Eine kleine Wochenschau | KW39-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


02. Oktober 2022, Köln

Marathontag. Ich befinde mich bei Kilometer 35 und quäle mich eine nicht enden wollende Gerade entlang. In den letzten gut dreieinhalb Stunden habe ich genug Belege und Indizien gesammelt, um sagen zu können: Das Rennen ist bisher ein mittelgroßes Desaster. Bei Kilometer 30 musste mein Freund Arne aussteigen – Körper und Kreislauf rebellierten zu sehr. Seitdem laufe ich allein und grüble, wie viel Spaß das macht. Spoiler Alert: Nicht besonders viel.

Schon seit einigen Kilometern ringe ich mit mir, ob ich nicht eine Gehpause einlegen soll. Nun entscheide ich, dass es nichts schaden kann, mal ein paar Schritte zu gehen. Global betrachtet, stimmt diese Aussage natürlich. Nur weil ich gehe, statt zu laufen, entstehen keine neuen Kriege, die Klimakatastrophe wird dadurch nicht beschleunigt und die Energiepreise steigen deswegen auch nicht. Auf der persönlichen Ebene möchte ich allerdings nicht ausschließen, dass das Gehen doch schädlich sein könnte. Für die Motivation, die Moral und mein Bestreben, das Ziel vor dem Besenwagen zu erreichen. Außerdem weiß ich nicht, wie ich es gleich – oder irgendwann – schaffen soll, wieder in einen Laufschritt zu verfallen.

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Eine kleine Wochenschau | KW38-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


19. September 2022, Berlin

Mein Nachmittagsspaziergang führt mich am Stromeck vorbei. Eine Eckkneipe an der Stromstraße, wie der Name unschwer vermuten lässt. Davor sitzen zwei Männer. Sie trinken Bier und erklären sich gegenseitig die Welt. Als ich auf gleicher Höhe bin, sagt der eine gerade: „Das Wichtigste im Leben sind Gesundheit, Frieden und dass du nicht deinen Arsch verkaufst, um dir unnützen Luxus zu leisten.“

Wäre ein schöner Spruch für einen Foto-Kalender „Berliner Kneipen-Philosoph*innen“. (Eine weitere 1-Milliarde-Euro-Geschäftsidee meinerseits. Zuerst muss ich aber noch die Dusche-to-go und die Brioche-Matratze verwirklichen.)

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Eine kleine Wochenschau | KW38-2022 (Teil 2)

Teil 1


23. September 2022, Berlin

Meine Frau hat aus Wien Mozartkugeln und Manner-Schnitten mitgebracht. Zugegebenermaßen keine besonders außergewöhnliche Wien-Mitbringsel. Mir gibt es aber die Gelegenheit im Selbstversuch herauszufinden, ob Mozartkugeln und Manner-Schnitten ein schmackhaftes Frühstück sind. Spoiler Alert: Ja, sind sie. Und auch ein leckerer Vormittags-Snack, ein guter Mittagessen-Nachtisch und eine vorzügliche Ergänzung zum Nachmittags-Kaffee.

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Auf meinem Heimweg vom Supermarkt gerate ich in eine Gruppe von circa 20 bis 25 Skater * innen. Sie sind alle wahnsinnig lässig, ihre Hosen hängen in den Kniekehlen, sie tragen silberne Halsketten, lederne Armbändchen und abgegriffene Basecaps und ihre Arme sind mit aufwändigen und farbenfrohen Motiven tätowiert. Ein paar von ihnen skaten souverän auf der Straße, die anderen tragen ihre Boards entspannt unter dem Arm.

Ich frage mich, ob die Coolness der Skater*innen auf mich abfärbt. Wahrscheinlich nicht. Eher leidet ihr Swag unter meiner Anwesenheit. (Vor allem, wenn ich das Wort Swag verwende.)

24 September 2022, Berlin

Ich nutze den Nachmittag, um meinen Spam-Ordner aufzuräumen:

  • Eine Mail lädt mich ein, den Illuminaten beizutreten. Das ist bestimmt ein Fake. Ich bin zwar kein Experte für Illuminaten – noch weniger als für Füchse –, aber sofern ich mich korrekt an meine Da-Vinci-Code-Lektüre erinnere, sind die Illuminaten ein verschwörerischer Geheimbund. Da ist es eher unwahrscheinlich, dass sie Mitgliedsanträge per Mail verschicken.
  • Eine andere Mail prangert die Textilindustrie als größten Naturvernichter an. Umweltschädliche Färbetechniken würden die Süßwasservorkommen belasten und die jährlich mehr als 50 Milliarden produzierten Kleidungsstücke würden nicht sachgemäß entsorgt. An diesen Punkten ist sicherlich etwas dran. Der Verfasser der Mail belässt es aber nicht bei der Problembeschreibung, sondern präsentiert auch eine Lösung: Die Legalisierung von Nacktheit! Wenn alle Menschen nackert rumliefen, müssten keine Klamotten mehr produziert werden und die damit verbundenen Probleme wären gelöst. Eine in seiner Schlichtheit durchaus überzeugende Argumentation. Dennoch bezweifle ich, dass viele Menschen im Sinne des Umwelt- und Klimaschutzes künftig unbekleidet rumlaufen werden. (Insbesondere an Orten, wo Lebensmittel verarbeitet und verkauft werden, bin ich sehr dankbar dafür.)
  • Die nächste Mail hat den etwas sehr allgemein gehaltenen Betreff „Unser Gespräch“. Der Absender steigt mit der Frage ein, ob ich auch zu den Menschen gehöre, die mehr Geld haben möchten. Er geht davon aus, dass meine Antwort „ja“ lautet und führt aus, dass er nach monatelanger Recherche auf die Lösung gestoßen sei und betont, es handele sich dabei um keine Abzocke. Meine Lebenserfahrung von 47 Jahren sagt mir, wenn jemand unterstreicht, etwas sei keine Abzocke, dann liegt die Wahrscheinlichkeit bei ungefähr 100 Prozent, dass es sich doch um eine Abzocke handelt. Ich könnte mich selbst davon überzeugen, in dem ich auf den Link zur „sicheren Website“ klicke. (Das Wort sicher ist gefettet.) Allerdings sagt mir meine Lebenserfahrung von 47 Jahren auch, dass eine Website, die extra als sicher bezeichnet wird, mit einer Wahrscheinlichkeit von ungefähr 100 Prozent extrem unsicher ist.

25. September 2022, Berlin

Heute steht der letzte längere Lauf vor dem Marathon nächsten Sonntag an. So lang ist er aber gar nicht mehr. Es sind „nur“ 20 Kilometer. Im Zuge der Marathon-Vorbereitung verschiebt sich die Bedeutung des Wortes nur ein wenig. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass das für Menschen, die nicht für einen Marathon trainieren, nur sehr bedingt Identifikationspotenzial hat, sondern eher ein wenig angeberisch klingt. Daher die Verwendung der Anführungszeichen. Die sollen allen Coach Potatoes signalisieren: „Ich bin eigentlich einer von euch. Ich mache das hier nur, damit ich nächsten Sonntag nicht sterbe. Und damit ich viel Kuchen essen kann, ohne zuzunehmen.“

Den heutigen Lauf nutze ich, um nochmal meinen Trinkrucksack auszuprobieren. Den hat mir meine Frau zum Geburtstag geschenkt. Der sieht aus wie ein normaler kleiner Rucksack, enthält aber einen Plastikbeutel und einen Schlauch, über den du dich während des Laufens mit erfrischenden Getränken versorgen kannst. Mit Wasser zum Beispiel. Oder energiespendenden Elektrolyt-Mischungen. Eher nicht mit Kakao oder Gin Tonic.

Als ich den Rucksack vor ein paar Wochen das erste Mal getestet hatte, musste ich feststellen, dass gleichzeitiges Laufen, Trinken und vor allem Atmen gar nicht so leicht ist, wie du denkst. Zumindest meinen Körper und mich brachte es an den Rand unserer Multi-Tasking-Fähigkeiten.

Wenn du ihn aber richtig zu benutzen weißt, hat der Trinkrucksack den Vorteil, dass du beim Marathon nicht an den Getränkestationen anhalten und auch keine nervigen Trinkflaschen mit dir rumschleppen musst. Allerdings hat er den Nachteil, dass du, wenn du während des Joggens an einem Schlauch nuckelst, der aus deinem Rucksack kommt, wie ein Trottel aussiehst.


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Eine kleine Wochenschau | KW37-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


12. September 2022, Berlin/Dublin/Carlow

Kaum ist die Tochter zurück in Berlin, ist sie schon wieder weg. Und ich auch. Wir fliegen gemeinsam nach Irland, um in Carlow nach einer Unterkunft für ihr Studium zu suchen. Ist es ein wenig helikopterelternhaft, dass ich sie begleite? Vielleicht. Aber wenn jemand um Hilfe bittet, wird ihr oder ihm geholfen. Das gilt für Hogwarts und auch bei uns in der Familie.

Um präzise zu sein, hat die Tochter gar nicht gefragt, ob ich mitkommen kann. Aber ich glaube, sie war dankbar, dass sie nicht fragen musste, weil ich es ihr angeboten habe. (Das ist ja manchmal auch schon eine Hilfe. Anderen ersparen, um Hilfe bitten zu müssen.)

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Eine kleine Wochenschau | KW37-2022 (Teil 2)

Teil 1


15. September 2022, Carlow/Dublin/Berlin

01. 30 Uhr. In zehn Minuten klingelt der Handywecker. Ich muss so früh aufstehen, weil der Bus nach Dublin um 3 Uhr fährt. Mein Flug nach Berlin startet zwar erst um 7.20 Uhr, aber es gibt keine bessere Busverbindung und ein bisschen Puffer schadet ja auch nicht.

Kurz hatte ich überlegt, bereits am Vorabend von Carlow nach Dublin zu fahren, und mir dort ein Hotel in der Nähe des Flughafens zu nehmen, damit ich nicht so früh aufstehen muss. Eine Idee, die ich sehr schnell wieder verworfen habe, nachdem ich herausfinde, dass das günstigste Hotel in Flughafennähe 300 Euro die Nacht kostet. Länger schlafen ist zwar schön, aber nicht 300 Euro schön.

Nun liege ich wach im Bett und mir geht durch den Kopf, was bei der Rückreise alles schiefgehen könnte:

  • Ich könnte noch mal einschlafen, den Wecker überhören und erst um 7.20 Uhr wieder aufwachen.
  • Ich könnte im Bad die Zeit vergessen und bis um 7.20 Uhr duschen.
  • Ich könnte zu lange für die drei Kilometer nach Carlow zur Busstation brauchen und den Bus verpassen.
  • Ich könnte mich auf dem Weg nach Carlow verlaufen. (Sehr unwahrscheinlich, weil es immer geradeaus geht.)
  • Der Bus könnte zwei Stunden Verspätung haben.
  • Der Bus könnte an der Haltestelle vorbeifahren und mich nicht mitnehmen.
  • Der Bus könnte unterwegs eine Panne haben.
  • Ich könnte in Dublin das Terminal 1 nicht finden.
  • Die Schlange bei der Security könnte 4,73 Kilometer lang sein.
  • Ich könnte vergessen, die Kosmetika aus meinem Rucksack zu nehmen und wegen Terrorismusverdacht verhaftet werden.
  • Ich könnte das Abfluggate nicht finden.
  • Ich könnte mein Handy mit meinem Boarding Pass verlieren.
  • Der Akku meines Handys könnte leer sein.
  • Der Flug könnte überbucht sein, so dass ich nicht mitfliegen kann und die nächsten acht Jahre im Transitbereich des Dubliner Flughafens leben muss.

Da klingelt zum Glück der Handywecker. Bevor mir weitere Worst-Case-Szenarien einfallen, gehe ich schnell (!) duschen.

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Entgegen meinen Horrorszenarien erreiche ich die Bushaltestelle rechtzeitig, der Bus kommt pünktlich und nimmt mich mit. Er hat auch keine Panne und wir erreichen planmäßig um viertel nach vier den Flughafen.

Dort ist es trotz der frühen Uhrzeit bereits sehr voll. Nicht nur beim Security Check, sondern auch in allen Läden und Coffee Shops gibt es lange Schlangen. Ich stelle mich bei einem kleinen Laden an, der gerade aufgemacht wird. Selbst da stehen schon acht Leute vor mir.

Zum Frühstück esse ich Porridge und trinke einen großen Kaffee. Der Porridge ist ganz lecker, liegt aber etwas schwer im Magen. Ich ergänze auf meiner Was-alles-schiefgehen-könnte- Liste: „Im Wartebereich in einen tiefen Verdauungsschlaf fallen und das Boarding verpassen.“

Auf dem Weg zum Gate komme ich an einem Irish Pub vorbei. Dort sitzen erstaunlich viele Menschen und erstaunlich viele trinken Guinness, Lager, Wein oder andere alkoholische Getränke. Ich bin mir nicht sicher, ob sie schon oder noch immer trinken.

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Eigentlich hatte ich geplant, meinen fehlenden Nachtschlaf im Flugzeug nachzuholen. Das hätte den Vorteil, dass ich möglichst wenig von dem Flug mitbekomme. Mein Vorhaben gelingt aber nur teilweise. Kurz nach dem Boarding erklärt der Pilot, es würde circa 45 Minuten dauern, bis wir eine Starterlaubnis bekämen. Direkt danach schlafe ich ein, wache aber pünktlich wieder auf, als sich das Flugzeug Richtung Startbahn in Bewegung setzt.

Während des Flugs ist auch nicht an Schlaf zu denken. Um mich herum sitzen 30 bis 40 Mitglieder einer nordirischen Blaskapelle, die unterwegs zu einem europäischen Blasmusik-Festival in Bayern sind. Dadurch habe ich den kurzweiligsten und lustigsten Flug meines Lebens.

Der Sitznachbar zu meiner Rechten, seines Zeichens einer der Trompeter der Kapelle, spielt mir ein Video von ihrem letzten Auftritt dort vor. Ich habe sofort nostalgische Erinnerungen an die Frühschoppen, die es immer montagmorgens bei uns auf der Kirmes gab. Von Freitag bis Sonntag würden sie jeden Tag um 10.30 und 16.30 Uhr spielen, erzählt er. „These six hours are very challenging. It’s essential that you drink one beer less than the audience.”

Ich frage ihn, wie sie nach Bayern kämen. Am Flughafen stünde ein Bus bereit, erklärt er. Wo der stünde, wüssten sie allerdings nicht so genau. „I guess it will be the blind leading the blinds“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

Ich sage, ich drücke ihnen die Daumen, dass sie den Bus finden, denn um nach Bayern zu trampen, seien sie wohl zu viele. „Yes“, antwortet er. „And we are too ugly.”

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Nachdem ich zuhause ankomme, würde ich gerne den Rest des Tages mit Schlafen verbringen. Ich habe aber noch eine Verabredung. Morgen findet die Blogfamilia statt – das erste Mal seit drei Jahren – und ich treffe mich mit meinen Mitstreiter*innen Alu, Lisa und Janni, um Goodie Bags zu packen.

Die Materialien wurden alle zu Alu nach Hause geliefert. Daher muss ich nach Französisch Buchholz fahren. Wenn Sie jetzt denken, dass hört sich gar nicht nach Berlin an, dann kann ich Ihnen sagen, dass es dort auch nicht nach Berlin aussieht. Eher dörflich. Ist ja auch fast schon Brandenburg. Aber nur fast.

Google Maps zeigt mir die Distanz mit circa fünfzehn Kilometern an. „Ach, das kannste ja mit dem Fahrrad fahren“, denke ich. Bitte fragen sie nicht warum. Ich weiß es selbst nicht.

In den letzten drei Tagen habe ich die Gelassenheit der Carlower*innen genossen. Der Verkehr in der Stadt war überschaubar, alle waren immer höflich und die Autofahrer*innen sehr zuvorkommend. Nachdem ich fünf Minuten durch den Berliner Feierabendverkehr geradelt bin, ist mein heimeliges Irland-Gefühl verschwunden. Es wird in einer Tour gehupt, niemand denkt auch nur daran, andere Verkehrsteilnehmer*innen vorzulassen und es wird mehr geflucht und geschimpft als in einem durchschnittlichen Rap-Video.

Dafür ist das Packen der Goodie Bags sehr entspannt und wir sind alle guter Laune.

16. September 2022, Berlin

Um kurz nach neun muss ich los zur St. Michaelis-Kirche. Dort findet im Garten und im Gemeindehaus ab 17 Uhr die Blogfamilia statt. Um 10 Uhr werden die Getränke und Stehtische angeliefert und wir müssen noch einiges aufbauen und schmücken. Google Maps gibt die Entfernung zur Kirche mit acht Kilometern an. „Ach, das ist ja weniger als gestern, da kannste mit dem Fahrrad fahren“, denke ich. Meine Lernkurve ist sehr flach. Sehr, sehr flach.

Die Blogfamilia wird ein voller Erfolg. Die Location ist phantastisch, Nicole Staudinger hält einen ermutigenden Vortrag, es gibt leckeres indisches Essen von Amrit und gute Gespräche und alle freuen sich, dass wir uns nach so langer Zeit wiedersehen.

Später kommt eine junge Frau zu mir und erzählt, sie lese bei der Einschlafbegleitung ihres Sohns immer die Familien-Tweets und schicke sie dann ihrem Mann. Sie fragt, ob es mir etwas ausmachen würde, ein Foto mit ihr zu machen. Da ich auf Fotos immer wie ein fucking creep ausschaue, macht es mir etwas aus und ich bin mir auch nicht sicher, ob ihr Mann von ihrer Idee ebenso begeistert ist, sage aber trotzdem „ja“ und hoffe auf dem Bild nicht wie ein entlaufener Sex Offender auszusehen.

17. September 2022, Berlin

Um 9 Uhr sitze ich schon wieder auf dem Rad. (Meine Lernkurve ist wirklich sehr, sehr flach.) Ich muss wieder zur St. Michaelis-Kirche, wo wir noch ein wenig aufräumen müssen. Dort sind bereits zwei ältere Damen zugange. Sie bereiten das Erzähl-Café vor, das morgen in den Räumlichkeiten stattfindet.

Die beiden erkundigen sich, was wir für eine Veranstaltung gemacht hätten. Ich bemühe mich, den beiden zu erklären, was die Blogfamilia ist, bin aber nicht besonders erfolgreich. Die Damen sagen zwar „Das ist ja interessant.“, aber aufgrund ihrer fragenden Gesichter gehe ich davon aus, dass sie gerade denken: „Was zur Hölle sind Familienblogs?“ (Weil sie aktive Mitglieder einer katholischen Gemeinde sind, vielleicht ohne „war zur Hölle“.)

18. September 2022, Berlin

Als hätte ich mit meinem spontanen Irland-Trip, der Zimmersuche und der Blogfamilia diese Woche nicht schon genug erlebt, treffe ich mich heute in Zehlendorf mit meinem Freund Arne. Aufmerksame Stammleser*innen wissen, dass wir in zwei Wochen den Köln-Marathon laufen. Dieses Wochenende ist Arne wegen einer Geburtstagsfeier in Berlin. Das gibt uns die Gelegenheit, unseren letzten langen Lauf vor dem Marathon gemeinsam zu absolvieren.

Nach den 32 Kilometern fühlen wir uns noch recht gut. Also, nicht gerade wie junge Zicklein, aber gut genug, dass wir zuversichtlich sind, dass wir in vierzehn Tagen den Marathon schaffen.

Anschließend fahre ich zurück nach Moabit. Diesmal aber nicht mit dem Rad. Google Maps hatte die Entfernung nach Zehlendorf mit ungefähr zwölf Kilometern angegeben, so dass ich dachte: „Ach, da nimmste mal besser den Bus.“


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Eine kleine Wochenschau | KW36-2022 (Teil 2)

Teil 1


09.09.2022, Berlin

Oops, they did it again! Die Käsenamen-Kreativen waren wieder aktiv. An der Käsetheke im Supermarkt gibt es eine neue Sorte: Das fruchtige Fränzle. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das besonders verkaufsfördernd ist. Wer möchte schon den Satz sagen: „Ich hätte gerne ein Stück von dem fruchtigen Fränzle.“

Zumindest der urige Hannes freut sich. Jetzt ist er nicht mehr der Käse mit dem bescheuertsten Namen.

10.09.2022, Berlin

Heute steht uns ein ereignisreicher Tag bevor. Die Tochter kommt aus Malmö zurück. Ihr Nachtzug kommt in Berlin mit 30-minütiger Verfrühung an. Ich weiß nicht, ob es das Wort Verfrühung überhaupt gibt. Wahrscheinlich nicht. Warum sollte es eine Bezeichnung für ein Phänomen geben, das so gut wie nie auftritt.

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Der Sohn hat heute wiederum Berliner U18-Einzelmeisterschaft. Im Gegensatz zum letzten Jahr sieht das nicht mehr so aus, als würde ein Kind gegen erwachsene Männer kämpfen. Eher nach Duellen auf Augenhöhe. Das ist für den Sohn natürlich schön. Für mich stellt sich aber die Frage, wie das überhaupt sein kann, wo er doch erst gestern seine Bärchen-Prüfung gemacht hat.

Der Sohn gewinnt zwei Kämpfe und verliert zwei. Damit wird er Siebter. Das ist nicht überragend, aber trotzdem ganz okay.

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Meine Frau geht abends zu Maximo Park in Huxley’s neuer Welt. (Ersteres ist die Band, zweiteres die Konzert-Location, falls sie sich gerade fragen, ob da grammatikalisch irgendetwas durcheinandergeraten ist.) Meine Frau ist eine begeisterte Konzertgängerin. Ich nicht. Ich habe immer Angst bei Konzerten auf unsympathische Menschen zu treffen und damit klarkommen zu müssen, den gleichen Musikgeschmack wie irgendwelche Arschgeigen zu haben. Außerdem werde ich bei der Vorstellung leicht nervös, in einer Masse von Menschen zu stehen, die gemeinsam singen und mit den Händen über dem Kopf im Rhythmus klatschen. Richtig nervös werde ich bei der Vorstellung, dass ich selbst mitsinge und -klatsche.

11.09.2022, Berlin

Ich habe heute Muskelkater. Weil ich gestern einen Halbmarathon gelaufen bin. Denn zur Marathonvorbereitung gehört nicht nur das langsame Dauerlaufen, sondern du musst auch einige Testwettkämpfe absolvieren. Um zu überprüfen, ob du gut im Training bist. Oder zumindest gut genug, um den Marathon zu überstehen und nicht mit dem Besenwagen über die Ziellinie befördert zu werden.

Glücklicherweise fand gestern der Berliner Vollmond-Marathon und -Halbmarathon statt. So konnte ich meiner Testwettkampf-Pflicht nachkommen. Ich hatte vorher ein bisschen Angst vor dem Lauf. Nicht vor der Distanz, sondern weil das immer eine recht überschaubare, fast schon familiäre Veranstaltung mit weniger als 100 Läufer*innen ist. Bestimmt treffen sich da jedes Jahr der Bernd und die Heike und der Michael und die Gabi und die freuen sich alle, gemeinsam zu laufen. Dieses Jahr würden sie sich dagegen wundern, wer der komische Typ ist, der ihre Laufgemeinschaft stört. Oder noch schlimmer: Sie begrüßen mich freundlich und wollen sich mit mir unterhalten.

Meine Angst war aber unbegründet. Zwar nahmen sogar nur 40 Läufer*innen teil, aber so richtig gut kannten die sich alle nicht. Es gab auch keine Bernds, Heikes, Michaels oder Gabis und ich wurde von niemandem angesprochen.

Die Strecke verlief größtenteils durch den Tegeler Forst und am Tegeler See entlang. Für Berliner Verhältnisse ist das wie in der freien Natur laufen. Die Idylle wurde lediglich durch die Mitläufer*innen und von ihrem Keuchen und Schnauben gestört. Und noch mehr von meinem eigenen Keuchen und Schnauben.

Der Lauf bot auch die ein oder andere Herausforderung. Zum einen zickte meine Laufuhr rum. Die ist schon ein bisschen älter – elf oder zwölf Jahre. Sobald ich mich nur 500 Meter außerhalb meines üblichen Bewegungsradius aufhalte, hat sie Schwierigkeiten, sich zu orientieren und die Distanzen richtig zu messen. Daher zeigte mir die Uhr während des gesamten Laufs Durchschnittsgeschwindigkeiten an, die entweder deutlich zu langsam oder deutlich zu schnell waren. (Körperlich fühlte es sich meistens nach zu schnell an.)

Zum anderen war die Veranstaltung zwar mit sehr viel Leidenschaft, Engagement und Herzblut organisiert, aber die Streckenmarkierungen waren eher semi-professionell und ließen ein wenig zu wünschen übrig. Nicht an jeder Abzweigung war es immer ganz eindeutig, wo es lang ging. Bereits irgendwo zwischen Kilometer drei und vier kam uns die Spitzengruppe entgegen. Die war einmal falsch abgebogen und weil wir alle stumpf gefolgt waren, mussten wir ein Stück zurücklaufen.

Das war besonders nervig, weil die Strecke ohnehin etwas länger als ein Halbmarathon war. 22,8, statt 21,0975 Kilometer. Das war ab Kilometer 21 recht demoralisierend, weil du die ganze Zeit dachtest, du wärst jetzt eigentlich schon fertig, musst aber fast noch zwei Kilometer überstehen. (Zumindest ich dachte so und weil ich egozentrisch genug bin, ging ich davon aus, dass die anderen genauso fühlten.)

Weil es nur so wenige Teilnehmer*innen gab, lief ich nach circa sechs Kilometern sechs im Prinzip allein. Die anderen waren entweder viel schneller oder deutlich langsamer. Gerade bei den Weggabelungen, wenn ich wieder überlegen musste, ob es rechts oder links weitergeht, wäre es ganz schön gewesen, jemanden an der Seite zu haben, mit dem ich mich hätte beratschlagen könnten.

Zwischen Kilometer 17 und 18 überholte mich aber ein Läufer, so dass ich nicht mehr solo unterwegs war. Das Vorhaben, mich an ihn ranzuhängen, gab ich sehr schnell auf. Es hatte schließlich einen Grund, warum er mich gerade überholt hatte. Er war schätzungsweise 25 Jahre jünger und vor allem schneller und mit mehr Ausdauer ausgestattet als ich. Aber ich konnte so gut mithalten, dass er in meiner Sichtweite blieb. Dadurch diente er mir als menschgewordenes Navi und ich musste nicht bei jeder Kreuzung nachdenken, wie die Strecke verläuft. Ich hoffte einfach, dass er sich nicht verläuft und wir wieder ein Stück zurücklaufen müssen. Sonst hätte ich entweder ihn oder mich umbringen müssen. (Wahrscheinlich eher mich, weil er ja schneller war und mir hätte weglaufen können.)

Im Ziel stoppte ich meine Uhr bei 2:02:27. Das war deutlich langsamer als ich mir erhofft hatte. Es stellte sich dann allerdings heraus, dass ich circa 800 bis 1.000 Meter mehr als die vorgesehenen 22,8 Kilometer gelaufen war. Kurz vor Schluss war der Läufer vor mir tatsächlich irgendwo falsch abgebogen, so dass wir eine ziemlich große Extraschleife hatten. (Zu seiner Verteidigung: Auch ohne ihn hätte ich exakt den gleichen Weg eingeschlagen.)

Meine Zeit reichte aber aus, um Siebter bei den Männern zu werden. (So wie der Sohn beim Judoturnier.) In meiner Altersklasse der 45-49-Jährigen wurde ich sogar Zweiter. Ein sportlicher Erfolg, der irgendwo zwischen meiner Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen 1985 – die einzige, die ich jemals gewonnen habe – und meinem Seepferdchen-Abzeichen anzusiedeln ist.


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Eine kleine Wochenschau | KW36-2022

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05.09.2022, Berlin

Heute ist Sei-spät-dran-für-etwas-Tag. Ich glaube, um das zu zelebrieren, braucht der Sohn keinen Ehrentag.

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Wir telefonieren mit der Tochter in Malmö. Sie erzählt, sie habe sich nach der Vorlesung mit einer Frau unterhalten, die schon seit fünfzehn Jahren studiert. An verschiedenen Unis und sie habe auch schon mehrere Abschlüsse, aber die Tochter ist trotzdem fassungslos. „Fünfzehn Jahre!“, wiederholt sie und reißt ihre Augen weit auf.

Bei uns in der Soziologie in Marburg gab es damals auch Studierende, die schon seit fünfzehn Jahren und länger studierten. Aber ausschließlich in Marburg und ohne bereits einen Abschluss zu haben. Und auch ohne Aussicht – und ohne Absicht –, bald einen zu machen. Das hatte auch sein Gutes: Mit meinem Diplom nach zwölf Semestern konnte ich mich wie ein Turbostudent fühlen.

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Eine kleine Wochenschau | KW35-2022

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29. August 2022, Berlin

Montagmorgen, 7.15 Uhr und ich mache den Supermann. Das heißt nicht, dass ich eine Unterhose über einem Gymnastikanzug trage, mir eine rote Tischdecke umgebunden habe und vom Sofa springe. Nein, Superman ist eine Übung zur Stärkung meiner Rückenmuskulatur. Du liegst dabei bäuchlings auf dem Boden, hebst die Beine an und streckst die Arme nach vorne. Das sieht ganz entfernt wie ein fliegender Superman aus. Mit sehr viel Phantasie. Vor allem wenn du noch nie einen Superman-Film gesehen hast.

Seit knapp vier Wochen mache ich regelmäßig Rückengymnastik. Aus Gründen. Nach unserem Urlaub wollte ich mich sportlich betätigen. Ein bisschen Fitnesstraining kann nicht schaden, dachte ich mir. Worauf das Fitnesstraining sagte: „Doch!“ Schon bei der ersten Übung – Kniebeugen mit Widerstandsbändern – schoss mir gleich bei der ersten Wiederholung ein stechender Schmerz in den Rücken, so dass ich die nächsten paar Minuten würdelos in Embryonalstellung auf dem Boden verbrachte.

Im Laufe des Tages und trotz ein paar 400er-Ibus wurde der Schmerz nicht viel besser. Dafür wurde mir das erste Mal richtig bewusst, für was du alles deine Rückenmuskulatur benötigst. Zum Einsteigen in die Dusche, zum Aussteigen aus der Dusche, zum Bücken, um die Beine abzutrocknen, zum Anziehen der Unterhose, zum Anziehen der Socken, zum Anziehen der Hose – nicht so sehr beim Anziehen des T-Shirts, aber nur obenrum bekleidet, wollte ich trotzdem nicht rumlaufen –, zum Hinsetzen, zum Aufstehen, zum auf Toilette gehen, zum Hinlegen, eigentlich für alles. Seit 47 Jahren schuftet meine Rückenmuskulatur tagein und tagaus und nie habe ich es ihr gedankt. Sorry, Rückenmuskulatur! Und danke!

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Eine kleine Wochenschau | KW35-2022 (Teil 2)

Teil 1


01. 09.2022, Berlin

Der Sohn hat heute Geburtstag. Seinen 16. Ein guter Anlass, um zum Frühstück Käsekuchen zu essen.

Seit Tagen beziehungsweise Wochen erzählt der Sohn, dass er an seinem Geburtstag eine Kiste Bier kaufen würde. Nicht weil er sie trinken möchte – zumindest nicht sofort –, sondern weil er es kann. Wobei er das vorher auch schon konnte. Zumindest in den Spätis, in denen sich niemand beim Verkauf von Alkohol mit der Kontrolle von Ausweisen belasten will.

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An meinen eigenen 16. Geburtstag kann ich mich noch gut erinnern. Ich trug damals eine rote Hornbrille, eine bordeauxrote Jeans und ein gemustertes Poloshirt mit bordeauxroten Farbelementen. Ich weiß nicht, ob das damals chic war. Wahrscheinlich nicht. Hört sich eher so an, als wäre es der Start einer langen Karriere von modischen Verfehlungen. Eigentlich war es aber eher die Fortsetzung. Mit 13 steckte ich immer meine Hosenbeine in die Socken, die ich wiederum mit meinen Schnürsenkeln zusammenband. Das war zu der Zeit in, sah aber trotzdem bescheuert aus. Wenn ich heute Bilder davon sehe, frage ich mich, ob meine Eltern damals ihre Aufsichtspflicht grob verletzten, als sie mich so rumlaufen ließen.

Gefeiert habe ich meinen 16. bei uns auf der Terrasse. Mit ungefähr 30 Freund*innen aus der Schule und der Ferienfreizeit, die kurz vorher zu Ende gegangen war. Meine Mutter hatte Unmengen an Chili con carne gekocht. Sin carne war Anfang der 90er noch nicht so gefragt. Zumindest nicht im Westerwald.

Zu trinken gab es Bier vom Fass. Mein Vater hatte eine 20-Liter- und ein 10-Liter-Fässchen besorgt. Mit einem Holzzapfhahn, den wir mittels eines Gummihammers in die Fässer schlugen. (Nie war ich dem Oktoberfest näher.) Zu Beginn der Feier ermahnte mein Vater uns, wir sollten das zweite Fass nur anstechen, wenn wir es auch leer trinken würden. Sonst stünde das Bier ab und würde nicht mehr schmecken.

Mit 16 hörst du bei mahnenden Worten deiner Eltern allerdings nicht so genau hin. Zu später Stunde schlugen wir daher das zweite Fass auch noch an und zapften ganze drei Gläser. Aber das hatte im Endeffekt auch sein Gutes: So hatten meine Eltern einen Tag nach meinem Geburtstag die Gelegenheit, spontan Freunde, Bekannte und Nachbarn zum Resteessen und -trinken einzuladen. Ich bin mir nicht allerdings sicher, ob meine Eltern das damals genauso positiv sahen.

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Da der Sohn unter der Woche Geburtstag hat und wir keine Terrasse haben, kann er keine Fete mit Chili und Fassbier feiern. (Ohnehin würde er keine Fete feiern, weil man das heute nicht mehr sagt.) Stattdessen gehen wir auf seinen Wunsch in ein Steakhaus.

Nachdem wir schon reichlich gegessen haben, bekommt der Sohn zum Nachtisch eine Creme Brûlée aufs Haus. Meine Frau und ich wollen dem Sohn nicht beim Essen zuschauen und bestellen uns New York Cheesecake. (Es ist ja auch schon mehr als zwölf Stunden her, dass wir Käsekuchen gegessen haben. Außerdem ist es schön, den Tag so zu beenden, wie du ihn begonnen hast. Zumindest wenn du Käsekuchen zum Frühstück hattest.)

Der Cheesecake wird mit Johannisbeeren und Karamellsauce serviert. Zumindest sieht das so das. Die Sauce schmeckt aber ein wenig säuerlich. Ein bisschen wie Balsamico-Essig. Für so avantgardistisch hatte ich das doch eher rustikale Steakrestaurant gar nicht gehalten. Das Ganze ist eher gewöhnungsbedürftig. Aber es ist immer noch Käsekuchen. Also esse ich ihn trotzdem auf.

Anschließend frage ich die Bedienung, was das für eine interessante Sauce gewesen sei. Salted Caramel, erklärt die junge Frau. Das könne ich definitiv ausschließen, erwidere ich, sie habe eher nach Balsamico geschmeckt. Dabei frage ich mich, ob das schon unter mansplainen fällt, was ich hier mache.

Die Kellnerin geht kurz in die Küche. Als sie zurückkommt, entschuldigt sie sich. Die neue Aushilfe in der Küche hätte heute ihren ersten Tag und habe versehentlich zur falschen Flasche gegriffen. Mit Blick auf unsere leer gegessenen Teller meint sie dann noch: „Vielleicht haben wir ja einen neuen Trend erfunden!“ Ich glaube eher nicht, behalte das aber für mich.

02. 09.2022, Berlin

Die Tochter ist seit letztem Samstag wieder in Schweden. Diesmal in Malmö, wo sie mit dem Studium angefangen hat. (In Stockholm war sie nur eine Art Gast-Studentin.) Eigentlich möchte sie lieber in Irland studieren. Da gibt es aber erst am 08. September die Rückmeldungen zu den Bewerbungen. So lange muss sie in Malmö zur Uni gehen, um ihren Studienplatz zu sichern.

Aufgrund ihrer ungewissen Aufenthaltsdauer in Malmö hat sich die Tochter für zehn Tage in einem Hostel einquartiert. In einem Vier-Bett-Zimmer. Das ist natürlich nicht gerade eine Traum-Schlafsituation. Aber als ich zum Studium nach London gegangen bin, habe ich auch eine Woche lang in einer Jugendherberge und sogar in einem Achter-Zimmer geschlafen. Im Bett neben mir lag ein nerviger Spanier, der alle, die ins Zimmer kamen, fragte: „Do you have time?“ Zu jeder Tages- und Nachtzeit. (Das ist so lange her, dass außer Wall-Street-Bankern noch niemand Handys hatte. Daher war der spanische Kollege auf Armbanduhr-Träger*innen angewiesen, die ihm die Uhrzeit mitteilen.)

Im Großen und Ganzen hat die Tochter Glück mit ihren Zimmernachbarinnen. Bis heute Nacht. Da ist eine Frau eingezogen, die unfassbar laut schnarcht. Die Tochter hat uns eine Tonaufnahme davon geschickt. Die hört sich an, als übernachte sie nicht in einem Frauen-Zimmer eines Hostels, sondern in einem Schlafsaal voll mit kanadischen Holzfäller.

03. 09.2022, Berlin

Ich habe heute Nacht geträumt und kann mich beim Aufwachen noch daran erinnern. Das kommt bei mir sehr selten vor.

In dem Traum war ich beim Friseur und der hat mir die Haare verschnitten. Wenn das das schlimmste Horrorszenario meines Unterbewusstseins ist, scheint es mir recht gut zu gehen.

04. 09.2022, Berlin

Der Sonntag ist prinzipiell nur mein zweitliebster Wochenendtag. Auf Sonntage legt sich immer schon die Schwere des drohenden Montags und der kommenden Arbeitswoche. In der Marathonvorbereitung spricht gegen den Sonntag zusätzlich, dass an diesem Tag die langen Läufe anstehen. 28, 30, 32 Kilometer oder noch mehr, wenn du richtig ambitionierte Zeiten laufen willst.

Das ist immer ein bisschen öde, weil du dann drei Stunden und mehr unterwegs bist. Und ein bisschen anstrengend ist es auch, weil du 28, 30, 32 Kilometer oder noch mehr laufen musst. Dafür laufe ich wenigstens eine recht idyllische Strecke an der Spree entlang. Ganz neue Ecken von Berlin lerne ich auch kennen. Zum Beispiel Haselhorst, wo ich irgendwann lande. Da war ich noch nie. Wahrscheinlich werde ich auch nie wieder dort hinkommen, denn dort ist es nicht ganz so idyllisch wie an der Spree.

Irgendwann habe ich gar keine Ahnung mehr, wo ich mich gerade befinde. Ich mache einen auf Pfadfinder, verlasse mich auf meinen Orientierungssinn und laufe in die Richtung, wo ich grob Moabit vermute. Zu meiner sehr großen Überraschung funktioniert das sogar.

Gegen Ende des Laufs muss ich noch ein paar Runden im Kleinen Tiergarten drehen, um die vorgeschriebenen Kilometer zusammenzubekommen. Dort kommen mir ein Mann und eine Frau entgegen. Sie gehören zu einer Gruppe von Trinker*innen, die im Park zusammen abhängen. Der Mann trägt eine Dose Bier in der Hand, die Frau trinkt aus einer großen Flasche irgendein giftgrünes Zeug. Wahrscheinlich Pfeffi.

Als wir auf gleicher Höhe sind, hält sie mir die Flasche auffordernd entgegen. „Willste was?“, fragt sie barsch, aber nicht vollkommen unfreundlich. (Zumindest für Berliner Verhältnisse.) Wahrscheinlich sehe ich so fertig aus, dass sie denkt, ich könnte das zur Erfrischung gut gebrauchen. Ich lehne trotzdem dankend ab. Pfefferminzlikör gilt wohl eher nicht als isotonisches Laufgetränk. Der Frau scheint das ganz recht zu sein. Dann bleibt wenigstens mehr für sie übrig.


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Eine kleine Wochenschau | KW27-2022

Wegen unseres anstehenden Urlaubs gibt es nicht erst zum Sonntag-, sondern schon Freitagabend meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


04. Juli 2022, Berlin

Impressionen auf dem Weg zum Einkaufen:

  • Vor einer Kita stehen zwei bullige, stiernackige Männer mit Gesichtstätowierungen und Rocker-Lederwesten. Sie unterhalten sich über die Vor- und Nachteile von verschiedenen Kinderhochstühlen.
  • Eine Frau kommt mir entgegen, die ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Niveau ist keine Creme“ trägt.
  • An der Straßenecke unterhalten sich zwei Männer auf Arabisch. Zum Schluss verabschiedet sich der eine mit einem fröhlichen „Tschüssikowski!“ Bin mir nicht sicher, ob das ein Zeichen für Multi-Kulti im besten Sinne ist oder ob die beiden bei der Integration ein wenig überperformt haben. Nun ja, zumindest tragen sie keine Krachledernen und Trachtenjankerl.
  • Ein kleines Mädchen schaut sich ein Werbeplakat für einen Rasierapparat an und erklärt seiner Mutter mit ernster Miene: „Damit entfernt man sich das Gesicht.“
  • Auf einer Bank sitzt ein verwirrter Mann und brüllt: „Wir müssen mit dieser Scheiße endlich aufhören!“ Vielleicht ist er auch gar nicht verwirrt, sondern der einzige Mensch mit Durchblick.
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