Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 5): Tock! Goes her heart (2/3)

Tag 5 (1/3)


Als ich ins Zimmer meiner Frau zurückkomme, ist ihr Umzug auf die Normalstation im vollen Gange. Ein Arzt und eine Krankenschwester holen sie ab. Unterwegs blättert der Arzt in der Patientinnenakte und erkundigt sich nach dem Doktortitel meiner Frau.

In den letzten Tagen war mir bereits aufgefallen, dass sich die Ärztinnen und Ärzte dafür sehr und mit sichtbarer Nervosität interessieren. Sie reagieren dann immer erleichtert, wenn sie erfahren, dass meine Frau promovierte Historikerin und keine Medizinerin ist, die alles besser weiß und sich an keine ärztliche Anordnung hält.


Meine Frau liegt nun wieder auf der Kinderstation, auf der sie die erste Nacht verbracht hat. Es ist nicht einmal vier Tage her, dass sie die Station verlassen hatte und in den OP gebracht wurde. Mir kommt es vor wie eine Ewigkeit. Die Zimmernachbarin meiner Frau ist ein Mädchen von 15 oder 16 Jahren. Damit ist sie jung genug, dass ihre Mutter mit in dem Zimmer übernachten darf. Diese ist gerade dabei, ihr Klappbett in einer Ecke zu verstauen. Die Mutter und das Mädchen begrüßen uns kurz.

Dem Mädchen scheint es, abgesehen von ihrem wie auch immer gearteten Herzfehler, recht gut zu gehen. Sie sitzt auf ihrem Bett und wie bei einem ganz normalen Teenager ist ihre Hand eine symbiotische Verbindung mit ihrem Handy eingegangen. Ihr Blick ist starr auf das Display gerichtet.

Ich mache erstmal den Zivi-Butler und räume den Schrank meiner Frau ein. Außerdem lege ich Handy und Tablet auf dem Nachtschrank bereit, damit sie wieder Zugang zur Außenwelt hat. Die dazugehörigen Ladegeräte stöpsle ich in die Steckdosen über dem Kopfende des Bettes ein. (Spoiler: Dort werden wir sie in einer Woche vergessen, wenn ich meine Frau abhole.)


Vom Stationswechsel erschöpft, schläft meine Frau erst einmal eine Runde. Ich hole mir in der Zwischenzeit im Kiosk etwas zu Essen. Schließlich ist das Frühstück erst vier Stunden her und ich möchte meinen Magen nicht vom Völlegefühl entwöhnen.

Heute setze ich mich nicht zum Mittagessen in den Lichthof, sondern schlendere durch die Gänge des Krankenhauses. Zu einem gesunden Lebensstil gehört ja nicht nur eine ausgewogene Ernährung, sondern auch ausreichend Bewegung. Dementsprechend sollte ich in der Mittagspause einen Ultra-Marathon laufen.

Neben der Bibliothek gerate ich in einen Stehempfang der Zahnärztekammer Niedersachsen. Die sponsert das 17. Herbstsymposium für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie zu dem spannenden Thema „Das dentoalveoläre Trauma – eine interdisziplinäre Herausforderung“. Wie es sich für ein ordentliches Symposium gehört, gibt es ein Buffet mit Fingerfood, Kuchen, Kaffee und kalten Getränken. Auch alkoholischen. Möglicherweise sind die Organisatoren von der Attraktivität ihres eigenen Angebots nicht ganz überzeugt und wollen durch billigen und schlecht temperierten Rot- und Weißwein den Unterhaltungsfaktor der nachmittäglichen Vorträge steigern.

In den letzten Tagen habe ich in der Klinik unzählige Ankündigungen für solche Symposien und Veranstaltungen gesehen. „Praxis neu denken – Inspiration für Leitungskräfte in Gesundheitseinrichtungen“, „Gewichtsreduktion durch Hypnose“, „Infektiologisches Quiz“ oder „Irre war gestern – Pflegetag des Zentrums für seelische Gesundheit“, um nur einige zu nennen. Und immer schön mit Häppchen und Getränken. Da hätte ich mich die ganze Woche durchfuttern und eine Menge Geld sparen können. Alles was es gebraucht hätte, wären ein wenig Chuzpe, ein schlecht sitzender Anzug und ein paar auf Wikipedia angelesene Fachvokabeln für den Small Talk. Warum kommen einem die besten Ideen immer erst im Nachhinein?


Als ich aus der Mittagspause zurückkomme, ist meine Frau wach. Sie muss auf Toilette. Für Sie ist das ein – hoffentlich – ganz normaler Vorgang, für meine Frau aber etwas Besonderes. Ihren Katheter ist sie seit zwei Tagen los, aber auf der Intensivstation musste sie immer die würdelose und koordinativ gar nicht so einfache Bettpfannen-Prozedur auf sich nehmen, wenn sie musste.

Nun kann sie selbst auf Toilette gehen. Das erste Mal seit der OP. Vor drei Tagen war ihr Herz noch für mehrere Stunden abgeknipst und sie hing an der Herz-Lungen-Maschine und jetzt läuft sie schon wieder. Also, sie springt nicht gerade wie ein junges Reh durch das Zimmer, aber ich muss sie mir auch nicht über die Schulter werfen und zum Badezimmer tragen. (Das würden die Ärzte bestimmt auch nicht so gerne sehen. Von wegen frischer OP-Narbe, zu schonendem Brustkorb und so.)

Meine Frau ist noch ein wenig wackelig auf den Beinen. Ich gehe neben ihr, hake sie leicht unter und schiebe ihren Infusionsständer. Am Badezimmer angekommen, beschließe wir, dass sie alleine aufs Klo geht. Schließlich wollen wir uns den Zauber und die Erotik unserer Ehe noch ein wenig bewahren.

Ich warte aber vor der Tür, falls etwas passieren sollte. Vielleicht sollte ich mal klopfen, damit sie sich ein wenig heimisch fühlt. Wenn bei uns Zuhause die Oberschenkel die Klobrille nur für den Bruchteil einer Sekunde berühren, bollert sofort eines der Kinder gegen die Tür und gebietet Einlass, weil es super, super dringend muss. So will es das Gesetz!


Fortsetzung (Tag 5, 3/3)


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Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 5): Tock! Goes her heart (1/3)

Dass ich dieses Jahr so gut wie gar nichts gebloggt habe, ist ja kein Zustand. Kein Urlaubsblog, kein Gespräch mit dem Tod, kein Garnichts. Daher kurz vor Schluss ein retrospektiver Krankenhaus-Blog. Quasi wie Urlaub, nur ohne Urlaub.


Tag 1: Ein kaputtes Herz muss man reparieren
Tag 2: Don’t go breaking her heart
Tag 3: Her heart will go on
Tag 4: Every beat of her heart


Freitag, 7.20 Uhr. Ich schicke den Kindern nach dem Aufstehen einen Guten-Morgen-Gruß, auf den sie nicht reagieren. Also alles im grünen Bereich Zuhause. Anschließend gehe ich zum Frühstücksraum. Wie im Foyer wurde hier viel Marmorimitat verbaut – vielleicht gab es da ein Sonderangebot – und es gibt die gleichen Messinglampen und samtbezogenen Zebra-Stühlen.

Auf den Tischen stehen große Thermoskannen mit Kaffee und kleine Tischmülleimer. Bei meinem Klassenkameraden Olaf gab es auch immer diese kleinen Tischmülleimer. Das übte als Kind eine eigenartige Faszination auf mich aus. Einerseits fand ich das ein bisschen abstoßend. Wer will schon im Angesicht eines Mülleimers frühstücken? Andererseits war es praktisch, um den eigenen Tellerrand von Eierschalen, Käserinden und Wurstpellen freizuhalten. Tischmülleimer sind eigentlich wie Darmspiegelungen. Eklig, aber gleichzeitig nützlich.

Tischmülleimer (Symbolbild; Original kann von Abbildung abweichen)
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Familien-Tweets der Woche (289)

Die DSGVO, so beliebt wie die Bon-Pflicht im deutschen Einzelhandel. Auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

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Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 4): Every beat of her heart (3/3)

Tag 4 (1/3)
Tag 4 (2/3)


Mit gutem Gefühl und einen Automaten-Käsekuchen essend – den ich übrigens mit vier Bissen verzehre –, gehe ich zu meinem neuen Hotel. Es trägt den Namen Astoria. Das soll ihm etwas mehr Glanz und Gloria verleihen, als es tatsächlich zu bieten hat.

Ich betrete die Lobby und fühle mich, als hätte ich ein Zeitreise-Portal durchschritten. Der Boden ist mit weißem Marmor-Imitat ausgelegt, auf ein paar vergoldeten Tischchen stehen Gold schimmernde Messing-Lampen, die Stühle sind mit Samt im schwarz-weißen Zebra-Look bezogen und daneben stehen ein paar weiße Ledersofas. Willkommen in den 80ern!

Also, nicht die 80er, in denen alle mit neonfarbenen Schweißbändern und toupierten Nena-Haaren rumlaufen, sondern diese heimeligen „Generation Golf“-80er aus den Vorabendserien der Öffentlich-Rechlichen, durch die immer ein leichter Helmut-Kohl-Muff wehte.

Am Empfang begrüßt mich die Hotelbesitzerin persönlich. Sie ist Anfang 60 und sieht aus, als sei sie geradewegs aus einer dieser Vorabendserien entsprungen. Aus „Die Wicherts von nebenan“ oder so. (Die Älteren erinnern sich.) Ihr Haar ist blondiert, ihre Gesichtshaut weist einen Farbton und Austrocknungsgrad auf, die darauf hindeuten, dass sie in ihrer Freizeit die ein oder andere Stunde unter der Sonnenbank verbringt. Sie trägt eine an den Ärmeln weit geschnittene Seidenbluse und eine randlose Brille mit blau getönten Gläsern.

So eine Brille habe ich das letzte Mal vor über 30 Jahren auf einer Familienfeier gesehen. Die Großcousine meiner Mutter trug so ein Modell. Damals, als 10-jähriger Knabe, fand ich das todschick. Ja, auch wenn es Sie verwundert: Ich war nicht immer der geschmacks- und stilsichere Mensch, der ich heute bin. (Wenn Sie aufgehört haben zu lachen, können Sie weiterlesen.)

Die Hotelbesitzerin händigt mir meinen Zimmerschlüssel aus. Einen richtigen Schlüssel mit einem dieser klobigen Messing-Anhänger, die so groß sind, dass sie in keine Hosentasche passen. Das ist ein wenig old-school, aber in den 80ern gab es nun mal noch keine Schlüsselkarten.


In meinem Hotelzimmer setzt sich mein 80er-Jahre-Nostalgie-Trip fort. Die Einrichtung sieht aus, als sei sie aus den Requisiten von „Das Erbe der Guldenburgs“ zusammengestellt. Dafür ist das Zimmer aber im Vergleich zu meiner bisherigen Box von geradezu herrschaftlicher Größe. Es gibt ein Doppelbett und ein eigenes Badezimmer. Und Fenster! Okay, der Blick geht auf den Hotelparkplatz, aber es ist trotzdem ein Fenster.

Ich setze mich auf den mit grünem Stoff bezogenen Stuhl am Schreibtisch und komme meinen abendlichen Berichterstattungspflichten bei der Schwiegermutter, meinen Eltern und den Geschwistern nach. Anschließend telefoniere ich mit den Kindern. Der Sohn berichtet, er habe im Physik-Test eine 1- geschrieben. Sehr erstaunlich. Von mir kann er das nicht haben. Ich hatte in meiner ganzen Schullaufbahn nie eine 1 in Physik. Anschließend erzählt die Tochter, sie habe in Sport im Cooper-Test eine 2+ bekommen. Ihr hätten nur 15 Meter zur 1 gefehlt.

Seit die Kinder alleine sind, haben sich ihre Noten erheblich verbessert. Vielleicht sollte ich bis zum Ende des Halbjahres wegbleiben. Oder bis zu ihrem Abitur.


Ich ziehe mich um, putze mir die Zähne und gehe schlafen. Im Traum sitze ich an der Hotelbar, in der Ecke sitzt ein Alleinunterhalter und spielt auf seinem Keyboard ein Medley aus den Titel-Melodien von „Diese Drombuschs“, „Rivalen der Rennbahn“ und „Zwei Münchner in Hamburg“. Baby Schimmerlos serviert Kir Royal.

Gute Nacht!


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Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 4): Every beat of her heart (2/3)

Tag 4 (1/3)


Nach dem anstrengenden Drainagen-Ziehen döst meine Frau etwas vor sich hin, ich streichle ihren Arm und übe mich im Rumsitzen und Nichtstun. Plötzlich gibt es am Nachbarbett einen kleinen Aufruhr. Der Vater eines knapp einjährigen Babys hat am Überwachungsmonitor den Alarm ausgestellt, als dieser anfing zu piepen. Eine der Krankenschwestern erklärt ihm, die Geräte dürften nur vom medizinischen Personal angefasst werden. Dabei zuckt ihr rechtes Auge leicht nervös. Der Vater erwidert beleidigt, auf Normalstation hätten sie die Geräte ausmachen sollen. Die Krankenschwester entgegnet mühsam beherrscht, dies sei aber keine Normalstation.

Irgendwie kann ich den Vater verstehen. Du sitzt den ganzen Tag rum, machst dir Sorgen um dein Kind, fühlst dich vollkommen ohnmächtig und nutzlos und bist körperlich und geistig total erschöpft. Gleichzeitig blinken die ganzen Geräte und  es piepst pausenlos wie bei einem aus der Kontrolle geratenen Tinnitus. Wahrscheinlich wollte sich der Vater nur ein wenig nützlich machen und die Krankenschwestern unterstützen. Trotzdem ist es keine besonders gute Idee, an einem Gerät rumzudrücken, dass die Vitalfunktionen deines Kindes überwacht.


Zum Mittagessen hole ich mir ein paar Sandwiches im Kiosk und setze mich wieder in den Lichthof. Dort schmücken zwei ältere Damen und ein Herr gerade die große Aufgangstreppe. Die beiden Frauen hängen Girlanden und Luftschlangen ans Geländer, der Mann steht daneben, hält eine Tesafilmrolle und tut geschäftig, um den Eindruck zu erwecken, er helfe auch. (Ich vermute, dass er bis zu seiner Pensionierung eine leitende Funktion in einer öffentlichen Verwaltung bekleidet hat.) Zwei andere Frauen schleppen ein paar Stehtische heran, auf die sie Sektflaschen, Gläser und Canapés anrichten.

Der Tesafilm-Mann verschwindet und kommt kurze Zeit später mit einem Leiterwagen zurück, auf den eine Art Thron geschraubt ist. Die Bezeichnung Thron ist vielleicht etwas irreführend. Eigentlich handelt es sich um einen klapprigen Holzstuhl, der mit mehr Enthusiasmus als Talent mit Goldfarbe angesprüht wurde. Die Deko-Frauen hängen nun ein paar Luftballons ans Geländer und es werden weitere Getränke und Kuchen angeschleppt.

Aus meinen Beobachtungen und der Unterhaltung des Schmück-Kommandos schlussfolgere ich, dass hier irgendwelche Promotionsfeierlichkeiten vorbereitet werden. Später werde ich Zeuge, wie die frisch promovierten Ärzte einzeln auf dem Leiterwagen über den Campus gezogen werden. Da studierst du mehr als zehn Semester, forschst und schreibst eine Doktorarbeit, bist bereit, Menschenleben zu retten und dann musst du dich demütigen lassen, indem du auf einem wurmstichigen Pseudo-Thron sitzend zum Gespött der medizinischen Fakultät gemacht wirst.

Da lobe ich mir mein Soziologie-Studium. Da hat sich an der Uni kein Schwein dafür interessiert, wenn du deinen Abschluss gemacht hast. (Was womöglich daran lag, dass ein Großteil der Soziologie-Studierenden ihr Studium nie beendet hat.)


Nach dem Ziehen der Drainagen geht es meiner Frau stündlich besser. Als ich nach der Mittagspause zurückkomme, erzählt sie, sie habe eben alleine ihre Wasserflasche vom Nachtschrank genommen und außerdem zwei Bissen Graubrot gegessen.

Für Sie hört sich das vielleicht nicht besonders spektakulär an, eine Flasche selbst nehmen und zwei Bissen Graubrot essen. Aber auf einer Intensivstation, zwei Tage nach einer zehnstündigen OP am offenen Herzen gelten andere Maßstäbe. Da sind das richtige Meilensteine. Wie bei einem Baby, das erstmalig sein Köpfchen hebt, sich auf den Bauch dreht oder ein Bäuerchen macht. Trotzdem sollte ich meiner Frau, wenn sie das erste Mal wieder alleine auf Toilette geht, nicht den Kopf streicheln und sagen: „Na, hast du einen Stinker gemacht? Ja? Fein hast du das gemacht. Einen ganz feinen Stinker, ganz, ganz fein.“


Ein Assistenzarzt kommt zur Blutabnahme. Er ist noch recht jung, sehr freundlich und äußerst sympathisch. Der Typ Mann, den du dir als Schwiegersohn wünschst, egal ob du Kinder hast oder nicht. Ich frage nach, für was die ganzen Blutröhrchen sind, die er mit dem Blut meiner Frau füllt, und lasse dabei einfließen, ich hätte meinen Zivildienst im Krankenhaus gemacht. Wir könnten quasi von Kollege zu Kollege fachsimpeln.

Meine Frau rollt mit den Augen. Wirklich beachtlich, welche Fortschritte sie macht. Gestern Vormittag hat sie die Augen kaum aufbekommen und heute rollt sie schon damit. („Ganz fein rollst du deine Augen. Ganz, ganz fein!“)

Der junge Arzt freut sich über mein Interesse und beschreibt minutiös jeden einzelnen seiner Schritte. Dabei verwendet er allerdings mehr lateinische Vokabeln, als der Sohn bei seiner Arbeit am Montag übersetzen musste. (Sie wissen schon, die, bei der er das beste Gefühl seit zwei Jahren hatte.) Ich hoffe allerdings, dass der lateinische Wortschatz des Sohns besser ist als meiner. Ich verstehe nämlich fast nichts, traue mich aber nicht, nachzufragen, aus Angst, die Antwort noch weniger zu verstehen. So wie früher in der Schule. Stattdessen werfe ich an Stellen, die mir passend erscheinen, ein „Okay“, „Das ist aber interessant“ oder gar ein „Verstehe!“ ein. Auch wie früher in der Schule.


Am Abend sitzt meine Frau erstmals etwas schräger im Bett und schafft vier Bissen Graubrot. Es geht weiter voran. Angesichts meines Kalorienüberschusses der letzten Tage, wäre das auch ein Meilenstein für mich. Bei einer Mahlzeit mit vier Bissen auskommen.

Die Zähne putzt sich meine Frau heute selbst, ich halte nur noch die Nierenschale zum Ausspucken. Die Krankenschwester meint, morgen könne meine Frau sicherlich auf Normalstation verlegt werden.


Fortsetzung (Tag 4, 3/3)


Alle Folgen des Krankenhaus-Blogs:

Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 4): Every beat of her heart (1/3)

Dass ich dieses Jahr so gut wie gar nichts gebloggt habe, ist ja kein Zustand. Kein Urlaubsblog, kein Gespräch mit dem Tod, kein Garnichts. Daher kurz vor Schluss ein retrospektiver Krankenhaus-Blog. Quasi wie Urlaub, nur ohne Urlaub.


Tag 1: Ein kaputtes Herz muss man reparieren
Tag 2: Don’t go breaking her heart
Tag 3: Her heart will go on


Donnerstag, 7.00 Uhr. Ich schreibe eine Gute-Morgen-Nachricht an die Kinder. Sie bleibt wie immer unbeantwortet. Es geht ihnen also gut. Ich sitze auf dem Bett meiner Hotel-Box und suche am Laptop nach einer neuen Unterkunft. Ich hatte nur bis heute das Zimmer gebucht, weil ich vollkommen naiv dachte, ich könnte zwei Tage nach der OP wieder zurückzufahren. (Wahrscheinlich habe ich gar nicht nachgedacht.) Meine Frau hat die Operation zwar sehr gut überstanden und macht täglich Fortschritte, aber ich habe das Gefühl, es wäre besser, zu bleiben, bis sie auf die normale Station verlegt wird. Laut den Ärzten morgen oder Samstag.

Als ich den Kindern gestern Abend mitgeteilt habe, dass ich noch ein paar Tage länger weg bin, hielt sich ihr Kummer in Grenzen. Sie meinten, ich könne auch ruhig bis Sonntag bleiben, das würde ihnen wirklich gar nichts ausmachen. Wirklich überhaupt nichts. Ich müsse mir keine Sorgen um sie machen. Aha!

Reaktion der Kinder, als sie erfahren, dass ihr Vater zwei Tage länger wegbleibt (Symbolbild)
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Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 3): Her heart will go on (3/3)

Tag 3 (1/3)
Tag 3 (2/3)


Als ich aus der Mittagspause zurückkehre, ist meine Frau wach. Ich frage, wie es ihr geht. „Gut“, erwidert sie. Das ist wahrscheinlich eine recht euphemistische Aussage, aber ihre Stimme klingt auf jeden Fall schon etwas besser. Nicht mehr wie eine Hardcore-Rot-Händle-Raucherin, sondern wie eine Mischung aus Bonnie Tyler und Joe Cocker.

Sie erzählt mir, dass vorhin ihr Blasenkatheter gezogen wurde. Ein weiterer kleiner Schritt auf dem Weg der Genesung. Nicht in einen Beutel, der am Bett hängt, pinkeln zu müssen, gibt einem ein wenig Würde zurück. Allerdings wird meiner Frau jetzt immer, wenn sie auf Toilette muss, eine Bettpfanne untergeschoben. Da verabschiedet sich die Würde dann wieder ganz schnell.

Eine Schwester bringt meiner Frau eine Wasserflasche mit Strohhalm. Sie solle viel trinken. Meine Aufgabe ist es, ihr die Flasche zu halten und den Strohhalm an den Mund zu führen. Mein Job-Profil, das bisher aus Am-Bett-Sitzen und Händchenhalten bestand, wurde um den Punkt Flasche-Anreichen ergänzt. Ich wurde quasi befördert.

Vom Unterhalten und Trinken erschöpft, schläft meine Frau wieder ein. Wie sie so da liegt, hat sie etwas leicht schneewitchenhaftes. Mit ihrer blassen Haut und den schwarzen Haaren. Also, nicht ganz ebenholzschwarz, aber ziemlich dunkel. Zumindest an den Stellen, wo es nicht grau ist. Aber darauf möchte ich hier nicht weiter eingehen. Das würde von mangelndem Taktgefühl zeugen, wo sie doch so eine schwere OP hinter sich hat. Da ist es nicht nötig, sich in irrelevanten Detailinformationen zu ergehen. Zum Beispiel, dass sie sich regelmäßig die Haare färbt. Beziehungsweise renatured, weil das dann viel „natürlicher“ aussieht. *zwinker, zwinker*

Aber genug davon. Haar-Renaturing hin oder her, meine Frau liegt wie Schneewittchen im Bett. Ich vervollständige die märchenhafte Szenerie. Allerdings nicht als edler Prinz, sondern so bucklig wie ich auf meinem Hocker sitze, als einer der sieben Zwerge.


Als meine Frau aufwacht, klagt sie über Übelkeit. Das kommt wohl von den ganzen Medikamenten, die hektoliterweise in sie reingepumpt werden. In dem Moment erscheint die Stationsassistentin und drückt mir einen Stapel Papiere in die Hand. Dies sei das Essensangebot für die nächste Woche und ich könnte das ja mal gemeinsam mit meiner Frau ausfüllen. Dann bekäme sie in den nächsten Tagen etwas, was sie gerne isst. Meine Frau übergibt sich erstmal. Ich deute das als dezenten Hinweis, dass sie gerade kein Interesse an der Essensauswahl für die nächsten Tage hat und ich mich darum kümmern soll.

Essen auswählen hört sich eigentlich gut an, ist bei dem Krankenhaus-Angebot allerdings eine ziemliche Herausforderung. Alleine die Brotauswahl für das Frühstück ist schier grenzenlos. Weizenbrötchen, Mehrkornbrötchen, Sonnenblumenkernbrötchen, Schwarzbrot, Vollkornbrot, Weizenbrot, Toastbrot, Knäckebrot. Dazu muss zwischen diversen Wurst- und Käseaufschnitten sowie unterschiedlichen Marmeladensorten und zwischen Butter, Margarine oder Frischkäse als Aufstrich gewählt werden.

Ich war mal auf einer Dienstreise in einem Moskauer Luxushotel, in dem sich das exklusive Frühstücksbuffet über eine Länge von 50 Metern erstreckte. Das Angebot dort war nur geringfügig umfangreicher als in diesem Krankenhausbogen.

Die Auswahl des Mittag- und des Abendessen gestaltet sich ebenfalls schwierig. Wenn du mit akuter post-operativer Übelkeit zu kämpfen hast, willst du nicht darüber nachdenken, ob du in drei Tagen lieber Erbseneintopf, Szegediner Gulasch oder Fenchel-Kohlrabi-Auflauf essen möchtest. (Eine Entscheidung, die mich sogar mit vollkommen gesundem Magen überfordern würde.) Ich kreuze einfach mit geschlossenen Augen irgendein Gericht an und wiederhole das für die nächsten Tage. Ich muss es ja nicht essen.

Kurz vor Ende der Besuchszeit mime ich den ex-Zivi und helfe meiner Frau beim Zähneputzen. Um präzise zu sein, putze ich die Zähne, ihre Aufgabe besteht darin, die selbigen zu fletschen. Ich verstehe das als kleine Vorleistung meinerseits. Wenn ich in 30 oder 40 Jahren – falls es extrem gut läuft in 50 – tattrig und bettlägerig bin, wird sie sicherlich das Gleiche für mich tun.


Auf dem Weg ins Hotel rufe ich die Kinder an. Der Sohn ist dran. Er hat seine Lateinarbeit zurück. Sie wissen schon, die, bei der er das beste Gefühl seit zwei Jahren hatte. Es ist eine 3. Er ist trotzdem sehr zufrieden. Schließlich sei es keine 4 oder 5, sondern ein Befriedigend. Das klänge ja schon fast wie zufrieden. Der Sohn ist definitiv der optimistische Glas-halb-voll-Typ. Ich verzichte auf die Frage, was mit diesem besten Gefühl seit zwei Jahren gewesen sei. Wenn du vor ein paar Stunden deiner Frau eine Nierenschale gehalten hast, in die sie sich schwallartig übergeben hat, ist es dir ziemlich wumpe, ob dein Sohn ein paar lateinische Sätze richtig oder falsch übersetzt hat.

Anschließend berichte ich noch bei der Schwiegermutter, meinen Eltern und den Geschwistern von den heutigen Fortschritten. Das mit dem schwallartigen Übergeben behalte ich für mich. Sie wissen ja: Als Propagandaminister muss ich für gute Stimmung sorgen.


In meiner Hotel-Box lege ich mich ins Bett und schlafe ziemlich schnell ein. Im Traum bin ich wieder Patient auf der Intensiv-Station. Vor dem Bett steht eine Reihe von Ärzten, die alle unterschiedlich farbige Stationskleidung tragen. Aus tapetenrollenlangen Listen fragen sie mich ab, was ich gerne essen möchte. Im Hintergrund piepsen die Infusionspumpen eine Techno-Version von „Es ist noch Suppe da!“ Ich sitze derweil auf einer Bettpfanne.

Mit diesem verstörenden Bild lasse ich Sie alleine.

Gute Nacht!


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Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 3): Her heart will go on (2/3)

Tag 3 (1/3)


Meine Frau sieht immer noch sehr erschöpft aus. Wenigstens steckt der Beatmungsschlauch nicht mehr in ihrem Mund. Ein erster Fortschritt. Allerdings sind ihre Stimmbänder von dem Schlauch ein wenig in Mitleidenschaft gezogen. Beim Reden krächzt sie, als hätte sie schon im Grundschul-Alter angefangen, täglich eine Schachtel Rot-Händle-ohne-Filter wegzuquarzen.

In ihrem Zimmer gibt es drei weitere Patienten. Meine Frau mit eingerechnet liegt das Durchschnittsalter bei ungefähr elf Jahren. Die anderen Betten sind allesamt mit Babys und Säuglingen belegt. Wegen des angeborenen Herzfehlers liegt meine Frau auch hier auf Intensiv auf der Kinderstation.

Was die kleinen Würmchen genau haben, weiß ich nicht. Ich möchte es auch gar nicht wissen. Es wird sich um irgendwelche schaurigen Herz- und Hirn-Geschichten handeln. Darauf ist die Intensivstation spezialisiert.

Auf jeden Fall haben diese Babys mit ihren wenigen Monaten schon mehr durchmachen müssen, als ich mit meinen 44 Jahren. Ich war noch nie im Krankenhaus. Zumindest nicht als Patient, sondern immer nur als Besucher und nach der Schule als Zivi. Ich erfreue mich einer sehr robusten Gesundheit und muss deswegen so gut wie nie zum Arzt. Mein Zahnarzt, den ich seit acht Jahren nicht mehr aufgesucht habe, ist da möglicherweise anderer Meinung.


Meine Frau schläft wieder und erholt sich von den OP-Strapazen. Ich übe mich in der Rolle des guten Partners, der brav Händchen hält und einfach da ist. Ich hoffe, dass es ihrer Genesung hilft. Oder zumindest nicht schadet.

Nur so rumzusitzen hat etwas sehr Entschleunigendes. Einfach mal nichts tun und ungestört den eigenen Gedanken nachhängen. Dazu kommst du im Alltag ja viel zu selten. Allerdings stelle ich recht schnell fest, dass ich gar nicht so schrecklich viele nachhängenswerte Gedanken habe. Stattdessen starre ich stumpf vor mich hin.

Derweil leuchten, piepsen und surren die Infusionspumpen neben dem Bett unablässig vor sich hin. Die Infusion muss in fünf Minuten gewechselt werden? Das Lämpchen an dem Gerät leuchtet gelb und es ertönen in 30-Sekunden-Abständen drei langgezogene Piepstöne. Die Spritze ist leer? Die Lampe springt auf Rot um und die Piepstöne werden kürzer und schneller, wie bei einem Wecker. Sie hören erst auf, wenn die Alarmtaste an dem Gerät gedrückt wird. Alles ist in Ordnung und nichts muss gemacht werden? Die Lampe schimmert grün und die Pumpe schnurrt mehr oder weniger leise vor sich hin.

Im Prinzip ist so ein Infusionsständer eine Mini-Dorf-Disco mit einer sehr primitiven Lichtorgel, in der miesester Techno gespielt wird.


Um halb eins werden alle Besucher gebeten, für die Mittagsruhe die Intensivstation zu verlassen. Mir kommt das nicht ungelegen. Das viele Rumsitzen und Händchenhalten haben mich hungrig gemacht. Vielleicht ist mir aber auch einfach ein wenig langweilig. Langeweile wird ja häufig mit Hunger verwechselt. Von mir zumindest.

Ich hole mir im Kiosk ein Brötchen und eine Apfelsaftschorle. Zum Essen setze ich mich in den Lichthof und beobachte die vorbeieilenden Menschen. Es ist gar nicht so leicht zu erkennen, wer zu den Ärzten und wer zum Pflegepersonal gehört. Während meines Zivildiensts war das noch ganz eindeutig. Da trugen die Ärzte alle weiße Kittel. So wie in der Schwarzwaldklinik. (Die Älteren erinnern sich.) Ein paar kitteltragende Ärzte gibt es hier auch, die meisten haben aber die gleiche Stationskleidung wie die Krankenschwestern und – pfleger an. Wahrscheinlich soll das Hierarchien abbauen und den Pflegeberuf aufwerten. Oder den Arztberuf abwerten, um weniger Gehalt zu bezahlen.

Das Reinigungspersonal trägt identische Stationshemden und -hosen. Sie werden aber trotzdem kaum mit den Ärzten verwechselt. Es ist eher unwahrscheinlich, dass der Oberarzt vor der Visite noch schnell im Patientenzimmer den Mülleimer leert und kurz durchfeudelt.

Bei der Stationskleidung gibt es wiederum unterschiedliche Farben. Meistens ist sie blau. Bei den Anästhesisten ist sie dagegen in einem ästhetisch fragwürdigem Mintgrün gehalten. Da weißt du als Patient nicht, ob dir vom Narkosemittel oder von der Farbe schlecht ist.

Die Radiologen sind wiederum ganz in pink gekleidet. Das ist besonders hübsch, weil die männlichen Kollegen dort fast alle glatzköpfige, vollbärtige, vierschrötige Hünen sind – wahrscheinlich sind sie aufgrund der täglichen Strahlendosis mutiert –, die so finster schauen, dass Hells-Angels-Rocker dagegen wie putzige Glücksbärchen aussehen. Vermutlich sind sie wegen der pinken Bekleidung so schlecht gelaunt.

Bei den Ärzten, die keine Stationskleidung tragen, wird die Kleidung immer legerer, je höher sie in der Hierarchie stehen. Der Leiter der Kinderkardiologie hat beispielsweise immer weiße Polo-Hemden an, als wäre er gerade auf dem Sprung, um auf dem Tennisplatz noch ein paar Bälle zu schlagen. Wie wohl der Dekan der medizinischen Fakultät rumläuft? Wahrscheinlich in Hawaii-Hemden, Shorts und Flip-Flops.


Fortsetzung (Tag 3, 3/3)


Alle Folgen des Krankenhaus-Blogs:

Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 3): Her heart will go on (1/3)

Dass ich dieses Jahr so gut wie gar nichts gebloggt habe, ist ja kein Zustand. Kein Urlaubsblog, kein Gespräch mit dem Tod, kein Garnichts. Daher kurz vor Schluss ein retrospektiver Krankenhaus-Blog. Quasi wie Urlaub, nur ohne Urlaub.


Tag 1: Ein kaputtes Herz muss man reparieren
Tag 2: Don’t go breaking her heart


Mittwoch, 6.55 Uhr. Ich schreibe den Kindern eine Nachricht, ob bei ihnen alles in Ordnung ist. Sie reagieren nicht, aber das ist kein Grund zur Besorgnis. Die Kinder ignorieren immer meine Fragen auf WhatsApp. Oder sie antworten drei Tage später mit einem Daumen-hoch-Emoji, ganz egal, was die Frage war.

Nach dem Duschen versuche ich, in meiner Vier-Quadratmeter-Hotel-Box, die keinen Schrank hat, Ordnung zu schaffen. In der Ecke vor dem Waschbecken richte ich eine Schmutzwäschen-Zone ein, die Ecke vor der Eingangstür wird zur Wechselklamotten-Zone. Allerdings ist das Zimmer so klein, dass die beiden Zonen fließend ineinander übergehen. Die schmutzige Wäsche breitet sich unaufhaltsam aus und droht, die Wechselklamotten-Zone zu okkupieren. Ich trenne beide Bereiche mit dem Koffer meiner Frau, den ich gestern aus dem Krankenhaus mitgenommen habe. Er ist quasi die neutrale Zone. Wie zwischen Süd- und Nordkorea. (Sie dürfen selbst entscheiden, ob Nordkorea die Schmutzwäsche-Zone und Südkorea die Wechselklamotten-Zone ist oder umgekehrt.)

Wäsche nach zwei Tagen. (Symbolbild; keine farbgetreue Darstellung)

Die komplette Bodenfläche ist nun mit Wäsche bedeckt. Um das Zimmer zu verlassen, muss ich über das Bett klettern und mich am Fußende unter der Treppe, die zur Dusche führt, hindurchquetschen. Somit habe ich mir in meinem Low-Budget-Hotel ein eigenes Gym erschaffen. Toll!

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Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 2): Don’t go breaking her heart (3/3)

Tag 2 (1/3)
Tag 2 (2/3)


Ich rufe die Kinder an. Die beiden freuen sich sehr über die gute Nachricht. Sie erzählen, sie hätten heute das Judo-Training beziehungsweise den Geigen-Unterricht ausfallen lassen, weil sie so aufgeregt waren. Stattdessen hätten sie sich mit YouTube-Videos und Monopoly-Spielen abgelenkt. Ich verzichte auf die Frage, warum sie sich nicht mit Hausaufgaben abgelenkt hätten. Das wäre heute unangemessen kleinlich.

Anschließend telefoniere ich kurz mit meiner Schwiegermutter sowie meinen Eltern und schreibe in die WhatsApp-Gruppe „Die krummbucklige Sippe“, um die Geschwister meiner Frau zu informieren. Außerdem hat meine Frau eine Gruppe mit Freundinnen, Bekannten und Kolleginnen erstellt, damit ich diesen ebenfalls mitteilen kann, dass alles gut gelaufen ist. Kaum habe ich meine Nachricht abgeschickt, explodiert mein Handy. Im Sekundentakt kommen Antworten rein. Kurz überlege ich, die Gruppe zu verlassen, aber das wäre unhöflich. Stattdessen schicke ich ein paar Daumen-hoch-, Smiley- und Herz-Emoticons in die Runde. Und versehentlich ein Kackhaufen-Symbol, dass ich sofort wieder lösche.


Schließlich kann ich zu meiner Frau. Ich erschrecke ein wenig, als ich sie sehe. (Kein schöner Satz über die eigene Frau. Auch nicht nach 22 Jahren Partnerschaft.) Sie liegt blass und erschöpft im Bett und schläft. Ihr Hals ist vom Jod braun-orange verfärbt, am Ausschnitt des OP-Hemdes leuchtet rötlich die frische Narbe hervor und an verschiedenen Stellen ihres Körpers kommen kleinere und größere Schläuche heraus. Am Ende des Betts hängen zwei schuhkartongroße Kästen, in die bräunlich-gelbe Flüssigkeit läuft.

Aber was habe ich auch erwartet? Nach einer Zehn-Stunden-OP am offenen Herzen ist es eher unwahrscheinlich, wie ein Sports-Illustrated-Cover-Model auszusehen.

Neben ihrem Bett steht ein Ständer mit unzähligen Infusionsspritzen, die irgendwelche Medikamente, Schmerzmittel und Kochsalzlösungen in sie reinpumpen. Über dem Kopfende zeigt ein Monitor zahlreiche Werte an, die mir größtenteils nichts sagen.

Im Mund meiner Frau steckt noch der Beatmungsschlauch, der sie mit Sauerstoff versorgt. Er ist ziemlich groß. Geradezu riesig. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie der in die Luftröhre passen soll. (Was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass ich nicht die geringste Ahnung habe, wie groß so eine Luftröhre ist.) Es sieht auf jeden Fall extrem unangenehm aus. Aber wenn dir das Brustbein zersägt, die Rippen auseinandergebogen und dein Herz angehalten wurde, fällt so ein Beatmungsschlauch vielleicht doch in die Kategorie „vernachlässigenswerte Unannehmlichkeit“. Trotzdem verursacht der Anblick bei mir einen leichten Würgereiz.

Ich setze mich auf einen Hocker und schiebe mich an die Bettkante. Meine Frau wacht kurz auf und schaut mich mit glasigen Augen an. Sie scheint mich nicht wirklich wahrzunehmen und dämmert sofort wieder weg. Ich streichle etwas unbeholfen ihre Hand, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun könnte. Draußen konnte ich wenigstens essen.

Plötzlich verschluckt sich meine Frau. Sie röchelt und schnappt hektisch und hilflos nach Luft. Die Werte auf dem Überwachungsmonitor schießen in die Höhe beziehungsweise fallen rapide ab und es piepst und blinkt wie bei einem einarmigen Banditen, der den Jackpot ausspuckt. Sofort ist eine Krankenschwester da und saugt meine Frau über den Beatmungsschlauch ab. Die Vitalwerte bewegen sich wieder im Normalbereich und der Monitor beruhigt sich. Für die Krankenschwester war das reine Routine, für mich eine Erfahrung, die ich nicht noch einmal machen muss. Für meine Frau sicherlich auch. Aber auch daran wird sie sich später nicht erinnern.

Um 20 Uhr ist die Besuchszeit um. Ich küsse meine Frau zum Abschied auf die Stirn, sie nimmt es schlafend zur Kenntnis.


Als ich das Krankenhaus verlassen habe, komme ich erneut meinen nachrichtendienstlichen Pflichten nach. Ich spreche kurz mit der Schwiegermutter, meinen Eltern und den Kindern und erzähle drei Mal das Gleiche. Dass es ihr so weit gut geht, sie noch erschöpft ist und fast die ganze Zeit schläft. Den Erstickungsanfall unterschlage ich lieber. Als Propagandaminister zählt es zu meinen Aufgaben, die Moral hochzuhalten.

In meiner Hotelbox mache ich Katzenwäsche am Waschbecken, putze mir die Zähne und gehe ins Bett. Obwohl es erst kurz nach 21 Uhr ist, schlafe ich sofort ein. Im Traum liege ich auf der Intensivstation. Im Gegensatz zu meiner Frau sehe ich aber nicht blass und matt aus, sondern rosig und ziemlich propper. Möglicherweise liegt das daran, dass ich intravenös belegte Brötchen, Sandwiches, Kekse und Käsekuchen verabreicht bekomme.

Gute Nacht!


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