Eine kleine Wochenschau | KW08-2023 (Teil 2)

Teil 1

Teil 3


22. Februar 2023, Berlin

Ich wache auf, bin schlapp und ich nehme alles nur dumpf wahr. Als hätte ich mir einen Eimer mit Watte übergestülpt. Oder als würde mein Kopf in einer Glocke stecken, in die außerdem noch eine Wolldecke gestopft wurde. Dabei habe ich doch erst einen Tag gefastet.

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Damit dein Körper während des Fastens die Stoffwechselproduktion nicht komplett runterfährt, ist es wichtig, sich trotzdem körperlich zu betätigen. Ich gehe laufen, aber nur ganz langsam. Gegen Ende der 10-Kilometer-Runde fühlt es sich an, als würde mir mit jedem Schritt mehr Energie entzogen. Und mit gegen Ende meine ich, nach ungefähr drei Kilometern.

Dass körperliche Anstrengung auch während des Fastens möglich ist, beschreibt die Limitless-Doku am Beispiel der Hadza, einem Stamm in Tansania, dessen Mitglieder häufig tagelang ohne Essen auskommen. Trotzdem gehen sie auf lange und kräftezehrende Jagden. Angeblich macht sie die Nahrungsknappheit sogar zu besseren Jägern. Das soll mit der Keton-Produktion zusammenhängen. Diese wird durch die Nahrungsdeprivation angekurbelt und Ketone sind so etwas wie Notenergie für Körper und Geist. Sie fördern die Konzentration und erhöhen die Wahrnehmung. In der Doku kommt nicht eindeutig raus, ob die Hadza absichtlich fasten, um ihre Sinne für die Jagd zu schärfen, oder ob sie fasten müssen, weil sie nichts fangen.

So energielos wie ich den Spreeweg entlangkrieche, hatte mein Körper wohl noch keinen Bock auf Keton-Produktion. Das ist eines Hazdas vollkommen unwürdig. Dass meine Sinne besonders geschärft sind, kann ich auch nicht behaupten. Das muss aber nicht von Nachteil sein, wenn du an überquellenden Mülleimern oder an Hunden, die gerade ihre Notdurft verrichten, vorbeiläufst.

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Mittags gehe ich einkaufen. Meine Frau braucht Orangen für ihre Smoothies. Außerdem soll ich ihr für eine Veranstaltung morgen zwei Packungen Kekse mitbringen. Die Kekse auf der Verpackung sehen köstlich aus. Am liebsten würde ich den Karton aufreißen und das Gebäck wahllos in mich reinstopfen. Vielleicht würde es schon helfen, wenn ich mal an der Kekspackung lecke. Es sind aber zu viele Kund*innen im Supermarkt, so dass ich das lieber unterlasse. So scharf sind meine Sinne doch noch, um zu wissen, dass an Kekspackungen lecken, nicht als sozial akzeptierte Verhaltensweise gilt.

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Die Tochter ruft abends an. Sie hat es diese Woche auch nicht leicht. In Carlow ist Rag Week. Das hat aber nichts mit Lumpen zu tun. Rag steht für Raising Gifts. Wie das genau mit dem Gift raising funktioniert, weiß die Tochter nicht. Die Woche besteht hauptsächlich daraus, jeden Abend feiern zu gehen. Scheinbar werden die Gifts für die Pub- und Clubbetreiber geraist.

Die Iren mögen anscheinend Abkürzungen. Anfang Februar gab es bereits eine Shag Week. Da ging es aber nicht um freie Liebe, Sex und den Austausch von Körperflüssigkeiten, sondern um Sexual Health Awareness and Guidance. Ich bin gespannt, für was Die Booze, die Drugs und die Fuck Week stehen.

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In der abendlichen Supernatural-Folge isst einer der Protagonisten einen vierstöckigen Waffelturm mit Sahne, Früchten und Ahornsirup. Dabei lässt er sich unnötig ausschweifend darüber aus, wie lecker und schmackhaft die Waffeln sind. Mir fehlt die Energie, um nach der Fernbedienung zu greifen und die Szene vorzuspulen.

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Wache nachts auf und denke an Toast Hawaii. Toast Hawaii ist definitiv kein kulinarisches Highlight. Das letzte Mal habe ich wahrscheinlich vor 35 Jahren Toast Hawaii gegessen. Oder sagen wir lieber mit zwölf. Das klingt weniger nach „Opa erzählt von früher“.

Als Kind mochte ich Toast Hawaii nicht einmal besonders. An der heißen Ananas habe ich mir immer den Gaumen verbrannt. Jetzt würde ich ein Königreich für einen Toast Hawaii geben. Allerdings habe ich gar kein Königreich. Somit bleiben meine Toast-Hawaii-Gelüste unerfüllt.

23. Februar 2023, Berlin

Nach zwei, drei Tagen ohne Nahrung soll sich das sogenannte Fastenhoch einstellen. Glückshormone werden verstärkt ausgeschüttet, Stresshormone reduziert, du fühlst dich entspannt, erholt und unter Umständen sogar euphorisch. Das Fastenhoch hat aber vergessen, bei mir vorbeizuschauen. (Wahrscheinlich hängt es mit der Keton-Produktion ab und isst Pommes.) Als ich aufwache, bin ich antriebslos, nur mäßig gut gelaunt und das erste, an was ich denke, ist Pizza Margarita mit gefülltem Käserand.

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Mittags fange ich mit der Steuererklärung für letztes Jahr an. Das trägt auch nicht gerade zur Verbesserung der Laune bei. Vor allem die Frage des Programms, ob ich Geschäftsessen von der Steuer absetzen möchte.

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Später recherchiere ich im Internet nach Rezepten für Apfel-Streusel-Käsekuchen. In der Hoffnung, Bilder von leckeren Kuchen heitern mich auf. Spoiler Alert: Tun sie nicht.

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Bei Supernatural wird schon wieder unnormal viel gegessen. Ich grusle mich inzwischen weniger vor den Szenen, in denen blutrünstige Vampire oder gewalttätige Dämonen Menschen meucheln, sondern mehr vor den Momenten, wenn irgendjemand in einen Burger oder eine Pizza beißt.


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Eine kleine Wochenschau | KW08-2023 (Teil 3)

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Teil 2


24. Februar 2023, Berlin

Fastentag Nummer 4. Das Fastenhoch war immer noch nicht da. Ich liege morgens im Bett, bin super kaputt und es kostet mich unfassbar große Überwindung, aufzustehen und nicht dem Verlangen nachzugeben, den ganzen Tag im Bett liegen zu bleiben.

Ich mache mir einen Tee, setze mich aufs Sofa und lese im Internet. Vielleicht bleibe ich hier den ganzen Tag sitzen.

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Das morgendliche Laufen klappt dagegen überraschenderweise recht gut. Zumindest im Vergleich zu gestern. Vielleicht hat sich mein Körper doch mal bequemt, die Ketone zu produzieren. Durch meine geschärften Sinne nehme ich allerdings auch die Gerüche der Dönerbuden, Bäckereien und Asia-Imbissen intensiver wahr. Das ist nicht ganz so schön.

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Der Rest des Tages ist umso beschwerlicher. Ich bin die ganze Zeit hungrig und muss permanent an Essen denken. Im Internet schaue ich mir Fotos von Leberkässemmeln, Bulettenbrötchen, Rösti-Gerichten und Burgen an. Dazu höre ich schwedische Kinderlieder auf Spotify. Es wird Zeit, dass das Fasten vorbei ist.

Damit meine Frau auch etwas von meinem Leiden hat – das fällt unter die schlechten Zeiten einer Ehe –, schicke ich ihr die Essensbilder. Sie antwortet, dass sei wie Foodporn. Allerdings auf niedrigem Niveau. Weniger 9½ Wochen, sondern mehr Auf der Alm da gibt’s koa Sünd.

25. Februar 2023, Leipzig

Der Wecker klingelt um 5 Uhr. Eine Uhrzeit, zu der ein klingelnder Wecker nie schön ist, aber schon gar nicht an einem Samstag. Wir müssen so früh aufstehen, weil wir heute nach Leipzig wollen. Der Sohn kämpft dort bei der U18 Deutschen Meisterschaft. Er wird heute sicherlich einen anstrengenderen Tag als wir haben: Deswegen möchte ich wegen des frühen Aufstehens nicht jammern. (Oder nur ein bisschen.)

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Aber nicht nur der Sohn hat einen großen Tag, sondern ich auch: Meine Fastenkur ist vorbei. Leider bedeutet das nicht, dass ich mir ein Full English Breakfast mit Bohnen, Spiegelei, Würstchen und frittierten Tomaten und Pilzen reinzimmern kann. Nein, am Aufbautag soll sich der Körper erstmal ganz langsam wieder an feste Nahrung gewöhnen. Somit besteht mein Frühstück lediglich aus einem geschnittenen Apfel, was nur so semi-befriedigend ist. Beziehungsweise gar nicht befriedigend.

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Durch das Fasten sind unsere Energiereserven vollkommen aufgebraucht. Wie ein greises Ehepaar schläppeln meine Frau und ich zur U-Bahn-Station. Am Zoologischen Garten müssen wir eine steile Treppe hoch gehen. Ich bin kurz davor, bei der Hälfte eine Pause einzulegen, um Kraft zu sammeln.

Glücklicherweise sitzen wir im Zug nach Leipzig 70 Minuten lang und können uns ausruhen. Vor uns hockt eine Gruppe von Sportstudent*innen. Sie sind Anfang 20 und strotzen nur so vor Vitalität und Energie. Der Kontrast zu uns könnte nicht größer sein.

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Das Turnier verläuft für den Sohn nach dem Motto „Dabei sein ist alles“. Er hatte sich Anfang der Woche im Training wahrscheinlich den kleinen Zeh gebrochen. Das ist nicht gerade optimal, um erfolgreich eine Deutsche Meisterschafat zu bestreiten. Er hat zwei Kämpfe, die er beide verliert. So hoch wie das Niveau in seiner Gewichtsklasse war, wäre er auch mit ungebrochenem kleinem Zeh wohl eher nicht auf den vorderen Plätzen gelandet. Das ist aber nicht weiter schlimm. Er hat sich wacker geschlagen und es war trotzdem ein tolles Erlebnis.

Schlimm ist dagegen, dass es beim Hallen-Imbiss Buletten-Brötchen mit Senf gibt und ich keins essen darf.

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Vor der Abfahrt unseres Zuges laufen meine Frau und ich durch den Leipziger Hauptbahnhof. Dort gibt es drei Burger Läden, zwei Pizza-Restaurants, drei Bäckereien, einen indischen und zwei asiatische Imbisse, ein Sushi-Restaurant, eine Eisdiele, eine Crêpes-Station, einen Döner-Laden und vier Stände, an denen du belegte Brötchen und Teilchen kaufen kannst. Von den anderen Geschäften bekomme ich nichts mit.

Am Bahnsteig kostet es mich sehr viel Selbstbeherrschung, einem kleinen Mädchen, das neben uns steht und eine Ditsch-Pizza isst, ihr diese nicht aus der Hand zu reißen und mir in den Mund zu stopfen.

26. Februar 2023, Berlin

Heute früh trinke ich das erste Mal seit einer Woche wieder Kaffee. Er riecht phantastisch, aber schmeckt etwas gewöhnungsbedürftig. Danke für Nichts, Fasten.

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Ich telefoniere mit meiner Mutter. Sie ist nicht gut drauf. Das ist sehr selten. Eigentlich ist sie einer der fröhlichsten Menschen, die ich kenne. Sie hat aber einen guten Grund für ihre Missstimmung. Während wir in dieser Woche durch das Fasten unser Leid selbst über uns gebracht haben, kam über sie vollkommen unverschuldet großes Pech.

Am Donnerstag ging sie zur Apotheke und auf der dreistufigen Treppe am Eingang stand vor ihr ein älterer Mann. Dieser verlor das Gleichgewicht und kippte nach hinten. Meine Mutter drehte sich zur Seite, stürzte dabei selbst und fiel auf Knie und Schulter. Obendrein landete der Mann auch noch auf ihr. Das missfiel ihrer Kniescheibe und sie zerbrach. Meine Mutter wurde ins Krankenhaus gebracht, wo sie am Abend operiert wurde.

Dieser Vorfall würde allein reichen, um einem aufs Gemüt zu schlagen. Meine Mutter liegt nun aber bereits zum vierten Mal in den letzten drei Jahren im Krankenhaus. Nie wegen extrem dramatischer oder gar lebensbedrohlicher Eingriffe, aber irgendwann ist es auch mal gut.

Meine Mutter hasst es außerdem, das Zimmer mit fremden Menschen zu teilen. Anscheinend hat sie dieses Mal eine besonders anstrengende Zimmernachbarin. Das kann sie mir am Telefon aber nicht wirklich erzählen, denn das würde besagte Zimmernachbarin mithören, was sie wahrscheinlich nicht weniger anstrengend machen würde.

Bis Mittwoch muss meine Mutter noch durchhalten. Dann darf sie nach Hause. Dort hat sie dann ein Einzelzimmer und bekommt eine exklusive 1-zu-1-Betreuung durch meinen Vater.

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Eine kleine Wochenschau | KW08-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


20. Februar 2023, Berlin

Nach dem langen Karnevalswochenende steht diese Woche das nächste Extremprogramm an: unsere alljährliche Fastenwoche. Normalerweise legen wir die immer Anfang Januar ein. Als Ernährungsreset nach der Weihnachtsvöllerei. Dieses Jahr hat das aus Gründen, die mir entfallen sind, zeitlich nicht geklappt, weswegen wir sie in den Februar verlegt haben. Allerdings habe ich mich seit Anfang des Jahres schon etwas ausgewogener ernährt und knapp vier Kilo abgenommen. Somit ist der Fastenreset gar nicht so nötig und die Motivation überschaubar. Aus einem fehlgeleiteten preußischen Pflichtgefühl ziehen wir das aber trotzdem durch.

Heute steht erstmal der Entlastungstag an. Zur Vorbereitung aus den kompletten Nahrungsverzicht, isst du bereits weniger, beschränkst dich weitestgehend auf Rohkost und lässt tierische Produkte weg. Somit das größtmögliche Kontrastprogramm zu meiner Kölsch-Pizza-Döner-Bratwurst-Brötchen-Diät der letzten Tage.

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Eine kleine Wochenschau | KW07-2023 (mit Verlosung)

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


13. Februar 2023, Berlin

Die Woche beginnt mit einer Hiobsbotschaft. Ich gehe zum Friseur und meine Stamm-Friseurin Ayşe ist nicht da. Nicht nur heute, sondern gar nicht mehr. Okay, das ist zugegebenermaßen keine Hiobsbotschaft, wie „dein Arzt diagnostiziert eine tödliche Krankheit bei dir“ oder „dein Chef teilt dir mit, dass du gefeuert bist“, sondern eher so ein First-World-Problem eines privilegierten, weißen Mittelschichtlers. Aber es hat sehr lange gedauert, bis ich mir den Status des Stamm-Kunden bei Ayşe erarbeiten konnte und ich kann bei Friseur*innen mit Veränderungen nur sehr schlecht umgehen. Wie gesagt, ein First-World-Problem eines privilegierten, weißen Mittelschichtlers.

Zeitgleich mit mir betritt ein anderer Mann den Laden. Er ist circa Mitte 30 und seine Haare signalisieren, dass der Friseurbesuch dringend nötig ist. Das heißt, ungefähr genauso nötig wie bei mir. Wir sitzen zuerst nebeneinander am Waschbecken zum Haarewaschen und dann später vom Spiegel beim Haareschneiden.

Unsere Friseurinnen unterhalten sich derweil über ihre geplanten Gewichtsreduktionen – ambitionierte minus zehn Kilo bis Juni und noch mal zehn bis Oktober –, über Nahrungsergänzungsmittel und die Verdauungsprobleme, die sie hervorrufen können, sowie über die Nachteile von minderwertigem Kollagen. Der andere Mann und ich fühlen uns leicht unwohl und rutschen auf unseren Stühlen rum. Ich bin mir nicht sicher, ob von uns erwartet wird, uns an der Unterhaltung zu beteiligen, aber ich befürchte ohnehin, dass ich keinen sinnvollen Input beizusteuern hätte. Als meine Friseurin fertig ist, zeigt sie mir mit einem Spiegel von hinten und von der Seite das Ergebnis ihrer Arbeit. Um ehrlich zu sein, bin ich nur semi-zufrieden. Deswegen sage ich: „Super, vielen Dank!“ Irgendwie muss ich nun herausfinden, wo Ayşe jetzt arbeitet.

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Eine kleine Wochenschau | KW06-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


06. Februar 2023, Berlin

Am Sonntag dürfen (müssen) wir in Berlin das Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlungen nochmal neu wählen. Gemäß der Moabiter Sozialstruktur gibt es bei uns in der Gegend einen leichten Überhang an SPD-, Grünen- und Die-Linke-Wahlplakaten. CDU und FDP sind weniger stark vertreten, die AfD erfreulicherweise so gut wie gar nicht.

Die skurrilste politische Gruppierung, die bei uns in der Gegend wirbt, ist die Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung. Mit dem Slogan „Wie willst du in 800 Jahren leben?“ Die Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung scheint mir die Most-single-issue-Partei seit der Biertrinker-Partei zu sein.

Tatsächlich ist laut ihrer Website ihr einziges Anliegen, dass zehn Prozent des Berliner Landeshaushaltes für die schnellere Entwicklung von Medizin eingesetzt wird, mit der Menschen durch Verjüngung wahrscheinlich nicht mehr an Alterskrankheiten oder hohem Alter sterben und tausende Jahre leben können. Körperlich und geistig gesund, wie extra betont wird. Alle anderen Themen würden den anderen Parteien überlassen und im Falle einer Regierungsbeteiligung könnten sie von den Koalitionspartnern behandelt werden.

Allein, dass die Vertreter*innen der Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung für erwähnenswert erachten, lässt mich an ihrer geistigen Gesundheit zweifeln. Und wer will schon tausende von Jahren alt werden? Irgendwann sind Netflix, Amazon Prime und Co. leer geschaut, alle Bücher ausgelesen und sämtliche Länder bereist und dann ist es ja wohl auch mal gut mit der Leberei. Die Rente mit 67 scheint mir dann auch nicht länger haltbar zu sein. Somit wird die Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung wohl auf meine Stimme verzichten müssen.

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Eine kleine Wochenschau | KW06-2023 (Teil 2)

Teil 1


09. Februar 2023, Berlin

Seit einigen Monaten habe ich eine neue Laufuhr. Die misst neben den Laufzeiten allerlei andere Werte wie Schritte, Kalorienverbrauch und Herzfrequenz. Während des Arbeitens lag meine Herzfrequenz heute bei 40. Das ist ziemlich wenig. Nun weiß ich nicht, ob meine Arbeit mich super entspannt oder umbringt.

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Nur noch vier Tage bis zum Wahlsonntag. Zeit, sich mit meiner Wahlentscheidung näher zu befassen. Das heißt, ich beantworte die Fragen des Wahlomats. Das Ergebnis ist recht überraschend. Auf Platz 1 und mit recht deutlichem Abstand steht die Tierschutzpartei. Möglicherweise, weil ich bei einer Frage angegeben habe, dass Zirkusse mit Tieren im Programm keine landeseigenen Flächen nutzen dürfen sollten. Ein Thema, dessen Relevanz für die Abgeordnetenhauswahl sich mir nicht ganz erschließt. (Was mich wiederum als Wähler der Tierschutzpartei disqualifiziert.)

Auf den folgenden Plätzen der Wahlomat-Auswertung landen die Klimaliste und du. Letzteres ist eine Abkürzung für Die Urbane. Eine Partei, die Elemente der Hip-Hop-Kultur in politisches Handeln übertragen will. Ich hoffe, damit sind nicht Drive-by-Shootings gemeint.

Mit etwas Abstand folgen Die Grünen, erschreckend weit vorne steht noch das Team Todenhöfer. Interessanterweise landen die Grauen Panther noch vor der FDP. Ich bin mir nicht sicher, ob das Ausdruck meiner Ablehnung der FDP ist oder – weil ich wie ein Fensterrentner geantwortet habe, dass ich nicht möchte, dass E-Roller überall rumstehen dürfen – ein Zeichen meiner fortschreitenden Vergreisung. Dann sollte ich möglicherweise doch die Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung wählen.

10. Februar 2023, Berlin

Heute ist Welttag der Hülsenfrüchte. Es erschließt sich mir nicht, dass dann morgen nicht Tag der Flatulenzen ist. Wie konnte der Verband der Gastroentolog*innen diese Steilvorlage ungenutzt lassen, um über das Thema Darmwinde aufzuklären?

11. Februar 2023, Berlin

Gestern Abend waren wir auf einer Geburtstagsfeier. So richtig mit gesetztem Essen. Wie erwachsene Menschen. Zur Begrüßung gab es Crémant mit etwas Cranberry-Saft und Wodka, zum Essen wurde Weiß- und Rotwein gereicht und später Margaritas ausgeschenkt, bei denen ein wenig Sherry für einen zusätzlichen Kick gesorgt hat.

Gegen kurz nach zwei waren wir zuhause und ungefähr um halb drei im Bett. Normalerweise wäre das nicht weiter schlimm, denn heute ist ja Samstag und samstags kannst du ausschlafen. Außer du musst arbeiten und wirst deswegen um 6 aus dem Schlaf geweckert.

Ich muss nicht arbeiten, werde aber trotzdem um 6 aus dem Schlaf geweckert, da ich zum Laufen verabredet bin. Zwar erst um 8, aber im Grunewald. Gestern dachte ich, es sei eine gute Idee von Moabit zum Grunewald zu laufen und später wieder zurück, so dass ich damit meinen wochenendlichen langen Lauf erledigt hätte. Heute kommt es mir aus irgendeinem Grund nicht in den Sinn, dass es vielleicht nur eine mittelmäßig gute Idee ist, mit leichtem Restalkohol 30 Kilometer zu laufen. (Möglicherweise ist es der leichte Restalkohol, der mein Denkvermögen trübt.)

Die ersten zwei, drei Kilometer gestalten sich eher zäh. Ich spüre förmlich, wie ich den Crémant, den Wodka, den Weißwein und den Margarita sowie den kickenden Sherry ausdünste. Hoffentlich merken das die Passant*innen nicht, an denen ich vorbeilaufe. Würde mich nicht wundern, wenn die nach meinem Überholvorgang leicht beschwipst wären.

Interessant ist, wie sich die Wahlplakate auf meinem Weg verändern. Während in Moabit hauptsächlich Werbung von linken und sich dem Klimaschutz verschriebenen Gruppierungen hängt, dominieren im Bereich des Kudamms CDU und FDP. Ab und an ist ein verirrtes SPD-Plakat zu sehen. Im Grunewald gibt es dann fast ausschließlich CDU-Schilder. Zu circa 99,9 Prozent. Die wenigen AfD-Poster lassen mich vermuten, dass die AfD darauf spekuliert, dass Reichtum nicht vor törichten politischen Wahlentscheidungen schützt.

Das Laufen im Grunewald ist relativ entspannt. Da schmeichelt die beruhigende Baumlandschaft den Augen und du siehst nicht die ganze Zeit irgendwelche Politikerporträts mit mehr oder weniger überzeugenden Wahlslogans. Allerdings geht die Strecke andauernd hoch und runter. Das mit dem runter ist dabei weniger problematisch als das mit dem hoch.

Der Heimweg ist wieder zäh. Das liegt wahrscheinlich nicht ausschließlich an dem gestrigen Abend, sondern auch an den vielen Kilometern. Zumindest habe ich nun gelernt, dass zu wenig Schlaf, Alkohol und lange Laufstrecken nicht unbedingt die beste Kombination sind.

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Heute Nachmittag sind wir schon wieder eingeladen. Bei B. und N., die wir vor circa 15 Jahren in der Kita kennengelernt haben. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viele Sozialkontakte hatte wie in dieser Woche. B. und N. sind Muslime. Das heißt, es gibt erfreulicherweise keinen Alkohol. Meinem Körper und meinem Kopf gefällt das.

12. Februar 2023, Berlin

Wahlsonntag. Mal sehen, ob diesmal alles glatt läuft. Landeswahlleiter Stephan Bröchler wird dazu morgens mit den folgenden Worten zitiert: „Ich bin zuversichtlich, dass heute alles hoffentlich gut funktioniert.“ Zuversicht gepaart mit Hoffnung – was soll da schon schiefgehen?

Wir gehen zum Wählen in eine Kita bei uns um die Ecke. Der Sohn, meine Frau und ich sind die einzigen im Wahllokal. Dafür gibt es sieben Wahlhelfer*innen. Zumindest personell wird sich mit aller Macht gegen eine erneute Chaos-Wahl gestemmt.

Auf dem Wahlzettel für die BVV steht ganz unten die Partei Die Wählbaren. Von denen habe ich noch nie gehört. Der Name steht nicht gerade für eine besonders spitze inhaltliche Positionierung. Da ich anscheinend zu viel Zeit habe, schaue ich mir später ihre Website an. Ihr Programm ist recht übersichtlich. Als allererstes fordern sie ein Verbot von Laubpustern. Ansonsten gibt es eine krude Mischung aus rechtspopulistischen sowie Natur- und Tierschutz-Positionen. Alles in allem denke ich, dass der Name Die eher Nicht-Wählbaren vielleicht doch passender wäre.

Die größte Herausforderung bei der Wahl besteht für mich darin, zum Schluss die Wahlzettel, nachdem ich meine Kreuzchen gesetzt habe, gegen den Falz zusammenzufalten. Beim dritten Versuch bekomme ich es hin. Das muss dieser „reibungsarme“ Verlauf der Wahl sein, von der der Landeswahlleiter heute früh auch sprach.


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Eine kleine Wochenschau | KW05-2023 (Teil 2)

Teil 1


Der zweite Gegner des Sohns kommt aus Holthusen. Ich kann im Internet keine Informationen über große sportliche Erfolge finden. Aber er hat sich für die Nordost-Deutschen-Meisterschaften qualifiziert und hier auch schon einen Kampf gewonnen. Das heißt, er ist kein „Fallobst“, das du einfach so wegklatschst. Der Sohn hat ihn aber ganz gut im Griff und gewinnt nach zwei Minuten. Sehr gut. So hat er Kraft gespart und ich auch.

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Halbfinale. Wenn der Sohn gewinnt, hätte er die Qualifi für die Deutschen Meisterschaften sicher. Allerdings ist sein Gegner ein baumlanger Typ aus Potsdam und die Potsdamer Judoka sind dafür bekannt, ziemliche Kampfmaschinen zu sein. Außerdem war sein Gegner letztes Jahr 5. bei den Deutschen Meisterschaften. Also eine eher schwierige Aufgabe.

In seinem ersten Kampf sah der Potsdamer aber nicht allzu gut aus. Vielleicht hat der Sohn vielleicht doch eine kleine Chance, denke ich, als es losgeht. Um es kurz zu machen: Hat er nicht. Er sieht kein Land, bis er schließlich nach zwei Minuten abgewürgt wird. (Sein Gegner gewinnt dann auch das Finale ziemlich souverän.)

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Nun geht es um Platz 3. Gewinnt der Sohn, ist er bei den Deutschen dabei, wenn nicht, dann nicht. Sein Gegner ist der Mecklenburg-Vorpommern Meister. Das ist erstmal nicht besonders aussagekräftig, denn in Mecklenburg-Vorpommern leben ja nicht besonders viele Menschen. Dafür hat er letztes Jahr ein internationales Turnier in Schweden gewonnen. Das ist schon beeindruckender.

Schon beim Betreten der Matte sehen der Sohn und sein Gegner ziemlich platt aus. Es entwickelt sich nicht gerade der schönste Kampf, den die Judohistorie jemals gesehen hat, aber dafür ein sehr intensiver. Keiner der beiden hat so richtig die Oberhand, aber der Sohn zermürbt den anderen mit zunehmender Kampfdauer, weil er partout keinen richtigen Wurfansatz zulässt.

Ich fiebere derweil am Bildschirm mit, wie ich es das letzte Mal beim WM-Finale 2014 tat. Damals kniete ich in der letzten Minute, als Messi sich den Ball für einen Freistoß aus aussichtsreicher Position zurechtlegte, vor dem Fernseher und hoffte, dass der Ball irgendwo nur nicht im Tor landet. Diesmal rutsche ich nicht auf den Knien vor meinem Computermonitor rum, würde es aber dennoch begrüßen, wenn mich niemand dabei beobachtet, wie ich durchs Zimmer laufe, die Fäuste balle und den Bildschirm anbrülle.

Fünfzehn Sekunden vor Schluss gelingt es dem Sohn schließlich seinen Gegner durch eine Art Wurf zu Fall zu bringen und er bekommt eine Wertung dafür. (Nach dem Kampf weiß der Sohn nicht, wie er das gemacht hat und was es für ein Wurf war.) Er bringt den Vorsprung über die Zeit und gewinnt die Bronzemedaille. Sein Gegner ist wenig amüsiert und schlägt beim Gratulieren fast die Hand des Sohns weg. Das bringt ihm einen sehr bösen Blick des Kampfrichters ein. Und von mir. Dem Sohn ist es egal. Aber er hat ja auch gewonnen.

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Nun könnte ich den restlichen Nachmittag nutzen, um Bad und Küche zu putzen. Dafür bin ich aber viel zu erschöpft und aufgewühlt. Wenn dein Körper gerade hektorliterweise Adrenalin ausgeschüttet hat, bist du nicht in der Lage, mit Sprühflasche und Putztuch herumzuhantieren. Aber damit tue ich ihr eigentlich einen Gefallen. So steht sie wenigstens nicht in meiner Schuld, dass ich ihre Haushaltsaufgabe übernommen habe.

05. Februar 2023, Berlin

Als wir letztes Jahr das Zimmer der Tochter in mein Arbeitszimmer umgewandelt haben, haben wir einige Bücher aussortiert. Im Sinne der ressourcenschonenden lokalen Tausch- und Verschenkökonomie stellten wir sie erstmal in den Hausflur, in der Hoffnung, dass sich einige der anderen Hausbewohner*innen dafür interessieren. Da wäre es ja schade, die Bücher einfach wegzuwerfen.

Das fällt mir ohnehin schwer. Wenn ich mal ein Buch in der Papiertonne entsorge, was wirklich sehr, sehr selten passiert, habe ich immer Bilder von Bücherverbrennungen im Kopf. Außerdem fühle ich mich illoyal gegenüber anderen Autor*innen. Die haben Zeit, Energie und Phantasie aufgewendet, um Seite für Seite zu füllen und die Leser*innen zu informieren oder zu unterhalten – im Idealfall sogar beides. Da komme ich mir dann sehr schäbig vor, ein Buch sprichwörtlich in die Tonne zu kloppen. Schließlich möchte ich auch nicht, dass das mit meinen Büchern passiert. (Wobei, falls sich die Leute dann ein neues Exemplar kaufen, soll es mir recht sein.)

Unser flohmarkteskes Hausflur-Bücherangebot wurde bei den Kinderbüchern und Jugendromanen sehr gut angenommen. Die waren in wenigen Stunden alle weg. Das Interesse an unseren ausrangierten Uni-Büchern war nicht ganz so groß. Wahrscheinlich studieren die jungen Leute aus den Studi-WGs im Haus etwas anderes. Ansonsten kann ich mir nicht erklären, warum sich niemand für soziologische Fachliteratur aus den späten 1990ern interessiert.

Daher landete doch noch das ein oder andere Buch in der blauen Tonne. Dabei war mein schlechtes Gewissen gegenüber den Autor*innen nicht ganz so groß. Dafür war der Unterhaltungswert der meisten Werke zu gering. Und der Informationsgehalt häufig auch.

Vor ein paar Wochen habe ich noch meine Propyläen Weltgeschichte in zwölf Bänden auf die Fensterbank im Treppenaufgang gestellt. Die hatte ich mir Anfang des Studiums zugelegt beziehungsweise mir von meinen Eltern schenken lassen. Damals dachte ich, wenn ich mir die Bände alle reinziehen, bin ich gebildet. (Und hoffte darauf, dann als Wer-wird-Millionär-Kandidat die Millionenfrage beantworten zu können.) Ob ich mit dieser Vermutung richtig lag, weiß ich nicht. Dazu hätte ich die Bücher tatsächlich lesen müssen.

Seit Anfang Dezember steht die Propyläen Weltgeschichte auf der Fensterbank. Ein, zwei Tage später hatte sich jemand den ersten Band mitgenommen. (Thema: „Vorgeschichte, frühe Hochkultur“) Wie jemand, der erstmal in die erste Staffel einer Serie reinschnuppert, um zu sehen, ob sie etwas für ihn ist. War es aber anscheinend nicht, denn die anderen Bände blieben stehen.

Irgendwann war der Band 7 weg. (Thema „Reformation und Revolution“) Ich fand das merkwürdig. Wer nimmt sich aus einer mehrbändigen Reihe einfach mittendrin ein Buch raus? Wobei das inhaltlich kein Problem ist, denn die Bände bauen nicht wirklich aufeinander auf. Du kannst problemlos etwas über das 19. Jahrhundert lesen (Band 8), selbst wenn du das Thema „Griechenland – Die hellenistische Welt“ ausgelassen hast. (Band 3). Das ist wie bei Fargo. Da kannst du die Staffeln auch durcheinander schauen, weil sie jeweils inhaltlich abgeschlossen sind. (Wobei Fargo wesentlich unterhaltsamer als die Propyläen Weltgeschichte ist.)

Diese Woche hatte jemand genug von den Büchern auf der Fensterbank und hat sie weggeworfen. Mir ist das ganz recht, so muss ich das nicht machen. Allerdings werde ich nun nie wissen, ob ich gebildet wäre, wenn ich die Bücher doch noch gelesen hätte. Vielleicht hätte ich dann auch bei Günter Jauch die Millionenfrage beantworten können. So lange sie nicht zur frühen Hochkultur oder zu Reformation und Revolution wäre.


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Eine kleine Wochenschau | KW05-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


30. Januar 2023, Berlin

Auf dem Weg zum Supermarkt kommt mir ein groß gewachsener, schwarzer Mann entgegen. Er telefoniert und läuft dabei auf meiner Seite des Bürgersteigs. Laut der Straßenverkehrsordnung gilt auf der Straße das Rechtsfahrgebot und nach meinem – zugegebenermaßen laienhaftem – Rechtsverständnis gilt dann auf dem Gehweg ein Rechtsgehgebot. Also müsste der Mann mir Platz machen.

Auf dem Bürgersteig auf die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung zu pochen, ist aber unangenehm deutsch. Oder alterweißermannig. Oder beides. Wenn ich nicht zur Seite gehe, denkt der Mann außerdem womöglich, ich mache das, weil er schwarz ist, und hält mich für einen Rassisten. Das möchte ich selbstverständlich nicht.

Also gehe ich auf die linke Bürgersteigseite. Allerdings etwas zu sehr. Nun laufe ich fast auf der Bordsteinkante. Jetzt denkt der Mann bestimmt, ich weiche so weit aus, da ich Angst habe, er als Schwarzer wolle mich ausrauben, und deswegen hält er mich erst recht für einen Rassisten. Ein Eindruck, den ich doch unbedingt vermeiden will.

Daher ziehe ich wieder etwas nach rechts. Jedoch erneut zu sehr, so dass ich beinahe in seiner Gehspur lande. Jetzt sieht es so aus, als machte ich nur widerwillig Platz und als wollte ich ihn rempeln. Deswegen wird er mich nun ganz bestimmt für einen, Sie wissen schon, Rassisten halten.

Entsprechend korrigiere ich meinen Gehweg ein weiteres Mal. Endlich nehmen wir den allseits sozial akzeptierten Abstand zueinander ein und er hat keinen Grund, mich für einen Rassisten zu halten. Ohnehin denkt er wahrscheinlich nur: „Was stimmt mit dem Penner nicht? Warum läuft der die ganze Zeit Schlangenlinien? Ist der morgens um 9 schon betrunken?“ Aber wenigsten denkt er nicht, ich sei ein Rassist. Vielleicht aber doch. Ein besoffener Rassist.

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Eine kleine Wochenschau | KW04-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


23. Januar 2023, Berlin

Der Elektriker kommt heute. Um sich der angebohrten Leitung im Arbeitszimmer anzunehmen. Aufgrund meiner ausgeprägten handwerklichen Unterbegabung – Stichwort „Angebohrte Stromleitung“ – verspüre ich in Gegenwart von Handwerkern stets sehr starke Minderwertigkeitskomplexe. Wenn die Handwerker mit ihrer Arbeit anfangen, liegt mir trotzdem immer die Frage auf der Zunge, ob ich irgendwie helfen könne. Bei meiner DIY-Unfähigkeiten eine geradezu ehrabschneidende Frage, auf die ich auch gar keine positive Antwort erwarten würde. Ganz im Gegenteil würde ich keinem Handwerker vertrauen, der auf meine Hilfe angewiesen ist.

Nach einer halben Stunde ist der Elektriker fertig mit dem Öffnen der Wand und dem Flicken des Kabels. Er fragt mich, ob er das Loch in der Wand zumachen soll oder ob ich das selbst machen würde. Ich höre mich mit unangebrachter Selbstsicherheit antworten: „Das mache ich selbst.“ und frage mich dabei: „Warum?“ Wahrscheinlich möchte ich den Anschein erwecken, ich sei ein richtiger Mann, der so etwas kann und für den Handwerken quasi ein Hobby ist. Die angebohrte Leitung direkt über der Steckdose macht es schwierig, diesen Eindruck aufrecht zu erhalten.

Ich treibe mein unwürdiges Schauspiel auf die Spitze, indem ich mich zum Schluss im Fachsimpeln versuche und frage, warum die Sicherung nicht rausgeflogen sei, als ich das Kabel durchgebohrt habe. Während ich die Frage stelle, weiß ich schon, dass ich die Antwort nicht verstehen werde, und der Elektriker weiß das ebenfalls. Er antwortet trotzdem. Ich setzte dabei eine interessierte Miene auf, nicke immer mal wieder und sage an Stellen, die mir richtig beziehungsweise nicht vollkommen falsch erscheinen: „Ach so.“ oder „Aha.“

Sicherlich stellt mir der Elektriker dieses Gespräch in Rechnung. Und er wird Erschwerniszulage dafür berechnen. Vollkommen zu Recht.

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Eine kleine Wochenschau | KW04-2023 (Teil 2)

Teil 1


26. Januar 2023, Berlin

Meine Agenturpartnerin und -Freundin C. und ich treffen uns zur Weihnachtsfeier. Offensichtlich nachträglich. Im Dezember hatten wir keine Zeit und Muse dafür, aber wir wollen uns nicht von Konventionen und Kalendern diktieren lassen, wann wir unsere Weihnachtsfeierlichkeiten begehen dürfen und wann nicht.

C. hat für uns einen Tisch im Adlon für eine Tea Time reserviert. Als eingefleischte England-Fans hat es bei uns Tradition, dass wir uns und unser Jahr mit Tee, Sandwiches, Küchleins und Scones in einem der gehobenen Hotels in Berlin feiern. Also, nur wenn das Jahr gut war. Sonst könnten wir uns das nicht leisten. Ohnehin machen wir das erst zum zweiten Mal. Denn just nachdem wir diese Tradition ins Leben riefen, trat Corona in unser aller Leben und dann wars das erstmal mit Afternoon Tea in irgendwelchen exklusiven Luxusherbergen.

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Am Eingang des Adlons habe ich ein Problem. Vor der Drehtür ist eine Kordel gespannt und die Türen daneben sind beide zu. An der Straße stehen zwei Adlon-Bedienstete im Livre. Ich nicke ihnen zu, deute auf die Türen und frage: „Welche kann ich nehmen? Links oder rechts?“ Der eine Livrierte sagt: „Ganz wie Sie wollen. Die sind beide offen.“ Sein Kollege springt währenddessen eilfertig die drei Stufen hoch und mit den Worten „Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ hält er mir die Tür auf. Das ist mir ein wenig unangenehm. Ich bin zwar anscheinend zu blöd, um zu wissen, durch welche Tür ich gehen muss, aber sehe mich schon noch in der Lage, sie zu öffnen.

Dennoch bedanke ich mich bei dem Mann und gehe weiter. Dabei frage ich mich, ob Türaufhalten zu den trinkgeldwürdigen Dienstleistungen zählt. Da ich mich eher selten in solch vornehmen Hotels aufhalte, bin ich mit den dortigen Gebräuchen und Gepflogenheiten nicht so gut vertraut. Da ich ohnehin kein Bargeld an mir habe, beschäftige ich mich einfach nicht weiter mit der Trinkgeldfrage.

In der Lobby stehe ich vor dem nächsten Problem. C. hat mir getextet, sie sei schon da und säße unten rechts. Nun ist die Lobby des Adlons recht groß und mir ist nicht ganz klar, von welcher Blickrichtung aus das Rechts zu verorten ist, wo sie sich befindet.

Ein weiterer Adlon-Bediensteter deutet meinen hilfesuchenden Blick richtig und fragt, ob er mir behilflich sein könne. Ich erkläre ihm, dass ich meine Kollegin suche, die bereits eingetroffen sei. C. und der für unseren Tisch zuständige Kellner winken derweil quer durch die Lobby und zwar derart dynamisch, dass es alle anderen Gäste und wahrscheinlich sogar die Touristen draußen vorm Brandenburger Tor sehen. Nur ich nicht. Der Adlon-Bedienstete fragt mich, ob es sich bei der winkenden Frau wohl um meine Kollegin handeln könnte. Ich bejahe seine Frage, woraufhin er mich zu dem Tisch geleitet. Zum einen weil sich das fürs Adlon gehört, zum anderen weil er bestimmt denkt, dass ich unter einer starken Fehlsichtigkeit leide, und befürchtet, ich könnte mich auf dem Weg zu meiner Kollegin verlaufen.

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Ich versuche das edle Adlon-Ambiente zu genießen. Ein wenig komme ich mir dabei wie ein Hochstapler vor, der hier nicht hingehört. C. meint aber, das ginge bestimmt fast allen hier in der Lobby so. Und die, die sich im Adlon nicht wie Hochstapler fühlten, säßen nicht in der Lobby. Wahrscheinlich hat sie recht.

Inzwischen hat der Kellner unsere Tee-Bestellung aufgenommen und bringt nun eine dreistöckige Etagere mit allerlei Köstlichkeiten. Im Adlon gibt es natürlich keine normalen Finger-Sandwiches und gewöhnliche Küchlein, sondern raffinierte Häppchen, filigrane Törtchen und zierliches Gebäck. Der Kellner erklärt uns ausführlich, was sich alles auf der Etagere befindet, aber kaum haben die Worte seinen Mund verlassen, habe ich sie schon wieder vergessen. Trotzdem schmeckt alles ganz vorzüglich.

Besonders hervorragend sind die Scones. Die sind samtweich und zergehen regelrecht im Mund. Zum Abschluss gibt es noch einen kleinen gugelhupfartigen Kuchen, der mit Cointreau übergossen und flambiert wird. Der Patissier des Adlons würde wahrscheinlich weinen, wenn er wüsste, dass ich seine Kreation hier als gugelhopfartigen Kuchen bezeichne.

In der Zwischenzeit gab es beim Personal Schichtwechsel. Für unseren Tisch ist nun eine junge Frau zuständig. Sie hat einen zauberhaften französischen Akzent und ich könnte ihr stundenlang zuhören. Sie könnte mir aus den gelben Seiten vorlesen und ich würde trotzdem an ihren Lippen hängen. Vielleicht könnte sie uns mal abends Winnie the Pooh zum Einschlafen vorlesen, wenn Tom Hiddleston verhindert ist. Aber so etwas kannst du als Mann, der auf Ende 40 zugeht, einer jungen Frau natürlich nicht vorschlagen. Da giltst du schnell als psychopathischer Creep mit mangelnder Sozialkompetenz, dessen Hobby darin besteht, sich nach Feierabend Kleidung aus Menschenhaut zu schneidern.

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Als wir schließlich aufbrechen, beobachten wir, wie im Foyer immer mehr junge und mitteljunge Frauen eintreffen. Sie tragen lange Abendkleider, die du nicht bei C&A von der Stange kaufst, und hochhackige Schuhe, wie sie nicht bei Deichmann zu finden sind, und werden von ein paar Fotografen abgelichtet. Es stellt sich heraus, dass gerade die Gala von Frauen100 beginnt. Frauen100 ist laut ihrer Website eine Organisation, die „Thoughtleader*innen aus Wirtschaft, Politik, Medien und Sport zusammenbringt, um ein Netzwerk zu schaffen, in dem Raum für einen feministischen Diskurs ist, Themen gesetzt und in juristische, politische und gesellschaftliche Realität umgesetzt werden“.

Ich finde das befremdlich. Selbstverständlich können sich auch überwiegend weiße und sehr privilegierte Frauen für Gleichberechtigung und Gendergerechtigkeit einsetzen. Einem (mittel-)altem weißen Mann steht es da natürlich überhaupt nicht zu, ihnen dieses Recht abzusprechen. (Vor allem nicht, wenn du kurz vorher unangemessenen Vorlese-Phantasien mit deiner französischen Bedienung nachgehangen bist.) Trotzdem verspüre ich bei einer Galaveranstaltung in einem Nobelhotel, auf der sich für die Gleichberechtigung von Frauen stark gemacht wird, ähnlich unangenehme Vibes wie bei Klimaschutz-Fundraising-Dinnern, zu denen Hollywood-Stars mit ihren Privat-Jets einfliegen.

Als C. und ich das Adlon verlassen, photobomben wir fast die Aufnahme von zwei jungen Frauen, die gerade eine attraktive langbeinige Blondine mit ihrem männlichen Begleiter fotografieren. Mir ist die Frau gänzlich unbekannt. Aufgrund ihrer Größe und Figur könnte sie Model sein. C. meint, wir seien wohl zu alt, um sie zu kennen. Wahrscheinlich hat sie wieder recht.

Später schickt mir C. ein Insta-Foto von der Frau. Es handelt sich um Carolin Niemczyk, eine Sängerin, die 2021 immerhin bei The Masked Singer teilgenommen hat. Ich kenne sie trotzdem nicht. Ich bin wohl tatsächlich zu alt.

27. Januar 2023, Berlin

An einer Kreuzung sehe ich eine Gruppe von ungefähr 20 Erstklässler*innen. Ihre Lehrerin wählt zwei Mädchen aus. Diese treten auf die Straße und signalisieren den Autofahrer*innen mit weit ausgebreiteten Armen und stolz geschwellter Brust unmissverständlich, dass sie gefälligst anzuhalten haben, damit ihre Klassenkamerad*innen unbeschadet die Straße überqueren können. Okay, weit und breit ist kein einziges Auto zu sehen, aber wäre eines gekommen, hätte es auf jeden Fall angehalten.

28. Januar 2023, Berlin

Auf dem Weg zum Supermarkt kommt mir eine Frau mit einem Hund entgegen. Eine Art Corgi-Dackel-Mischung. Von Weitem sehe ich, dass der Hund irgendetwas im Mund hat. Das ist nicht ungewöhnlich. In Ermangelung von Händen tragen Hunde ja andauernd etwas im Mund. Stöcke, Bälle, Schuhe, Zeitungen oder Knochen.

Was der Corgi-Dackel im Mund trägt, ist dann aber doch überraschend. Es ist ein Schnuller und er nuckelt sehr zufrieden daran. Das sieht etwas merkwürdig aus. Sehr merkwürdig sogar. Aber wenn es ihm gefällt, soll er das ruhig machen. Da möchte ich ihm keine Vorschriften über sozial akzeptiertes Hunde-verhalten machen. Es heißt ja nicht umsonst: „Jedem Tierchen sein Pläsierchen.“

Ich hoffe nur, dass ihn die anderen Hunde deswegen nicht auslachen und ihn mobben. Aber dann kann er zur Beruhigung ja an seinem Schnuller nuckeln.

29. Januar 2023, Berlin

Meine Frau und ich haben heute Jahrestag. Unseren 26. Gleichzeitig ist heute Miesepeter-Tag. Mario Barth könnte daraus bestimmt eine Pointe klöppeln.

Damit Sie eine Vorstellung davon haben, wie lange 26 Jahre her sind, hier ein paar Fakten aus dem Januar 1997:

  • Im Kino lief Praxis Dr. Hasenbein von und mit Helge Schneider.
  • Auf Platz 1 der Single-Chart standen Sarah Brightman und Andrea Bocelli mit Time to say goodbye.
  • Der 1. FC Kaiserslautern belegte den ersten Platz der Fußball-Bundesliga.
  • Bill Clinton wurde kurz vorher zum zweiten Mal als US-amerikanischer Präsident vereidigt, Helmut Kohl war Bundeskanzler, Roman Herzog Bundespräsident.
  • Ich trug orangenfarbenes Haar. Eigentlich wollte ich sie mir wasserstoffblond färben, wie Robbie Williams das damals trug, hatte aber mehr Rotpigmente in meinem Haar als der ex-Take-Thatler. Oder er konnte sich die besseren Haarfärbeprodukte leisten. (Bei meiner Haarfarbe ist es recht erstaunlich, dass meine Frau und ich überhaupt zusammenkamen.)

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