08. April 2022, Berlin
Seit ein paar Tagen bin ich Mitglied in einem Sportverein. Das erste Mal seit fast 30 Jahren. Damals spielte ich Tennis beim TV Westerburg e.V. Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht erinnern, dort jemals ausgetreten zu sein. Ich hoffe, meine Eltern haben das irgendwann für mich erledigt. Falls nicht, möchte ich mich in aller Form beim TV Westerburg dafür entschuldigen, dass ich ihm rund 3.000 Euro an Mitgliedsbeiträgen schulde.
Nun bin ich dem TSV GutsMuths Berlin 1861 e. V. beigetreten. Der verfügt über eine Anlage mit 400-Meter-Tartanbahn und die möchte ich für meine Marathonvorbereitung nutzen. Laut seinem Vereinsnamen ist der TSV GutsMuths Berlin über 160 Jahre alt. Also ungefähr so alt wie ich mich fühle, als ich in der Frühe über besagte Tartanbahn renne.
Glücklicherweise habe ich die Bahn für mich allein. Denn nichts ist unangenehmer als von überambitionierten, übermotivierten und überehrgeizigen Frühsportler*innen achtmal in der halben Stunde überrundet zu werden. Um kurz nach sieben halten sich Ambitionen, Motivation und Ehrgeiz bei den GutsMuthsler*innen aber noch in Grenzen und niemand will jetzt schon Runden laufen. Der Hausmeister hat auch ein bisschen irritiert geschaut, als ich ihn so früh an der Pforte begrüßte. (Oder heißt das Hallenwart? Oder Platzwart? Ich bin noch nicht so geübt in der korrekten Verwendung des Vereinsjargons.)
Für meine Stadion-Laufeinheit habe ich mir extra eine Euro-Dance-Playlist zusammengestellt, da ich mir erhoffe, dass sich die schnellen Beats auf mein Tempo übertragen. Herbert Steffny wäre davon wahrscheinlich nicht sonderlich begeistert. Und ich kann ihn verstehen. Als mir Blümchen ins Ohr plärrt, dass sie wie ein Boom-Boom-Boomerang immer wieder bei mir ankäme, habe ich meine Zweifel, ob das mit den schnellen Runden auf der Tartanbahn, mit der Vereinsmitgliedschaft und vor allem mit den Euro-Dance-Hits eine wirklich gute Idee war.
09. April 2022, Berlin
Ich erhalte eine Mail vom Amazon Product Safety Team, dessen Existenz mir bis heute unbekannt war. Ferrero hätte eine Information zur Produktsicherheit veröffentlicht und die von mir erworbene Mix Party Box mit Ferrero Kinder Spezialitäten (1er Pack, 730 g) sei möglicherweise mikrobiologisch kontaminiert. Deswegen werde ich aufgefordert, die Süßigkeiten zu entsorgen und nicht zu konsumieren. Falls ich dies bereits getan hätte und mich unwohl fühlen würde, solle ich ärztlichen Rat einholen.
Amazon teilt mir außerdem mit, es bedauere den Vorfall sehr, denn meine Sicherheit habe bei ihnen oberste Priorität. (Vielleicht sollten die Mitarbeiter*innen und Kurierfahrer*innen bei Amazon bestellen. Dann hat ihre Sicherheit vielleicht auch oberste Priorität.) Zum Abschluss wird mir noch zugesichert, dass mir in den nächsten ein bis drei Werktagen der Kaufbetrag gutgeschrieben wird.
Ich kann mich nur sehr dunkel daran erinnern, jemals bei Amazon Kinder-Süßigkeiten bestellt zu haben. Nach längerer Suche finde ich die Bestellung: Sie ist vom 19. Dezember 2020.
In den USA könnte ich Ferrero wahrscheinlich für die erfahrene seelische Grausamkeit, dass ich mir vor zweieinhalb Jahren eine Lebensmittelvergiftung hätte zuziehen können, auf ein Schmerzensgeld in Höhe von 17 Millionen US-Dollar verklagen. In Deutschland muss ich mich dagegen mit dem Kaufbetrag zufriedengeben. Aber das ist auch okay. Von den 19,99 Euro kann ich mir andere Schokolade kaufen.
10. April 2022, Berlin
Recherchiere im Internet nach Laufschuhen. Es ist auch wirklich an der Zeit, dass ich mir neue kaufe, denn meine beiden alten Paare sind fast fünf Jahre alt und haben jeweils gut 5.000 Kilometer auf den Sohlen. (Orthopäd*innen und Laufschuhverkäufer*innen zucken zusammen.)
Als Mensch der Gewohnheiten und Routinen mag, trage ich seit mehr als zehn Jahren das gleiche Modell, mit dem ich sehr zufrieden bin. (Warum sollte ich es sonst auch seit über zehn Jahren immer wieder kaufen, wenn ich nicht zufrieden wäre? So ein Gewohnheitstier bin ich dann doch nicht.) Inzwischen wird das Modell schon lange nicht mehr hergestellt und es ist zunehmend schwieriger, irgendwo noch ein paar Restposten aufzutreiben. Nach fast zwei Stunden Suche habe ich Glück und finde ein Paar in meiner Größe. Allerdings ist der weiße Schuh am Rand in rosa Regenbogenfarben gemustert und die Schnürsenkel-Ösen sind in pink gehalten.
Aufgrund der farblichen Gestaltung vermute ich, dass der Schuh eigentlich für Frauen vermarktet wird. (Welcome to the rosa-hellblau Falle!) Wobei die Größe gegen diese These spricht, denn es gibt wahrscheinlich nicht so viele Frauen mit Schuhgröße 44. Andererseits könnte der niedrige Anteil an Läuferinnen mit überdurchschnittlich großen Füßen der Grund sein, dass dieses Paar seit über zehn Jahren nicht verkauft wurde.
Egal. Ich beschließe, dass meine Männlichkeit nicht zu fragil ist, um Laufschuhe mit dezentem rosa Muster zu tragen, und drücke auf den Kaufen-Button. Vielleicht motiviert mich das, schneller zu laufen, damit niemand die Schuhe sieht. Werde gleich mal Herbert Steffny eine Mail schreiben, was er von dieser Trainingsmethode hält.
Buch-Tipp der Woche
Ich bekomme immer mal wieder Bücher von Verlagen oder Autor:innen zugeschickt. Da mir die Zeit für aufwändige Rezensionen fehlt, sollen sie wenigstens hier Erwähnung finden.
Die Schriftstellerin und Kolumnistin Lea Streisand hat im März ihren dritten Roman veröffentlicht. Er trägt den Titel „Hätt‘ ich ein Kind“ und es geht darin, wie es bei der taz heißt, um „zwei Freundinnen, eine Schwangerschaft, eine Adoption.“ Es sei ein „Roman übers Kinderkriegen und eine Geschichte über Geduld, Blut und Bürokratie. Und Schneewittchen.“ Dabei behandelt Lea Streisand die Frage, warum Menschen unbedingt Kinder wollen und woher die unerfüllbaren Ansprüche an Mütter kommen. Gespickt ist das Ganze mit großem Detailwissen über die Märchen der Gebrüder Grimm, was sich merkwürdig anhört, das Buch aber besonders lesenswert macht. Und ohne zu spoilern, kann ich hier schon eine sehr überraschende Erkenntnis des Buchs verraten: Schneewittchen war gar nicht ebenholzschwarzhaarig, sondern blond!
Unter den Leser*innen, die bis Donnerstag, den 14.04.22, einen märchenhaften Kommentar unter diesem Beitrag hinterlassen, verlose ich mein Rezensionsexemplar. [Bevor Sie mir einen Anwalt auf den Hals hetzen, möchte ich betonen, dass auch nicht-märchenhafte Kommentare zur Verlosungsteilnahme berechtigen.]
Der Rechtsweg ist ebenso wie der Linksweg ausgeschlossen, eine Auszahlung des Gewinns ist nicht möglich, alle E-Mail-Adressen werden nach Abschluss der Verlosung DSGVO-konform gelöscht, blablabla …

Lea Streisand: Hätt‘ ich ein Kind. Ullstein-Verlag, 2022.
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch „Wenn ich groß bin, werde ich Gott“ ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind „Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter“, „Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit“ sowie „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“*. (*Affiliate-Links)








