Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
13. März 2023, Berlin
Heute ist Öffne-drinnen-einen-Regenschirm-Tag. Lieber wäre mir der Du-musst draußen-keinen-Regenschirm-öffnen-Tag. Ist es aber nicht. Es regnet. Dafür liegen die Temperaturen wenigstens im zweistelligen Bereich. Ob das Wetter-Glas halbvoll oder halbleer ist, hängt davon ab, ob du rausgehen musst oder drinbleiben kannst.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
06. März 2023, Berlin
Marathonvorbereitung, Woche 2. Heute ist ein flotter Zehner angesagt. Das ist keine Massenorgie zur Verbesserung der kardiorespiratorischen Ausdauer, sondern ein – wie es im Plan heißt – Tempodauerlauf von zehn Kilometern. Aber ich finde, flotter Zehner klingt cooler. (Ungefähr so cool wie „fesche Frisur“ oder „pfiffige Idee“.) Damit das Training richtig Spaß macht, liegt die Temperatur knapp über dem Gefrierpunkt und es schneeregnet leicht. Während des Laufes läuft meine Nase unnormal stark. Ich weiß nicht, ob das mit der Kälte, der Anstrengung oder mit irgendeiner anatomischen Anomalie meiner Nasenscheidewände zusammenhängt. Gäbe es ein Verfahren, mit dem aus halbflüssigem Nasenschnodder Energie gewonnen wird, könnte ich mit meinem Rotz allein die Energieprobleme Deutschlands, wenn nicht gar der ganzen Welt, lösen.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Der Laufplan sieht heute wie jeden Samstag wieder den 35-Kilometer-Lauf vor. Damit es nicht zu langweilig wird, müssen die letzten drei Kilometer im Marathon-Tempo gelaufen werden. Das ist gar nicht so einfach. Zum einen weil du dann ja schon 32 Kilometer gelaufen bist, zum anderen weil du dich in dem vorherigen wesentlich langsamerem Tempo gemütlich eingerichtet hast.
Das mit der sogenannten Endbeschleunigung klappt trotzdem ganz gut. Nur die letzten 500 Meter habe ich Schwierigkeiten, die Gedanken zu verdrängen, warum ich das eigentlich mache – mir fiel keine überzeugende Antwort darauf ein – und dass Spazierengehen doch eine viel angenehmere Art der Fortbewegung ist – da konnte ich mir nur recht geben. Dafür darf ich zuhause wieder Apfelsaft trinken. Die Freuden des kleinen Marathonvorbereiters.
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Heute ist Verehre-dein-Werkzeug-Tag. Zu Weihnachten hat die Tochter von ihren Großeltern ihre erste Werkzeug-Grundausstattung geschenkt bekommen. Mein Vater hat im Keller nachgeschaut, welches Werkzeug doppelt vorrätig ist, und sie mit Hammer, verschiedenen Schraubenziehern, Zange, Metermaß und Ähnlichem ausgestattet. Ich fand das sehr gut. Zum einen ist es nachhaltig, kein neues Werkzeug zu kaufen, wenn du gebrauchtes, funktionsfähiges verschenken kannst. Zum anderen entlastet es mich, wenn wir irgendwann den Keller entrümpeln müssen.
Mit ihrem Werkzeug-Set konnte die Tochter dann gleich ihren irischen Vermieter beeindrucken, als sie ihn bat, nach der Heizung in ihrem Zimmer zu schauen, die nicht richtig funktionierte. Er meinte, dazu bräuchte er aber einen Schraubenzieher. Sie erwiderte, dass sei kein Problem und reichte ihm einen. Daraufhin sagte er, er bräuchte auch noch eine Zange. Das sei ebenfalls kein Problem, sagte die Tochter, griff in ihren Werkzeugkarton und gab ihm die gewünschte Zange. Auf seine Frage, woher sie denn so gut mit Werkzeug ausgestattet sei, erklärte sie, ihre Großeltern hätten es ihr geschenkt. Daraufhin nickte er anerkennend und meinte: „That’s German efficiency.“
Ich habe mir mein erstes Werkzeug seinerzeit selbst gekauft. Als ich 19 war und zum Zivildienst weggezogen bin. Um Geld zu sparen, bin ich in einen Restpostenmarkt gegangen, wo alles nur eine D-Mark gekostet hat. So lernte ich damals, warum es „You get what you pay for.“ heißt. Bei dem Schraubenzieher, den ich dort erwarb, drehte sich immer der Griff mit, wenn du etwas schrauben wolltest, bei dem Zollstock waren auf einem Abschnitt die Längenangaben in der falschen Reihenfolge aufgedruckt, und die untere Seite der Wasserwaage war schief. So lernte ich noch zusätzlich: „Wer billig kauft, kauft doppelt.“
Wobei das in meinem Fall nur bedingt stimmt. So viel Werkzeug habe ich mir gar nicht gekauft, sondern mein Vater hat mich im Laufe der Jahre immer wieder mit (neuwertigem) Werkzeug versorgt. Und das ehre ich so sehr, dass ich es so gut wie nie benutze.
12. März 2023, Berlin
Später Nachmittag. Ich helfe dem Sohn bei seinen Musikhausaufgaben. (Ein Satz, der sich sehr falsch anhört.) Er muss einen Ausschnitt aus einem Charlie-Chaplin-Film mit Musik unterlegen.
Eigentlich sollte er die Aufgabe schon vor zwei Wochen abgeben. Da hatte er sie aber nicht richtig hinbekommen und der Lehrerin erklärt, er habe vergessen, die Datei hochzuladen. Letzte Woche hatte er dann Video und Musik irgendwie zusammengeschustert und dachte, er käme damit durch. Dann sah er kurz vor der Stunde, wie professionell ein Schulkamerad die Aufgabe umgesetzt hatte. Da war ihm klar, dass er sein Video unmöglich einreichen konnte, ohne den Eindruck zu erwecken, er habe die Vertonung des Clips an ein gehörloses Kita-Kind delegiert. Er wog ab, ob eine unentschuldigte Fehlstunde oder eine Fünf minus unvorteilhafter ist, entschied sich für letzteres und blieb dem Musikunterricht fern.
Morgen muss der Sohn seinen Clip aber wirklich vorweisen. Daher sitze ich mit ihm zusammen und unterstütze ihn dabei, die Videosequenzen mit halbwegs passender Musik zu unterlegen. Gewiss nicht, weil ich so ein gutes musikalisches Gespür habe. Ganz im Gegenteil. Es gibt Schrankwände Eiche rustikal, die über ein ausgeprägteres Rhythmusgefühl als ich verfügen. Dafür besitze ich aber ein Video-Schneide-Programm, das ich halbwegs bedienen kann.
Mein Vorschlag, wir könnten den Ausschnitt mit Heavy-Metall oder 30er-Jahre-Schlager vertonen, weil das besonders originell sei, findet beim Sohn nur wenig Anklang. Er entscheidet sich für eine Mischung aus Marsch- und konventioneller Stummfilm-Klavier-Musik und das ist wahrscheinlich auch besser so.
Nach einer Stunde sind wir fertig. Das Ergebnis ist vielleicht kein Meisterwerk, das in die Filmmusik-Geschichte eingehen wird, aber wir sind zufrieden. Zumindest sieht das Video nicht mehr aus, als habe es ein gehörloses Kita-Kind erstellt. Sondern ein Grundschul-Kind, das auf einem Ohr wenigstens noch 20 bis 30 Prozent hört.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
27. Februar 2023, Berlin
6.30 Uhr. Ich sitze auf dem Sofa, trinke Kaffee und bin nervös. Nicht weil ich auf dem Sofa sitze und Kaffee trinke. Das mache ich regelmäßig, da habe ich eine gewisse Routine und mein Pulsschlag erhöht sich deswegen nicht. (Erst ab der siebten Tasse Kaffee.) Heute startet für mich aber die Vorbereitung auf den Marathon in Hamburg. Darum bin ich etwas angespannt und aufgeregt.
Regelmäßige Mitleser*innen erinnern sich möglicherweise, dass der Marathon in Köln im letzten Jahr nicht besonders zufriedenstellend verlief. Mein Freund A., mein Marathon-Laufpartner in Crime, musste bei Kilometer 30 aussteigend, ich schleppte mich mehr gehend als laufend ins Ziel. Das war zwar kein existenzielles Scheitern, das mein Selbstbild und mein Selbstwertgefühl in den Grundfesten erschüttert hätte, aber genervt hat es mich trotzdem. Daher meldete ich mich kurz nach dem unbefriedigendem Lauferlebnis in Köln beim Hamburger Marathon an. Dieser findet in acht Wochen statt.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Laut Plan muss ich heute Intervallläufe machen. Sechs mal 1.000 Meter in circa 4:35, dazwischen immer 1.000 Meter Trabpause. Die Einheit klappt erstaunlich gut und das Tempo ist fast ein wenig zu langsam. Zumindest habe ich auf den letzten 300 bis 400 Metem nicht das Gefühl, dass mir die Beine abfallen, wie es die martialische Brachial-Prosa von Peter Greif prophezeit. Vielleicht werde ich in Hamburg doch die Kenianer herausfordern. Außer ich ziehe mir in den nächsten zwei Wochen doch den Kreuzbandriss zu.
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Mit seinen sechzehneinhalb Jahren hat der Sohn inzwischen ungefähr die gleiche Klamottengröße wie ich. Manchmal bedient er sich an meinem Kleiderschrank. Zum Beispiel zieht er gerne eine meiner Anzugshosen an. Die sei so schön bequem. (Hat der Junge noch nie eine Jogginghose getragen?)
Als ich mich heute früh für einen Kundentermin einkleiden möchte, sehe ich, dass der Sohn sich einen Pullover von mir geborgt hat. Das Problem: Ich besitze nur zwei Pullover. Einen schwarzen, eng geschnittenen, der gut sitzt, und einen dunkelblauen, eher labberigen, der aber trotzdem keine coolen Grunge-Vibes ausstrahlt.
Selbstverständlich hat sich der Sohn den guten Pullover genommen. Ich muss dagegen bei meinem Termin den dunkelblauen Strick-Sack tragen. Und auch noch zu einer schwarzen Hose. Dabei passen blau und schwarz nicht zusammen. Hat mir meine Frau mal erklärt. Mein Argument, dass der HSV früher blaue Trikots zu schwarzen Hosen trug, konnte sie nicht überzeugen. Hoffentlich verläuft mein Kundentermin erfolgreicher als es die letzten Jahre für den HSV waren.
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Meine Mutter ist nach ihrer Knie-OP wieder daheim. Sie trägt eine Schiene am Bein, weil sie ihr Knie nicht beugen darf. Das ist etwas problematisch, denn aufgrund von vielen steilen und engen Treppen ist das Haus meiner Eltern alles andere als praktisch, wenn du eine Gehbeeinträchtigung hast. Sogar äußerst unpraktisch, denn die Treppenstufen sind auch noch ziemlich glatt. Noch weniger barrierefrei wäre das Haus nur, wenn du dich mit einer Strickleiter in die obere Etage hangeln müsstest.
Mit Hilfe von nachbarschaftlicher und freundschaftlicher Hilfe gelangt meine Mutter aber in den 1. Stock, wo sie die nächste Zeit bleiben muss. Andere Freunde versorgen meine Eltern mit Essen, die Nachbarn sind wiederum behilflich, einen schnellen Termin beim Physiotherapeuten zu organisieren. Es hat schon seine Vorzüge, auf dem Land zu leben.
02. März 2023, Berlin
Ich wache morgens vollkommen gerädert auf. Das liegt daran, dass ich die halbe Nacht wach war. Das war dem Blumenkohl geschuldet, den ich gestern Abend gegessen hatte. Diesen vertrug ich anscheinend nicht sonderlich gut, was dann – um die Kausalitätskette abzuschließen – in Magenkrämpfen resultierten, die mich um den Schlaf brachten.
Dass ich von Magenkrämpfen geplagt wurde, ist für die einen wahrscheinlich eine an Irrelevanz nicht zu unterbietende Information, bei anderen ruft es Bilder im Kopf hervor, die sie gerne schnellstmöglich vergessen würden, die jedoch bis an ihr Lebensende in ihre Netzhaut eingebrannt sein werden. Da heute aber sonst nichts Spannendes passiert ist, muss ich nun mal darüber schreiben, was das Leben mir in mein imaginäres Notizheft diktiert. Beziehungsweise was der Blumenkohl in meine krampfende Magenwand ätzt.
03. März 2023, Berlin
Heute sieht der Trainingsplan einen Erholungslauf vor. Über 20 Kilometer. Erholung und 20 Kilometer scheinen mir nicht so recht zusammenzupassen. Da muss vielleicht noch ein bisschen am Wording gearbeitet werden.
Dafür ist das vorgeschriebene Tempo langsam. 6:20 pro Kilometer. Dadurch bin ich allerdings über zwei Stunden unterwegs. Das ist doch ein wenig anstrengend. Und ein wenig langweilig. Während du läufst, kannst du ja nichts anderes tun, als über irgendetwas nachzudenken. So viele Gedanken habe ich aber gar nicht, dass sie für zwei Stunden reichen.
Als ich loslaufe, sind es ungefähr null Grad. Das erhöht auch nicht gerade das Laufvergnügen. So wie ich an der Spree entlangstampfe, müssen sich die Kenianer doch nicht allzu sehr vor mir fürchten.
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Mittags gehe ich einkaufen. Vor mir an der Kasse räumt eine junge Frau ihre Lebensmittel ein. Dazu holt sie zunächst aus ihrem Rucksack ein Brot von unserem Stammbäcker raus. Beinahe sage ich: „Ach, da gehe ich gleich auch noch hin.“ Zum Glück fällt mir gerade noch rechtzeitig ein, dass ich nicht der Typ bin, der an der Kasse Small-Talk mit fremden Menschen betreibt. (Selbst bei mir bekannten Menschen vermeide ich tunlichst Small-Talk an Supermarktkassen.)
04. März 2023, Berlin
Der Trainingsplan schreibt heute den ersten 35-Kilometer-Lauf vor. Den gibt es jetzt jeden Samstag. Damit sich Körper und Geist auf die lange Marathonstrecke einstellen. Gnädigerweise darf er ganz langsam gelaufen werden. Beziehungsweise muss ganz langsam gelaufen werden. Um Gelenke und Bänder nicht zu sehr zu belasten, damit der Körper lernt, Energie aus den Fettdepots zu ziehen, und wegen anderer Stoffwechselprozesse, die ich noch weniger verstehe als das mit der Energie und den Fettdepots.
Zum Glück muss ich die Strecke nicht komplett allein laufen. Wenn meine Gedanken schon kaum für einen Zwei-Stunden-Lauf ausreichen, wie sollte das bei fast vier Stunden gehen? Ich treffe mich mit zwei Laufkameraden am Grunewald. Bis dorthin habe ich schon mal circa neun Kilometer absolviert, dann laufen wir 17 weitere gemeinsam und mit dem Rückweg komme ich auf die vorgeschriebene Distanz.
Nach knapp vier Stunden bin ich wieder zuhause. Meine Frau begrüßt mich mit den Worten: „Richtig fit siehst du nicht aus.“ Nach mehr als 25 Jahren Beziehung zählt das als Kompliment.
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Der große Vorteil eines 35-Kilometer-Laufs besteht darin, dass du danach einen halben Liter Apfelsaft – oder irgendeinen anderen Fruchtsaft – trinken darfst. Beziehungsweise musst. Um deinen nach dem Lauf entleerten Kohlehydratspeicher wieder aufzufüllen. Das soll die Regeneration verbessern. Sagt Peter Greif. Und wenn Peter Greif das sagt, mache ich das natürlich.
Der Apfelsaft ist köstlich. Er ist erfrischend, fruchtig und süß. Ich schwärme meiner Frau vor, dass nach den 35 Kilometern der Apfelsaft eines der leckersten Getränke sei, dass ich jemals getrunken hätte. Meine Frau zieht eine Augenbraue hoch und meint, sie müsse keine 35 Kilometer laufen, damit Apfelsaft lecker schmeckt.
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Der große Nachteil eines 35-Kilometer-Laufs besteht – außer dass er 35 Kilometer lang ist –, darin, dass dir für den Rest des Tages jegliche Energie für jedwede Tätigkeit fehlt. Zum Beispiel fürs Staubsaugen oder Bettenbeziehen. Zwei Aufgaben, die mir obliegen, weil meine Frau schon Bad und Küche putzt. Ich muss mich also aufraffen und meinen Teil der Hausarbeit erledigen. Schließlich kann ich die nächsten acht Wochen schlecht jeden Samstag zu ihr sagen, sie sei allein für den Wochenendputz zuständig. Für die daraus resultierende Diskussion würde mir die Energie fehlen.
05. März 2023, Berlin
Die erste Vorbereitungswoche endet mit einem Regenerationslauf. 20 Kilometer in ganz langsamem Tempo. Die ersten acht laufe ich gemeinsam mit meiner Frau. Im Tiergarten sehen wir einen Läufer, der neben einem Kinderwagen steht. Er redet irgendetwas und ich denke zunächst er telefoniert über seine Kopfhörer. Auf gleicher Höhe stellt sich aber heraus, dass er nicht redet, sondern ein Schlaflied singt. Er wirkt ein bisschen verzweifelt. Das Baby schaut in unbeeindruckt mit großen Augen an. Daher wahrscheinlich die Verzweiflung des Vaters.
Die restlichen zwölf Kilometer laufe ich allein. Es sind die anstrengendsten Kilometer der ganzen Woche. Und die langsamsten. Ich fühle mich schlapp und mir ist ein bisschen langweilig. Außerdem ist es kalt, der Wind kommt immer von vorne und irgendwann fängt es an zu schneien und der Schnee grieselt unangenehm ins Gesicht. Peter Greif würde das bestimmt gefallen. Nur so bekommst du die notwendige Härte, um vielleicht nicht gegen die Kenianer aber wenigstens gegen dich selbst zu bestehen.
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Der Sohn hat seit einer Woche einen Job in einem kleinen Brauhaus. Auf 520-Euro-Basis. Zusätzlich zu seinem Lohn darf er sich nach dem Ende seiner Schicht immer ein Essen von der Speisekarte aussuchen. Ich glaube, der Sohn wird in nächster Zeit sehr viel Schnitzel essen.
Bei der Arbeit muss der Sohn ein graues Hemd mit dem Logo des Brauhauses und eine schwarze Schürze anziehen. Dazu trägt er meine Anzugshose. Die bequeme.
Hauptsächlich arbeitet der Sohn hinter der Theke. Für die Bestellungen der Kellner*innen zapft er Bier und schenkt Getränke aus. Ab und an räumt er Tische ab und schleppt Kisten aus dem Lager. Manchmal muss er auch im Lager putzen. Vielleicht eignet er sich dabei ein paar wichtige Kernkompetenzen für zuhause an. Wahrscheinlich möchte er die aber nur auf 520-Euro-Basis einsetzen.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Ich wache auf, bin schlapp und ich nehme alles nur dumpf wahr. Als hätte ich mir einen Eimer mit Watte übergestülpt. Oder als würde mein Kopf in einer Glocke stecken, in die außerdem noch eine Wolldecke gestopft wurde. Dabei habe ich doch erst einen Tag gefastet.
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Damit dein Körper während des Fastens die Stoffwechselproduktion nicht komplett runterfährt, ist es wichtig, sich trotzdem körperlich zu betätigen. Ich gehe laufen, aber nur ganz langsam. Gegen Ende der 10-Kilometer-Runde fühlt es sich an, als würde mir mit jedem Schritt mehr Energie entzogen. Und mit gegen Ende meine ich, nach ungefähr drei Kilometern.
Dass körperliche Anstrengung auch während des Fastens möglich ist, beschreibt die Limitless-Doku am Beispiel der Hadza, einem Stamm in Tansania, dessen Mitglieder häufig tagelang ohne Essen auskommen. Trotzdem gehen sie auf lange und kräftezehrende Jagden. Angeblich macht sie die Nahrungsknappheit sogar zu besseren Jägern. Das soll mit der Keton-Produktion zusammenhängen. Diese wird durch die Nahrungsdeprivation angekurbelt und Ketone sind so etwas wie Notenergie für Körper und Geist. Sie fördern die Konzentration und erhöhen die Wahrnehmung. In der Doku kommt nicht eindeutig raus, ob die Hadza absichtlich fasten, um ihre Sinne für die Jagd zu schärfen, oder ob sie fasten müssen, weil sie nichts fangen.
So energielos wie ich den Spreeweg entlangkrieche, hatte mein Körper wohl noch keinen Bock auf Keton-Produktion. Das ist eines Hazdas vollkommen unwürdig. Dass meine Sinne besonders geschärft sind, kann ich auch nicht behaupten. Das muss aber nicht von Nachteil sein, wenn du an überquellenden Mülleimern oder an Hunden, die gerade ihre Notdurft verrichten, vorbeiläufst.
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Mittags gehe ich einkaufen. Meine Frau braucht Orangen für ihre Smoothies. Außerdem soll ich ihr für eine Veranstaltung morgen zwei Packungen Kekse mitbringen. Die Kekse auf der Verpackung sehen köstlich aus. Am liebsten würde ich den Karton aufreißen und das Gebäck wahllos in mich reinstopfen. Vielleicht würde es schon helfen, wenn ich mal an der Kekspackung lecke. Es sind aber zu viele Kund*innen im Supermarkt, so dass ich das lieber unterlasse. So scharf sind meine Sinne doch noch, um zu wissen, dass an Kekspackungen lecken, nicht als sozial akzeptierte Verhaltensweise gilt.
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Die Tochter ruft abends an. Sie hat es diese Woche auch nicht leicht. In Carlow ist Rag Week. Das hat aber nichts mit Lumpen zu tun. Rag steht für Raising Gifts. Wie das genau mit dem Gift raising funktioniert, weiß die Tochter nicht. Die Woche besteht hauptsächlich daraus, jeden Abend feiern zu gehen. Scheinbar werden die Gifts für die Pub- und Clubbetreiber geraist.
Die Iren mögen anscheinend Abkürzungen. Anfang Februar gab es bereits eine Shag Week. Da ging es aber nicht um freie Liebe, Sex und den Austausch von Körperflüssigkeiten, sondern um Sexual Health Awareness and Guidance. Ich bin gespannt, für was Die Booze, die Drugs und die Fuck Week stehen.
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In der abendlichen Supernatural-Folge isst einer der Protagonisten einen vierstöckigen Waffelturm mit Sahne, Früchten und Ahornsirup. Dabei lässt er sich unnötig ausschweifend darüber aus, wie lecker und schmackhaft die Waffeln sind. Mir fehlt die Energie, um nach der Fernbedienung zu greifen und die Szene vorzuspulen.
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Wache nachts auf und denke an Toast Hawaii. Toast Hawaii ist definitiv kein kulinarisches Highlight. Das letzte Mal habe ich wahrscheinlich vor 35 Jahren Toast Hawaii gegessen. Oder sagen wir lieber mit zwölf. Das klingt weniger nach „Opa erzählt von früher“.
Als Kind mochte ich Toast Hawaii nicht einmal besonders. An der heißen Ananas habe ich mir immer den Gaumen verbrannt. Jetzt würde ich ein Königreich für einen Toast Hawaii geben. Allerdings habe ich gar kein Königreich. Somit bleiben meine Toast-Hawaii-Gelüste unerfüllt.
23. Februar 2023, Berlin
Nach zwei, drei Tagen ohne Nahrung soll sich das sogenannte Fastenhoch einstellen. Glückshormone werden verstärkt ausgeschüttet, Stresshormone reduziert, du fühlst dich entspannt, erholt und unter Umständen sogar euphorisch. Das Fastenhoch hat aber vergessen, bei mir vorbeizuschauen. (Wahrscheinlich hängt es mit der Keton-Produktion ab und isst Pommes.) Als ich aufwache, bin ich antriebslos, nur mäßig gut gelaunt und das erste, an was ich denke, ist Pizza Margarita mit gefülltem Käserand.
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Mittags fange ich mit der Steuererklärung für letztes Jahr an. Das trägt auch nicht gerade zur Verbesserung der Laune bei. Vor allem die Frage des Programms, ob ich Geschäftsessen von der Steuer absetzen möchte.
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Später recherchiere ich im Internet nach Rezepten für Apfel-Streusel-Käsekuchen. In der Hoffnung, Bilder von leckeren Kuchen heitern mich auf. Spoiler Alert: Tun sie nicht.
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Bei Supernatural wird schon wieder unnormal viel gegessen. Ich grusle mich inzwischen weniger vor den Szenen, in denen blutrünstige Vampire oder gewalttätige Dämonen Menschen meucheln, sondern mehr vor den Momenten, wenn irgendjemand in einen Burger oder eine Pizza beißt.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Fastentag Nummer 4. Das Fastenhoch war immer noch nicht da. Ich liege morgens im Bett, bin super kaputt und es kostet mich unfassbar große Überwindung, aufzustehen und nicht dem Verlangen nachzugeben, den ganzen Tag im Bett liegen zu bleiben.
Ich mache mir einen Tee, setze mich aufs Sofa und lese im Internet. Vielleicht bleibe ich hier den ganzen Tag sitzen.
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Das morgendliche Laufen klappt dagegen überraschenderweise recht gut. Zumindest im Vergleich zu gestern. Vielleicht hat sich mein Körper doch mal bequemt, die Ketone zu produzieren. Durch meine geschärften Sinne nehme ich allerdings auch die Gerüche der Dönerbuden, Bäckereien und Asia-Imbissen intensiver wahr. Das ist nicht ganz so schön.
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Der Rest des Tages ist umso beschwerlicher. Ich bin die ganze Zeit hungrig und muss permanent an Essen denken. Im Internet schaue ich mir Fotos von Leberkässemmeln, Bulettenbrötchen, Rösti-Gerichten und Burgen an. Dazu höre ich schwedische Kinderlieder auf Spotify. Es wird Zeit, dass das Fasten vorbei ist.
Damit meine Frau auch etwas von meinem Leiden hat – das fällt unter die schlechten Zeiten einer Ehe –, schicke ich ihr die Essensbilder. Sie antwortet, dass sei wie Foodporn. Allerdings auf niedrigem Niveau. Weniger 9½ Wochen, sondern mehr Auf der Alm da gibt’s koa Sünd.
25. Februar 2023, Leipzig
Der Wecker klingelt um 5 Uhr. Eine Uhrzeit, zu der ein klingelnder Wecker nie schön ist, aber schon gar nicht an einem Samstag. Wir müssen so früh aufstehen, weil wir heute nach Leipzig wollen. Der Sohn kämpft dort bei der U18 Deutschen Meisterschaft. Er wird heute sicherlich einen anstrengenderen Tag als wir haben: Deswegen möchte ich wegen des frühen Aufstehens nicht jammern. (Oder nur ein bisschen.)
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Aber nicht nur der Sohn hat einen großen Tag, sondern ich auch: Meine Fastenkur ist vorbei. Leider bedeutet das nicht, dass ich mir ein Full English Breakfast mit Bohnen, Spiegelei, Würstchen und frittierten Tomaten und Pilzen reinzimmern kann. Nein, am Aufbautag soll sich der Körper erstmal ganz langsam wieder an feste Nahrung gewöhnen. Somit besteht mein Frühstück lediglich aus einem geschnittenen Apfel, was nur so semi-befriedigend ist. Beziehungsweise gar nicht befriedigend.
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Durch das Fasten sind unsere Energiereserven vollkommen aufgebraucht. Wie ein greises Ehepaar schläppeln meine Frau und ich zur U-Bahn-Station. Am Zoologischen Garten müssen wir eine steile Treppe hoch gehen. Ich bin kurz davor, bei der Hälfte eine Pause einzulegen, um Kraft zu sammeln.
Glücklicherweise sitzen wir im Zug nach Leipzig 70 Minuten lang und können uns ausruhen. Vor uns hockt eine Gruppe von Sportstudent*innen. Sie sind Anfang 20 und strotzen nur so vor Vitalität und Energie. Der Kontrast zu uns könnte nicht größer sein.
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Das Turnier verläuft für den Sohn nach dem Motto „Dabei sein ist alles“. Er hatte sich Anfang der Woche im Training wahrscheinlich den kleinen Zeh gebrochen. Das ist nicht gerade optimal, um erfolgreich eine Deutsche Meisterschafat zu bestreiten. Er hat zwei Kämpfe, die er beide verliert. So hoch wie das Niveau in seiner Gewichtsklasse war, wäre er auch mit ungebrochenem kleinem Zeh wohl eher nicht auf den vorderen Plätzen gelandet. Das ist aber nicht weiter schlimm. Er hat sich wacker geschlagen und es war trotzdem ein tolles Erlebnis.
Schlimm ist dagegen, dass es beim Hallen-Imbiss Buletten-Brötchen mit Senf gibt und ich keins essen darf.
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Vor der Abfahrt unseres Zuges laufen meine Frau und ich durch den Leipziger Hauptbahnhof. Dort gibt es drei Burger Läden, zwei Pizza-Restaurants, drei Bäckereien, einen indischen und zwei asiatische Imbisse, ein Sushi-Restaurant, eine Eisdiele, eine Crêpes-Station, einen Döner-Laden und vier Stände, an denen du belegte Brötchen und Teilchen kaufen kannst. Von den anderen Geschäften bekomme ich nichts mit.
Am Bahnsteig kostet es mich sehr viel Selbstbeherrschung, einem kleinen Mädchen, das neben uns steht und eine Ditsch-Pizza isst, ihr diese nicht aus der Hand zu reißen und mir in den Mund zu stopfen.
26. Februar 2023, Berlin
Heute früh trinke ich das erste Mal seit einer Woche wieder Kaffee. Er riecht phantastisch, aber schmeckt etwas gewöhnungsbedürftig. Danke für Nichts, Fasten.
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Ich telefoniere mit meiner Mutter. Sie ist nicht gut drauf. Das ist sehr selten. Eigentlich ist sie einer der fröhlichsten Menschen, die ich kenne. Sie hat aber einen guten Grund für ihre Missstimmung. Während wir in dieser Woche durch das Fasten unser Leid selbst über uns gebracht haben, kam über sie vollkommen unverschuldet großes Pech.
Am Donnerstag ging sie zur Apotheke und auf der dreistufigen Treppe am Eingang stand vor ihr ein älterer Mann. Dieser verlor das Gleichgewicht und kippte nach hinten. Meine Mutter drehte sich zur Seite, stürzte dabei selbst und fiel auf Knie und Schulter. Obendrein landete der Mann auch noch auf ihr. Das missfiel ihrer Kniescheibe und sie zerbrach. Meine Mutter wurde ins Krankenhaus gebracht, wo sie am Abend operiert wurde.
Dieser Vorfall würde allein reichen, um einem aufs Gemüt zu schlagen. Meine Mutter liegt nun aber bereits zum vierten Mal in den letzten drei Jahren im Krankenhaus. Nie wegen extrem dramatischer oder gar lebensbedrohlicher Eingriffe, aber irgendwann ist es auch mal gut.
Meine Mutter hasst es außerdem, das Zimmer mit fremden Menschen zu teilen. Anscheinend hat sie dieses Mal eine besonders anstrengende Zimmernachbarin. Das kann sie mir am Telefon aber nicht wirklich erzählen, denn das würde besagte Zimmernachbarin mithören, was sie wahrscheinlich nicht weniger anstrengend machen würde.
Bis Mittwoch muss meine Mutter noch durchhalten. Dann darf sie nach Hause. Dort hat sie dann ein Einzelzimmer und bekommt eine exklusive 1-zu-1-Betreuung durch meinen Vater.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
20. Februar 2023, Berlin
Nach dem langen Karnevalswochenende steht diese Woche das nächste Extremprogramm an: unsere alljährliche Fastenwoche. Normalerweise legen wir die immer Anfang Januar ein. Als Ernährungsreset nach der Weihnachtsvöllerei. Dieses Jahr hat das aus Gründen, die mir entfallen sind, zeitlich nicht geklappt, weswegen wir sie in den Februar verlegt haben. Allerdings habe ich mich seit Anfang des Jahres schon etwas ausgewogener ernährt und knapp vier Kilo abgenommen. Somit ist der Fastenreset gar nicht so nötig und die Motivation überschaubar. Aus einem fehlgeleiteten preußischen Pflichtgefühl ziehen wir das aber trotzdem durch.
Heute steht erstmal der Entlastungstag an. Zur Vorbereitung aus den kompletten Nahrungsverzicht, isst du bereits weniger, beschränkst dich weitestgehend auf Rohkost und lässt tierische Produkte weg. Somit das größtmögliche Kontrastprogramm zu meiner Kölsch-Pizza-Döner-Bratwurst-Brötchen-Diät der letzten Tage.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
13. Februar 2023, Berlin
Die Woche beginnt mit einer Hiobsbotschaft. Ich gehe zum Friseur und meine Stamm-Friseurin Ayşe ist nicht da. Nicht nur heute, sondern gar nicht mehr. Okay, das ist zugegebenermaßen keine Hiobsbotschaft, wie „dein Arzt diagnostiziert eine tödliche Krankheit bei dir“ oder „dein Chef teilt dir mit, dass du gefeuert bist“, sondern eher so ein First-World-Problem eines privilegierten, weißen Mittelschichtlers. Aber es hat sehr lange gedauert, bis ich mir den Status des Stamm-Kunden bei Ayşe erarbeiten konnte und ich kann bei Friseur*innen mit Veränderungen nur sehr schlecht umgehen. Wie gesagt, ein First-World-Problem eines privilegierten, weißen Mittelschichtlers.
Zeitgleich mit mir betritt ein anderer Mann den Laden. Er ist circa Mitte 30 und seine Haare signalisieren, dass der Friseurbesuch dringend nötig ist. Das heißt, ungefähr genauso nötig wie bei mir. Wir sitzen zuerst nebeneinander am Waschbecken zum Haarewaschen und dann später vom Spiegel beim Haareschneiden.
Unsere Friseurinnen unterhalten sich derweil über ihre geplanten Gewichtsreduktionen – ambitionierte minus zehn Kilo bis Juni und noch mal zehn bis Oktober –, über Nahrungsergänzungsmittel und die Verdauungsprobleme, die sie hervorrufen können, sowie über die Nachteile von minderwertigem Kollagen. Der andere Mann und ich fühlen uns leicht unwohl und rutschen auf unseren Stühlen rum. Ich bin mir nicht sicher, ob von uns erwartet wird, uns an der Unterhaltung zu beteiligen, aber ich befürchte ohnehin, dass ich keinen sinnvollen Input beizusteuern hätte. Als meine Friseurin fertig ist, zeigt sie mir mit einem Spiegel von hinten und von der Seite das Ergebnis ihrer Arbeit. Um ehrlich zu sein, bin ich nur semi-zufrieden. Deswegen sage ich: „Super, vielen Dank!“ Irgendwie muss ich nun herausfinden, wo Ayşe jetzt arbeitet.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
06. Februar 2023, Berlin
Am Sonntag dürfen (müssen) wir in Berlin das Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlungen nochmal neu wählen. Gemäß der Moabiter Sozialstruktur gibt es bei uns in der Gegend einen leichten Überhang an SPD-, Grünen- und Die-Linke-Wahlplakaten. CDU und FDP sind weniger stark vertreten, die AfD erfreulicherweise so gut wie gar nicht.
Die skurrilste politische Gruppierung, die bei uns in der Gegend wirbt, ist die Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung. Mit dem Slogan „Wie willst du in 800 Jahren leben?“ Die Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung scheint mir die Most-single-issue-Partei seit der Biertrinker-Partei zu sein.
Tatsächlich ist laut ihrer Website ihr einziges Anliegen, dass zehn Prozent des Berliner Landeshaushaltes für die schnellere Entwicklung von Medizin eingesetzt wird, mit der Menschen durch Verjüngung wahrscheinlich nicht mehr an Alterskrankheiten oder hohem Alter sterben und tausende Jahre leben können. Körperlich und geistig gesund, wie extra betont wird. Alle anderen Themen würden den anderen Parteien überlassen und im Falle einer Regierungsbeteiligung könnten sie von den Koalitionspartnern behandelt werden.
Allein, dass die Vertreter*innen der Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung für erwähnenswert erachten, lässt mich an ihrer geistigen Gesundheit zweifeln. Und wer will schon tausende von Jahren alt werden? Irgendwann sind Netflix, Amazon Prime und Co. leer geschaut, alle Bücher ausgelesen und sämtliche Länder bereist und dann ist es ja wohl auch mal gut mit der Leberei. Die Rente mit 67 scheint mir dann auch nicht länger haltbar zu sein. Somit wird die Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung wohl auf meine Stimme verzichten müssen.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
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