Eine kleine Wochenschau | KW50/51-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


12. Dezember 2022, Berlin

Bin auf dem Weg zum Supermarkt. Es ist kalt und ich habe meine Hände tief in den Taschen meiner Jacke vergraben. Plötzlich trete ich auf eine vereiste Fläche und gerate ins Rutschen. Durch eine Pendelbewegung des Oberkörpers vermeide ich einen spektakulären Sturz, bei dem ich mir den Oberschenkelhals oder die Hüfte gebrochen und ein Erdbeben der Stärke 5,5 bis 6 ausgelöst hätte. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich elegante und katzengleiche Bewegungen ausführen wie ein Kung-Fu-Kämpfer, der seit seinem dritten Lebensjahr in einem buddhistischen Shaolin-Kloster ausgebildet wurde. Außenstehende denken dagegen möglicherweise eher an ein alkoholisiertes Nilpferd mit Gleichgewichtsstörungen, das Tschaikowskis „Tanz der Schwäne“ aufführt.

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Familien-Tweets und -Tröts der Woche (440)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

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Familien-Tweets und -Tröts der Woche (439)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Eine kleine Wochenschau | KW48/49-2022 (Teil 2)

Teil 1


03. Dezember 2022, Berlin

Nachdem das verwaiste Zimmer der Tochter zu meinem Arbeitszimmer geworden ist, müssen wir im Schlafzimmer die frei gewordene Fläche, wo vorher mein Schreibtisch stand, gestalten. Dazu benötigen wir ein paar Regale sowie einige andere Accessoires. Also fahren wir zu IKEA. An einem Samstagmorgen. Als hätten wir die letzten 47 Jahre im Wald unter Tieren fernab jeglicher Zivilisation gelebt.

Kurz nach 10 betreten wir die IKEA-Filiale in Spandau. Etwas naiv sage ich zu meiner Frau, wir wüssten doch, was wir brauchen, da könnten wir die Abkürzung nehmen und direkt in die Markthalle und dann ins Möbellager gehen. Als hätte ich die letzten 25 Jahre im Wald unter Tieren und nicht in einer Paarbeziehung gelebt. Denn meine Frau sagt – natürlich –: „Wenn wir schon mal hier sind, möchte ich mich auch ein wenig umschauen.“ Mein linkes Auge zuckt.

Die Atmosphäre bei IKEA ist aber überraschend harmonisch und friedfertig. Pärchen suchen gemeinsam neue Schlafzimmer, Küchen und Wohnzimmer aus, ihre Kinder verstecken sich glucksend in den Ausstellungsräumen. Mehr Familien-Idylle gibt es höchstens in der Rama-Werbung.

Als wir unsere Einkäufe beisammen haben, werden wir an der Kasse von der unschönen Realität eingeholt. Als wir alle Waren eingescannt haben, erscheint auf dem Display ein Betrag, der mich überrascht. Und nicht positiv. Aber das haben Sie sich sicherlich schon gedacht. Kurz versuche ich mich davon zu überzeugen, dass es ein gutes Zeichen und ein Privileg ist, dass wir uns das trotz steigender Preise für Gas, Strom und Lebensmittel leisten können. Echte Euphorie will sich bei mir dennoch nicht einstellen. (Bei der EC-Karte auch nicht.) Ich bin wohl doch eher der Das-Glas-ist-halb-leer-Typ. Beziehungsweise der Das-Konto-ist-ganz-leer-Typ.

Am Schalter des Transportunternehmens, von dem wir uns unsere Einkäufe liefern lassen wollen, wird es nicht besser. Zunächst begrüßt uns der Mitarbeiter dort gut gelaunt und sagt: „Schauen wir mal, ob das heute noch klappt.“ Dann tippt er auf seiner Computertastatur rum und seine Miene wird zunehmend ernster. „Ich habe leider keinen freien Slot mehr“, erklärt er schließlich. „Für die nächsten vier Wochen.“

Das ist eher ungünstig. Ich hatte eigentlich vor, 18-mal mit dem Bus hin und her zu fahren, um unsere neu erworbenen Regale, Aufbewahrungsboxen, Bettbezüge, Kissen und Kerzen – natürlich – nach Hause zu schaffen. Glücklicherweise stehen vor dem IKEA einige Möbel-Taxen. Ein Mann bietet uns an, die Sachen zu uns zu bringen. Er fragt, ob wir mitfahren möchten. Das ist mir ganz recht. Ich habe prinzipiell zwar ein positives Menschenbild, hätte aber ein komisches Gefühl, einem wildfremden Menschen unsere neu erworbenen Möbel im Wert eines leider nicht niedrigen, sondern hohen dreistelligen Betrags anzuvertrauen. Schließlich habe ich nicht die letzten 47 Jahre im Wald unter Tieren gelebt und noch nie eine Folge „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“ gesehen.

04. Dezember 2022, Berlin

Wir verbringen den größten Teil des Tages mit dem Aufbau der neu gekauften Möbel. Unter anderem bringen wir Türen an unsere bereits vorhandenen Billy-Regalen an. Eines davon ist allerdings so alt, dass die Türscharniere nicht passen. Wir müssen improvisieren. Ein Satz, der schon bei handwerklich versierten Menschen nichts Gutes erahnen lässt. Bei DIY-Laien wie meiner Frau und mir ist er allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit der Ausgangspunkt für ein geradezu apokalyptisches Horrorszenario, bei dem zum Schluss nur noch eine Wand des Mietshauses steht, bis diese auch noch in Zeitlupe einstürzt.

Überraschenderweise gelingt es uns, ohne größere Vorkommnisse neue Löcher in die Seitenwände zu bohren und die Scharniere samt Türen anzuschrauben. Dann müssen wir die Türen noch justieren. Eine äußerst knifflige Angelegenheit, denn die Wahrscheinlichkeit eine Schranktür perfekt auszurichten, ist wesentlich geringer als die Aussicht auf einen Sechser im Lotto. Trotzdem bekommen wir das Türenjustieren einigermaßen gut hin. Zumindest entscheiden wir irgendwann, dass es gut genug ist. Jede weiteren Bemühung würde uns nur Schweiß, Nerven und schließlich unsere Ehe kosten.

05. Dezember 2022, Berlin

Meine Frau hat heute frei, so dass wir den Tag für ein paar Bohrarbeiten nutzen können. (Schließlich sind wir sozial doch kompetent genug und haben nicht unsere guten nachbarschaftlichen Beziehungen aufs Spiel gesetzt, indem wir das am gestrigen Sonntag erledigt haben.) Im Schlafzimmer wollen wir ein Fitnessgerüst sowie einen Spiegel anbringen, im Wohn- und im neuen Arbeitszimmer jeweils eine Bilderleiste.

Wir nehmen uns zuerst das Gerüst vor, um die anspruchsvollste Aufgabe als erstes hinter uns zu bringen. Dafür müssen wir sechs Löcher für 14er-Schrauben bohren. Schließlich soll das Gerüst mein Gewicht aushalten. Auch in der Vor- und in der Nachweihnachtszeit.

Für unsere Bohraktion habe ich mir extra die Bohrmaschine unserer Nachbarin geliehen. Die ist leistungsstärker als mein schon leicht altersschwaches Modell. Anscheinend ist unsere Schlafzimmer-Wand aber aus irgendeinem undurchdringbaren Material gebaut, das sonst zum Bau von Raumschiffen eingesetzt wird. Nachdem sich der Bohrer knapp einen halben Zentimeter in die Wand gedreht hat, streikt er mit den Worten: „Nope, nicht mir.“ Selbst als ich mich mit aller Kraft in den Bohrer stemme, bewegt er sich keinen Millimeter weiter. Um so etwas in Zukunft zu vermeiden, wäre es gut, ein Fitnessgerüst zu haben, an dem ich meine Muskeln stärken kann, was aber nicht geht, weil mir die Kraft fehlt, es anzubohren. Es ist ein Teufelskreis.

Also widmen wir uns erstmal dem Spiegel, der auf der anderen Seite des Zimmers aufgehängt werden soll. Aber auch hier haben wir nicht mehr Erfolg. Nach circa 0,5 Zentimetern kommt der Bohrer zum Stillstand. Er schaut mich an und fragt: „Bist du dumm, oder was? Denkst du, die Wand hier besteht plötzlich aus Butter und ich kann da locker-flockig reinrutschen?“ Eine recht unhöfliche und obendrein ableistische Frage, die jedoch nicht gänzlich unberechtigt ist. Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als in irgendeinem Baumarkt einen Hochleistungsbohrer auszuleihen, der sich auch in Osmium fräst.

Unverrichteter Dinge beziehungsweise unverbohrter Löcher gehen wir ins Wohnzimmer, um die Bilderleiste anzubringen. Hier klappt das Bohren erfreulich problemlos. Zumindest des ersten Lochs. Dann fällt meiner Frau auf, dass das zweite Loch ziemlich genau oberhalb einer Steckdose liegen würde. Nicht ganz genau, aber doch nah genug, dass es mir zu riskant ist, da reinzubohren und – im besten Fall – einen Kurzschluss auszulösen. Somit müssen wir uns auch noch einen Leitungssucher besorgen, bevor wir hier weiter bohren können.

Meine Laune liegt ob der eher mittelschlecht verlaufenden Bohraktion inzwischen deutlich unter Normalnull. Damit wir wenigsten ein Erfolgserlebnis haben, wollen wir wenigstens noch die Bilderleiste im Arbeitszimmer anbringen. Aber hier hört der Bohrer ebenfalls nach fünf Sekunden auf zu bohren. Ich kann mir das nicht erklären, denn hier ist die Wand eigentlich von sehr bohrfreundlicher Art. Nicht zu hart und nicht zu porös. Merkwürdig ist allerdings auch, dass der Sauger, den meine Frau gehalten hat, auch ausgefallen ist. Dann wandern unsere Blicke vom Bohrloch die Wand hinunter, bis sie auf eine Steckdose treffen. Die schüttelt den Kopf und formt mit dem Mund ein lautloses „Vollidioten!“

Ich könnte versuchen, das Ganze positiv zu sehen. Schließlich hat nur das Stromkabel den Geist aufgegeben und weder war es eine alte stoffummantelte Leitung, die Feuer gefangen und uns die Bude abgefackelt hat, noch wurde ich mit einem 230 Volt-Schlag ins Krankenhaus oder ins Jenseits befördert. Meine Begeisterung hält sich trotzdem in Grenzen. Vor allem als mir der Elektriker, den ich anrufe, mitteilt, dass er erst wieder im nächsten Jahr freie Termine hat.

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Morgen ist Nikolaus. Das heißt, dem Sohn obliegt heute Abend die ehrenvolle Aufgabe, im ganzen Haus für die Kinder Schoko-Nikoläuse, Süßigkeiten und Alibi-Nüsse vor den Türen zu drapieren.

Meine Frau weist in anschließend darauf hin, er müsse noch seine eigenen Schuhe putzen und vor die Tür stellen. Mit seinen 16 Jahren macht er das Nikolaus-Ritual wahrscheinlich ohnehin in erster Linie uns zuliebe mit – und weil er gerne Schokolade isst. Er findet auf jeden Fall, seine Sneaker seien sauber genug und hält das Putzen für unnötig.

Zu seinem Glück habe ich heute noch Zitronenherzen gebacken. (Nach der misslungenen Bohraktion mit nicht ganz so viel vorweihnachtlicher Liebe, wie es angebracht wäre.) Somit kann der Sohn dem Nikolaus doch eine kleine kulinarische Aufmerksamkeit darbieten. Ohne die Zitronenherzen hätte es, was die Dankbarkeitsgesten angeht, eher mau ausgesehen. Dann hätte der Sohn höchstens den Beutel mit Pfandflaschen, die er schon seit Wochen zum Supermarkt bringen soll, zu seinen Schuhen stellen können.

Darüber würde sich der Nikolaus bestimmt ohnehin mehr freuen, meint der Sohn. Ich frage ihn, ob er denkt, der Nikolaus leide unter Altersarmut und sei aufs Pfandsammeln angewiesen. Das sei nicht unwahrscheinlich, erwidert er, wenn ihm alle nur Kekse und Milch hinstellen. Er bekäme ja auch nichts dafür, dass er hier im ganzen Haus Süßigkeiten verteile, merkt der Sohn noch mit leichtem Vorwurf in der Stimme an. Er dürfe mietfrei bei uns wohnen, erkläre ich ihm, und darauf fällt dem Sohn keine Antwort mehr ein.

06. Dezember 2022, Berlin

Meine Eltern haben uns ein Nikolauspaket geschickt. Das enthält unter anderem eine Dose mit Weihnachtsplätzchen. Das mütterliche Gebäck zeichnet sich dadurch aus, dass es, ersten, sehr lecker und, zweitens, sehr zart, fast schon filigran ist. Außerdem backt meine Mutter mit einer unglaublichen Akkuratesse, so dass alle Plätzchen vollkommen gleich aussehen. Wie von einem Back-Cyborg, der extra dafür programmiert wurde, absolut identische Plätzchen zu produzieren.

Meine Plätzchen bestechen dagegen nicht mit Zartheit. Sie sind zwar lecker, aber eher groß und grobschlächtig. Gleichförmig sind sie auch nicht. Im Gegenteil. Bei mir ist jedes Plätzchen ein Unikat. Und wenn ich Unikat schreibe, meine ich, dass sie aussehen als sei ein Dinosaurier auf sie getreten. Und zwar auf jedes Plätzchen ein anderer Dino.


Teil 3


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Eine kleine Wochenschau | KW48/49-2022 (mit Verlosung)

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


28. November 2022, Berlin

Der Sohn müsste heute eigentlich Musik schreiben. Kann er aber nicht. Er ist krank. Vielleicht reagiert sein Körper allergisch auf die Bestimmung von Tonarten, Takten, Kontrapunkten, Motiven und allem, was zur Analyse von Musikstücken dazugehört. So wie er hustet, röchelt und fiebert, scheint er aber tatsächlich krank zu sein, und versucht nicht, sich vor der Arbeit zu drücken. Oder es ist eine oscarreife schauspielerische Leistung, für die er es auch verdient hätte, zuhause zu bleiben.

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Eine kleine Wochenschau | KW48/49-2022 (Teil 3)

Teil 1, Teil 2


07. Dezember 2022, Berlin

Nach unserem Bohr-Fail Anfang der Woche, habe ich gestern die weise Entscheidung getroffen, nicht quer durch Berlin zu gondeln, um mir in irgendeinem Baumarkt für teures Geld eine professionelle Bohrmaschine auszuleihen, die ich mit recht hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht richtig bedienen kann. Stattdessen bezahle ich einem Handwerker nur unwesentlich mehr, damit er uns das Fitnessgerüst und den Spiegel anbringt.

Besagter Handwerker steht heute Morgen pünktlich um 10.30 Uhr vor der Tür. Wir begrüßen uns aus alter Corona-Gewohnheit mit einem Ellenbogen-Check und er erklärt etwas unvermittelt, er sei viermal geimpft. Ich erwidere, ich sei ebenfalls viermal geimpft und könne noch eine Infektion aufweisen.

Der Mann stutzt und mustert mich genauer. „Wenn Sie schon viermal geimpft wurden, heißt das, dass sie schon über 60 sind?“, fragt er. „Sie sehen gar nicht aus wie 60.“ „Das liegt möglicherweise daran, dass ich keine 60 bin“, antworte ich.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll, dass er mich für jünger als 60 schätzt, oder beleidigt sein soll, dass er es für möglich hält, ich könnte 60 sein. Ich beschließe, diesen Gedanken nicht weiter zu verfolgen.

Bevor der Handwerker mit dem Bohren beginnt, holt er ein Gerät aus seinem Werkzeug-Koffer hervor und sucht damit die Wand ab. „Im Altbau kannst du nie wissen, ob da nicht irgendwo eine Stromleitung lauert, und dann bohrst du da aus Versehen rein“, sagt er währenddessen. Ich verzichte darauf, ihm zu erklären, dass du, selbst wenn du weißt, wo eine Leitung liegt, trotzdem aus Versehen da reinbohren kannst.

Auch ansonsten hat der Mann vom Handwerken mehr Ahnung als ich – was allerdings nur bedingt aussagekräftig ist – und eine gute Stunde später hängen Spiegel und Gerüst bombenfest an der Wand und die Stromleitungen sind auch alle heile geblieben. Toll!

08. Dezember 2022, Berlin

Der Sohn muss morgen Mathe schreiben. Über Kurvendiskussionen. Er meint, es sei voll unlogisch, dass das Kurvendiskussion hieße. Da würde gar nicht geredet, es würden keine Argumente ausgetauscht und auch keine Standpunkte vertreten, sondern nur gerechnet. Schnittpunkte, Hoch-, Tief- und Wendepunkte, Symmetrieeigenschaften und anderes – in seinen Augen – unnützes Zeug. Ich kann ihm leider nicht helfen, denn ich hatte mich damals im Matheunterricht auch schon gefragt, was denn das Diskursive bei der Kurvendiskussion ist und keine Antwort darauf gefunden.

Trotzdem schaut sich der Sohn auf YouTube unzählige Mathe-Tutorials an. Die sind so gut, dass er beim Anschauen immer denkt, jetzt habe er es verstanden. Aber doch nicht gut genug, dass er selbst Aufgaben rechnen kann. Das liegt aber weniger an der didaktischen Unzulänglichkeit der Videos, sondern daran, dass Mathe für den Sohn ein Buch mit sieben Siegeln ist. Und zwar ein Buch mit sieben Siegeln, das in einem unterirdischen Verließ, das durch tödliche Fallen wie im Tempel des Todes geschützt und durch eine Horde cholerischer Orks bewacht wird, in einem Tresor liegt, der nur durch einen Fingerabdruck von Pythagoras sowie einem Iris-Scan von Carl Friedrich Gauß geöffnet werden kann.

09. Dezember 2022, Berlin

Bei der Tochter wurden an der Uni heute die Vorlesungen und Seminare frühzeitig beendet. Es gab eine Unwetterwarnung für Carlow. Weil die Temperaturen auf ein Grad unter Null gefallen sind. Die Studierenden und Lehrenden sollen schließlich alle sicher nach Hause kommen. Hoffen wir mal, dass nicht auch noch eine Schneeflocke vom Himmel fällt.

10. Dezember 2022, Berlin

Durch die Neusortierung unserer Zimmer haben wir nun ein paar Möbel, die wir nicht mehr gebrauchen können. Ich stelle sie bei eBay-Kleinanzeigen zum Verschenken für Selbstabholer ein.

Nach nicht einmal einer Minute meldet sich jemand auf die Anzeige für das orangene Lack-Regal von IKEA. Er fragt, ob ich die Versandkosten übernähme. Ich bin kurz verunsichert, ob vergessen habe, die Kategorie ,,Nur für Selbstabholen“ anzuklicken. Habe ich aber nicht.

Also verneine ich seine Frage, da das Regal nur zur Abholung sei. Meine Antwort verstimmt den User und er erwidert, es sei eine Schweinerei, dass ich etwas anbiete und dann nicht verschicke. Deswegen habe er mich bei eBay gemeldet. Ich schreibe zurück, aus der Anzeige ginge doch hervor, dass das Regal abgeholt werden müsse. Daraufhin antwortet er, Menschen wie ich würden den Spaß an Ebay zerstören.

Kurz überlege ich, zu schreiben, er solle mich in Ruhe lassen und stattdessen eine gepflegte Runde Geschlechtsverkehr mit seinem Articulatio genus einlegen. Mit dieser Reaktion würde ich ihm aber sicherlich einen Gefallen tun, denn dann weiß er, dass ich mich über ihn ärgere und das ist wahrscheinlich der Grund für seine Nachrichten. Deswegen beschließe ich, den eBay-Troll zu ignorieren. Darüber ärgert er sich bestimmt richtig.

11. Dezember 2022, Berlin

In einer Kommode, die wir gestern verschenkt haben, hatten wir ein paar Mappen mit Bildern aufbewahrt, die die Kinder in der Kita gemalt haben. Insbesondere von der Tochter haben wir unfassbar viele Bilder abgeheftet. Mich beschleicht der Verdacht, dass die Kita eine Art Sweatshop betrieben hat, in dem die Kinder im Akkord Wasserfarbenbilder produzieren mussten, die dann den Eltern ausgehändigt wurden.

Den Stil der Tochter würde ich als dekonstruktivistische, naive Malerei mit gleichzeitig ex- und impressionistischen Elementen sowie Anleihen aus dem Kubismus kategorisieren. Vom Sohn gibt es nicht ganz so viele Bilder. Zumeist mit schwarzem Stift gezeichnete, grimmig dreinblickende Kopffüßler, zu denen er seinen Namen gekrakelt hat. Ob er damit die Bilder signiert hat oder damit verdeutlichen wollte, dass es sich um Selbstporträts handelt, lässt sich nicht abschließend sagen.

Ich bringe es nicht übers Herz, die Mappen mit den Bildern zu entsorgen. Das ist bestimmt nicht gut fürs Eltern-Karma. Außerdem werden die Kinder vielleicht mal berühmt. Dann kann ich die Bilder bei eBay einstellen und den Spaß dorthin zurückbringen.

Bücherverlosung

Unsere Renovierungs- und Aufräum-Aktion kommt auch Ihnen zugute. Beim Aufräumen habe ich zwei Rezensionsexemplare (wieder)gefunden, die ich unter den Familienbetrieb-Leser*innen verlose.

„Wow Mom: Der Mutmacher für deine Schwangerschaft“ von Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim

Dieses Buch ist der dritte Band der WOW MOM-Reihe der beiden Stadt Land Mama-Bloggerinnen. Nachdem die ersten beiden Bücher Ratschläge für das erste Jahr mit Kind sowie für das Leben mit Kleinkindern gegeben haben, geht es diesmal – der Titel lässt es vermuten – um das Thema Schwangerschaft. Lisa und Katharina begleiten ihre Leserinnen bei all ihren Fragen, Vorfreuden aber auch Zweifel in dieser Zeit. (Um Missverständnisse zu vermeiden: Das Buch begleitet die schwangeren Leserinnen, nicht die beiden Autorinnen persönlich.)

„Gemeinsam schlau statt über Schule meckern“ von Béa Beste und Stephanie Jansen

Bei diesem Buch handelt es sich um den Nachfolger von „Gemeinsam schlau statt einsam büffeln“, in dem sich die Autorinnen für das Co-Learning stark machten praxisnahe Tipps und Ideen gaben, wie Eltern und Kinder gemeinsam spielerisch und entspannt lernen können. In ihrem neuen Buch legen Béa Beste und Stephanie Jansen ihren Fokus darauf, wie Eltern ihre Kinder erfolgreich durch die Schulzeit begleiten können und wie die Eltern-Lehrende-Kind-Beziehung gestärkt wird. Quasi ein Win-Win-Win-Buch für die Schulzeit.

Verlosung

Wenn Sie eines der beiden Bücher gewinnen wollen, kommentieren Sie bitte bis zum 14.12. unter diesem Beitrag und schreiben Sie dabei, welches Buch Sie gerne hätten. Wie immer ist der Rechtsweg genauso wie der Linksweg ausgeschlossen, es wird nur ein Kommentar pro E-Mail-Adresse berücksichtigt, eine Auszahlung des Gewinns ist nicht möglich, alle E-Mail-Adressen werden nach Abschluss der Verlosung DSGVO-konform gelöscht, bliblablö.


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Familien-Tweets und -Tröts der Woche (438)

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Familien-Tweets und -Tröts der Woche (437)

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Eine kleine Wochenschau | KW47-2022 (Teil 2)

Teil 1


25. November 2022, Berlin

Heute ist Black Friday. Das finde ich gut. Dann gibt es ab morgen keine Black-Friday-Werbung mehr. Stattdessen für die Cyber Week. Und für Nikolaus-Rabatte, verkaufsoffene Sonntage, Adventsangebote und Weihnachtsschnäppchen. Hauptsache wir kaufen, kaufen, kaufen. (Mit irgendetwas muss die innere Leere ja gefüllt werden.)

26. November 2022, Berlin

Am Montag werden zusätzliche Regale für das neue, frisch renovierte Arbeitszimmer geliefert. Ich nutze den bevorstehenden Umzug meines Arbeitsplatzes zum Ausmisten. Mir fällt ein alter Nawi-Test des Sohns in die Hände. 6. Klasse. Klima und Vegetation in Europa. Der Sohn hatte die volle Punktzahl erreicht. 1+. Sehr beeindruckend. Die Note, aber noch mehr, dass die Lehrerin seine Schrift entziffern konnte.

In einem Karton entdecke ich einen 50-Euro-Gutschein für einen Berliner Plattenladen. Ein Geschenk zu unserer Hochzeit. Wir haben 2016 geheiratet. Akribisch durchsuche ich alle anderen Umschläge und Karten in der Kiste. Meine Hoffnung, auf Geldscheine zu stoßen, erfüllt sich nicht.

In der obersten Schublade meines Schreibtischs finde ich doch noch zwei Banknoten. 50 dänische Kronen und 10 Schweizer Franken. Wenn ich das nächste Mal nach Dänemark oder in die Schweiz fahre, kann ich es krachen lassen.

In einer anderen Schublade liegen so viele Kästchen mit Musterbeutel-Klammern, als hätte ich eine exklusive, weltweit gültige Vertriebs Lizenz für Musterbeutel-Klammern. Interessanterweise habe ich keinen einzigen Umschlag, der mit Musterbeutel-Klammem verschlossen werden muss.

In den restlichen Schubladen stoße ich unter anderem auf zwei Taschenrechner, drei Locher, zwei Tacker, drei Schachteln mit jeweils 500 Büroklammern, sehr, sehr viele Kugelschreiberminen, einen einzelnen Kugelschreiber, in den die Minen nicht passen, eine Auswahl von Weihnachtskarten von sehr zweifelhafter Schönheit, einige CD-Rohlinge und allerlei anderen Kram.

Ich entsinne mich, wie ich, als ich das letzte Mal ausgemistet habe, irgendwann dachte: „Ach, das stört doch niemanden, wenn das in den Schubladen liegt.“ Da diese Einschätzung heute noch genauso viel Gültigkeit besitzt wie damals, beschließe ich, meine Aufräum-Aktion zu beenden.

27. November 2022, Berlin

Heute ist 1. Advent. Außer dem Stollen haben wir erst eine einzige Plätzchensorte gebacken. Choco Crossies. Die Lieblingssorte der Tochter, die wir ihr nach Carlow schicken.

Unser mangelhaftes Engagement in der Weihnachtsbäckerei liegt nicht nur daran, dass meine Frau gerade sehr viel an der Arbeit zu tun hat und ich mit dem Arbeitszimmer-Umzug beschäftigt bin. Wir haben gerade auch keinen Zugang zu unseren Plätzchendosen. Die liegen in einem abschließbaren Schrank, der dazugehörige Schlüssel befindet sich am Schlüsselbund der Tochter und diese sich bekanntermaßen in Irland.

Hört sich komisch an, aber die Erklärung ist sehr einfach. Ich arbeite schon seit vielen Jahren im Home Office. Gleichzeitig bin ich ein sehr undisziplinierter Mensch, was den Konsum von Süßigkeiten angeht. Deswegen haben wir so gut wie nie Süßigkeiten in der Wohnung. Denn wären welche da, wären sie schon wieder weg.

Die Kombination von Home Office und uneingeschränktem Zugang zu Weihnachtsplätzchen bei gleichzeitig unwilligem Geist und schwachem Fleisch hat sich daher als eher ungünstig erwiesen. Ungünstig für den Hosenbund, der zunehmend mehr zwickt, ungünstig für den morgendlichen Gang auf die Waage, der zunehmend unerfreulicher wird, sowie ungünstig für den Blick in den Spiegel, aus dem dich ein zunehmend hüftspeckigeres Moppelchen anglotzt.

Daher hatte ich vor ein paar Jahren die Idee, die Dosen mit dem Weihnachtsgebäck in dem besagten abschließbaren Schrank aufzubewahren und der Tochter den Schlüssel zur Verwahrung anzuvertrauen. Diese war den größten Teil des Tages in der Schule, was meinen Zugriff auf Vanillekipferl, Kokosmakronen, Dominosteine und Co. verhinderte. Gut, ich hätte den Schrank mit Hilfe von Büroklammern und einer Nagelpfeile aufknacken können, aber so zügellos ist mein Verlangen nach Süßem dann doch nicht.

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An der Weihnachtsbäckerei hapert es zwar noch ein wenig, aber dafür war meine Frau so umsichtig, eine Box mit Süßigkeiten zu bestellen, um die Adventskalender der Kinder zu befüllen. Die Box ist allerdings bereits am Dienstag angekommen. Falls Sie eben aufmerksam gelesen haben, wissen Sie, was das bedeutet: Damit die Kinder nicht nur jeden zweiten Tag ein Adventsleckerli haben, muss ich morgen ein paar Süßigkeiten nachkaufen.


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Eine kleine Wochenschau | KW47-2022

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21. November 2022, Berlin

Montage zählen gemeinhin nicht zu den beliebtesten Wochentagen. Das müßiggängerische Wochenende liegt hinter und die Woche voller Arbeit oder Schule vor einem. (Bei Lehrer*innen beides.) Den Sohn hat es besonders schlimm erwischt. Er muss diese Woche drei Klausuren schreiben. Heute ist Chemie dran. Er hat mir sogar gesagt, zu welchem Thema, aber ich habe es sofort vergessen.

Chemie war in der Schule mein mit Abstand schlechtestes Fach. Während meiner Schulzeit habe ich insgesamt zwei Sechsen geschrieben. Eine davon im Chemie-Halbjahrestest in der 10. Klasse. Aus Rücksichtnahme auf meine Eltern wollte ich sie mit schulischen Nichtigkeiten und dieser zugegebenermaßen schlechten, aber im Verhältnis zum Weltgeschehen doch irrelevanten Zensur emotional nicht unnötig belasten. Daher ließ ich sie bei der Beantwortung der elterlichen Frage, ob in der Schule irgendetwas Besonderes vorgefallen sei, elegant unter den Abendbrottisch fallen.

Das Ganze kam später allerdings doch raus. Als Zugabe zum Halbjahreszeugnis erhielt ich einen blauen Brief, da meine Leistungen in Chemie nur schwach ausreichend mit Tendenz zum Mangelhaften waren. Persönlich fand ich das gar nicht so schlecht, denn ich musste ja die Sechs aus dem Test ausgleichen. Zu meiner Überraschung teilten meine Eltern diese wohlwollende Einschätzung nicht vollumfänglich. Ihre Dankbarkeit, dass ich ihre Nerven durch das Verschweigen der Sechs geschont hatte, hielt sich ebenfalls in Grenzen.

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