Corona-Föhrien 2020 – Tag 8: Von friesischer Karibik im Herbst, Abschieden an der Fähre, Fake-Liedern und der Herausforderung Postkarten zu schreiben

Der (fast) alljährliche Urlaubsblog. Diesmal nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Zur besseren zeitlichen Orientierung sei erwähnt, dass der Urlaub Ende Juni / Anfang Juli stattfand. Die kompletten Beiträge finden Sie hier.


Das Wetter und andere Verdrießlichkeiten

„Und nun zum Wetter: Heute überwiegend bewölkt mit Schauern und Temperaturen von maximal 17 Grad.“ Erneut gibt mir die Wetterfrau im Radio wenig Hoffnung auf einen sommerlichen Urlaubstag am Strand. Aber das ist noch nicht alles. „Ab morgen dann nochmal ein wenig kühler“, fährt sie ungerührt fort. Noch ein wenig kühler? Als 17 Grad? Wer auch immer sich für Föhr den Marketingslogan „Friesische Karabik“ ausgedacht hat, um Touristen auf die Insel zu locken, ist entweder ein zynischer Bastard oder hat beim Texten zu viel Lösungsmittel geschnüffelt oder war noch nie in der Karibik. Wahrscheinlich eine Kombination aus allem.

Eigentlich hatte ich es mir immer ganz romantisch vorgestellt, mal im Herbst ein paar Tage auf Föhr zu verbringen. Mit langen Spaziergängen an der Strandpromenade, der Wind peitscht das Meer auf und wenn es doll regnet, gehst du rein zum Teetrinken und Kuchenessen. Nachdem ich das jetzt aber ein paar Tage mitgemacht habe, finde ich, der Romantikfaktor eines Herbsturlaubs ist möglicherweise doch überschätzt. Vor allem im Juli.

Abschied nehmen: Muss i denn, muss i denn, …

Die Tochter fährt heute zurück nach Berlin. Von daher passt das Wetter ganz gut. Zumindest wenn es nach der Kalenderblattweisheit „Wenn Engel reisen, weint der Himmel.“ geht. Ob das Kalenderblatt wohl auch weiß, wer reist, wenn dir der Regen direkt ins Gesicht peitscht, der Wind so unangenehm bläst, dass dir das Atmen schwer fällt, und der Nebel so tief über dem Meer hängt, dass du alles so verschwommen und schemenhaft erkennst, als hättest du deine Brille mit Leberwurst geputzt?

Am Fähranleger weint die Frau ein bisschen zum Abschied und die Tochter verdrückt ebenfalls ein paar Tränchen. Möglicherweise aber vor Freude, beginnt für sie doch jetzt der Höhepunkt der Sommerferien: Eine Woche ganz alleine Zuhause!

Corona-bedingt müssen wir jedoch die Spießer-Eltern geben und erklären, dass Partys tabu sind. Das gelte sowohl für eine Sturm als auch eine Chill. Um meinem Bildungsauftrag nachzukommen, hier eine kurze Erläuterung für alle Boomer:

  • Sturm ist die sprachökonomisch-effiziente Abkürzung von Sturmfrei-Fete. Es handelt sich um eine richtige Party mit vielen Gästen, von denen du nur einen Bruchteil persönlich kennst, und lauter Musik, zu der wild getanzt wird. Alkohol trinken, rauchen und Rauschmittel konsumieren, sind wesentlicher Bestandteil einer gelungenen Sturm. Nachbar:innen sollten vorab über eine Sturm informiert werden, richtige Profis bieten dabei die Übernahme von Kosten für auswärtige Übernachtungen an. Bei der Ankündigung im Hausflur sollte auf die übliche Formulierung „Sollte es zu laut werden, feiert einfach mit“ verzichtet werden, weil sonst eventuell der leicht modrig riechende Typ mit den ungewaschenen Haaren aus der Erdgeschoss-Wohnung, von dem du nie weißt, ob er mehr zum Exhibitionisten oder zum Voyeuristen neigt, plötzlich Bier trinkend in der Küche steht. Nicht immer, aber auch nicht selten, ist es notwendig, nach der Sturm und bevor die Eltern zurückkehren, die Wohnung zu renovieren.
  • Eine Chill ist dagegen ein lockeres Zusammensein mit ein paar Freund:innen, das ungefähr 100 Dezibel leiser ist als eine Sturm, wodurch die Gefahr, eine Anzeige wegen nächtlicher Ruhestörung zu bekommen, erheblich geringer ist. Was das Trinken von Alkohol, das Rauchen sowie der Konsum anderer Rauschmittel angeht, unterscheidet sich die Chill nur unwesentlich von der Sturm. Im Gegensatz zur Sturm muss nach der Chill die Wohnung in der Regel nicht neu tapeziert werden, es ist jedoch angezeigt, die Wohnung gut zu lüften und durchzufeudeln.

Als liberale Eltern sprechen wir aber selbstverständlich kein striktes Party-Verbot aus. Die moderne Erziehung möchte nämlich, dass Kinder in einer Ja-Umgebung aufwachsen, weil das förderlich für die Persönlichkeitsentwicklung und so sein soll. Deshalb verwenden wir eine konstruktive, im Prinzip bejahende Ausdruckweise bezüglich der zu unterlassenden Party: „Durch den Verzicht, eine Fete zu feiern, hast du die Möglichkeit, einen wichtigen Beitrag zu leisten, ein tödliches Virus an der Ausbreitung zu hindern.“ Der Tochter ist unsere Sprachregelung ziemlich egal, sie ist in der nächsten Woche hauptsächlich an einer Ich-habe-meine-Ruhe-Umgebung interessiert.

Familien-Selfie: Immer schön lächeln

Im letzten Moment fällt der Frau ein, dass wir noch unser traditionelles Familien-Urlaub-Selfie machen müssen. Eigentlich müsste ich das Handy halten, da ich in der Familie über die längsten Arme verfüge. Als im Prä-Social-Media-Zeitalter-zur-Welt-Gekommener fehlt es mir jedoch evolutionär bedingt an der motorischen Fähigkeit, das Handy so auszurichten, dass wir alle auf dem Bild sind und aus dem besten Winkel geknipst werden. Deswegen muss die Tochter das übernehmen. Sie ist auch die einzige von uns, die auf Knopfdruck ein fotogenes Lächeln produzieren kann. Mein Gesichtsausdruck ist dagegen immer eine Mischung aus „grinsender Wolf“ und „Erster Sieger beim Karl-Dall-Ähnlichkeitswettbewerb“.

Ich erkläre der Tochter, dass sie jetzt wenigstens ein schönes Andenken an ihre Familie hätte, wenn sie abends Heimweh hat und weinend im Bett liegt. Dann könne sie uns selbstverständlich jederzeit anrufen. Das sei total lieb, erwidert die Tochter, allerdings in einem Tonfall, in dem du mit einem senilen Onkel sprichst. Dann besteigt sie die Fähre und reist ab.

Du da, im Radio, was spielst du für `ne Scheiße

Wettermäßig gehen die Föhrer Edgar-Wallace-Festspiele weiter, so dass wir den Mittag in der Ferienwohnung verbringen. Im Radio läuft ein Lied der Hamburger Singer-Songwriterin Norma, die auf Föhr aufgewachsen ist. Im Refrain heißt es: „Es ist Sommer, 38 Grad im Schatten, Regen fällt heute aus.“ Genau verstehe ich den Text allerdings nicht, weil der Regen so laut gegen die Fensterscheibe prasselt. In welcher Welt lebt Norma eigentlich? Und in welcher der Radio-Moderator, dass er so etwas spielt und vorher noch nicht einmal eine Trigger-Warnung ausspricht?

Ich kenne Norma nicht persönlich und bin mir sicher, sie ist bestimmt eine super sympathische Person, die nett zu Tieren ist, regelmäßig Petitionen für gute Zwecke unterzeichnet und immer den Toilettendeckel runterklappt. Trotzdem mag ich sie nicht. Wer so etwas singt, ist mir einfach suspekt. Außerdem finde ich, es gehört sich für einen öffentlich-rechtlichen Radiosender nicht, solche Fake-News-Lieder zu spielen. Am besten nutze ich den verregneten Nachmittag, um dem NDR eine geharnischte Mail zu schreiben. Für so etwas zahle ich keine GEZ-Gebühren!!11!1!

Apropos Musik, die ich nicht hören will: Anschließend wird ein Lied von Sarah Connor gespielt. „Sind wir bereit“, ihr Corona-Charity-Song, mit dem sie Geld für Menschen sammelt, die durch die Pandemie in Not geraten sind. Das ist zweifellos ein sehr ehrenwertes Anliegen, aber muss das unbedingt mit schlichten Zeilen wie „Die Luft wird klarer und die Meere erholen sich langsam vom Benzin. Und im Hafen von Venedig sah man sogar schon ein‘ Delfin.“ vorgetragen werden? Andererseits ist es auch ganz originell, dass die Igel-Gruppe der Kita Frecher Spatz den Text schreiben durfte.

Auch die Zeile „Was, wenn das, wenn das hier eine Chance ist“ halte ich in der Corona-Zeit für etwas unpassend. Wenn du als Eltern monatelang im Home Office arbeiten und gleichzeitig deine Kinder Home-Schoolen oder Home-Kindergarden musstest, wenn du dich um deine wirtschaftliche Existenz sorgst, wenn du als Angehörige:r einer systemrelaventen Berufsgruppe bis zum Umfallen arbeitest und als einzige Anerkennung Balkon-Klatschen bekommst, oder um deine eigene Gesundheit oder die deiner Angehörigen bangst, dann ist das keine Chance – nicht einmal eine dornige –, sondern einfach kacke und diese „Alles hat sein Gutes“-Perspektive ist einfach fehl am Platz. Das ist im Prinzip der gleiche Unfug wie das Oscar-Wilde-Zitat:

„Everything is going to be fine in the end.
And if it’s not fine it’s not the end.”

Was für ein Humbug! Wenn du in eine Grube mit hungrigen Löwen fällst, ist das definitiv das Ende, aber genauso definitiv nicht „fine“.

Aber so lange durch den Song Geld für Corona-geschädigte Menschen zusammenkommt, ist es ja gut. Besser etwas Gruseliges als gar nichts tun. In diesem Sinne: Spenden Sie fleißig. Sie müssen noch nicht einmal den Song dazu anhören.

Sending picture postcards from Föhr

Ich nutze den Rest des verregneten Tages zur Erledigung einer wichtigen Aufgabe: Ich schreibe Postkarten. Das gehört in unserer funktional-arbeitsgeteilten Ehe traditionell zu meinen Urlaubs-Pflichten. (Vielleicht sollte ich das auch mal regeln, falls wir irgendwann doch noch einen Ehevertrag abschließen sollten.)

Vorsichtig merke ich an, die Frau könne doch auch mal ein paar Karten schreiben. Zumindest an ihre Verwandtschaft, die ich kaum kenne. Häufig weiß ich gar nicht, wann ich die Person, der ich da gerade schreibe, das letzte Mal gesehen habe. Einige der Angeschriebenen sind mir auch vollkommen unbekannt, so dass ich davon ausgehe, sie noch nie getroffen zu haben. Manchmal frage ich mich, was als nächstes kommt. Dass ich den Klassenkamerad:innen der Kinder schreibe? Vielleicht besser nicht, denn deren Eltern könnten das unter Umständen falsch verstehen. Nun ja, bei der krummbuckligen Verwandtschaft der Frau besteht noch die Gefahr, dass eine:r vielleicht etwas zu vererben hat, sich dann möglicherweise an die netten Postkarten erinnert, die immer von uns kamen, und ehe du dich versiehst, erbst du ein baufälliges Eigenheim in der nordhessischen Pampa. Vielleicht sollte ich das mit dem Kartenschreiben doch besser lassen.

Die Frau weigert sich kategorisch, mich beim Postkartenschreiben zu unterstützen, denn das würde doch schon seit jeher ich machen. Eine fast schon erz-konservative, in der Vergangenheit verharrende Einstellung, wie ich finde, die sich nicht einmal die Mühe macht, auch nur den Anschein einer logischen Begründung zu erwecken. Gönnerhaft bietet sie aber an, die Adressen auf den Karten zu notieren. Das lehne ich wiederum ab. Da habe ich auch meinen Stolz. Wie sähe das überhaupt aus mit zwei unterschiedlichen Handschriften auf der Karte?

Kurze Zeit später stellt sich heraus, dass Stolz zu haben, nicht prinzipiell etwas Gutes ist, denn ich habe große Schwierigkeiten in unserem Adressbuch die Handschrift der Frau zu entziffern. Warum musste sie auch alles in Großbuchstaben schreiben? Erstaunlich, wie ähnlich sich Us, Ns und Ks sehen können. Vielleicht sollte sie mal zur Ergotherapie gehen und ein paar Malübungen machen. So unleserlich wie das ist, könnte sie glatt als Ärztin durchgehen. Ist sie aber leider nicht. Sonst wäre unser Haushaltseinkommen um ein Vielfaches höher, und ich könnte einem Bediensteten auftragen, nicht nur die Adressen zu entziffern, sondern auch gleich die Karten zu schreiben.

Während des Schreibens stelle ich fest, dass die Karten einen leichten Lösungsmittelgeruch verbreiten. Anscheinend wurde beim Druck auf Biofarben verzichtet. Und auch auf Farben, die nur ansatzweise den EU-Richtlinien zum sicheren Einsatz von Chemikalien entsprechen. Vielleicht hätte ich doch nicht die Karten für 50 Cent das Stück nehmen sollen. Egal. Die Ausdünstungen verursachen ein wenig Kopfweh, machen aber auch ein bisschen high. Leider werden die Texte trotzdem nicht besser. (Sorry, an alle, die eine billige Postkarte mit mittelmäßigen Urlaubsgrüßen bekommen haben.)

Das Texten der Postkarten ist dieses Jahr aber auch besonders herausfordernd. Normalerweise fasst du in drei oder vier prägnanten Sätzen den Urlaub zusammen, wobei du positive Aspekte wie Sonne, Spaß am Strand, gute Stimmung und leckeres Essen hervorhebst. Das ist aber angesichts der herbstlichen Temperaturen, der regelmäßigen Schauer und der begrenzten Strandbesuche gar nicht so leicht. Allerdings bin ich als PR-Berater gewohnt, mich im Grenzbereich zwischen Fiktion und Fakten, Wunsch und Wirklichkeit, Wahn und Wahrheit zu bewegen. Nach kurzem Überlegen steht dann der Text:

Liebe Tante Uschi, lieber Onkel Norbert,

wir senden euch herzliche Grüße von der Insel Föhr. Wir haben Wetter , Laune und Sand. Die Campingwecken sind auch wieder lecker. Mehr braucht es doch nicht in diesen Zeiten!

Liebe Grüße!

P.S.: Wir hoffen, ihr erfreut euch bester Gesundheit und genießt noch lange euren Lebensabend in eurem wunderschönen Haus in Dodenau.

Probier’s mal mit Gemütlichkeit

Abends überlege ich, dass ich dem Wetter gegenüber doch eine positivere Einstellung entwickeln muss. Ich möchte hier ja nicht für einen Mecker-Onkel gehalten werden. Ohnehin ist es total almanhaft, dauernd über zu kalte Temperaturen und zu viel Regen zu schimpfen. Über das schlechte Wetter jammern ist einfach zu almanhaft. Außerdem ist es unangebracht. Zu viel Sonne und Hitze ist ja nicht gut für die Natur, für die Tierwelt und auch nicht für den eigenen Körper und Geist. Sie wissen schon, Dehydration, Sonnenstich, Hautkrebs und so weiter.

Also probiere ich das mal mit dem positiven Denken: Bei Kaffee und Kuchen in der Ferienwohnung zu sitzen, während der Regen gegen die Fensterscheiben prasselt, ist ja eigentlich total hygge. Fehlen nur noch ein paar Vanille-Duftkerzen und diese große Holzbuchstaben, die dekorativ auf dem Regal drapiert werden.

F U C K


Unser tägliches Kniffel-Spiel gib uns heute

Auch ohne die Tochter wird selbstverständlich weitergekniffelt. Diesmal geht es nicht um den Pokal, sondern um eine Portion Spaghetti-Eis, während die Verlierer zur Demütigung nur eine Kugel bekommen. Anscheinend ist das für die Frau ein größerer Anreiz als ein Cup und sie übernimmt gleich die Führung.

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60 Kommentare zu “Corona-Föhrien 2020 – Tag 8: Von friesischer Karibik im Herbst, Abschieden an der Fähre, Fake-Liedern und der Herausforderung Postkarten zu schreiben

  1. Ich muss gestehen, dass ich seit Tag 2 und den “panda-artigen Augenringen in der Größe von Traktorreifen” als Beschreibung einer AE-Mutter keine Lust mehr auf den Reiseblog habe. Diese ewigen ach so witzen Vergleich, die sich oft aneinander reihen, nun ja. Aber dieses…


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Erwähnungen

  • Der (fast) alljährliche Urlaubsblog. Diesmal nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Zur besseren zeitlichen Orientierung sei erwähnt, dass der Urlaub Ende Juni / Anfang Juli stattfand. Die kompletten Beiträge finden Sie hier.

    Das Hemd klebt und die Hose rutscht

    „Warum muss es denn jetzt auch noch regnen?“, beklage ich mich bei den Schafen, als ich joggend den Deich betrete. Dabei hatte die Wetterfrau im Radio vorhin gesagt, die Regenwahrscheinlichkeit läge bei zehn Prozent. Zehn Prozent sind, wenn du zehnmal auf die Torwand schießt und einmal triffst. Ich würde bei 100 Schüssen keinmal treffen, aber für die zehn Prozent Regenwahrscheinlichkeit reicht es. Vielen Dank auch!

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    In Hollywoodfilmen hat Regen ja häufig etwas Romantisches. Wenn das Liebespaar gegen Ende des Films endlich zusammenkommt und sich küsst, muss es auf jeden Fall – da gibt es irgendein Hollywood-Gesetz – so lange im Regen stehen, bis ihre weißen Oberhemden – auch das ist gesetzlich geregelt Gesetz, dass es immer weiße Oberhemden sein müssen – vollkommen durchnässt sind und sich ihre Oberkörper erotisch darunter abzeichnen. (Zumindest bei günstigem Kamerawinkel und guter Ausleuchtung.) In Actionfilmen ist der Regen wiederum Ausdruck der Willensstärke und Durchsetzungsfähigkeit der Hauptfiguren. Kämpfe auf Leben und Tod finden meist in monsunartigen Regengüssen statt, um dem Publikum zu zeigen, dass dem Helden oder der Heldin die Naturgewalten nichts anhaben können.

    Ich bin aber kein Actionheld und mir können die Naturgewalten sehr wohl etwas anhaben. Deswegen ist es total unangenehm und überhaupt nicht romantisch, wenn mein Laufhemd unangenehm kalt und so eng am Körper klebt, dass ich jetzt schon weiß, dass ich es nie wieder ausziehen kann, sondern mir chirurgisch vom Leib operiert werden muss. (Und es gibt auch keinen Kamerawinkel und keine Ausleuchtung, damit sich mein Oberkörper erotisch unter dem Laufhemd abzeichnet.)

    Die Schafe stehen aber gleichgültig grasend auf dem Damm. Denen ist alles egal. Sowohl der Regen als auch mein kaltes, nasses Laufhemd, das mir sicherlich eine Lungenentzündung und damit den sicheren Tod einbringen wird.

    Das nasse, kalte Oberteil ist nicht mein einziges Textilproblem. Weil es so kühl ist, habe ich heute morgen meine lange Jogginghose angezogen, und die rutscht. Nicht, weil ich abgenommen hätte – das wissen die Camping-Wecken zu verhindern –, sondern weil das Gummiband am Bund gerissen ist. Nun muss ich die Hose alle 50 Meter nach oben ziehen, damit sie nicht in die Kniekehlen rutscht und ich meine Unterhose auf dem Deich zur Schau stelle. Okay, hier sind zwar nur die Schafe, aber auch denen gegenüber möchte ich eine gewisse Restwürde bewahren. (Schreibt der Mann, der krampfhaft versucht, sich mit Schafen zu unterhalten und Freundschaft mit ihnen zu schließen.) Wobei es den Schafen wahrscheinlich sogar egal wäre, wenn ich nackt über den Deich flitzen würde, so lange sie das nicht vom Fressen oder von der Durchführung ihrer Verdauungstätigkeit abhält.

    Zugegebenermaßen ist das Gummi nicht hier auf Föhr, sondern schon vor ein paar Wochen in Berlin gerissen. Theoretisch hätte ich also schon längst eine neue Hose kaufen können. Aber Sie wissen ja, dass ich aus Nachhaltigkeitsgründen meine Klamotten sehr lange trage, bis sie vollkommen runtergerockt sind. Und vor allem weil ich eine sehr ausgeprägte Shopping-Aversion habe.

    Nun ist ein gerissenes Gummiband natürlich auch kein Grund, eine Hose, die ansonsten vollkommen okay ist – die Frau ist hier möglicherweise anderer Meinung –, wegzuwerfen und durch eine neue zu ersetzen. Es ist ja kein Problem da einfach ein neues Gummiband einzuziehen. Für mich allerdings schon. Ich kann nicht nur keine platten Reifen flicken, sondern bin auch ein totaler Handarbeits-Loser. Die einzige 4, die ich in meiner Grundschulzeit hatte, bekam ich auf einen gewebten kleinen Teppich, der so unförmig und misslungen war, dass nicht einmal meine Eltern Worte finden konnten, was für ein interessantes Stück ich da doch produziert hätte.

    Wahrscheinlich denken Sie jetzt, meine Güte, dann bring‘ die Buxe halt zur Schneiderei, da machen die das für schmales Geld. Das stimmt selbstverständlich, aber die physikalischen Gesetze der Massenträgheit hindern mich daran, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Somit habe ich keine andere Wahl und muss so lange in dieser Hose joggen, bis sie mir auf Knöchelhöhe rutscht, und ich mir bei dem daraus resultierenden Sturz den Oberschenkelhals breche.

    „Macht’s gut“, rufe ich den Schafen zum Abschied zu. „Hoffentlich bis übermorgen. Also, sofern ich mit der Hose nicht verunglücke und ins Krankenhaus eingeliefert werde.“ Die Schafe zeigen – mal wieder – keine Reaktion und grasen einfach weiter. Aber es ist ja gut, Freunde zu haben, die nicht gleich in Panik verfallen und auch bei drohenden Katastrophen einen kühlen Kopf bewahren.

    Altglas-Interpretationen

    Nach dem Frühstück bringen der Sohn und ich unser Altglas in den Müllraum. Die Kiste für den Glasmüll ist bereits zur Hälfte gefüllt. Mit zehn Weinflaschen, alle mit dem gleichen Etikett. Anscheinend versucht jemand sich mit einem 2018er Grauburgunder aus der Pfalz die Sonne und wärmere Temperaturen herbeizutrinken.

    Als wir gehen, ist die andere Hälfte der Kiste voll mit leeren Schokocreme-, Erdnussbutter- und Spekulatiusaufstrich-Gläsern. Ich schätze, jede:r hat eine ganz eigene Art, das schlechte Wetter zu verarbeiten.

    Supermarktbesuch: Energy-Drinks, die deinem Mageninhalt Flügel verleihen

    Anschließend gehen wir in den Supermarkt, um unsere Essensvorräte aufzufüllen. Für den Sohn ist, mit den Eltern einkaufen zu gehen, sicherlich keine besonders attraktive Freizeitbeschäftigung. Er macht aber das Beste daraus, indem er sich immer wieder andere Energy-Drinks mit den absurdesten Geschmacksrichtungen aussucht. Anscheinend haben Kinder, die die Pubertät erreichen, hormonell bedingt das unbändige Verlangen, ihre komplette Flüssigkeitsaufnahme ausschließlich mit taurin-, koffein- und matehaltigen Getränken zu bestreiten. Einfach mit irgendetwas, das reinkickt. Wahrscheinlich evolutionär bedingt, weil Teenager ebenfalls hormonell bedingt von einer unfassbaren Müdigkeit und Trägheit befallen werden, die dazu führen, dass sie am Wochenende und in den Ferien tagsüber mehr schlafen als früher im Babyalter nachts. (Ironischerweise schlafen sie dann nachts noch weniger als im Babyalter, weil sie stundenlang mit ihren Kumpels zocken müssen.)

    Ich selbst stehe Energy-Drinks eher kritisch gegenüber. Aber nicht in erster Linie wegen ihrer grenzwertigen Nährwertprofile, weil sie ausschließlich aus Zucker, artifiziellen Geschmacksverstärkern sowie irgendwelchen Abfallprodukten bestehen, die in Chemieproduktionen anfallen und deren fachgerechte Entsorgung zu teuer wäre, so dass sie in den Energie-Getränken landen. Vor allem mag ich sie nicht, da der Geschmack für mich absolut scheußlich ist. Als in meiner Jugend – Achtung: Opa erzählt vom Krieg – Red Bull neu auf den deutschen Markt kam, habe ich mal eine halbe Dose davon getrunken und fand es widerlich. Viel zu künstlich und süß. (Das schreibt der Mann, der in seiner Kindheit gerne mal acht Löffel Kaba in seine Milch gerührt hat.) Ich schüttete den Rest weg und dachte dabei: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das durchsetzt.“ (Damit war sehr früh klar, dass ich nicht zum Börsenanalysten taugen würde.)

    Normalerweise machen wir die Reste unseres erzieherischen Einflusses gegenüber unserem Sohn geltend und erlauben ihm nicht, den ganzen Tag und rund um die Uhr Engergy-Drinks zu sich zu nehmen. Hier im Urlaub – wo die elterliche Durchsetzungsfähigkeit von Tag zu Tag an Schlagkraft verliert – machen wir aber eine Ausnahme, was eine euphemistische Umschreibung dafür ist, dass er sich durch die komplette Palette an Energy-Drinks probieren darf, die sich durch bunte, komplementärfarbige Dosendesigns und die absonderlichsten Geschmacksrichtungen auszeichnet. Kokosnuss-Blaubeere, Kiwi-Apfel und Granatapfel-Birne sind da noch die weniger absurden Mischungen.

    Wider besseres Wissen probiere ich abends einen der Drinks. Er schmeckt, als hätte eine Heerschar von Lebensmittelchemikern sehr, sehr hart und erfolgreich daran gearbeitet, ein Geschmacks-Potpourri von Hustensaft, Fruchtkaugummi und Zahnpasta zusammenzupanschen. Das ist wirklich das ekelhafteste Getränk, das mir jemals untergekommen ist. (Das schreibt der Mann, der mal eine Saftkur gemacht hat, bei der es regelmäßig Sauerkraut- und Rote-Beete-Saft gab.) Nun gut, ich muss das ja nicht trinken. Ich muss es nur bezahlen.

    Die Strandkorb-Community: Sie sind wieder da!

    Am frühen Nachmittag passiert etwas vollkommen Unerwartetes. Die Sonne ist am Himmel zu sehen. Wir liegen uns schluchzend in den Armen und nachdem wir unsere Freudentränen getrocknet haben, gehen wir an den Strand. Dort treffen wir auf alte Bekannte: Die Community, die vor zwei Jahren die Strandkörbe um uns herum belegt hatten, ist wieder da.

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    Alle sind sie wieder da: Die Anwaltsfamilie mit ihrem pubertierenden Sohn, der mit jeder Faser seines Körpers ausstrahlt, dass es wahnsinnig uncool ist, mit den Alten am Strand abzuhängen, während sie bereuen ihn nicht im Ferienlager angemeldet zu haben. Der Arzt mit seiner etwas herrischen Frau und ihrer elfjährigen Tochter sowie dem siebzehnjährigen Sohn, der mich nachhaltig beeindruckt, weil er mit 38 unterschiedlichen Arten des Augenrollens zum Ausdruck bringen kann, dass er genervt ist. Oder die Schuldirektorin, deren Mann fast nie zu sehen ist, weil er so viele Stunden auf dem Tennis- oder Golfplatz steht, als würde er eine späte Profikarriere anstreben. (Vielleicht will er auch einfach seine Ruhe haben.) Lauter gut betuchte Hamburger Familien, die auf der Insel eigene Ferienhäuser haben. Die erholen sich zuerst auf Föhr, um dann woanders irgendwo anders richtig Urlaub zu machen.

    Was ich schon damals an der Gruppe mochte: Sie unterhalten sich wirklich sehr laut und über mehrere Strandkörbe hinweg – man kennt sich ja –, so dass du bei ihren Gesprächen nicht nicht mithören kannst, sofern du nicht sehr gute Noise-Cancelling-Kopfhörer trägst. Das erleichtert meine Arbeit als Strand-Chronist erheblich, denn so muss ich mich nicht beiläufig an fremde Strandkörbe anlehnen und wie ein übereifriger Stasi-IM Mitschriften in meinem Notizbuch anfertigen, sondern bekomme auch so alles gut und deutlich mit.

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    Wie schon vor zwei Jahren telefoniert der Anwalt regelmäßig geschäftlich am Strand. Was die Wahrung von Geschäftsgeheimnissen oder die Vertraulichkeit der Anwalts-Mandanten-Beziehung angeht, ist das vielleicht ein wenig grenzwertig, aber trotzdem verständlich. Er hat das corona-bedingte Home Office in Hamburg verlassen und gegen ein Föhrer Beach Office eingetauscht. Genial! Vor allem, wenn du einen Stundensatz von 500 Euro hast und mit drei, vier längeren Telefonaten deinen Urlaub gegenfinanzieren kannst.

    Zwei der Frauen aus der Clique äußern eine gewisse Unzufriedenheit darüber, dass die Großeltern fast überhaupt nichts mit ihren Enkeln unternähmen, sondern stattdessen die ganze Zeit golften. Ich habe den leisen Verdacht, dass die beiden Frauen sich nicht nur um die fehlende Großeltern-Enkel-Beziehung sorgen, sondern auch befürchten, ihr Plan, am Strand mit einem Glas Apérol Spritz zu entspannen, während die Kinder mit Oma und Opa unterwegs sind, könnte nicht aufgehen. Das ist halt der Nachteil, wenn die rüstigen Golden Ager aufgrund der Errungenschaften der pharmazeutischen Industrie bis ins hohe Alter zu sportlichen Aktivitäten verdammt sind und überhaupt nicht mehr dazu kommen, sich mit den Enkelkindern zu beschäftigen.

    Die Arztgattin erzählt von ihrem neuen Badeanzug, den sie sich bestellt habe, aber noch nicht tragen würde, weil die Körbchen so komisch aussähen. Sie wisse nicht, ob sie den lieber wieder zurückgibt, da solle doch ihr Mann erstmal einen Blick darauf werfen. Der zeigt sich sehr interessiert und sagt, da wäre er selbstverständlich gerne behilflich. Heute Abend hätte er nichts vor, da würde er den Badeanzug und dessen Inhalt mal sehr genau inspizieren. Den Rest verstehe ich leider nicht, da die Tochter „Papa, das ist eklig“ ruft und dann sehr laute und sehr realistische Kotzgeräusche macht.

    Rummikub: Wer Energy trinkt, gewinnt

    Abends spielen wir in der Ferienwohnung Rummikub. Die Frau sagt, das funktioniere im Prinzip wie Rommee, aber halt nicht mit Karten, sondern mit Steinen. Eine wirklich hilfreiche Erklärung, wäre es nicht ungefähr 100 Jahre her, dass ich das erste und einzige Mal Rommee gespielt habe. Bei der weiteren Erläuterung der Spielregeln verweist sie dennoch mehrmals auf die Rommee-Regeln. Ob ich wohl eine andere Sprache als sie spreche? Ich habe doch gerade erst gesagt, dass ich mit den Rommee-Regularien nicht mehr im Detail vertraut wäre. Oder blendet sie einfach aus, was ich sage? Gut, wer will es ihr nach 23 Jahren Beziehung verübeln.

    Wir spielen zwei Runden, die der Sohn beide sehr souverän gewinnt. Aufgrund der vielen Energy-Drinks läuft sein Gehirn wahrscheinlich im Turbo-Modus und er kann fünf-dimensionale Zusammenhänge erkennen, so dass er mir strategisch haushoch überlegen ist. Oder ich spiele einfach sehr schlecht Rummikub und sollte mir doch noch mal die Rommee-Regeln anschauen.

    Unser tägliches Kniffel-Spiel gib uns heute

    Ich übernehme die Führung in der Kniffel-Challenge. Ein bisschen unangenehm ist mir das schon, weil ich ja schon den Kniffel-Pokal gewonnen habe. Andererseits kann ich jetzt ein Spaghetti-Eis gewinnen. Da kannst du dann nicht zu viel Rücksicht auf die eigenen Befindlichkeiten oder die der Familie nehmen.

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    Christian HanneChristian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
    Im September erscheint sein neues Buch „Papa braucht ein Fläschchen“. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind „Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter“, „Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit“ sowie „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“*. (*Affiliate-Links)
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