Eine kleine Wochenschau | KW01-2023 (Teil 2)

Teil 1


05. Januar 2023, Berlin

Auf meiner morgendlichen Laufrunde komme ich an einer Kneipe vorbei. Im Fenster steht eine schwarze Tafel, auf der in weißer Schrift steht: „Montag, 19 Uhr: Mediterraner Tanz.“

Mediterraner Tanz. Was soll das sein? Tanzen die da Sirtaki und schmeißen Teller auf den Boden? Oder Flamenco und klappern mit Kastagnetten? Wobei ich mir nicht sicher bin, ob Flamenco überhaupt in der Mittelmeerregion getanzt wird. Wenn ich mich richtig erinnere, gehört der Flamenco zum katalanischen Brauchtum. Aber liegt Katalonien am Mittelmeer? Oder heißt das Meer dort noch irgendwie anders?

Man weiß es nicht. Und mit „man weiß es nicht“, meine ich „ich weiß es nicht“. (Hoffentlich gibt es nie eine Trivial-Pursuit-Edition „Die sieben Weltmeere und ihre Anrainerregionen“.) Ich könnte das nachher mal googeln, aber dazu fehlt mir die Energie. Das Jahr ist noch nicht einmal eine Woche alt und da will ich nicht direkt mit aufwändigen Geographie-Recherchen einsteigen. Somit wird es für immer ein Geheimnis für mich bleiben, was da montagabends in der Kneipe stattfindet.

Oder ich gehe nächste Woche einfach mal hin. Vielleicht aber auch nicht. Denn ich habe nur wenig Lust, meinen Montagabend damit zu verbringen, rhythmisch unterbegabten aber gleichzeitig tänzerisch übermotivierten Berliner*innen dabei zuzusehen, wie sie die mediterrane Tanzkultur demütigen, indem sie sich am Sirtaki – oder am Flamenco – vergehen. Noch weniger Lust hätte ich nur, dabei selbst mitzumachen.

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Der Sohn hat heute Zeugnistag. Seine Noten fallen insgesamt sehr erfreulich aus. Allerdings zeichnen sich seine Fächer durch eine strikte Zwei-Klassen-Gesellschaft aus. In den Kursen, die er ins Abi einbringen muss, hat er zweistellige Punktzahlen. Außer 8 Punkte in Mathe, was aber im Vergleich zu seinen Mathenoten in den letzten Jahren als zweistellig gelten kann, und 7 Punkte in Chemie, was jedoch immer noch drei Punkte mehr sind, als ich als letzte Chemie-Note hatte.

In allen Fächern, die er nicht einbringen muss, bewegen sich die Punkte im unteren Mittelfeld. Zum Beispiel in Politikwissenschaften und Geographie. Im Sinne der Allgemeinbildung ist das vielleicht bedenklich, aus Effizienzgesichtspunkten allerdings nachvollziehbar.

Ich glaube, der Sohn strengt sich in der Oberstufe so an, weil er das beste Abi in der Familie machen möchte. Bis jetzt habe ich das inne. Mit 2,2. Was natürlich keine unüberwindbare Hürde ist.

Als guter Vater unterstütze ich selbstverständlich den schulischen Ehrgeiz des Sohns. Gleichzeitig werde ich meinen Platz auf dem familiären Abi-Thron mit allen Mitteln verteidigen. Mit einer Mischung aus psychologischer Kriegsführung und Trash-Talk („Denk‘ daran, dass du noch drei weitere Mathekurse einbringen musst.“) sowie einigen Ablenkungsmanövern („Geh’ doch auch mal unter der Woche mit denen Freunden feiern. Ist doch egal, ob du morgen Englisch schreibst.“) und Verbotsandrohungen („Wenn du nicht mindestens fünf Stunden am Tag zockst, werden wir deinen Computer einkassieren.“) Falls alle Stricke reißen, kann ich vor den Abi-Prüfungen immer noch ein, zwei Lehrer*innen von ihm bestechen.

Sollte mein Plan aufgehen, wäre das quasi eine Win-win-Situation für den Sohn und mich. Ich hätte weiterhin das beste Abi in der Familie und der Sohn hätte gelernt, dass im Leben mit harten Bandagen gekämpft wird. (Darüber kann er während seiner Wartesemester nachdenken, die er einlegen muss, weil er wegen seines schlechten Abis keinen Studienplatz bekommt.)

06. Januar 2023, Berlin

Bei meinem heutigen Lauf klärt sich die Tanz-Geschichte auf. Es handelt sich gar nicht um mediterranen, sondern um meditativen Tanz. (Ich sollte vielleicht mal wieder zum Augenarzt gehen.) Das Ganze findet auch nicht in einer Kneipe, sondern in einem esoterisch angehauchten Laden für Heilkunde statt. (Of course it does!)

Da möchte ich aber auch nicht hingehen und mir anschauen, wie sich rhythmisch unterbegabte und leicht verstrahlte Berliner*innen in Trance tanzen. Und dabei mitmachen, möchte ich genau so wenig wie bei dem mediterranen Tanz, den ich mir nur eingebildet habe.

7. Januar 2023, Berlin

Die Tochter wäre heute eigentlich zurück nach Irland geflogen. Wenn sie nicht krank wäre. Mit einer rechtsseitigen eitrigen Mandelentzündung. Das Gute daran: Wir müssen nicht um 2 Uhr morgens aufstehen, um die Tochter zum Flughafen zu begleiten, wo ihr Flug nach Dublin um 6.10 Uhr startet. (Zugegebenermaßen fällt einem eine solch positive Sichtweise erheblich leichter, wenn nicht du es bist, dessen rechte Mandel entzündet ist.)

So ist die Tochter noch ein paar Tage länger bei uns und das ist ja auch schön. Abgesehen von der Eitermandel. Die ist nicht so schön. Aber ich schätze, es ist immer noch besser, bei den Eltern krank zu sein, die dich mit Tee, Saft und Suppe versorgen, als alleine in einem Zimmer in Carlow, wo du dich selbst um deine Verpflegung kümmern musst.

Die Tochter hat sich trotzdem schon um einen neuen Flug gekümmert. Ganz kostenbewusst hat sie den absolut günstigsten Flug gebucht. Für 21 Euro. Nächsten Samstag um 6.10 Uhr. Das heißt, wir müssen doch noch um 2 Uhr morgens aufstehen, um sie zum Flughafen zu begleiten. Vielleicht bin ich ja bis dahin krank.

08. Januar 2023, Berlin

Auf unserem Sonntagsspaziergang entdecke ich an einem Laternenpfahl einen Aushang. Auf diesem bietet eine mittelalte, blonde Frau namens Simone Zücker ein „GOLDENES TICKET FÜR DEIN GROSSARTIGSTES DU“ an. Besonders ansprechend finde ich das nicht. Bei mir erwecken die Großbuchstaben den Eindruck, Simone Zücker schreit mir ins Gesicht. Das möchte ich nicht. Außerdem erinnert mich das Goldene Ticket an Willi Wonkas Schokoladenfabrik und den Film fand ich super gruselig. Schließlich bin ich mir nicht sicher, ob das Adjektiv großartig überhaupt gesteigert werden kann. Oder sollte. Wenn du schon großartig bist, warum solltest du dann noch großartiger werden? Oder sogar großartigst?

Auf dem Flyer deutet Frau Zücker an, sie könne dabei helfen, meine geheimen Wünsche und Träume wahr werden zu lassen. Das bezweifle ich aber sehr. Außer sie ist im Besitz eines Rezepts für kalorienfreien, aber trotzdem leckeren Käsekuchen.

Frau Zücker führt gibt verschiedene Access-Kurse, die wahrscheinlich bei dieser Träume-und-Wünsche-Sache und dem großartigsten Du helfen sollen. Zum Beispiel die Access Foundation. Da werden Menschen in einem viertägigen Workshop ermächtigt, „zu wissen, dass und was sie wissen“. Ich höre Sokrates förmlich, wie er sich im Grab gerade fragt: „What?“

Bei dem zweiteiligen Kurs Access Körperprozesse erlernen die Teilnehmer*innen angeblich zwei Körperprozesse:

  1. Wir laden dein Superleben ein.
  2. Mutation der Verkörperung

Letzteres lässt mich rätseln, ob der Kurs in einem Abklingbecken eines Atomkraftwerks stattfindet. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Flyer Teil eines dadaistischen Kunstprojekts ist oder mithilfe einer künstlichen Intelligenz übersetzt wurde, die jemand programmiert hat, der der deutschen Sprache nicht mächtig ist.

Prinzipiell finde ich es gut, an sich zu arbeiten, sich Ziele zu setzen und sich Sachen vorzunehmen. Für das neue Jahr muss ich mir auch noch ein paar gute Vorsätze überlegen. Einen habe ich nach dem Lesen des Aushangs aber schon: Ich werde 2023 zückerfrei bleiben.


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Eine kleine Wochenschau | KW50/51-2022 (Teil 2)

Teil 1


18. Dezember 2022, Berlin

Der Morgen beginnt mit einem unschönen Murmeltiertag-Moment. Der Wecker klingelt um 5.20 Uhr. Im Radio läuft ein längeres Nina-Hagen-Special. Da fällt mir wenigstens das schnelle Aufstehen leicht.

Nach dem Duschen klärt mich Google Maps auf, dass sich die sonntäglichen ÖPNV-Verbindungen nach Kladow erheblich von den samstäglichen unterscheiden. Wir können einen Bus um 6.50 Uhr nehmen. Das heißt, es hätte gereicht, um kurz vor 6 aufzustehen.

Nun gut, dann habe ich jetzt Zeit, um gemütlich einen Kaffee zu trinken. Okay, das hätte ich auch mit einer halben Stunde mehr Schlaf ganz in Ruhe auf der Fahrt nach Kladow machen können. Irgendwie muss ich mir das unnötig frühe Aufstehen ja schönreden.

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Um halb sechs endet das Turnier. Nach gut drei Stunden Aufräumen und Abbau verlassen wir um 21 Uhr die Sporthalle. Ich habe also mein komplettes Wochenende plus den Freitagabend in einer Kladower Grundschul-Turnhalle verbracht. Toll!

Dafür laufe ich diesmal nicht nach Hause, sondern wir fahren mit den Öffis. Das ist zwar auch nicht besonders erquicklich, so dass ich das Glas nicht als halb voll bezeichnen würde, aber zumindest ist es nicht komplett leer. Es ist ja wichtig, die Dinge irgendwie positiv zu sehen. Es könnte auch noch schlimmer sein. Das Glas könnte zum Beispiel kaputt gehen. Oder der Bus.

19. Dezember 2022, Berlin

Um meine Haare in weihnachtliche Form zu bringen beziehungsweise bringen zu lassen, gehe ich heute zum Friseur. Zum zweiten Mal hintereinander schneidet mir Ayşe die Haare. Somit kann ich sie endlich als meine Stammfriseurin bezeichnen. Finde ich zumindest.

Jetzt muss ich sie nur noch dazu bringen, mich nicht zu siezen, damit ich mich nicht so alt fühle. Unterhielten wir uns in einem anderen Kontext, beispielsweise in einem Club, würden wir uns ja auch duzen. Allerdings weiß ich nicht, was das für ein Club sein soll, in der eine Mitte-20-jährige Deutsch-Türkin und ein Mitte-End-40-jähriger Westerwälder aufeinander treffen. (Ayşe würde so einen Club sicherlich meiden.)

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Abends sind wir mit der Tochter verabredet, um den Weihnachtsbaum virtuell zu schmücken. Also, wir in Berlin schmücken real und die Tochter schaut per Video-Call aus Carlow zu. Wir trinken dabei wie jedes Jahr Sekt und die Tochter ein merkwürdiges Mix-Getränke aus der Dose, das so eklig schmeckt, wie das Dosendesign aussieht.

Als erstes müssen die Lichterketten angebracht werden. Eine recht diffizile Aufgabe, bei der noch nicht so recht weihnachtliche Atmosphäre aufkommen will. Nicht einmal vorweihnachtliche. Schließlich hängen die Ketten einigermaßen akzeptabel im Baum. Da es bei der Aufhäng-Prozedur trotz der leicht angespannten Stimmung nicht zu unnötig scharfen Wortwechseln kam, die den Abend oder unsere Ehe verdorben hätten, können wir schließlich Kugeln, Schmuck und Figürchen an den Baum hängen.

Die nicht ganz so schönen Figuren kommen immer an die Rückseite des Baumes. Da fallen sie nicht ganz so auf. Selbstverständlich sagen wir das nicht laut, denn wir wollen sie ja nicht kränken.

Lediglich ein paar selbstgebastelte Engelchen durchbrechen unsere ästhetische Zweiklassen-Weihnachtsbaum-Gesellschaft. Die haben die Kinder seinerzeit in der Kita angefertigt. Mit mehr Begeisterung als Talent. Die kleinen Engel sehen aus wie eine Mischung aus Drag Queen und Tim-Burton-Figur auf Speed. Der Sohn hat sie trotzdem an die Vorderseite des Baumes gehängt und wir lassen das so. Nach unserem „Sportler des Jahres“-Fauxpas am Samstagabend wollen meine Frau und ich ihn nicht wieder kränken, indem wir das Ergebnis seines frühkindlichen künstlerischen Schaffens auf die Schattenseite des Baumes verbannen.

Geschmückter Weihnachtsbaum im Wohnzimmer

20. Dezember 2022, Berlin

Das Verfassen der Weihnachtspost fällt in unserer funktional strikt arbeitsgeteilten Ehe in meinen Aufgabenbereich. Das umfasst auch die Karten an die Verwandtschaft meiner Frau. So kommt es, dass ich jedes Jahr Weihnachtsgrüße an irgendwelche Tanten schreibe, die ich allenfalls mal vor fünfzehn bis zwanzig Jahren auf einer Familien-Feier gesehen habe und die ich ansonsten nicht näher kenne. Meine Frau bekommt die fertigen Karten lediglich zur Unterschrift vorgelegt.

Die besagten Tanten sind meist weit über 80. Manchmal auch über 90. Ihre Sehkraft lässt zu wünschen übrig und die Arthritis in ihren Fingern erschwert ihnen das Schreiben. Deswegen rufen sie bei uns an, um sich für die Karten zu bedanken. Ausnahmslos und immer unter der Woche. Tagsüber. Wenn meine Frau im Büro und nicht zuhause ist. Ich dagegen schon, weil ich im Home Office arbeite.

Deswegen schreibe ich den mir unbekannten Tanten nicht nur jährlich zu Weihnachten, sondern telefoniere auch noch mit ihnen. Dabei bediene ich mich immer einiger allgemeinen Floskeln, um zu überspielen, dass ich keine Ahnung habe, mit wem ich da gerade spreche. Außerdem will ich den Gesprächsfluss nicht unnötig stimulieren. Sonst bekomme ich Geschichten zu hören über Enkelkinder, Nachbarinnen oder Dorfbewohner*innen, die ich noch weniger kenne als die Tanten.

Vielleicht sammle ich dadurch genügend Karma-Punkte, um in meinem nächsten Leben nicht als Kellerassel wiedergeboren zu werden. Wobei das auch seine Vorteile haben könnte, denn Kellerasseln schreiben bestimmt keine Weihnachtskarten.

21. Dezember 2022, Berlin

Heute ist Welt-Orgasmus-Tag. Am ungünstigsten Datum, das du dir dafür aussuchen kannst, denn heute ist auch Wintersonnenwende, das heißt der kürzeste Tag des Jahres. Andererseits ist es damit auch die längste Nacht des Jahres, was für das ausgiebige Zelebrieren des Welt-Orgasmus-Tags sogar von Vorteil ist.

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Die Tochter kommt aus Irland angereist. Um kurz vor 22 Uhr landet sie. Meine Frau und ich wollen sie bei der Ankunft am Flughafen überraschen.

Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es tatsächlich eine Überraschung für die Tochter sein wird und sie nicht mit unserem Erscheinen rechnet. Schließlich war sie seit drei Monaten nicht zuhause. Da wäre es ziemlich schäbig von uns, sie nicht abzuholen. Andererseits haben wir unserem Sohn nicht zur Wahl zum Sportler des Jahres gratuliert, sondern ihn gefragt, wofür er die Auszeichnung überhaupt bekommen hat. Da ist uns alles zuzutrauen. Auch dass wir unsere Tochter nicht persönlich am Flughafen in Empfang nehmen und sie alleine mit der S-Bahn nach Moabit fahren lassen.

In der Ankunftshalle des Flughafens steht eine Gruppe, die mit kleinen irischen Flaggen ausgerüstet ist. Ein junger Mann ist all in gegangen und trägt sogar eine irische Stoff-Fahne um die Schultern. Ich komme mir etwas unvorbereitet vor. Wir haben nur uns mitgebracht. Aber wenigstens sind wir da. Das muss reichen.

Schließlich kommt die Tochter aus dem Bereich der Gepäckausgabe. Leider vor der Person, die von den irischen Fahnenschwenker*innen abgeholt wird. Das hätte mich schon interessiert, wer das ist und wie der Empfang abläuft. Aber das Leben im Allgemeinen und das Abholen am Flughafen ist kein Wunschkonzert.

22. Dezember 2022, Berlin

Die Tochter erzählt, sie habe kürzlich bei einer Uni-Veranstaltung ein Bild ihres Bruders auf dem Handy angeschaut. Daraufhin habe ihre Sitznachbarin gefragt, ob das ihr Freund sei. Die Tochter verneinte das mit der gebotenen Vehemenz und erklärte, dies sei ihr Bruder und der sei erst 16. Daraufhin erwiderte die andere Studentin: „Der sieht aber trotzdem süß aus.“

Feministisch nicht ganz auf der Höhe, aber für einen 16-jährigen durchaus nachvollziehbar, interessiert den Sohn an der Geschichte nur eins: „Sieht die gut aus?“

23. Dezember 2022, Berlin

Um halb zwei haben wir einen gemeinsamen Termin mit der ganzen Familie. Für ein Fotoshooting. Absurderweise habe ich diesen Termin initiiert. Dabei finde ich fotografiert zu werden, ungefähr so angenehm wie einen Besuch beim Zahnarzt. Oder mir eine Rede von Friedrich Merz anzuhören. Es ist die Hölle.

Vor ungefähr fünf bis sechs Jahren hatten wir schon einmal so ein Familien-Fotoshooting. Meine Frau hatte das von einer Freundin als Gutschein zum Geburtstag bekommen. Damals kam ich direkt von einem Termin in das Fotostudio, war gestresst und nur mäßig begeistert davon, abgelichtet zu werden. Nicht die besten Voraussetzungen für eine ausgelassene Stimmung, um fröhliche Familienbilder zu knipsen.

Dafür entstand in der Sitzung ein gelungenes Adams-Family-Gedenk-Portrait von uns. Wir sind alle ganz in schwarz gekleidet, verschränken die Arme vor der Brust und blicken missmutig in die Kamera. Das Bild hängt seitdem großformatig in unserem Flur, und zwar genau so, dass es alle sehen, sobald sie durch die Tür treten.

Vor ein paar Wochen hatte ich die Idee, dieses Bild sowie eine gemeinsame Aufnahme von der Tochter und dem Sohn zu rekonstruieren. Der Sohn ist davon nur mittelbegeistert, was beim Nachstellen des Adams-Family-Portraits recht hilfreich ist. Nachdem die beiden Aufnahmen im Kasten sind, denken wir, dass wir unsere Schuldigkeit getan haben und nun auf den Weihnachtsmarkt gehen können.

Allerdings werden unsere Pläne von der Fotografin durchkreuzt. Die ist außerordentlich committet und hat noch die ein oder andere Idee für weitere Motive. Wir müssen uns in verschiedenen Konstellationen aufreihen, Grimassen schneiden, im Schneidersitz auf dem Boden sitzen und Family-Schriftzüge in die Höhe halten. Zumindest die Fotografin hat Spaß dabei. Nach 20 Minuten entlässt sie uns in die Freiheit. Damit sollte das für die nächsten fünf bis sechs Jahre mit der Familien-Foto-Shooterei reichen.


Dies ist die letzte Wochenschau für dieses Jahr. Ein herzliches Dankeschön an alle, die hier fleißig lesen und kommentieren. Haben Sie ein fröhliches Weihnachtsfest im Kreise Ihrer Lieben und ein paar entspannte Feiertage. (Vielleicht außerhalb des Kreises Ihrer Lieben, das erhöht die Entspannung.)

Letztes Jahr habe ich meine Weihnachtskarten sinngemäß mit dem Satz beendet: „Möge uns 2022 gnädiger sein, als das zurückliegende Jahr.“ Wir sind uns wohl alle einig, dass sich 2022 einen Scheiß um meinen bescheidenen und nicht übermäßig anspruchsvollen Wunsch geschert hat. Daher möchte ich an 2023 gar nicht erst irgendwelche Erwartungen herantragen. Ich wünsche uns allen einfach viel Glück. Es wird schon schief gehen. Gehaben Sie sich wohl.


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Eine kleine Wochenschau | KW50/51-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


12. Dezember 2022, Berlin

Bin auf dem Weg zum Supermarkt. Es ist kalt und ich habe meine Hände tief in den Taschen meiner Jacke vergraben. Plötzlich trete ich auf eine vereiste Fläche und gerate ins Rutschen. Durch eine Pendelbewegung des Oberkörpers vermeide ich einen spektakulären Sturz, bei dem ich mir den Oberschenkelhals oder die Hüfte gebrochen und ein Erdbeben der Stärke 5,5 bis 6 ausgelöst hätte. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich elegante und katzengleiche Bewegungen ausführen wie ein Kung-Fu-Kämpfer, der seit seinem dritten Lebensjahr in einem buddhistischen Shaolin-Kloster ausgebildet wurde. Außenstehende denken dagegen möglicherweise eher an ein alkoholisiertes Nilpferd mit Gleichgewichtsstörungen, das Tschaikowskis „Tanz der Schwäne“ aufführt.

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Eine kleine Wochenschau | KW48/49-2022 (mit Verlosung)

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


28. November 2022, Berlin

Der Sohn müsste heute eigentlich Musik schreiben. Kann er aber nicht. Er ist krank. Vielleicht reagiert sein Körper allergisch auf die Bestimmung von Tonarten, Takten, Kontrapunkten, Motiven und allem, was zur Analyse von Musikstücken dazugehört. So wie er hustet, röchelt und fiebert, scheint er aber tatsächlich krank zu sein, und versucht nicht, sich vor der Arbeit zu drücken. Oder es ist eine oscarreife schauspielerische Leistung, für die er es auch verdient hätte, zuhause zu bleiben.

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Eine kleine Wochenschau | KW48/49-2022 (Teil 2)

Teil 1


03. Dezember 2022, Berlin

Nachdem das verwaiste Zimmer der Tochter zu meinem Arbeitszimmer geworden ist, müssen wir im Schlafzimmer die frei gewordene Fläche, wo vorher mein Schreibtisch stand, gestalten. Dazu benötigen wir ein paar Regale sowie einige andere Accessoires. Also fahren wir zu IKEA. An einem Samstagmorgen. Als hätten wir die letzten 47 Jahre im Wald unter Tieren fernab jeglicher Zivilisation gelebt.

Kurz nach 10 betreten wir die IKEA-Filiale in Spandau. Etwas naiv sage ich zu meiner Frau, wir wüssten doch, was wir brauchen, da könnten wir die Abkürzung nehmen und direkt in die Markthalle und dann ins Möbellager gehen. Als hätte ich die letzten 25 Jahre im Wald unter Tieren und nicht in einer Paarbeziehung gelebt. Denn meine Frau sagt – natürlich –: „Wenn wir schon mal hier sind, möchte ich mich auch ein wenig umschauen.“ Mein linkes Auge zuckt.

Die Atmosphäre bei IKEA ist aber überraschend harmonisch und friedfertig. Pärchen suchen gemeinsam neue Schlafzimmer, Küchen und Wohnzimmer aus, ihre Kinder verstecken sich glucksend in den Ausstellungsräumen. Mehr Familien-Idylle gibt es höchstens in der Rama-Werbung.

Als wir unsere Einkäufe beisammen haben, werden wir an der Kasse von der unschönen Realität eingeholt. Als wir alle Waren eingescannt haben, erscheint auf dem Display ein Betrag, der mich überrascht. Und nicht positiv. Aber das haben Sie sich sicherlich schon gedacht. Kurz versuche ich mich davon zu überzeugen, dass es ein gutes Zeichen und ein Privileg ist, dass wir uns das trotz steigender Preise für Gas, Strom und Lebensmittel leisten können. Echte Euphorie will sich bei mir dennoch nicht einstellen. (Bei der EC-Karte auch nicht.) Ich bin wohl doch eher der Das-Glas-ist-halb-leer-Typ. Beziehungsweise der Das-Konto-ist-ganz-leer-Typ.

Am Schalter des Transportunternehmens, von dem wir uns unsere Einkäufe liefern lassen wollen, wird es nicht besser. Zunächst begrüßt uns der Mitarbeiter dort gut gelaunt und sagt: „Schauen wir mal, ob das heute noch klappt.“ Dann tippt er auf seiner Computertastatur rum und seine Miene wird zunehmend ernster. „Ich habe leider keinen freien Slot mehr“, erklärt er schließlich. „Für die nächsten vier Wochen.“

Das ist eher ungünstig. Ich hatte eigentlich vor, 18-mal mit dem Bus hin und her zu fahren, um unsere neu erworbenen Regale, Aufbewahrungsboxen, Bettbezüge, Kissen und Kerzen – natürlich – nach Hause zu schaffen. Glücklicherweise stehen vor dem IKEA einige Möbel-Taxen. Ein Mann bietet uns an, die Sachen zu uns zu bringen. Er fragt, ob wir mitfahren möchten. Das ist mir ganz recht. Ich habe prinzipiell zwar ein positives Menschenbild, hätte aber ein komisches Gefühl, einem wildfremden Menschen unsere neu erworbenen Möbel im Wert eines leider nicht niedrigen, sondern hohen dreistelligen Betrags anzuvertrauen. Schließlich habe ich nicht die letzten 47 Jahre im Wald unter Tieren gelebt und noch nie eine Folge „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“ gesehen.

04. Dezember 2022, Berlin

Wir verbringen den größten Teil des Tages mit dem Aufbau der neu gekauften Möbel. Unter anderem bringen wir Türen an unsere bereits vorhandenen Billy-Regalen an. Eines davon ist allerdings so alt, dass die Türscharniere nicht passen. Wir müssen improvisieren. Ein Satz, der schon bei handwerklich versierten Menschen nichts Gutes erahnen lässt. Bei DIY-Laien wie meiner Frau und mir ist er allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit der Ausgangspunkt für ein geradezu apokalyptisches Horrorszenario, bei dem zum Schluss nur noch eine Wand des Mietshauses steht, bis diese auch noch in Zeitlupe einstürzt.

Überraschenderweise gelingt es uns, ohne größere Vorkommnisse neue Löcher in die Seitenwände zu bohren und die Scharniere samt Türen anzuschrauben. Dann müssen wir die Türen noch justieren. Eine äußerst knifflige Angelegenheit, denn die Wahrscheinlichkeit eine Schranktür perfekt auszurichten, ist wesentlich geringer als die Aussicht auf einen Sechser im Lotto. Trotzdem bekommen wir das Türenjustieren einigermaßen gut hin. Zumindest entscheiden wir irgendwann, dass es gut genug ist. Jede weiteren Bemühung würde uns nur Schweiß, Nerven und schließlich unsere Ehe kosten.

05. Dezember 2022, Berlin

Meine Frau hat heute frei, so dass wir den Tag für ein paar Bohrarbeiten nutzen können. (Schließlich sind wir sozial doch kompetent genug und haben nicht unsere guten nachbarschaftlichen Beziehungen aufs Spiel gesetzt, indem wir das am gestrigen Sonntag erledigt haben.) Im Schlafzimmer wollen wir ein Fitnessgerüst sowie einen Spiegel anbringen, im Wohn- und im neuen Arbeitszimmer jeweils eine Bilderleiste.

Wir nehmen uns zuerst das Gerüst vor, um die anspruchsvollste Aufgabe als erstes hinter uns zu bringen. Dafür müssen wir sechs Löcher für 14er-Schrauben bohren. Schließlich soll das Gerüst mein Gewicht aushalten. Auch in der Vor- und in der Nachweihnachtszeit.

Für unsere Bohraktion habe ich mir extra die Bohrmaschine unserer Nachbarin geliehen. Die ist leistungsstärker als mein schon leicht altersschwaches Modell. Anscheinend ist unsere Schlafzimmer-Wand aber aus irgendeinem undurchdringbaren Material gebaut, das sonst zum Bau von Raumschiffen eingesetzt wird. Nachdem sich der Bohrer knapp einen halben Zentimeter in die Wand gedreht hat, streikt er mit den Worten: „Nope, nicht mir.“ Selbst als ich mich mit aller Kraft in den Bohrer stemme, bewegt er sich keinen Millimeter weiter. Um so etwas in Zukunft zu vermeiden, wäre es gut, ein Fitnessgerüst zu haben, an dem ich meine Muskeln stärken kann, was aber nicht geht, weil mir die Kraft fehlt, es anzubohren. Es ist ein Teufelskreis.

Also widmen wir uns erstmal dem Spiegel, der auf der anderen Seite des Zimmers aufgehängt werden soll. Aber auch hier haben wir nicht mehr Erfolg. Nach circa 0,5 Zentimetern kommt der Bohrer zum Stillstand. Er schaut mich an und fragt: „Bist du dumm, oder was? Denkst du, die Wand hier besteht plötzlich aus Butter und ich kann da locker-flockig reinrutschen?“ Eine recht unhöfliche und obendrein ableistische Frage, die jedoch nicht gänzlich unberechtigt ist. Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als in irgendeinem Baumarkt einen Hochleistungsbohrer auszuleihen, der sich auch in Osmium fräst.

Unverrichteter Dinge beziehungsweise unverbohrter Löcher gehen wir ins Wohnzimmer, um die Bilderleiste anzubringen. Hier klappt das Bohren erfreulich problemlos. Zumindest des ersten Lochs. Dann fällt meiner Frau auf, dass das zweite Loch ziemlich genau oberhalb einer Steckdose liegen würde. Nicht ganz genau, aber doch nah genug, dass es mir zu riskant ist, da reinzubohren und – im besten Fall – einen Kurzschluss auszulösen. Somit müssen wir uns auch noch einen Leitungssucher besorgen, bevor wir hier weiter bohren können.

Meine Laune liegt ob der eher mittelschlecht verlaufenden Bohraktion inzwischen deutlich unter Normalnull. Damit wir wenigsten ein Erfolgserlebnis haben, wollen wir wenigstens noch die Bilderleiste im Arbeitszimmer anbringen. Aber hier hört der Bohrer ebenfalls nach fünf Sekunden auf zu bohren. Ich kann mir das nicht erklären, denn hier ist die Wand eigentlich von sehr bohrfreundlicher Art. Nicht zu hart und nicht zu porös. Merkwürdig ist allerdings auch, dass der Sauger, den meine Frau gehalten hat, auch ausgefallen ist. Dann wandern unsere Blicke vom Bohrloch die Wand hinunter, bis sie auf eine Steckdose treffen. Die schüttelt den Kopf und formt mit dem Mund ein lautloses „Vollidioten!“

Ich könnte versuchen, das Ganze positiv zu sehen. Schließlich hat nur das Stromkabel den Geist aufgegeben und weder war es eine alte stoffummantelte Leitung, die Feuer gefangen und uns die Bude abgefackelt hat, noch wurde ich mit einem 230 Volt-Schlag ins Krankenhaus oder ins Jenseits befördert. Meine Begeisterung hält sich trotzdem in Grenzen. Vor allem als mir der Elektriker, den ich anrufe, mitteilt, dass er erst wieder im nächsten Jahr freie Termine hat.

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Morgen ist Nikolaus. Das heißt, dem Sohn obliegt heute Abend die ehrenvolle Aufgabe, im ganzen Haus für die Kinder Schoko-Nikoläuse, Süßigkeiten und Alibi-Nüsse vor den Türen zu drapieren.

Meine Frau weist in anschließend darauf hin, er müsse noch seine eigenen Schuhe putzen und vor die Tür stellen. Mit seinen 16 Jahren macht er das Nikolaus-Ritual wahrscheinlich ohnehin in erster Linie uns zuliebe mit – und weil er gerne Schokolade isst. Er findet auf jeden Fall, seine Sneaker seien sauber genug und hält das Putzen für unnötig.

Zu seinem Glück habe ich heute noch Zitronenherzen gebacken. (Nach der misslungenen Bohraktion mit nicht ganz so viel vorweihnachtlicher Liebe, wie es angebracht wäre.) Somit kann der Sohn dem Nikolaus doch eine kleine kulinarische Aufmerksamkeit darbieten. Ohne die Zitronenherzen hätte es, was die Dankbarkeitsgesten angeht, eher mau ausgesehen. Dann hätte der Sohn höchstens den Beutel mit Pfandflaschen, die er schon seit Wochen zum Supermarkt bringen soll, zu seinen Schuhen stellen können.

Darüber würde sich der Nikolaus bestimmt ohnehin mehr freuen, meint der Sohn. Ich frage ihn, ob er denkt, der Nikolaus leide unter Altersarmut und sei aufs Pfandsammeln angewiesen. Das sei nicht unwahrscheinlich, erwidert er, wenn ihm alle nur Kekse und Milch hinstellen. Er bekäme ja auch nichts dafür, dass er hier im ganzen Haus Süßigkeiten verteile, merkt der Sohn noch mit leichtem Vorwurf in der Stimme an. Er dürfe mietfrei bei uns wohnen, erkläre ich ihm, und darauf fällt dem Sohn keine Antwort mehr ein.

06. Dezember 2022, Berlin

Meine Eltern haben uns ein Nikolauspaket geschickt. Das enthält unter anderem eine Dose mit Weihnachtsplätzchen. Das mütterliche Gebäck zeichnet sich dadurch aus, dass es, ersten, sehr lecker und, zweitens, sehr zart, fast schon filigran ist. Außerdem backt meine Mutter mit einer unglaublichen Akkuratesse, so dass alle Plätzchen vollkommen gleich aussehen. Wie von einem Back-Cyborg, der extra dafür programmiert wurde, absolut identische Plätzchen zu produzieren.

Meine Plätzchen bestechen dagegen nicht mit Zartheit. Sie sind zwar lecker, aber eher groß und grobschlächtig. Gleichförmig sind sie auch nicht. Im Gegenteil. Bei mir ist jedes Plätzchen ein Unikat. Und wenn ich Unikat schreibe, meine ich, dass sie aussehen als sei ein Dinosaurier auf sie getreten. Und zwar auf jedes Plätzchen ein anderer Dino.


Teil 3


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Eine kleine Wochenschau | KW48/49-2022 (Teil 3)

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07. Dezember 2022, Berlin

Nach unserem Bohr-Fail Anfang der Woche, habe ich gestern die weise Entscheidung getroffen, nicht quer durch Berlin zu gondeln, um mir in irgendeinem Baumarkt für teures Geld eine professionelle Bohrmaschine auszuleihen, die ich mit recht hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht richtig bedienen kann. Stattdessen bezahle ich einem Handwerker nur unwesentlich mehr, damit er uns das Fitnessgerüst und den Spiegel anbringt.

Besagter Handwerker steht heute Morgen pünktlich um 10.30 Uhr vor der Tür. Wir begrüßen uns aus alter Corona-Gewohnheit mit einem Ellenbogen-Check und er erklärt etwas unvermittelt, er sei viermal geimpft. Ich erwidere, ich sei ebenfalls viermal geimpft und könne noch eine Infektion aufweisen.

Der Mann stutzt und mustert mich genauer. „Wenn Sie schon viermal geimpft wurden, heißt das, dass sie schon über 60 sind?“, fragt er. „Sie sehen gar nicht aus wie 60.“ „Das liegt möglicherweise daran, dass ich keine 60 bin“, antworte ich.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll, dass er mich für jünger als 60 schätzt, oder beleidigt sein soll, dass er es für möglich hält, ich könnte 60 sein. Ich beschließe, diesen Gedanken nicht weiter zu verfolgen.

Bevor der Handwerker mit dem Bohren beginnt, holt er ein Gerät aus seinem Werkzeug-Koffer hervor und sucht damit die Wand ab. „Im Altbau kannst du nie wissen, ob da nicht irgendwo eine Stromleitung lauert, und dann bohrst du da aus Versehen rein“, sagt er währenddessen. Ich verzichte darauf, ihm zu erklären, dass du, selbst wenn du weißt, wo eine Leitung liegt, trotzdem aus Versehen da reinbohren kannst.

Auch ansonsten hat der Mann vom Handwerken mehr Ahnung als ich – was allerdings nur bedingt aussagekräftig ist – und eine gute Stunde später hängen Spiegel und Gerüst bombenfest an der Wand und die Stromleitungen sind auch alle heile geblieben. Toll!

08. Dezember 2022, Berlin

Der Sohn muss morgen Mathe schreiben. Über Kurvendiskussionen. Er meint, es sei voll unlogisch, dass das Kurvendiskussion hieße. Da würde gar nicht geredet, es würden keine Argumente ausgetauscht und auch keine Standpunkte vertreten, sondern nur gerechnet. Schnittpunkte, Hoch-, Tief- und Wendepunkte, Symmetrieeigenschaften und anderes – in seinen Augen – unnützes Zeug. Ich kann ihm leider nicht helfen, denn ich hatte mich damals im Matheunterricht auch schon gefragt, was denn das Diskursive bei der Kurvendiskussion ist und keine Antwort darauf gefunden.

Trotzdem schaut sich der Sohn auf YouTube unzählige Mathe-Tutorials an. Die sind so gut, dass er beim Anschauen immer denkt, jetzt habe er es verstanden. Aber doch nicht gut genug, dass er selbst Aufgaben rechnen kann. Das liegt aber weniger an der didaktischen Unzulänglichkeit der Videos, sondern daran, dass Mathe für den Sohn ein Buch mit sieben Siegeln ist. Und zwar ein Buch mit sieben Siegeln, das in einem unterirdischen Verließ, das durch tödliche Fallen wie im Tempel des Todes geschützt und durch eine Horde cholerischer Orks bewacht wird, in einem Tresor liegt, der nur durch einen Fingerabdruck von Pythagoras sowie einem Iris-Scan von Carl Friedrich Gauß geöffnet werden kann.

09. Dezember 2022, Berlin

Bei der Tochter wurden an der Uni heute die Vorlesungen und Seminare frühzeitig beendet. Es gab eine Unwetterwarnung für Carlow. Weil die Temperaturen auf ein Grad unter Null gefallen sind. Die Studierenden und Lehrenden sollen schließlich alle sicher nach Hause kommen. Hoffen wir mal, dass nicht auch noch eine Schneeflocke vom Himmel fällt.

10. Dezember 2022, Berlin

Durch die Neusortierung unserer Zimmer haben wir nun ein paar Möbel, die wir nicht mehr gebrauchen können. Ich stelle sie bei eBay-Kleinanzeigen zum Verschenken für Selbstabholer ein.

Nach nicht einmal einer Minute meldet sich jemand auf die Anzeige für das orangene Lack-Regal von IKEA. Er fragt, ob ich die Versandkosten übernähme. Ich bin kurz verunsichert, ob vergessen habe, die Kategorie ,,Nur für Selbstabholen“ anzuklicken. Habe ich aber nicht.

Also verneine ich seine Frage, da das Regal nur zur Abholung sei. Meine Antwort verstimmt den User und er erwidert, es sei eine Schweinerei, dass ich etwas anbiete und dann nicht verschicke. Deswegen habe er mich bei eBay gemeldet. Ich schreibe zurück, aus der Anzeige ginge doch hervor, dass das Regal abgeholt werden müsse. Daraufhin antwortet er, Menschen wie ich würden den Spaß an Ebay zerstören.

Kurz überlege ich, zu schreiben, er solle mich in Ruhe lassen und stattdessen eine gepflegte Runde Geschlechtsverkehr mit seinem Articulatio genus einlegen. Mit dieser Reaktion würde ich ihm aber sicherlich einen Gefallen tun, denn dann weiß er, dass ich mich über ihn ärgere und das ist wahrscheinlich der Grund für seine Nachrichten. Deswegen beschließe ich, den eBay-Troll zu ignorieren. Darüber ärgert er sich bestimmt richtig.

11. Dezember 2022, Berlin

In einer Kommode, die wir gestern verschenkt haben, hatten wir ein paar Mappen mit Bildern aufbewahrt, die die Kinder in der Kita gemalt haben. Insbesondere von der Tochter haben wir unfassbar viele Bilder abgeheftet. Mich beschleicht der Verdacht, dass die Kita eine Art Sweatshop betrieben hat, in dem die Kinder im Akkord Wasserfarbenbilder produzieren mussten, die dann den Eltern ausgehändigt wurden.

Den Stil der Tochter würde ich als dekonstruktivistische, naive Malerei mit gleichzeitig ex- und impressionistischen Elementen sowie Anleihen aus dem Kubismus kategorisieren. Vom Sohn gibt es nicht ganz so viele Bilder. Zumeist mit schwarzem Stift gezeichnete, grimmig dreinblickende Kopffüßler, zu denen er seinen Namen gekrakelt hat. Ob er damit die Bilder signiert hat oder damit verdeutlichen wollte, dass es sich um Selbstporträts handelt, lässt sich nicht abschließend sagen.

Ich bringe es nicht übers Herz, die Mappen mit den Bildern zu entsorgen. Das ist bestimmt nicht gut fürs Eltern-Karma. Außerdem werden die Kinder vielleicht mal berühmt. Dann kann ich die Bilder bei eBay einstellen und den Spaß dorthin zurückbringen.

Bücherverlosung

Unsere Renovierungs- und Aufräum-Aktion kommt auch Ihnen zugute. Beim Aufräumen habe ich zwei Rezensionsexemplare (wieder)gefunden, die ich unter den Familienbetrieb-Leser*innen verlose.

„Wow Mom: Der Mutmacher für deine Schwangerschaft“ von Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim

Dieses Buch ist der dritte Band der WOW MOM-Reihe der beiden Stadt Land Mama-Bloggerinnen. Nachdem die ersten beiden Bücher Ratschläge für das erste Jahr mit Kind sowie für das Leben mit Kleinkindern gegeben haben, geht es diesmal – der Titel lässt es vermuten – um das Thema Schwangerschaft. Lisa und Katharina begleiten ihre Leserinnen bei all ihren Fragen, Vorfreuden aber auch Zweifel in dieser Zeit. (Um Missverständnisse zu vermeiden: Das Buch begleitet die schwangeren Leserinnen, nicht die beiden Autorinnen persönlich.)

„Gemeinsam schlau statt über Schule meckern“ von Béa Beste und Stephanie Jansen

Bei diesem Buch handelt es sich um den Nachfolger von „Gemeinsam schlau statt einsam büffeln“, in dem sich die Autorinnen für das Co-Learning stark machten praxisnahe Tipps und Ideen gaben, wie Eltern und Kinder gemeinsam spielerisch und entspannt lernen können. In ihrem neuen Buch legen Béa Beste und Stephanie Jansen ihren Fokus darauf, wie Eltern ihre Kinder erfolgreich durch die Schulzeit begleiten können und wie die Eltern-Lehrende-Kind-Beziehung gestärkt wird. Quasi ein Win-Win-Win-Buch für die Schulzeit.

Verlosung

Wenn Sie eines der beiden Bücher gewinnen wollen, kommentieren Sie bitte bis zum 14.12. unter diesem Beitrag und schreiben Sie dabei, welches Buch Sie gerne hätten. Wie immer ist der Rechtsweg genauso wie der Linksweg ausgeschlossen, es wird nur ein Kommentar pro E-Mail-Adresse berücksichtigt, eine Auszahlung des Gewinns ist nicht möglich, alle E-Mail-Adressen werden nach Abschluss der Verlosung DSGVO-konform gelöscht, bliblablö.


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Eine kleine Wochenschau | KW47-2022 (Teil 2)

Teil 1


25. November 2022, Berlin

Heute ist Black Friday. Das finde ich gut. Dann gibt es ab morgen keine Black-Friday-Werbung mehr. Stattdessen für die Cyber Week. Und für Nikolaus-Rabatte, verkaufsoffene Sonntage, Adventsangebote und Weihnachtsschnäppchen. Hauptsache wir kaufen, kaufen, kaufen. (Mit irgendetwas muss die innere Leere ja gefüllt werden.)

26. November 2022, Berlin

Am Montag werden zusätzliche Regale für das neue, frisch renovierte Arbeitszimmer geliefert. Ich nutze den bevorstehenden Umzug meines Arbeitsplatzes zum Ausmisten. Mir fällt ein alter Nawi-Test des Sohns in die Hände. 6. Klasse. Klima und Vegetation in Europa. Der Sohn hatte die volle Punktzahl erreicht. 1+. Sehr beeindruckend. Die Note, aber noch mehr, dass die Lehrerin seine Schrift entziffern konnte.

In einem Karton entdecke ich einen 50-Euro-Gutschein für einen Berliner Plattenladen. Ein Geschenk zu unserer Hochzeit. Wir haben 2016 geheiratet. Akribisch durchsuche ich alle anderen Umschläge und Karten in der Kiste. Meine Hoffnung, auf Geldscheine zu stoßen, erfüllt sich nicht.

In der obersten Schublade meines Schreibtischs finde ich doch noch zwei Banknoten. 50 dänische Kronen und 10 Schweizer Franken. Wenn ich das nächste Mal nach Dänemark oder in die Schweiz fahre, kann ich es krachen lassen.

In einer anderen Schublade liegen so viele Kästchen mit Musterbeutel-Klammern, als hätte ich eine exklusive, weltweit gültige Vertriebs Lizenz für Musterbeutel-Klammern. Interessanterweise habe ich keinen einzigen Umschlag, der mit Musterbeutel-Klammem verschlossen werden muss.

In den restlichen Schubladen stoße ich unter anderem auf zwei Taschenrechner, drei Locher, zwei Tacker, drei Schachteln mit jeweils 500 Büroklammern, sehr, sehr viele Kugelschreiberminen, einen einzelnen Kugelschreiber, in den die Minen nicht passen, eine Auswahl von Weihnachtskarten von sehr zweifelhafter Schönheit, einige CD-Rohlinge und allerlei anderen Kram.

Ich entsinne mich, wie ich, als ich das letzte Mal ausgemistet habe, irgendwann dachte: „Ach, das stört doch niemanden, wenn das in den Schubladen liegt.“ Da diese Einschätzung heute noch genauso viel Gültigkeit besitzt wie damals, beschließe ich, meine Aufräum-Aktion zu beenden.

27. November 2022, Berlin

Heute ist 1. Advent. Außer dem Stollen haben wir erst eine einzige Plätzchensorte gebacken. Choco Crossies. Die Lieblingssorte der Tochter, die wir ihr nach Carlow schicken.

Unser mangelhaftes Engagement in der Weihnachtsbäckerei liegt nicht nur daran, dass meine Frau gerade sehr viel an der Arbeit zu tun hat und ich mit dem Arbeitszimmer-Umzug beschäftigt bin. Wir haben gerade auch keinen Zugang zu unseren Plätzchendosen. Die liegen in einem abschließbaren Schrank, der dazugehörige Schlüssel befindet sich am Schlüsselbund der Tochter und diese sich bekanntermaßen in Irland.

Hört sich komisch an, aber die Erklärung ist sehr einfach. Ich arbeite schon seit vielen Jahren im Home Office. Gleichzeitig bin ich ein sehr undisziplinierter Mensch, was den Konsum von Süßigkeiten angeht. Deswegen haben wir so gut wie nie Süßigkeiten in der Wohnung. Denn wären welche da, wären sie schon wieder weg.

Die Kombination von Home Office und uneingeschränktem Zugang zu Weihnachtsplätzchen bei gleichzeitig unwilligem Geist und schwachem Fleisch hat sich daher als eher ungünstig erwiesen. Ungünstig für den Hosenbund, der zunehmend mehr zwickt, ungünstig für den morgendlichen Gang auf die Waage, der zunehmend unerfreulicher wird, sowie ungünstig für den Blick in den Spiegel, aus dem dich ein zunehmend hüftspeckigeres Moppelchen anglotzt.

Daher hatte ich vor ein paar Jahren die Idee, die Dosen mit dem Weihnachtsgebäck in dem besagten abschließbaren Schrank aufzubewahren und der Tochter den Schlüssel zur Verwahrung anzuvertrauen. Diese war den größten Teil des Tages in der Schule, was meinen Zugriff auf Vanillekipferl, Kokosmakronen, Dominosteine und Co. verhinderte. Gut, ich hätte den Schrank mit Hilfe von Büroklammern und einer Nagelpfeile aufknacken können, aber so zügellos ist mein Verlangen nach Süßem dann doch nicht.

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An der Weihnachtsbäckerei hapert es zwar noch ein wenig, aber dafür war meine Frau so umsichtig, eine Box mit Süßigkeiten zu bestellen, um die Adventskalender der Kinder zu befüllen. Die Box ist allerdings bereits am Dienstag angekommen. Falls Sie eben aufmerksam gelesen haben, wissen Sie, was das bedeutet: Damit die Kinder nicht nur jeden zweiten Tag ein Adventsleckerli haben, muss ich morgen ein paar Süßigkeiten nachkaufen.


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Eine kleine Wochenschau | KW47-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


21. November 2022, Berlin

Montage zählen gemeinhin nicht zu den beliebtesten Wochentagen. Das müßiggängerische Wochenende liegt hinter und die Woche voller Arbeit oder Schule vor einem. (Bei Lehrer*innen beides.) Den Sohn hat es besonders schlimm erwischt. Er muss diese Woche drei Klausuren schreiben. Heute ist Chemie dran. Er hat mir sogar gesagt, zu welchem Thema, aber ich habe es sofort vergessen.

Chemie war in der Schule mein mit Abstand schlechtestes Fach. Während meiner Schulzeit habe ich insgesamt zwei Sechsen geschrieben. Eine davon im Chemie-Halbjahrestest in der 10. Klasse. Aus Rücksichtnahme auf meine Eltern wollte ich sie mit schulischen Nichtigkeiten und dieser zugegebenermaßen schlechten, aber im Verhältnis zum Weltgeschehen doch irrelevanten Zensur emotional nicht unnötig belasten. Daher ließ ich sie bei der Beantwortung der elterlichen Frage, ob in der Schule irgendetwas Besonderes vorgefallen sei, elegant unter den Abendbrottisch fallen.

Das Ganze kam später allerdings doch raus. Als Zugabe zum Halbjahreszeugnis erhielt ich einen blauen Brief, da meine Leistungen in Chemie nur schwach ausreichend mit Tendenz zum Mangelhaften waren. Persönlich fand ich das gar nicht so schlecht, denn ich musste ja die Sechs aus dem Test ausgleichen. Zu meiner Überraschung teilten meine Eltern diese wohlwollende Einschätzung nicht vollumfänglich. Ihre Dankbarkeit, dass ich ihre Nerven durch das Verschweigen der Sechs geschont hatte, hielt sich ebenfalls in Grenzen.

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Eine kleine Wochenschau | KW46-2022 (Teil 2)

Teil 1


18. November 2022, Berlin

Wir sind zurzeit dabei, das alte Zimmer der Tochter in ein Büro für mich zu verwandeln. Irgendwie ein bisschen traurig, einen Raum, in dem gespielt, gebastelt und Musik gehört wurde, in einen Ort zu verwandeln, in dem du arbeiten musst. Außerdem führt dir diese Zimmertransformation schonungslos vor Augen, dass deine Kinder groß werden und du selbst alt wirst.

Andererseits stehen dann mein Schreibtisch, meine Ordner, der Drucker und all das Gerümpel, das sich so in einem Arbeitszimmer ansammelt, nicht länger in unserem Schlafzimmer rum. Das erhöht die persönliche Wohn- und Schlafqualität doch um einiges. Allerdings muss ich das Zimmer vorher noch streichen. Das senkt meine persönliche Lebensqualität wiederum erheblich.

Die für die Streichaktion notwendige Farbe kaufe ich ganz im Sinne des „support your local everything“ in dem Malereifachgeschäft bei uns in der Nachbarschaft. Nachdem ich mein Anliegen geschildert habe, beweist der Ladenbesitzer, dass er gleichermaßen über Fachkompetenz, Menschenkenntnis und Verkaufstalent verfügt. Er empfiehlt mir eine recht teure Marke. Mit dieser erzielten auch Leute, die nur sehr selten streichen und Angst hätten, ob sie das richtig hinbekämen, gute Ergebnisse. Ich schlage sofort zu.

19. November 2022, Berlin

Zum Streichen des Ex-Kinder-und-Arbeitszimmer-in-spe ziehe ich meine „Arbeitshose“ an. Wie wahrscheinlich bei den meisten Menschen, die ihr Geld am Schreibtisch verdienen und in ihrer Freizeit größtmöglichen Abstand von handwerklichen Tätigkeiten halten, handelt es sich nicht um ein professionelles Arbeitskleidungsstück, sondern einfach um eine ausrangierte Hose, bei der es egal ist, wenn sie schmutzig wird.

Die Hose führte jahrelang ein unbeschwertes Leben in der hintersten Ecke des Kleiderschrankes. Weil wir im Januar schon das Zimmer des Sohns renovierten, trage ich sie dieses Jahr aber bereits zum zweiten Mal. Wahrscheinlich steht sie kurz vorm Burn-out.

20. November 2022, Berlin

Inspiziere morgens das Streichergebnis. Der Mann aus dem Malereifachgeschäft hatte recht. Mit der Farbe kannst du auch als unroutinierter Maler gute Ergebnisse erzielen. Zumindest an den Stellen, an denen du sie aufgetragen hast. Die anderen muss ich heute früh noch einmal nachstreichen. Meine Arbeitshose wimmert leise auf, als ich sei schon wieder anziehe.

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Nach der ganzen Handwerkerei – wenn man das, was ich da gestern und heute veranstaltet habe, so bezeichnen will –, widme ich mich heute einer hauswirtschaftlichen Tätigkeit: Ich backe Stollen. Damit bin ich eigentlich eine Woche zu spät dran. Stollen soll nämlich sechs Wochen vor Weihnachten gebacken werden. Dann kann er richtig durchziehen. Da wir unseren Stollen aber sowieso immer schon nach ein paar Tagen anschneiden, ist es egal, wann ich ihn backe.

Ursprünglich war der Stollen übrigens eine Fastenspeise, die aus Wasser, Hafer und Öl hergestellt wurde. Recht schnell fiel den Menschen aber auf, dass diese Hafer-Öl-Kreation geschmacklich kein Burner war. Daher beschlossen sie, das mit der Fasterei nicht zu übertreiben, und hauten ordentlich Zucker, Eier, Marzipan und in den Teig. Damit der Stollen nicht zu lecker wird, kam irgendein krankes Hirn noch auf die Idee, Zitronat und Orangeat beizumischen. Beides Abfallprodukte, die bei der Herstellung von Autoreifen entstehen, und die mit Zitronen und Orangen soviel zu tun haben, wie Meeresfrüchte mit Obst und Gemüse oder Kichererbsen mit Gelächter.

Mit dem Stollenbacken ist für mich die Weihnachtsbäckerei und damit die Weihnachtsmusik-Saison eröffnet. Einerseits ist meine Frau darüber erleichtert, denn in den letzten Wochen lief bei mir in Vorbereitung auf den 11.11. meine Karnevals-Playlist in Dauerschleife. Andererseits höre ich nun non-stop Feliz Navidad, Silent Night, We wish you a merry Christmas und Co. Für meine Frau ist das wie von der Traufe in den Regen zu kommen, sich zwischen Pest und Cholera entscheiden müssen oder den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Wobei der Beelzebub nach dem 138. „Last Christmas“ wahrscheinlich schnell Reißaus nehmen würde.

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Eine kleine Wochenschau | KW46-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


14. November 2022, Berlin

Nostalgische Kindheitserinnerungen im Supermarkt. Der Kassierer im Supermarkt trägt eine Armbanduhr mit Taschenrechner. Sowie damals in der Grundschule mein Klassenkamerad Thorsten. Dafür habe ich ihn sehr beneidet. Meine Eltern erfüllten mir meinen Wunsch nach einer Taschenrechner-Uhr aber nie und ich suchte auf vielen Geburtstagstischen und unter mehreren Weihnachtsbäumen vergeblich nach ihr. (Schlimmstes Trauma für die wohlbehütet aufgewachsene Generation Golf.)

Auch jetzt an der Kasse denke ich, dass ich gerne so eine Uhr hätte. Dabei trage ich seit über 25 Jahren keine Armbanduhr. Eine Zeit lang hatte ich eine Taschenuhr, weil ich dachte, das sei cool. Stellte sich aber heraus, dass es sehr uncool ist. Außerdem habe ich einen Taschenrechner in meinem Smartphone, den ich so gut wie nie benutze. Und mit „so gut wie nie“ meine ich „nie“. Es gibt im Alltag einfach sehr wenige Situationen, in denen ich zu mir sage: „Was für ein Glück, dass mein Handy einen Taschenrechner hat. Aber noch besser wäre es, wenn ich ihn am Handgelenk tragen würde.“

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