf der Suche nach Babyfotos von Prinz William war, die ich dann ausschnitt und an meine Pinnwand heftete. Aber das ist eine andere Geschichte und die soll kein anderes Mal erzählt werden, sondern niemals, nie.)

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Eine kleine Wochenschau | KW18-2022

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02. Mai 2022, Berlin

Schon wieder Neuigkeiten von der Käsetheke im Bio-Supermarkt. Dort gibt es neu im Sortiment einen französischen Weichkäse namens „Monsieur Jean Bernard“. Die Franzosen haben einfach Stil. Während die deutschen Käsemacher ihren Sorten schlimme Namen wie wilder Bernd, leichte Hilde oder uriger Hannes geben und sie unangemessen kumpelig mit dem Vornamen anreden, werden die Käse in Frankreich formvollendet mit Herr angesprochen und wahrscheinlich auch gesiezt.

Ich finde das gut. Ein Prinzip, dass sich auch schön auf andere Alltagsgegenstände übertragen ließe, um ihnen mehr Wertschätzung entgegenzubringen.

„Danke, dass Sie so bequem sind, Herr Schuh.“
„Frau Schere, Sie sind unfassbar scharf.“
„Es ist mir eine Freude und Ehre zugleich, auf Ihnen verweilen zu dürfen, Graf von Stuhl.“
„Wie schön Sie doch blühen, Baronin von und zu Gerbera.“

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Eine kleine Wochenschau | KW18-2022 (Teil 2)

Teil 1


05. Mai 2022, Berlin

In meiner Inbox landet seit längerer Zeit mal wieder eine Mail, die eigentlich für einen Namensvetter von mir gedacht ist. Eine Bestellbestätigung für ein mobiles Einschießgerät für kurz- und Langwaffen. Wahrscheinlich braucht er das, weil er Jäger ist. Das weiß ich, weil ich regelmäßig den Newsletter des Bayerischen Jagdverbands bekomme, den der andere Christian Hanne abonniert hat.

Zumindest hoffe ich, dass er wirklich Jäger ist und mein bayerisches Alter Ego das nicht als Vorwand nutzt, um an Waffen zu kommen. Es wäre wirklich nicht schön für mich, wenn irgendwann in der Bild die Schlagzeile steht: „Christian Hanne, der irre Bayern-Ballermann“.

06. Mai 2022, Berlin/Köln

Gemeinsam mit Große-Köpfe-Alu fahre ich heute mit dem Zug nach Köln. Um den Geburtstag von Stadt-Land-Mama-Lisa zu feiern. Ihren 40. Das kann ich hier so ungentlemanlike schreiben, weil sie das selbst auf ihren diversen Social-Media-Kanälen verkündet hat.

Auf dem Bahnsteig warten gefühlt acht Schulklassen. Zum Glück steigt keine davon in unseren Waggon. Dafür sitzt vor uns ein Paar mit einem ungefähr acht Monate alten Baby. Es hat unglaublich viele Haare und ist unglaublich niedlich. Gegen Ende der vierstündigen Fahrt hat es allerdings nicht mehr so richtig viel Bock auf Zugreisen Es ist müde, will aber nicht schlafen – so wie meine Frau, wenn wir abends netflixen – und quengelt ein bisschen rum. (So wie meine Frau, wenn ich ihr vorschlage, wir sollten vielleicht besser ins Bett gehen.) Mir ist das aber egal. So lange nicht das eigene Kind weint, stresst einen das nicht sonderlich.

Insgesamt verläuft die Fahrt vollkommen reibungslos. Der Zug fährt vom vorgesehenen Gleis ab, alle Waggons sind da, es gibt keine umgekehrte Wagenreihenfolge, die Reservierungsanzeigen funktionieren und wir kommen pünktlich in Köln an. Das ist ja nicht so häufig, dass Bahnreisen so unproblematisch ist, da kann das ruhig mal erwähnt werden. (Falls mir die Deutsche Bahn dafür eine Bahncard 100 schenken möchte, freue ich mich über eine Mail unter natürlich-bin-ich-käuflich@familienbetrieb.info.)

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Die Geburtstagsfeier findet auf einem Boot am Rheinufer statt. Es ist das erste Mal seit Karneval 2020, dass ich unter so vielen Menschen bin. Zum Glück klappt das mit dem Feiern aber noch und ich habe nicht verlernt, mich zu unterhalten, Bier zu trinken, zu tanzen – zumindest im Rahmen meiner begrenzten Möglichkeiten – und bei Liedern, deren Texte ich nicht kenne, mitzusingen. Um halb fünf bin ich zurück im Hotel, denn auch nach der mehr als zweijährigen Partyabstinenz fühle ich mich verpflichtet, bei einer Feier als Letzter das Licht auszumachen.

07. Mai 2022, Köln/Bonn

Als ich morgens aufwache, muss ich feststellen, dass mein Körper leider auch nicht verlernt hat, nach übermäßigem Alkoholkonsum, Kopfschmerzen aus der Hölle zu entwickeln. Ich dagegen habe verlernt, schon vor dem Schlafen eine Kopfschmerztablette zu nehmen. Beziehungsweise überhaupt eine Kopfschmerztablette mitzunehmen.

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Ich habe noch ein wenig Zeit, bis mein Zug nach Bonn fährt. Ich setze mich auf die Treppe vorm Dom und beobachte das Treiben. Es kommen ein paar Touristen vorbei, ziemlich viele Fußballfans und unfassbar viele Junggesell*innen-Abschied-Gruppen. Wahrscheinlich hat Köln gar nicht eine Million Einwohner, sondern nur 50.000 und die restlichen 950.000 Menschen sind Junggesell*innen-Abschied-Gruppen.

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Nachmittags gehe ich mit meinem Freund Arne laufen. (Als ich heute früh um 9 Uhr aufgewacht bin, hätte ich das noch nicht für möglich gehalten.)

Wie wir es in unserer Herbert-Steffny-Laufbibel gelernt haben, versuchen wir uns an einem sehr, sehr langsamen Lauftempo. Dadurch soll der Körper lernen, bei langen Läufen von der Kohlehydrat- auf die Fettverbrennung umzustellen. (Was auch immer das heißt.) So richtig langsam fühlt sich unser Tempo für mich allerdings gar nicht an. Wahrscheinlich liegt das den zu vielen Kölsch gestern verbunden mit dem zu wenigen Schlaf. (Ein Ernährungs- und Lebensstil, den Herbert Steffy sicherlich nicht gutheißen würde.)

Mit unserem gemeinsamen Lauf haben Arne und ich offiziell unsere Marathonvorbereitung gestartet. Jetzt müssen wir unseren Frauen nur noch sagen, dass wir für die nächsten fünf Monate in eine Lauf-WG ziehen werden. Und uns bis Oktober nicht rasieren. Und uns gegenseitig ein Herbert-Steffny-Porträt auf den Rücken tätowieren.

08. Mai 2022, Bonn/Berlin

Heute ist Muttertag. Da bei uns selbstverständlich jeder Tag Muttertag ist, bekommt meine Frau heute keine Blumen, keine Grußkarte und keinen Kuchen. An den anderen Tagen eigentlich auch nicht. Von daher ist bei uns eigentlich an keinem Tag Muttertag. Wie es sich für eine gleichberechtigte Beziehung gehört, feiern wir Vatertag auch nicht.


Terminhinweis in eigener Sache

Ich habe die große Ehre und darf am 23. Mai bei der phantastischen Lesebühne Fuchs & Söhne lesen. Gemeinsam mit Kirsten Fuchs, Tilman Birr, Sebastian Lehmann und Paul Bokowski. Im Grips-Theater. Um 19.30 Uhr. Falls Sie in Berlin leben, kommen Sie doch vorbei. Das wird bestimmt lustig. Zumindest während Kirsten, Tilman, Sebastian und Paul lesen.

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Eine kleine Wochenschau | KW17-2022 (Teil 2)

Teil 1


29. April 2022, Berlin

An meinem morgendlichen Spaziergang laufe ich an einem Elektroladen vorbei. Es ist diesmal kein Fachgeschäft, bei dem im Schaufenster elektrische Geräte vorteilhaft und verkaufsfördernd in Szene gesetzt werden. Der Laden sieht eher aus wie eine Mischung aus Reparatur-Service, Second-Hand-Laden, Pfandleihe und Umschlagplatz für Hehlerware.

Auf einem großen Plakat neben der Eingangstür hat der Ladenbesitzer sein Angebot in Großbuchstaben aufgelistet. FERNSEHER, RADIOS, HIFI, SATANLAGEN. Während ich weiter gehe, denke ich sehr lange über das Wort Satan-Lagen nach und grüble darüber, was für ein teuflisches Angebot sich dahinter verbirgt. Anscheinend regt die zusätzliche Sauerstoffzufuhr aufgrund meiner ausufernden Spaziergänge nicht mein Denkvermögen an.

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Die Leichtathletik-Abteilung des TSV GutsMuths, wo ich vor drei Wochen eingetreten bin, in der Hoffnung, dass dies für meine Marathonvorbereitung förderlich ist, schickt mir eine Einladung zu ihrem alljährlichen Sportfest. Das Event findet unter dem Motto „Springen, Laufen, Werfen kann jeder“ statt und umfasst für Erwachsenen die Disziplinen 100m-Sprint, Weitsprung, Kugelstoßen und 800m-Lauf. Da hätte ich das Motto „It’s Bundesjugendspiele-Trauma all over again“ irgendwie passender gefunden.

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Meine Frau hat für unseren Balkon in Ergänzung zu den Pflänzchen, die ich letzte Woche besorgt hatte, ein Zitronenbäumchen gekauft. Das ist zwar nicht das angeblich von Martin Luther beschworene und von Reinhard Mey besungene Apfelbäumchen, das ein Zeichen der Hoffnung in einer hoffnungslos erscheinenden Welt setzen soll, aber ich finde, es ist trotzdem eine gute Wahl. Sofern das Bäumchen nicht unserem braunen Daumen zum Opfer fällt, können wir irgendwann die Zitronen für unseren Gin Tonic selbst ernten. Und das ist doch auch ein Zeichen der Hoffnung in einer hoffnungslos erscheinenden Welt.

30. April 2022, Berlin

Durch eine unglückliche Verkettung von Ereignissen klingelt heute Morgen um 5.30 Uhr der Wecker und wir müssen eine gute Stunde mit dem Bus in einen Berliner Außenbezirk – beziehungsweise in einen Berliner Vorort – fahren, um uns dort kurz nach sieben in einer Grundschulsporthalle einzufinden. Die Ereigniskette wurde vor fünfzehneinhalb Jahren in Gang gesetzt, als der Sohn zur Welt kam, vier Jahre später meldeten wir ihn beim Judo an, vor ein paar Monaten entschied sein Trainer, ein Nachwuchs-Turnier zu organisieren, und wir sagten vor ein paar Wochen zu, als Helfer*innen zur Verfügung zu stehen.

Absurderweise wurde mir bei dem Turnier die nicht gänzlich unverantwortungsvolle Aufgabe zugewiesen, mittels eines Computerprogramms, das ich mir ein paar Tage vorher das erste Mal anschauen konnte, für die 250 Teilnehmer*innen in den verschiedenen Altersgruppen und Gewichtsklassen Kampflisten zu erstellen. Für diese Aufgabe qualifiziere ich mich allenfalls, weil ich keine allzu große Scheu vor der Benutzung von mir unbekannten Computerprogrammen habe, aber auf keinen Fall aufgrund irgendwelcher Detailkenntnisse über die Regularien bei Judoturnieren. Die sind bei mir nämlich trotz mehr als zehn Jahren Turnierbegleitung nur sehr rudimentär vorhanden.

Dementsprechend nervös bin ich, denn selbstverständlich möchte ich, dass alles reibungslauf abläuft. Zum einen, weil ich mir gegenüber eine sehr geringe Fehler-Toleranz habe, zum anderen, weil ich mir nicht den Zorn von Judotrainern zuziehen möchte, die mich mit einem einzigen Wurf quer durch die Halle befördern können.

Alles in allem passieren mir im Laufe des Tages aber nur wenige Fehler, die nicht korrigiert werden können. Lediglich bei einem bedauernswerten Jungen übersehe ich, dass er nicht in die Liste aufgenommen wurde, was aber erst auffällt, als seine Gruppe schon fertig ist und er nicht mehr mitmachen kann. Glücklicherweise war der Bub aus dem Verein des Sohns, so dass mir der Trainer-Wurf quer durch die Halle erspart blieb. Er durfte dann zum Trost gegen alle Teilnehmer seiner Alters- und Gewichtsklasse Freundschaftskämpfe bestreiten.

Trotz meines Fauxpas sind die anderen Vereinsmitglieder angetan davon, wie souverän ich das Programm bedient habe. Das ist ungefähr so, als würde eine Gruppe von Blinden einen Einäugigen, der an einer ausgeprägten Farbsinnstörung leidet, dafür loben, wie schön er Farben beschreiben kann.

01. Mai 2022, Berlin

Heute ist Tag der Arbeit. An einem Sonntag. Da freut sich der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer weint. Der Sohn ist auch nicht zufrieden. Er findet, es sei voll unfair und eine regelrechte Verschwendung, dass ein Feiertag aufs Wochenende fällt.

Buch-Tipp der Woche

Ich bekomme immer mal wieder Bücher von Verlagen oder Autor:innen zugeschickt. Da mir die Zeit für aufwändige Rezensionen fehlt, sollen sie wenigstens hier Erwähnung finden.

Am 11. April ist das dritte Buch der Twitter- und Instagram-Legende Marlene Hellene erschienen. „Bauch frei!“ enthält keine Mode-Tipps und auch keine lustigen Glossen, wie ihr Erstlings- und Zweitlingswerk, sondern behandelt vom Schwangerschafts-Test bis zum Wochenbett alle wichtigen Themen um die Schwangerschaft. Trotzdem ist es kein klassischer Ratgeber, sondern wie es der Untertitel verkündet „Ein Plädoyer für eine selbstbestimmte Schwangerschaft.“ Ein sehr lesenswertes Buch. Nicht nur für Schwangere, sondern auch für Nicht-Schwangere und vor allem auch für Männer.

Unter den Leser*innen, die bis Donnerstag, den 05.05.22, einen Kommentar unter diesem Beitrag hinterlassen, kann ich ein Exemplar von „Bauch frei!“ verlosen. Vielen Dank dafür an den Rowohlt-Verlag. Der Rechtsweg ist ebenso wie der Linksweg ausgeschlossen, eine Auszahlung des Gewinns ist nicht möglich, alle E-Mail-Adressen werden nach Abschluss der Verlosung DSGVO-konform gelöscht, bliblablö …

Marlene Hellene: Bauch frei! Ein Plädoyer für eine selbstbestimmte Schwangerschaft. Rowohlt-Verlag 2022.


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Kann seit dem 21. März bestellt werden. Muss aber nicht. Wäre aber trotzdem schön. (Affiliate-Link)

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Eine kleine Wochenschau | KW17-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


25. April 2022, Berlin

Heute Morgen herrscht bei uns eine außerordentlich gute Stimmung. Fast schon beschwingt und frohgemut. Das ist ziemlich bemerkenswert, denn es ist nicht nur Montag und früh, sondern meine Frau und ich müssen nach unserer Woche Corona-Isolation und der deswegen ausgefallenen Stockholm-Reise, wieder arbeiten.

Den Sohn trifft es noch härter: Nach zwei Wochen Ferien hat er heute den ersten Schultag. Aus der Sicht eines Fünfzehnjährigen kommt das der Apokalypse gleich. Vor allem, wenn du eine deiner Ferienwochen in Isolation verbringen musstest. Damit die erste Schulwoche noch unerträglicher wird, muss er zwei Arbeiten schreiben und bekommt zwei zurück. In Mathe und in Griechisch. Zwei Fächer, bei denen eher nicht davon auszugehen ist, dass er eine Auszeichnung für die beste jemals an der Schule geschriebene Arbeit erhält. Von daher sollten wir alle die gute Stimmung genießen, so lange sie anhält.

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