Cassis 2022 – Tag 08 (16.07.): Morning has broken

Der alljährliche Urlaubsblog. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Sie, aus welchen Gründen auch immer, alle Beiträge des Cassis-Blogs lesen möchten, werden Sie hier fündig.


„Ist das Kotze auf dem Boden?“ Eine Frage, die du dir lieber nicht stellen möchtest, wenn du vor die Tür trittst. Eigentlich wollte ich meinen morgendlichen Lauf in Angriff nehmen. Nun inspiziere ich erstmal die Lache im Eingangsbereich vor unserer Ferienwohnung. Gelblich, breiig-wässrig mit bunten, kleinen Bröckchen. „Joa, das ist Kotze“, schlussfolgere ich. Weil ich mir dabei wie Sherlock Holmes vorkomme, bin ich kurz davor, eine imaginäre Pfeife zu paffen.

Ich habe eine Vermutung, von wem der Kotzflatschen stammt. Unsere Ferienwohnung liegt im Erdgeschoss eines dreistöckigen Appartement-Komplexes. Die Wohnung über unserer haben gestern drei junge Männer, circa Anfang 20, bezogen. Abends gingen sie runter in den Ort zum Feiern. Als sie zu später – beziehungsweise früher – Stunde zurückkamen, arrangierten sie erstmal ihre Wohnungseinrichtung um. Zumindest hörte es sich im Halbschlaf so an, als würden große Schränke kreuz und quer durch die Wohnung geschoben. Dem Lärm zufolge könnte sich aber auch eine Gruppe Clogs tragender Elefanten an einem Irish Dance versucht haben. (Ich möchte nicht ausschließen, dass unsere neuen Nachbarn Frankreichs Vergeltung für die deutschen Proll-Assis im Zug nach Marseilles sind.)

Ich halte es für eher unwahrscheinlich, dass das ältere Ehepaar aus der Ferienwohnung neben uns vor unsere Tür gekotzt hat. Aufgrund der nächtlichen Geschehnisse erscheint es mir naheliegender, dass einer der feierbiestigen Knaben oben von der Brüstung zu uns runter gereihert hat. (Ob meiner holmesken Deduktionsfähigkeiten, bin ich erneut versucht, an der imaginären Pfeife zu ziehen.)

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Bevor ich zu meinem Lauf aufbreche, spüle ich die Kotzlache mit ein paar Eimern Wasser weg. Die Laufeinheit ein wenig hinauszuzögern, ist eigentlich immer willkommen. Aber ich hätte mir dafür etwas Schöneres vorstellen können, als Erbrochenes zu beseitigen. Zum Beispiel noch einen Kaffee trinken. Oder die Aussicht auf dem Balkon genießen. Oder mich mit jemandem unterhalten, der anbietet, mich in einer Fahrradrikscha den steilen Berg hinter dem Bahnhof hochzufahren.

Es kommt aber niemand mit einem Rikscha-Angebot. Obwohl ich extra an der Straße noch ein paar Minuten warte. Also laufe ich gezwungenermaßen selbst das flache Stück bis zum Bahnhof und dann den unflachen Anstieg bis zum Waldweg. Dort ignoriere ich den Aushang mit dem vermissten Hund und jogge an der Schranke vorbei.

Für heute habe ich mir dreizehn Kilometer vorgenommen. Um die zusammenzubekommen, muss ich ein Stück weiter in den Wald laufen als in den vorherigen Tagen. In der Ferne, auf der anderen Seite eines Tales, sehe ich etwas, das nach Übertagebau aussieht. Irgendetwas Weißes wird da weggebuddelt. Nebendran lagern auf einem großen Platz Unmengen von gepressten Steinblöcke. Womöglich die letzten Zuckungen der Cassisschen Kalksteinindustrie? (Als Stammleser*in erinnern Sie sich sicherlich an meine überaus lehrreichen Ausführungen zum Wirtschaftsstandort Cassis, aus dem allerersten Beitrag des diesjährigen Urlaubsblogs.)

Von der Kalksteingrube und dem Lagerplatz wabert ein Geruch herüber, der Noten von Chlor, Klebstoff, Lösungsmittel und Wasserfarben-Wasser enthält. Es ist doch immer wieder schön, in der freien Natur zu laufen.

Das Ende des Waldweges wird ebenfalls durch eine Schranke abgesperrt. An der weist ein metallenes Schild der lokalen Behörden auf verschiedene Gefahren hin. Du kannst Abhänge hinunterfallen, Steinschläge können deinem Leben ein Ende bereiten oder du wird von umstürzende Bäumen erschlagen. Und der Wald könnte brennen. Nicht zu vergessen, dass hier ein hungriger Pitbull rumläuft, auf der Suche nach Beute. Ich absolviere hier also keine normale Laufeinheit, sondern bin Teilnehmer der Provence-Ausgabe der Hunger Games. Schön, schön, schön.

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Wir sind gerade mit dem Frühstück fertig und räumen den Tisch ab. Plötzlich passiert etwas sehr Merkwürdiges: Es klingelt. Wer sollte bei uns in der Ferienwohnung klingeln? Ein Amazon-Kurier, der etwas für die Nachbarn abgeben will? Oder ein paar Zeugen Jehovas, die mit uns über Gott sprechen möchten?

Weil sich meine Frau noch mehr weigert als ich, zur Tür zu gehen, muss ich das übernehmen. Als ich aufmache, stehen vor mir zwei schmächtige Jungs. Ich schätze, eine Gesandtschaft unserer Übermieter. Ihr zarter Bartflaum lässt mich vermuten, dass sie doch noch nicht Anfang 20 sind. Es kann nicht allzu lange her sein, dass sie die Volljährigkeit erreicht haben. Höchstens ein paar Monate. Oder Wochen. Oder Stunden.

Einer der beiden sagt etwas. Ich erkläre ihm auf Französisch, dass ich kein Französisch spreche. „Je ne parle pas français.“ Das ist der einzige französische Satz, den ich fließend und akzentfrei sagen kann. Und zwar so fließend und akzentfrei, dass das einige Male zu Verwirrung geführt hat. Meine Gegenüber dachten dann nämlich, ich verstünde sie doch, und deswegen sprachen sie weiter Französisch.

Diesmal aber nicht. Der andere der beiden Schmalbrüstigen erklärt auf Englisch, ihr Kumpel sei heute Nacht total besoffen gewesen und habe vor unsere Tür gekotzt. (Ich bin mir nicht sicher, ob besagter Kumpel noch indisponiert ist oder ob einer der beiden selbst der „Kumpel“ ist.) Bevor ich erwidern kann, dass mir dieser Sachverhalt bereits bekannt ist, fragt der Knabe, ob es okay sei, wenn sie unseren Eingangsbereich putzen würden. Nun hatte ich das heute früh schon mehr oder weniger selbst erledigt. Damit die beiden aber mit den Steinplatten auch ihr Gewissen reinwaschen können, erkläre ich, das sei in Ordnung.

Am späten Nachmittag reisen die Party-Boys ab. Finde ich ganz gut. Zum einen können wir die weiteren Tage ungestört genießen. Zum anderen muss ich mich nicht besaufen und ihnen aus revanchistischen Gründen zurück vor die Tür kotzen.

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Fortsetzung


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