Cassis 2022 – Tag 13 (21.07.): The boat that rocked

Der alljährliche Urlaubsblog. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Sie, aus welchen Gründen auch immer, alle Beiträge des Cassis-Blogs lesen möchten, werden Sie hier fündig.


„Fuck, fuck, fuck! Warum ist das hier so steil und rutschig? Fuck, fuck, fuck!“ Eine Frage, die ich mir bei meinem morgendlichen Lauf stelle und nicht beantworten kann. Dazu fehlt mir das geographische und geologische Wissen über die Entstehung und Entwicklung der südfranzösischen Topographie.

Ohnehin müsste die Frage eher lauten: „Fuck, fuck, fuck! Warum bin ich so bescheuert, hier zu laufen, wo es so steil und rutschig ist? Fuck, fuck, fuck!“ Wobei ich auch dies nicht beantworten kann, weil mir dazu das psychoanalytische und entwicklungspsychologische Wissen fehlt.

Eigentlich sollte heute beim Laufen alles gut werden. In einem Anflug von Self-Care, fast schon Selbstliebe, hatte ich beschlossen, im Gegensatz zu den anderen Tagen heute nicht länger als am Vortag zu laufen. 17 Kilometer wären das gewesen. Das muss ja nicht sein. Schließlich bereite ich mich hier nicht auf die nächsten Olympischen Spiele vor. Mit der Lauferei kompensiere ich lediglich meinen leicht ausufernden Brioche-Konsum. Von denen esse ich auch jeden Tag ein bisschen mehr. Trotzdem müssen heute zehn, maximal elf Kilometer reichen.

In einem Anflug von Nachsicht gegenüber meinem Läufer-Ich hatte ich mich außerdem entschieden, nicht die Berg-hinterm-Bahnhof-Waldweg-Strecke zu laufen. Die war mir heute zu anstrengend und die immer gleichen Bäume, Gebäude, Steine und Biegungen langweilen mich inzwischen auch ein wenig.

Stattdessen wollte ich eine Strecke abseits der Schnellstraße vom fünften Tag laufen. Das ist so eine Mischung aus Berg-, Feld-, Wald- und Querfeldein-Weg und wirkte fast schon idyllisch und ein bisschen Idylle kann beim Laufen nicht schaden.

Rückblickend betrachtet hätte mir vielleicht zu denken geben sollen, dass der Eingang zu dem Weg abgesperrt war. Somit war es gar kein Eingang, sondern ein Keingang. (Meine Güte, Christian, du musst nicht alles schreiben, was du denkst.)

Die Absperrung bestand nicht aus einer schnöden Schranke, die zwar Autos aufhält, aber an der du als Fußgänger einfach vorbeigehen kannst, sondern da eine Kette gespannt und links und rechts davon war Zaun. der Anfang eines Zaunes. Gut, die Kette war nicht besonders hoch. Selbst für jemanden, dessen Hochsprung-Bestleistung aus der Schulzeit bei 1,30 Metern liegt – oder 1,25 Meter – kein großes Hindernis.

Dennoch zögerte ich kurz. Vielleicht sollte mich die Absperrung gar nicht daran hindern, auf den Weg zu gelangen, sondern irgendetwas davon abhalten, das umzäunte Gebiet zu verlassen. Im Kino war gerade Jurassic World angelaufen und wer weiß, was für Tiere in der hügeligen Landschaft von Cassis so rumlaufen. Allerdings sind eine Kette und ein Maschendrahtzaun nicht gerade State-of-the-Art-Sicherheitsvorrichtungen, die einen im Labor gezüchteten Mutanten-T-Rex aufhalten würden.

Also entschied ich mich, wagemutig über die Kette zu steigen. Wird schon nichts passieren. (Famous last words.)

Zunächst war die Strecke verhältnismäßig flach, es gab ein paar Bäume und sie ist weit genug weg von der Schnellstraße, dass mich nicht ein unaufmerksamer Autofahrer zu Mus fährt und meine Frau am vorletzten Urlaubstag einen Krankentransport nach Deutschland organisieren muss. (Da wäre die ganze schöne Urlaubserholung futsch.)

Nach ein paar hundert Metern wurde der Weg jedoch immer steiler und kurviger. Der Boden war übersät mit kleinen Steinen, so dass du kaum Halt findest. Dazu gab es größeren Steinen, die darauf aus waren, dass du auf sie trittst, es deine Bänder zerreißt und du einen Abhang herunterfällst. Bei jedem Schritt sah ich mich vor meinem geistigen Auge, wie ich in einem Ganzkörpergips in einem Krankenhausbett liege. Das ist der Moment, in dem ich die oben bereits erwähnte Frage aufwerfe: „Fuck, fuck, fuck! Warum ist das hier so steil und rutschig hier? Fuck, fuck, fuck!”

Den größeren Teil der Strecke muss ich gehend zurücklegen. Trotzdem erreiche ich irgendwann den höchsten Punkt und es geht erst einmal flach weiter. Allerdings zeigt meine Laufuhr bereits 5,5 Kilometer an. Für mein 11-Kilometer-Tagesziel müsste ich jetzt umdrehen. Allerdings fürchte ich mich vor dem Rückweg. Bergab scheint mir die rutschige Strecke noch gefährlicher zu sein als bergauf. Angst begegnet man am besten, indem man ihr aus dem Weg geht. Deswegen laufe ich erstmal das Flachstück weiter und beschließe, mich später mit dem Problem des Rückwegs zu beschäftigen.

Bei Kilometer sieben sehe ich am Wegesrand eine Art Unterstand, der aus dünnen Baumstämmen gebaut ist. Vielleicht bietet er die Lösung meines Rückweg-Problems. Ich laufe einfach nicht zurück, sondern werde für immer im Wald leben. In dem Unterstand kann ich schlafen und irgendwo in der Nähe gibt es bestimmt wilde Beeren, von denen ich mich ernähren kann.

Wahrscheinlich gibt es in der Nähe aber auch giftige Beeren und die finde ich bestimmt zuerst und dann verende ich elendiglich im Wald. Das wäre zwar auch eine Lösung meines Rückweg-Problems, aber eine etwas zu radikale. Außerdem würde das für meine Frau auch wieder einen erheblichen organisatorischen Aufwand bedeuten und das möchte ich ihr nicht zumuten.

Ich kehre um und hoffe einfach, dass schon nichts passieren wird.

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Ich sitze auf einem schwankenden Boot und fühle mich unwohl. So etwas passiert dir, wenn du deine Bedürfnisse nicht klar artikulierst. Mein Bedürfnis ist, nicht auf einem schwankenden Boot zu sitzen. Ich halte mich ohnehin nicht gerne auf Booten auf. Sogar sehr ungerne. Und auf schwankenden Booten noch ungerner.

Trotzdem befinde ich mich jetzt auf einem Boot, das auf dem Meer fährt. Das Unglück nahm vor ein paar Tagen seinen Lauf. Da schlug meine Frau vor, anstatt immer nur zum Strand zu gehen, könnten wir mal etwas unternehmen. Eines der umliegenden Städtchen besuchen, eine Wanderung machen oder eine Calanque-Bootstour. Dies stieß bei den Kindern auf ungefähr so viel Begeisterung wie bei mir früher, wenn es sonntags grüne Bohnen als Beilage gab.

Das mit dem Städtchen besuchen ließen wir bleiben. Dazu hätten wir zum Bahnhof gehen und dann in irgendeinem Ort rumlaufen müssen. Die Wanderung schenkten wir uns ebenfalls. Wandern ist ja auch nur ein anderes Wort für rumlaufen. Und rumlaufen erschien uns bei der drückenden Hitze ungefähr so attraktiv wie im Pelzmantel in einer Schwitz-Jurte zu sitzen. (Mein Lauf-Ich nickt und sagt: „Ich weiß, wovon du sprichst.)

Damit wir wenigstens irgendeine Urlaubsaktivität vorweisen können, entschieden wir uns für die Bootsfahrt entlang der Calanque-Küste. Da sitzt du zwei Stunden und bekommst eine frische Brise um die Nase gepustet.

Calanque wird übrigens Kalonk ausgesprochen. Deswegen sagt meine innere Stimme schon den ganzen Morgen in bester Palim-Palim-Manier „Kalonk, kalonk, ein Flasche Pommes bitte.“ Das ergibt überhaupt keinen Sinn, aber falls Sie hier schon länger mitlesen, wissen Sie, dass sinnhaft kein Attribut ist, das einem sofort im Zusammenhang mit diesem Blog einfällt.

Die Zwei-Stunden-Calanque-Tour geht täglich um 9.30 Uhr und 13.30 Uhr los. 9.30 Uhr war uns zu früh. Da hätten wir uns einen Wecker stellen müssen. Wer will sich im Urlaub schon einen Wecker stellen? Wir auf jeden Fall nicht.

Für die 13.30-Uhr-Tour mussten wir um 13 Uhr am Hafen sein, um Tickets zu kaufen. Das fühlte sich ein bisschen an, als ob wir einen Termin haben. Das ist im Urlaub auch abtörnend. Wer will im Urlaub schon Termine haben? Wir auf jeden Fall nicht. Urlaub zeichnet sich doch durch Terminlosigkeit aus. (Und durch Weckerlosigkeit.)

Das Boot, das wir für die Calanque-Tour bestiegen, ist nicht besonders groß. Auf einem kleinen Schild an der Treppe steht, dass 96 Menschen Platz haben. Für mich sieht es eher so aus, als passten da höchstens 50 Leute drauf. Unsere kleine Bootsgesellschaft besteht hauptsächlich aus Familien mit kleinen Kindern und Senioren. Und uns.

Kaum verließen wir den Hafen und fuhren auf dem offenen Meer, kam die erste Welle und das Boot schwankte. Okay, es war eine sehr kleine Welle und das Boot schwankte nur ein ganz klein bisschen. Menschen mit Segelschein würden da wahrscheinlich gar nicht von Welle und von Schwanken sprechen. Vermutlich würden die das nicht einmal merken. Ich bin aber kein Mensch mit Segelschein und registrierte sehr wohl, dass das Meer eine leichte wellenförmige Bewegung machte, wodurch das Boot einen leichten Neigungswinkel aufwies.


Fortsetzung


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