Eine kleine Wochenschau | KW16-2022 (Teil 2)

Teil 1


22. April 2022, Berlin

Ich schaffe es, mich in der Teststation um die Ecke freizutesten. Meiner Frau bleibt das noch verwehrt, ihr Test zeigte Zuhause noch immer zwei Striche an. Meine Isolation endet also und ich darf wieder rausgehen, meine Frau muss dagegen weiterhin in der Wohnung bleiben.

Selbstverständlich freut meine Frau sich für mich, überkompensiert dabei aber derart, dass sie nicht in der Lage ist, ihre Freude zum Ausdruck zu bringen, sondern grummelt, das sei alles total unfair, es dauere bestimmt zehn Tage, bis sie einen negativen Test habe oder noch länger und wahrscheinlich dürfe sie nie wieder das Haus verlassen. Irgendwann ist ihre schlechte Laune so groß, dass sie in einer Art Übersprungshandlung ihren Kleiderschrank aufräumt und alte Klamotten aussortiert. Somit hat ihre verlängerte Isolation doch etwas Gutes. (Ein Satz, den ich nur stehen lasse, wenn sich meine Frau bis zum Wochenende freitesten konnte.)

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Ich nutze meine wiedererlangte Bewegungsfreiheit, indem ich zur Post und zum Supermarkt gehe. Meine Frau nutzt meine wiedererlangte Bewegungsfreiheit, indem sie mich zum Blumenladen schickt. Ich solle Pflanzen holen, damit sie den Balkon begrünen kann. (Eine weitere Übersprungshandlung, wie ich vermute, was ich aber für mich behalte, denn nach 25 Jahren Partnerschaft, hast du ein gutes Gespür dafür, wann du besser schweigst.)

Zu meinem Unmut gibt mir meine Frau keine detaillierte Bestellung auf, sondern sagt, ich solle einfach irgendetwas besorgen. Hauptsache es blüht. Wegen der Bienen und so. Und winterhart soll es sein. Eine Spezifizierung, die mir nur bedingt weiterhilft.

Ohnehin bin ich nicht besonders begeistert, dass ich Balkonpflanzen besorgen soll. Mein Wissen über Pflanzen im Allgemeinen und über Balkonpflanzen im Speziellen ist sehr, sehr begrenzt. Mich mit dem Kauf von Balkonpflanzen zu beauftragen ist so, als würdest du eine vollgekokste mongolische Rennratte eine OP am offenen Herzen durchführen lassen. Okay, zugegebenermaßen sind die Konsequenzen nicht ganz so fatal, wenn ich Blumen kaufe. Wobei für die Pflanzen, die ich falsch auswähle und die dann auf unserem Balkon eingehen, eigentlich schon.

Zunächst google ich, was winterhart genau ist. Dabei finde ich eine umfangreiche Liste mit Pflanzen, die tough genug sind, um auch mal ein paar Minusgrade auszuhalten. Von den wenigsten Namen auf dieser Liste habe ich schon mal gehört und von noch wenigeren weiß ich, wie sie aussehen. Ungestützt kenne ich in der Pflanzenwelt ohnehin nur Vergissmeinnicht und Stiefmütterchen. Erstere mochte ich als Kind, weil ich mir den Namen merken konnte, letztere weil sie aussehen wie schlecht gelaunte kleine Monster.

Beim Blumenladen stehe ich ratlos vor einer riesigen Auswahl an Pflanzen und recherchiere am Handy für jedes einzelne Gewächs erstmal, wie hoch ihre Survival-of-the-fittest-Chance in einem mitteleuropäischen Winter ist. Schließlich kommt der Blumenhändler zu mir und erkundigt sich, ob er mir helfen könne. Eine Frage, die bei mir im Einzelhandel regelrechte Fluchtreflexe auslöst.

Ich habe eigentlich ein fast schon naiv positives Menschenbild, aber Verkäufer*innen unterstelle ich immer, sie wollten meine Unwissenheit und Inkompetenz ausnutzen, um mir irgendetwas Minderwertiges, das ich gar nicht brauche, zu überteuerten Preisen aufzuschwätzen. Meine schlechten Kaufentscheidungen möchte ich aber lieber alleine treffen. („Freie Fehlkäufe für freie Bürger!“) Daher lüge ich: „Ich komme schon zurecht“, und gehe kurze Zeit später zum nächsten Blumenladen.

Dort ist die Auswahl glücklicherweise wesentlich geringer, was meinen Rechercheaufwand erheblich reduziert. Nach rund einer halben Stunde habe ich acht Pflänzchen ausgewählt, von denen ich hoffe, dass sie tatsächlich dem Winter trotzen. Ich suche die Exemplare aus, bei denen ich vermute, ihre Knospen sind kurz vorm Aufblühen und sie sind nicht bereits totgeweiht auf dem Weg zum Eingehen. Das würde allerdings ganz gut zu unserem Pflanzenhospiz auf unserem Balkon passen, wo wir schon unzählige Pflanzen beim Sterben begleitet haben.

23. April 2022, Berlin

Ernüchterung am Morgen: Meine Frau scheitert beim Freitesten. Denkbar knapp und denkbar unglücklich. Zuhause zeigte ihr Test nur einen Strich, die Mail von der Teststation lautet aber: positiv. Fühlt sich ein bisschen an, als kassiertest du in der Nachspielzeit, als der Schiri schon die Pfeife in den Mund genommen hat, mit dem allerletzten Schuss des Spiels den Gegentreffer, der deine Niederlage besiegelt. Aus abseitsverdächtiger Position und nach einem Rempler gegen deinen Torwart.

Zumindest gibt uns das die Möglichkeit, unser „Alle Arrow-Staffeln anschauen“-Projekt fortzusetzen. Aber ich glaube, meine Frau sieht das nicht ganz so positiv. Sie ist gerade eher der „Das Glas ist halbleer“-Typ. (Ein Satz, den ich nur stehen lasse, wenn sich meine Frau bis zum Wochenende freitesten konnte.)

24. April 2022, Berlin

Doch noch gute Nachrichten zum Wochenausklang: Für meine Frau, die endlich einen negativen Test von der Teststation bescheinigt bekommt, und für mich, der ich nun die ganzen Sätze nicht streichen muss. Zur Feier des Isolationsendes meiner Frau machen wir einen gemeinsamen Spaziergang. Den ersten seit elf Tagen.

Zusammen rausgehen zu können, ist natürlich sehr schön, gefährdet aber das Ziel, heute die letzte Arrow-Staffel abzuschließen. Vielleicht bin doch ich in unserer Ehe der „Das Glas ist halb leer“-Typ.


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Eine kleine Wochenschau | KW16-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


18. April 2022, Berlin

Tag 3 unserer Corona-Isolation. Beim Frühstück frage ich meine Frau, ob wir gleich die beiden letzten Folgen der fünften Arrow-Staffel schauen sollen. Die hatten wir gestern Abend nicht mehr geschafft. Meine Frau schüttelt den Kopf. Wenn sie schon um acht Uhr fernsehen würde, hätte sie das Gefühl, sie verliere die Kontrolle über ihr Leben.

Ich frage mich, ob nicht das Gegenteil der Fall ist. Indem du schon um acht Uhr vor der Glotze hockst, hast du doch die totale Kontrolle über dein Leben. Weil du dich dann den Zwängen der bürgerlichen Gesellschaft entziehst. Das frühmorgendliche Netflixen als quasi-revolutionärer Akt, als Auflehnung gegen die kapitalistische Lohnsklaverei, als Ausdruck der emanzipatorischen Selbstermächtigung. Wohlklingende, leicht vulgär-marxistische Worte, die noch überzeugender wären, hätte ich vor dem Frühstück nicht schon drei Schokoeier gegessen. Denn das ist wirklich ein untrügliches Zeichen, dass du dein Leben nicht im Griff hast.

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Familien-Tweets der Woche (408)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

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Eine kleine Wochenschau | KW15-2022 (Teil 2)

Teil 1


15. April 2022, Berlin

Der Sohn gibt fürs Frühstück vier Brötchen in Auftrag. Vier Hälften mit Spiegelei, Schinken und Käse, zwei Hälften mit Erdnussbutter und Marmelade, zwei Hälften mit Schoko-Creme. Dazu noch einen großen Kaffee. Langsam drängt sich bei mir der Eindruck auf, der Sohn hat sich einen neuen Omnikron-Subtypus mit dem Hauptsymptom „Fressverhalten eines ausgewachsenen Mammuts kurz vor dem Winterschlaf“ eingefangen.

Dafür ist aber der zweite Strich auf seinem Test heute fast gar nicht mehr zu erkennen. Wenn er Glück hat, kann er sich am Sonntag frei testen.

Corona sorgt allerdings bereits für Nachschub. Meine Frau hat sich Abend schon nicht so toll gefühlt, aber ihr Test war negativ. Heute Morgen streicht sie zusätzlich den Rachen ab und nun erscheint ein sehr dünner, aber nicht zu verleugnender zweiter Strich. Richtig topfit bin ich auch nicht, mein Test belässt es aber bei einem Strich. Wahrscheinlich habe ich mir das Stäbchen nicht tief genug in den Rachen geschoben.

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Jetzt, wo es in unserer Familie 2:1 für die Infizierten steht, müssen wir die Wohnung neu aufteilen. Meine Frau hält sich im vorderen Teil in unserem Schlafzimmer auf, der Sohn im hinteren Teil in seinem Zimmer, ich im Rest der Wohnung. Eigentlich würde es mehr Sinn machen, wenn ich mich auf einen Raum beschränken würde, während den beiden Coronies die restliche Wohnung überlassen wird. Aber wir halten es für eine nicht so gute Idee, dass meine Frau heute Abend kocht und mir eine vervirte Mahlzeit kredenzt. (Wahrscheinlich ergibt das biochemisch, physikalisch und virologisch überhaupt keinen Sinn, aber ich habe keine Lust, dazu eine tiefgründige Recherche zu starten. Vor allem nicht, wenn mich diese den Zugang zum großen Fernseher kosten könnte.)

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Ich kümmere mich später ums Abendessen. An Karfreitag gab es bei uns früher immer Fisch. Für meinen Bruder und mich, als wir noch kleiner waren, Fischstäbchen. Bei denen stellt sich allerdings die Frage, ob sie überhaupt in die Kategorie Fisch fallen. Im Gegensatz zum Spinat essen am Gründonnerstag verstehe ich die Fisch-Karfreitag-Connection ziemlich gut. Ein paar der Jünger waren ja Fischer und da war das von Jesus wahrscheinlich ein Influencer-Move, die Leute zum Fisch essen zu animieren. („Mögt ihr auch so gerne Fisch? Schreibt mir eure Lieblingsrezepte in die Kommies! Und schaut euch mein neues Video Dancing on the sea an. Bussi!“)

Obwohl ich null religiös bin, befolge ich unsere alte Familientradition und mache Pappardelle mit Sahnesauce und Lachs. Keine Ahnung, wo das mit dem Traditionen befolgen noch hinführen wird. Vielleicht trete ich demnächst in eine Volkstanzgruppe ein, dann in einen Schützenverein und bei der nächsten Bundestagswahl wähle ich CDU.

16. April 2022, Berlin

Wache morgens mit Halsweh und matschiger Birne auf. Letzteres ist nicht unnormal, aber ersteres deutet darauf hin, dass es mich jetzt ebenfalls richtig erwischt hat. Pflichtschuldig aber eher zaghaft streichle ich mit dem Stäbchen meinen Rachen und pople mir dann umso energischer und tiefer in der Nase rum. Ein paar Minuten später zeigt der Test dann, wie erwartet, zwei Striche. Nun steht es also rotstrichig auf weiß fest: Auch ich habe Corona.

Während ich überlege, ob sich irgendeine Produktionsfirma für die Filmrechte an Christian has fallen interessieren könnte, machen meine Frau und ich einen Termin bei unserer Teststation um die Ecke aus, die kurze Zeit später unser Testergebnis nochmal offiziell bestätigt.

Ein Gutes hat mein positiver Test aber: Nun können wir uns alle wieder frei und maskenlos in der Wohnung bewegen.

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Meine Frau und ich haben glücklicherweise ebenfalls nur sehr, sehr milde Symptome. (Ein herzliches Dankeschön an die Impfstoffentwickler von Biontech, Pfizer, Moderna und AstraZeneca!) Trotzdem finden wir, dass mit so einer Corona-Infektion nicht zu spaßen ist, und lassen den Wochenend-Putz sicherheitshalber ausfallen.

Bevor wir unseren Nachmittag auf der Couch mit Netflix en verbringen können, storniere ich noch unsere Zugtickets und unser Hotel in Stockholm. Beziehungsweise versuche es. Bei der Hotelreservierung muss ich feststellen, dass ich mich als kurzfristig denkender Geizkragen bei der Buchung für die zehnprozentige günstigere Option ohne Storno-Möglichkeit entschieden hatte. Wie so jemand der während der Corona-Pandemie in einer Höhle ohne jeglichen Außenkontakt gelebt hat.

17. April 2022, Berlin

Zu Ostern backt meine Frau normalerweise immer eine Ostertorte aus dem Kochbuch-Klassiker Die echte italienische Küche. Diese besteht aus zwölf Schichten Blätterteig, die die zwölf Jünger symbolisieren. Um den Leidensweg Christi nachzuempfinden, rollt meine Frau jede einzelne Schicht händisch hauchdünn aus. Dabei stößt sie Flüche aus, die meines Wissens nicht aus der Bibel überliefert sind. Gefüllt wird das Ganze mit einer Spinat- Ricotta-Mischung und Eiern. Dieses Jahr müssen wir auf die Ostertorte verzichten, denn für eine spontane Backaktion fehlen uns die Zutaten.

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Unser Schokoeier-Vorrat zum Verstecken ist auch eher begrenzt. Möglicherweise denken Sie, dass der Sohn mit fünfzehneinhalb ohnehin zu alt zum Ostereiersuchen ist. Dachten wir letztes Jahr auch. Als wir die Kinder jedoch gefragt haben, ob wir überhaupt noch Sachen verstecken sollen, gaben sie uns mit entrüsteten Blicken zu verstehen, dass das nicht zur Disposition steht. Vielleicht waren sie aber auch gar nicht entrüstet, sondern nur sehr, sehr verblüfft, dass wir es sind, die die Eier verstecken und nicht der Osterhase.

Ich hoffe, dass der Sohn nicht alle Schokoeier gefunden hat. Dann werden wir im Laufe des Jahres bei gelegentlichen Aufräumaktionen vielleicht fündig und können uns für das Erledigen der Hausarbeit mit ein wenig Schoki belohnen.

In diesem Sinne: Frohe Ostern!


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Eine kleine Wochenschau | KW15-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


11. April 2022, Berlin

Die Käsenamen-Kreativen im Bio-Supermarkt haben wieder zugeschlagen. Neben dem wilden Bernd und der leichten Hilde gibt es nun auch noch einen urigen Hannes. Laut Etikett handelt es sich um einen Schnittkäse, der rotgeschmiert und mit einer Mischung aus Blaubeeren, Schabziger Klee, Brennnesseln und Petersilie affiniert ist. Liest sich, als wäre jemand besoffen durch den Garten gestolpert und hätte wahllos irgendwelches Grünzeug rausgerupft, mit dem er dann den Käse versetzt hat.

Mir tut der Käse ein bisschen leid. Zuerst wird er rotgeschmiert und affiniert – was auch immer das ist – und dann raucht irgendein Marketing-Fred den Rest der Blaubeeren-Schabziger-Klee-Brennnessel-Petersilien-Mischung und denkt sich: „Mensch, dich nenn‘ ich uriger Hans!“

Wenn du uriger Hannes heißt, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass du an der Käsetheke gemobbt wirst. Sowohl von den anderen Käsesorten als auch den Kund*innen. Oder ist der urige Hans in der Käsewelt eine Art Holzmichl und die anderen Käsesorten fragen sich, ob er noch lebt?

Gedanken und Fragen am Montagmorgen, die den Eindruck erwecken, dass ich a) zu viel Zeit habe und b) selbst von der Blaubeeren-Schabziger-Klee-Brennnessel-Petersilien-Mischung geraucht habe. Die anderen Menschen an der Käsetheke werden langsam unruhig. Ich entscheide mich für einen namenlosen Cheddar und ziehe weiter.

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Familien-Tweets der Woche (407)

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Eine kleine Wochenschau | KW14-2022 (Teil 2)

Teil 1


08. April 2022, Berlin

Seit ein paar Tagen bin ich Mitglied in einem Sportverein. Das erste Mal seit fast 30 Jahren. Damals spielte ich Tennis beim TV Westerburg e.V. Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht erinnern, dort jemals ausgetreten zu sein. Ich hoffe, meine Eltern haben das irgendwann für mich erledigt. Falls nicht, möchte ich mich in aller Form beim TV Westerburg dafür entschuldigen, dass ich ihm rund 3.000 Euro an Mitgliedsbeiträgen schulde.

Nun bin ich dem TSV GutsMuths Berlin 1861 e. V. beigetreten. Der verfügt über eine Anlage mit 400-Meter-Tartanbahn und die möchte ich für meine Marathonvorbereitung nutzen. Laut seinem Vereinsnamen ist der TSV GutsMuths Berlin über 160 Jahre alt. Also ungefähr so alt wie ich mich fühle, als ich in der Frühe über besagte Tartanbahn renne.

Glücklicherweise habe ich die Bahn für mich allein. Denn nichts ist unangenehmer als von überambitionierten, übermotivierten und überehrgeizigen Frühsportler*innen achtmal in der halben Stunde überrundet zu werden. Um kurz nach sieben halten sich Ambitionen, Motivation und Ehrgeiz bei den GutsMuthsler*innen aber noch in Grenzen und niemand will jetzt schon Runden laufen. Der Hausmeister hat auch ein bisschen irritiert geschaut, als ich ihn so früh an der Pforte begrüßte. (Oder heißt das Hallenwart? Oder Platzwart? Ich bin noch nicht so geübt in der korrekten Verwendung des Vereinsjargons.)

Für meine Stadion-Laufeinheit habe ich mir extra eine Euro-Dance-Playlist zusammengestellt, da ich mir erhoffe, dass sich die schnellen Beats auf mein Tempo übertragen. Herbert Steffny wäre davon wahrscheinlich nicht sonderlich begeistert. Und ich kann ihn verstehen. Als mir Blümchen ins Ohr plärrt, dass sie wie ein Boom-Boom-Boomerang immer wieder bei mir ankäme, habe ich meine Zweifel, ob das mit den schnellen Runden auf der Tartanbahn, mit der Vereinsmitgliedschaft und vor allem mit den Euro-Dance-Hits eine wirklich gute Idee war.

09. April 2022, Berlin

Ich erhalte eine Mail vom Amazon Product Safety Team, dessen Existenz mir bis heute unbekannt war. Ferrero hätte eine Information zur Produktsicherheit veröffentlicht und die von mir erworbene Mix Party Box mit Ferrero Kinder Spezialitäten (1er Pack, 730 g) sei möglicherweise mikrobiologisch kontaminiert. Deswegen werde ich aufgefordert, die Süßigkeiten zu entsorgen und nicht zu konsumieren. Falls ich dies bereits getan hätte und mich unwohl fühlen würde, solle ich ärztlichen Rat einholen.

Amazon teilt mir außerdem mit, es bedauere den Vorfall sehr, denn meine Sicherheit habe bei ihnen oberste Priorität. (Vielleicht sollten die Mitarbeiter*innen und Kurierfahrer*innen bei Amazon bestellen. Dann hat ihre Sicherheit vielleicht auch oberste Priorität.) Zum Abschluss wird mir noch zugesichert, dass mir in den nächsten ein bis drei Werktagen der Kaufbetrag gutgeschrieben wird.

Ich kann mich nur sehr dunkel daran erinnern, jemals bei Amazon Kinder-Süßigkeiten bestellt zu haben. Nach längerer Suche finde ich die Bestellung: Sie ist vom 19. Dezember 2020.

In den USA könnte ich Ferrero wahrscheinlich für die erfahrene seelische Grausamkeit, dass ich mir vor zweieinhalb Jahren eine Lebensmittelvergiftung hätte zuziehen können, auf ein Schmerzensgeld in Höhe von 17 Millionen US-Dollar verklagen. In Deutschland muss ich mich dagegen mit dem Kaufbetrag zufriedengeben. Aber das ist auch okay. Von den 19,99 Euro kann ich mir andere Schokolade kaufen.

10. April 2022, Berlin

Recherchiere im Internet nach Laufschuhen. Es ist auch wirklich an der Zeit, dass ich mir neue kaufe, denn meine beiden alten Paare sind fast fünf Jahre alt und haben jeweils gut 5.000 Kilometer auf den Sohlen. (Orthopäd*innen und Laufschuhverkäufer*innen zucken zusammen.)

Als Mensch der Gewohnheiten und Routinen mag, trage ich seit mehr als zehn Jahren das gleiche Modell, mit dem ich sehr zufrieden bin. (Warum sollte ich es sonst auch seit über zehn Jahren immer wieder kaufen, wenn ich nicht zufrieden wäre? So ein Gewohnheitstier bin ich dann doch nicht.) Inzwischen wird das Modell schon lange nicht mehr hergestellt und es ist zunehmend schwieriger, irgendwo noch ein paar Restposten aufzutreiben. Nach fast zwei Stunden Suche habe ich Glück und finde ein Paar in meiner Größe. Allerdings ist der weiße Schuh am Rand in rosa Regenbogenfarben gemustert und die Schnürsenkel-Ösen sind in pink gehalten.

Aufgrund der farblichen Gestaltung vermute ich, dass der Schuh eigentlich für Frauen vermarktet wird. (Welcome to the rosa-hellblau Falle!) Wobei die Größe gegen diese These spricht, denn es gibt wahrscheinlich nicht so viele Frauen mit Schuhgröße 44. Andererseits könnte der niedrige Anteil an Läuferinnen mit überdurchschnittlich großen Füßen der Grund sein, dass dieses Paar seit über zehn Jahren nicht verkauft wurde.

Egal. Ich beschließe, dass meine Männlichkeit nicht zu fragil ist, um Laufschuhe mit dezentem rosa Muster zu tragen, und drücke auf den Kaufen-Button. Vielleicht motiviert mich das, schneller zu laufen, damit niemand die Schuhe sieht. Werde gleich mal Herbert Steffny eine Mail schreiben, was er von dieser Trainingsmethode hält.


Buch-Tipp der Woche

Ich bekomme immer mal wieder Bücher von Verlagen oder Autor:innen zugeschickt. Da mir die Zeit für aufwändige Rezensionen fehlt, sollen sie wenigstens hier Erwähnung finden.

Die Schriftstellerin und Kolumnistin Lea Streisand hat im März ihren dritten Roman veröffentlicht. Er trägt den Titel „Hätt‘ ich ein Kind“ und es geht darin, wie es bei der taz heißt, um „zwei Freundinnen, eine Schwangerschaft, eine Adoption.“ Es sei ein „Roman übers Kinderkriegen und eine Geschichte über Geduld, Blut und Bürokratie. Und Schneewittchen.“ Dabei behandelt Lea Streisand die Frage, warum Menschen unbedingt Kinder wollen und woher die unerfüllbaren Ansprüche an Mütter kommen. Gespickt ist das Ganze mit großem Detailwissen über die Märchen der Gebrüder Grimm, was sich merkwürdig anhört, das Buch aber besonders lesenswert macht. Und ohne zu spoilern, kann ich hier schon eine sehr überraschende Erkenntnis des Buchs verraten: Schneewittchen war gar nicht ebenholzschwarzhaarig, sondern blond!

Unter den Leser*innen, die bis Donnerstag, den 14.04.22, einen märchenhaften Kommentar unter diesem Beitrag hinterlassen, verlose ich mein Rezensionsexemplar. [Bevor Sie mir einen Anwalt auf den Hals hetzen, möchte ich betonen, dass auch nicht-märchenhafte Kommentare zur Verlosungsteilnahme berechtigen.]

Der Rechtsweg ist ebenso wie der Linksweg ausgeschlossen, eine Auszahlung des Gewinns ist nicht möglich, alle E-Mail-Adressen werden nach Abschluss der Verlosung DSGVO-konform gelöscht, blablabla …

Lea Streisand: Hätt‘ ich ein Kind. Ullstein-Verlag, 2022.


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Eine kleine Wochenschau | KW14-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


04. April 2022, Berlin

Meine Frau muss zum Elternabend. Ich habe da meine Schuldigkeit getan, denn ich war für die Elternabende der Tochter zuständig. Mit ihrem Abitur endete meine Elternabend-Karriere. (Obwohl ich in der Grundschule vier Jahre Elternvertreter war, bin ich aber bisher nicht in die Elternabend-Hall-of-Fame aufgenommen worden. Möglicherweise liegt dies an meinem Beitrag „Niemand hat die Absicht, Elternvertreter zu werden“.)

Auf dem Elternabend wird unter anderem die bevorstehende Klassenfahrt besprochen. Die soll nach Heidelberg gehen. Meine Frau erzählt später, sie habe angeregt, die Schüler*innen könnten dort das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, mit dem sie beruflich zu tun hat, besuchen. Ein Vorschlag, der beim Klassenlehrer, der Geschichte unterrichtet, Begeisterung auslöste, beim Sohn dagegen Entsetzen. Also, nicht weil er etwas gegen Sinti und Roma hat, sondern er erklärt, dass sie auf der Klassenfahrt doch Spaß haben wollen. Der Besuch von Begegnungsstätten, Museen und Ausstellungen fällt anscheinend nicht in diese Kategorie.

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Heute ist Laufe-um-Dinge-herum-Tag. Um den zu begehen, muss ich nur ins Zimmer des Sohns gehen. Dort ist 365 Tage im Jahr Laufe-um-Dinge-herum-Tag.

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Familien-Tweets der Woche (406)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

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Eine kleine Wochenschau | KW13-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


28. März 2022, Berlin

Gehe morgens einkaufen. Als ich den Supermarkt betreten will, stelle ich fest, dass ich meine Maske vergessen habe und den ganzen Weg wieder zurücklaufen muss, um mich vorschriftsmäßig zu bemasken. Das ist mir in den letzten zwei Jahren tatsächlich nie passiert.

Was bedeutet meine Maskenvergesslichkeit wohl? Ist sie ein Zeichen, dass ich corona-müde bin? Oder mutiere ich kurz vor Aufhebung der Hygienemaßnahmen noch zum corona-leugnenden Quer„denker“? Oder bin ich erschöpft und gejetlagged von der gestrigen Zeitumstellung? Vielleicht ist die Antwort aber auch viel einfacher und ich bin einfach ein verschusselter Trottel.

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