Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
06. November 2023, Berlin
Auf der Straße kommt mir ein hünenhafter Mann entgegen. Fast einen Kopf größer als ich, breitschultrig und seine Oberarme haben den Umfang von Honigmelonen. Mit seinem finsteren Blick und seinem schwarzen, langen Bart wäre er die ideale, wenn auch sehr klischeehafte Besetzung für einen Clan-Chef in einem Tatort.
Was ihm ein wenig die Bedrohlichkeit nimmt, ist der Umstand, dass er in einem Arm einen 1,50 Meter großen Teddybären trägt und in der anderen Hand einen Elsa-Luftballon.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.
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Wie jeden Freitag, das beste Familien-Gedöns der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.
Sohn:"Ich hab die Suppe gekocht aus der Dose, die man mit dem Dosenöffner aufmachen muss." Ich:"Ah, okay. Hat geklappt?" Sohn:"Ja, hab vorher ein Tutorial geguckt." Ich:"Ah, ja cool." Sohn:"Dann musste ich nur noch googeln, was in der Schublade der Dosenöffner ist."
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
An einem Stromkosten an der Straßenecke hängt ein in Rot gehaltenes Veranstaltungsplakat des Museums Europäischer Kulturen. „Läuft. Die Ausstellung zur Menstruation.“
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Bei Alnatura wünscht mir der Kassierer zum Abschied gute Besserung. Das ist einerseits sehr höflich, wirft aber andererseits die Frage auf, wie fertig ich aussehen muss, dass er davon ausgeht, dass ich krank bin.
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Meine Frau ist seit gestern erneut auf Dienstreise. Ich komme mir vor wie eine Hausfrau in einer 80er Jahre Vorabendserie, die allein zuhause ist, während ihr Mann geschäftlich unterwegs ist. Ich bin quasi Maria Sebaldt in „Die Wicherts von nebenan“.
Diesmal hat ihre Dienstreise einen deutlich höheren Glamour-Faktor als Halle. Sie ist in Barcelona auf einer Antirassismus-Konferenz, die von der spanischen EU-Ratspräsidentschaft gemeinsam mit der Europäischen Kommission, der EU Agency for Fundamental Rights und dem EEA and Norway Grant ausgerichtet wird. Sie ist also nicht nur glamourös, sondern auch für die gute Sache unterwegs.
Wobei ich die Erfahrung gemacht habe, dass Geschäftsreisen nie besonders erquicklich sind. Egal wie attraktiv das Reiseziel ist. Als ich noch als Angestellter bei einer internationalen PR-Agentur gearbeitet habe, war ich im Laufe der Jahre relativ viel unterwegs. Unter anderem in London, Paris, Brüssel, Helsinki, Brügge, Madrid, Zürich oder Moskau.
Die Trips liefen meistens nach einem ähnlichen Muster ab: Abends kommst du am Flughafen an, fährst mit dem Taxi oder den Öffis ins Hotel, den nächsten Tag hast du ab frühmorgens Meetings, Workshops oder Fortbildungen in einem seelenlosen Konferenzraum – überraschend häufig ohne Fenster – und wenn du das überstanden hast, gehst du mit Menschen zu Abend essen, mit denen du normalerweise nicht deine Freizeit verbringen würdest. Denn folgenden Tag gibt es weitere Sitzungen in sauerstoffdeprivierten Räumen, bevor es am Abend zurück zum Flughafen und schließlich nach Hause geht.
Von daher bin ich ganz froh, nicht in Barcelona sein zu müssen, sondern wie eine zurückgelassene Hausfrau auf dem Sofa zu sitzen und Netflix zu schauen.
03. November 2023, Berlin
8.30 Uhr. Meine Laufuhr zeigt für heute schon acht Intensitätsminuten an. Ich frage mich, wo die herkommen. Keine meiner bisherigen Aktivitäten würde ich als intensiv bezeichnen. Ebene habe ich Wäsche gemacht.
Vielleicht falte ich so dynamisch T-Shirts, Hosen und Unterwäsche, dass mich das in die aerobe Belastungszone treibt. Oder mein sonstiges Lauf- und Krafttraining ist so lasch, dass für meine Uhr jedwede meiner Tätigkeiten als High-Intensity-Trainingseinheit gilt. Zum Beispiel „Brot schmieren“, „Einkaufsliste schreiben“ oder „Atmen“. Egal, Hauptsache die Uhr denkt, ich habe Sport gemacht.
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Für meine Frau beginnt der Morgen mit einer unangenehmen Überraschung. Sie dachte, der heutige Konferenztag bestünde, so wie gestern, aus Podiumsveranstaltungen, die sie sich passiv anhört. Stellt sich aber raus, dass es heute Regierungsrunden gibt. Da meine Frau die einzige Vertreterin aus dem Ministerium ist, muss sie nun quasi die Bundesregierung und deren Antirassismus-Aktivitäten auf internationaler Bühne repräsentieren. Sie ist quasi Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Lisa Paus in einer Person.
Mein Vormittag besteht dagegen daraus, dass ich ein TikTok-Rezept für Käsekuchen-Muffins nachbacke. So tragen wir beide dazu bei, dass die Welt ein etwas besserer Ort wird. Da ich die Käsekuchen-Muffins allein esse, verbessere ich allerdings lediglich meine eigene Welt. Aber, hey, irgendwo musst du anfangen.
04. November 2023, Berlin
Heute ist Blogfamilia. Ein bisschen wie eine Band Reunion mit Alu von Große Köpfe, Lisa von Stadt Land Mama und Janni von Ich bin dein Vater. Wobei der letzte Beitrag auf Ich bin dein Vater vor mehr als zweieinhalb Jahren erschienen ist. Korrekter müsste es vielleicht Janni von Janni heißen.
Dieses Jahr habe ich mich bei der Vorbereitung rausgehalten, abgesehen vom Drucken der Namensschilder, aber mich bereit erklärt, vor Ort zu helfen. Einerseits aus Verbundenheit gegenüber den anderen, andererseits weil die Blogfamilia im Amrit stattfindet. Für kostenloses indisches Essen drucke ich gerne Etiketten aus und mache für ein paar Stunden den Grüßaugust.
Abends gehen wir noch etwas trinken. Ich bestelle einen Lillet Wild Berry, der Kellner will mein Glas dann aber Lisa geben und mir ihren Gin Tonic. Ich muss anscheinend an der Männlichkeit meiner Getränkeauswahl arbeiten.
05. November 2023, Berlin
Ich bekomme eine Kooperationsanfrage für meinen Blog. Ein Laszlo E. fragt an, ob es möglich sei, einen Gastbeitrag bei mir zu veröffentlichen. Der müsse gar nicht auf der Startseite erscheinen und auch nicht an Abonnenten verschickt werden. Eine Bewerbung sei ebenfalls nicht nötig. Der Beitrag müsse lediglich einen Link zu seiner Seite beinhalten.
Ich schaue mir die Seite an. Sie wirbt damit, Deutschlands größtes Erotikportal zu sein. Eine Plattform mit mehr als 15.000 Frauen und Bordellen. Blog-Kooperationen werden häufig mit kostenlosen Produkten, Gutscheinen oder Rabatt-Codes bezahlt. Ich denke, das scheidet in diesem Fall wohl aus.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
30. Oktober 2023, Berlin
11 Uhr. Kontrolle der Rauchmelder. Der Schornsteinfeger geht durch die Zimmer und drückt mit einer langen Stange gegen die Melder. Wenn sie piepen, ist alles in Ordnung, wenn nicht, weiß ich nicht, was passiert, denn unsere Melder piepen alle vorschriftsmäßig.
Im Wohnzimmer weise ich ihn darauf hin, er solle etwas vorsichtig sein, da der Melder mal runtergefallen sei. Dass ich ihn erst heute früh wieder angeklebt habe, verschweige ich. Der Schornsteinfeger fragt, wie das passiert sei. Ich fange an auszuführen, der Sohn habe eine Silvesterparty gefeiert. Bevor ich weitererzählen kann, was genau vorgefallen ist, sagt der Schornsteinfeger: „Alles klar, dann hat der Melder wenigstens funktioniert.“
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.
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Wie jeden Freitag, das beste Familien-Gedöns der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.
Frau sagt, die Kinder haben den Schulranzen heute morgen nicht gut gepackt. Ich gehe zu den Kindern und sage, dass die Schulranzen nicht gut gepackt waren und das besser werden muss.
Verfluchte Scheiße, ich bin das mittlere Management in der Familie ☹
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
23. Oktober 2023, Berlin
Seit gestern verspüre ich einen leichten Muskelkater. Im Gesäß. Wahrscheinlich vom Kegeln am Samstagabend. Ich habe dieses Jahr zweiMarathons absolviert, laufe 250 bis 300 Kilometer pro Monat und mache drei- bis viermal die Woche Krafttraining. Und dann bekomme ich Arschmuskelkater von zwei Stunden Kegeln?
Was will mir mein Körper damit sagen? Dass ich ein Weichei bin? Oder dass ich meine Gesäßmuskulatur mehr trainiere? Vielleicht sollte ich häufiger kegeln gehe.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Der Sohn räumt sein Zimmer auf. Freiwillig und ohne Aufforderung. Sogar mit Saugen und Müll unterbringen. Was ist da los? Hat er ein Date? Eine naheliegende Vermutung, aber das ist es nicht.
Vielleicht will er etwas von uns. Einen nicht rückzahlbaren Taschengeldvorschuss oder so. Aber warum sollten wir ihm Geld dafür geben, dass er bei sich aufräumt? Ist ja sein Zimmer. Würde er das Bad und die Küche putzen, wäre das etwas anderes.
Das ist selbstverständlich nur ein Spaß. Taschengeld ist bei uns an keine Bedingungen geknüpft und die Kinder werden für Haushaltstätigkeiten nicht entlohnt. Jede*r muss seinen Teil übernehmen, um unsere familiäre Wohngemeinschaft einigermaßen am Laufen zu halten. Ich werde schließlich auch nicht dafür bezahlt, dass ich mehrmals die Woche einkaufen gehe. Was eigentlich schade ist. Von dem Geld könnte ich die Einkäufe bezahlen.
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Ich stoße im Internet auf einen Artikel, der erklärt, wie ein Geschirrspüler eingeräumt werden sollte. Oben Gläser, Becher und kleine Schalen, unten Teller und Töpfe, alles nicht zu eng beieinander, damit überall Wasser hinkommt, und Messer im Besteckkasten immer mit dem Griff nach oben einsortieren, damit du beim Ausräumen nicht in die Klinge packst. Es gibt sogar ein Video und eine interaktive Grafik dazu. Während ich das lese, frage ich mich, wie lebensuntüchtig du sein musst, dass du einen Artikel brauchst, der dir erklärt, wie du eine Spülmaschine bestücken musst.
Nachmittags öffne ich unseren Geschirrspüler, den der Sohn größtenteils eingeräumt hat. Vielleicht sollte ich ihm mal das Video schicken.
27. Oktober 2023, Berlin
Wir sind mit S. und R. verabredet, den Eltern eines Schulfreundes des Sohns. Wir haben die beiden zu uns zum Abendessen und Gin Tasting eingeladen. Das klingt so schrecklich erwachsen. (Und leicht elitär.). „Zum Abendessen und Gin Tasting einladen.“
Gut, meine Frau und ich sind 48, S. und R. noch etwas älter. Da ist es schon angemessen, Erwachsenendinge zu machen. Es wäre doch befremdlich, wenn unsere Eltern ein Playdate für uns ausgemacht hätten, damit wir uns zum Playmobil oder Lego spielen treffen können.
Meine Frau hat gestern Abend einen riesigen Topf Chili gekocht. Heute Vormittag ruft S. an. R. ist krank geworden und sie müssen absagen. Das ist sehr schade. Dafür müssen wir uns aber in den nächsten drei Tagen keine Gedanken über unser Abendessen machen.
Das ist auch schrecklich erwachsen: Sich darüber freuen, dass du dir keine Gedanken übers Abendessen machen musst.
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Letzte Woche habe ich mir bei Tchibo lange Laufshirts bestellt, um für die kühlere Jahreszeit gewappnet zu sein. Heute muss ich das Paket bei der Post abholen. Das ist nervig, denn ich war zuhause, als der DHL- Fahrer angeblich versucht hat, das Päckchen zuzustellen.
Noch nerviger ist, dass er die Lieferung in eine Postfiliale in der Otto-Suhr-Allee gebracht hat. Das ist circa drei Kilometer entfernt von uns. Dabei gibt es in unserer Gegend in einem Umkreis von 500 Metern 138 Paketannahmestellen – konservativ geschätzt –, die ich bequem fußläufig innerhalb von fünf Minuten erreichen könnte.
Einen Zettel hatte ich auch nicht im Briefkasten, sondern ich bekam eine Mail, die mich auf die Sendungsverfolgungs-Website verwies. Dort musste ich mit einiger Mühe und einigen Klicks herausfinden, wo ich mein Paket abzuholen habe.
Leicht missmutig radle ich bei leichtem Nieselregen – natürlich – zur Otto-Suhr-Allee. Als ich bei der angegebenen Adresse ankomme, sehe ich, dass es sich um einen dieser Hybrid-Läden handelt. Eine Mischung aus voll ausgestatteter und gebrandeter Postfiliale und Kiosk, in dem du Zeitschriften, Süßigkeiten, Zigaretten, Vape-Zubehör, hochprozentige Alkoholika und als saisonales Angebot gruselige Halloween-Masken kaufen kannst.
Ich gehe zum Schalter und erkläre dem Post-Mitarbeiter/Kiosk-Betreiber, ein Paket von mir lagere hier, ich hätte aber keinen Abholschein, sondern nur eine Mail. Diese halte ich ihm vors Gesicht und fuchtle gleichzeitig mit meinem Ausweis rum, damit er sieht, dass ich ich bin und mir das Paket nicht unrechtmäßig aneignen will.
Der Mann tippt etwas in ein Handheld, schaut, scrollt, schaut, scrollt, tippt nochmal, scrollt, schaut. Dann schüttelt er den Kopf. „Hier ist nichts.“ Ich schlage vor, er könne vielleicht trotzdem mal im Lager schauen, ob das Paket eventuell doch da ist.
Er ignoriert meinen Vorschlag erstmal und tippt meine Sendungsnummer in den Computer ein. Dann studiert er das Kleingedruckte auf dem Monitor. Schließlich sagt er, dort stünde, die Sendung würde zur Filiale geliefert, aber nicht, dass sie dort angekommen sei. Ich gebe zu bedenken, dass sei fast eine Woche her und ich könne mir nicht vorstellen, dass der DHL-Fahrer seit Tagen durch Berlin irrt, weil er die Filiale nicht findet.
Ich weiß nicht, ob den Mann das überzeugt, aber er erklärt sich zumindest bereit, doch mal im Hinterzimmer nach meinem Paket zu suchen. Nach weniger als einer Minute kommt er mit einem Tchibo-Karton zurück. Er gleicht die Empfängeradresse mit meinem Perso ab. Dann schaut er genervt in sein Handheld.
Er müsse jeden Tag zwei Stunden länger bleiben, um die Pakete alle einzuscannen und dann würde das Scheißding sie nicht registrieren, schimpft er. Das sei ja doof, erwidere ich, weil mir nichts Besseres einfällt.
„Zwei Stunden, jeden Abend“, wiederholt er. „Für nichts.“ Außerdem brauche er mehr als 40 Minuten bis nach Hause. Ich bin kurz davor, mich bei ihm für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, die ich ihm bereitet habe.
Nachdem ich die drei Kilometer zurückgeradelt bin, stelle ich beim Anprobieren fest, dass mir die Shirts zu groß sind. Ich muss sie alle zurückschicken. Schönen dank auch.
28. Oktober 2023, Berlin
Der Sohn, meine Frau und ich gehen brunchen. In die Markthalle, eine Querstraße weiter. Von 10 bis 14 Uhr. Wir essen Waffeln, Schnitzel Wiener Art, Laugenbrötchen, Weizenbrötchen, Vollkornbrot, Croissant, Kirschmarmelade, Nutella, diverse Käsesorten, etwas Obst, veganes Schnitzel, Pulled Pork Burger, Süßkartoffelpommes, Chicken Wings, Pokebowls mit Lachs, Lasagne, Käsekuchen, Mohnkuchen, Rhabarberkuchen, Tiramisu, Schoko Mousse, Crème Brûlée und noch mal Waffeln.
Dazu trinken wir Kaffee und O-Saft sowie einige Gläser Prosecco, die der zuvorkommende Prosecco-Butler immer wieder auffüllt. Was für ein toller Job. Quasi ein sozialer Beruf, denn er kümmert sich ja um Menschen und ihre Bedürfnisse.
Auf dem Hinweg hatte meine Frau gesagt: „Ich habe extra die weite Hose mit dem elastischen Bund angezogen.“ Schön, wenn du mit Profis zusammenarbeitest.
29. Oktober 2023, Berlin
Ich habe seit dem Aufstehen einen Ohrwurm. „Secret Love“ von den Bee Gees. Keine Ahnung warum. Was will mir mein Unterbewusstsein damit sagen? Warum Bee Gees, warum „Secret Love“? Fällt das schon unter Midlife-Crisis?
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
„Wissen macht: Hä?“, meine immer noch recht neue Infotainment-Rubrik mit weiterhin mittelmäßig wenig Info und mittelmäßig viel tainment zu Jahres- und Feiertagen, geschichtlichen Ereignissen sowie aktuellem Zeitgeschehen. Wer regelmäßig „Wissen macht: Hä?“ liest wird wahrscheinlich nicht klüger, aber auch nicht dümmer. Vielleicht.
In Deutschland gehört es zum guten Ton, gegen Halloween zu sein. Zu kommerziell, zu okkult, zu amerikanisch. Vielleicht sagen auch Sie: „Bleib mir bloß weg mit diesem Ami-Mist.“ Damit liegen Sie allenfalls halb richtig. Und somit mindestens halb falsch. Das Halloweenfest hat seinen Ursprung nicht in den USA, sondern bei unseren rothaarigen Freunden in Irland. Die Amerikaner haben es lediglich populär gemacht.
Vielleicht sagen Sie jetzt: „Mensch, da hab‘ ich ja richtig was gelernt.“ In diesem Fall ist die Chance groß, dass die aktuelle „Wissen macht: Hä?“-Ausgabe noch viel mehr Neues für Sie zu bieten hat: zum Beispiel wie das mit Halloween anfing, woher der Name stammt, wie das Fest in die USA und später nach Deutschland kam, was der Kürbis mit Halloween zu tun hat und warum am 31. Oktober marodierende Kinder- und Jugendbanden durch die Straßen ziehen und nach Süßigkeiten verlangen.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
3) Let’s get the party started: Halloween feiern wie die Amis
Zum weltweiten Exportschlager wurde Halloween erst im 19. Jahrhundert. Damals wanderten viele Iren in die USA aus. (Stichwort Kartoffelfäule und Hungersnot.) Viel nahmen sie nicht aus der alten Heimat mit – sie hatten ja nichts –, aber zumindest ihren Halloween-Brauch.
Die Amerikaner fanden das richtig gut und gingen mächtig steil und all in. Kürbisse noch und nöcher, Süßigkeiten schnorren und wilde Partys. 2021 wurden in den USA mit Halloween-Produkten rund zehn Milliarden US-Dollar umgesetzt. (Das sind eine Eins und zehn Nullen.) Das müssen Sie sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Zehn. Milliarden. US-Dollar. (Das sind immer noch eine Eins und zehn Nullen.)
In Deutschland wird Halloween erst seit Anfang der 1990er gefeiert. Schuld daran sind George Bush und Saddam Hussein. Und die Fachabteilung Karneval im Verband der Spielwarenindustrie. Die nimmt für sich in Anspruch, Halloween nach Deutschland gebracht zu haben. (Warum sie darauf stolz ist, ist nicht bekannt und bleibt rätselhaft.)
Wegen des Golfkrieges fielen im Februar 1991 die Karnevals-Feierlichkeiten aus. Während das Menschen in Norddeutschland vollkommen wumpe war, fürchteten die Kostümhersteller, auf ihrem Verkleidungs-Krempel sitzenzubleiben. (Was schade für die chinesischen Kinder gewesen wäre, die sich beim Nähen so viel Mühe gegeben hatten.)
Das wussten die geschäftstüchtigen Spielwarenindustrie-Karnevalisten zu verhindern. Sie bläuten den Deutschen ein, Halloween sei ein ganz großes Ding, das unbedingt gefeiert werden muss, und zwar am besten in den Kostümen der abgelaufenen Karnevalssaison. Eine Argumentation, die durchaus verfing. Für 2023 rechnet der deutsche Einzelhandel zu Halloween mit einem Umsatz von 480 Millionen Euro. (Das sind eine Vier, eine Acht und sieben Nullen.)
4) Was soll der Unfug mit dem Kürbis?
Selbst wenn du dem Kürbis ablehnender gegenüberstehst als Friedrich Merz dem Gender-Stern, spätestens ab Anfang Oktober kannst du ihm nicht länger entkommen. (Also, dem Kürbis. Friedrich Merz wahrscheinlich auch nicht.) Magazine veröffentlichen fragwürdige Kürbis-Käsekuchen-Rezepte, der Barista schüttet noch fragwürdigeres Kürbis-Gewürz in deinen Kaffee, im Internet gibt es Schnitzanleitungen für Horror-Kürbisse sowie Deko-Vorschläge, wie du mit Kürbisfiguren deine Wohnung verschandeln kannst. Um Herbert Grönemeyer zu zitieren: Was soll das?
Verantwortlich für die Kürbis-Misere ist Jack Oldfield, eine irische Sagengestalt, die wahlweise als Trunkenbold, Betrüger, Geizhals oder Bösewicht bezeichnet wird. Der gute Jacky O. hatte zu Lebzeiten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, damit er ihn verschont. Später haute er den Beelzebub übers Ohr. Sogar mehrfach.
Als Jack irgendwann das Zeitliche segnete, wurde ihm aufgrund seines unsteten Lebenswandels – zu viele Sünden, zu wenig Reue – der Zugang zum Himmel verwehrt. Weil sich der Pferdefüßige an die Übers-Ohr-gehauen-werden-Episoden erinnerte und weil er nachtragend war, hieß es für den ollen Oldfield auch am Höllentor: „Du kummst hier net rein.“
Stattdessen sollte er bis in alle Ewigkeit durch die Dunkelheit irren. Der Deibel hatte jedoch ein wenig Mitleid und gab Jack ein Stück brennende Kohle aus dem Höllenfeuer, das ihm den Weg weisen sollte. Da glühende Höllenkohle höllisch heiß ist und weil Jack keine Asbesthandschuhe besaß, höhlte er kurzerhand eine Rübe aus, die er eigentlich als Wegzehrung dabei hatte, und stopfte die Kohle hinein.
Aus dieser Legende entstand später der Glaube, dass ein brennendes Stück Kohle in einer Rübe den Teufel und böse Geister fernhält. Was die Frage aufwirft, wie böse diese Geister sein können, wenn sie sich wegen ein bisschen Glut einnässen. Und wie doof ist der Teufel, dass er sich vor einem Stück Kohle fürchtet, das er selbst verschenkt hat?
Nun fragen Sie sich zurecht, warum sie im Herbst von Kürbissen terrorisiert werden, wo Jack doch mit einer dusseligen Rübe rumhantiert hat. Das kam so: Als die Iren nach Amerika auswanderten, brachten sie ihren Rüben-Brauch mit, mussten aber feststellen, dass es im Ami-Land rübenmäßig ziemlich mau aussah. Dafür gab es Kürbisse en masse. Die waren auch viel leichter auszuhöhlen als Rüben. Also sagten sich die irischen Neu-Amis: „Scheiß auf die Rübe, ein Kürbis tut’s auch.“
Für diesen Pragmatismus sollten wir ihnen dankbar sein. Sonst müssten wir jetzt Rübenkäsekuchen backen und unseren Latte mit Rübenaroma verhunzen. Es geht immer noch schlimmer.
5) Trick or treat: Wenn die Süßigkeiten-Schutzgeldmafia um die Häuser zieht
Schon die Kelten stellten zu Samhain kleine Gaben („Treats“) an die Tür. Das sollte bei den bösen Geistern für gute Stimmung sorgen und sie von Untaten abhalten. Anscheinend wussten die Kelten nichts von der Rüben-Kohlen-Phobie der Geister, sonst hätten sie sich den Gaben-Quatsch sparen können.
Einen „Trick or Treat“-Vorläufer gab es bereits im 10. Jahrhundert. Allerdings an Allerseelen, also am 2. November. Damals gingen die Bedürftigen von Haus zu Haus und baten um sogenannten Seelenkuchen, ein spezielles Brot mit süßsauren Johannisbeeren. Was mehrere Fragen aufwirft: Warum heißt es Kuchen, wenn es Brot ist? Fällt das unter arglistige Verbrauchertäuschung und ist das justiziabel? Was haben Johannisbeeren in Brot verloren?
Die findige Süßwaren- und Zuckerindustrie sorgte im Laufe des 20. Jahrhunderts durch geschickte Marketingkampagnen dafür, dass sich an Halloween niemand mehr mit merkwürdigem Johannisbeeren-Brot zufrieden gibt. Stattdessen ist es ungute Sitte, dass mit Einbruch der Dunkelheit distanzgeminderte Kinder und Jugendliche unter dem Motto „Süßes sonst gibt’s Saures“ die Straßen unsicher machen und Schokolade, Bonbons und anderen Süßkram von unbescholtenen Bürger*innen einfordern. Werden ihnen diese verwehrt, sprühen die minderjährigen Zucker-Junkies Rasierschaum an die Tür, schmieren Zahnpasta unter die Klinke oder werfen Eier an die Fenster.
Da sehnst du dich dann nach der guten, alten Corona-Zeit zurück, als das Trick or Treaten als potenzielles Superspreader-Event verboten war.
5 Tipps, um sich aufdringliche Kinder und Jugendliche an Halloween vom Leib zu halten
Allen, die Halloween feiern, viel Spaß dabei, und allen, die mit dem Kürbis- und Gruselfest nichts am Hut haben, einen schönen Dienstag.
Alle Folgen von „Wissen macht: Hä?“ finden Sie hier.
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Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.
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Wie jeden Freitag, das beste Familien-Gedöns der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.
Die sich dauerlangweilende 8jährige war heute mit einem Freund verabredet. Gerade hat er abgesagt, weil er krank ist. Das ist natürlich kein Grund zum Weinen und in ein paar Minuten habe ich mich sicher wieder beruhigt.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
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