Eine kleine Marathonschau | KW16-2023 (Teil 2)

Teil 1, Teil 3


9. 30 Uhr. Es geht los. Zunächst für die Eliteläufer*innen, zu denen ich offensichtlich nicht zähle. Ein paar Minuten später setzt sich unser Block in Bewegung.

Für meine Wunschzeit von dreieinhalb Stunden muss ich die Kilometer im Schnitt in 4:59 Minuten laufen. Für einen kleinen Puffer habe ich meine Laufuhr auf 3:29 Stunden programmiert. Das entspricht einem Kilometerschnitt von 4:57. Beim Marathon besteht aber die Gefahr in der Anfangseuphorie zu schnell loszulaufen, so dass dir am Ende die Puste ausgeht. Habe mir daher für die ersten zehn Kilometer eine Kilometerzeit von nur fünf Minuten vorgegeben, um später nach und nach etwas schneller zu werden.

Um nichts dem Zufall zu überlassen, habe ich meine Laufplaylist entsprechend gestaltet. Die ersten Lieder sind rhythmisch etwas langsamer und nach hinten raus nimmt der Beat immer weiter zu. Der Lauf startet für mich mit „Vergiftet“ von Jan Delay, geht weiter mit P.R. Kantate und „Görli Görli“, gefolgt wieder von Jan Delay mit „Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann“, der dann von den Beginner mit „Gustav Gans“ abgelöst wird.

Das hat zwar eine Menge Hamburger Lokalkolorit – mit Ausnahme von P.R. Kantate –, aber auf den ersten Kilometern deucht mir, dass sich Deutsch-Rap mit leichten Reggae-Einflüssen eher zum Kiffen und weniger als musikalische Untermalung eines Marathons eignet.

Hänge mich an einen Typ, der vor mir unterwegs ist und wie ein Uhrwerk ein 5er-Tempo abspult. So komme ich trotz des chilligen Auftaktmedleys auf meine vorgenommene Durchschnittszeit. Nach ungefähr fünf Kilometern verliere ich meinen Vordermann allerdings aus den Augen.

Inzwischen singen Wanda darüber, dass Tante Ceccarelli in Bologna Amore gemacht hat. Der Rhythmus ist etwas flotter als die Hamburger Deutsch-Rap-Kiffer-Mucke. Dadurch schaffe ich es auch alleine, meine Geschwindigkeit zu halten.

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Kilometer 6. Trinke mein erstes Energie-Gel. Mit Orangen-Flavour. Geschmacklich durchaus verbesserungswürdig, aber ein Marathon ist ja keine Gourmet-Veranstaltung. (Außer der Medoc-Marathon. Da gibt es an den Verpflegungsstationen Austern und Rotwein.)

Der erste Punkt meiner To-Do-Liste ist damit erledigt. Auf der Liste steht, ungefähr alle sechs Kilometer ein Gel zu trinken, und außerdem bei Kilometer 12, 21 und 30 eine Getränkeflasche von meiner Frau entgegenzunehmen. Wenn du dreieinhalb Stunden unterwegs bist, ist es gut, wenn du etwas zu tun hast. Dann wird dir nicht langweilig.

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Habe inzwischen acht Kilometer hinter mir. Meine Laufuhr zeigt die Kilometer allerdings jedes Mal etwas vor den offiziellen Markierungen an. Bin genervt, dass die Uhr nicht präziser misst. Das liegt möglicherweise daran, dass hier Tausende Menschen mit GPS-Trackern unterwegs sind, die sich gegenseitig stören. Keine Ahnung, ob das technisch und physikalisch Sinn ergibt. Wahrscheinlich nicht.

Habe plötzlich eine Erleuchtung. Die Differenz ist gar nicht auf Messungenauigkeiten meiner Uhr zurückzuführen, sondern darauf, dass ich nicht exakt die Ideallinie laufe. Auf der sind immer schon andere Läufer*innen unterwegs. Ich bewege mich mal etwas weiter links und mal etwas weiter rechts von der blauen Linie und habe somit in Kurven einen etwas größeren Radius. Die Uhr misst also durchaus exakt, aber ich laufe tatsächlich jeden Kilometerabschnitt eine etwas weitere Strecke.

(Das ist heute ungefähr mein 25. Volkslauf, an dem ich teilnehme, und es ist das erste Mal, dass ich verstehe, woher die vermeintliche Messabweichungen meiner Uhr herkommen. Es hat schon seinen Grund, dass ich ein geistes- und kein naturwissenschaftliches Studium absolviert habe.)

Die längere Distanz, die ich im Vergleich zur offiziellen Strecke zurücklege, bedeutet, dass ich geringfügig schneller als geplant laufen muss, um die zusätzlichen Meter zeitlich zu kompensieren und auch offiziell unter dreieinhalb Stunden zu bleiben.

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Hannes Wittmer singt zwar „Vorwärts ist keine Richtung“, aber ich glaube, heute schon.

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War heute schon gefühlt 134-mal und tatsächlich neunmal auf Toilette. Trotzdem meldet sich meine Blase bei Kilometer 10. Sie merkt zaghaft an, sie hätte nichts dagegen, demnächst mal geleert zu werden. Das fände sie sogar ausgesprochen gut.

Da das hier keine basisdemokratische Veranstaltung ist, entscheide ich aber, frühestens nach 21 Kilometern zu pinkeln. Noch besser erst bei Kilometer 25. Meine Blase murrt ein wenig, fügt sich aber ihrem Schicksal.

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Kilometer 11. Ein Viertel ist geschafft. Trinke das nächste Energie-Gel. Etwas früher als vorgesehen, aber mir fiel gerade noch rechtzeitig ein, dass mir bei Kilometer 12 meine Frau die neue Getränkeflasche übergibt und das wird etwas schwierig, wenn ich gleichzeitig mit dem Gel-Beutel rumhantiere.

Geschmacklich ist das Orangen-Gel immer noch nicht haute-cuisine-verdächtig. Dafür ist der nächsten Punkt auf der To-Do-Liste erledigt.

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Kommen an der Elbphilharmonie vorbei. Die sehe ich aber nicht, da ich nach meiner Frau Ausschau halte. Der Flaschenaustausch verläuft sehr geschmeidig. Als hätten wir es vorher geübt.

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Kilometer 14. Klatsche mit ein paar Kinder am Straßenrand ab. Die freuen sich darüber und ich habe ja sonst auch nichts zu tun. Außer zu laufen.

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Theodor Shitstorm singen derweil vom „Getriebeschaden in der Slowakei“. Hauptsache nicht in Hamburg.

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Wir durchqueren den Wallringtunnel. Einige Läufer*innen pfeifen und johlen. Für den Echo-Effekt. Dann klatschen sie rhythmisch. Anscheinend laufen sie noch nicht am Limit und haben zu viel Energie.

Meine Uhr findet das Unterirdische nicht so gut. Sie hat keinen Empfang. Als wir den Tunnel wieder verlassen, zeigt sie an, der letzte Kilometer sei sechs Sekunden langsamer als geplant gewesen. Mir kam das gar nicht so vor. Aber wer bin ich, dass ich mir anmaße, die Angaben eines Hightech-Präzisionschronometers anzuzweifeln.

Vielleicht geht mir schon die Kraft aus? Wäre ein bisschen früh. Laufe den nächsten Kilometer sechs Sekunden schneller und hoffe, dass sich das später nicht rächt.

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Überhole bei Kilometer 16 den 3:45-Pacemaker. (Bei größeren Marathon-Veranstaltungen gibt es so genannte Zielläufer für bestimmte Zeiten. Wenn du neben denen herläufst, erreichst du in deiner gewünschten Zeit das Ziel. Sofern der Zielläufer nicht schlapp macht.)

Überlege, wie lange ich noch brauche, um den 3:30-Läufer einzuholen. Nach reichlich viel Kopfrechnerei komme ich auf die Lösung: Nie!

Da er – oder sie – ungefähr fünf, sechs Minuten vor mir gestartet ist und mehr oder weniger genauso schnell läuft wie ich, werde ich ihn natürlich nie erreichen. (Wie gesagt, es hat schon seinen Grund, dass ich mich damals für ein geisteswissenschaftliches Studium entschied.)

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Kilometer 18. Pfeife mir das nächste Gel rein. Check!

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Kapelle Petra singt „An irgendeinem Tag wird die Welt untergehen“. Hoffentlich nicht heute.

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Uhlenhorst. Ein Mann schiebt sein Rad quer über die Laufstrecke und behindert ein paar Läufer*innen. Diese äußern gut vernehmlich ihren Unmut. Den dicksten Anschiss kassiert er aber von einem alkoholisierten Obdachlosen. Der brüllt ihn an, was mit ihm nicht stimme, sein Rad hier einfach so durchzuschieben. Recht hat er.

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Nach 20 Kilometern liegt meine Abweichung zur offiziellen Strecke bei ungefähr 200 Metern. Das ist circa eine Minute. Gleichzeitig bin ich 30 Sekunden schneller als mein Plan, der ja auch schon einen Ein-Minuten-Puffer hat. Könnte doch mit der Wunschzeit klappen. Falls ich mich nicht verrechnet habe.


Teil 3


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Eine kleine Marathonschau | KW16-2023

Diesmal keine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche, sondern zum Hamburg Marathon. Aber genauso banal, trivial und egal.


Rückblende

Oktober 2022

Im Januar hatten mein Freund A. und ich uns beim Köln Marathon angemeldet und uns eine Zeit von vier Stunden vorgenommen. Die Laufgötter waren allerdings gegen uns. Obwohl wir uns gut vorbereitet hatten. Aber anscheinend nicht gut genug. A. stieg bei Kilometer 30 entkräftet aus, ich schleppte mich halb laufend, halb gehend weiter, bis ich mich nach vier Stunden und 25 Minuten würdelos über die Ziellinie quälte.

Das wurmte mich alles so sehr, dass ich mich am nächsten Tag für den Hamburg Marathon im April 2023 registrierte. Dann suchte ich mir im Internet einen härteren Trainingsplan. Mit mehr schnellen Einheiten, mehr langen Läufen und mehr Kilometerumfängen. Ich erhoffte mir davon ein besseres Abschneiden in Hamburg, mein Unterbewusstsein wollte mich damit wahrscheinlich bestrafen.

Um den Druck zusätzlich zu erhöhen, nahm ich mir eine Zeit von 3:45 vor, die ich später in einer Mischung aus Größenwahn, vollkommenem Realitätsverlust und fortgeschrittenem Wahnsinn sogar auf 3:30 erhöhte. Fast eine Stunde schneller als in Köln und unter meiner Bestzeit von 3:33:53 vom Berlin Marathon 2013. Damals waren mein Bart und Haar noch dunkelbraun und mein Körper zehn Jahre jünger. Und fünf Kilo leichter. Beste Voraussetzungen für ein Underdog-Sport-Drama, bei dem ich gegen mein jüngeres Ich antrete.

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Eine kleine Wochenschau | KW16-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


17. April 2023, Berlin

Im Supermarkt. Verwende beim Bezahlen einen 7-fach-Payback-Punkte-Coupon, den wir kürzlich zugeschickt bekommen haben. Ja, meine Frau und ich sind Teil eines Kundenbindungsprogramms, bei dem wir einem undurchsichtigen Konzern Daten über unsere Einkaufsgewohnheiten sowie unsere bevorzugten Produkte überlassen. Und unsere Seelen obendrein. Dafür können wir uns ab und an Prämien wie einen Stabmixer oder ein Handrührgerät aussuchen. Wüsste die Frau das, die sich letztens an der Kasse so sehr über das bargeldlose Einkaufen echauffiert hat, ginge sie wahrscheinlich spontan in Flammen auf.

Fühle mich beim Einscannen des 7-fach-Gutscheins wie meine Großmutter. Die Eltern meines Vaters waren in den 50ern in die USA ausgewandert. Dort besuchten wir sie Mitte der 80er Jahr. Als ich damals mit meiner Großmutter einkaufen ging, kramte sie an der Kasse aus ihrem Geldbeutel einen Stapel Coupons hervor, die sie aus verschiedenen Zeitungen und Magazinen ausgeschnitten hatte. Für die gab es dann eine extra Packung Cornflakes, einen gratis Kanister Milch, zehn Prozent Rabatt oder andere Vergünstigungen.

Eigentlich hatten meine Großeltern es nicht nötig, Rabatt-Coupons zu benutzen. Sie waren recht wohlhabend, besaßen in Deutschland eine Eigentumswohnung und in Los Angeles in einem besseren Viertel ein großes Haus mit Swimming-Pool. Da bist du nicht wirklich auf kostenlose Cornflakes angewiesen. Aber wer weiß. Vielleicht basierte der Wohlstand meiner Großeltern gerade auf der konsequenten Nutzung der Coupons.

Wie dem auch sei. Von unseren Payback-Punkten werden wir uns eher kein Haus mit Schwimmbad leisten können. Dafür reicht es demnächst möglicherweise für eine Heißluft-Fritteuse.

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Eine kleine Wochenschau | KW16-2023 (Teil 2)

Teil 1


Der Sohn erzählt, dass er morgen eine Philo-Exkursion hat. Zum Deutschen Ethikrat. Das erstaunt mich. Also, nicht dass der Philosophie-LK eine Exkursion macht. Das kommt häufiger vor. Sondern dass diese zum Deutschen Ethikrat geht. Mir war zwar die Existenz desselbigen bekannt – in erster Linie aufgrund irgendwelcher Verlautbarungen während der Corona-Pandemie zum Thema Impfpflicht, wenn ich mich richtig erinnere –, aber es war mir nicht bewusst, dass der Ethikrat abseits seiner Mitglieder physisch existiert. Mit richtigen Büros und richtigen Arbeitsplätzen in einem richtigen Gebäude, das anscheinend besucht werden kann.

Was sie beim Ethikrat genau machen, kann mir der Sohn nicht sagen. Seine Freunde wüssten das auch nicht. Ich gehe davon aus, das liegt nicht daran, dass der Lehrer ihnen nicht erklärt hat, was auf der Exkursion passiert, sondern dass die Schüler*innen dies als irrelevante Informationen eingestuft haben, mit denen sie ihre Kurzzeitgedächtnisse nicht belasten wollten.

21. April 2023, Berlin

Als der Sohn morgens die Wohnung verlässt, hat er keine Tasche dabei und trägt lediglich seine Kopfhörer in der Hand. Ich frage ihn, ob er bei der Exkursion nichts zum Schreiben benötigt. Er erwidert, sie hätten die erste Stunde noch in der Schule, da würde er sich einen Kuli leihen. Das führt mich zu der in meinen Augen nicht unberechtigten Frage, worauf er denn mit dem Kuli schreiben wolle. Für den Sohn erfüllt die Frage allerdings nicht die erforderlichen Relevanzkriterien, um sie mit einer Antwort zu würdigen. Er deutet lediglich ein Achselzucken an, gibt mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange und geht. Wahrscheinlich fehlt ihm die Energie, um sein Sprachzentrum zu aktivieren.

Nachdem der Sohn später zurückkommt, kann er immer noch nicht sagen, was sie beim Ethikrat gemacht haben. Es sei sehr, sehr langweilig gewesen und er sei zwischendurch fast eingeschlafen. Dabei zuckt er wieder mit den Achseln. Während eines Vortrags beim Deutschen Ethikrat ein Nickerchen zu machen, stellt für ihn anscheinend kein größeres moralisches Problem dar.

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In Vorbereitung auf den Marathon muss ich nicht nur ausreichend trinken, sondern auch dafür sorgen, dass mein sogenannter Glykogenspeicher ausreichend gefüllt ist. Damit ich für die 42 Kilometer genügend Energie habe. Oder wenigstens für so viele Kilometer wie möglich.

Den Glykogenspeicher füllst du durch die Zufuhr von Kohlehydraten. In Läufer*innen-Kreisen heißt das Carbo-Loading. Das soll etwas cooler klingen als „Kohlehydrate fressen bis zur Verstopfung“.

Abends schauen meine Frau und ich eine Back-Show. Einer der Kandidaten stellt ein komplettes, maßstabgetreues Drumset aus Schokolade her. Weil das noch nicht genug Kalorien sind, packt er in die Snare Drum einen Chocolate Fudge Cake, in eine andere Trommel einen Käsekuchen und in die Base Drum Karamell-Schnitten.

Mir läuft das Wasser im Munde zusammen. Damit könnte ich meine Glykogenspeicher für mindestens zehn Marathons füllen. Kuchen, Kekse und Schokolade sind beim Carbo loaden aber natürlich nicht erlaubt. Stattdessen beiße ich in eine Kartoffel. Die ist auch lecker, belüge ich mich selbst. Ich muss sie nur ausreichend mit dem Salz meiner Tränen würzen.

22. April 2023, Berlin

Einen Tag vor dem Marathon stellt sich die große Bart-Frage. Kanadische Eishockeyspieler rasieren sich während Weltmeisterschaften oder in den Playoffs nicht. Aus einer Mischung aus Ritual und Aberglaube. Oder sie haben Angst, bei der Rasur ihre Halsschlagader zu perforieren und durch ihr Ableben das Team zu schwächen. Das willst du dir ja nicht vorwerfen lassen: Dass deine Mannschaft gescheitert ist, weil du tot warst.

Schaffen es die Spieler bis ins Finale, zieren ihre Gesichter stattliche Bärte. Das soll den Gegnern wahrscheinlich Respekt einflößen. Da mit Ausnahme der Schiedsrichter aber alle auf dem Spielfeld so aussehen, neutralisiert sich dieser Effekt ein klein wenig.

Schaue mich im Spiegel an und komme zu dem Schluss, dass ich kein kanadischer Eishockeyspieler bin und meine Gesichtsbehaarung keinen Respekt einflößt. Wirklich niemandem. Mein struppiger Bart sieht eher aus, als hätte ich die Kontrolle über mein Leben verloren, als wäre ich nicht einmal mehr zur basalsten Körperpflege imstande und als wäre mir einfach alles egal. (Dass ich Jogginghosen und ein uraltes T-Shirt mit zerschlissenem Kragen trage, verstärkt diesen Eindruck zusätzlich.)

Also greife ich zum Haarschneider und stutze den meinen Bart auf eine kurze, einigermaßen gleichmäßige Länge. Somit sollte ich auf den unzähligen Fotos, die am Sonntag während des Laufs gemacht werden, nicht aussehen, als hätte ich drei Monate im Wald gelebt und würde gerade vollkommen orientierungslos in die Zivilisation zurückkehren. Sondern wie jemand, der sich zu viel zugemutet hat und vollkommen orientierungslos versucht, das Ziel zu erreichen. (Hoffentlich in der richtigen Richtung.)


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Familien-Tweets und -Tröts der Woche (456)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

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Eine kleine Wochenschau | KW15-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


10. April 2023, Berlin

Ostermontag. Verbringe den größten Teil des Tages mit der Verdauung des gestrigen Ostermahls. Zwischendurch gehe ich laufen. Auf meiner Hohenzollernkanal-Strecke komme ich an den Schwänen vorbei, denen ich immer mit einer Mischung aus Respekt, Ehrfurcht und Hosen füllender Angst begegne. Das Schwanenpaar baut am Uferrand an seinem Nest. Ein älteres Ehepaar ist davon hellauf begeistert und fotografiert die Schwäne samt Brutstätte. Nicht aus sicherheitsabstandwahrender Ferne, sondern sie machen Nahaufnahmen, bei denen du wahrscheinlich die Struktur jeder einzelnen Schwanenfeder und jedes im Nest verbaute Ästchen erkennst.

Ich bin mir nicht sicher, ob es sonderlich klug ist, sich brütenden Schwänen so sehr zu nähern. Die gelten auch ohne zu erwartenden Nachwuchs nicht gerade als Mahatma Ghandis unter den Wasservögeln. Allerdings hat die Sorglosigkeit der Senior*innen auch sein Gutes: Dadurch sinkt mein Risiko, von den Schwänen attackiert zu werden, denn ich gehe davon aus, dass ich deutlich schneller rennen kann als die beiden betagten Mitbürger*innen.

Einfach abzuhauen und das Ehepaar seinem Schwanen-Schicksal zu überlassen, wäre allerdings bestimmt nicht gut für mein Karma. Vielleicht werde ich dann später als Schwan wiedergeboren. Vielleicht aber nicht, denn das könnte auch als Aufstieg im Wiedergeburtszyklus betrachtet werden. (Zumindest aus Sicht der Schwäne.)

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Eine kleine Wochenschau | KW15-2023 (Teil 2)

Teil 1


14. April 2023, Berlin

Besuch beim Friseur. Unglücklicherweise arbeitet meine Stammfriseurin Ayşe nicht mehr hier. Mit dem Haarschnitt, den ich das letzte Mal von einer der anderen Friseurinnen bekam, war ich nur so mittel zufrieden. Daher habe ich vor ein paar Tagen online einen Termin bei der Chefin ausgemacht, in der Hoffnung, diese beherrscht das Coiffeur-Handwerk besser als ihre Angestellten.

Als ich den Laden betrete, begrüßt mich eine junge Frau. Nachdem sie kurz auf den Computer-Bildschirm geschaut hat, erklärt sie, die Chefin käme erst später, und fragt, ob es mir etwas ausmache, wenn sie mir die Haare schneiden würde. Ich zögere ganz leicht. Um ehrlich zu sein, macht es mir etwas aus. Das möchte ich so aber nicht sagen, um ihre Gefühle nicht zu verletzen.

Außerdem kann ich mich nicht erinnern, ob es diese junge Frau war, die mir letztens die Haare zu meiner Unzufriedenheit geschnitten hatte. Die Friseurinnen in dem Laden sehen sich alle sehr ähnlich – jung, mittelgroß, mittellanges schwarzes Haar, aufwändiges Make-up – und ich habe Schwierigkeiten, sie zu unterscheiden.

Möglicherweise tue ich ihr Unrecht, was ihre friseurischen Kompetenzen angeht und sie war gar nicht für meinen letzten Haarschnitt verantwortlich. Ohnehin weiß ich gar nicht mehr so genau, was mir damals an diesem nicht so gut gefiel. Dann kann ich eigentlich nicht so wahnsinnig unzufrieden gewesen sein. Hätte sie mir versehentlich eine Tonsur verpasst, könnte ich mich bestimmt erinnern. Dann wäre es moralisch auch okay, auf den Termin mit der Chefin zu bestehen. So sage ich, das sei kein Problem und ich würde mir gerne von ihr die Haare schneiden lassen. Wenngleich eine Sekunde zu spät, um vollends glaubwürdig zu sein.

Zunächst wäscht mir die junge Frau die Haare. Sie fragt mich, ob die Wassertemperatur so gut sei. In einer Art Übersprungshandlung wegen meiner verzögerten Antwort von eben überkompensiere ich und erwidere: „Phantastisch.“

Phantastisch?!? Meine Güte, Christian, geht’s nicht eine Nummer kleiner? Das Wasser ist wohltemperiert, was das Haarewasch-Erlebnis okay, gut oder angenehm macht. Die Bezeichnung „phantastisch“ sollte dagegen für anderes, außergewöhnlicheres verwendet werden. Ein Violinkonzert von Itzhak Perlman ist zum Beispiel phantastisch. Oder ekstatischer Sex. Oder frischer Käsekuchen, der gerade aus dem Backofen kommt.

Nach dem Haarewaschen schneidet mir die junge Frau recht zügig und schweigsam die Haare. Beides weiß ich beim Friseurbesuch sehr zu schätzen. Als sie fertig ist, hält sie mir einen Spiegel an den Hinterkopf, damit ich das Ergebnis ihrer Arbeit begutachten kann. Sie will wissen, ob ich zufrieden bin. Ich habe meine Brille noch nicht wieder aufgesetzt und sehe mein Gesicht nur schemenhaft, Details meiner frisch geschnittenen Haare sehe ich gar nicht. Ich sage trotzdem: „Phantastisch!“

15. April 2023, Berlin

Heute steht der letzte lange Lauf vor dem Marathon nächste Woche an. Noch einmal 35 Kilometer. Diesmal aber ohne Marathongeschwindigkeit zum Schluss, sondern einfach in gemütlichem Tempo. So gemütlich wie dreieinhalb Stunden Laufen sein können.

Ich nutze das Training, um Trinken zu üben. Das hört sich etwas merkwürdig an. Trinken ist eigentlich eine Tätigkeit, die einen weder intellektuell noch motorisch überfordert. Zumindest wenn du älter als anderthalb bist.

Beim Laufen ist das allerdings gar nicht so einfach. Dabei musst du gleichzeitig das Trinken, Atmen, Schlucken und Rennen koordinieren. Da kannst du schon mal durcheinanderkommen. Zum Beispiel wenn du einen zu großen Schluck nimmst. Oder beim Schlucken einatmest.

Wenigstens habe ich eine Trinkflasche mit einem Trinkventil, das sicherstellt, dass das Getränk in deinem Mund ankommt. Im Gegensatz zu Bechern, die es bei den Läufen an den Verpflegungsstationen gibt. Wenn du aus denen während des Laufens trinkst, landet die Hälfte der Flüssigkeit in deinem Gesicht, dreißig Prozent auf deiner Brust und fünfzehn Prozent auf der Straße. Die restlichen fünf Prozent schüttest du versehentlich in deine Luftröhre und bekommst einen epischen Hustenanfall, der dir deine kümmerliche Restenergie entzieht, so dass du das Rennen am liebsten sofort beenden würdest.

Die Verwendung der Trinkflasche klappt heute aber ganz problemlos. Mein anderthalbjähriges Ich klatscht begeistert in die Hände.

16. April 2023, Berlin

Beim Spazierengehen komme ich in der Nachbarschaft am Büro eines Sicherheitsdienstes vorbei. Auf dem Schaufenster ist aufgedruckt, welche Dienstleistungen angeboten werden. Wachschutz, Objektschutz und Personenschutz. Außerdem etwas sachfremd Empfangs- sowie Reinigungsservices.

Richtig gut zu lesen ist das alles allerdings nicht. Irgendjemand hat einen Stein in die Schaufensterscheibe geschmissen und diese ist großflächig zersplittert. Die Tat einer Schutzgelderpresser-Bande? Oder eines rivalisierenden Sicherheitsdienstes?

Auf jeden Fall ist das zerstörte Glas keine besonders gute Werbung. Wer möchte sich schon von einem Sicherheitsdienst beschützen lassen, der nicht einmal in der Lage ist, Backsteinattacken gegen das eigene Schaufenster zu verhindern? Da würde ich eher Herrn Schwan als Wachschutz engagieren.


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Familien-Tweets und -Tröts der Woche (455)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

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Eine kleine Wochenschau | KW14-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


03. April 2023, Berlin

Im Juni besuchen wir die Tochter in Irland. Auf der Heimreise wollen wir noch zwei Tage in Dublin verbringen. Ich konsultiere die bekannten Hotel-Suchmaschinen und lasse mir für das zweite Juni-Wochenende Zimmer für drei Personen anzeigen. Die ersten Ergebnisse werden ausgespuckt. Irgendetwas stimmt aber nicht. Anscheinend habe ich den Filter falsch eingestellt und einen Haken gesetzt bei „Zeige mir die absolut teuersten Unterkünfte an, egal wie schäbig sie auch sein mögen.“

In dem ersten angezeigten Hotel kosten zwei Nächte 1.100 Euro. Dabei handelt es sich aber nicht um ein irisches Adlon, was den Preis erklären würde. Eher im Gegenteil. Auf den Bildern sind metallene Stockbetten zu sehen und das Interieur sieht aus wie die Kulisse eines Siechenheims in einer Charles-Dickens-Verfilmung.

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Eine kleine Wochenschau | KW14-2023 (Teil 2)

Teil 1


08. April 2023, Berlin

Der Trainingsplan kennt keinen Karsamstag – und keine Gnade. Deswegen muss ich auch heute 35 Kilometer laufen, die letzten fünfzehn davon im angestrebten Marathontempo.

Ungefähr bei Kilometer 30 komme ich an den Punkt, wo die Oberschenkel immer stärker brennen, das Atmen längst in ein Schnaufen übergegangen ist und ich frage mich, warum ich das hier eigentlich mache. Natürlich gibt es darauf keine befriedigende Antwort. Es hat keinerlei kosmische Relevanz, ob ich durch den Schlosspark renne, im Bett liege oder auf dem Sofa sitze, Netflix schaue und dabei Kuchen in mich reinstopfe.

Genauso wenig macht es mich zu einem besseren Menschen, wenn ich 42 Kilometer in einer bestimmten Zeit laufe oder überhaupt einen Marathon renne. Das wird später nicht auf meinem Grabstein festgehalten. Meine Marathonlauferei sagt höchstens aus, dass ich vollkommen stumpf bin, so dass es mir egal ist, vollkommen sinnlos stundenlang zu laufen. (Das wird später aber auch nicht auf meinem Grabstein stehen. Hoffe ich zumindest.)

Dieses existenzielle Nachdenken ist bei den langen Läufen – und beim Marathon selbst – ein ganz heikler Moment. Wenn ohnehin alles egal ist, kann ich ja auch langsamer laufen. Oder gleich stehen bleiben. Das will ich aber nicht.

Stattdessen rufe ich mir die Worte von Richard Ringer ins Bewusstsein. Der wurde letztes Jahr sensationell Europameister im Marathon. Über seinen phänomenalen Schlussspurt sagte er später: „Es tat eh alles weh, da war es dann auch schon egal.“ Ein Satz, der zugegebenermaßen in einem Rückblick auf einen europäischen Triumphlauf heroischer klingt, als auf den drei letzten Trainingskilometern, wo auch alles weh tut, dir aber noch nicht alles egal ist.

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Nachmittags sauge ich gründlich das Wohnzimmer. Zumindest so gründlich, wie es mir nach dem Dreieinhalb-Stunden-Lauf möglich ist. Aber meine Frau und ich wollen später Schokohasen und Ostereier verstecken, da soll es dort dann wenigstens einigermaßen sauber sein. Wobei sich Wollmäuse eigentlich ganz gut eignen, um darin kleinere Schokoeier verschwinden zu lassen. Aber das würde nicht mal mehr unsere mittelmäßigen Reinlichkeits- und Ordnungsstandards erfüllen.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Kinder überhaupt noch Wert auf das Ostereiersuchen legen oder ob wir das eher für uns machen. Als Erinnerung daran, wie es war, als die Kinder noch klein waren. Egal. Mit manchen Fragen solltest du dich besser nicht weiter beschäftigen. Zumindest sofern du verdrängen willst, dass deine Kinder groß sind und du folglich alt wirst.

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Die Kinder haben bei uns nur relativ wenige Haushaltspflichten. Das liegt zum einen an den eben erwähnten mittelmäßigen Reinlichkeits- und Ordnungsstandards. Da gibt es gar nicht so viel zu tun. Zum anderen erträgt es meine Frau nicht, wenn jemand anderes die Wäsche aufhängt und dabei nicht ihre farblich ausgeklügelte Wäscheklammer-Ordnung einhält, und ich bekomme ebenfalls leichtes Augenzucken, wenn mein in vielen Jahren perfektioniertes Spülmaschinen-Einräumsystem nicht befolgt wird.

Eine essenzielle Aufgabe haben die Tochter und der Sohn aber doch. Sie müssen am Karsamstag abends immer Osterhasen spielen und bei allen Kindern im Haus vor den Türen Schokohasen und Eier verteilen. Das hat bei uns in der Hausgemeinschaft Tradition. Da sind karsamstags sehr viele Osterhasen unterwegs und es wird so viel Schoki vor die Türen gestellt, dass du Schwierigkeiten hast, auf den Treppenabsätzen durchzukommen.

Obwohl meine Frau und ich einen recht liberalen Erziehungsstil pflegen, dulden wir es unter keinen Umständen, dass sich die Kinder vor diesen Osterhasenpflichten drücken. Sonst müssten wir das nämlich selbst machen. Und dafür hast du ja Kinder. Dass du denen Aufgaben aufdrücken kannst, auf die du keine Lust hast.

Der Sohn meint trotzdem, er könne diesmal nicht, er müsse bis 22 Uhr arbeiten. Ich erwidere, wenn er fünf Stunden lang hinter der Theke Bier verteilt hätte, wüsste er ja, wie das mit der Verteilerei geht und könne dann mit den Oster-Süßigkeiten weitermachen. Er findet, seine Schwester könne das allein machen, schließlich sei sie letztes Jahr an Nikolaus und an Ostern nicht da gewesen, so dass er ohne sie durchs ganze Haus laufen musste. So wie er das sagt, klingt es, als wäre er nicht nur zwei Stockwerke hochgegangen, sondern mehrere Tage auf einer Regenwald-Expedition gewesen und dabei nur knapp mit dem Leben davongekommen.

09. April 2023, Berlin

Vor das Oster-Frühstück hat der Laufplan den Erholungslauf gesetzt. Weil es nur noch zwei Wochen bis zum Marathon sind, jedoch keine 20 Kilometer mehr, sondern nur noch fünfzehn.

Ich beschäftige mich während des Trainings mit meiner Marathon-Playlist. Die ist ganz entscheidend für einen erfolgreichen Lauf. Die Musik darf auf keinen Fall zu langsam sein. Sonst tanzt du gedanklich Stehblues und schleichst in einem Tempo über die Strecke, mit dem du jegliche Bestzeithoffnungen ziemlich schnell begraben kannst. „My heart will go on“ oder „Candle in the wind“ scheiden deswegen aus. Der Beat darf allerdings auch nicht zu schnell sein. Damit du nicht in einer Geschwindigkeit losrennst, in der du zwar auf den ersten Metern dem Duracell-Hasen Konkurrenz machst, bei Kilometer 2 aber zur Reanimation ins Sauerstoffzelt getragen werden musst. Somit dürfen „Bumerang“ von Blümchen oder Speed Metal auch nicht auf die Liste.

Einen idealen Lauf-Song habe ich vor vielen Jahren mal zufällig gefunden. Die Kinder waren damals noch im Kita-Alter. Für längere Bahnreisen hatte ich auf meinem iPod – die Mittelalten erinnern sich – eine CD des Kinderliedermachers Fredrik Vahle gespeichert. Bei einem Lauf wurde mir dann unbeabsichtigt „Der Hase Augustin“ ins Ohr geshuffelt. Ein perfektes Lied für ein flottes aber nicht zu flottes Tempo. Und gute Laune machte es auch.

Allerdings reicht ein Lied nicht für einen Marathon. Ich möchte mir nicht 75-mal anhören, dass der Hase Augustin ein Naturtalent ist und mehrfacher Landesmeister im Zickzackdauerlauf wurde. Vor allem nicht, wenn ich mich die letzten Kilometer auf dem Zahnfleisch durch Hamburg schleppe.

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Vor das Oster-Frühstück haben die Ostereier-Verstecker das Ostereier-Suchen gesetzt. Die Kinder sind mäßig enthusiastisch bei der Sache. Ungefähr mit so viel Begeisterung wie ich gestern beim Saugen des Wohnzimmers.

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Wir verbringen den Nachmittag damit, alte Videos zu schauen. Von den Kindern im Babyalter. Anscheinend dachten wir, die Nachwelt könnte an Aufnahmen in Blair-Witch-Ästhetik interessiert sein, auf denen unsere Kinder zu sehen sind, wie sie auf dem Boden liegen und versuchen sich umzudrehen. Mehr passiert da nicht. Selbst das mit dem Umdrehen klappt nicht. Das Video hat eine Länge von 20 Minuten.

Unter anderem gibt es auch eine Aufnahme von mir, wie ich mit der Tochter auf dem Arm tanze. Zu „Staying Alive“ von den Bee Gees. Ein Video, das schleunigst wieder im Giftschrank verschwinden muss.


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