Cassis 2022 – Tag 11 (19.07.): Was macht die Taube am Strand?

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Erkenntnisse während meines neunten Laufs hier in Cassis: Es ist jeden Morgen gleich heiß und drückend, die Anzahl der Bäume auf dem Flachstück zum Bahnhof ist immer gleich gering und der Berg hinter dem Bahnhof bleibt gleich steil. Ich glaube, ich bin da einer großen Sache auf der Spur.

Für die heutige Laufeinheit habe ich mir sechzehn Kilometer vorgenommen. Ich bleibe anscheinend jeden Tag gleich bescheuert.

Um die auferlegten Kilometer beisammen zu bekomme, muss ich nach dem Ende des Waldwegs weiterlaufen. Dahinter kommt eine Wohngegend, die Straße geht leicht bergauf. Natürlich.

Wohngegend trifft es eigentlich nicht ganz. Es ist mehr eine Villengegend. Im Vergleich zu Cassis sind die Häuser hier größer und teurer, die Mauern länger und höher, die Autos dicker und schneller.

In der Ferne sehe ich einen schnittigen, roten Sportwagen. Einen Alfa Romeo Spitfire. Wieso weiß ich das? Mein Wissen über Autos ist normalerweise sehr, sehr überschaubar. Quasi nicht existent. Falls Sie mal bei Günter Jauch sitzen und eine Autofrage gestellt bekommen, rufen Sie mich auf gar keinen Fall an. Wenn Sie die Antwort nicht kennen, kann ich Ihnen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht helfen. (Sollten Sie jedoch gefragt werden, wer bei der WM 1982 im Halbfinale gegen Frankreich den 3:3-Ausgleich für Deutschland geschossen hat, dann melden Sie sich ruhig bei mir. Das war Klaus Fischer. In der Verlängerung. Mit einem Fallrückzieher.)

Nun kenne ich aber plötzlich unvermittelt die Marke und den Spitznamen eines italienischen Sportwagens. Möglicherweise hat die Dauerhitze ein paar neuronale Verbindungen in meinem Gehirn verschmolzen. Nun sind mir Wissensareale zugänglich, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren. Schön wäre es, wenn dadurch etwas nützlicheres Wissen zutage gefördert würde als Auto-Trivia. Zum Beispiel ein Heilmittel für Krebs, eine Lösung für die Klimakatastrophe oder ein Rezept für kalorienfreien, aber trotzdem leckeren Käsekuchen.

Auf dem Rückweg sehe ich, dass die Fenster des Spitfires einen Spalt geöffnet sind. Das deutet auf ein gutes und vertrauensvolles Nachbarschaftsverhältnis hin. Okay, wenn deine Nachbarn alle Millionäre sind, ist es nicht besonders wahrscheinlich, dass dir einer von ihnen das Auto klaut. Die geöffneten Fenster sollen sicherlich für Lüftung und Kühlung sorgen. Das macht Sinn. Was nützt dir so eine teure Karre, wenn du bei der Gluthitze einsteigst und der halb geschmolzen Ledersitz mit deiner Rückenhaut fusioniert.

Ich überlege, ob ich durch meine neu verlöteten neuronalen Verbindungen nun das Wissen habe, wie du ein Auto knackst und kurzschließt. (Anscheinend hat die Hitze auch mein Über-Ich, das für moralische Bedenken zuständig ist, eingeköchelt.) Dann könnte ich mit dem Wagen zurück zur Ferienwohnung fahren und mir die restlichen fünf Laufkilometer ersparen. (Formal käme ich dann trotzdem auf sechzehn Kilometer, denn ich habe heute früh nicht präzisiert, wie diese sechzehn Kilometer zurückgelegt werden müssen.)

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Heute ist Dienstag. Da hat unsere Stammbäckerei Ruhetag. Deswegen gehe ich zur „Boulangerie Lion”. Allerdings etwas widerwillig. Ich habe nämlich festgestellt, dass mit dem reißerischen Namen falsche Tatsachen vorgespielt werden, um sensationslüsterne Kund*innen in den Laden zu locken. Da gibt es gar keinen Löwen. Weder in der Backstube noch im Verkaufsbereich.

Bei der Löwen-Bäckerei angekommen, sehe ich durchs Schaufenster, dass ich mir den Weg hätte sparen können. Das Regal mit den Baguettes ist leer und der Korb mit den Croissants ebenfalls. Das kommt davon, wenn du wie so ein Gammler erst um viertel nach elf bei der Bäckerei aufschlägst. Da haben dir die spießigen Frühaufsteher*innen schon alles weggekauft.

Mit Baguette- und Croissant-Nachschub kann ich nicht rechnen. Weder hinter der Ladentheke noch in der einsehbaren Backstube erblicke ich irgendjemanden, der sich um die Backwaren-Produktion kümmert. Möglicherweise gibt es hier doch einen Löwen. Der hat zuerst die Baguettes und Croissants und dann das Personal gefressen. Anschließend war er offenbar satt. In der Auslage sind noch ein paar vereinzelte Erdbeertörtchen übrig.

Ich versuche mein Baguette- und Croissant-Glück nun im Supermarkt. In dem Tante-Emma-Markt von gestern. Ich habe ein bisschen Angst, dass mich der Security-Mann wieder in eine Fußball-Konversation verwickelt, bei der ich kein Wort verstehe. Zum Glück hat er heute frei.

Der Supermarkt hat zwar Baguettes, aber keine Croissants. Stattdessen nehme ich Brioches mit. Die schmecken bestimmt auch zum Frühstück. (Was für ein bescheuerter Satz. Warum sollte es eine Tageszeit geben, zu der Brioches nicht schmecken?)

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Fortsetzung


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