Eine kleine Wochenschau | KW26-2023 (Teil 2)

Teil 1


30. Juni 2023, Berlin

Heute gehe ich zum Friseur. Jedoch nicht, weil meine Frau oder sonst jemand, der das noch nie gemacht hat, versucht hat, mir die Haare zu schneiden. Ich hatte vorher schon einen Termin.

Beinahe hätte ich wieder zu meiner Stamm-Friseurin Ayşe gehen können, die seit ein paar Monaten nicht mehr in dem Laden arbeitet, zu dem ich immer gehe. Meine Frau hat sie kürzlich zufällig auf der Straße getroffen. Wobei, „zufällig“ und „auf der Straße“ nicht ganz zutreffend ist. Meine Frau hat sie gesehen, als Ayşe in dem Falafelladen neben ihrer alten Arbeitsstätte zu Mittag gegessen hat. Eine wahnsinnig clevere Akquisestrategie. Du siehst deine ehemaligen Kund*innen und isst dabei leckere Falafel.

Sie arbeite jetzt in einem Friseursalon, der gar nicht weit entfernt von uns sei, erklärte sie. Der sei auch nur geringfügig teurer. Anscheinend haben Ayşe und ich ein etwas anderes Verständnis von der Bedeutung des Wortes „geringfügig“. Ein Herrenhaarschnitt kostet dort in der günstigsten Variante 40 Euro – statt bisher 27 Euro –, meine Frau müsste sogar 62 Euro berappen.

Nun finde ich zwar, dass Dienstleistungen angemessen bezahlt werden sollen, aber 40 Euro für einen Haarschnitt finde ich doch zu teuer. Da lasse ich mir eher von N. die Haare schneiden. Der macht das bestimmt für einen Zehner.

Stattdessen gehe ich aber in den gleichen Friseurladen wie immer. Erneut habe ich einen Termin extra bei der Chefin ausgemacht, in der Hoffnung sie schneidet mir diesmal auch wirklich die Haare. Auf Chefinnen-Behandlung zu bestehen, klingt vielleicht etwas elitär, aber bei den ehemaligen Kolleginnen von Ayşe war ich immer nur so mittel zufrieden und wollte herausfinden, ob die Chefin das besser kann.

Als erstes bekomme ich von ihr persönlich die Haare gewaschen. (Wie ein Privat-patient, dem der Chefarzt ein Pflaster aufklebt.) Ich überlege, ob es später angebracht ist, wenn ich ihr ein Trinkgeld gebe. Schließlich ist sie die Chefin und da ist das vielleicht nicht üblich. Mein inneres Zwiegespräch bleibt ergebnislos, was aber egal ist, denn ich habe ohnehin kein Bargeld dabei.

Während des Haareschneidens versucht sich die Chefin im Smalltalk. Richtig gut ist sie darin nicht. Immer noch besser als ich, aber das ist kein besonders guter Maßstab. Wir quälen uns durch Themen wie Urlaubsorte, Mittagspause und das Wetter.

Kürzlich las ich im Clearer-Thinking-Newsletter von Spencer Greenberg über acht Tipps, wie du besseren Small Talk führst. Unglücklicherweise habe ich mir keinen einzigen davon behalten. Außer dass du dein Gegenüber ernst nehmen sollst. Das tue ich auf jeden Fall. Vor allem weil mein Gegenüber – beziehungsweise meine Hintermir – gerade mit einem Rasiermesser an meinem Ohr rumhantiert.

01. Juli 2023, Berlin

Meine Frau und ich betätigen uns in der Kulturtechnik des Ausgehens. Wir besuchen eine Lesung von David Sedaris. Weil wir das mit dem Weggehen nicht so häufig machen, haben wir vorher Guacamole mit sehr viel Knoblauch gegessen. Aber wenigstens nicht so viel, dass unsere Sitznachbar*innen ins Koma fallen.

Im Anschluss an die Lesung reihe ich mich in eine Dreißig-Meter-Schlange ein, um mir zwei Bücher signieren zu lassen. David Sedaris nimmt sich für jeden und jede, die an seinen Tisch treten, viel Zeit, unterhält sich ein wenig und malt etwas in die Bücher. Das ist einerseits sehr nett, andererseits auch recht langwierig. Aber für ihn sind die Unterhaltungen mit den Fans ein Quell von Anekdoten für neue Geschichten.

Nach knapp drei Stunden bin ich an der Reihe. Ich frage mich, ob David Sedaris überhaupt noch seinen Namen kennt oder ich nach der Warterei meinen.

Ich erkläre ihm, eines der Bücher sei ein Geburtstagsgeschenk für eine Freundin. Daraufhin will er wissen, wann ich Geburtstag habe und was ich mir wünsche. Wahrheitsgemäß antworte ich, ich hätte keine Wünsche, und frage zurück, was sein Geburtstagswunsch sei.

Er habe kürzlich einen Spiegel in Dänemark gesehen, erzählt er. 2×1 Meter groß und mit goldenen Blättern den Rahmen entlang. Für 12.000 Euro. Ich erwidere, ich würde leider niemanden kennen, der mir etwas für 12.000 Euro schenkt. David Sedaris meint, er lasse sich den Spiegel vielleicht von seinem Mann schenken. Von seinem eigenen Geld zwar, aber es wäre die Geste, die zählt. Dann gibt er mir meine signierten Bücher zurück.

Ich bezweifle, dass David Sedaris meine Ich-wünsche-mir-nichts-zum-Geburtstag-Antwort in seinem nächsten Buch verwenden wird. Dafür hat er es mit seinem 12.000-Euro-Spiegel aber in meinen Blog geschafft.

02. Juli 2023, Berlin

6.30 Uhr. Heute verabschiedet sich der Sohn. Er fährt auf Klassenfahrt. Eine Woche Paris. Als erfahrene Eltern wissen wir, dass wir ihn nicht zum Bahnhof begleiten müssen. Das letzte Mal, dass wir das gemacht haben, war bei der Tochter in der 9. Klasse. Außer uns war noch eine andere Mutter da. Während meine Frau und ich wie zwei Helikoptereltern aus dem Bilderbuch rumstanden, ignorierte uns die Tochter geflissentlich.

Daher fragten wir den Sohn nur pro forma, ob wir mit zum Bahnhof kommen sollen. Anscheinend stellte er sich vor, wie wir mit Taschentüchern winkend dem abfahrenden Zug hinterherlaufen, denn ein Anflug von Panik huschte kurz über sein Gesicht. Dann erklärte er, das sei nicht nötig. Wirklich nicht.

Vor zwei Wochen trübte der Lehrer die Vorfreude des Sohns auf die Klassenfahrt erheblich, als er den Schüler*innen mitteilte, sie müssten Referate halten und Reisetagebuch führen. Am meisten Unverständnis rief bei ihm allerdings hervor, dass ein striktes Alkoholverbot herrscht und sie um 22 Uhr auf den Zimmern sein müssen.

Ich verstehe den Lehrer und seine Bettruhevorgaben dagegen sehr gut. Ohnehin frage ich mich, wie masochistisch veranlagt du sein musst, um mit einer Gruppe von 16/17-jährigen in eine europäische Großstadt zu fahren. Was da alles passieren kann! Als Lehrer*in stehst du da die ganze Zeit mit anderthalb Beinen im Knast. Bei mir dürften die Schüler*innen auf einer Klassenfahrt gar nicht ihre Zimmer verlassen.

Trotz Referaten, Reisetagebuch und strengen Vorgaben zu Schlafenszeiten und Alkoholkonsum hat der Sohn es immer noch besser erwischt als sein Freund T. Während der gesamte Jahrgang europäische Metropolen wie Florenz, Edinburgh und London oder die Amalfi-Küste bereist, ist das Reiseziel des Kunst-LKs deutlich weniger attraktiv: Für den geht es nach Würzburg. Wenn ich den Sohn richtig verstehe, ist es ihm immer noch lieber um 22 Uhr nüchtern in einem Pariser Hotel zu liegen, als sturzbesoffen in Würzburg durchzumachen.


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Eine kleine Wochenschau | KW24-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


12. Juni 2023, Berlin

Nach unserem Irland-Urlaub steht die Resozialisierung in den Erwerbsarbeit-Alltag an. Ein nicht ganz einfaches Unterfangen, nachdem wir tagelang bei bestem Wetter durch die irische Landschaft gewandert sind und unser Sozialleben abgesehen von vereinzelten Kontakten mit anderen Wander*innen sowie B+B-Gastgeber*innen in erster Linie aus Begegnungen mit Kühen und Schafen bestand.

Auch kulinarisch ist die Wiedereingliederung eine Herausforderung. Eine Woche lang gab es morgens Würstchen, Speck, Rührei und Pancakes und abends stärkten wir uns in irischen Pubs mit Burgern und Pommes oder Fish & Chips. Meine Frau hielt es heute Morgen aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen nicht für nötig, mir ein ähnliches Frühstückangebot zu unterbreiten. Ich möchte das nicht direkt als Zeichen mangelnder Wertschätzung und Zuneigung interpretieren, empfinde es aber dennoch als äußerst bedauerlich.

Stattdessen muss ich mir selbst Haferflocken machen. Zumindest mein Cholesterinspiegel freut sich darüber.

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Eine kleine Wochenschau | KW24-2023 (Teil 2)

Teil 1


15. Juni 2023, Berlin / Westerburg

15 Uhr. Wir sitzen im Zug nach Frankfurt. Am Vierer-Tisch neben uns telefoniert ein Geschäftsmann und ist wichtig. Die Frau neben ihm liest in der Barbara. (In der Zeitschrift, nicht in einer Frau namens Barbara.)

Gegenüber sitzt ein Paar, bei dem mir der Mann schon auf die Nerven geht, als wir einsteigen. Ich weiß gar nicht warum. Vielleicht weil er eine modisch fragwürdige blaue Fleeceweste trägt, die ihm zwei Nummern zu groß ist, und dazu ein farblich nicht passendes kariertes Hemd? Ich hoffe nicht. Schließlich möchte ich nicht so oberflächlich sein, dass ich jemanden aufgrund seines geschmacklosen Kleiderstils ablehne.

Der Mann redet ununterbrochen auf seine Frau ein und strahlt mittelstarke Boomer-Vibes aus. Das ist wiederum ein guter Grund, ihn nervig zu finden. Kurz nach Hannover schläft der Laberhorst ein. Dadurch wirkt er gleich nicht mehr ganz so nervig. Mein Glück ist nur von kurzer Dauer. Nach fünf Minuten weckt ihn seine Frau, weil ihr Handy nicht richtig lädt. Nun finde ich sie auch nervig.

Die Fahrt verläuft erfreulich problemlos und ohne größere Vorkommnisse. Zwischendurch schreibe ich meinem Vater, wir kämen pünktlich in Limburg an. Ein großer Fehler. Mit der Nachricht erzürne ich den Bahn-Gott, der sich denkt: „So nicht, Freundchen. Ob ihr pünktlich seid oder nicht, entscheide immer noch ich.“

25 Minuten bevor wir Frankfurt erreichen, bleibt unser Zug stehen. Die Zugbegleiterin meldet sich. Im Abschnitt vor uns brenne ein Böschungskran. Ich habe keine Ahnung, was ein Böschungskran ist, aber wenn er brennt, scheint das ein Problem zu sein. Wir müssen nun ein Stück zurückfahren, bis wir einen Punkt erreichen, an dem wir auf eine andere Strecke Richtung Frankfurt ausweichen können. Die ist allerdings nicht für ICE-Geschwindigkeiten ausgelegt, so dass wir nur mit gedrosseltem Tempo fahren können.

Zunächst zeigt die Bahn-App eine Verspätung von 45 Minuten an, dann 60, dann 90, dann 105 und schließlich 115. Eine gute Gelegenheit, den inneren Stoiker zu trainieren. Schließlich änderst du an der Situation nichts, wenn du dich aufregst. Dadurch hört der Böschungskran nicht auf zu brennen und der Zug fährt auch nicht schneller.

Die Atmosphäre im Wagon ist insgesamt relativ entspannt. Lediglich ein wenig Sarkasmus und Galgenhumor sind aus der ein oder anderen Bemerkung herauszuhören. Dass die Stimmung so gut ist, liegt sicherlich auch daran, dass das Bordbistro, das eigentlich schon geschlossen worden war, wieder aufgemacht wurde und nun die umsatzstärksten Stunden des Jahres erlebt.

Irgendwann erreichen wir den Frankfurter Hauptbahnhof. Mit 140 Minuten Verspätung. Wir legen erstmal einen kurzen kulinarischen Boxenstopp bei Burger King ein.

Anschließend geht es weiter Richtung Limburg mit dem 22.09-Uhr-Zug. Der fährt aber erst um 22.20 Uhr los. Der Zug ist sehr voll und ohne Platzreservierungen bleibt uns nichts anderes übrig, als mit unseren Koffern im Gang zu stehen, Seit an Seit mit anderen Reisenden, die ebenfalls keine Platzreservierungen haben.

Die 30-minütige Fahrt ist der zäheste Abschnitt unserer heutigen Reise. Ich führe ein Experiment durch, ob sich die Reisezeit verkürzt, indem du alle 30 Sekunden auf deine Uhr schaust. Das Ergebnis: Tut sie nicht.

Mein Bruder holt uns in Limburg ab und wir erreichen kurz vor Mitternacht Westerburg. Obwohl mein Vater das gar nicht vorhatte, können wir nun in seinen Geburtstag reinfeiern. Vielleicht war es das, was der Bahn-Gott bezweckt hat.

16. Juni 2023, Westerburg

Die eigentliche Geburtstagsfeier meines Vaters findet morgen statt, für heute hat er ein paar Nachbar*innen und Leute aus dem Ort eingeladen. Der Bürgermeister macht seine Aufwartung. Mit dem habe ich zusammen Abitur gemacht. Da er bei der Schüler Union war, hatte ich aber nicht sonderlich viel mit ihm zu tun. (Nachdem ich mich eine Minute mit ihm unterhalte, weiß ich wieder warum.)

Der Pfarrer ist ebenfalls da. Er ist einer meiner besten Schulfreunde. Mit M. habe ich früher so viel gemeinsam erlebt und gefeiert, dass ich immer, wenn ich ihn im Talar sehe, denke, er hätte sich verkleidet. Seine Frau ist auch mitgekommen. Mit ihr war ich von der ersten Klasse bis zum Abitur in einer Klasse. Sie ist inzwischen Richterin.

Leider habe ich keine Klassenkameraden, die jetzt Sparkassen-Direktor oder Bauunternehmer sind. Sonst hätten wir die Charaktere für einen launigen Regional-Krimi zusammen. („Der Wut-Würger vom Westerwald“)

17. Juni 2023, Westerburg

Der Trainingsplan für meinen geplanten 10-Kilometer-Laufs sieht heute eine Runde von 22 Kilometern vor. Allerdings hatte ich eine sehr unruhige Nacht. Ich bin erst um 3 Uhr eingeschlafen – obwohl ich um kurz nach Mitternacht ins Bett gegangen war –, wachte mehrmals auf und ab 7 konnte ich gar nicht mehr schlafen. Es ist nicht auszuschließen, dass es einen Zusammenhang zwischen der schlechten Schlafqualität und meinem gestrigen Sektkonsum sowie einigen Häppchen, die ich mir kurz vorm Schlafengehen noch einverleibt habe.

Ich beschließe, den Lauf ausfallen zu lassen. Das würde mich für den Rest des Tages und für die späteren Feierlichkeiten erledigen. Das wäre nicht so gut, denn als Sohn des Jubilars habe ich möglicherweise gewisse Repräsentationspflichten. Da kann ich nicht halb schlafend irgendwo in der Ecke hocken.

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Mein Vater hat die Geburtstagsgesellschaft in ein feines Restaurant eingeladen. Im Prinzip das einzige feine Restaurant der Gegend. Das Essen ist durchaus konkurrenzfähig mit guten Küchen in Berlin. Lediglich die Portionen sind etwas groß. Das ist dem Westerwald geschuldet. Hier muss Essen lecker, aber vor allem reichlich sein. Sonst kommt niemand und du gehst schneller pleite, als du experimentelle Molekularküche sagen kannst.

Die Feier startet mit einem Sektempfang. Eine ältere Dame, mit der ich mich unterhalte, teilt mir mit, auf der nichtalkoholischen Aperitif-Alternative schwömmen kleine Ingwer-Raspeln. Das bräuchte kein Mensch. Wer bin ich, dass ich 85 Jahren Lebensweisheit widerspreche, denke ich, und nehme mir lieber ein Glas Sekt.

Unsere Kinder, die nur einen Bruchteil der Gäste kennen, müssen immer wieder das gleiche Ritual über sich ergehen lassen. Zunächst wird sich darüber ausgelassen, wie groß sie geworden sind. Anschließend wird der Sohn gefragt, ob er schon wisse, was er nach der Schule machen will – das würde mich auch interessieren – und anschließend die Tochter, wie lange sie noch zu studieren habe und was sie danach geplant habe. (Auch das würde mich interessieren.) Ungünstigerweise sind die Kinder nicht mehr klein und süß, so dass sie nach den Unterhaltungen von den Gästen nur aufgrund ihrer Niedlichkeit fünf Euro zugesteckt bekommen.

Ich mache auf der Feier die Erfahrung, dass Menschen mit zunehmendem Alter ihren sozialen Filter verlieren. Sie geben immer weniger auf Konventionen und sagen einfach, was sie denken. Das führt zum Beispiel dazu, dass mir eine Frau, bei der ich mir nicht hundertprozentig sicher bin, wer sie überhaupt ist, zur Begrüßung sagt, dass mein Bart ganz schön weiß sei. Meine Frau bekommt wiederum mehrfach zu hören, dass ihr das graue Haar gut stünde. Damit ergeht es uns immer noch besser als meinem Bruder. Der bekommt von einem Gast erklärt, er habe seit ihrer letzten Begegnung ganz schön zugelegt.

Übrigens stimmen diese Aussagen alle. Die Gäste sind aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters vielleicht ein wenig undiplomatisch, verfügen aber immer noch über eine scharfe Beobachtungsgabe, gutes Augenlicht und einen wachen Geist. Was willst du mehr mit 80+?

18. Juni 2023, Westerburg / Berlin

Heimfahrt nach Berlin. Diesmal läuft alles glatt. Kurz nach Wolfsburg schreibe ich meinem Bruder, wir seien pünktlich. Der Bahn-Gott schüttelt den Kopf und fragt mich: „Alter, hast du auf der Hinfahrt gar nichts gelernt? Ich entscheide über die Pünktlichkeit und nicht irgendein hergelaufener Wurm.“

Eine Minute später stoppt der Zug und es kommt eine Durchsage des Schaffners. Heute brennt kein Böschungskran, sondern im auf der Strecke vor uns befänden sich Personen auf den Gleisen, die da nicht hingehören. Wir könnten unsere Fahrt erst fortsetzen, wenn diese ausfindig gemacht worden seien. Eine halbe Stunde später geht es weiter, obwohl die Personen noch nicht gefunden wurden. Daher dürfen wir nur mit gedrosselter Geschwindigkeit fahren.

Mit gut einer Stunde Verspätung erreichen wir Berlin. Oder um es positiv auszudrücken: 80 Minuten pünktlicher als auf der Hinfahrt. Danke, Bahn-Gott!


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Eine kleine Wochenschau | KW22-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


29. Mai 2023, Berlin

Heute ist nicht nur Pfingsten, der Tag, an dem der Heilige Geist über die Apostel gekommen ist, was auch immer das bedeuten soll, sondern auch „Lerne, wie kompostieren geht“-Tag. Wenn ich mir das Zimmer des Sohns mit den benutzten Müslischalen, Töpfen mit Nudelüberbleibseln, fast leeren Kaffeetassen und Dönerresten im Mülleimer anschaue, komme ich zu dem Schluss, dass er diesen Tag ganzjährig und sehr enthusiastisch begeht.

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Eine kleine Wochenschau | KW21-2023 (Teil 2)

Teil 1


26. Mai 2023, Berlin

Für unseren Irland-Wander-Trip muss ich noch ein paar Besorgungen machen. Dafür stehe ich nun im dm vor einem Regal mit einem unübersichtlichen Angebot an Erste-Hilfe-Utensilien.

Es gibt Verbandszeug in unterschiedlicher Länge und Materialbeschaffenheit, Wundsalben, Desinfektionsspray, Bandagen und Tapes sowie eine verwirrend große Auswahl an Pflastern. Kleine, große, zugeschnittene, nicht zugeschnittene, sensitive, unsensitive, teure, billige, Kinderpflaster mit lustigen Tiermotiven und Erwachsenenpflaster in ödem Braun, bei deren Anblick dir sofort dieser spezielle Geruch aus der Kindheit in die Nase steigt, wenn dir Mama ein Pflaster auf das aufgeschlagene Knie geklebt hat.

Ganz unten im Regal stehen ein paar Tuben mit der Aufschrift „Pferdesalbe“. Für Begriffsstutzige ist ein Pferd auf den Etiketten abgebildet. Ich frage mich, für was die Salben gut sind. Werden sie von Pferden mit rissigen und schrundigen Hufen benutzt? Dann stünden sie wohl eher in der Tierhandlung und nicht in der Drogerie.

Oder wird bei der Herstellung der Salbe Pferd verwendet? Kann ich mir nicht vorstellen. Und falls doch, würde das bestimmt nicht extra auf die Tube geschrieben. Bei der Tiefkühl-Pferdelasagne wurde seinerzeit ja auch nicht an die große Glocke gehängt, dass sie keine Rinderbolo, sondern Fury-Hack enthält.

Durch eine kurze Internet-Recherche erfahre ich, dass die Salbe ursprünglich tatsächlich bei Pferden eingesetzt wurde. Zum Eincremen schmerzender Beine. Irgendwann hat sich dann anscheinend ein Mensch gedacht, was für Black Beauty gut ist, wird mir auch nicht schaden und hat sich das Zeug auf die Haxen gekleistert.

Neben dem Erste-Hilfe-Regal werden Kondome angeboten. Die brauchen wir aber nicht für unsere Wander-Tour. Außerdem könnten wir sie auch vor Ort erwerben. Rezeptfrei gibt’s die in Irlandt allerdings erst seit 1985 und bis Anfang der 1990er Jahre nur in ausgewählten Apotheken und so genannten Familien-Planungs-Zentren. (Wahrscheinlich erst nach längeren Diskussionen, ob Enthaltsamkeit nicht die bessere Verhütung ist, und einem Vortrag über die Vorzüge, 18 Kinder zu haben.)

Interessanterweise steht bei den Kondomen auch Läuse-Shampoo. (Für den Kopf, nicht für untenrum.) Vielleicht als Warnhinweis: Ohne Kondome bekommst du Kinder und zwei, drei Jahre später liest du am Schwarzen Brett in der Kita einen Aushang mit der Aufschrift „Achtung! Wir haben Läuse!!!“ (Um den ernst der Lage zu betonen, immer mit drei Ausrufezeichen. Was vollkommen unnötig ist, denn wenn in einer Kita das Wort „Läuse“ fällt, schrillen sowieso bei allen die Alarmglocken.)

Herpespflaster gibt es ebenfalls bei den Kondomen. Das ist unlogisch. Mit einem fetten Lippenherpes brauchst du keine Präservative. Der verhindert mit hundertprozentiger Erfolgsquote die Anbahnung jedweder sexuellen Aktivität und damit ungewollte Kinder oder Geschlechtskrankheiten.

Die Blasenpflaster, die auf meiner Liste stehen, finde ich wiederum nicht bei den Erste-Hilfe-Utensilien. Bei den Verhütungsmitteln ebenfalls nicht. Nach längerem Suchen entdecke ich sie bei den Strumpfhosen und Fußpflegeprodukten. Wie soll sich da ein Mensch zurechtfinden?

27. Mai 2023, Berlin

Wir wohnen in einer ziemlich engen Straße. Wenn die Autos links und rechts nicht ganz exakt in den vorgesehenen Flächen geparkt sind, wird es für entgegenkommende Autos schwierig, aneinander vorbeizufahren. Die Autos links und rechts sind recht häufig nicht ganz exakt in den vorgesehenen Flächen geparkt.

So auch heute Vormittag. Deswegen stehen sich ein weißer Lieferwagen und ein roter Kombi gegenüber. Einer der Fahrer müsste ein wenig zurücksetzen, um etwas Platz zu schaffen. Das passiert selbstverständlich nicht. Sobald sich Menschen in einen PKW setzen, vergessen die meisten Tugenden wie Nachsicht, Entgegenkommen oder Rücksichtnahme.

Hinter den beiden Autos warten drei bis vier weitere Fahrzeuge, die aufgrund der Lieferwagen-Kombi-Pattsituation auch nicht weiterkommen. Ein Fahrer hupt wütend. Lang und laut. Wahrscheinlich denkt er, die Schallwellen wirbeln den Weg frei. Tun sie jedoch nicht.

Der Fahrer des Lieferwagens und des Kombis haben inzwischen ihre Fensterscheiben runtergekurbelt. Sie diskutieren, wer zurücksetzen soll. Im Prinzip sind sie einer Meinung: Der andere soll Platz machen.

Was bemerkenswert ist: Die Männer reden vollkommen ruhig miteinander. Vielleicht ein klein wenig aufgebracht, aber sie schreien sich nicht an und bedenken sich auch nicht mit allerlei Unflätigkeiten. Für Berlin ist das sehr ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher, als wenn einer der beiden freiwillig zurückfahren würde.

Das Verkehrsaufkommen in der Straße nimmt weiter zu.

Aus dem Kombi steigt eine Frau aus und fotografiert das Kennzeichen des Lieferwagens. Keine Ahnung warum. Vielleicht ist sie eine Art Trainspotterin aber für Nummernschilder. Immer wenn sie eins sieht, macht sie ein Foto davon. (Ein sehr zeitaufwändiges Hobby.)

Die beiden Männer verlassen ihre Autos ebenfalls. Aber nicht um ihre Unterhaltung durch einen Faustkampf fortzusetzen, sondern um sich gegenseitig zu zeigen, wie wenig der andere nur zurückfahren müsste, um die Situation aufzulösen. Dabei reden sie weiterhin vollkommen sachlich und besonnen. Die beiden führen quasi einen herrschaftsfreien Diskurs, bei dem Habermas vor Rührung feuchte Augen bekäme. Vielleicht befinde ich mich nicht mehr in Berlin, sondern in einem Paralleluniversum. Das bessere Argument setzt sich trotzdem nicht durch. Die Autos werden keinen Millimeter bewegt.

Der Verkehr auf beiden Seiten staut sich mittlerweile bis nach Brandenburg.

Nach gut fünfzehn Minuten finden die Männer doch einen Kompromiss. Sie quetschen sich einfach gleichzeitig vorwärts aneinander vorbei. Lieber fahren sie sich eine Schramme ins Auto, als auch nur ein µ nachzugeben. Sehr schön. Das ist Berlin, wie ich es kenne.

28. Mai 2023, Berlin

Die Leichtathletik-Abteilung des TSV GutsMuths schickt mir eine Mail. Am 3./4. Juni findet das jährlich Sportfest statt, zu dem ich herzlich eingeladen werde.

Das Sportfest besteht aus den Disziplinen 100 Meter, Weitsprung, Kugelstoßen und 800 oder 1.500 Meter. Was das mit Fest zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht. Der TSV GutsMuths und ich scheinen sehr unterschiedliche Auffassungen davon zu haben, was ein Fest zu einem Fest macht.

Das mit den 800 oder 1.500 Metern bekäme ich hin. Wenn ich aber 100 Meter renne, versuche, beim Weitsprung nicht vor der Sandgrube zu landen, und mich beim Kugelstoßen bemühe, dass mir die Eisenkugel nicht auf die Füße fällt, verstoße ich wahrscheinlich gegen Artikel 1 des Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar.“) Daher verzichte ich auf die Sportfest-Teilnahme und verschiebe die Mail in den virtuellen Papierkorb.


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Eine kleine Wochenschau | KW21-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


22. Mai 2023, Berlin

Nachdem vor zwei Wochen der Frühling eingezogen ist, macht sich heute schon der Sommer breit. Es sind 27 Grad.

Kurz vorm Supermarkt steht ein Mann mit einem ungefähr dreijährigen Mädchen auf dem Arm. Die Kleine weint bitterlich und ist nicht zu beruhigen.

Der Mann legt eine bewundernswerte Gelassenheit an den Tag. Wahrscheinlich führt er jeden Tag Meditations- und Achtsamkeitsübungen durch. Oder frühstückt morgens Beruhigungsmittel. Er fragt seine Tochter mit sanfter Stimme: „Was möchtest du denn, Spätzchen?“ „Einen Mantel“, schluchzt das Kind und vergräbt in größter Verzweiflung sein Gesichtchen in der Schulter seines Papas.

Heutzutage ist es nicht mehr opportun, Kinderwünsche mit einem barschen „Nein“ abzuschlagen und das ist auch gut so. Kinder sollen in einer positiven Ja-Umgebung aufwachsen. Das ist das kleine 1×1 der bedürfnisorientierten Erziehung. Dennoch habe ich großes Verständnis, als der Mann antwortet: „Das geht nicht, Spätzchen, dafür ist es viel zu warm.“

Die Kleine ist allerdings ganz anderer Ansicht. Wenig Spätzchen- sondern eher Hulk-like brüllt sie in der Lautstärke eines Düsenjets beim Durchbrechen der Schallmauer. Bei allem Mitgefühl für den Vater bin ich froh, dass ich in den Supermarkt gehen kann und mich des Problems nicht annehmen muss.

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Eine kleine Wochenschau | KW20-2023 (Teil 2)

Teil 1


19. Mai 2023, Berlin

Neben dm hat ein neuer Döner-Laden aufgemacht. Als Eröffnungs-Angebot gibt es einen Schüler-Döner. Ich hoffe, „Schüler“ bezieht sich auf die Zielgruppe und nicht den Inhalt des Döners.

Anfang der Woche kostete der Schüler-Döner noch fünf Euro, heute nur noch 4,90. Eine Preisreduktion von zwei Prozent. Ich bin mir nicht sicher, ob das ausreicht, um das Geschäft anzukurbeln.

20. Mai 2023, Berlin

Der Tochter geht es inzwischen besser. Bei unserem Telefonat erzählt sie davon, wie sie kürzlich auf einer Irland-Rundreise in einem Pub mit zwei Iren ins Gespräch kam. Als sie sagte, sie käme aus Deutschland, meinte einer der beiden: „Ah, Angela Merkel. Thank you for all the money.“ Dann haben sie sie auf ein Bier eingeladen. „As our way to pay you back.“ Schön, wie die EU zur Völkerverständigung beiträgt.

21. Mai 2023, Berlin

In meinem Spam-Ordner finde ich eine Mail mit dem Betreff „Ihre privaten Informationen wurden durch verdächtige Ereignisse gestohlen.“ Solche Spam-Mails bekomme ich häufiger, das ist nicht weiter ungewöhnlich. Dafür aber der Absender: Der bin ich selbst. Ich bin aber skeptisch, ob die Nachricht tatsächlich von mir ist. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, sie geschrieben zu haben.

Die Mail beginnt mit einem freundlichen „Ich grüße Sie!“ Ich begrüße mich gewissermaßen selbst. Das ist nett. Und zeugt von gutem Benehmen. Das passt zu mir.

Danach heißt es: „Ich möchte mich Ihnen gerne vorstellen.“ Das ist etwas unnötig. Schließlich kenne ich mich seit 47 Jahren. Deswegen könnte ich mich auch ruhig duzen.

„Ich bin ein spezialisierter Hacker und habe es geschafft, ihr Betriebssystem zu hacken.“ Das ist sehr unrealistisch. Ich kann zwar einige Software-Programme ganz gut bedienen, aber meine Computer-Kenntnisse reichen definitiv nicht aus, um irgendetwas zu hacken. Außerdem besitze ich keinen schwarzen Hoodie und als Hacker musst du zwingend einen schwarzen Hoodie tragen. Das weiß man aus Serien und Filmen und schlechten Stockfotos.

In einer sehr langatmigen Ausführung beschreibe ich, wie es mir gelungen ist, mittels eines Trojaners die Kontrolle über meinen Computer zu erlangen. Da habe ich mir das Leben unnötig schwer gemacht. Schließlich ist es mein Computer und ich besitze sämtliche Zugangsdaten. Somit hätte ich mir diesen Trojaner-Quatsch sparen können. Allerdings bin ich manchmal etwas kompliziert. Es kann also durchaus sein, dass ich so vorgegangen bin.

In der Mail erkläre ich nun, dass ich jetzt uneingeschränkten Zugriff auf meinen Computer und alle Geräte, die mir gehören, habe. Was meine ich mit „alle Geräte, die mir gehören“? Habe ich mir Zugang zu unserem Kühlschrank erschlichen? Das ist keine große Kunst. Schließlich wohne ich hier. Da muss ich nur in die Küche gehen, die Kühlschranktür öffnen und – zack – habe ich uneingeschränkten Zugriff auf Marmelade, Käse und Milch.

Endlich komme ich zum eigentlichen Anliegen meiner Mail an mich. Angeblich habe ich ein Video angefertigt, auf dem ich auf der linken Seite bei einer meiner „leidenschaftlichen Masturbationssitzungen“ zu sehen bin, während auf der rechten Seite die „schmutzigen Videos“ ablaufen, die ich mir dabei angeschaut habe.

Jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass die Mail nicht von mir ist. Mir fehlt schlicht das notwendige Know-how, um so einen Clip zu erstellen. Allerdings würde mich schon interessieren, was das für „schmutzige Videos“ sind, die zu den „Masturbationssitzungen“ führen. Und sogar „leidenschaftlichen“.

Ich kann aber noch aus einem weiteren Grund ausschließen, dass es Masturbations-Tapes von mir gibt. Bekanntermaßen geht mein Arbeitszimmer zum Hinterhof hinaus. So wie ich der Nachbarin beim Duschen zuschauen kann, könnte sie mich beim Onanieren am Computer beobachten. Das würde ich nicht wollen. Nicht zuletzt, weil das für mich den befriedigenden Aspekt der Selbstbefriedigung erheblich mindern würde.

Um zu verhindern, dass das Video an alle meine Kontakte verschickt wird, soll ich Geld an mich überweisen. 1.750 Euro. Das finde ich ambitionslos wenig. So spektakulär kann das Video nicht sein. Sonst würde ich doch mindestens einen fünfstelligen Betrag von mir verlangen.

Die Summe soll in Bitcoins gezahlt werden. Da habe ich mich jetzt aber selbst ausgetrickst. Ich besitze gar kein Kryptowährungskonto. Das heißt, ich kann weder Bitcoins transferieren noch empfangen. Die Mail muss also ein Fake sein. Oder ich bin ein Riesentrottel, der nicht nur sich selbst scamt, sondern auch noch zu doof dafür ist.

Die Mail endet mit einem versöhnlichen „Ich wünsche Ihnen viel Glück.“ Das finde ich nett. Daher werde ich auf eine Selbstanzeige verzichten.


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Eine kleine Wochenschau | KW20-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


15. Mai 2023, Berlin

Der Sohn muss heute Chemie schreiben. Das Gute daran: Es ist die letzte Chemie-Arbeit seines Lebens. Das Schlechte daran: Er muss heute Chemie schreiben.

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Eine kleine Wochenschau | KW19-2023

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08. Mai 2023, Berlin

Wir gehen ins Kino. Kannst du ja problemlos machen, wenn die Kinder groß sind. Passiert trotzdem nur selten. Wir schauen Guardians of the Galaxy, Vol. 3, und haben uns in der letzten Reihe luxuriöse Sessel gegönnt, in denen du fast liegen kannst. Kannst du ja problemlos machen, wenn du nur selten ins Kino gehst.

Um trotzdem etwas Geld zu sparen, haben wir unsere eigenen Snacks mitgebracht. 17-Uhr-Christian hat Stullen geschmiert, Äpfel geschnitten und Gemüse-Chips eingepackt. 20-Uhr-Christian muss nun seinen Sitznachbar*innen zusehen, wie sie Nachos mit Käsesauce, M + Ms und Gummibärchen essen, und findet, dass 17-Uhr-Christian ein Volltrottel ist.

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Eine kleine Wochenschau | KW19-2023 (Teil 2)

Teil 1


11. Mai 2023, Berlin

Heute ist Iss-was-du-willst-Tag. Und morgen der Steige-auf-keinen-Fall-auf-die-Waage-Tag.

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Die jährliche Vorsorgeuntersuchung beim Urologen steht an. Nicht gerade der schönste Termin des Jahres, aber was muss, das muss. Besser sich einmal alle zwölf Monate den Finger in den Po stecken und den Hoden kraulen lassen, als irgendwann unnötig an Krebs zu sterben, weil er nicht rechtzeitig entdeckt wurde.

Vor dem Urologen-Termin bin ich immer etwas nervös. Als eher schamhafter Mensch entkleide ich mich nur ungern vor anderen Menschen. Außerdem befürchte ich, ich hätte mich nicht gründlich genug gewaschen und könnte untenrum streng riechen. Das wäre sehr unangenehm. Vor allem für den Urologen.

Wegen der Aufregung schwitze ich stärker als gewöhnlich. Deswegen habe ich noch mehr Angst, im Schritt zu müffeln. Das signalisiert meinen Schweißdrüsen wiederum, nochmal richtig Gas zu geben. Es ist ein Teufelskreis aus Schweiß und Angst.

Die Untersuchung geht dann ganz schnell. Quasi rein raus. Ich verdränge den Gedanken, der Arzt hat sich besonders beeilt, weil ich wie ein Puma gestunken habe.

Anschließend muss ich ins Laborzimmer zur Blutabnahme. Eine äußerst attraktive Arzthelferin begrüßt mich und fragt, ob ich für den PSA-Test bereits bezahlt hätte. Ich verneine. Die Schlange am Tresen wäre so lang gewesen, aber ich würde das anschließend sofort erledigen.

Sie ermahnt mich, das ja nicht zu vergessen. Sonst käme sie persönlich zu mir nach Hause, um das Geld einzutreiben. Ich kann mir gerade noch ein unangenehm onkelhaftes „Ach, das wäre doch ganz nett“ verkneifen. Anscheinend hat der Urologe beim Abtasten der Prostata einen schmierlappigen Boomer in mir geweckt.

Nachdem sie die Kanüle aus meiner Vene gezogen hat, fragt mich die junge Frau, ob ich Blutverdünner nähme. „Nein“, erwidere ich. „Aber meine Frau.“ Eine Information so irrelevant, als hätte ich ihr gerade mitgeteilt, dass ich früher ein Zwergkaninchen namens Hasi als Haustier hatte. (Was auch nicht stimmt, denn meine Eltern fuhren eine strikte No-Haustier-Policy.)

Die Arzthelferin schaut mich etwas irritiert an. Schließlich sagt sie: „Gut, dann lege ich ihrer Frau einen Druckverband an, wenn ich ihr mal Blut abnehme.“ Dabei klebt sie mir ein Pflaster auf die winzige Einstichstelle an meinem Arm.

Ich verabschiede mich und bezahle am Tresen die Blutabnahme und den Test. Nach dem „Meine Frau nimmt Blutverdünner“-Unfug käme die Arzthelferin sowieso nicht mehr bei mir vorbei, um die Laborschulden einzufordern. Mein innerer Boomer macht ein trauriges Gesicht.

Wen auch immer es betrifft: Gehen Sie regelmäßig zur Hoden- und Prostatakrebsvorsorge. Die Untersuchung ist gar nicht so schlimm und kann Leben retten. Ihr eigenes.

12. Mai 2023, Berlin

Heute hat die Nachbarin aus dem Hinterhof nicht nur morgens geduscht, sondern nachmittags gleich nochmal. Langsam ist das mit der nachbarlichen Duscherei wirklich unangenehm. Möglicherweise sollte ich im Arbeitszimmer auch Milchglas-Fenster einbauen lassen, damit ich der Nachbarin nicht immer beim Duschen zusehen muss.

Aber vielleicht hat sie sie zweimal am Tag geduscht, weil sie weiß, dass ich sie dabei sehen kann, und ihr gefällt das. Weil sie irgendeinen voyeuristischen Exhibitionisten-Fetisch hat. Zumindest hält mein innerer Boomer das für möglich. Ich sollte ihn besser zum Schweigen bringen. Am besten mit einer kalten Dusche. Mein innerer Boomer ist nicht begeistert und sagt: „Aber nicht zu kalt. Du weißt schon, falls die Nachbarin zuschaut.“

13. Mai 2023, Berlin

Wache um kurz vor vier auf. Draußen vor unserem Schlafzimmer findet ein Heidenspektakel statt. Aber nicht von Autos, die durch die Straße rasen, oder durch Tourist*innen, die nach einer durchgefeierten Nacht ins nahegelegene Hostel zurückkehren. Nein, es sind Krähen, die diesen Lärm veranstalten. Sehr laut, sehr ausdauernd und sehr nervig. Frage mich, ob die Krähen gerade von einer Party zurückkommen und besoffen randalieren, oder ob sie auf dem Weg zur Frühschicht sind und sich denken, wenn wir wach sein müssen, muss der Christian auch nicht mehr schlafen.

Nach einer guten Stunde hört das Gekrächze endlich auf. Dafür fangen die Tauben mit ihrem Balzgegurre an. Auch hier stellt sich die Frage, ob die Tauben um die Häuser gezogen sind und ihnen ist jetzt vor dem Schlafen noch nach einem Sexhupferl. Oder sind sie gerade aufgewacht und wollen das Wochenende mit ein bisschen Morgensex einleiten? Anscheinend gibt es aber keine Beischlaf-Interessentinnen und die Tauberiche gurren über eine Stunde lang mit einer gleichermaßen ausdauernden wie penetranten Lautstärke.

Stehe um kurz vor sechs auf, mache mir einen Kaffee und setze mich im Wohnzimmer aufs Sofa, um ihn ganz in Ruhe zu trinken. Das funktioniert für 30 Sekunden. Dann fliegt eine Biene durch die geöffneten Balkontür und brummt lärmend durchs Zimmer, was einen entspannten Kaffeekonsum unmöglich macht.

Ich verstehe das nicht. Meine Frau hat erst kürzlich den Balkon mit verschiedenen Blumen frisch bepflanzt. Das heißt, die Biene könnte draußen ganz gemütlich frühstücken. Aber nein, sie muss vor unserem Bücherregal auf- und abfliegen, sich 20 Jahre alte Reiseführer aus London, der Bretagne und Dänemark anschauen und dabei mehr Lärm machen als ein Formel-1-Bolide auf dem Nürburgring.

Da lebst du schon in der Großstadt und musst dich trotzdem von Krähen, Tauben und Insekten terrorisieren lassen. Schönen Dank auch.

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Heute ist Tag des Apfelkuchens. Prinzipiell ein begrüßenswerter Ehrentag. Der aber nutzlos ist, wenn du keinen Apfelkuchen hast. Oder sonst irgendeinen Kuchen. Kekse gingen notfalls auch. Oder Schokolade. Oder irgendwelche kurzkettigen Kohlehydrate, die direkt ins zerebrale Belohnungszentrum ballern.

14. Mai 2023, Berlin

Heute ist Muttertag. Und unser Hochzeitstag. Gleich zwei Tage, die wir nicht groß feiern. Außer dass wir abends etwas Leckeres kochen. Aber das machen wir häufig sonntags. Ganz unabhängig von Mutter- und Hochzeitstagen. Und wir trinken einen Gin Tonic. Dazu sind wir auch nicht auf mütter- oder eheliche Ehrentage angewiesen.

Wie dem auch sei. Ein Prost auf unsere Mütter und auf uns.


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