Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
27. März 2023, Berlin
Aufmerksame Leser*innen erinnern sich, dass meine Frau am letzten Wochenende ihren Geldbeutel im Zug liegen gelassen hatte. Deswegen ließ sie sofort unterwegs ihre EC-Karte sperren. Die Postbank war etwas übermotiviert und hat meine Karte gleich mitgesperrt. Obwohl diese nicht im Zug oder sonstwo zurückgelassen wurde, sondern ein ganz normales EC-Karten-Leben in meinem Geldbeutel fristete.
Nun verkompliziert es den kapitalistischen Alltag sehr, wenn du keinen Zugang zu Geld hast. Daher gehe ich zu unserer Postbank-Filiale, damit meine Karte wieder entsperrt wird. Ich stelle ich mich vorsorglich auf kafkaeske und schildbürgerstreichartige Geschehnisse ein. Wahrscheinlich muss ich tagelang anstehen, ein 38-seitiges Formular ausfüllen, meine Seepferdchen-Urkunde vorlegen und ein Fläschchen mit dem Blut eines jungfräulichen Kaninchens abgeben, mit dem die Postbank-Frau in den Postbank-Keller geht, wo ein altes Hutzelweibchen eine Beschwörungsformel auf Aramäisch singt, die die Sperre meiner EC-Karte aufhebt.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Gestern Abend fragte mich der Sohn, ob ich morgen mit ihm zusammen einen Anzug kaufen könnte. Ich bin etwas überrascht und frage ihn, für was er einen Anzug bräuchte. Er sei auf eine Geburtstagsparty eingeladen, erklärte er. Eine Casino-Mottoparty. So ändern sich die Zeiten. Bei uns lauteten die Mottopartys meistens „Waldhütten-Besäufnis“. (Manchmal auch „Partykeller-Besäufnis“.) Das war zwar weder originell noch stilvoll, aber zumindest mussten wir keine Anzüge tragen.
Casino finde ich als Partymotto etwas unpräzise. Für ein monegassisches Edel-Casino à la James Bond bräuchte der Sohn einen Smoking. Ich verspüre aber wenig Lust, viel Geld für einen Smoking auszugeben, den der Sohn nie wieder tragen wird. Vielleicht ist das Casino aber eher so ein leicht abgeranztes Boot-Casino wie bei Ozark. Dann könnte der Sohn kurze Hosen und ein Hawaii-Hemd tragen.
Es soll aber ein Anzug sein. Ich habe sehr große Zweifel, dass ich die richtige Kaufbegleitung bin. Zum einen trage ich selbst nur sehr selten Anzüge, zum anderen ist meine Expertise in modischen Angelegenheiten nur sehr rudimentär vorhanden. Quasi nicht existent. Trotzdem willigte ich ein. Wenn deine Kinder dich um Hilfe bitten, dann hilfst du ihnen. Egal, ob sie Mitten in der Nacht irgendwo in der Walachei abgeholt werden müssen, du sie bei der Polizei einsammeln musst, weil sie beim Kiffen im Park erwischt wurden, oder sie wollen, dass du einen Anzug mit ihnen kaufst. Außerdem kommt es nur sehr selten vor, dass ein Teenager seinen Eltern zutraut, etwas besser zu wissen als sie selbst. Einen solch raren Moment musst du als Vater unbedingt auskosten.
Ich selbst bekam meinen ersten Anzug zu meiner Konfirmation. Damals war ich dreizehneinhalb und ein spätentwickelter Milchbubi. Die Pubertät war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal in weiter Ferne zu erahnen. Folglich sah ich in meinem Konfirmationsanzug aus wie ein Kind, das Wall-Street-Banker spielt. Dass mich der Fotograf, zu dem mich meine Eltern schleppten, um meine Konfirmation bildlich festzuhalten, aufforderte, mein Jackett „lässig“ über der Schulter zu halten, machte es nicht besser.
Später hatte ich zwei, drei Anzüge für die Arbeit. Die sind mir inzwischen viel zu weit, hängen aber immer noch im Schrank. Eigentlich könnte ich die mal weggeben, habe aber das Gefühl, dass es bei der Altkleider-Sammlung keinen Bedarf für C&A-Anzüge von 2005 gibt. Mittlerweile habe ich nur noch einen guten Anzug, den ich äußerst selten trage. (Gelobt sei das Home Office.) Je nach Jahreszeit passt er mir mal besser, mal schlechter. (Zur Weihnachtszeit tendenziell schlechter.)
Nun stehe ich bei H+M vor den Umkleiden, während der Sohn Hosen, Jacketts und Hemden anprobiert. Wir werden erstaunlich schnell fündig. Sicherheitshalber schicke ich ein Foto in unsere WhatsApp-Gruppe „Die krummbucklige Sippe“, damit der Mann meines Schwagers den Anzug absegnen kann. C. ist Flugbegleiter, kommt weit rum, ist stilsicher und hat somit mehr Kompetenz in modischen Fragen aufzuweisen als ich. (Zugegebenermaßen ist meine modische Kompetenz eine sehr, sehr niedrige Messlatte. Eher eine Kuhle.)
C. gibt seinen Segen und empfiehlt lediglich, die Hose ein wenig kürzen zu lassen. Dann sähe der Anzug eleganter aus. Da die Party schon morgen ist, werden wir das wohl erst später machen. Vielleicht auch nie.
Für mich ist der Besuch bei H+M noch aus einem anderen Grund aufschlussreich. Ich lerne, dass es Jogginghosen gibt, die wie Anzugshosen aussehen. Beziehungsweise Anzugshosen, die so bequem wie Jogginghosen sind. Wahrscheinlich wussten Sie das bereits. Ich gehe aber nur sehr, sehr selten einkaufen. Für mich war das neu. Vielleicht lege ich mir demnächst einen zweiten Anzug zu. Oder eine neue Jogginghose.
31. März 2023, Berlin
Als Test und Standortbestimmung für den Marathon Ende April laufe ich am Sonntag beim Berliner Halbmarathon mit. Um mich etwas zu schonen, sieht der Trainingsplan heute deswegen anstatt des üblichen freitäglichen 20-Kilometer-Laufs nur eine 10-Kilometer-Einheit vor. In ganz lockerem Tempo. Beim Laufen habe ich ein merkwürdiges Gefühl. Eine Mischung aus Unterforderung und schlechtem Gewissen. Möglicherweise habe ich durch das anspruchsvolle Training sado-masochistische Züge entwickelt. Oder eine Art Laufplan-Stockholm-Syndrom.
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Morgen hat meine Frau Geburtstag. Ich verbringe den Nachmittag in der Küche und backe. Ich habe in den letzten Tagen etwas recherchiert und mich pinteresten lassen. Ich plane einen mehrstöckigen Schokoladenkuchen mit einem Frosting aus Frischkäse und weißer Schokolade, der innen mit M+M gefüllt ist, die beim Aufschneiden rausfallen. Damit der Kuchen nicht zu süß wird, kommt zwischen die Schichten außer dem Frosting Himbeer-Grütze und für den „Crunch“ geröstete Mandelsplitter. (Ich habe nicht umsonst auf Netflix mehrere Staffeln „Sugar Rush“ und „Jumbo’s Just Dessert“ geschaut.)
Der Kuchen soll auch optisch etwas hergeben. Dazu plane ich eine Art „Zaun“ aus weißen und braunen Kitkats. Oben auf den Kuchen kommt ein Haufen rote und weiße M+M sowie eine Konstruktion aus einem Strohhalm, an den ich mit flüssiger Schokolade M+M kleben will und an dessen Ende eine leere M+M-Tüte befestigt werden soll, damit der Eindruck entsteht, die M+M werden gerade auf den Kuchen geschüttet. Falls mir das alles so gelingt, wie ich es mir vorstelle, wird der Kuchen fantastisch aussehen. Falls nicht, wie ein M+M-Kuchen, der mehrmals runtergefallen ist und auf den sich ein Elefant gesetzt hat.
Bevor ich mit dem Backen beginne, richte ich die Zutaten. Ich hole aus dem Kühlschrank zwei Eier und lege sie auf den selbigen. Ein mittelmäßig smarter Move. Ich wohne seit fast 25 Jahren in Berliner Altbauwohnungen und seit gut 15 Jahren in unserer jetzigen Wohnung. Da sollte ich wissen, dass die Böden in Altbauwohnungen selten eben sind. Und aus der Grundschule sollte ich wissen, dass Gegenstände, die auf unebenen Flächen liegen, ins Rutschen geraten. Wie zum Beispiel eines der Eier, das von dem Kühlschrank rollt und auf den Boden fällt. Ich rutsche auf allen vieren durch die Küche, um Eigelb, Eiweiß und Eierschalen aufzuwischen. Gerade als ich fertig bin, fällt das zweite Ei ebenfalls runter. Es ist schön in seinem eigenen Slapstick-Film zu leben.
Der Rest des Backens verläuft reibungslos. Außer dass mir die Himbeergrütze beim Kochen fast überlauft, mir eine Ladung gehackte Mandeln verbrennt und ich die heiße Pfanne kurz, aber nicht kurz genug auf der Holzarbeitsplatte abstelle, wo sie einen dunklen, schwarzen Ring hinterlässt. Aber das ist schon okay. Das verleiht der Küche ein wenig Charakter. Jetzt sieht sie nicht mehr nach 08/15-IKEA-Küchensystem aus, sondern nach einem Ort, wo schwer gearbeitet, gekocht, gebacken, geschwitzt und geflucht und ab und an mal eine heiße Pfanne versehentlich auf einer Arbeitsplatte abgestellt wird. Damit muss sich die Arbeitsplatte abfinden. Es heißt nicht umsonst: „If you can’t stand the heat, get out of the kitchen.”
01. April 2023, Berlin
Meine Frau ist nun 48. Quasi Ende 40. Ich mit meinen 47 bin dagegen Mitte, Ende 40. Eine Formulierung, die den Altersunterschied zwischen uns noch gravierender erscheinen lässt, als er ohnehin schon ist.
Darüber kann sich meine Frau mit dem Kuchen hinwegtrösten. Auch wenn Eigenlob stinkt und es mir meine innewohnende Bescheidenheit eigentlich verbietet, kann ich konstatieren, dass der Kuchen durchaus gelungen ist. Höchstens etwas mächtig. 900 Gramm Schokolade, 800 Gramm M+M, 700 Gramm Zucker, 400 Gramm Butter und 30 Kitkat stehen nicht unbedingt für eine leichte, mediterran anmutende Küche.
02. April 2023, Berlin
Halbmarathon. Die gestrige kulinarische Vorbereitung mit Schoko-M+M-Kitkat-Kuchen, Pasta mit Tomaten-Ricotta-Sauce und Parmesan, Chips und einem Gin Tonic waren nicht gänzlich optimal. Wenigstens sollten meine Kohlehydratspeicher gefüllt sein. Vielleicht ein wenig zu viel. Ich kann beim Start ein gewisses Völlegefühl nicht verleugnen.
Trotzdem reicht es mit 1:37:15 für den zweitschnellsten Halbmarathon meiner Lauf„karriere“. Die M+M in meinem Magen freuen sich mit mir. Und die Kitkat auch.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
20. März 2023, Berlin
Heute ist Internationaler Tag des Glücks. Trotzdem bekomme ich keine Benachrichtigung, dass wir am Wochenende im Lotto gewonnen haben. Für mich persönlich hat der Internationaler Tag des Glücks noch ziemlich viel Luft nach oben.
Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit „Christian, Geld allein macht nicht glücklich.“ Natürlich stimmt das, aber ich halte es trotzdem mit Marcel Reich-Ranicki, der gesagt haben soll: „Es ist besser, im Taxi zu weinen, als in der Straßenbahn.“
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Ich stehe im dm vor dem Regal mit den Körperpflegeprodukten und bin ratlos. Meine Frau hat auf unsere Einkaufslisten-App Body Lotion geschrieben. Einfach nur Body Lotion. Ohne weitere Erläuterung. Das ist sehr unspezifisch. Im Regal stehen ungefähr 324.312 verschiedene Body Lotions. Um genau zu sein, gibt es Body Lotion, Body Balsam, Pflegecreme, Creme-Öl, Körperöl, Körpermilch, Körperbutter und vieles mehr. (Körperkäse und Körperquark kann ich allerdings nicht entdecken.) Wie soll ich da wissen, welche Body Lotion meine Frau mitgebracht haben will?
Ich überlege, welche Körperlotion meine Frau bei uns im Bad stehen hat, kann mich aber nicht erinnern. Auf der Ablage vor unserem Spiegel sind sehr viele Tiegelchen, Tübchen, Döschen und Fläschchen aufgereiht, die zu unterschiedlichen Tageszeiten und für verschiedene Körperregionen zum Einsatz kommen. Da kannst du schon mal den Überblick verlieren. Vor allem, wenn nichts davon dir gehört. Vielleicht sollte ich einfach etwas aufmerksamer sein. Sonst entgleitet einem so etwas schnell. An einem Tag weißt du nicht, welche Body Lotion deine Frau verwendet und am nächsten vergisst du ihren Geburtstag.
Ich entscheide mich schließlich für eine hautstraffende Lotion Q10 der dm-Hausmarke. Keine Ahnung, für was Q10 steht. Es scheint auf jeden Fall ein vielversprechender Inhaltsstoff zu sein, denn es gibt mehrere Produkte, bei denen das groß auf dem Etikett steht.
Ein bisschen unsicher bin ich dennoch, ob das die richtige Wahl ist. Deiner Frau eine hautstraffende Lotion mitzubringen, kann leicht als wenig subtiler Hinweis verstanden werden, dass du findest, ihre Haut sei zu schlaff und hängend, und sie solle da besser mal mit ein wenig Lotion gegenwirken. Das ist fast schon wie einen Gutschein vom Schönheitschirurgen für Facelifting und Fettabsaugung zu verschenken.
Ich glaube jedoch mich zu erinnern, dass meine Frau kürzlich von genau dieser Lotion gesprochen hat. Die hätte bei Öko-Test viel besser als die teureren Markenprodukte abgeschnitten. Möglicherweise irre ich mich aber auch. Ich sollte vielleicht bei Unterhaltungen mit meiner Frau ebenfalls aufmerksamer sein.
25. März 2023, Berlin
Heute ist Tag der Waffel. Ein sehr begrüßenswerter Feiertag verglichen mit den doch häufig skurrilen Gedenktagen, die mir unterkommen. Leider kann ich den Tag nicht gebührend begehen, indem ich mir eine Waffel einverleibe. Oder besser gleich mehrere. Noch habe ich mein mir gesetztes Ziel-Laufgewicht nicht ganz erreicht. Der Verzehr eines Lebensmittels, das größtenteils aus kurzkettigen Kohlenhydraten und Fett besteht und zusätzlich mit Puderzucker – das heißt, mit Kohlenhydraten in Pulverform – bestreut wird, bringt mich diesem Ziel sicherlich nicht näher.
Außerdem ist Waffelbacken eine recht nervige Angelegenheit. Es schränkt den Genuss doch erheblich ein, dass das Säubern des Waffeleisens mehr Zeit in Anspruch nimmt als das Backen und das Essen. Außer bei den Kindern. Die lassen das Waffeleisen einfach auf der Küchenanrichte stehen – „Das muss ja erst abkühlen!“ –, wo es dann in Vergessenheit gerät. Bis es sich irgendwann wie von Zauberhand selbst reinigt. (Die Zauberhände gehören zufälligerweise zu Personen, die große Ähnlichkeit mit meiner Frau oder mir aufweisen.)
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Samstag. Das heißt für mich wieder 35-Kilometer-Lauf. Diesmal mit neun Kilometern Endbeschleunigung im Marathon-Tempo. So weit so ungut. Noch unguter ist, dass der lange Lauf zum noch längeren Lauf wird, weil wir im Grunewald statt 17 fast 20 Kilometer laufen. Inklusive Hinweg habe ich somit schon 29 Kilometer auf der Uhr und vor allem in den Beinen. Bis ich zuhause bin, werde ich auf 38 Kilometer kommen.
Das motiviert nicht gerade. Dass ich den kompletten Heimweg in der Endbeschleunigung bestreiten muss, ebenfalls nicht. Die darf laut Peter „Der Schinder“ Greiff, von dem ich den Laufplan übernommen habe, auf gar keinen Fall abgekürzt werden. In diesen letzten Kilometern stecke überproportional viel Nutzen. Bei ihm liest sich das so, dass du, wenn du die Endbeschleunigungs-Kilometer nicht bis zum letzten Meter läufst, das Marathonvorhaben gleich ganz sein lassen kannst. Dass er dafür nur Verachtung übrighat, versteht sich von selbst.
In einer Mischung aus unterwürfiger Obrigkeitshörigkeit, preußischem Pflichtgefühl und Angst vor dem Marathon laufe ich den Heimweg also im angestrebtem Renntempo. Aber es fühlt sich nicht schön an und ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch nicht schön aussieht.
Gegen Ende des Laufs muss ich an einer roten Ampel anhalten. Ich schnaufe kurzatmig und fluche: „Fuck, fuck, fuck, fuck!“ Die junge Frau neben mir schaut irritiert und vergrößert sicherheitshalber den Abstand zu mir. Dass ich mir unterdessen mit dem Handrücken Schmodder vom Mund wische, macht unsere Begegnung für sie sicherlich nicht erquicklicher.
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Meine Frau und der Sohn sind dieses Wochenende wieder in Greifswald. Wieder auf einem Judoturnier. Eigentlich wäre es an mir gewesen, ihn zu begleiten, aber die Marathonvorbereitung bietet mir die perfekte Entschuldigung, nicht mitfahren zu können. Wobei ich auf dem letzten Endbeschleunigungskilometer zu dem Schluss komme, dass die Wortwahl „perfekte Entschuldigung“ möglicherweise etwas unpräzise ist.
Aber meine Frau fährt auch gerne zu den Turnieren mit. Heute allerdings nicht ganz so sehr. Auf der Hinfahrt lässt sie ihre Umhängetasche samt Geldbeutel und damit samt EC- und Kreditkarte sowie Perso im Zug liegen.
Der Sohn tritt heute bei den Erwachsenen an. Ich schaue mir seine Wettkämpfe nachmittags am Schreibtisch per Livestream an. Auf meiner Schreibtischunterlage klebt ein Foto des Sohns. Auf dem Bild ist er knapp ein Jahr alt, sitzt im Strampler in seinem Hochstuhl und strahlt in die Kamera. Der Sohn auf dem Bildschirm versucht derweil, sich gegen hünenhafte Männer zu behaupten und zu vermeiden, dass diese ihn abwürgen. Das gelingt ihm sogar erfolgreich und belegt einen unerwarteten fünften Platz. Der Einjährige im Hochstuhl lacht fröhlich.
26. März 2023, Berlin
Heute ist Erfinde-deinen-eigenen-Feiertag-Tag. Ich glaube die Betreiber des Kalenders, dem ich immer die ganzen Gedenktage entnehme, haben jeden Tag Erfinde-deinen-eigenen-Feiertag-Tag.
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Beim Sohn läuft es heute nicht so gut in Greifswald. Er knickt im ersten Kampf um und beendet das Turnier lieber. Dafür sind meine Frau und er wenigstens früh zuhause.
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In Berlin wird mal wieder abgestimmt. Diesmal ein Volksentscheid. Ob Berlin bis 2030 klimaneutral sein soll, anstatt bis 2045, wie es bisher vorgesehen ist.
Ist die Mehrheit der Berliner*innen informiert genug, um eine solche weitreichende Entscheidung zu treffen? Wahrscheinlich nicht. (Und ich schließe mich da explizit ein.) Ist das Ziel realistisch und umsetzbar? Wahrscheinlich auch nicht. Hat Berlin genügend Geld, um das alles zu bezahlen? Definitiv nicht. (Zumindest nicht ohne Schulden zu machen.) Ist die Initiative trotzdem richtig und wichtig? Ich denke schon. Ein wenig Klimaschutz-Druck schadet dem neuen, voraussichtlich schwarz-roten Senat sicherlich nicht. Außerdem ist Berlin nicht gerade dafür bekannt, politische Vorhaben reibungslos, effizient und pünktlich umzusetzen. Deswegen bin ich eher skeptisch, ob das mit der Klimaneutralität bis 2045 klappt. Außer die Vorgabe lautet 2030. Dann vielleicht doch.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Heute ist St. Patrick’s Day. Ein Tag, über den ich mir nie größere Gedanken gemacht und den ich auch noch nie begangen habe. Möglicherweise liegt das daran, dass ich kein Guinness mag. Mir ist Guinness zu mächtig. Das schmeckt für mich, als würde ich einen Laib Brot trinken. Dann esse ich aber lieber Brot. Das kann ich wenigstens mit Butter beschmieren und mit Käse belegen. (Und um der Spießigkeit zu huldigen, packe ich vielleicht noch ein paar Gürkchen oben drauf.)
Da die Tochter in Irland studiert, beschäftige ich mich erstmalig mit dem St. Patrick’s Day. Nicht sonderlich überraschend wird er zu Ehren von St. Patrick abgehalten. Der war ein irischer Bischof, lebte im 5. Jahrhundert und gilt als erster christlicher Missionar in Irland. Da in Irland Religion bis heute einen hohen Stellenwert hat, wird das als etwas Positives gesehen und das groß gefeiert.
In Carlow begannen die Feierlichkeiten bereits am Mittwoch. Möglicherweise aber auch nur für Studierende, die den St. Patrick’s Day als Ausrede nutzten, um bereits Mittwochabend Party zu machen. Wobei ich aufgrund der Erzählungen der Tochter aus ihrem ersten Studienjahr nicht den Eindruck habe, dass die Studierenden in Carlow – und wahrscheinlich auch nicht in den anderen irischen Uni-Städten – eine Entschuldigung brauchen, um unter der Woche bis in die frühen Morgenstunden auszugehen und Alkohol in rauen Mengen zu trinken.
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Im Supermarkt legt die Frau vor mir fünf verschiedene Apfelsorten auf das Kassenband. Aber keine fünf einzelnen Äpfel, sondern fünf Apfel-Sechser-Packs. Was sie wohl zu dieser Kaufentscheidung bewogen hat? Möglicherweise bereitet sie sich auf eine Wetten-dass-Wette vor, bei der sie Thomas Gottschalk beweisen will, dass mit verbundenen Augen Apfelsorten erschmecken kann. Vielleicht hat sie aber auch eine fünfköpfige Familie und jedes Familienmitglied mag eine andere Sorte. Oder sie hat vergessen, welche Äpfel sie am liebsten isst und jetzt kauf sie einfach jede Sorte.
18. März 2023, Berlin
Der lange 35-Kilometer-Lauf führt mich wieder in den Grunewald. Dort herrscht so viel Natur- und Waldidylle, wie ich sie das letzte Mal wahrscheinlich erlebt habe, als ich asl Kind sonntags mit meinen Eltern im Wald spazieren gehen musste. Mein Bruder und ich haben das immer gehasst. (Ein Zeichen, dass wir vollkommen „normale“ Kinder waren.) Einmal war uns so langweilig, dass wir Äste als Besen benutzten, um den Waldweg zu fegen. (Ein Zeichen, dass wir möglicherweise doch keine vollkommen „normalen“ Kinder waren.)
Mittlerweile weiß ich das Waldambiente durchaus zu schätzen. Hier hörst du keinen Autolärm, keine knatternden Motorräder und auch sonst keine Verkehrsgeräusche. Nur zwitschernde Vögel, hämmernde Spechte und raschelnde Bäume. In der Ferne plätschert ein Bach. Dafür, dass mir das urbane Lebensgefühl nicht gänzlich verloren geht, sorgt später mein Heimweg über den Kudamm.
Bei Kilometer 29 geht der Spaß der heutigen Trainingseinheit erst richtig los. Und mit Spaß meine ich Kacke. Ich muss nicht nur die letzten drei, sondern die letzten sechs Kilometer im angestrebten Marathon-Tempo laufen. Das ist ziemlich herausfordernd, denn mir stecken die ersten drei Laufstunden schon in den Knochen und nun soll ich wie das blühende Leben losrennen. (Eine Metapher die keinerlei Sinn ergibt, aber ich laufe auch schon seit 7 Uhr durch Berlin, da können sie hier keine Prosa von Thomas Mannscher Qualität erwarten. Nicht einmal von Sebastian Fitzekscher Qualität. (Sorry, Sebastian.)
Mein von der Anstrengung gezeichnetes Gesicht ist bestimmt kein allzu schöner Anblick für die anderen Passant*innen. Zum Glück befinde ich mich nicht mehr am Kudamm. Schließlich möchte ich den ganzen wohlhabenden Konsumwilligen nicht ihr samstägliches Shopping-Erlebnis vermiesen.
19. März 2023, Berlin
Heute ist Lass-uns-Lachen-Tag. Und Tag des Geflügels. Sollte es bei Letzterem um die köstliche Zubereitung von Hühnchen, Pute & Co. gehen, hat das Geflügel nicht ganz so viel zu lachen.
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Meinen heutigen 20-Kilometer-,,Erholungslauf“ absolviere ich entlang des Hohenzollernkanals. Die Temperaturen sind angenehm mild, links von mir verläuft der Fluss, rechts von mir liegt eine Kleingartenkolonie. Es ist alles sehr grün, sehr pflanzig, sehr frühlingsblumig, sehr gartenzwergig und auch ein bisschen piefig.
Am Flussufer erblicke ich zwei Schwäne. Nicht im Fluss, sondern auf dem Ufer. Sie fuhrwerken am Schilf rum. Vielleicht bauen sie ein Nest. Keine Ahnung, ob Schwäne jetzt schon Brutzeit haben. Mein Wissen über Schwäne ist sehr begrenzt. Es existiert quasi nicht. (Zählen Schwäne eigentlich als Geflügel?)
Mich macht die Anwesenheit der Schwäne etwas nervös. Schwäne sind nicht dafür bekannt, entspannte Zeitgenossen zu sein, sondern sie sind immer latent schlecht gelaunt und aggro. Sofern mich mein nicht vorhandenes Schwan-Wissen nicht täuscht, gehen sie keinem Streit aus dem Weg. Weder mit anderen Schwänen noch mit Enten und auch nicht mit Menschen. Während der Brutzeit sind sie noch aggressiver. Da verfügen sie über die Frustrationstoleranz von Klaus Kinski. („Halt dich gefälligst von unserem Nest fern, du dumme Sau!“)
Ungünstigerweise sind Schwäne nicht nur aggro sondern auch ziemlich groß, haben eine imposante Flügelspannweite und verfügen mit ihren langen Hälsen über einen ziemlich großen Vorteil im Nahkampf. Die beiden Schwäne am Ufer sehen auch ziemlich imposant aus. Mit denen würde ich nur ungern eine körperliche Auseinandersetzung führen. Vor allem weil sie zu zweit sind und ich allein bin. Da würde ich mein Geld eher auf die Schwäne wetten.
Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich ihnen weglaufen könnte. Möglicherweise habe ich mehr Ausdauer als sie, aber ich weiß nicht, wie es um ihre Spurtfähigkeiten bestellt ist. Da sind sie mir möglicherweise überlegen. Da nützt es mir dann auch nichts, dass ich länger laufen kann als sie. Glücklicherweise interessieren sich die Schwäne nicht weiter für mich und lassen mich von dannen ziehen. Wobei es bestimmt ein spektakuläres Schauspiel gewesen wäre, wie ein Jogger von zwei Schwänen verfolgt und verprügelt wird. Das würde ich mir auf YouTube auch anschauen. Allerdings nur ungern mit mir in der Hauptrolle.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
13. März 2023, Berlin
Heute ist Öffne-drinnen-einen-Regenschirm-Tag. Lieber wäre mir der Du-musst draußen-keinen-Regenschirm-öffnen-Tag. Ist es aber nicht. Es regnet. Dafür liegen die Temperaturen wenigstens im zweistelligen Bereich. Ob das Wetter-Glas halbvoll oder halbleer ist, hängt davon ab, ob du rausgehen musst oder drinbleiben kannst.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
06. März 2023, Berlin
Marathonvorbereitung, Woche 2. Heute ist ein flotter Zehner angesagt. Das ist keine Massenorgie zur Verbesserung der kardiorespiratorischen Ausdauer, sondern ein – wie es im Plan heißt – Tempodauerlauf von zehn Kilometern. Aber ich finde, flotter Zehner klingt cooler. (Ungefähr so cool wie „fesche Frisur“ oder „pfiffige Idee“.) Damit das Training richtig Spaß macht, liegt die Temperatur knapp über dem Gefrierpunkt und es schneeregnet leicht. Während des Laufes läuft meine Nase unnormal stark. Ich weiß nicht, ob das mit der Kälte, der Anstrengung oder mit irgendeiner anatomischen Anomalie meiner Nasenscheidewände zusammenhängt. Gäbe es ein Verfahren, mit dem aus halbflüssigem Nasenschnodder Energie gewonnen wird, könnte ich mit meinem Rotz allein die Energieprobleme Deutschlands, wenn nicht gar der ganzen Welt, lösen.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Der Laufplan sieht heute wie jeden Samstag wieder den 35-Kilometer-Lauf vor. Damit es nicht zu langweilig wird, müssen die letzten drei Kilometer im Marathon-Tempo gelaufen werden. Das ist gar nicht so einfach. Zum einen weil du dann ja schon 32 Kilometer gelaufen bist, zum anderen weil du dich in dem vorherigen wesentlich langsamerem Tempo gemütlich eingerichtet hast.
Das mit der sogenannten Endbeschleunigung klappt trotzdem ganz gut. Nur die letzten 500 Meter habe ich Schwierigkeiten, die Gedanken zu verdrängen, warum ich das eigentlich mache – mir fiel keine überzeugende Antwort darauf ein – und dass Spazierengehen doch eine viel angenehmere Art der Fortbewegung ist – da konnte ich mir nur recht geben. Dafür darf ich zuhause wieder Apfelsaft trinken. Die Freuden des kleinen Marathonvorbereiters.
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Heute ist Verehre-dein-Werkzeug-Tag. Zu Weihnachten hat die Tochter von ihren Großeltern ihre erste Werkzeug-Grundausstattung geschenkt bekommen. Mein Vater hat im Keller nachgeschaut, welches Werkzeug doppelt vorrätig ist, und sie mit Hammer, verschiedenen Schraubenziehern, Zange, Metermaß und Ähnlichem ausgestattet. Ich fand das sehr gut. Zum einen ist es nachhaltig, kein neues Werkzeug zu kaufen, wenn du gebrauchtes, funktionsfähiges verschenken kannst. Zum anderen entlastet es mich, wenn wir irgendwann den Keller entrümpeln müssen.
Mit ihrem Werkzeug-Set konnte die Tochter dann gleich ihren irischen Vermieter beeindrucken, als sie ihn bat, nach der Heizung in ihrem Zimmer zu schauen, die nicht richtig funktionierte. Er meinte, dazu bräuchte er aber einen Schraubenzieher. Sie erwiderte, dass sei kein Problem und reichte ihm einen. Daraufhin sagte er, er bräuchte auch noch eine Zange. Das sei ebenfalls kein Problem, sagte die Tochter, griff in ihren Werkzeugkarton und gab ihm die gewünschte Zange. Auf seine Frage, woher sie denn so gut mit Werkzeug ausgestattet sei, erklärte sie, ihre Großeltern hätten es ihr geschenkt. Daraufhin nickte er anerkennend und meinte: „That’s German efficiency.“
Ich habe mir mein erstes Werkzeug seinerzeit selbst gekauft. Als ich 19 war und zum Zivildienst weggezogen bin. Um Geld zu sparen, bin ich in einen Restpostenmarkt gegangen, wo alles nur eine D-Mark gekostet hat. So lernte ich damals, warum es „You get what you pay for.“ heißt. Bei dem Schraubenzieher, den ich dort erwarb, drehte sich immer der Griff mit, wenn du etwas schrauben wolltest, bei dem Zollstock waren auf einem Abschnitt die Längenangaben in der falschen Reihenfolge aufgedruckt, und die untere Seite der Wasserwaage war schief. So lernte ich noch zusätzlich: „Wer billig kauft, kauft doppelt.“
Wobei das in meinem Fall nur bedingt stimmt. So viel Werkzeug habe ich mir gar nicht gekauft, sondern mein Vater hat mich im Laufe der Jahre immer wieder mit (neuwertigem) Werkzeug versorgt. Und das ehre ich so sehr, dass ich es so gut wie nie benutze.
12. März 2023, Berlin
Später Nachmittag. Ich helfe dem Sohn bei seinen Musikhausaufgaben. (Ein Satz, der sich sehr falsch anhört.) Er muss einen Ausschnitt aus einem Charlie-Chaplin-Film mit Musik unterlegen.
Eigentlich sollte er die Aufgabe schon vor zwei Wochen abgeben. Da hatte er sie aber nicht richtig hinbekommen und der Lehrerin erklärt, er habe vergessen, die Datei hochzuladen. Letzte Woche hatte er dann Video und Musik irgendwie zusammengeschustert und dachte, er käme damit durch. Dann sah er kurz vor der Stunde, wie professionell ein Schulkamerad die Aufgabe umgesetzt hatte. Da war ihm klar, dass er sein Video unmöglich einreichen konnte, ohne den Eindruck zu erwecken, er habe die Vertonung des Clips an ein gehörloses Kita-Kind delegiert. Er wog ab, ob eine unentschuldigte Fehlstunde oder eine Fünf minus unvorteilhafter ist, entschied sich für letzteres und blieb dem Musikunterricht fern.
Morgen muss der Sohn seinen Clip aber wirklich vorweisen. Daher sitze ich mit ihm zusammen und unterstütze ihn dabei, die Videosequenzen mit halbwegs passender Musik zu unterlegen. Gewiss nicht, weil ich so ein gutes musikalisches Gespür habe. Ganz im Gegenteil. Es gibt Schrankwände Eiche rustikal, die über ein ausgeprägteres Rhythmusgefühl als ich verfügen. Dafür besitze ich aber ein Video-Schneide-Programm, das ich halbwegs bedienen kann.
Mein Vorschlag, wir könnten den Ausschnitt mit Heavy-Metall oder 30er-Jahre-Schlager vertonen, weil das besonders originell sei, findet beim Sohn nur wenig Anklang. Er entscheidet sich für eine Mischung aus Marsch- und konventioneller Stummfilm-Klavier-Musik und das ist wahrscheinlich auch besser so.
Nach einer Stunde sind wir fertig. Das Ergebnis ist vielleicht kein Meisterwerk, das in die Filmmusik-Geschichte eingehen wird, aber wir sind zufrieden. Zumindest sieht das Video nicht mehr aus, als habe es ein gehörloses Kita-Kind erstellt. Sondern ein Grundschul-Kind, das auf einem Ohr wenigstens noch 20 bis 30 Prozent hört.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
27. Februar 2023, Berlin
6.30 Uhr. Ich sitze auf dem Sofa, trinke Kaffee und bin nervös. Nicht weil ich auf dem Sofa sitze und Kaffee trinke. Das mache ich regelmäßig, da habe ich eine gewisse Routine und mein Pulsschlag erhöht sich deswegen nicht. (Erst ab der siebten Tasse Kaffee.) Heute startet für mich aber die Vorbereitung auf den Marathon in Hamburg. Darum bin ich etwas angespannt und aufgeregt.
Regelmäßige Mitleser*innen erinnern sich möglicherweise, dass der Marathon in Köln im letzten Jahr nicht besonders zufriedenstellend verlief. Mein Freund A., mein Marathon-Laufpartner in Crime, musste bei Kilometer 30 aussteigend, ich schleppte mich mehr gehend als laufend ins Ziel. Das war zwar kein existenzielles Scheitern, das mein Selbstbild und mein Selbstwertgefühl in den Grundfesten erschüttert hätte, aber genervt hat es mich trotzdem. Daher meldete ich mich kurz nach dem unbefriedigendem Lauferlebnis in Köln beim Hamburger Marathon an. Dieser findet in acht Wochen statt.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Laut Plan muss ich heute Intervallläufe machen. Sechs mal 1.000 Meter in circa 4:35, dazwischen immer 1.000 Meter Trabpause. Die Einheit klappt erstaunlich gut und das Tempo ist fast ein wenig zu langsam. Zumindest habe ich auf den letzten 300 bis 400 Metem nicht das Gefühl, dass mir die Beine abfallen, wie es die martialische Brachial-Prosa von Peter Greif prophezeit. Vielleicht werde ich in Hamburg doch die Kenianer herausfordern. Außer ich ziehe mir in den nächsten zwei Wochen doch den Kreuzbandriss zu.
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Mit seinen sechzehneinhalb Jahren hat der Sohn inzwischen ungefähr die gleiche Klamottengröße wie ich. Manchmal bedient er sich an meinem Kleiderschrank. Zum Beispiel zieht er gerne eine meiner Anzugshosen an. Die sei so schön bequem. (Hat der Junge noch nie eine Jogginghose getragen?)
Als ich mich heute früh für einen Kundentermin einkleiden möchte, sehe ich, dass der Sohn sich einen Pullover von mir geborgt hat. Das Problem: Ich besitze nur zwei Pullover. Einen schwarzen, eng geschnittenen, der gut sitzt, und einen dunkelblauen, eher labberigen, der aber trotzdem keine coolen Grunge-Vibes ausstrahlt.
Selbstverständlich hat sich der Sohn den guten Pullover genommen. Ich muss dagegen bei meinem Termin den dunkelblauen Strick-Sack tragen. Und auch noch zu einer schwarzen Hose. Dabei passen blau und schwarz nicht zusammen. Hat mir meine Frau mal erklärt. Mein Argument, dass der HSV früher blaue Trikots zu schwarzen Hosen trug, konnte sie nicht überzeugen. Hoffentlich verläuft mein Kundentermin erfolgreicher als es die letzten Jahre für den HSV waren.
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Meine Mutter ist nach ihrer Knie-OP wieder daheim. Sie trägt eine Schiene am Bein, weil sie ihr Knie nicht beugen darf. Das ist etwas problematisch, denn aufgrund von vielen steilen und engen Treppen ist das Haus meiner Eltern alles andere als praktisch, wenn du eine Gehbeeinträchtigung hast. Sogar äußerst unpraktisch, denn die Treppenstufen sind auch noch ziemlich glatt. Noch weniger barrierefrei wäre das Haus nur, wenn du dich mit einer Strickleiter in die obere Etage hangeln müsstest.
Mit Hilfe von nachbarschaftlicher und freundschaftlicher Hilfe gelangt meine Mutter aber in den 1. Stock, wo sie die nächste Zeit bleiben muss. Andere Freunde versorgen meine Eltern mit Essen, die Nachbarn sind wiederum behilflich, einen schnellen Termin beim Physiotherapeuten zu organisieren. Es hat schon seine Vorzüge, auf dem Land zu leben.
02. März 2023, Berlin
Ich wache morgens vollkommen gerädert auf. Das liegt daran, dass ich die halbe Nacht wach war. Das war dem Blumenkohl geschuldet, den ich gestern Abend gegessen hatte. Diesen vertrug ich anscheinend nicht sonderlich gut, was dann – um die Kausalitätskette abzuschließen – in Magenkrämpfen resultierten, die mich um den Schlaf brachten.
Dass ich von Magenkrämpfen geplagt wurde, ist für die einen wahrscheinlich eine an Irrelevanz nicht zu unterbietende Information, bei anderen ruft es Bilder im Kopf hervor, die sie gerne schnellstmöglich vergessen würden, die jedoch bis an ihr Lebensende in ihre Netzhaut eingebrannt sein werden. Da heute aber sonst nichts Spannendes passiert ist, muss ich nun mal darüber schreiben, was das Leben mir in mein imaginäres Notizheft diktiert. Beziehungsweise was der Blumenkohl in meine krampfende Magenwand ätzt.
03. März 2023, Berlin
Heute sieht der Trainingsplan einen Erholungslauf vor. Über 20 Kilometer. Erholung und 20 Kilometer scheinen mir nicht so recht zusammenzupassen. Da muss vielleicht noch ein bisschen am Wording gearbeitet werden.
Dafür ist das vorgeschriebene Tempo langsam. 6:20 pro Kilometer. Dadurch bin ich allerdings über zwei Stunden unterwegs. Das ist doch ein wenig anstrengend. Und ein wenig langweilig. Während du läufst, kannst du ja nichts anderes tun, als über irgendetwas nachzudenken. So viele Gedanken habe ich aber gar nicht, dass sie für zwei Stunden reichen.
Als ich loslaufe, sind es ungefähr null Grad. Das erhöht auch nicht gerade das Laufvergnügen. So wie ich an der Spree entlangstampfe, müssen sich die Kenianer doch nicht allzu sehr vor mir fürchten.
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Mittags gehe ich einkaufen. Vor mir an der Kasse räumt eine junge Frau ihre Lebensmittel ein. Dazu holt sie zunächst aus ihrem Rucksack ein Brot von unserem Stammbäcker raus. Beinahe sage ich: „Ach, da gehe ich gleich auch noch hin.“ Zum Glück fällt mir gerade noch rechtzeitig ein, dass ich nicht der Typ bin, der an der Kasse Small-Talk mit fremden Menschen betreibt. (Selbst bei mir bekannten Menschen vermeide ich tunlichst Small-Talk an Supermarktkassen.)
04. März 2023, Berlin
Der Trainingsplan schreibt heute den ersten 35-Kilometer-Lauf vor. Den gibt es jetzt jeden Samstag. Damit sich Körper und Geist auf die lange Marathonstrecke einstellen. Gnädigerweise darf er ganz langsam gelaufen werden. Beziehungsweise muss ganz langsam gelaufen werden. Um Gelenke und Bänder nicht zu sehr zu belasten, damit der Körper lernt, Energie aus den Fettdepots zu ziehen, und wegen anderer Stoffwechselprozesse, die ich noch weniger verstehe als das mit der Energie und den Fettdepots.
Zum Glück muss ich die Strecke nicht komplett allein laufen. Wenn meine Gedanken schon kaum für einen Zwei-Stunden-Lauf ausreichen, wie sollte das bei fast vier Stunden gehen? Ich treffe mich mit zwei Laufkameraden am Grunewald. Bis dorthin habe ich schon mal circa neun Kilometer absolviert, dann laufen wir 17 weitere gemeinsam und mit dem Rückweg komme ich auf die vorgeschriebene Distanz.
Nach knapp vier Stunden bin ich wieder zuhause. Meine Frau begrüßt mich mit den Worten: „Richtig fit siehst du nicht aus.“ Nach mehr als 25 Jahren Beziehung zählt das als Kompliment.
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Der große Vorteil eines 35-Kilometer-Laufs besteht darin, dass du danach einen halben Liter Apfelsaft – oder irgendeinen anderen Fruchtsaft – trinken darfst. Beziehungsweise musst. Um deinen nach dem Lauf entleerten Kohlehydratspeicher wieder aufzufüllen. Das soll die Regeneration verbessern. Sagt Peter Greif. Und wenn Peter Greif das sagt, mache ich das natürlich.
Der Apfelsaft ist köstlich. Er ist erfrischend, fruchtig und süß. Ich schwärme meiner Frau vor, dass nach den 35 Kilometern der Apfelsaft eines der leckersten Getränke sei, dass ich jemals getrunken hätte. Meine Frau zieht eine Augenbraue hoch und meint, sie müsse keine 35 Kilometer laufen, damit Apfelsaft lecker schmeckt.
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Der große Nachteil eines 35-Kilometer-Laufs besteht – außer dass er 35 Kilometer lang ist –, darin, dass dir für den Rest des Tages jegliche Energie für jedwede Tätigkeit fehlt. Zum Beispiel fürs Staubsaugen oder Bettenbeziehen. Zwei Aufgaben, die mir obliegen, weil meine Frau schon Bad und Küche putzt. Ich muss mich also aufraffen und meinen Teil der Hausarbeit erledigen. Schließlich kann ich die nächsten acht Wochen schlecht jeden Samstag zu ihr sagen, sie sei allein für den Wochenendputz zuständig. Für die daraus resultierende Diskussion würde mir die Energie fehlen.
05. März 2023, Berlin
Die erste Vorbereitungswoche endet mit einem Regenerationslauf. 20 Kilometer in ganz langsamem Tempo. Die ersten acht laufe ich gemeinsam mit meiner Frau. Im Tiergarten sehen wir einen Läufer, der neben einem Kinderwagen steht. Er redet irgendetwas und ich denke zunächst er telefoniert über seine Kopfhörer. Auf gleicher Höhe stellt sich aber heraus, dass er nicht redet, sondern ein Schlaflied singt. Er wirkt ein bisschen verzweifelt. Das Baby schaut in unbeeindruckt mit großen Augen an. Daher wahrscheinlich die Verzweiflung des Vaters.
Die restlichen zwölf Kilometer laufe ich allein. Es sind die anstrengendsten Kilometer der ganzen Woche. Und die langsamsten. Ich fühle mich schlapp und mir ist ein bisschen langweilig. Außerdem ist es kalt, der Wind kommt immer von vorne und irgendwann fängt es an zu schneien und der Schnee grieselt unangenehm ins Gesicht. Peter Greif würde das bestimmt gefallen. Nur so bekommst du die notwendige Härte, um vielleicht nicht gegen die Kenianer aber wenigstens gegen dich selbst zu bestehen.
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Der Sohn hat seit einer Woche einen Job in einem kleinen Brauhaus. Auf 520-Euro-Basis. Zusätzlich zu seinem Lohn darf er sich nach dem Ende seiner Schicht immer ein Essen von der Speisekarte aussuchen. Ich glaube, der Sohn wird in nächster Zeit sehr viel Schnitzel essen.
Bei der Arbeit muss der Sohn ein graues Hemd mit dem Logo des Brauhauses und eine schwarze Schürze anziehen. Dazu trägt er meine Anzugshose. Die bequeme.
Hauptsächlich arbeitet der Sohn hinter der Theke. Für die Bestellungen der Kellner*innen zapft er Bier und schenkt Getränke aus. Ab und an räumt er Tische ab und schleppt Kisten aus dem Lager. Manchmal muss er auch im Lager putzen. Vielleicht eignet er sich dabei ein paar wichtige Kernkompetenzen für zuhause an. Wahrscheinlich möchte er die aber nur auf 520-Euro-Basis einsetzen.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
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