Föhr 2018 – Tag 20: Aus und föhrbei

Es ist halb neun und ich warte schon seit rund 90 Minuten vor dem Bäcker auf meinen Vater. Er scheint nicht zu kommen. Meine Anrufe und SMS-Nachrichten beantwortet er auch nicht. Das ist aber kein Grund zur Sorge, da er sein Handy immer auf lautlos gestellt oder ganz ausgeschaltet hat.

Betrübt betrete ich die Bäckerei, wohlwissend dass es auch heute nichts wird mit dem ersehnten und –wie ich betonen möchte – verdienten kostenlosen Kinderbrötchen. Dass passt irgendwie zu unserem letzten Urlaubstag, der durch Regen, Schwermut und Trübsal gekennzeichnet ist. Heute enden unsere drei Wochen auf Föhr und damit ein großartiger Urlaub. (Lediglich mit leichten Abstrichen wegen der inakzeptablen Gratis-Brötchen-Situation und wegen der künstlichen Camping-Wecken-Verknappung an Sonntagen.) Ab morgen Nachmittag dann wieder Berlin, ab Montag dann wieder arbeiten. Keine schönen Aussichten. Als ich meine Brötchen bezahlt habe und – natürlich ohne Kinderbrötchen – den Laden verlasse, übergibt sich gerade ein kleiner Junge in den Brunnen an der Mittelbrücke. Ich würde das jetzt auch gerne machen.

Beim Frühstück klage ich über Rückenschmerzen, die ich auf das harte Training von Beach Body zurückführe. Die Kinder murmeln etwas von „Wohl eher das Alter.“, die Frau googelt heimlich „Abdeckprämie, Mann, Anfang/Mitte 40, leichte bis mittelstarke Gebrauchsspuren“.

Die Stimmung am Frühstückstisch ist ohnehin gedrückt. Der Schatten der bevorstehenden Abreise liegt über ihm. Das zeigt sich vor allem in unserem kruden Essens- und Getränkeangebot. Für jeden gibt es ein winziges Tässchen Kaffee. So eine homöopathische Menge an Koffein reicht unter normalen Umständen nicht einmal aus, dass ich überhaupt zu Grunzlauten fähig bin. Butter, Streichkäse und Johannisbeerkonfitüre sind auch sehr knapp, Hagebuttenmarmelade gibt es dagegen im Überfluss, die isst aber nur der Sohn, genauso sind Ketchup und Hamburger-Sauce reichlich vorhanden, die schmecken aber nicht zu Camping-Wecken. Außerdem stehen noch diverse Schaf- und Ziegenkäsesorten in großen Mengen zur Verfügung, die geschmacklich aber auch nur bedingt mit Camping-Wecken harmonieren.

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Um kurz nach zehn schaut Beach Body vorbei. In einem Anflug von für ihn sehr untypischer Nachsicht hatte er unseren heutigen Lauf wegen des schlechten Wetters gestrichen. „Durch den Regen sind die Wege sehr rutschig und wenn du hinfällst, ist das in deinem Alter gleichbedeutend mit Oberschenkelhalsbruch. Das braucht ja kein Mensch“, erklärte Beach mit ernstem Blick. Ich nicke ihm ob seiner Rücksichtnahme dankbar zu.

„Bevor wir uns verabschieden, möchte ich aber noch etwas mit dir besprechen“, erklärt Beach. Ich habe Angst, dass es eine Leistungsdiagnostik ist, die er basierend auf meinen Trainingseindrücken erstellt hat, und mir jetzt präsentieren will. Trotzdem gehe ich mit ihm in eins der Cafés am Sandwall. Dort bestellt Beach für uns zwei Gläser lauwarmes Wasser ohne Kohlensäure mit einer hauchdünnen Scheibe Zitrone.

„Du bist doch Kommunikationsberater?“, fragt mich Beach dann.

„Das stimmt“, nicke ich.

„Ich hoffe, du hast darin mehr Talent als beim Laufen und Fitnesstraining“, sagt Beach.

„Na klar“, antworte ich, bin mir da aber nicht so sicher.

„Ich habe eine super Geschäftsidee, die ich dir gerne mal vorstellen würde“, erklärt Beach. „Quasi als Hausfrauentest.“

„Dann schieß mal los.“

„Ich möchte ein großes onlinebasiertes Personal-Training-Imperium aufbauen“, fängt Beach an. „Erst mal klein in Deutschland anfangen, dann ab Januar 2019 Filialen in ganz Europa und ab April weltweit.“

„Aha“, antworte ich und versuche, die Skepsis in meiner Stimme zu unterdrücken.

„Ich habe auch schon einen Namen, um das ganze zu vermarkten“, erklärt Beach stolz.

„Und der wäre?“, will ich von ihm wissen.

„Beach Buddy, der Bitch Buddy!”, deklamiert Beach feierlich.

Ich schaue ihn entgeistert an und frage mich, ob er einen Scherz gemacht hat. Hat er aber anscheinend nicht, denn er blickt mich erwartungsvoll an.

„Aha“, erwidere ich langsam.

„Und einen Namen für das Trainings-Programm habe ich auch schon“, erklärt Beach fröhlich.

„Und wie lautet der?“, frage ich pflichtschuldig und fürchte mich vor der Antwort.

„Ich mache dich zur Strand-Schlampe!“ Erneut schaut Beach mich erwartungsvoll an.

Ich schaffe es kaum, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten. Vielleicht macht er ja doch nur einen Scherz? Allerdings habe ich in den letzten drei Wochen die Erfahrung gemacht, dass Beach die Konzepte von Ironie und Humor weitestgehend fremd sind.

„Wen soll das denn ansprechen?“, frage ich schließlich.

„Na, Frauen natürlich“, antwortet Beach und schaut verwundert, wie ich so etwas überhaupt fragen kann. „Ich mag Frauen und Frauen mögen mich. Das passt doch perfekt.“

„Aber Frauen wollen doch nicht Schlampen und Bitches genannt werden“, gebe ich zu bedenken.

„Ja, vielleicht nicht in deinem Alter“, erwidert Beach. „Bei den Jüngeren ist das etwas anderes.“ Da es in Berlin mal einen Fitness-Trainer gab, der unter dem Namen Milf-Maker reüssierte, hat Beach damit möglicherweise gar nicht unrecht.

„Und du willst das wirklich hier auf Föhr aufziehen?“, erkundige ich mich.

„Selbstverständlich nicht“, erwidert Beach entrüstet. „So richtig viel Ahnung scheinst du von Kommunikationsberatung ja doch nicht zu haben. Hoffentlich verdient deine Frau gut.“

Ich ignoriere seine letzte Bemerkung und frage: „Wo willst du das Programm denn starten?“

„Auf Sylt“, erklärt Beach. „Dann können die normalen Leute hier auf Föhr unter sich bleiben.“

Ich glaube, das ist das Schlaueste, was Beach in den letzten drei Wochen gesagt hat.

Kurze Zeit später verabschieden wir uns. Ein bisschen werde ich ihn in Berlin vermissen. Irgendwie ist er doch ein ganz netter Kerl.

Nachdem ich von dem Treffen mit Beach zurückkehre, ziehen wir los, um Mitbringsel zu besorgen. Ein Thema, das wir bisher im Urlaub sträflich vernachlässigt hatten. Jetzt besteht diesbezüglich erhöhter Handlungsbedarf. Insbesondere nachdem gestern die Frau auf dem Ziegenhof, als ich sie gefragt hatte, ob sich so ein Zicklein als gutes Urlaubssouvenir eigne, nur laut gelacht hatte, weil sie annahm, ich mache einen Witz.

Wir durchkämmen die Wyker Läden und nach einer Stunde haben wir Wein, Lakritze, Marmelade, Honig, Fruchtgummis und Wurst besorgt. Urlaubserinnerungen gehen bei uns in erster Linie durch den Magen. Vermutlich wundert sie das nicht besonders.

Außerdem kaufen wir für uns noch zwei Kühlschrankmagnete von fragwürdiger Ästhetik. Das machen wir immer im Urlaub. Deswegen sieht unser Kühlschrank auch aus, als lebe bei uns eine Familie mit wahnsinnig schlechtem Geschmack. Vermutlich wundert Sie das ebenfalls nicht besonders.

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Da die Souvenirs und Mitbringsel nun organisiert sind, können wir uns nicht länger vor dem Packen der Koffer und Rucksäcke drücken. Eine Tätigkeit, die schon vor dem Urlaub wenig erquicklich ist, da aber wenigstens Erholung, Strand, Sonne und Meer verheißt. Das Kofferpacken am letzten Urlaubstag ist aber wie ein Schlag ins Gesicht vom Urlaubsende-Gott (Oder ist es ein Teufel?), der dir dabei hämisch ins Gesicht lacht, damit du ja nicht vergisst, dass die entspannten freien Tage nun vorbei sind.

Das Schlimme am Packen der Koffer am Urlaubsende ist die Angst, nicht alles unterzubekommen und etwas zurücklassen zu müssen. Vor dem Urlaub redest du dir immer noch ein, während du auf dem Koffer kniest und mit herkulischer Kraft versuchst, ihn zu schließen, dass das bei der Rückreise nicht mehr so schlimm sein wird, weil dann Shampoos, Duschgels, Sonnenmilch und andere Kosmetika verbraucht sind. Und schon in diesem Moment weißt du, dass das der größte Selbstbetrug ist, seit du dir am 1. Januar gesagt hast, im neuen Jahr weniger Schokolade zu essen. Denn im Urlaub kaufst du dir das nette T-Shirt aus der kleinen Boutique, die Tochter bekommt eine neue Jacke, der Sohn kauft sich eine Luftmatratze und dazu kommen noch die ganzen Mitbringsel, so dass du bei der Heimreise viel mehr Geraffel im Koffer unterbringen musst als vor dem Urlaub.

Damit es am letzten Urlaubstag nicht noch eine existenzielle Beziehungskrise gibt, gehen die Frau und ich uns beim Kofferpacken weitestgehend aus dem Weg. Die Frau verstaut die Klamotten, Schuhe und Kosmetiktaschen, ich kümmere mich um die technischen Geräte, Ladekabel und Reisedokumente.

Irgendwann sehe ich, wie der Frau Tränen die Wangen runterlaufen. Zuerst denke ich, sie weint, weil der Urlaub nun zu Ende ist. Dann merke ich aber, dass es wohl Tränen der Freude sind, da sie beobachtet hat, wie ich eines der weißen Strandshirts mit dem von Sonnenmilch vergilbten Kragen und meine speckige Strandkappe weggeworfen habe. Schön, dass ich auch nach mehr als 21 Jahren noch ein Quell des Glücks für sie sein kann.

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Nachdem die Koffer größtenteils gepackt sind, kaufen wir Proviant für die Fahrt morgen. Souverän und zur Begeisterung des Sohnes greife ich im Supermarkt am Süßigkeitenregal zu den Erfrischungsstäbchen. Die Frau formt lautlos mit den Lippen das Wort „Scheidungsgrund“ und macht dann sehr wirklichkeitsgetreue Kotzgeräusche. Das zeugt zwar nur von begrenzter sozialer Kompetenz, aber da wir morgen ohnehin abreisen, ist das auch nicht weiter schlimm.

Zurück in der Ferienwohnung verstauen wir schnell die Einkäufe im Kühlschrank, um dann die Leihräder zurück in den Fahrradladen zu bringen. Die Räder, die zwar launisch und nach Gutdünken geschaltet haben, uns aber zuverlässig immer dorthin gebracht haben, wo wir hinwollten; zu den Schafen und Alpakas, zum Sonnenuntergang nach Dunsum, zu den Ziegen und Ponys, vorbei an stinkenden Feldern, grasenden Kühen und wiehernden Pferden. Nun geben wir sie im Laden ab und damit auch ein Stück unseres Urlaubs.

Ich schlage vor, dass wir zur Trauerbewältigung Crêpes essen. Die anderen sind sofort dabei und der „Heiße Däne“ – nein, das ist kein skandinavischer Stripper, sondern der Laden vor unserer Ferienwohnung, in dem es Pommes und Crêpes gibt – versüßt unsere Schwermut ob des bevorstehenden Urlaubsendes. Die Frau isst ihren Crêpes mit Kinderschokolade in einem fast tranceartigen Zustand der meditativen Ekstase (Was auch immer das sein soll.) und verkündet dabei: „Ich möchte mich scheiden lassen und diesen Crêpes heiraten.“ Da ich auch lustig sein kann, antworte ich: „Das soll mir recht sein, dann bin ich frei für die Sängerin der Kurkapelle.“ Die Frau nickt und meint, da habe sie auf jeden Fall den besseren Tausch gemacht. Die Kinder entfernen sich unterdessen ein wenig von uns und tun so, als würden sie uns nicht kennen.

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Gestärkt und ein wenig getröstet durch die Crêpes steht uns nun ein letzter schwerer Gang bevor. Wir müssen zum Strand, den Strandkorb ausräumen und den Schlüssel beim Strandkorbwärter abgeben. Dort angekommen, lasse ich meinen Blick über die anderen Strandkörbe streichen, die unsere Strandheimat für die letzten drei Wochen darstellte. Aufgrund des schlechten Wetters sind die meisten Strandkörbe heute verrammelt. Lediglich der grinsende Ole und seine Familie sind da. Er taxiert mich kritisch und ich habe kurz Angst, dass er meinen Blogeintrag über sich gelesen haben könnte und mich gleich in den Schwitzkasten nimmt.

Glücklicherweise geht er aber weiter und wir packen das Pok-Pok-Spiel, das nur einmal kurz zum Einsatz kam, die Strandschuhe, die gute Dienste leisteten und den Beach-Ball, der ein wichtiger Protagonist in epischen Wasser-Basketball-Spielen war, in die mitgebrachte große Tasche.

Zum Schluss widmen wir uns der Luftmatratze des Sohnes. Genauso viel Mühe, wie es uns gekostet hat, Luft in die Matratze zu pusten, macht es uns jetzt, die Luft wieder hinauszubekommen. Die Frau und ich knien auf der Matratze, fummeln an den Ventilen rum und wippen auf und ab, um dadurch nach und nach die Luft hinauszudrücken. Wir bieten ein würdeloses Schauspiel, das nur akzeptabel ist, weil auch hier die Devise gilt: „Morgen fahren wir sowieso nachhause.“

Dann verlassen wir ohne große Abschiedsszenen den Strand und gehen zurück zur Ferienwohnung.

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Zum Abendessen gibt es, wie immer am letzten Urlaubstag, Miracouli-Spaghetti, da die Vorbereitung dieser Mahlzeit nur eine begrenzte Anzahl von Töpfen erfordert. Das ist ein wichtiges Kriterium, will man doch nicht den letzten Abend im Urlaub mit unnötigem Spülen verbringen.

Anschließend gibt es die letzten Kniffelrunden. Der Sohn gewinnt das allerletzte Spiel, und würden wir morgen nicht abreisen, würde er wahrscheinlich in zwei Wochen noch durch das Wohnzimmer der Ferienwohnung tanzen. Die Tochter fährt – mal wieder – den Tagessieg ein und gewinnt damit auch die Urlaubsgesamtwertung. Das zweite Mal in Folge, da sie schon letztes Jahr in Sardinien als Kniffel-Gesamtsiegerin hervorging.

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Gegen 22 Uhr treffen wir uns noch einmal mit den Marburger Studienfreunden am Strand, um dem Höhepunkt des an diesem Wochenende stattfindenden Hafenfestes beizuwohnen: Föhr on Fire – ein bombastisches Feuerwerk, das zwanzig Minuten lang ein wahres Feuerwerk an Feuerwerkskörpern mit musikalischer Untermalung bietet.

Es ist lediglich enttäuschend, dass zum Abschluss nicht mit Pyrotechnik in den Himmel geschrieben wird: „Wir wünschen dem Familienbetrieb morgen eine gute Heimreise und mögen Sie uns demnächst wieder beehren.“ Noch lieber wäre mir allerdings ein kostenloses Kinderbrötchen gewesen.

Gute Nacht!

P.S.: Und morgen gibt es dann endlich den ersehnten Bericht über den sensationellen Strandkorbnachbarn. Versprochen!

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Co-Gründer Familienbetrieb

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im Oktober 2018 erscheint sein neues Buch „Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit“*. (*Affiliate-Link)

76 Kommentare zu “Föhr 2018 – Tag 20: Aus und föhrbei

  1. Seit langem mal kein Sommerurlaub auf Föhr, und doch fühlte es sich beim Lesen ein wenig so an. Danke und Gruß aus Kroatien (wo es übrigens gerade auch Regen gibt, allerdings bei 30 Grad um 22 Uhr 😉)

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