Eine kleine Wochenschau | KW16-2023 (Teil 2)

Teil 1


Der Sohn erzählt, dass er morgen eine Philo-Exkursion hat. Zum Deutschen Ethikrat. Das erstaunt mich. Also, nicht dass der Philosophie-LK eine Exkursion macht. Das kommt häufiger vor. Sondern dass diese zum Deutschen Ethikrat geht. Mir war zwar die Existenz desselbigen bekannt – in erster Linie aufgrund irgendwelcher Verlautbarungen während der Corona-Pandemie zum Thema Impfpflicht, wenn ich mich richtig erinnere –, aber es war mir nicht bewusst, dass der Ethikrat abseits seiner Mitglieder physisch existiert. Mit richtigen Büros und richtigen Arbeitsplätzen in einem richtigen Gebäude, das anscheinend besucht werden kann.

Was sie beim Ethikrat genau machen, kann mir der Sohn nicht sagen. Seine Freunde wüssten das auch nicht. Ich gehe davon aus, das liegt nicht daran, dass der Lehrer ihnen nicht erklärt hat, was auf der Exkursion passiert, sondern dass die Schüler*innen dies als irrelevante Informationen eingestuft haben, mit denen sie ihre Kurzzeitgedächtnisse nicht belasten wollten.

21. April 2023, Berlin

Als der Sohn morgens die Wohnung verlässt, hat er keine Tasche dabei und trägt lediglich seine Kopfhörer in der Hand. Ich frage ihn, ob er bei der Exkursion nichts zum Schreiben benötigt. Er erwidert, sie hätten die erste Stunde noch in der Schule, da würde er sich einen Kuli leihen. Das führt mich zu der in meinen Augen nicht unberechtigten Frage, worauf er denn mit dem Kuli schreiben wolle. Für den Sohn erfüllt die Frage allerdings nicht die erforderlichen Relevanzkriterien, um sie mit einer Antwort zu würdigen. Er deutet lediglich ein Achselzucken an, gibt mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange und geht. Wahrscheinlich fehlt ihm die Energie, um sein Sprachzentrum zu aktivieren.

Nachdem der Sohn später zurückkommt, kann er immer noch nicht sagen, was sie beim Ethikrat gemacht haben. Es sei sehr, sehr langweilig gewesen und er sei zwischendurch fast eingeschlafen. Dabei zuckt er wieder mit den Achseln. Während eines Vortrags beim Deutschen Ethikrat ein Nickerchen zu machen, stellt für ihn anscheinend kein größeres moralisches Problem dar.

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In Vorbereitung auf den Marathon muss ich nicht nur ausreichend trinken, sondern auch dafür sorgen, dass mein sogenannter Glykogenspeicher ausreichend gefüllt ist. Damit ich für die 42 Kilometer genügend Energie habe. Oder wenigstens für so viele Kilometer wie möglich.

Den Glykogenspeicher füllst du durch die Zufuhr von Kohlehydraten. In Läufer*innen-Kreisen heißt das Carbo-Loading. Das soll etwas cooler klingen als „Kohlehydrate fressen bis zur Verstopfung“.

Abends schauen meine Frau und ich eine Back-Show. Einer der Kandidaten stellt ein komplettes, maßstabgetreues Drumset aus Schokolade her. Weil das noch nicht genug Kalorien sind, packt er in die Snare Drum einen Chocolate Fudge Cake, in eine andere Trommel einen Käsekuchen und in die Base Drum Karamell-Schnitten.

Mir läuft das Wasser im Munde zusammen. Damit könnte ich meine Glykogenspeicher für mindestens zehn Marathons füllen. Kuchen, Kekse und Schokolade sind beim Carbo loaden aber natürlich nicht erlaubt. Stattdessen beiße ich in eine Kartoffel. Die ist auch lecker, belüge ich mich selbst. Ich muss sie nur ausreichend mit dem Salz meiner Tränen würzen.

22. April 2023, Berlin

Einen Tag vor dem Marathon stellt sich die große Bart-Frage. Kanadische Eishockeyspieler rasieren sich während Weltmeisterschaften oder in den Playoffs nicht. Aus einer Mischung aus Ritual und Aberglaube. Oder sie haben Angst, bei der Rasur ihre Halsschlagader zu perforieren und durch ihr Ableben das Team zu schwächen. Das willst du dir ja nicht vorwerfen lassen: Dass deine Mannschaft gescheitert ist, weil du tot warst.

Schaffen es die Spieler bis ins Finale, zieren ihre Gesichter stattliche Bärte. Das soll den Gegnern wahrscheinlich Respekt einflößen. Da mit Ausnahme der Schiedsrichter aber alle auf dem Spielfeld so aussehen, neutralisiert sich dieser Effekt ein klein wenig.

Schaue mich im Spiegel an und komme zu dem Schluss, dass ich kein kanadischer Eishockeyspieler bin und meine Gesichtsbehaarung keinen Respekt einflößt. Wirklich niemandem. Mein struppiger Bart sieht eher aus, als hätte ich die Kontrolle über mein Leben verloren, als wäre ich nicht einmal mehr zur basalsten Körperpflege imstande und als wäre mir einfach alles egal. (Dass ich Jogginghosen und ein uraltes T-Shirt mit zerschlissenem Kragen trage, verstärkt diesen Eindruck zusätzlich.)

Also greife ich zum Haarschneider und stutze den meinen Bart auf eine kurze, einigermaßen gleichmäßige Länge. Somit sollte ich auf den unzähligen Fotos, die am Sonntag während des Laufs gemacht werden, nicht aussehen, als hätte ich drei Monate im Wald gelebt und würde gerade vollkommen orientierungslos in die Zivilisation zurückkehren. Sondern wie jemand, der sich zu viel zugemutet hat und vollkommen orientierungslos versucht, das Ziel zu erreichen. (Hoffentlich in der richtigen Richtung.)


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Eine kleine Wochenschau | KW15-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


10. April 2023, Berlin

Ostermontag. Verbringe den größten Teil des Tages mit der Verdauung des gestrigen Ostermahls. Zwischendurch gehe ich laufen. Auf meiner Hohenzollernkanal-Strecke komme ich an den Schwänen vorbei, denen ich immer mit einer Mischung aus Respekt, Ehrfurcht und Hosen füllender Angst begegne. Das Schwanenpaar baut am Uferrand an seinem Nest. Ein älteres Ehepaar ist davon hellauf begeistert und fotografiert die Schwäne samt Brutstätte. Nicht aus sicherheitsabstandwahrender Ferne, sondern sie machen Nahaufnahmen, bei denen du wahrscheinlich die Struktur jeder einzelnen Schwanenfeder und jedes im Nest verbaute Ästchen erkennst.

Ich bin mir nicht sicher, ob es sonderlich klug ist, sich brütenden Schwänen so sehr zu nähern. Die gelten auch ohne zu erwartenden Nachwuchs nicht gerade als Mahatma Ghandis unter den Wasservögeln. Allerdings hat die Sorglosigkeit der Senior*innen auch sein Gutes: Dadurch sinkt mein Risiko, von den Schwänen attackiert zu werden, denn ich gehe davon aus, dass ich deutlich schneller rennen kann als die beiden betagten Mitbürger*innen.

Einfach abzuhauen und das Ehepaar seinem Schwanen-Schicksal zu überlassen, wäre allerdings bestimmt nicht gut für mein Karma. Vielleicht werde ich dann später als Schwan wiedergeboren. Vielleicht aber nicht, denn das könnte auch als Aufstieg im Wiedergeburtszyklus betrachtet werden. (Zumindest aus Sicht der Schwäne.)

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Eine kleine Wochenschau | KW15-2023 (Teil 2)

Teil 1


14. April 2023, Berlin

Besuch beim Friseur. Unglücklicherweise arbeitet meine Stammfriseurin Ayşe nicht mehr hier. Mit dem Haarschnitt, den ich das letzte Mal von einer der anderen Friseurinnen bekam, war ich nur so mittel zufrieden. Daher habe ich vor ein paar Tagen online einen Termin bei der Chefin ausgemacht, in der Hoffnung, diese beherrscht das Coiffeur-Handwerk besser als ihre Angestellten.

Als ich den Laden betrete, begrüßt mich eine junge Frau. Nachdem sie kurz auf den Computer-Bildschirm geschaut hat, erklärt sie, die Chefin käme erst später, und fragt, ob es mir etwas ausmache, wenn sie mir die Haare schneiden würde. Ich zögere ganz leicht. Um ehrlich zu sein, macht es mir etwas aus. Das möchte ich so aber nicht sagen, um ihre Gefühle nicht zu verletzen.

Außerdem kann ich mich nicht erinnern, ob es diese junge Frau war, die mir letztens die Haare zu meiner Unzufriedenheit geschnitten hatte. Die Friseurinnen in dem Laden sehen sich alle sehr ähnlich – jung, mittelgroß, mittellanges schwarzes Haar, aufwändiges Make-up – und ich habe Schwierigkeiten, sie zu unterscheiden.

Möglicherweise tue ich ihr Unrecht, was ihre friseurischen Kompetenzen angeht und sie war gar nicht für meinen letzten Haarschnitt verantwortlich. Ohnehin weiß ich gar nicht mehr so genau, was mir damals an diesem nicht so gut gefiel. Dann kann ich eigentlich nicht so wahnsinnig unzufrieden gewesen sein. Hätte sie mir versehentlich eine Tonsur verpasst, könnte ich mich bestimmt erinnern. Dann wäre es moralisch auch okay, auf den Termin mit der Chefin zu bestehen. So sage ich, das sei kein Problem und ich würde mir gerne von ihr die Haare schneiden lassen. Wenngleich eine Sekunde zu spät, um vollends glaubwürdig zu sein.

Zunächst wäscht mir die junge Frau die Haare. Sie fragt mich, ob die Wassertemperatur so gut sei. In einer Art Übersprungshandlung wegen meiner verzögerten Antwort von eben überkompensiere ich und erwidere: „Phantastisch.“

Phantastisch?!? Meine Güte, Christian, geht’s nicht eine Nummer kleiner? Das Wasser ist wohltemperiert, was das Haarewasch-Erlebnis okay, gut oder angenehm macht. Die Bezeichnung „phantastisch“ sollte dagegen für anderes, außergewöhnlicheres verwendet werden. Ein Violinkonzert von Itzhak Perlman ist zum Beispiel phantastisch. Oder ekstatischer Sex. Oder frischer Käsekuchen, der gerade aus dem Backofen kommt.

Nach dem Haarewaschen schneidet mir die junge Frau recht zügig und schweigsam die Haare. Beides weiß ich beim Friseurbesuch sehr zu schätzen. Als sie fertig ist, hält sie mir einen Spiegel an den Hinterkopf, damit ich das Ergebnis ihrer Arbeit begutachten kann. Sie will wissen, ob ich zufrieden bin. Ich habe meine Brille noch nicht wieder aufgesetzt und sehe mein Gesicht nur schemenhaft, Details meiner frisch geschnittenen Haare sehe ich gar nicht. Ich sage trotzdem: „Phantastisch!“

15. April 2023, Berlin

Heute steht der letzte lange Lauf vor dem Marathon nächste Woche an. Noch einmal 35 Kilometer. Diesmal aber ohne Marathongeschwindigkeit zum Schluss, sondern einfach in gemütlichem Tempo. So gemütlich wie dreieinhalb Stunden Laufen sein können.

Ich nutze das Training, um Trinken zu üben. Das hört sich etwas merkwürdig an. Trinken ist eigentlich eine Tätigkeit, die einen weder intellektuell noch motorisch überfordert. Zumindest wenn du älter als anderthalb bist.

Beim Laufen ist das allerdings gar nicht so einfach. Dabei musst du gleichzeitig das Trinken, Atmen, Schlucken und Rennen koordinieren. Da kannst du schon mal durcheinanderkommen. Zum Beispiel wenn du einen zu großen Schluck nimmst. Oder beim Schlucken einatmest.

Wenigstens habe ich eine Trinkflasche mit einem Trinkventil, das sicherstellt, dass das Getränk in deinem Mund ankommt. Im Gegensatz zu Bechern, die es bei den Läufen an den Verpflegungsstationen gibt. Wenn du aus denen während des Laufens trinkst, landet die Hälfte der Flüssigkeit in deinem Gesicht, dreißig Prozent auf deiner Brust und fünfzehn Prozent auf der Straße. Die restlichen fünf Prozent schüttest du versehentlich in deine Luftröhre und bekommst einen epischen Hustenanfall, der dir deine kümmerliche Restenergie entzieht, so dass du das Rennen am liebsten sofort beenden würdest.

Die Verwendung der Trinkflasche klappt heute aber ganz problemlos. Mein anderthalbjähriges Ich klatscht begeistert in die Hände.

16. April 2023, Berlin

Beim Spazierengehen komme ich in der Nachbarschaft am Büro eines Sicherheitsdienstes vorbei. Auf dem Schaufenster ist aufgedruckt, welche Dienstleistungen angeboten werden. Wachschutz, Objektschutz und Personenschutz. Außerdem etwas sachfremd Empfangs- sowie Reinigungsservices.

Richtig gut zu lesen ist das alles allerdings nicht. Irgendjemand hat einen Stein in die Schaufensterscheibe geschmissen und diese ist großflächig zersplittert. Die Tat einer Schutzgelderpresser-Bande? Oder eines rivalisierenden Sicherheitsdienstes?

Auf jeden Fall ist das zerstörte Glas keine besonders gute Werbung. Wer möchte sich schon von einem Sicherheitsdienst beschützen lassen, der nicht einmal in der Lage ist, Backsteinattacken gegen das eigene Schaufenster zu verhindern? Da würde ich eher Herrn Schwan als Wachschutz engagieren.


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Eine kleine Wochenschau | KW14-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


03. April 2023, Berlin

Im Juni besuchen wir die Tochter in Irland. Auf der Heimreise wollen wir noch zwei Tage in Dublin verbringen. Ich konsultiere die bekannten Hotel-Suchmaschinen und lasse mir für das zweite Juni-Wochenende Zimmer für drei Personen anzeigen. Die ersten Ergebnisse werden ausgespuckt. Irgendetwas stimmt aber nicht. Anscheinend habe ich den Filter falsch eingestellt und einen Haken gesetzt bei „Zeige mir die absolut teuersten Unterkünfte an, egal wie schäbig sie auch sein mögen.“

In dem ersten angezeigten Hotel kosten zwei Nächte 1.100 Euro. Dabei handelt es sich aber nicht um ein irisches Adlon, was den Preis erklären würde. Eher im Gegenteil. Auf den Bildern sind metallene Stockbetten zu sehen und das Interieur sieht aus wie die Kulisse eines Siechenheims in einer Charles-Dickens-Verfilmung.

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Eine kleine Wochenschau | KW14-2023 (Teil 2)

Teil 1


08. April 2023, Berlin

Der Trainingsplan kennt keinen Karsamstag – und keine Gnade. Deswegen muss ich auch heute 35 Kilometer laufen, die letzten fünfzehn davon im angestrebten Marathontempo.

Ungefähr bei Kilometer 30 komme ich an den Punkt, wo die Oberschenkel immer stärker brennen, das Atmen längst in ein Schnaufen übergegangen ist und ich frage mich, warum ich das hier eigentlich mache. Natürlich gibt es darauf keine befriedigende Antwort. Es hat keinerlei kosmische Relevanz, ob ich durch den Schlosspark renne, im Bett liege oder auf dem Sofa sitze, Netflix schaue und dabei Kuchen in mich reinstopfe.

Genauso wenig macht es mich zu einem besseren Menschen, wenn ich 42 Kilometer in einer bestimmten Zeit laufe oder überhaupt einen Marathon renne. Das wird später nicht auf meinem Grabstein festgehalten. Meine Marathonlauferei sagt höchstens aus, dass ich vollkommen stumpf bin, so dass es mir egal ist, vollkommen sinnlos stundenlang zu laufen. (Das wird später aber auch nicht auf meinem Grabstein stehen. Hoffe ich zumindest.)

Dieses existenzielle Nachdenken ist bei den langen Läufen – und beim Marathon selbst – ein ganz heikler Moment. Wenn ohnehin alles egal ist, kann ich ja auch langsamer laufen. Oder gleich stehen bleiben. Das will ich aber nicht.

Stattdessen rufe ich mir die Worte von Richard Ringer ins Bewusstsein. Der wurde letztes Jahr sensationell Europameister im Marathon. Über seinen phänomenalen Schlussspurt sagte er später: „Es tat eh alles weh, da war es dann auch schon egal.“ Ein Satz, der zugegebenermaßen in einem Rückblick auf einen europäischen Triumphlauf heroischer klingt, als auf den drei letzten Trainingskilometern, wo auch alles weh tut, dir aber noch nicht alles egal ist.

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Nachmittags sauge ich gründlich das Wohnzimmer. Zumindest so gründlich, wie es mir nach dem Dreieinhalb-Stunden-Lauf möglich ist. Aber meine Frau und ich wollen später Schokohasen und Ostereier verstecken, da soll es dort dann wenigstens einigermaßen sauber sein. Wobei sich Wollmäuse eigentlich ganz gut eignen, um darin kleinere Schokoeier verschwinden zu lassen. Aber das würde nicht mal mehr unsere mittelmäßigen Reinlichkeits- und Ordnungsstandards erfüllen.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Kinder überhaupt noch Wert auf das Ostereiersuchen legen oder ob wir das eher für uns machen. Als Erinnerung daran, wie es war, als die Kinder noch klein waren. Egal. Mit manchen Fragen solltest du dich besser nicht weiter beschäftigen. Zumindest sofern du verdrängen willst, dass deine Kinder groß sind und du folglich alt wirst.

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Die Kinder haben bei uns nur relativ wenige Haushaltspflichten. Das liegt zum einen an den eben erwähnten mittelmäßigen Reinlichkeits- und Ordnungsstandards. Da gibt es gar nicht so viel zu tun. Zum anderen erträgt es meine Frau nicht, wenn jemand anderes die Wäsche aufhängt und dabei nicht ihre farblich ausgeklügelte Wäscheklammer-Ordnung einhält, und ich bekomme ebenfalls leichtes Augenzucken, wenn mein in vielen Jahren perfektioniertes Spülmaschinen-Einräumsystem nicht befolgt wird.

Eine essenzielle Aufgabe haben die Tochter und der Sohn aber doch. Sie müssen am Karsamstag abends immer Osterhasen spielen und bei allen Kindern im Haus vor den Türen Schokohasen und Eier verteilen. Das hat bei uns in der Hausgemeinschaft Tradition. Da sind karsamstags sehr viele Osterhasen unterwegs und es wird so viel Schoki vor die Türen gestellt, dass du Schwierigkeiten hast, auf den Treppenabsätzen durchzukommen.

Obwohl meine Frau und ich einen recht liberalen Erziehungsstil pflegen, dulden wir es unter keinen Umständen, dass sich die Kinder vor diesen Osterhasenpflichten drücken. Sonst müssten wir das nämlich selbst machen. Und dafür hast du ja Kinder. Dass du denen Aufgaben aufdrücken kannst, auf die du keine Lust hast.

Der Sohn meint trotzdem, er könne diesmal nicht, er müsse bis 22 Uhr arbeiten. Ich erwidere, wenn er fünf Stunden lang hinter der Theke Bier verteilt hätte, wüsste er ja, wie das mit der Verteilerei geht und könne dann mit den Oster-Süßigkeiten weitermachen. Er findet, seine Schwester könne das allein machen, schließlich sei sie letztes Jahr an Nikolaus und an Ostern nicht da gewesen, so dass er ohne sie durchs ganze Haus laufen musste. So wie er das sagt, klingt es, als wäre er nicht nur zwei Stockwerke hochgegangen, sondern mehrere Tage auf einer Regenwald-Expedition gewesen und dabei nur knapp mit dem Leben davongekommen.

09. April 2023, Berlin

Vor das Oster-Frühstück hat der Laufplan den Erholungslauf gesetzt. Weil es nur noch zwei Wochen bis zum Marathon sind, jedoch keine 20 Kilometer mehr, sondern nur noch fünfzehn.

Ich beschäftige mich während des Trainings mit meiner Marathon-Playlist. Die ist ganz entscheidend für einen erfolgreichen Lauf. Die Musik darf auf keinen Fall zu langsam sein. Sonst tanzt du gedanklich Stehblues und schleichst in einem Tempo über die Strecke, mit dem du jegliche Bestzeithoffnungen ziemlich schnell begraben kannst. „My heart will go on“ oder „Candle in the wind“ scheiden deswegen aus. Der Beat darf allerdings auch nicht zu schnell sein. Damit du nicht in einer Geschwindigkeit losrennst, in der du zwar auf den ersten Metern dem Duracell-Hasen Konkurrenz machst, bei Kilometer 2 aber zur Reanimation ins Sauerstoffzelt getragen werden musst. Somit dürfen „Bumerang“ von Blümchen oder Speed Metal auch nicht auf die Liste.

Einen idealen Lauf-Song habe ich vor vielen Jahren mal zufällig gefunden. Die Kinder waren damals noch im Kita-Alter. Für längere Bahnreisen hatte ich auf meinem iPod – die Mittelalten erinnern sich – eine CD des Kinderliedermachers Fredrik Vahle gespeichert. Bei einem Lauf wurde mir dann unbeabsichtigt „Der Hase Augustin“ ins Ohr geshuffelt. Ein perfektes Lied für ein flottes aber nicht zu flottes Tempo. Und gute Laune machte es auch.

Allerdings reicht ein Lied nicht für einen Marathon. Ich möchte mir nicht 75-mal anhören, dass der Hase Augustin ein Naturtalent ist und mehrfacher Landesmeister im Zickzackdauerlauf wurde. Vor allem nicht, wenn ich mich die letzten Kilometer auf dem Zahnfleisch durch Hamburg schleppe.

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Vor das Oster-Frühstück haben die Ostereier-Verstecker das Ostereier-Suchen gesetzt. Die Kinder sind mäßig enthusiastisch bei der Sache. Ungefähr mit so viel Begeisterung wie ich gestern beim Saugen des Wohnzimmers.

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Wir verbringen den Nachmittag damit, alte Videos zu schauen. Von den Kindern im Babyalter. Anscheinend dachten wir, die Nachwelt könnte an Aufnahmen in Blair-Witch-Ästhetik interessiert sein, auf denen unsere Kinder zu sehen sind, wie sie auf dem Boden liegen und versuchen sich umzudrehen. Mehr passiert da nicht. Selbst das mit dem Umdrehen klappt nicht. Das Video hat eine Länge von 20 Minuten.

Unter anderem gibt es auch eine Aufnahme von mir, wie ich mit der Tochter auf dem Arm tanze. Zu „Staying Alive“ von den Bee Gees. Ein Video, das schleunigst wieder im Giftschrank verschwinden muss.


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Eine kleine Wochenschau | KW13-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


27. März 2023, Berlin

Aufmerksame Leser*innen erinnern sich, dass meine Frau am letzten Wochenende ihren Geldbeutel im Zug liegen gelassen hatte. Deswegen ließ sie sofort unterwegs ihre EC-Karte sperren. Die Postbank war etwas übermotiviert und hat meine Karte gleich mitgesperrt. Obwohl diese nicht im Zug oder sonstwo zurückgelassen wurde, sondern ein ganz normales EC-Karten-Leben in meinem Geldbeutel fristete.

Nun verkompliziert es den kapitalistischen Alltag sehr, wenn du keinen Zugang zu Geld hast. Daher gehe ich zu unserer Postbank-Filiale, damit meine Karte wieder entsperrt wird. Ich stelle ich mich vorsorglich auf kafkaeske und schildbürgerstreichartige Geschehnisse ein. Wahrscheinlich muss ich tagelang anstehen, ein 38-seitiges Formular ausfüllen, meine Seepferdchen-Urkunde vorlegen und ein Fläschchen mit dem Blut eines jungfräulichen Kaninchens abgeben, mit dem die Postbank-Frau in den Postbank-Keller geht, wo ein altes Hutzelweibchen eine Beschwörungsformel auf Aramäisch singt, die die Sperre meiner EC-Karte aufhebt.

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Eine kleine Wochenschau | KW13-2023 (Teil 2)

Teil 1


30. März 2023, Berlin

Gestern Abend fragte mich der Sohn, ob ich morgen mit ihm zusammen einen Anzug kaufen könnte. Ich bin etwas überrascht und frage ihn, für was er einen Anzug bräuchte. Er sei auf eine Geburtstagsparty eingeladen, erklärte er. Eine Casino-Mottoparty. So ändern sich die Zeiten. Bei uns lauteten die Mottopartys meistens „Waldhütten-Besäufnis“. (Manchmal auch „Partykeller-Besäufnis“.) Das war zwar weder originell noch stilvoll, aber zumindest mussten wir keine Anzüge tragen.

Casino finde ich als Partymotto etwas unpräzise. Für ein monegassisches Edel-Casino à la James Bond bräuchte der Sohn einen Smoking. Ich verspüre aber wenig Lust, viel Geld für einen Smoking auszugeben, den der Sohn nie wieder tragen wird. Vielleicht ist das Casino aber eher so ein leicht abgeranztes Boot-Casino wie bei Ozark. Dann könnte der Sohn kurze Hosen und ein Hawaii-Hemd tragen.

Es soll aber ein Anzug sein. Ich habe sehr große Zweifel, dass ich die richtige Kaufbegleitung bin. Zum einen trage ich selbst nur sehr selten Anzüge, zum anderen ist meine Expertise in modischen Angelegenheiten nur sehr rudimentär vorhanden. Quasi nicht existent. Trotzdem willigte ich ein. Wenn deine Kinder dich um Hilfe bitten, dann hilfst du ihnen. Egal, ob sie Mitten in der Nacht irgendwo in der Walachei abgeholt werden müssen, du sie bei der Polizei einsammeln musst, weil sie beim Kiffen im Park erwischt wurden, oder sie wollen, dass du einen Anzug mit ihnen kaufst. Außerdem kommt es nur sehr selten vor, dass ein Teenager seinen Eltern zutraut, etwas besser zu wissen als sie selbst. Einen solch raren Moment musst du als Vater unbedingt auskosten.

Ich selbst bekam meinen ersten Anzug zu meiner Konfirmation. Damals war ich dreizehneinhalb und ein spätentwickelter Milchbubi. Die Pubertät war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal in weiter Ferne zu erahnen. Folglich sah ich in meinem Konfirmationsanzug aus wie ein Kind, das Wall-Street-Banker spielt. Dass mich der Fotograf, zu dem mich meine Eltern schleppten, um meine Konfirmation bildlich festzuhalten, aufforderte, mein Jackett „lässig“ über der Schulter zu halten, machte es nicht besser.

Später hatte ich zwei, drei Anzüge für die Arbeit. Die sind mir inzwischen viel zu weit, hängen aber immer noch im Schrank. Eigentlich könnte ich die mal weggeben, habe aber das Gefühl, dass es bei der Altkleider-Sammlung keinen Bedarf für C&A-Anzüge von 2005 gibt. Mittlerweile habe ich nur noch einen guten Anzug, den ich äußerst selten trage. (Gelobt sei das Home Office.) Je nach Jahreszeit passt er mir mal besser, mal schlechter. (Zur Weihnachtszeit tendenziell schlechter.)

Nun stehe ich bei H+M vor den Umkleiden, während der Sohn Hosen, Jacketts und Hemden anprobiert. Wir werden erstaunlich schnell fündig. Sicherheitshalber schicke ich ein Foto in unsere WhatsApp-Gruppe „Die krummbucklige Sippe“, damit der Mann meines Schwagers den Anzug absegnen kann. C. ist Flugbegleiter, kommt weit rum, ist stilsicher und hat somit mehr Kompetenz in modischen Fragen aufzuweisen als ich. (Zugegebenermaßen ist meine modische Kompetenz eine sehr, sehr niedrige Messlatte. Eher eine Kuhle.)

C. gibt seinen Segen und empfiehlt lediglich, die Hose ein wenig kürzen zu lassen. Dann sähe der Anzug eleganter aus. Da die Party schon morgen ist, werden wir das wohl erst später machen. Vielleicht auch nie.

Für mich ist der Besuch bei H+M noch aus einem anderen Grund aufschlussreich. Ich lerne, dass es Jogginghosen gibt, die wie Anzugshosen aussehen. Beziehungsweise Anzugshosen, die so bequem wie Jogginghosen sind. Wahrscheinlich wussten Sie das bereits. Ich gehe aber nur sehr, sehr selten einkaufen. Für mich war das neu. Vielleicht lege ich mir demnächst einen zweiten Anzug zu. Oder eine neue Jogginghose.

31. März 2023, Berlin

Als Test und Standortbestimmung für den Marathon Ende April laufe ich am Sonntag beim Berliner Halbmarathon mit. Um mich etwas zu schonen, sieht der Trainingsplan heute deswegen anstatt des üblichen freitäglichen 20-Kilometer-Laufs nur eine 10-Kilometer-Einheit vor. In ganz lockerem Tempo. Beim Laufen habe ich ein merkwürdiges Gefühl. Eine Mischung aus Unterforderung und schlechtem Gewissen. Möglicherweise habe ich durch das anspruchsvolle Training sado-masochistische Züge entwickelt. Oder eine Art Laufplan-Stockholm-Syndrom.

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Morgen hat meine Frau Geburtstag. Ich verbringe den Nachmittag in der Küche und backe. Ich habe in den letzten Tagen etwas recherchiert und mich pinteresten lassen. Ich plane einen mehrstöckigen Schokoladenkuchen mit einem Frosting aus Frischkäse und weißer Schokolade, der innen mit M+M gefüllt ist, die beim Aufschneiden rausfallen. Damit der Kuchen nicht zu süß wird, kommt zwischen die Schichten außer dem Frosting Himbeer-Grütze und für den „Crunch“ geröstete Mandelsplitter. (Ich habe nicht umsonst auf Netflix mehrere Staffeln „Sugar Rush“ und „Jumbo’s Just Dessert“ geschaut.)

Der Kuchen soll auch optisch etwas hergeben. Dazu plane ich eine Art „Zaun“ aus weißen und braunen Kitkats. Oben auf den Kuchen kommt ein Haufen rote und weiße M+M sowie eine Konstruktion aus einem Strohhalm, an den ich mit flüssiger Schokolade M+M kleben will und an dessen Ende eine leere M+M-Tüte befestigt werden soll, damit der Eindruck entsteht, die M+M werden gerade auf den Kuchen geschüttet. Falls mir das alles so gelingt, wie ich es mir vorstelle, wird der Kuchen fantastisch aussehen. Falls nicht, wie ein M+M-Kuchen, der mehrmals runtergefallen ist und auf den sich ein Elefant gesetzt hat.

Bevor ich mit dem Backen beginne, richte ich die Zutaten. Ich hole aus dem Kühlschrank zwei Eier und lege sie auf den selbigen. Ein mittelmäßig smarter Move. Ich wohne seit fast 25 Jahren in Berliner Altbauwohnungen und seit gut 15 Jahren in unserer jetzigen Wohnung. Da sollte ich wissen, dass die Böden in Altbauwohnungen selten eben sind. Und aus der Grundschule sollte ich wissen, dass Gegenstände, die auf unebenen Flächen liegen, ins Rutschen geraten. Wie zum Beispiel eines der Eier, das von dem Kühlschrank rollt und auf den Boden fällt. Ich rutsche auf allen vieren durch die Küche, um Eigelb, Eiweiß und Eierschalen aufzuwischen. Gerade als ich fertig bin, fällt das zweite Ei ebenfalls runter. Es ist schön in seinem eigenen Slapstick-Film zu leben.

Der Rest des Backens verläuft reibungslos. Außer dass mir die Himbeergrütze beim Kochen fast überlauft, mir eine Ladung gehackte Mandeln verbrennt und ich die heiße Pfanne kurz, aber nicht kurz genug auf der Holzarbeitsplatte abstelle, wo sie einen dunklen, schwarzen Ring hinterlässt. Aber das ist schon okay. Das verleiht der Küche ein wenig Charakter. Jetzt sieht sie nicht mehr nach 08/15-IKEA-Küchensystem aus, sondern nach einem Ort, wo schwer gearbeitet, gekocht, gebacken, geschwitzt und geflucht und ab und an mal eine heiße Pfanne versehentlich auf einer Arbeitsplatte abgestellt wird. Damit muss sich die Arbeitsplatte abfinden. Es heißt nicht umsonst: „If you can’t stand the heat, get out of the kitchen.”

01. April 2023, Berlin

Meine Frau ist nun 48. Quasi Ende 40. Ich mit meinen 47 bin dagegen Mitte, Ende 40. Eine Formulierung, die den Altersunterschied zwischen uns noch gravierender erscheinen lässt, als er ohnehin schon ist.

Darüber kann sich meine Frau mit dem Kuchen hinwegtrösten. Auch wenn Eigenlob stinkt und es mir meine innewohnende Bescheidenheit eigentlich verbietet, kann ich konstatieren, dass der Kuchen durchaus gelungen ist. Höchstens etwas mächtig. 900 Gramm Schokolade, 800 Gramm M+M, 700 Gramm Zucker, 400 Gramm Butter und 30 Kitkat stehen nicht unbedingt für eine leichte, mediterran anmutende Küche.

02. April 2023, Berlin

Halbmarathon. Die gestrige kulinarische Vorbereitung mit Schoko-M+M-Kitkat-Kuchen, Pasta mit Tomaten-Ricotta-Sauce und Parmesan, Chips und einem Gin Tonic waren nicht gänzlich optimal. Wenigstens sollten meine Kohlehydratspeicher gefüllt sein. Vielleicht ein wenig zu viel. Ich kann beim Start ein gewisses Völlegefühl nicht verleugnen.

Trotzdem reicht es mit 1:37:15 für den zweitschnellsten Halbmarathon meiner Lauf„karriere“. Die M+M in meinem Magen freuen sich mit mir. Und die Kitkat auch.


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Eine kleine Wochenschau | KW12-2023

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20. März 2023, Berlin

Heute ist Internationaler Tag des Glücks. Trotzdem bekomme ich keine Benachrichtigung, dass wir am Wochenende im Lotto gewonnen haben. Für mich persönlich hat der Internationaler Tag des Glücks noch ziemlich viel Luft nach oben.

Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit „Christian, Geld allein macht nicht glücklich.“ Natürlich stimmt das, aber ich halte es trotzdem mit Marcel Reich-Ranicki, der gesagt haben soll: „Es ist besser, im Taxi zu weinen, als in der Straßenbahn.“

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Eine kleine Wochenschau | KW12-2023 (Teil 2)

Teil 1


24. März 2023, Berlin

Ich stehe im dm vor dem Regal mit den Körperpflegeprodukten und bin ratlos. Meine Frau hat auf unsere Einkaufslisten-App Body Lotion geschrieben. Einfach nur Body Lotion. Ohne weitere Erläuterung. Das ist sehr unspezifisch. Im Regal stehen ungefähr 324.312 verschiedene Body Lotions. Um genau zu sein, gibt es Body Lotion, Body Balsam, Pflegecreme, Creme-Öl, Körperöl, Körpermilch, Körperbutter und vieles mehr. (Körperkäse und Körperquark kann ich allerdings nicht entdecken.) Wie soll ich da wissen, welche Body Lotion meine Frau mitgebracht haben will?

Ich überlege, welche Körperlotion meine Frau bei uns im Bad stehen hat, kann mich aber nicht erinnern. Auf der Ablage vor unserem Spiegel sind sehr viele Tiegelchen, Tübchen, Döschen und Fläschchen aufgereiht, die zu unterschiedlichen Tageszeiten und für verschiedene Körperregionen zum Einsatz kommen. Da kannst du schon mal den Überblick verlieren. Vor allem, wenn nichts davon dir gehört. Vielleicht sollte ich einfach etwas aufmerksamer sein. Sonst entgleitet einem so etwas schnell. An einem Tag weißt du nicht, welche Body Lotion deine Frau verwendet und am nächsten vergisst du ihren Geburtstag.

Ich entscheide mich schließlich für eine hautstraffende Lotion Q10 der dm-Hausmarke. Keine Ahnung, für was Q10 steht. Es scheint auf jeden Fall ein vielversprechender Inhaltsstoff zu sein, denn es gibt mehrere Produkte, bei denen das groß auf dem Etikett steht.

Ein bisschen unsicher bin ich dennoch, ob das die richtige Wahl ist. Deiner Frau eine hautstraffende Lotion mitzubringen, kann leicht als wenig subtiler Hinweis verstanden werden, dass du findest, ihre Haut sei zu schlaff und hängend, und sie solle da besser mal mit ein wenig Lotion gegenwirken. Das ist fast schon wie einen Gutschein vom Schönheitschirurgen für Facelifting und Fettabsaugung zu verschenken.

Ich glaube jedoch mich zu erinnern, dass meine Frau kürzlich von genau dieser Lotion gesprochen hat. Die hätte bei Öko-Test viel besser als die teureren Markenprodukte abgeschnitten. Möglicherweise irre ich mich aber auch. Ich sollte vielleicht bei Unterhaltungen mit meiner Frau ebenfalls aufmerksamer sein.

25. März 2023, Berlin

Heute ist Tag der Waffel. Ein sehr begrüßenswerter Feiertag verglichen mit den doch häufig skurrilen Gedenktagen, die mir unterkommen. Leider kann ich den Tag nicht gebührend begehen, indem ich mir eine Waffel einverleibe. Oder besser gleich mehrere. Noch habe ich mein mir gesetztes Ziel-Laufgewicht nicht ganz erreicht. Der Verzehr eines Lebensmittels, das größtenteils aus kurzkettigen Kohlenhydraten und Fett besteht und zusätzlich mit Puderzucker – das heißt, mit Kohlenhydraten in Pulverform – bestreut wird, bringt mich diesem Ziel sicherlich nicht näher.

Außerdem ist Waffelbacken eine recht nervige Angelegenheit. Es schränkt den Genuss doch erheblich ein, dass das Säubern des Waffeleisens mehr Zeit in Anspruch nimmt als das Backen und das Essen. Außer bei den Kindern. Die lassen das Waffeleisen einfach auf der Küchenanrichte stehen – „Das muss ja erst abkühlen!“ –, wo es dann in Vergessenheit gerät. Bis es sich irgendwann wie von Zauberhand selbst reinigt. (Die Zauberhände gehören zufälligerweise zu Personen, die große Ähnlichkeit mit meiner Frau oder mir aufweisen.)

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Samstag. Das heißt für mich wieder 35-Kilometer-Lauf. Diesmal mit neun Kilometern Endbeschleunigung im Marathon-Tempo. So weit so ungut. Noch unguter ist, dass der lange Lauf zum noch längeren Lauf wird, weil wir im Grunewald statt 17 fast 20 Kilometer laufen. Inklusive Hinweg habe ich somit schon 29 Kilometer auf der Uhr und vor allem in den Beinen. Bis ich zuhause bin, werde ich auf 38 Kilometer kommen.

Das motiviert nicht gerade. Dass ich den kompletten Heimweg in der Endbeschleunigung bestreiten muss, ebenfalls nicht. Die darf laut Peter „Der Schinder“ Greiff, von dem ich den Laufplan übernommen habe, auf gar keinen Fall abgekürzt werden. In diesen letzten Kilometern stecke überproportional viel Nutzen. Bei ihm liest sich das so, dass du, wenn du die Endbeschleunigungs-Kilometer nicht bis zum letzten Meter läufst, das Marathonvorhaben gleich ganz sein lassen kannst. Dass er dafür nur Verachtung übrighat, versteht sich von selbst.

In einer Mischung aus unterwürfiger Obrigkeitshörigkeit, preußischem Pflichtgefühl und Angst vor dem Marathon laufe ich den Heimweg also im angestrebtem Renntempo. Aber es fühlt sich nicht schön an und ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch nicht schön aussieht.

Gegen Ende des Laufs muss ich an einer roten Ampel anhalten. Ich schnaufe kurzatmig und fluche: „Fuck, fuck, fuck, fuck!“ Die junge Frau neben mir schaut irritiert und vergrößert sicherheitshalber den Abstand zu mir. Dass ich mir unterdessen mit dem Handrücken Schmodder vom Mund wische, macht unsere Begegnung für sie sicherlich nicht erquicklicher.

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Meine Frau und der Sohn sind dieses Wochenende wieder in Greifswald. Wieder auf einem Judoturnier. Eigentlich wäre es an mir gewesen, ihn zu begleiten, aber die Marathonvorbereitung bietet mir die perfekte Entschuldigung, nicht mitfahren zu können. Wobei ich auf dem letzten Endbeschleunigungskilometer zu dem Schluss komme, dass die Wortwahl „perfekte Entschuldigung“ möglicherweise etwas unpräzise ist.

Aber meine Frau fährt auch gerne zu den Turnieren mit. Heute allerdings nicht ganz so sehr. Auf der Hinfahrt lässt sie ihre Umhängetasche samt Geldbeutel und damit samt EC- und Kreditkarte sowie Perso im Zug liegen.

Der Sohn tritt heute bei den Erwachsenen an. Ich schaue mir seine Wettkämpfe nachmittags am Schreibtisch per Livestream an. Auf meiner Schreibtischunterlage klebt ein Foto des Sohns. Auf dem Bild ist er knapp ein Jahr alt, sitzt im Strampler in seinem Hochstuhl und strahlt in die Kamera. Der Sohn auf dem Bildschirm versucht derweil, sich gegen hünenhafte Männer zu behaupten und zu vermeiden, dass diese ihn abwürgen. Das gelingt ihm sogar erfolgreich und belegt einen unerwarteten fünften Platz. Der Einjährige im Hochstuhl lacht fröhlich.

26. März 2023, Berlin

Heute ist Erfinde-deinen-eigenen-Feiertag-Tag. Ich glaube die Betreiber des Kalenders, dem ich immer die ganzen Gedenktage entnehme, haben jeden Tag Erfinde-deinen-eigenen-Feiertag-Tag.

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Beim Sohn läuft es heute nicht so gut in Greifswald. Er knickt im ersten Kampf um und beendet das Turnier lieber. Dafür sind meine Frau und er wenigstens früh zuhause.

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In Berlin wird mal wieder abgestimmt. Diesmal ein Volksentscheid. Ob Berlin bis 2030 klimaneutral sein soll, anstatt bis 2045, wie es bisher vorgesehen ist.

Ist die Mehrheit der Berliner*innen informiert genug, um eine solche weitreichende Entscheidung zu treffen? Wahrscheinlich nicht. (Und ich schließe mich da explizit ein.) Ist das Ziel realistisch und umsetzbar? Wahrscheinlich auch nicht. Hat Berlin genügend Geld, um das alles zu bezahlen? Definitiv nicht. (Zumindest nicht ohne Schulden zu machen.) Ist die Initiative trotzdem richtig und wichtig? Ich denke schon. Ein wenig Klimaschutz-Druck schadet dem neuen, voraussichtlich schwarz-roten Senat sicherlich nicht. Außerdem ist Berlin nicht gerade dafür bekannt, politische Vorhaben reibungslos, effizient und pünktlich umzusetzen. Deswegen bin ich eher skeptisch, ob das mit der Klimaneutralität bis 2045 klappt. Außer die Vorgabe lautet 2030. Dann vielleicht doch.


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Eine kleine Wochenschau | KW11-2023 (Teil 2)

Teil 1


17. März 2023, Berlin

Heute ist St. Patrick’s Day. Ein Tag, über den ich mir nie größere Gedanken gemacht und den ich auch noch nie begangen habe. Möglicherweise liegt das daran, dass ich kein Guinness mag. Mir ist Guinness zu mächtig. Das schmeckt für mich, als würde ich einen Laib Brot trinken. Dann esse ich aber lieber Brot. Das kann ich wenigstens mit Butter beschmieren und mit Käse belegen. (Und um der Spießigkeit zu huldigen, packe ich vielleicht noch ein paar Gürkchen oben drauf.)

Da die Tochter in Irland studiert, beschäftige ich mich erstmalig mit dem St. Patrick’s Day. Nicht sonderlich überraschend wird er zu Ehren von St. Patrick abgehalten. Der war ein irischer Bischof, lebte im 5. Jahrhundert und gilt als erster christlicher Missionar in Irland. Da in Irland Religion bis heute einen hohen Stellenwert hat, wird das als etwas Positives gesehen und das groß gefeiert.

In Carlow begannen die Feierlichkeiten bereits am Mittwoch. Möglicherweise aber auch nur für Studierende, die den St. Patrick’s Day als Ausrede nutzten, um bereits Mittwochabend Party zu machen. Wobei ich aufgrund der Erzählungen der Tochter aus ihrem ersten Studienjahr nicht den Eindruck habe, dass die Studierenden in Carlow – und wahrscheinlich auch nicht in den anderen irischen Uni-Städten – eine Entschuldigung brauchen, um unter der Woche bis in die frühen Morgenstunden auszugehen und Alkohol in rauen Mengen zu trinken.

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Im Supermarkt legt die Frau vor mir fünf verschiedene Apfelsorten auf das Kassenband. Aber keine fünf einzelnen Äpfel, sondern fünf Apfel-Sechser-Packs. Was sie wohl zu dieser Kaufentscheidung bewogen hat? Möglicherweise bereitet sie sich auf eine Wetten-dass-Wette vor, bei der sie Thomas Gottschalk beweisen will, dass mit verbundenen Augen Apfelsorten erschmecken kann. Vielleicht hat sie aber auch eine fünfköpfige Familie und jedes Familienmitglied mag eine andere Sorte. Oder sie hat vergessen, welche Äpfel sie am liebsten isst und jetzt kauf sie einfach jede Sorte.

18. März 2023, Berlin

Der lange 35-Kilometer-Lauf führt mich wieder in den Grunewald. Dort herrscht so viel Natur- und Waldidylle, wie ich sie das letzte Mal wahrscheinlich erlebt habe, als ich asl Kind sonntags mit meinen Eltern im Wald spazieren gehen musste. Mein Bruder und ich haben das immer gehasst. (Ein Zeichen, dass wir vollkommen „normale“ Kinder waren.) Einmal war uns so langweilig, dass wir Äste als Besen benutzten, um den Waldweg zu fegen. (Ein Zeichen, dass wir möglicherweise doch keine vollkommen „normalen“ Kinder waren.)

Mittlerweile weiß ich das Waldambiente durchaus zu schätzen. Hier hörst du keinen Autolärm, keine knatternden Motorräder und auch sonst keine Verkehrsgeräusche. Nur zwitschernde Vögel, hämmernde Spechte und raschelnde Bäume. In der Ferne plätschert ein Bach. Dafür, dass mir das urbane Lebensgefühl nicht gänzlich verloren geht, sorgt später mein Heimweg über den Kudamm.

Bei Kilometer 29 geht der Spaß der heutigen Trainingseinheit erst richtig los. Und mit Spaß meine ich Kacke. Ich muss nicht nur die letzten drei, sondern die letzten sechs Kilometer im angestrebten Marathon-Tempo laufen. Das ist ziemlich herausfordernd, denn mir stecken die ersten drei Laufstunden schon in den Knochen und nun soll ich wie das blühende Leben losrennen. (Eine Metapher die keinerlei Sinn ergibt, aber ich laufe auch schon seit 7 Uhr durch Berlin, da können sie hier keine Prosa von Thomas Mannscher Qualität erwarten. Nicht einmal von Sebastian Fitzekscher Qualität. (Sorry, Sebastian.)

Mein von der Anstrengung gezeichnetes Gesicht ist bestimmt kein allzu schöner Anblick für die anderen Passant*innen. Zum Glück befinde ich mich nicht mehr am Kudamm. Schließlich möchte ich den ganzen wohlhabenden Konsumwilligen nicht ihr samstägliches Shopping-Erlebnis vermiesen.

19. März 2023, Berlin

Heute ist Lass-uns-Lachen-Tag. Und Tag des Geflügels. Sollte es bei Letzterem um die köstliche Zubereitung von Hühnchen, Pute & Co. gehen, hat das Geflügel nicht ganz so viel zu lachen.

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Meinen heutigen 20-Kilometer-,,Erholungslauf“ absolviere ich entlang des Hohenzollernkanals. Die Temperaturen sind angenehm mild, links von mir verläuft der Fluss, rechts von mir liegt eine Kleingartenkolonie. Es ist alles sehr grün, sehr pflanzig, sehr frühlingsblumig, sehr gartenzwergig und auch ein bisschen piefig.

Am Flussufer erblicke ich zwei Schwäne. Nicht im Fluss, sondern auf dem Ufer. Sie fuhrwerken am Schilf rum. Vielleicht bauen sie ein Nest. Keine Ahnung, ob Schwäne jetzt schon Brutzeit haben. Mein Wissen über Schwäne ist sehr begrenzt. Es existiert quasi nicht. (Zählen Schwäne eigentlich als Geflügel?)

Mich macht die Anwesenheit der Schwäne etwas nervös. Schwäne sind nicht dafür bekannt, entspannte Zeitgenossen zu sein, sondern sie sind immer latent schlecht gelaunt und aggro. Sofern mich mein nicht vorhandenes Schwan-Wissen nicht täuscht, gehen sie keinem Streit aus dem Weg. Weder mit anderen Schwänen noch mit Enten und auch nicht mit Menschen. Während der Brutzeit sind sie noch aggressiver. Da verfügen sie über die Frustrationstoleranz von Klaus Kinski. („Halt dich gefälligst von unserem Nest fern, du dumme Sau!“)

Ungünstigerweise sind Schwäne nicht nur aggro sondern auch ziemlich groß, haben eine imposante Flügelspannweite und verfügen mit ihren langen Hälsen über einen ziemlich großen Vorteil im Nahkampf. Die beiden Schwäne am Ufer sehen auch ziemlich imposant aus. Mit denen würde ich nur ungern eine körperliche Auseinandersetzung führen. Vor allem weil sie zu zweit sind und ich allein bin. Da würde ich mein Geld eher auf die Schwäne wetten.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich ihnen weglaufen könnte. Möglicherweise habe ich mehr Ausdauer als sie, aber ich weiß nicht, wie es um ihre Spurtfähigkeiten bestellt ist. Da sind sie mir möglicherweise überlegen. Da nützt es mir dann auch nichts, dass ich länger laufen kann als sie. Glücklicherweise interessieren sich die Schwäne nicht weiter für mich und lassen mich von dannen ziehen. Wobei es bestimmt ein spektakuläres Schauspiel gewesen wäre, wie ein Jogger von zwei Schwänen verfolgt und verprügelt wird. Das würde ich mir auf YouTube auch anschauen. Allerdings nur ungern mit mir in der Hauptrolle.


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