Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
23. Oktober 2023, Berlin
Seit gestern verspüre ich einen leichten Muskelkater. Im Gesäß. Wahrscheinlich vom Kegeln am Samstagabend. Ich habe dieses Jahr zweiMarathons absolviert, laufe 250 bis 300 Kilometer pro Monat und mache drei- bis viermal die Woche Krafttraining. Und dann bekomme ich Arschmuskelkater von zwei Stunden Kegeln?
Was will mir mein Körper damit sagen? Dass ich ein Weichei bin? Oder dass ich meine Gesäßmuskulatur mehr trainiere? Vielleicht sollte ich häufiger kegeln gehe.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Der Sohn räumt sein Zimmer auf. Freiwillig und ohne Aufforderung. Sogar mit Saugen und Müll unterbringen. Was ist da los? Hat er ein Date? Eine naheliegende Vermutung, aber das ist es nicht.
Vielleicht will er etwas von uns. Einen nicht rückzahlbaren Taschengeldvorschuss oder so. Aber warum sollten wir ihm Geld dafür geben, dass er bei sich aufräumt? Ist ja sein Zimmer. Würde er das Bad und die Küche putzen, wäre das etwas anderes.
Das ist selbstverständlich nur ein Spaß. Taschengeld ist bei uns an keine Bedingungen geknüpft und die Kinder werden für Haushaltstätigkeiten nicht entlohnt. Jede*r muss seinen Teil übernehmen, um unsere familiäre Wohngemeinschaft einigermaßen am Laufen zu halten. Ich werde schließlich auch nicht dafür bezahlt, dass ich mehrmals die Woche einkaufen gehe. Was eigentlich schade ist. Von dem Geld könnte ich die Einkäufe bezahlen.
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Ich stoße im Internet auf einen Artikel, der erklärt, wie ein Geschirrspüler eingeräumt werden sollte. Oben Gläser, Becher und kleine Schalen, unten Teller und Töpfe, alles nicht zu eng beieinander, damit überall Wasser hinkommt, und Messer im Besteckkasten immer mit dem Griff nach oben einsortieren, damit du beim Ausräumen nicht in die Klinge packst. Es gibt sogar ein Video und eine interaktive Grafik dazu. Während ich das lese, frage ich mich, wie lebensuntüchtig du sein musst, dass du einen Artikel brauchst, der dir erklärt, wie du eine Spülmaschine bestücken musst.
Nachmittags öffne ich unseren Geschirrspüler, den der Sohn größtenteils eingeräumt hat. Vielleicht sollte ich ihm mal das Video schicken.
27. Oktober 2023, Berlin
Wir sind mit S. und R. verabredet, den Eltern eines Schulfreundes des Sohns. Wir haben die beiden zu uns zum Abendessen und Gin Tasting eingeladen. Das klingt so schrecklich erwachsen. (Und leicht elitär.). „Zum Abendessen und Gin Tasting einladen.“
Gut, meine Frau und ich sind 48, S. und R. noch etwas älter. Da ist es schon angemessen, Erwachsenendinge zu machen. Es wäre doch befremdlich, wenn unsere Eltern ein Playdate für uns ausgemacht hätten, damit wir uns zum Playmobil oder Lego spielen treffen können.
Meine Frau hat gestern Abend einen riesigen Topf Chili gekocht. Heute Vormittag ruft S. an. R. ist krank geworden und sie müssen absagen. Das ist sehr schade. Dafür müssen wir uns aber in den nächsten drei Tagen keine Gedanken über unser Abendessen machen.
Das ist auch schrecklich erwachsen: Sich darüber freuen, dass du dir keine Gedanken übers Abendessen machen musst.
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Letzte Woche habe ich mir bei Tchibo lange Laufshirts bestellt, um für die kühlere Jahreszeit gewappnet zu sein. Heute muss ich das Paket bei der Post abholen. Das ist nervig, denn ich war zuhause, als der DHL- Fahrer angeblich versucht hat, das Päckchen zuzustellen.
Noch nerviger ist, dass er die Lieferung in eine Postfiliale in der Otto-Suhr-Allee gebracht hat. Das ist circa drei Kilometer entfernt von uns. Dabei gibt es in unserer Gegend in einem Umkreis von 500 Metern 138 Paketannahmestellen – konservativ geschätzt –, die ich bequem fußläufig innerhalb von fünf Minuten erreichen könnte.
Einen Zettel hatte ich auch nicht im Briefkasten, sondern ich bekam eine Mail, die mich auf die Sendungsverfolgungs-Website verwies. Dort musste ich mit einiger Mühe und einigen Klicks herausfinden, wo ich mein Paket abzuholen habe.
Leicht missmutig radle ich bei leichtem Nieselregen – natürlich – zur Otto-Suhr-Allee. Als ich bei der angegebenen Adresse ankomme, sehe ich, dass es sich um einen dieser Hybrid-Läden handelt. Eine Mischung aus voll ausgestatteter und gebrandeter Postfiliale und Kiosk, in dem du Zeitschriften, Süßigkeiten, Zigaretten, Vape-Zubehör, hochprozentige Alkoholika und als saisonales Angebot gruselige Halloween-Masken kaufen kannst.
Ich gehe zum Schalter und erkläre dem Post-Mitarbeiter/Kiosk-Betreiber, ein Paket von mir lagere hier, ich hätte aber keinen Abholschein, sondern nur eine Mail. Diese halte ich ihm vors Gesicht und fuchtle gleichzeitig mit meinem Ausweis rum, damit er sieht, dass ich ich bin und mir das Paket nicht unrechtmäßig aneignen will.
Der Mann tippt etwas in ein Handheld, schaut, scrollt, schaut, scrollt, tippt nochmal, scrollt, schaut. Dann schüttelt er den Kopf. „Hier ist nichts.“ Ich schlage vor, er könne vielleicht trotzdem mal im Lager schauen, ob das Paket eventuell doch da ist.
Er ignoriert meinen Vorschlag erstmal und tippt meine Sendungsnummer in den Computer ein. Dann studiert er das Kleingedruckte auf dem Monitor. Schließlich sagt er, dort stünde, die Sendung würde zur Filiale geliefert, aber nicht, dass sie dort angekommen sei. Ich gebe zu bedenken, dass sei fast eine Woche her und ich könne mir nicht vorstellen, dass der DHL-Fahrer seit Tagen durch Berlin irrt, weil er die Filiale nicht findet.
Ich weiß nicht, ob den Mann das überzeugt, aber er erklärt sich zumindest bereit, doch mal im Hinterzimmer nach meinem Paket zu suchen. Nach weniger als einer Minute kommt er mit einem Tchibo-Karton zurück. Er gleicht die Empfängeradresse mit meinem Perso ab. Dann schaut er genervt in sein Handheld.
Er müsse jeden Tag zwei Stunden länger bleiben, um die Pakete alle einzuscannen und dann würde das Scheißding sie nicht registrieren, schimpft er. Das sei ja doof, erwidere ich, weil mir nichts Besseres einfällt.
„Zwei Stunden, jeden Abend“, wiederholt er. „Für nichts.“ Außerdem brauche er mehr als 40 Minuten bis nach Hause. Ich bin kurz davor, mich bei ihm für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, die ich ihm bereitet habe.
Nachdem ich die drei Kilometer zurückgeradelt bin, stelle ich beim Anprobieren fest, dass mir die Shirts zu groß sind. Ich muss sie alle zurückschicken. Schönen dank auch.
28. Oktober 2023, Berlin
Der Sohn, meine Frau und ich gehen brunchen. In die Markthalle, eine Querstraße weiter. Von 10 bis 14 Uhr. Wir essen Waffeln, Schnitzel Wiener Art, Laugenbrötchen, Weizenbrötchen, Vollkornbrot, Croissant, Kirschmarmelade, Nutella, diverse Käsesorten, etwas Obst, veganes Schnitzel, Pulled Pork Burger, Süßkartoffelpommes, Chicken Wings, Pokebowls mit Lachs, Lasagne, Käsekuchen, Mohnkuchen, Rhabarberkuchen, Tiramisu, Schoko Mousse, Crème Brûlée und noch mal Waffeln.
Dazu trinken wir Kaffee und O-Saft sowie einige Gläser Prosecco, die der zuvorkommende Prosecco-Butler immer wieder auffüllt. Was für ein toller Job. Quasi ein sozialer Beruf, denn er kümmert sich ja um Menschen und ihre Bedürfnisse.
Auf dem Hinweg hatte meine Frau gesagt: „Ich habe extra die weite Hose mit dem elastischen Bund angezogen.“ Schön, wenn du mit Profis zusammenarbeitest.
29. Oktober 2023, Berlin
Ich habe seit dem Aufstehen einen Ohrwurm. „Secret Love“ von den Bee Gees. Keine Ahnung warum. Was will mir mein Unterbewusstsein damit sagen? Warum Bee Gees, warum „Secret Love“? Fällt das schon unter Midlife-Crisis?
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
16. Oktober 2023, Berlin
Halb sieben. Der Sohn kommt aus seinem Zimmer. Ungewöhnlich früh für ihn. Er erklärt, er habe sich vorgenommen, künftig eine halbe Stunde früher aufzustehen, um mehr Zeit zu haben, richtig wach zu werden. Dann sei er fitter, wenn er in der Schule ankommt. Ungewöhnlich vernünftig von ihm. Vielleicht ist das dieses Erwachsenwerden. Oder Aliens haben ihn entführt und ausgetauscht.
Eine Minute nachdem der Sohn das Haus verlassen hat, geht die Wohnungstür wieder auf. Gerade bekam er die Nachricht aufs Handy, dass die ersten beiden Stunden ausfallen. Die dritte und vierte hat er ohnehin frei. Wäre er erst um 10.30 Uhr aufgestanden, hätte er immer noch genügend Zeit zum Wachwerden gehabt. Er wurde also um vier Stunden Schlaf gebracht. Für einen Jugendlichen fällt das unter grobe Menschenrechtsverletzung.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Eigentlich bin ich kein großer Fan von Fernbusreisen und fahre lieber Bahn. Das hätte uns trotz Bahncard 50 aber 200 Euro gekostet, die Bus-Tickets gibt es dagegen für knapp 100 Euro. Da ich auch kein großer Fan von zu viel Geld ausgeben bin, nehme ich in Kauf, mich für dreieinhalb Stunden in einen engen Sitz zu quetschen und keinerlei Bewegungsfreiheit zu haben.
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Im Eingangsbereich des ZOB steht eine Gruppe von circa zehn jungen Männern. Sie pfeifen sich gerade ein paar Energy Drinks rein und sind etwas laut. Und etwas prollig. Ich hoffe, sie fahren nicht nach Hamburg.
Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. In meinem Fall allerdings zu vorletzt, denn zuletzt steigen die Männer in unseren Bus ein. Wir und die anderen Fahrgäste sind mäßig begeistert.
Pünktlich um 15.30 Uhr geht es los. Es geht zügig durch die Straßen Berlins. Kein Feierabendverkehr und kein Ferienbeginn-Stau halten uns auf. Vielleicht ist Fernbus-Reisen doch nicht so schlimm.
Ein Urteil, das ich knapp zehn Minuten später revidiere. Da kippt ein Fahrgast aus seinem Sitz. Weil direkt daneben die Treppe ist, fällt er diese runter und schlägt sich die Stirn auf. Der Mann gehört nicht zu der Junge-Männer-Truppe. Diese kümmert sich geradezu rührend um ihn. Einer von ihnen hilft ihm auf, ein anderer verarztet ihn mit Pflastern.
Der Bus bleibt erstmal stehen. Aus uns unbekannten Gründen hat der Fahrer die Polizei gerufen. Vielleicht wegen der Versicherung. Gut 20 Minuten später, erscheinen fünf Polizist*innen. Eine etwas überdimensionierte Personalstärke, wie ich finde, aber sie sind alle freundlich, reden kurz mit dem Mann und dann darf er wieder einsteigen.
Endlich geht die Fahrt weiter. Für fünf Minuten. Der Mann steht oben im Gang, macht sich ein Bier auf und will sich nicht hinsetzen. Die jungen Männer erklären ihm freundlich, das ginge nicht, sonst würde er wieder stürzen. Er ist uneinsichtig, die Diskussion wird hitziger, Bier schwappt über ein 12-jähriges Mädchen, es kommt zu einer Rangelei.
Der Busfahrer hält an und der renitente Fahrgast wird aufgefordert, den Bus zu verlassen. Er weigert sich, wird laut und handgreiflich. Mit Einverständnis des Fahrers setzten die jungen Männer ihn vor die Tür.
Er versucht jedoch immer wieder einzusteigen, bis es dem Busfahrer zu bunt wird. Der ist circa 1,95 groß und 150 Kilo schwer. Er packt den Mann am Kragen, schüttelt ihn durch und schubst ihn weg. Es dauert dann immer noch rund zehn Minuten, bis sich der Typ verzieht.
Wir sitzen seit rund einer Stunde im Bus und haben rund drei Kilometer zurückgelegt. Die Fahrt wird fortgesetzt. Für drei Minuten. Dann stehen wir im Stau. Ob wegen einer Baustelle, einer Klebeaktion der Letzten Generation oder weil der Feierabend- und Ferienbeginn-Verkehr doch noch zugeschlagen, ist unklar. Auf jeden Fall geht es nur im Stopp-and-Go-Schneckentempo voran. Wir brauchen so lange, bis wir die Stadtgrenze von Berlin überqueren und auf die Autobahn gelangen, dass ich befürchte, der Busfahrer hat gleich seine erlaubte Maximalfahrzeit erreicht und muss erstmal seine gesetzlich vorgeschriebene Pause einlegen.
Den Rest der Fahrt passiert glücklicherweise nichts mehr. Wir kommen kurz vor 21 Uhr am ZOB in Hamburg an.
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Die Tochter hatte ebenfalls eine ereignisreiche Anreise. Sie flog mit ihren beiden Onkeln von Frankfurt nach Hamburg. Der Flug war ganz okay, aber der Landeanflug ziemlich wackelig. Wegen des Sturmtiefs Wolfgang. Der Pilot meinte später, die Windstärke sei an der Grenze dessen gewesen, was gesetzlich noch erlaubt ist, um überhaupt zu landen. Da möchte ich mir nicht vorstellen, wie unruhig die Landung war. Möglicherweise hatten wir es mit unserem randalierenden Fahrgast gar nicht so schlecht erwischt.
21. Oktober 2023, Hamburg
Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, heute Morgen im Stadtpark laufen zu gehen. Die Worte Sekt, Weißwein und Aperol Spritz sollten ausreichen, um zu verstehen, warum ich mein Vorhaben nicht in die Tat umsetze.
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Nachdem wir uns aufgrund des schlechte Wetters – in Hamburg auch bekannt unter der Bezeichnung Wetter – den ganzen Tag in der Wohnung aufgehalten haben, gehen wir abends kegeln. Für die U20-Fraktion der Familie eine Premiere.
Anscheinend auch für C., den 35-jährigen Mann meines Schwagers. Also mein Schwippschwager, um hier mal ein Wort einzubringen, das sich anhört, als hätte Didi Hallervorden es erfunden. (Was eigentlich ein Grund ist, es nicht zu verwenden.)
C. schrieb vor ein paar Tagen in unsere WhatsApp-Gruppe „Die krummbucklige Sippe“, er hätte ein Kegel-Video angeschaut und das sähe viel schwieriger als Bowling aus. Dann fragte er, ob wir das schon mal gemacht hätten. Ich antwortete, wir hätten früher auf Kindergeburtstagen häufig gekegelt. Seine Antwort: „Das ist ja recht lang her…“ Keine Ahnung, was er damit meint.
Es war in meiner Kindheit tatsächlich eine sozial akzeptierte Kindergeburtstag-Aktivität, mit einer Gruppe von Grundschüler*innen in die Kneipe zu gehen und im Keller zu kegeln. Dabei tranken wir Limo – selbstverständlich mit Zucker und Inhaltsstoffen, die heute als gesundheitsgefährdend verboten sind – und die Eltern des Geburtstagskindes genehmigten sich das ein oder andere Bierchen.
Wenn der Wirt eine neue Runde Getränke brachte, wehte aus dem Schankraum immer eine Wolke Zigarettenqualm nach unten. Als Höhepunkt der Feierlichkeiten gab es zum Abendessen meistens Schnitzel mit fettigen, salzigen Pommes. Wahrscheinlich hat uns das alles nicht nachhaltig geschadet, aber ich denke, es gibt trotzdem gute Gründe, warum Kindergeburtstage heutzutage anders gefeiert werden.
Um meiner Chronistenpflicht zu genügen, sei festgehalten, dass im Duell „Jung“ gegen „Alt“ die Kegel-Novizen gewinnen. Der Sohn wirft insgesamt viermal alle Neune, was ich persönlich nicht so erwähnenswert finde, aber er legt Wert darauf, dass dies hier verkündet und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht wird.
22. Oktober 2023, Hamburg/Berlin
Rückfahrt nach Berlin. Heute nicht mit dem FlixBus, sondern seinem Bruder, dem FlixTrain. Die Reise fällt ereignislos aus. Keine Betrunkenen, keine Rangeleien, keine Verspätungen. Aber nur bis Paulinenaue. Eine brandenburgische Gemeinde, die sich anhört wie eine bayerische Biermarke und rund 50 Kilometer nordwestlich von Berlin liegt.
Dort kommt der Zug außerplanmäßig zum Stehen. Der Schaffner erklärt, sie hätten etwas entdeckt und das müssten sie nun überprüfen. Klingt nicht besonders vertrauenswürdig. Rund 30 Minuten später die nächste Durchsage. Es liege tatsächlich ein technischer Defekt vor, aber wir könnten unsere Fahrt erstmal bis Nauen fortsetzen. Allerdings mit maximal 160 km/h. Auch das klingt nur mittelmäßig vertrauenswürdig.
In Nauen wird vorgeschlagen, auf Züge der Deutschen Bahn umzusteigen, da ungewiss sei, wann die Fahrt fortgesetzt werden kann. Wir nehmen den nächsten Zug Richtung Berlin. Der steht fünfzehn Minuten einfach rum, in der Ferne sehen wir, wie der FlixTrain wieder losfährt.
Kurz nach vier sind wir zuhause. Circa 75 Minuten später als geplant. Vielleicht gehen wir das nächste Mal einfach zu Fuß.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
In meiner Inbox landet eine Mail, von meinem Paypal-Konto sei ein Betrag abgebucht worden. 74,95 Euro. Das Unternehmen, das die Summe erhalten hat, sagt mir nichts. Sofort denke ich, dass ich einem Online-Betrug aufgesessen bin und mein sämtliches Erspartes verlieren werde.
Bei einer kurzen Google-Recherche finde ich heraus, dass es sich bei dem Empfänger um das Unternehmen handelt, das Opodo betreibt. Die 74,95 Euro sind für die Verlängerung meiner Prime-Mitgliedschaft. Ich kann mich sogar erinnern, sie abgeschlossen zu haben. Das war letztes Jahr, als ich mit der Tochter nach Irland flog. Durch die Prime-Mitgliedschaft sicherte ich mir einen 30-Euro-Rabatt.
Ein richtig gutes Schnäppchen, denn ich kündigte die Mitgliedschaft innerhalb des kostenlosen 30-tägigen-Probezeitraums. Anscheinend aber doch nicht. Nun habe ich 150 Euro für eine Ermäßigung von 30 Euro bezahlt. Ein Deal, der auf der Liste der schlechtesten Deals aller Zeiten zweifellos einen der vorderen drei Plätze belegt. Insbesondere weil ich seitdem keinen weiteren Flug über Opodo gebucht habe.
Um nicht noch mehr Geld zu verschenken, recherchiere ich, wie ich die Mitgliedschaft kündigen kann. Das geht ganz einfach. Behauptet zumindest die Autorin eines Blog-Beitrags auf der Opodo-Webseite. Du musst dich lediglich in deinem Konto einloggen, dann in den Prime Account Abschnitt gehen und dort auf den gut sichtbaren Kündigungs-Link klicken
Schritt 1 und 2 funktionieren vollkommen reibungslos, Schritt 3 dagegen nicht. Es gibt keinen Kündigungs-Link. Nach etwas Suchen stoße ich auf einen Hinweis, dass es für die Kündigung zwei Möglichkeit gibt: entweder mit einem Mitarbeitenden chatten oder eine Hotline anrufen. Wie jeder normale Mensch, vermeide ich den direkten sozialen Kontakt und entscheide mich für die Chat-Option.
Es stellt sich heraus, dass du doch nicht mit einem Mitarbeitenden chattest, sondern mit einem ChatBot. Dieser stellt sich als Kris vor. (Vielleicht tue ich ChatBot Kris unrecht und er ist doch ein regulärer Opodo-Mitarbeitender. Sollte das der Fall sein, möchte ich Kris in aller Form um Entschuldigung bitten.)
Kris fragt mich zu Beginn: „Wie kann ich dir helfen?“ Ich bin etwas irritiert. Warum duzt Kris mich? Wir sind hier schließlich nicht in der Kneipe und auch nicht bei IKEA. Und Schweine haben wir auch noch nicht zusammen gehütet. Nur weil wir fast den gleichen Namen haben, ist das noch kein Grund, vertraulich zu werden.
Ich verzichte dennoch darauf, ihn zu maßregeln, sondern tippe ins Kommentarfeld, dass ich meine Prime- Mitgliedschaft kündigen möchte. Kris erwidert, dass er mir dabei gerne hilft. Das halte ich für etwas überenthusiastisch, wenn nicht gar für gelogen. Er schlägt mir vor, ich solle mich in mein Konto einloggen und dann im Prime-Bereich auf den Kündigungs-Link klicken. Schönen Dank, Kris.
Ich schreibe, dass das nicht funktioniert, weil es keinen Kündigungs-Link gäbe. Kris antwortet, es täte ihm leid, dass er mir nicht helfen könne. Schleimer.
Nun schreibe ich, er möge mir bitte eine Mail-Adresse nennen, an die ich meine Kündigung schicken könne. Kris sagt, er verstehe die Frage nicht. Come on, Kris. Wirklich? So schwierig ist die Frage nicht. Schließlich will ich nicht wissen, was die Heisenbergsche Unschärferelation besagt, sondern nur eine Kontaktadresse für meine Kündigung haben.
Ich bin kurz davor, „Fuck you, Kris, und danke für nichts!“ ins Kommentarfeld zu tippen, lasse es aber bleiben. Kris kann schließlich nichts dafür, dass er ein schlecht programmierter ChatBot ist.
Stattdessen muss ich nun doch bei der Hotline anrufen. Dort erklärt mir als erstes eine barsche, abgehackte Computerstimme, falls ich Informationen zu Flugplänen und Opodo-Angeboten suchen würde, solle ich auf die Webseite gehen, die Mitarbeiter im Call-Center hätten auch keine anderen Informationen. Okay?
Anschließend klärt mich eine freundlichere Computerstimme auf, für welches Anliegen ich welche Taste auf dem Telefon drücken muss. Ich entscheide mich für die 3: Fragen zu Ihrer Prime-Mitgliedschaft.
Nun blafft mich die unfreundliche Computerstimme wieder an. Alle Informationen gäbe es auch auf der Webseite. Am liebsten würde sie wahrscheinlich sagen: „Bist du dumm oder warum rufst du hier an? Trottel.“
Ich bleibe stoisch in der Leitung, bis mich die nette Computerstimme auffordert, die 11-stellige Buchungsnummer einzugeben, die ich beim Abschluss der Prime-Mitgliedschaft erhalten hatte. Glücklicherweise finde ich diese noch in meinen Mails und nachdem ich sie ins Telefon getippt habe, verkündet die Stimme, dass ich gleich mit einem Mitarbeitenden verbunden würde. Hoffentlich nicht mit Kris.
Nachdem ich eine geschlagene Viertelstunde mit ChatBots und Computern kommuniziert habe, stellt sich nun tatsächlich ein leibhaftiger Mensch vor. Leider verstehe ich seinen Namen nicht, denn er spricht zwar perfektes Deutsch, aber mit einem sehr starken osteuropäischen Akzent. Wahrscheinlich sitzt er in einem Call-Center in Prag oder Bratislava.
Der Mann fragt, wie er mir helfen könne. Ich erkläre, dass ich meine Prime-Mitgliedschaft kündigen möchte. Daraufhin fragt er: „Sie möchten Ihre Prime-Mitgliedschaft kündigen?“ Ich bin etwas verwirrt. Genau das habe ich doch gesagt? Und in meinen Augen in unmissverständlichen Worten. Da kann es eigentlich keinen Zweifel geben, ob das wirklich mein Anliegen ist.
Trotzdem bejahe ich seine Frage. Zur Sicherheit wiederhole ich noch einmal, dass ich meine Prime-Mitgliedschaft kündigen möchte. Daraufhin fragt er mich freundlich: „Wissen Sie denn, dass Sie nur mit einer Prime-Mitgliedschaft, die besten Rabatte und Angebote be…“ Ja, das wüsste ich, unterbreche ich ihn, aber ich wolle trotzdem meine Prime-Mitgliedschaft kündigen.
Nun sagt er: „Darf ich Sie fragen, warum Sie Ihre Prime- Mitgliedschaft kündigen möchten?“ Nein, dürfe er nicht, antworte ich, wobei ich inzwischen eine gewisse Gereiztheit in meiner Stimme nicht verleugnen kann. Ich wolle einfach die Prime-Mitgliedschaft kündigen und mich nicht für die Gründe dafür rechtfertigen.
Ich bin mir durchaus bewusst, dass das nicht übermäßig nett ist und dass der Mann nur seinen Job macht, für den er wahrscheinlich nicht besonders gut bezahlt wird. Allerdings halte ich mir zugute, dass ich ihn nicht ankacke, dass Opodo eine elende Bumsbude ist und ich, wenn ich Zeit, Geld und Nerv hätte, den Laden wegen arglistiger Verbrauchertäuschung und Diebstahl meiner Lebenszeit verklagen würde.
Der Mann stellt keine weiteren Fragen und sagt lediglich: „Eine Sekunde bitte.“ und circa dreißig Sekunden später noch einmal: „Eine Sekunde bitte.“ Als eine weitere Minute verstrichen ist, frage ich, ob es irgendein Problem gäbe. Er verneint. Er wolle nur sichergehen, dass die Mail tatsächlich bei mir ankommt.
Nachdem ich ihm bestätigt habe, sie erhalten zu haben, beendet er das Telefonat und wünscht mir noch eine gute Gesundheit. Ich bin mir nicht sicher, ob das eine typische osteuropäische Abschieds-Floskel oder ein Überbleibsel aus der Corona-Pandemie ist. Oder er denkt aufgrund meines passiv-aggressiven Verhaltens, dass ich an einer psychischen Krankheit leide, die hoffentlich geheilt werden kann.
Zwei Stunden später bekomme ich eine weitere Mail von Opodo. Nach meinem letzten Flug hätte ich einen 70-Euro-Voucher erhalten. Um diesen einzulösen, müsse ich lediglich meine Prime-Mitgliedschaft reaktivieren. Beim Lesen frage ich mich, für wie doof Opodo mich eigentlich hält. Bestimmt hat Kris die Mail geschickt.
13. Oktober 2023, Berlin
Der Sohn fährt mit ein paar Freunden nach Hamburg. Auf ein Konzert eines Kreuzberger Rappers, für dessen Auftritt in Berlin sie keine Karten bekommen hatten. Ich weiß nicht, wie der Rapper heißt. Obwohl der Sohn es mir schon mehrfach gesagt hat.
Bin ich ein schlechter Vater, der sich nicht für die Musik seines Kindes interessiert? Ich glaube nicht. Das liegt schlicht an meinem schlechten Namensgedächtnis. Bei einem Großteil seiner Lehrer*innen kann ich auch nicht sagen, wie sie heißen. Was, wenn ich das so lese, ein noch schlechteres Licht auf mich wirft. (Es sind aber einfach zu viele und sie wechseln zu häufig.)
Andererseits weiß der Sohn auch nicht, was ich für Musik höre, und kennt keinen einzigen meiner ehemaligen Lehrer mit Namen. Von daher würde ich sagen, wir sind quitt.
14. Oktober 2023, Berlin
Einer der Mitbewohner der Tochter muss ausziehen. Er hatte mehrfach gegen Hausregeln verstoßen und sich aggressiv verhalten, so dass sich insbesondere die weiblichen Bewohnerinnen in seiner Gegenwart bedroht fühlten.
Der Landlord nahm die Sorgen seiner Mieterinnen ernst und kam sofort vorbei, um gegenüber dem Mitbewohner eine letzte Warnung auszusprechen. Er habe sich an die Regeln zu halten und aggressives Gebaren würde nicht toleriert.
Der junge Mann war wenig einsichtig, baute sich bedrohlich vor dem Landlord auf und herrschte ihn an, er wisse gar nicht, was er mit Aggressionen meine, und was er alter Mann überhaupt von ihm wolle. Er hat nun eine Woche Zeit, sich eine neue Unterkunft zu suchen.
15. Oktober 2023, Berlin
Inzwischen hat meine Frau auch noch Süßigkeiten für die Adventskalender besorgt. Anderthalb Monate vor dem 01. Dezember. Wie soll das gut gehen? Wahrscheinlich gar nicht. Aber egal, die Kinder sind eigentlich sowieso zu alt für Adventskalender. Eine Aussage, die bei der Tochter bei unserem abendlichen Video-Telefonat einen Gesichtsausdruck hervorruft, der gleichzeitig Empörung und Entsetzen zeigte.
Ich erkläre, sie und ihr Bruder könnten uns ja mal einen Adventskalender schenken. So wie mein Bruder und ich damals einen für unsere Eltern gebastelt hätten. Aus 24 Streichholzschachteln, die wir zusammenklebten, mit goldenen Sternen verzierten und mit kleinen Überraschungen befüllten. Unsere Eltern mussten dann jeden Morgen in ekstatische Verzückung ausbrechen, wenn sie aus dem aktuellen Schächtelchen ein zerbrochenes Plätzchen, eine 5-Pfennig-Münze oder irgendwelchen Tand hervorgeholt hatten.
Auf so etwas würden wir seit fast 20 Jahren warten, sage ich zur Tochter. Sie erwiderte, dass sei ja wohl unsere eigene Schuld, dass wir keinen Adventskalender von ihnen bekämen. Anscheinend hätten wir unsere Kinder schlecht erzogen. Damit könnte sie recht haben.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
09. Oktober 2023, Berlin
Meine Frau hat Süßigkeiten für Halloween gekauft. Vier Wochen vor Halloween. Weiß sie denn gar nicht, mit wem sie seit über 25 Jahren zusammen ist?
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
02. Oktober 2023, Berlin
H., unsere Nachbarin über uns, hat zum Geburtstag eingeladen. Familie, Kolleg*innen und Freund*innen. Aus dem Haus ist noch P. aus dem dritten Stock da.
Vor einiger Zeit habe ich in der Wochenschau geschrieben, dass ich, wenn ich die Wohnung verlassen will und höre, jemand kommt die Treppe runter oder hoch, manchmal warte, bis die Person weg ist und dann erst die Tür öffne. Und mit manchmal meine ich immer. Ich dachte stets, das sei ein unnormales Verhalten und liege daran, dass ich eher introvertiert und sozial etwas gestört bin.
Auf der Feier erzählt H., dass sie das auch so handhabt. P. meint, er ebenfalls, schließlich wolle man niemanden im Treppenhaus stören. Es stellt sich heraus, dass keiner aus der Wohnung geht, wenn er oder sie draußen jemanden hört.
Dabei haben wir eine wirklich gute Hausgemeinschaft. Die Nachbar*innen verstehen sich gut, alle sind rücksichtsvoll, es werden Päckchen füreinander angenommen und wir helfen uns gegenseitig mit Mehl, Eiern oder Werkzeug aus. Nur im Treppenhaus wollen wir uns nicht begegnen. Vielleicht sind wir alle sozial etwas gestört.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Heute ist Tag des Lächelns. Ein Gedenktag der in Berlin nur von sehr wenigen Menschen begangen wird.
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Der Fensterputzer war da. Einer der schönsten Tage im Jahr. Zum einen hat G., der Fensterputzer, so eine positive Ausstrahlung. Stets gut gelaunt und erledigt seine Arbeit immer mit Freude und Engagement. Das wirkt geradezu ansteckend. Zum anderen gibt es kaum etwas befriedigenderes als saubere Fenster. Wenn du wieder richtigen Durchblick hast und dich beim Rausschauen nicht fragst, woher der Sepia-Filter kommt.
Die Freude über die sauberen Fenster wird allerdings dadurch etwas eingeschränkt, dass meine Brille schmutzig ist. Das trübt den Durchblick ein wenig. Ich hätte G. bitten sollen, sie auch zu putzen.
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Es klingelt nachmittags. Der DHL-Bote bringt ein großes, schweres Paket. Für mich. Das ist ungewöhnlich. Normalerweise ist meine Frau fürs Online-Shopping zuständig.
Der Absender sagt mir nichts. Vielleicht sind es irgendwelche Werbe-Produkte. Die bekomme ich manchmal von Firmen ungefragt zugeschickt, in der Hoffnung, ich schreibe auf dem Blog darüber. Mache ich aber nicht. Ich werfe die Sachen immer weg. Schließlich möchte ich meine Integrität und Unabhängigkeit wahren. (Vor allem hat mich noch nie etwas davon auch nur ansatzweise interessiert.)
Ich öffne das Paket. Es enthält Müllbeute. Sehr viele Müllbeutel. Mit 60 Liter Fassungsvermögen. Für unseren großen Küchenmülleimer. Die habe ich tatsächlich bestellt. Das war ein Sonderangebot für vier Rollen. Dadurch war der einzelne Beutel ein paar Cent günstiger als beim Kauf von einzelnen Rollen. Das Angebot galt allerdings nur bei einer Mindestabnahme-Menge von sechs Vierer-Päckchen.
Nun liegen auf unserem Küchentisch 24 Müllbeutel-Rollen. Das heißt 240 Müllbeutel. Den großen Eimer nutzen wir nur für Restmüll. Da wir Papier, Plastikabfälle und Biomüll extra sammeln, dauert es circa zwei Monate, bis der 60-Liter-Eimer voll ist. Das heißt, ich muss erst in 40 Jahren wieder neue Müllbeutel kaufen. Vielleicht auch nie wieder.
07. Oktober 2023, Berlin
Heute ist Glücklich-trotz-Glatze-Tag. Noch nicht für mich, Gedenktag-Erfinder, noch nicht für mich.
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Beim morgendlichen Laufen komme ich an der Spree an einem Spielplatz vorbei. Eine junge Mutter schubst gerade ihre circa dreijährige Tochter auf der Schaukel an. Höher und immer höher, das Mädchen juchzt vor Freude. Ich lächle die beiden an, die Mutter lächelt zurück.
Junge Frauen, die einen anlächeln. Der Tag könnte schlechter starten, finde ich. Allerdings möchte ich nicht ausschließen, dass sie gedacht hat: „Der sieht nett aus. Wäre bestimmt ein guter Vorlese-Opa für die Kita.“
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Der Amazon-Algorithmus empfiehlt mir das Buch „How to write funnier“. Die künstliche Intelligenz wird immer besser.
08. Oktober 2023, Berlin
Der Sohn hat heute Berliner U18-Mannschaftsmeisterschaft. Der Wettkampf findet ungünstigerweise in Wartenberg statt. Ungünstigerweise weil das vierzehn Kilometer von Moabit entfernt ist, aber immer noch in Berlin liegt und gut mit dem ÖPNV mit nur einmal Umsteigen erreichbar ist. Somit gibt es keine Argumente, die rechtfertigen, dem Turnier als Eltern fernzubleiben. Außerdem ist es eines der letzten Turniere des Sohns als „Kind“. Da kann man sich das schon mal anschauen.
Die Mannschaft des Sohns startet leicht gehandicapt. Die Hälfte der Teammitglieder fällt verletzungsbeding aus oder hat ihre Gewichtsklasse verfehlt. Sie werden trotzdem zweiter. Das nächste Turnier ist die Nord-Ost-Deutsche Mannschaftsmeisterschaft. Irgendwann im November. Irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. Mal schauen, wie gut das ÖPNV-mäßig angebunden ist.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
25. September 2023, Berlin
A. und ich gehen morgens zusammen zum Bäcker, um Brötchen fürs Frühstück zu holen. Unsere Beine sind etwas schwer, aber wir sind guter Stimmung. Gestern war Berlin Marathon. Nach unserem Kölner Laufdebakel wollten wir ohne Zeitdruck, einfach mit einem guten Gefühl laufen und den Lauf genießen. Um hier keine künstliche Spannung aufzubauen: Es hat funktioniert.
Das Wetter war gut, die Temperaturen nicht zu warm und nicht zu kalt und die Stimmung an der Strecke war phantastisch. An jeder Stelle standen Zuschauer*innen und feuerten die Läufer*innen an, was sehr motivierend ist und gute Laune macht. Ich finde es bewundernswert, wie viele Menschen ihren halben Sonntag damit verbringen, nicht nur den Weltklasseathletinnen zuzujubeln, sondern auch irgendwelchen Wildfremden, die durch Berlin flitzen. Oder kriechen. Dazu kommen noch Hunderte oder Tausende von Freiwilligen, die beim Einlass, bei den Getränkestationen, als Streckenposten, an der Kleiderabgabe oder im Zielbereich helfen und den Marathon überhaupt erst möglich machen.
Den ersten Höhepunkt hatte ich ungefähr bei Kilometer 4. Dort entdeckte ich meinen alten Kollegen F. mit seiner Familie. Beziehungsweise er mich. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, ich habe seine Kinder abgeklatscht. Also, an den Händen, nicht im Gesicht. (Diesbezüglich bin ich mir sehr sicher.)
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Auf Spiegel Online gibt es ein Interview mit Claus-Henning Schulke, genannt Bottle-Claus. Der 57-Jährige ist seit 30 Jahren ehrenamtlicher Helfer beim Berlin Marathon, seit ein paar Jahren ist er dafür zuständig, Eliud Kipchoge am Streckenrand mit Trinkflaschen zu versorgen. Also das, was meine Frau für A. und mich gemacht hat. (Sie möchte trotzdem nicht Bottle-Tina genannt werden.)
Bottle-Claus wartet an den 13 Verpflegungsstationen auf Kipchoge, reicht ihm seine Flaschen und fährt dann mit dem Rad zur nächsten Übergabe. Das ist herausfordernder, als es sich anhört, denn Kipchoge läuft mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 21km/h. Da musst du dich ganz schön ranhalten, um vor ihm die Station zu erreichen.
Was für eine verantwortungsvolle Aufgabe und nervliche Belastung. Ich würde nicht mit Bottle-Claus tauschen wollen. Stell‘ dir vor, du lässt eine Flasche fallen und bist der Trottel, der Kipchoge den Weltrekord versaut hat.
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Heute ist sowohl Stelle-eine-dumme-Frage-Tag als auch Internationaler Tag des Rechts auf Wissen. Ich bin noch nicht entschieden, ob sich diese beiden Tage sehr gut ergänzen oder widersprechen.
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Vor Penny steht ein etwa vierjähriges Mädchen mit einem geknoteten Luftballon-Tier in der Hand. Als Kind hatte ich auch mal so einen Ballon-Hund.
Das war 1986 während unseres großen USA-Urlaubs. In San Francisco stand am Fisherman’s Wharf ein Clown, der aus Luftballons Tiere, Figuren und Gegenstände knotete. Ich war damals fast 11 und eigentlich zu alt für einen Ballon-Hund, wollte aber trotzdem einen und meine Eltern erfüllten mir diesen Wunsch. So nah war ich nie wieder einem Haustier.
Meine Enttäuschung war riesengroß, als der Ballon-Hund ein paar Tage später nach und nach die Luft verlor. Rückblickend spricht es nicht für mich, dass ich mit fast 11 dachte, der Ballon-Hund würde mich mein Leben lang begleiten.
29. September 2023, Berlin
Heute ist Tag des Deutschen Butterbrotes. Der wohl deutscheste aller Gedenktage, denn auf nichts sind die Deutschen stolzer als auf ihr Brot.
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Der Sohn schreibt heute seine erste Klausur in diesem Schuljahr. In Philosophie. Über René Descartes. Der ist mir hauptsächlich durch seinen größten Hit „Ich denke, also bin ich“ bekannt. Laut dem Sohn ist Descartes wichtigste Regel seiner philosophischen Methode die Skepsis. Du sollst alles in Zweifel ziehen und nichts für wahr halten. Ich bin mir nicht sicher, ob die Schule Teenagern, die ohnehin immer alles besser wissen als ihre Eltern, solche Flausen in den Kopf setzen sollte.
In der Probeklausur mussten sie die Philosophien von Descartes und Francis Bacon miteinander vergleichen. Ich habe keine Ahnung, was Francis Bacons größter Hit ist. Vielleicht hatte er keinen. (Oder ich bin sehr ungebildet, was philosophische Denker*innen angeht.)
Aber wahrscheinlich ist es schwierig, dich im philosophischen Wettstreit um das beste Argument durchzusetzen und Bekanntheit zu erlangen, wenn du mit Nachnamen Schinken heißt. (Immanuel Kant hatte es im englischsprachigen Ausland sicherlich auch nicht leicht.)
30. September 2023, Berlin
In meiner Inbox befindet sich eine Mail von Vanieta Hristova. Ich kenne keine Vanieta Hristova. Der Betreff lautet „2023“, in der Mail steht lediglich „Können wir reden?“
Nun frage ich mich, ob Frau Hristova mit 2023 reden möchte oder mit mir über 2023.
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Amazon zeigt mir an, dass „Hilfe, ich werde Papa“ das am meisten verschenkte Buch in der Kategorie „Schwangerschaft & Mutterschaft“ ist. Das freut mich natürlich. (Und mein Bankkonto ebenso.) Ob die Freude bei den Beschenkten ebenso groß ist, vermag ich nicht zu beurteilen.
01. Oktober 2023, Berlin
Weil mich das Mädchen mit dem Luftballon-Tier gesehen an meinen Ballon-Hund aus den USA erinnert hat, habe ich anschließend mein Reisetagebuch hervorgeholt, das ich damals geführt habe. Das war eine Idee meiner Eltern, von der ich nicht wirklich überzeugt war, was ihnen aber egal war.
Heute bin ich ihnen dankbar, dass sie darauf bestanden, dass ich meine Erlebnisse in dem Urlaub aufschreibe. Gewissermaßen war das mein erster Urlaubs-Blog, nur ohne Laptop und Internet, sondern mit Kugelschreiber und Notizblock.
Bevor ich anfing, in dem Tagebuch zu lesen, dachte ich, es könnte lustig sein, meine damaligen Aufzeichnungen auf dem Blog zu veröffentlichen. Nach der Lektüre der ersten paar Seiten verwarf ich diesen Gedanken sehr schnell. Als zehnjähriger Urlaubschronist fehlte es mir doch ein wenig an Gespür für Dramaturgie, Spannungsaufbau und Pointen.
„Morgens war ich ganz aufgeregt. Und als ich im Flugzeug war wurde ich noch aufgeregter. Als wir in der Luft waren wurde ich wieder ruhig. Das Essen was wir bekommen haben schmeckte nicht so gut, aber das macht ja nichts. Der Film über Californien war ganz interessant nur der Ton war so schlecht und einmal wäre ich beinahe eingeschlafen. Der Film „Micky und Maude“ war lustig. Mitten im Film mußten wir uns anschnallen, weil wir in eine Turbulenz kamen. Da wurde mir ganz schön mulmig. Dann mußten wir noch vier Stunden fliegen.“
Fast jeder der folgenden Einträge beginnt mit der Uhrzeit, zu der ich aufwachte, und damit, dass ich mir nach dem Aufstehen Cornflakes gemacht habe. Auch sonst zeichnet sich das Reisetagebuch durch sehr viel Notizen zum Thema Essen aus (riesiges Eis, Hamburger), darüber hinaus durch die exzessive Verwendung der Worte dann, danach und anschließend – vorzugsweise am Satzanfang – und durch eine mitunter recht eigenwillige Auslegung der deutschen Rechtschreibung und Grammatik sowie dem fast vollständigen Verzicht, Kommata zu setzen. (siehe oben)
Daher halte ich es für besser, die damaligen Aufzeichnungen nicht einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Schließlich möchte ich meine Illusion aufrechterhalten, ein wortgewandter und gewitzter Autor zu sein.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
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