Eine kleine Wochenschau | KW04-2023 (Teil 2)

Teil 1


26. Januar 2023, Berlin

Meine Agenturpartnerin und -Freundin C. und ich treffen uns zur Weihnachtsfeier. Offensichtlich nachträglich. Im Dezember hatten wir keine Zeit und Muse dafür, aber wir wollen uns nicht von Konventionen und Kalendern diktieren lassen, wann wir unsere Weihnachtsfeierlichkeiten begehen dürfen und wann nicht.

C. hat für uns einen Tisch im Adlon für eine Tea Time reserviert. Als eingefleischte England-Fans hat es bei uns Tradition, dass wir uns und unser Jahr mit Tee, Sandwiches, Küchleins und Scones in einem der gehobenen Hotels in Berlin feiern. Also, nur wenn das Jahr gut war. Sonst könnten wir uns das nicht leisten. Ohnehin machen wir das erst zum zweiten Mal. Denn just nachdem wir diese Tradition ins Leben riefen, trat Corona in unser aller Leben und dann wars das erstmal mit Afternoon Tea in irgendwelchen exklusiven Luxusherbergen.

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Am Eingang des Adlons habe ich ein Problem. Vor der Drehtür ist eine Kordel gespannt und die Türen daneben sind beide zu. An der Straße stehen zwei Adlon-Bedienstete im Livre. Ich nicke ihnen zu, deute auf die Türen und frage: „Welche kann ich nehmen? Links oder rechts?“ Der eine Livrierte sagt: „Ganz wie Sie wollen. Die sind beide offen.“ Sein Kollege springt währenddessen eilfertig die drei Stufen hoch und mit den Worten „Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ hält er mir die Tür auf. Das ist mir ein wenig unangenehm. Ich bin zwar anscheinend zu blöd, um zu wissen, durch welche Tür ich gehen muss, aber sehe mich schon noch in der Lage, sie zu öffnen.

Dennoch bedanke ich mich bei dem Mann und gehe weiter. Dabei frage ich mich, ob Türaufhalten zu den trinkgeldwürdigen Dienstleistungen zählt. Da ich mich eher selten in solch vornehmen Hotels aufhalte, bin ich mit den dortigen Gebräuchen und Gepflogenheiten nicht so gut vertraut. Da ich ohnehin kein Bargeld an mir habe, beschäftige ich mich einfach nicht weiter mit der Trinkgeldfrage.

In der Lobby stehe ich vor dem nächsten Problem. C. hat mir getextet, sie sei schon da und säße unten rechts. Nun ist die Lobby des Adlons recht groß und mir ist nicht ganz klar, von welcher Blickrichtung aus das Rechts zu verorten ist, wo sie sich befindet.

Ein weiterer Adlon-Bediensteter deutet meinen hilfesuchenden Blick richtig und fragt, ob er mir behilflich sein könne. Ich erkläre ihm, dass ich meine Kollegin suche, die bereits eingetroffen sei. C. und der für unseren Tisch zuständige Kellner winken derweil quer durch die Lobby und zwar derart dynamisch, dass es alle anderen Gäste und wahrscheinlich sogar die Touristen draußen vorm Brandenburger Tor sehen. Nur ich nicht. Der Adlon-Bedienstete fragt mich, ob es sich bei der winkenden Frau wohl um meine Kollegin handeln könnte. Ich bejahe seine Frage, woraufhin er mich zu dem Tisch geleitet. Zum einen weil sich das fürs Adlon gehört, zum anderen weil er bestimmt denkt, dass ich unter einer starken Fehlsichtigkeit leide, und befürchtet, ich könnte mich auf dem Weg zu meiner Kollegin verlaufen.

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Ich versuche das edle Adlon-Ambiente zu genießen. Ein wenig komme ich mir dabei wie ein Hochstapler vor, der hier nicht hingehört. C. meint aber, das ginge bestimmt fast allen hier in der Lobby so. Und die, die sich im Adlon nicht wie Hochstapler fühlten, säßen nicht in der Lobby. Wahrscheinlich hat sie recht.

Inzwischen hat der Kellner unsere Tee-Bestellung aufgenommen und bringt nun eine dreistöckige Etagere mit allerlei Köstlichkeiten. Im Adlon gibt es natürlich keine normalen Finger-Sandwiches und gewöhnliche Küchlein, sondern raffinierte Häppchen, filigrane Törtchen und zierliches Gebäck. Der Kellner erklärt uns ausführlich, was sich alles auf der Etagere befindet, aber kaum haben die Worte seinen Mund verlassen, habe ich sie schon wieder vergessen. Trotzdem schmeckt alles ganz vorzüglich.

Besonders hervorragend sind die Scones. Die sind samtweich und zergehen regelrecht im Mund. Zum Abschluss gibt es noch einen kleinen gugelhupfartigen Kuchen, der mit Cointreau übergossen und flambiert wird. Der Patissier des Adlons würde wahrscheinlich weinen, wenn er wüsste, dass ich seine Kreation hier als gugelhopfartigen Kuchen bezeichne.

In der Zwischenzeit gab es beim Personal Schichtwechsel. Für unseren Tisch ist nun eine junge Frau zuständig. Sie hat einen zauberhaften französischen Akzent und ich könnte ihr stundenlang zuhören. Sie könnte mir aus den gelben Seiten vorlesen und ich würde trotzdem an ihren Lippen hängen. Vielleicht könnte sie uns mal abends Winnie the Pooh zum Einschlafen vorlesen, wenn Tom Hiddleston verhindert ist. Aber so etwas kannst du als Mann, der auf Ende 40 zugeht, einer jungen Frau natürlich nicht vorschlagen. Da giltst du schnell als psychopathischer Creep mit mangelnder Sozialkompetenz, dessen Hobby darin besteht, sich nach Feierabend Kleidung aus Menschenhaut zu schneidern.

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Als wir schließlich aufbrechen, beobachten wir, wie im Foyer immer mehr junge und mitteljunge Frauen eintreffen. Sie tragen lange Abendkleider, die du nicht bei C&A von der Stange kaufst, und hochhackige Schuhe, wie sie nicht bei Deichmann zu finden sind, und werden von ein paar Fotografen abgelichtet. Es stellt sich heraus, dass gerade die Gala von Frauen100 beginnt. Frauen100 ist laut ihrer Website eine Organisation, die „Thoughtleader*innen aus Wirtschaft, Politik, Medien und Sport zusammenbringt, um ein Netzwerk zu schaffen, in dem Raum für einen feministischen Diskurs ist, Themen gesetzt und in juristische, politische und gesellschaftliche Realität umgesetzt werden“.

Ich finde das befremdlich. Selbstverständlich können sich auch überwiegend weiße und sehr privilegierte Frauen für Gleichberechtigung und Gendergerechtigkeit einsetzen. Einem (mittel-)altem weißen Mann steht es da natürlich überhaupt nicht zu, ihnen dieses Recht abzusprechen. (Vor allem nicht, wenn du kurz vorher unangemessenen Vorlese-Phantasien mit deiner französischen Bedienung nachgehangen bist.) Trotzdem verspüre ich bei einer Galaveranstaltung in einem Nobelhotel, auf der sich für die Gleichberechtigung von Frauen stark gemacht wird, ähnlich unangenehme Vibes wie bei Klimaschutz-Fundraising-Dinnern, zu denen Hollywood-Stars mit ihren Privat-Jets einfliegen.

Als C. und ich das Adlon verlassen, photobomben wir fast die Aufnahme von zwei jungen Frauen, die gerade eine attraktive langbeinige Blondine mit ihrem männlichen Begleiter fotografieren. Mir ist die Frau gänzlich unbekannt. Aufgrund ihrer Größe und Figur könnte sie Model sein. C. meint, wir seien wohl zu alt, um sie zu kennen. Wahrscheinlich hat sie wieder recht.

Später schickt mir C. ein Insta-Foto von der Frau. Es handelt sich um Carolin Niemczyk, eine Sängerin, die 2021 immerhin bei The Masked Singer teilgenommen hat. Ich kenne sie trotzdem nicht. Ich bin wohl tatsächlich zu alt.

27. Januar 2023, Berlin

An einer Kreuzung sehe ich eine Gruppe von ungefähr 20 Erstklässler*innen. Ihre Lehrerin wählt zwei Mädchen aus. Diese treten auf die Straße und signalisieren den Autofahrer*innen mit weit ausgebreiteten Armen und stolz geschwellter Brust unmissverständlich, dass sie gefälligst anzuhalten haben, damit ihre Klassenkamerad*innen unbeschadet die Straße überqueren können. Okay, weit und breit ist kein einziges Auto zu sehen, aber wäre eines gekommen, hätte es auf jeden Fall angehalten.

28. Januar 2023, Berlin

Auf dem Weg zum Supermarkt kommt mir eine Frau mit einem Hund entgegen. Eine Art Corgi-Dackel-Mischung. Von Weitem sehe ich, dass der Hund irgendetwas im Mund hat. Das ist nicht ungewöhnlich. In Ermangelung von Händen tragen Hunde ja andauernd etwas im Mund. Stöcke, Bälle, Schuhe, Zeitungen oder Knochen.

Was der Corgi-Dackel im Mund trägt, ist dann aber doch überraschend. Es ist ein Schnuller und er nuckelt sehr zufrieden daran. Das sieht etwas merkwürdig aus. Sehr merkwürdig sogar. Aber wenn es ihm gefällt, soll er das ruhig machen. Da möchte ich ihm keine Vorschriften über sozial akzeptiertes Hunde-verhalten machen. Es heißt ja nicht umsonst: „Jedem Tierchen sein Pläsierchen.“

Ich hoffe nur, dass ihn die anderen Hunde deswegen nicht auslachen und ihn mobben. Aber dann kann er zur Beruhigung ja an seinem Schnuller nuckeln.

29. Januar 2023, Berlin

Meine Frau und ich haben heute Jahrestag. Unseren 26. Gleichzeitig ist heute Miesepeter-Tag. Mario Barth könnte daraus bestimmt eine Pointe klöppeln.

Damit Sie eine Vorstellung davon haben, wie lange 26 Jahre her sind, hier ein paar Fakten aus dem Januar 1997:

  • Im Kino lief Praxis Dr. Hasenbein von und mit Helge Schneider.
  • Auf Platz 1 der Single-Chart standen Sarah Brightman und Andrea Bocelli mit Time to say goodbye.
  • Der 1. FC Kaiserslautern belegte den ersten Platz der Fußball-Bundesliga.
  • Bill Clinton wurde kurz vorher zum zweiten Mal als US-amerikanischer Präsident vereidigt, Helmut Kohl war Bundeskanzler, Roman Herzog Bundespräsident.
  • Ich trug orangenfarbenes Haar. Eigentlich wollte ich sie mir wasserstoffblond färben, wie Robbie Williams das damals trug, hatte aber mehr Rotpigmente in meinem Haar als der ex-Take-Thatler. Oder er konnte sich die besseren Haarfärbeprodukte leisten. (Bei meiner Haarfarbe ist es recht erstaunlich, dass meine Frau und ich überhaupt zusammenkamen.)

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Familien-Tweets und -Tröts der Woche (444)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

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Eine kleine Wochenschau | KW03-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


16. Januar 2023, Berlin

Montagmorgen. Ich stehe unter der Dusche und bereite mich körperlich und geistig auf eine kalte Dusche vor. Zu diesem irrsinnigen Vorhaben hat mich Chris Hemsworth inspiriert. In der Dokuserie Limitless stellt sich der Australier verschiedenen Prüfungen, um seine Gesundheit und Fitness bis ins späte Alter zu verbessern. In der zweiten Folge, die wir gestern Abend geschaut haben, geht es unter anderem darum, wie extreme Kälte dazu beiträgt, die Abwehrkräfte zu stärken. Die Challenge, die Chris Hemsworth zu bewältigen hat, besteht allerdings nicht darin, ein paar Eiswürfel zu lutschen, sondern er muss 250 Yards (circa 225 Meter) in der eiskalten norwegischen Arktis schwimmen. Bei einer Wassertemperatur von ungefähr 2 Grad Celsius.

Unterstützt wird Chris Hemsworth bei seiner Vorbereitung von dem britischen Extremsportler Ross Edgley, dem einzigen Menschen weltweit, der einmal komplett um Großbritannien herumgeschwommen ist. Eine Leistung, bei der mir zwei Gedanken durch den Kopf schießen: Erstens, „Wow!“ und zweitens, „Warum?“

Ross Edgley hat ein unfassbar breites Grinsen und eine unfassbar strahlend weiße Zahnreihe, dass es Dr. Best Tränen der Freude in die Augen treibt. Außerdem ist er unfassbar gut gelaunt. So unfassbar gut, dass es einem wahrscheinlich richtig auf die Nerven geht, wenn du selbst einen nicht so guten Tag hast. Bei der Schwimm-Challenge verwandelt sich Ross Edgley aber vom Li-La-Launebär in einen erstklassigen Motivator. In Rocky-„keine-Schmerzen“-Trainer-Manier feuert er Chris Hemsworth an und brüllt ihn quasi zur Ziel-Boje. (Vielleicht sollte ich den guten Ross für meine nächste Laufveranstaltung als Anpeitscher engagieren.)

Glücklicherweise musst du nicht täglich in Eiswasser schwimmen, um deinen Körper zu einer Stärkung der Abwehrkräfte zu animieren. (Das würde bei mir wahrscheinlich eher zu einer totalen und letalen Zerstörung jeglicher Körperkräfte führen.) Stattdessen reicht es schon, regelmäßig 30 Sekunden kalt zu duschen. Daher stehe ich nun in der Badewanne und versuche meine Hand zu überzeugen, den Regler der Mischbatterie nach rechts zu schieben, um meiner Morgendusche ein kaltes Ende zu bescheren.

Wenn Chris Hemsworth 250 Yards im eiskalten Wasser schwimmt, kann ich mich ja wohl für ein halbes Minütchen kalt abduschen, versuche ich mich selbst zu belügen. Stellt sich aber heraus, dass ich das nicht kann. Ok, Chris Hemsworth ist ja auch Thor. Na klar kann der in Eiswasser schwimmen. Ich bin dagegen ich und bei mir verursacht das kalte Wasser Atemnot. Ich beschließe, es erstmal dabei zu belassen, meine Beine jeweils für zehn Sekunden mit kühlem Wasser zu berieseln. Das muss reichen. Bin ich halt nicht so gesund und fit im Alter wie Chris Hemsworth. Dafür steigert das Nicht-kalt-Duschen meine morgendliche Lebensqualität erheblich.

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Eine kleine Wochenschau | KW03-2023 (Teil 2)

Teil 1


19. Januar 2023, Berlin

Der Sohn muss im Philosophie-LK gemeinsam mit einem Freund ein Referat über den französischen Philosophen und Soziologen Michel Foucault halten. Er bittet mich, ihre Präsentation gegenzulesen. Ich verbringe eine knappe halbe Stunde damit, Schriftarten und -größen zu optimieren und Bilder auszurichten. Damit habe ich mich jetzt länger mit Foucault auseinandergesetzt als während meines gesamten 12-semestrigen Soziologie-Studiums.

20. Januar 2023, Berlin

Als ich morgens das Bad betrete, werde ich angenehm überrascht. Es ist warm. Das ist eigentlich nicht außergewöhnlich. Da wir im Bad unsere Wäsche trocknen, ist es immer das wärmste Zimmer unserer Wohnung. Das macht im Winter den Besuch der Toilette sehr angenehm. Gewissermaßen zum Wellness-Erlebnis. Da verweilst du gerne ein paar Minütchen länger auf dem Lokus. Oder ein halbes Stündchen. Oder ein ganzes. Dem Smartphone sei Dank, wird es auch nie langweilig. Eigentlich gibst du den Platz auf der Toilette erst wieder auf, wenn ein anderes Familienmitglied Einlass begehrt. Oder wenn du Hunger bekommst.

Seit Ende November war es mit den Feel-good-Klo-Momenten aber vorbei. Von einem Tag auf den anderen war die Heizung ausgefallen. Nur im Bad. Im Rest der Wohnung funktionierten die Heizkörper noch. (Was bei uns im Haus keine Selbstverständlichkeit ist. Die aufmerksamen und mit gutem Gedächtnis ausgestatteten Stamm-Leser*innen erinnern sich.)

Ein von der Hausverwaltung geschickter Klempner meinte, der Heizkörper sei nicht das Problem, sondern der Kessel. Der stünde im Keller und da habe er keinen Zugang. Die für den Kessel zuständige GASAG vertrat den Standpunkt, der funktioniere einwandfrei, der Fehler müsse bei einem defekten Ventil liegen. Ich hatte keine Ahnung, was das heißen soll. Sonst anscheinend auch niemand. Trotz zahlreicher Mails und meist erfolgloser Anrufe bei der Hausverwaltung passierte wochenlang nichts.

Das Bad verwandelte sich recht schnell vom muckeligsten und gemütlichsten in den unwirtlichsten Ort der Wohnung. Wir stellten den Wäscheständer im Schlafzimmer auf und Toilettengänge galten nicht mehr als Spa-Besuche, sondern fielen nur noch kurz und geschäftsmäßig aus.

Heute früh stelle ich aber fest, dass es im Bad eindeutig wärmer als noch gestern ist. Ich fasse das Heizungsrohr an der Wand an. Warm! Die Heizung funktioniert wieder! Ich drehe das Ventil auf 3 und schon kurze Zeit später breitet sich eine kaum noch bekannte aber umso angenehmere Wärme im Bad aus. Endlich ist der morgendliche Toilettengang wieder eine Wohltat.

Beim Verlassen des Bads stelle ich fest, dass die funktionierende Heizung allerdings einen Nachteil hat: Der Rest der Wohnung fühlt sich nun unerfreulich kühl an. Vielleicht verweile ich einfach noch etwas auf dem Klo. Ein paar Minütchen. Oder ein halbes Stündchen. Oder ein ganzes. Genügend Handy-Akku habe ich.

21. Januar 2023, Berlin

Meine Frau macht Fortschritte beim Portugiesisch-Lernen. Sie beherrscht inzwischen die folgenden Sätze:

„Ich bin eine Frau.“ – „Eu sou uma mulher.“
„Ich trinke Milch.“ – „Eu bebo leite.“
„Das ist ein Auto.“ – „Este é um carro.“
„Ich esse einen Apfel.“ – „Eu como uma maçã.“
„Ich besitze ein Haus.“ – „Sou dono de uma casa.“

Da bin ich schon gespannt auf ihre Unterhaltungen in unserem Sommerurlaub.

[In der Bäckerei]
Verkäuferin: „Guten Tag. Was darf es sein?“
Frau: „Das ist ein Auto.“
V.: „Ähm, nein. Das sind Brötchen. Möchten Sie welche?“
F.: „Ich bin eine Frau.“
V: „Das sehe ich, aber was möchten Sie kaufen?“
F.: „Ich trinke Milch.“
V.: „Milch gibt es bei uns nicht. Da müssen Sie in den Supermarkt gehen.“
F.: „Das ist ein Auto.“
V.: „Nein, das ist immer noch ein Brötchen.“
F.: „Ich esse einen Apfel.“
V.: „Herrgott nochmal, hier gibt es auch keine Äpfel. Welche Brötchen möchten Sie?“
F.: „Ich besitze ein Haus.“
V.: „Das ist mir egal. Entweder Sie bestellen jetzt etwas oder Sie verlassen den Laden.“
F.: „Ich bin eine Frau.“
V.: „RAUS!“

Meine Frau geht zur Tür. Dort dreht sie sich noch einmal um und ruft winkend: „Ich trinke Milch.“ Die Verkäuferin fängt an zu weinen.

22. Januar 2023, Berlin

Ich arbeite zurzeit die MAGAZIN-Ausgaben des letzten Jahres auf, die ich noch nicht gelesen habe. Im Dezember-Heft gibt es einen Bericht über Thomas Hoffmann, der Schneekristalle sammelt. Nicht metaphorisch oder fotografisch, sondern physisch. Dazu fängt er Schneeflocken auf einer Pappscheibe, legt sie auf eine minus 20 Grad kalte so genannte Cyrobox und dann löst er mit einem Skalpell den interessantesten Schneekristall aus der Flocke. Der Kristall kommt wiederum auf einen Objektträger und wird mit einem speziellen Leim präpariert und dadurch konserviert. Faszinierend.

Leider gibt der Artikel keine Auskunft darüber, ob Thomas Hoffmann mit seiner Frau zusammengekommen ist, nachdem er sie gefragt hat: „Willst du noch mit hochkommen, meine Schneekristallsammlung anschauen?“


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Familien-Tweets und -Tröts der Woche (443)

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

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Eine kleine Wochenschau | KW02-2023 (Teil 2)

Teil 1


13. Januar 2023, Berlin

Der Sohn geht ins Gefängnis. Nicht weil er etwas verbrochen hat, sondern auf Exkursion mit seinem Philosophie-LK. Sie behandeln gerade das Thema Normen und Sitten.

Nachmittags erzählt der Sohn, es wäre spannend gewesen. (Auch keine Selbstverständlichkeit bei einem 16-jährigen, wo sich Teenager doch eher für TikToks, FIFA und die neuesten Netflix-Serien begeistern, als die pädagogische Vermittlung schulischer Inhalte.) Sie hätten mit dem Leiter der JVA gesprochen und mit einer Frau, die für die Ausbildung der Justizvollzugsbeamten zuständig ist. (Beziehungsweise für „die Wärter“, wie es der Sohn ausdrückt.). Und mit einem Häftling hätten sie auch geredet. Jemandem, der wegen Betrugs bei einer Bank einsäße. Für 6 Jahre.

Der Sohn klingt ein wenig enttäuscht, als er das erzählt. Er hat sich wohl einen spektakuläreren Verbrecher erhofft. Einen Bankräuber oder ein Gang-Mitglied. Eine Bank zu betrügen, sei ja nicht so wahnsinnig schlimm, meint er. In seinem Normen- und Sittengefüge gilt Bankbetrug anscheinend als opferloses Verbrechen und bewegt sich knapp über Lappalien-Level.

14. Januar 2023, Berlin

2 Uhr. Der Wecker klingelt. Eine sehr unschöne Zeit für klingelnde Wecker. Aber die Tochter reist heute ab und um 6 Uhr geht ihr Flieger Richtung Irland. Als treusorgende Eltern begleiten wir sie selbstverständlich zum Flughafen, um sie zu verabschieden. Während ich den Wecker ausmache, überlege ich allerdings, ob es nicht auch zum Erwachsenwerden dazugehört, manche Sachen ohne seine Eltern zu machen. Zum Beispiel mitten in der Nacht zum Flughafen zu fahren.

Aufgrund der frühen Uhrzeit gönnen wir uns unter Protest ein Taxi nach Schönefeld. Unser Konto protestiert. Zur freundlicheren Gestaltung unseres Kontostandes hatten wir uns nach den vielen Weihnachtsausgaben im November und Dezember für den Januar eigentlich einen Shopping Ban auferlegt. Mit dem Taxi zum Flughafen fahren, entspricht nicht ganz dem Geist dieses Shopping Bans. Aber wir erwerben das Taxi ja nicht, sondern lassen uns damit lediglich zum Flughafen bringen. Somit verstoßen wir formal gesehen nicht gegen unser Einkaufsverbot. (Dem Kontostand sind solche Winkelzüge allerdings ziemlich egal.)

Um 3 Uhr kommt das Taxi. Der Fahrer legt nicht gerade eine überbordende Freundlichkeit an den Tag. Aber es ist ja auch Nacht. Da kannst du nicht immer auf höchstem Knigge-Niveau performen. Dafür ist er erfreulich wortkarg. Das weiß ich bei einem Taxifahrer ohnehin mehr zu schätzen als das Einhalten veralteter Höflichkeitskonventionen.

Der Fahrer verzichtet darauf, sich anzuschnallen. Mich macht das leicht nervös. Während der Fahrt beugt er sich ziemlich weit nach vorne, so dass er mit seinem Gesicht unnormal nah an der Windschutzscheibe hängt. Das macht mich auch leicht nervös. Vielleicht beugt er sich so weit nach vorne, weil er im Dunklen nicht gut sieht. Ich beschließe, diesen Gedanken nicht weiter zu verfolgen.

Ohnehin scheint sein Augenlicht gut genug zu sein, um die Geschwindigkeitsbegrenzungen weniger als Vorschrift im Sinne der Straßenverkehrsordnung, sondern mehr als freundliche Empfehlung von Volker Wissing zu interpretieren. Er rast mit 130 durch die 80er-Zonen.

Durch das flotte Tempo erreichen wir bereits nach einer knappen halben Stunde den BER. Als vorsichtig planende Menschen hatten wir für die Fahrt einen Puffer von 30 Minuten eingeplant. Da sich niemand auf die Autobahn geklebt hat, um Verkehr und Klimakatastrophe aufzuhalten, brauchten wir den gar nicht. Nun sind wir eine halbe Stunde zu früh da und die Gepäckaufgabe hat noch nicht geöffnet.

Wobei Gepäckaufgabe begrifflich etwas unpräzise ist. Bei Ryanair gibt es dafür kein Personal, sondern du musst das alles selbst machen. Den Koffer auf die Waage stellen, ein Etikett ausdrucken, das Etikett am Koffer befestigen, das Etikett einscannen und den Koffer schließlich aufs Förderband stellen.

Somit handelt es sich nicht um eine Gepäckaufgabe, sondern um eine Gepäck-Selbstaufgabe. Selbstaufgabe klingt ebenfalls nicht ganz zutreffend. Hört sich eher nach einem mentalen Zustand der Erschöpfung und der Antriebslosigkeit an. Wenn du um 2 Uhr aufgestanden bist und noch keinen Kaffee hattest, passt das dann doch ganz gut.

In der Gepäck-Selbstaufgabe-Schlange stehen vor uns ein Mann und eine Frau. Sie sind ungefähr so alt wie meine Frau und ich. (Das heißt, sie sind wahrscheinlich fünf Jahre jünger als wir.) Die beiden trinken einen Rotkäppchen-Piccolo. Um 3.30 Uhr. Bei der Uhrzeit weißt du nicht, ob sie schon oder immer noch trinken. Vielleicht bekämpfen sie mit dem Sekt ihre Flugangst. Oder sie stimmen sich auf ihren Urlaub auf Teneriffa oder Gran Canaria ein.

Kurz nach vier hat die Tochter ihren Koffer eingecheckt und per Förderband auf den Weg zum Flugzeug geschickt. Anschließend geht sie zur Security und wir müssen uns verabschieden. Nun wird es einige Monate dauern, bis wir sie wiedersehen. Um diese Erkenntnis zu verdauen, wäre ein Piccolo keine schlechte Sache. Oder wenigstens ein Kaffee.

15. Januar 2023, Berlin

Wir verbringen den Vormittag damit, Weihnachten in den Kisten auf unserem Schlafzimmerschrank zu verstauen. Meine Frau räumt die Weihnachtsdekoration im Flur weg, ich schmücke den Baum ab. Das ist eine sehr deprimierende Angelegenheit. Vor gut drei Wochen haben wir den Baum noch alle zusammen geschmückt, die Tochter schaute per Video-Call zu. Dabei tranken wir Sekt, aßen Plätzchen und freuten uns auf das bevorstehende Weihnachtsfest mit der Familie und über die Aussicht auf ein paar freie, entspannte Tage.

Jetzt dagegen takle ich den Baum allein ab und der zuckerfrei Dryjanuary verbietet es, die Laune durch alkoholische Getränke und Süßigkeiten anzuheben. Doof. Vorfreude auf irgendein Fest gibt es auch nicht und wir haben lediglich die Aussicht auf ein paar arbeitsame Wochen, die wahrscheinlich auch noch grau und verregnet sein werden. Noch doofer.


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Eine kleine Wochenschau | KW02-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


09. Januar 2023, Berlin

Heute ist Nationaler-räume-deinen-Schreibtisch-auf-Tag. Gerne würde ich diesen Tag begehen, aber es ist mir nicht möglich. Mein Schreibtisch ist bereits in tadellos aufgeräumtem Zustand. Das liegt nicht daran, dass ich ein so ordentlicher Mensch bin, sondern ich habe seit circa drei Wochen keinen Zugang zu ihm. Die Tochter schläft während ihres Besuchs bei uns auf der Schlafcouch im Arbeitszimmer und verbringt auch den größten Teil des Tages auf diesem Sofa und in besagtem Arbeitszimmer.

Daher muss ich zurzeit an unserem Esstisch im Wohnzimmer arbeiten. Der könnte allerdings mal aufgeräumt werden. Ich verzichte trotzdem darauf. Schließlich ist heute nicht der Nationale-räume-deinen-Esstisch-im-Wohnzimmerauf-an-dem-du-arbeiten-musst-weil-deine-Tochter-in-deinem-Arbeitszimmer-schläft-Tag.

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Familien-Tweets und -Tröts der Woche (442)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

https://twitter.com/kirsten_fuchs_/status/1612176646177538049
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Eine kleine Wochenschau | KW01-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


02. Januar 2023, Friedrichshafen/Berlin

Wir sitzen im Zug auf der Heimfahrt von Friedrichshafen. Dort waren wir bei unseren Freunden, mit denen wir seit über 25 Jahren gemeinsam Silvester feiern. Die Orte, an denen wir vorbeifahren, klingen als habe sie jemand für ein Kinderbuch erfunden. Löwental, Liebenau, Grünkraut, Blaukraut, Gelbkraut, Aulendorf, Warthausen, Schnürpflingen, Wrestlingen, Kitzlingen, Pfuhl, Asselfingen, Schneckingen, Bubesheim, Rettenbach, Dinkelscherben, Kutzenhausen, Diedorf, Derdorf, Dasdorf. (Okay, einige der Orte habe ich selbst erfunden. Aber wenn du über sieben Stunden im Zug sitzt, musst du irgendwie die Zeit rumbekommen.)

Wenn ich es mir recht überlege – und dazu habe ich ja Zeit –, hören sich viele Berliner Ortsteile ebenfalls so an, als seien sie ausgedacht. Für eine mittelmäßig gute, aber kommerziell erfolgreiche Fantasy-Jugendromanreihe. Friedenau (hügelige Wiesenlandschaft, in der sich friedfertige hobbitähnliche Wesen angesiedelt haben), Rummelsburg (Heimstätte eines vergnügungssüchtigen Adelsgeschlechts, das irgendwann das Riesenrad erfindet), Waidmannslust (Rückzugsgebiet liebestrunkener Jäger), Gesundbrunnen (Wirkungsort einiger Druiden, die über heilende Kräfte verfügen), Plänterwald (zu meidendes Gebiet, in dem böse Hexen ihr Unwesen treiben), Marzahn (Berg, auf dem Drachen leben) oder Blankenburg (Festung von Rittern mit schimmernder Rüstung, bei denen das Hinterteil ausgespart ist; pflegen freundschaftliche Bande mit den Jägern aus Waidmannslust).

Vielleicht sollte ich die restliche Zugfahrt nutzen, um den Plot für die Fantasyreihe zu entwerfen und die Hauptcharaktere zu skizzieren. Das wird wahrscheinlich nur mittelmäßig gut, aber mit etwas viel Glück kommerziell erfolgreich.

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Eine kleine Wochenschau | KW01-2023 (Teil 2)

Teil 1


05. Januar 2023, Berlin

Auf meiner morgendlichen Laufrunde komme ich an einer Kneipe vorbei. Im Fenster steht eine schwarze Tafel, auf der in weißer Schrift steht: „Montag, 19 Uhr: Mediterraner Tanz.“

Mediterraner Tanz. Was soll das sein? Tanzen die da Sirtaki und schmeißen Teller auf den Boden? Oder Flamenco und klappern mit Kastagnetten? Wobei ich mir nicht sicher bin, ob Flamenco überhaupt in der Mittelmeerregion getanzt wird. Wenn ich mich richtig erinnere, gehört der Flamenco zum katalanischen Brauchtum. Aber liegt Katalonien am Mittelmeer? Oder heißt das Meer dort noch irgendwie anders?

Man weiß es nicht. Und mit „man weiß es nicht“, meine ich „ich weiß es nicht“. (Hoffentlich gibt es nie eine Trivial-Pursuit-Edition „Die sieben Weltmeere und ihre Anrainerregionen“.) Ich könnte das nachher mal googeln, aber dazu fehlt mir die Energie. Das Jahr ist noch nicht einmal eine Woche alt und da will ich nicht direkt mit aufwändigen Geographie-Recherchen einsteigen. Somit wird es für immer ein Geheimnis für mich bleiben, was da montagabends in der Kneipe stattfindet.

Oder ich gehe nächste Woche einfach mal hin. Vielleicht aber auch nicht. Denn ich habe nur wenig Lust, meinen Montagabend damit zu verbringen, rhythmisch unterbegabten aber gleichzeitig tänzerisch übermotivierten Berliner*innen dabei zuzusehen, wie sie die mediterrane Tanzkultur demütigen, indem sie sich am Sirtaki – oder am Flamenco – vergehen. Noch weniger Lust hätte ich nur, dabei selbst mitzumachen.

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Der Sohn hat heute Zeugnistag. Seine Noten fallen insgesamt sehr erfreulich aus. Allerdings zeichnen sich seine Fächer durch eine strikte Zwei-Klassen-Gesellschaft aus. In den Kursen, die er ins Abi einbringen muss, hat er zweistellige Punktzahlen. Außer 8 Punkte in Mathe, was aber im Vergleich zu seinen Mathenoten in den letzten Jahren als zweistellig gelten kann, und 7 Punkte in Chemie, was jedoch immer noch drei Punkte mehr sind, als ich als letzte Chemie-Note hatte.

In allen Fächern, die er nicht einbringen muss, bewegen sich die Punkte im unteren Mittelfeld. Zum Beispiel in Politikwissenschaften und Geographie. Im Sinne der Allgemeinbildung ist das vielleicht bedenklich, aus Effizienzgesichtspunkten allerdings nachvollziehbar.

Ich glaube, der Sohn strengt sich in der Oberstufe so an, weil er das beste Abi in der Familie machen möchte. Bis jetzt habe ich das inne. Mit 2,2. Was natürlich keine unüberwindbare Hürde ist.

Als guter Vater unterstütze ich selbstverständlich den schulischen Ehrgeiz des Sohns. Gleichzeitig werde ich meinen Platz auf dem familiären Abi-Thron mit allen Mitteln verteidigen. Mit einer Mischung aus psychologischer Kriegsführung und Trash-Talk („Denk‘ daran, dass du noch drei weitere Mathekurse einbringen musst.“) sowie einigen Ablenkungsmanövern („Geh’ doch auch mal unter der Woche mit denen Freunden feiern. Ist doch egal, ob du morgen Englisch schreibst.“) und Verbotsandrohungen („Wenn du nicht mindestens fünf Stunden am Tag zockst, werden wir deinen Computer einkassieren.“) Falls alle Stricke reißen, kann ich vor den Abi-Prüfungen immer noch ein, zwei Lehrer*innen von ihm bestechen.

Sollte mein Plan aufgehen, wäre das quasi eine Win-win-Situation für den Sohn und mich. Ich hätte weiterhin das beste Abi in der Familie und der Sohn hätte gelernt, dass im Leben mit harten Bandagen gekämpft wird. (Darüber kann er während seiner Wartesemester nachdenken, die er einlegen muss, weil er wegen seines schlechten Abis keinen Studienplatz bekommt.)

06. Januar 2023, Berlin

Bei meinem heutigen Lauf klärt sich die Tanz-Geschichte auf. Es handelt sich gar nicht um mediterranen, sondern um meditativen Tanz. (Ich sollte vielleicht mal wieder zum Augenarzt gehen.) Das Ganze findet auch nicht in einer Kneipe, sondern in einem esoterisch angehauchten Laden für Heilkunde statt. (Of course it does!)

Da möchte ich aber auch nicht hingehen und mir anschauen, wie sich rhythmisch unterbegabte und leicht verstrahlte Berliner*innen in Trance tanzen. Und dabei mitmachen, möchte ich genau so wenig wie bei dem mediterranen Tanz, den ich mir nur eingebildet habe.

7. Januar 2023, Berlin

Die Tochter wäre heute eigentlich zurück nach Irland geflogen. Wenn sie nicht krank wäre. Mit einer rechtsseitigen eitrigen Mandelentzündung. Das Gute daran: Wir müssen nicht um 2 Uhr morgens aufstehen, um die Tochter zum Flughafen zu begleiten, wo ihr Flug nach Dublin um 6.10 Uhr startet. (Zugegebenermaßen fällt einem eine solch positive Sichtweise erheblich leichter, wenn nicht du es bist, dessen rechte Mandel entzündet ist.)

So ist die Tochter noch ein paar Tage länger bei uns und das ist ja auch schön. Abgesehen von der Eitermandel. Die ist nicht so schön. Aber ich schätze, es ist immer noch besser, bei den Eltern krank zu sein, die dich mit Tee, Saft und Suppe versorgen, als alleine in einem Zimmer in Carlow, wo du dich selbst um deine Verpflegung kümmern musst.

Die Tochter hat sich trotzdem schon um einen neuen Flug gekümmert. Ganz kostenbewusst hat sie den absolut günstigsten Flug gebucht. Für 21 Euro. Nächsten Samstag um 6.10 Uhr. Das heißt, wir müssen doch noch um 2 Uhr morgens aufstehen, um sie zum Flughafen zu begleiten. Vielleicht bin ich ja bis dahin krank.

08. Januar 2023, Berlin

Auf unserem Sonntagsspaziergang entdecke ich an einem Laternenpfahl einen Aushang. Auf diesem bietet eine mittelalte, blonde Frau namens Simone Zücker ein „GOLDENES TICKET FÜR DEIN GROSSARTIGSTES DU“ an. Besonders ansprechend finde ich das nicht. Bei mir erwecken die Großbuchstaben den Eindruck, Simone Zücker schreit mir ins Gesicht. Das möchte ich nicht. Außerdem erinnert mich das Goldene Ticket an Willi Wonkas Schokoladenfabrik und den Film fand ich super gruselig. Schließlich bin ich mir nicht sicher, ob das Adjektiv großartig überhaupt gesteigert werden kann. Oder sollte. Wenn du schon großartig bist, warum solltest du dann noch großartiger werden? Oder sogar großartigst?

Auf dem Flyer deutet Frau Zücker an, sie könne dabei helfen, meine geheimen Wünsche und Träume wahr werden zu lassen. Das bezweifle ich aber sehr. Außer sie ist im Besitz eines Rezepts für kalorienfreien, aber trotzdem leckeren Käsekuchen.

Frau Zücker führt gibt verschiedene Access-Kurse, die wahrscheinlich bei dieser Träume-und-Wünsche-Sache und dem großartigsten Du helfen sollen. Zum Beispiel die Access Foundation. Da werden Menschen in einem viertägigen Workshop ermächtigt, „zu wissen, dass und was sie wissen“. Ich höre Sokrates förmlich, wie er sich im Grab gerade fragt: „What?“

Bei dem zweiteiligen Kurs Access Körperprozesse erlernen die Teilnehmer*innen angeblich zwei Körperprozesse:

  1. Wir laden dein Superleben ein.
  2. Mutation der Verkörperung

Letzteres lässt mich rätseln, ob der Kurs in einem Abklingbecken eines Atomkraftwerks stattfindet. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Flyer Teil eines dadaistischen Kunstprojekts ist oder mithilfe einer künstlichen Intelligenz übersetzt wurde, die jemand programmiert hat, der der deutschen Sprache nicht mächtig ist.

Prinzipiell finde ich es gut, an sich zu arbeiten, sich Ziele zu setzen und sich Sachen vorzunehmen. Für das neue Jahr muss ich mir auch noch ein paar gute Vorsätze überlegen. Einen habe ich nach dem Lesen des Aushangs aber schon: Ich werde 2023 zückerfrei bleiben.


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