Irisches Tagebuch, 06. Juni | Etappe 3 – Von Dingle nach Dunquin (Teil 2)

Teil 1


Kilometer 14. Wir wollen eine Pause machen, finden aber keinen guten Ort zum Hinsetzen. Ohnehin ist die Zahl der Bänke entlang des Dingle Ways eher überschaubar. (Dingle Dude zuckt entschuldigend mit den Schultern.)

Wir hocken uns schließlich einfach an den Wegesrand. Zum Essen gibt es die Sandwiches, Rosinenbrötchen und Chips beziehungsweise Crisps. Richtig gemütlich ist unser Platz nicht und wir brechen bald wieder auf.

250 Meter weiter kommen wir an einem großen, flachen Felsbrocken vorbei. Ein idealer Rastplatz mit phantastischem Ausblick über die grünen Hügel und aufs Meer. Der Dingle Way kann also doch gute Sitzmöglichkeiten vorweisen. (Dingle Dude nickt zufrieden.)

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Der Weg bleibt steil, wird noch steiler und dann viel steiler. Dafür ist der Untergrund steinig und rutschig. Die Sonne brutzelt weiter.

Wir gehen an einer der vielen Steinmauer entlang, die die Hügel durchziehen. Auf einer Wiese stehen mehrere Steingebäude, die aussehen wie Bienennester. Ich hoffe, sie sind menschengemacht und nicht von riesigen Bienen, die ihre Nester aus Steinen bauen.

Nach zweieinhalb Kilometern Anstieg ist der höchste Punkt erreicht. Zur Belohnung dürfen wir mit Hilfe einer Leiter über ein Gatter klettern und über eine Schafweide laufen. Die Schafe sind klar in der Überzahl. 80:1 schätze ich. Dingle Dude spricht uns Mut zu: „Don’t be shy, mates, just move on.“

Wir halten respektvollen Abstand zu den Schafen. Zumindest versuchen wir es. Das ist nicht einfach, denn es sind so viele. Ganz am Rand an der Steinmauer zu laufen, funktioniert nicht, denn dort haben es sich ein paar Schafe im Schatten bequem gemacht.

Mir fällt auf, dass auch die weiblichen Schafe Hörner haben. Ich dachte bisher, dass nur Böcke damit ausgestattet sind. Vielleicht handelt es sich um eine besondere Rasse, die sich im Laufe der Evolution Hörner zugelegt hat, um nervige Wander*innen von ihrer Weide zu jagen. Die Schafe schauen uns aber lediglich mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Phlegma an. Wir durchqueren die Weide unbehelligt.

Als wir wieder über das Gatter klettern, applaudiert uns Dingle-Dude: „Good job, mates, good job.“

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Jetzt geht es kontinuierlich bergab. Was nicht viel angenehmer als der Aufstieg ist, denn es ist steil und auch steinig und rutschig. Als wir unten angekommen sind, können wir uns an einem Bach abkühlen.

Ich benetze mir Hände und Arme und schütte mir kaltes Wasser über den Kopf. Fühle mich wie in einem Abenteuer-Film, in dem ich auf einer Insel gestrandet bin und diese durchqueren muss.

Das ist zum Glück nicht der Fall. Ich verfüge über keinerlei Fähigkeiten, die hilfreich wären, um eine Nacht in der Wildnis zu überleben. Bei einer Gruppe von Überlebenden eines Flugzeugabsturzes wäre ich der erste, der von den anderen gegessen wird, weil ich zu sonst nichts zunutze bin.

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Kilometer 19. Die Moral unserer familiären Wandergruppe lässt zunehmend zu wünschen übrig. Die Tochter plagt sich weiter mit ihren Blasen rum, meine Frau klagt über Schmerzen in den Beinen. Mir geht es immer noch ziemlich gut. Ich sage trotzdem wieder, dass meine Hüfte zwicken, um mich dazugehörig zu fühlen. Die anderen glauben mir nicht, sind aber zu erschöpft, um mir zu widersprechen.

Unsere Wegbeschreibung kündigt ein „lovely“ Café an. Das kommt uns sehr gelegen, denn es gelüstet uns nach kalter Cola und mich nach Apple Pie. Daraus wird nichts, das Café hat heute geschlossen. How unlovely. 500 Meter weiter kommt ein weiteres Café. Es hat ebenfalls zu. How very unlovely.

Für die Stimmung der Truppe ist das nicht förderlich. „Sorry, mates“, entschuldigt sich Dingle Dude und trottet mit hängenden Schultern vorweg.

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Nach fast sechseinhalb Stunden Wanderzeit erreichen wir das Ortsschild von Dunquin. Im Deutschen bedeutet Dunquin so viel wie „freundliche Festung“. Ausgesprochen wird der Name wie Freddy Quinn, nicht wie Dunkin’ Donuts, wie ich dachte. Wobei ich persönlich eine Festung, in der es Donuts gibt, freundlicher fände als eine, in der ein 50er-Jahre-Schlagersänger „Brennend heißer Wüstensand“ singt.

Dunquin hat ungefähr 160 Einwohner*innen, zu den berühmtesten Töchtern und Söhnen zählen verschiedene Literat*innen und (Folk-)Musiker*innen, deren Bekanntheitsgrad sich außerhalb Irlands knapp über Normalnull bewegt. (Möglicherweise auch außerhalb von Dunquin.)

Am Ortseingang gibt es eine Art Aussichtsplattform, die einen spektakulären Blick auf zerklüftete Klippen, das Meer und Blasket Island ermöglicht. Richtig genießen können wir den Ausblick nach mehr als 23 Kilometer in den Beinen aber nicht mehr.

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Bis zu unserem B+B An Portán müssen wir noch ein gutes Stück durch Dunquin. Die Strecke zieht sich. An jeder Biegung denken wir, das B+B müsste jetzt endlich auftauchen. Das tut es aber erst nach einem guten Kilometer. Wir werden von Geraldine empfangen. Sie strahlt weniger irische Fröhlichkeit, sondern mehr britische Zurückhaltung aus. (Vielleicht ist sie Protestantin.)

Das B+B besteht aus einem Haupthaus sowie einer Gruppe von zwölf bis fünfzehn Bungalows. Es erinnert mehr an ein Motel als an ein klassisches B+B. Wenigstens heißen die Besitzer*innen nicht Bates.

Wer auch immer für die Innenarchitektur der Zimmer zuständig war, hat sein Faible für Brauntöne ausgelebt. Die Wände sind ockerfarben, Türen, Möbel und Fußleisten aus dunklem Holz. Bei dem bräunlichen Teppichboden hoffe ich, dass er ursprünglich nicht weiß war.

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Bevor wir Essen gehen, muss ich einen Anruf tätigen. Ich telefoniere generell nicht gerne, in einer anderen Sprache schon gar nicht. Für morgen hat unser Reiseanbieter aber ein Taxi für uns organisiert, das uns am Ende der Wanderetappe abholt an einem Pub abholt und zu unserem B+B bringt. Allerdings bereits um 17 Uhr, was uns zu früh ist, denn wir würden gerne vorher essen.

Ich rufe bei dem Taxiunternehmen und hoffe, dass, war auch immer abhebt, nicht ausschließlich gälisch spricht. Ich habe Glück. Ein freundlicher Mann meldet sich in einigermaßen gut verständlichem Englisch. Wir spielen kurz das „How are you?“ – „How are you?“-Spiel, dann schildere ich kurz mein Anliegen, dass wir gerne erst um 19 Uhr abgeholt werden möchten.

In meiner Berliner Großstadt-Ignoranz bin ich überrascht, als er mir erklärt, dies sei leider möglich. Sie würden nur bis 17.30 Uhr fahren. Wahrscheinlich, weil es später in der Gegend ohnehin kaum Bedarf an Taxifahrten gibt. Außerdem wollen die Taxifahrer*innen auch irgendwann in den Pub. Wir verbleiben so, dass ich mich nochmal melden würde, wenn ich eine alternative Fahrmöglichkeit gefunden hätte.

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Der einzige Pub im Ort ist Kruger’s Bar. Laut eigenen Angaben ist es der westlichste in Irland und Europa. 1971 wurde hier die Campaign for Real Ale (CAMRA) gestartet, eine Initiative, die die Interessen der Biertrinker*innen und Pub-Besucher*innen in Irland und Großbritannien vertritt. Schön, dass es Menschen gibt, die sich für das Gemeinwohl und den sozialen Zusammenhalt einsetzen.

Auf der Speisekarte gibt es einen vegetarischen „Beyond meat“-Burger, der es mir erlaubt meinen aus dem Ruder gelaufenen Fleischkonsum ein wenig zu reduzieren. Die Frau entscheidet sich für einen Beef Burger (quasi einen „not beyond meat“-Burger), die Tochter für eine Pizza Margherita.

Das Essen ist nicht sensationell. Wenn du über das örtliche Pub-Monopol verfügst, musst du dich nur bedingt anstrengen. Aber wir sind hungrig genug, dass es uns trotzdem schmeckt. Außerdem sind die Getränke kalt und lecker und wir können bei bestem Wetter draußen sitzen. Was willst du mehr nach einem anstrengenden Wandertag?

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Im B+B telefonieren wir mit dem Sohn. Er hat bereits die Blumen gegossen, ohne dass wir ihn daran erinnern mussten. Ihm scheint die Zeit allein nicht gut zu bekommen.


Gewinnspiel

Die For Me-Karten wurden verlost und die Gewinnerinnen benachrichtigt. Herzlichen Dank an alle, die so fleißig kommentiert haben, und den Gewinnerinnen viel Spaß beim Festival.


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Ab heute überall erhältlich, wo es Bücher gibt.

2 Kommentare zu “Irisches Tagebuch, 06. Juni | Etappe 3 – Von Dingle nach Dunquin (Teil 2)

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