Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.
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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
3) Was geht denn da ab? Die Bedeutung der Feiertage
Palmsonntag: Eine Woche vor Ostersonntag, der damals noch nicht Ostersonntag war, ging Jesus nach Jerusalem. Dabei wollte der auf seine Außenwirkung bedachte Gottessohn nicht als angeberischer Großkotz auftreten. Daher befahl er zwei Jüngern, sie sollen in einem nahegelegenen Dorf einen Esel mitgehen lassen und falls die Besitzer Einwände hätten, sollten sie ihnen sagen: „Der Herr braucht ihn.“ Nach heutigen strafrechtlichen Maßstäben erfüllt das wahrscheinlich die Straftatbestände der Nötigung und des Diebstahls, möglicherweise sogar der räuberischen Erpressung. Deswegen ging der Tag nicht als Eselssonntag in die Kirchentradition ein. Weil das Volk Jesus zu Ehren bei seinem Einzug nach Jerusalem Palmwedel auslegten, was damals ein großes Ding war, denn die Palme galt als heiliger Baum, entschieden sich die Kirchenoberen beim Namens-Brainstorming für Palmsonntag.
Gründonnerstag: Die Tage nach Palmsonntag vertrieb sich Jesus damit, ein wenig im Tempel zu randalieren und die Obrigkeit gegen sich aufzubringen. Der Gründonnerstag lief für Jesus dann eher suboptimal. Zunächst feierte er mit seinen Jüngern noch das letzte Abendmahl. Später wurde er von Judas verraten und von Offizieren der Tempelwache verhaftet. Mit dem Gründonnerstag beginnt das Leiden Christi. Damit Kinder dies körperlich nachempfinden können, wird an diesem Tag traditionell Spinat gegessen.
Karfreitag: Die Vorsilbe Kar- leitet sich vom althochdeutschen Wort kara ab und bedeutet so viel wie Trauer oder Wehklagen. Jesus wird dem zustimmen, denn für ihn war der Karfreitag ein richtig gebrauchter Tag. Zuerst verurteilte Pontius Pilatus ihn zum Tode und dann wurde er halbnackt mit einer Dornenkrone auf dem Kopf von römischen Soldaten durch Jerusalem getrieben. Dabei musste er das riesige Holzkreuz auf dem Buckel schleppen, an das er schließlich genagelt wurde. Da ist es nur schwer vorstellbar, dass er fröhlich gepfiffen und auf die brighte Seite des Lifes geschaut hat.
Karsamstag: Samstags war Jesus in erster Linie tot. Sonst passierte da nicht wahnsinnig viel. Als Jude musste Jesus am Schabbat ja auch strengste Ruhe halten. Das hat ihn sonst zwar auch nicht unbedingt interessiert, aber nach dem anstrengenden Karfreitag kam ihm ein Tag Siesta wahrscheinlich ganz gelegen.
Ostersonntag: Der Ostersonntag steht ganz im Zeichen der Auferstehung Jesu. Die war Gott wichtig, um zu zeigen, dass er das ewige Leben schenken kann. Jesus hätte nach der strapaziösen Kreuzigung sicherlich gerne noch ein wenig länger gechillt, aber er wurde nicht gefragt. Gott war anscheinend kein Verfechter der bedürfnisorientierten Erziehung. Nach der Auferstehung erschien Jesus als erstes Maria Magdalena. Die hielt ihn allerdings für den Gärtner und fragte, ob er möglicherweise Jesus Leichnam weggeschafft hätte. (Ups!)
Ostermontag: In der christlichen Welt ist der Ostermontag einer der höchsten Feiertage, in der säkularen Welt dient er in erster Linie dazu, die Reste des Vortages zu essen. Jesus verbrachte den Großteil des Ostermontags damit, seine Jünger davon zu überzeugen, dass er tatsächlich auferstanden war. Die waren aber ziemlich skeptisch und hielten ihn zunächst für einen Schnacker. Für Jesus war das super nervig. Da hatte er den ganzen Bums mit Dornenkrone, Kreuzschlepperei und Kreuzigung auf sich genommen und seinen Dudes jahrelang erzählt, dass er Gevatter Tod ein Schnippchen schlagen wird, und dann glaubte ihm niemand.
4) Wer macht denn so was? Die wichtigsten Sitten und Gebräuche
Hasenbraten: Traditionelles Ostergericht und eine sehr merkwürdige Form der Dankbarkeitbezeugung für die Geschenke und Süßigkeiten, die der Osterhase vorbeibringt.
Abendmahl: Letzte gemeinsame Mahlzeit von Jesus und seinen Jüngern. Dabei reichte der Gottessohn Brot und Wein als seinen Leib und sein Blut. Ein eher befremdliches Party-Spiel, aber die Jünger dachten sich: „Was soll’s, Wein ist Wein.“
Osterlamm: Das Lamm ist ein gebräuchliches Synonym für Jesus. An Ostern wird es gerne verspeist, was ungefähr so weird ist, wie beim Abendmahl den Leib Christi in Form von trockenem Brot zu sich zu nehmen.
Schokohase: Von der Süßwarenindustrie eingeführt, um die nicht verkauften Schokoweihnachtsmänner zu recyceln.
Fastenzeit: Dauert von Aschermittwoch bis Gründonnerstag (Oder Palmsonntag oder einschließlich Ostersamstag, je nachdem wie gläubig und leidensfähig du bist.) Fastende üben sich in Askese und Enthaltsamkeit, um sich auf Ostern vorzubereiten und um das Leiden Christi nachzuleben. Dazu verzichten die meisten Fastenden auf Alkohol und Süßigkeiten, was Jesus ziemlich irritiert: „Alter, geht’s noch? Ich musste mit Dornenkrone auf der Rübe halbnackt durch die Stadt latschen, wurde dabei ausgepeitscht und dann an ein Kreuz genagelt und ihr „leidet“, weil ihr euch mal für ein paar Wochen keinen Fusel reinlötet und euch ausnahmsweise nicht mit Chips und Schokolade vollstopft? Fuck you!“
Ostereier: Das Ei gilt in vielen Kulturen als Symbol des Lebens und der Fruchtbarkeit. Das aus dem Ei schlüpfende Küken soll an die Auferstehung Jesu erinnern. Das ist allerdings wenig plausibel, denn Küken werden vor dem Schlüpfvorgang nicht gekreuzigt und Jesus ist drei Tage nach seinem Ableben nicht aus einem Ei geklettert, sondern aus einer modrigen Höhle.
Eier bemalen: Schon im Mittelalter wurden Eier zu Ostern eingefärbt. Allerdings ausschließlich in rot, was an das Blut erinnern sollte, dass Jesus bei der Kreuzigung vergossen hat. Da schmeckt das Ei gleich viel besser. Inzwischen ist das Eierbemalen hauptsächlich eine Beschäftigungstherapie für Kitakinder. Weil diese das Farbempfinden von Maulwürfen und die Fingerfertigkeit von Krabben haben, sehen die Kita-Eier aus, als hätte sie jemand in Kuhfladen gewälzt, was die mittelalterlichen Bluteier in wesentlich besserem Lichte erscheinen lässt.
Verstecken und Suchen: Die Tradition des Ostereier-Versteckens soll daran erinnern, dass die Grabhöhle von Jesus nach seiner Auferstehung leer war und seine Anhänger ihn überall gesucht haben. Heutzutage soll das Ostereiersuchen in erster Linie hyperaktive Kinder an Ostersonntag bei Laune halten. Die Eltern können in Ruhe einen Kaffee trinken, während die Brut auf der Suche nach etwas Schokoladigem den Garten zerpflügt oder im Wohnzimmer sämtliche Bücher aus den Regalen reißt.
Osterfeuer: Die Tradition des Osterfeuers ist heidnischen Ursprungs und wurde von der katholischen Kirche übernommen, um die eigene Fanbase zu vergrößern und bei Laune zu halten. Das Feuer soll Christus als das Licht der Welt symbolisieren. In ländlichen Gegenden wird der Brauch des Osterfeuers bis heute gepflegt. Die Dorfgemeinschaft kommt zusammen, trinkt Bier und Schnaps und verbrennt dabei alte Möbel und Autoreifen.
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Allen, die Ostern feiern, wünsche ich ein fröhliches Osterfest und eine gesunde Verdauung. Allen anderen ein paar erholsame freie Tage und ebenfalls einen geschmeidigen Stuhlgang. (Der kann ja nie schaden.)
Alle Folgen von „Wissen macht: Hä?“ finden Sie hier.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Herzlich willkommen zu „Wissen macht: Hä?“, meiner neuen Infotainment-Rubrik mit wenig Info und mittelmäßig viel tainment. Ich bin zwar wesentlich allgemeinungebildeter als mein akademischer Abschluss vermuten lässt, aber als Mann hindert mich das nicht daran, zukünftig regelmäßig zu erklären, was es mit den wichtigsten Jahres- und Feiertage auf sich hat, geschichtliche Ereignisse zu erläutern oder Hintergründe zum aktuellen Zeitgeschehen zu liefern. Mit zahlreichen Informationen, Fakten und Theorien, die Sie – aus gutem Grunde – sonst nirgendwo finden. Wenn Sie regelmäßig „Wissen macht: Hä?“ lesen, werden Sie wahrscheinlich nicht klüger, aber auch nicht unwissender. Vielleicht. Falls Sie Glück haben.
Ostern – das wichtigste Fest der christlichen Kirchen. Und das zweitwichtigste der Süßwarenindustrie. Aber haben Sie eine Ahnung, um was es an Ostern genau geht? Wenn Ihnen lediglich „Irgendwas mit Jesus“ einfällt, wissen Sie wenig genug, um hier etwas zu lernen. Zum Beispiel, wer die ganzen Oster-VIPs sind, warum der Oster-Termin im März und April umherwandert, was die verwirrenden Palm-, Grün- und Kartage vor Ostern bedeuten, und welche merkwürdigen Sitten und Gebräuche zu Ostern gepflegt werden. Toll!
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
27. März 2023, Berlin
Aufmerksame Leser*innen erinnern sich, dass meine Frau am letzten Wochenende ihren Geldbeutel im Zug liegen gelassen hatte. Deswegen ließ sie sofort unterwegs ihre EC-Karte sperren. Die Postbank war etwas übermotiviert und hat meine Karte gleich mitgesperrt. Obwohl diese nicht im Zug oder sonstwo zurückgelassen wurde, sondern ein ganz normales EC-Karten-Leben in meinem Geldbeutel fristete.
Nun verkompliziert es den kapitalistischen Alltag sehr, wenn du keinen Zugang zu Geld hast. Daher gehe ich zu unserer Postbank-Filiale, damit meine Karte wieder entsperrt wird. Ich stelle ich mich vorsorglich auf kafkaeske und schildbürgerstreichartige Geschehnisse ein. Wahrscheinlich muss ich tagelang anstehen, ein 38-seitiges Formular ausfüllen, meine Seepferdchen-Urkunde vorlegen und ein Fläschchen mit dem Blut eines jungfräulichen Kaninchens abgeben, mit dem die Postbank-Frau in den Postbank-Keller geht, wo ein altes Hutzelweibchen eine Beschwörungsformel auf Aramäisch singt, die die Sperre meiner EC-Karte aufhebt.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Gestern Abend fragte mich der Sohn, ob ich morgen mit ihm zusammen einen Anzug kaufen könnte. Ich bin etwas überrascht und frage ihn, für was er einen Anzug bräuchte. Er sei auf eine Geburtstagsparty eingeladen, erklärte er. Eine Casino-Mottoparty. So ändern sich die Zeiten. Bei uns lauteten die Mottopartys meistens „Waldhütten-Besäufnis“. (Manchmal auch „Partykeller-Besäufnis“.) Das war zwar weder originell noch stilvoll, aber zumindest mussten wir keine Anzüge tragen.
Casino finde ich als Partymotto etwas unpräzise. Für ein monegassisches Edel-Casino à la James Bond bräuchte der Sohn einen Smoking. Ich verspüre aber wenig Lust, viel Geld für einen Smoking auszugeben, den der Sohn nie wieder tragen wird. Vielleicht ist das Casino aber eher so ein leicht abgeranztes Boot-Casino wie bei Ozark. Dann könnte der Sohn kurze Hosen und ein Hawaii-Hemd tragen.
Es soll aber ein Anzug sein. Ich habe sehr große Zweifel, dass ich die richtige Kaufbegleitung bin. Zum einen trage ich selbst nur sehr selten Anzüge, zum anderen ist meine Expertise in modischen Angelegenheiten nur sehr rudimentär vorhanden. Quasi nicht existent. Trotzdem willigte ich ein. Wenn deine Kinder dich um Hilfe bitten, dann hilfst du ihnen. Egal, ob sie Mitten in der Nacht irgendwo in der Walachei abgeholt werden müssen, du sie bei der Polizei einsammeln musst, weil sie beim Kiffen im Park erwischt wurden, oder sie wollen, dass du einen Anzug mit ihnen kaufst. Außerdem kommt es nur sehr selten vor, dass ein Teenager seinen Eltern zutraut, etwas besser zu wissen als sie selbst. Einen solch raren Moment musst du als Vater unbedingt auskosten.
Ich selbst bekam meinen ersten Anzug zu meiner Konfirmation. Damals war ich dreizehneinhalb und ein spätentwickelter Milchbubi. Die Pubertät war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal in weiter Ferne zu erahnen. Folglich sah ich in meinem Konfirmationsanzug aus wie ein Kind, das Wall-Street-Banker spielt. Dass mich der Fotograf, zu dem mich meine Eltern schleppten, um meine Konfirmation bildlich festzuhalten, aufforderte, mein Jackett „lässig“ über der Schulter zu halten, machte es nicht besser.
Später hatte ich zwei, drei Anzüge für die Arbeit. Die sind mir inzwischen viel zu weit, hängen aber immer noch im Schrank. Eigentlich könnte ich die mal weggeben, habe aber das Gefühl, dass es bei der Altkleider-Sammlung keinen Bedarf für C&A-Anzüge von 2005 gibt. Mittlerweile habe ich nur noch einen guten Anzug, den ich äußerst selten trage. (Gelobt sei das Home Office.) Je nach Jahreszeit passt er mir mal besser, mal schlechter. (Zur Weihnachtszeit tendenziell schlechter.)
Nun stehe ich bei H+M vor den Umkleiden, während der Sohn Hosen, Jacketts und Hemden anprobiert. Wir werden erstaunlich schnell fündig. Sicherheitshalber schicke ich ein Foto in unsere WhatsApp-Gruppe „Die krummbucklige Sippe“, damit der Mann meines Schwagers den Anzug absegnen kann. C. ist Flugbegleiter, kommt weit rum, ist stilsicher und hat somit mehr Kompetenz in modischen Fragen aufzuweisen als ich. (Zugegebenermaßen ist meine modische Kompetenz eine sehr, sehr niedrige Messlatte. Eher eine Kuhle.)
C. gibt seinen Segen und empfiehlt lediglich, die Hose ein wenig kürzen zu lassen. Dann sähe der Anzug eleganter aus. Da die Party schon morgen ist, werden wir das wohl erst später machen. Vielleicht auch nie.
Für mich ist der Besuch bei H+M noch aus einem anderen Grund aufschlussreich. Ich lerne, dass es Jogginghosen gibt, die wie Anzugshosen aussehen. Beziehungsweise Anzugshosen, die so bequem wie Jogginghosen sind. Wahrscheinlich wussten Sie das bereits. Ich gehe aber nur sehr, sehr selten einkaufen. Für mich war das neu. Vielleicht lege ich mir demnächst einen zweiten Anzug zu. Oder eine neue Jogginghose.
31. März 2023, Berlin
Als Test und Standortbestimmung für den Marathon Ende April laufe ich am Sonntag beim Berliner Halbmarathon mit. Um mich etwas zu schonen, sieht der Trainingsplan heute deswegen anstatt des üblichen freitäglichen 20-Kilometer-Laufs nur eine 10-Kilometer-Einheit vor. In ganz lockerem Tempo. Beim Laufen habe ich ein merkwürdiges Gefühl. Eine Mischung aus Unterforderung und schlechtem Gewissen. Möglicherweise habe ich durch das anspruchsvolle Training sado-masochistische Züge entwickelt. Oder eine Art Laufplan-Stockholm-Syndrom.
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Morgen hat meine Frau Geburtstag. Ich verbringe den Nachmittag in der Küche und backe. Ich habe in den letzten Tagen etwas recherchiert und mich pinteresten lassen. Ich plane einen mehrstöckigen Schokoladenkuchen mit einem Frosting aus Frischkäse und weißer Schokolade, der innen mit M+M gefüllt ist, die beim Aufschneiden rausfallen. Damit der Kuchen nicht zu süß wird, kommt zwischen die Schichten außer dem Frosting Himbeer-Grütze und für den „Crunch“ geröstete Mandelsplitter. (Ich habe nicht umsonst auf Netflix mehrere Staffeln „Sugar Rush“ und „Jumbo’s Just Dessert“ geschaut.)
Der Kuchen soll auch optisch etwas hergeben. Dazu plane ich eine Art „Zaun“ aus weißen und braunen Kitkats. Oben auf den Kuchen kommt ein Haufen rote und weiße M+M sowie eine Konstruktion aus einem Strohhalm, an den ich mit flüssiger Schokolade M+M kleben will und an dessen Ende eine leere M+M-Tüte befestigt werden soll, damit der Eindruck entsteht, die M+M werden gerade auf den Kuchen geschüttet. Falls mir das alles so gelingt, wie ich es mir vorstelle, wird der Kuchen fantastisch aussehen. Falls nicht, wie ein M+M-Kuchen, der mehrmals runtergefallen ist und auf den sich ein Elefant gesetzt hat.
Bevor ich mit dem Backen beginne, richte ich die Zutaten. Ich hole aus dem Kühlschrank zwei Eier und lege sie auf den selbigen. Ein mittelmäßig smarter Move. Ich wohne seit fast 25 Jahren in Berliner Altbauwohnungen und seit gut 15 Jahren in unserer jetzigen Wohnung. Da sollte ich wissen, dass die Böden in Altbauwohnungen selten eben sind. Und aus der Grundschule sollte ich wissen, dass Gegenstände, die auf unebenen Flächen liegen, ins Rutschen geraten. Wie zum Beispiel eines der Eier, das von dem Kühlschrank rollt und auf den Boden fällt. Ich rutsche auf allen vieren durch die Küche, um Eigelb, Eiweiß und Eierschalen aufzuwischen. Gerade als ich fertig bin, fällt das zweite Ei ebenfalls runter. Es ist schön in seinem eigenen Slapstick-Film zu leben.
Der Rest des Backens verläuft reibungslos. Außer dass mir die Himbeergrütze beim Kochen fast überlauft, mir eine Ladung gehackte Mandeln verbrennt und ich die heiße Pfanne kurz, aber nicht kurz genug auf der Holzarbeitsplatte abstelle, wo sie einen dunklen, schwarzen Ring hinterlässt. Aber das ist schon okay. Das verleiht der Küche ein wenig Charakter. Jetzt sieht sie nicht mehr nach 08/15-IKEA-Küchensystem aus, sondern nach einem Ort, wo schwer gearbeitet, gekocht, gebacken, geschwitzt und geflucht und ab und an mal eine heiße Pfanne versehentlich auf einer Arbeitsplatte abgestellt wird. Damit muss sich die Arbeitsplatte abfinden. Es heißt nicht umsonst: „If you can’t stand the heat, get out of the kitchen.”
01. April 2023, Berlin
Meine Frau ist nun 48. Quasi Ende 40. Ich mit meinen 47 bin dagegen Mitte, Ende 40. Eine Formulierung, die den Altersunterschied zwischen uns noch gravierender erscheinen lässt, als er ohnehin schon ist.
Darüber kann sich meine Frau mit dem Kuchen hinwegtrösten. Auch wenn Eigenlob stinkt und es mir meine innewohnende Bescheidenheit eigentlich verbietet, kann ich konstatieren, dass der Kuchen durchaus gelungen ist. Höchstens etwas mächtig. 900 Gramm Schokolade, 800 Gramm M+M, 700 Gramm Zucker, 400 Gramm Butter und 30 Kitkat stehen nicht unbedingt für eine leichte, mediterran anmutende Küche.
02. April 2023, Berlin
Halbmarathon. Die gestrige kulinarische Vorbereitung mit Schoko-M+M-Kitkat-Kuchen, Pasta mit Tomaten-Ricotta-Sauce und Parmesan, Chips und einem Gin Tonic waren nicht gänzlich optimal. Wenigstens sollten meine Kohlehydratspeicher gefüllt sein. Vielleicht ein wenig zu viel. Ich kann beim Start ein gewisses Völlegefühl nicht verleugnen.
Trotzdem reicht es mit 1:37:15 für den zweitschnellsten Halbmarathon meiner Lauf„karriere“. Die M+M in meinem Magen freuen sich mit mir. Und die Kitkat auch.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.
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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
20. März 2023, Berlin
Heute ist Internationaler Tag des Glücks. Trotzdem bekomme ich keine Benachrichtigung, dass wir am Wochenende im Lotto gewonnen haben. Für mich persönlich hat der Internationaler Tag des Glücks noch ziemlich viel Luft nach oben.
Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit „Christian, Geld allein macht nicht glücklich.“ Natürlich stimmt das, aber ich halte es trotzdem mit Marcel Reich-Ranicki, der gesagt haben soll: „Es ist besser, im Taxi zu weinen, als in der Straßenbahn.“
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Ich stehe im dm vor dem Regal mit den Körperpflegeprodukten und bin ratlos. Meine Frau hat auf unsere Einkaufslisten-App Body Lotion geschrieben. Einfach nur Body Lotion. Ohne weitere Erläuterung. Das ist sehr unspezifisch. Im Regal stehen ungefähr 324.312 verschiedene Body Lotions. Um genau zu sein, gibt es Body Lotion, Body Balsam, Pflegecreme, Creme-Öl, Körperöl, Körpermilch, Körperbutter und vieles mehr. (Körperkäse und Körperquark kann ich allerdings nicht entdecken.) Wie soll ich da wissen, welche Body Lotion meine Frau mitgebracht haben will?
Ich überlege, welche Körperlotion meine Frau bei uns im Bad stehen hat, kann mich aber nicht erinnern. Auf der Ablage vor unserem Spiegel sind sehr viele Tiegelchen, Tübchen, Döschen und Fläschchen aufgereiht, die zu unterschiedlichen Tageszeiten und für verschiedene Körperregionen zum Einsatz kommen. Da kannst du schon mal den Überblick verlieren. Vor allem, wenn nichts davon dir gehört. Vielleicht sollte ich einfach etwas aufmerksamer sein. Sonst entgleitet einem so etwas schnell. An einem Tag weißt du nicht, welche Body Lotion deine Frau verwendet und am nächsten vergisst du ihren Geburtstag.
Ich entscheide mich schließlich für eine hautstraffende Lotion Q10 der dm-Hausmarke. Keine Ahnung, für was Q10 steht. Es scheint auf jeden Fall ein vielversprechender Inhaltsstoff zu sein, denn es gibt mehrere Produkte, bei denen das groß auf dem Etikett steht.
Ein bisschen unsicher bin ich dennoch, ob das die richtige Wahl ist. Deiner Frau eine hautstraffende Lotion mitzubringen, kann leicht als wenig subtiler Hinweis verstanden werden, dass du findest, ihre Haut sei zu schlaff und hängend, und sie solle da besser mal mit ein wenig Lotion gegenwirken. Das ist fast schon wie einen Gutschein vom Schönheitschirurgen für Facelifting und Fettabsaugung zu verschenken.
Ich glaube jedoch mich zu erinnern, dass meine Frau kürzlich von genau dieser Lotion gesprochen hat. Die hätte bei Öko-Test viel besser als die teureren Markenprodukte abgeschnitten. Möglicherweise irre ich mich aber auch. Ich sollte vielleicht bei Unterhaltungen mit meiner Frau ebenfalls aufmerksamer sein.
25. März 2023, Berlin
Heute ist Tag der Waffel. Ein sehr begrüßenswerter Feiertag verglichen mit den doch häufig skurrilen Gedenktagen, die mir unterkommen. Leider kann ich den Tag nicht gebührend begehen, indem ich mir eine Waffel einverleibe. Oder besser gleich mehrere. Noch habe ich mein mir gesetztes Ziel-Laufgewicht nicht ganz erreicht. Der Verzehr eines Lebensmittels, das größtenteils aus kurzkettigen Kohlenhydraten und Fett besteht und zusätzlich mit Puderzucker – das heißt, mit Kohlenhydraten in Pulverform – bestreut wird, bringt mich diesem Ziel sicherlich nicht näher.
Außerdem ist Waffelbacken eine recht nervige Angelegenheit. Es schränkt den Genuss doch erheblich ein, dass das Säubern des Waffeleisens mehr Zeit in Anspruch nimmt als das Backen und das Essen. Außer bei den Kindern. Die lassen das Waffeleisen einfach auf der Küchenanrichte stehen – „Das muss ja erst abkühlen!“ –, wo es dann in Vergessenheit gerät. Bis es sich irgendwann wie von Zauberhand selbst reinigt. (Die Zauberhände gehören zufälligerweise zu Personen, die große Ähnlichkeit mit meiner Frau oder mir aufweisen.)
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Samstag. Das heißt für mich wieder 35-Kilometer-Lauf. Diesmal mit neun Kilometern Endbeschleunigung im Marathon-Tempo. So weit so ungut. Noch unguter ist, dass der lange Lauf zum noch längeren Lauf wird, weil wir im Grunewald statt 17 fast 20 Kilometer laufen. Inklusive Hinweg habe ich somit schon 29 Kilometer auf der Uhr und vor allem in den Beinen. Bis ich zuhause bin, werde ich auf 38 Kilometer kommen.
Das motiviert nicht gerade. Dass ich den kompletten Heimweg in der Endbeschleunigung bestreiten muss, ebenfalls nicht. Die darf laut Peter „Der Schinder“ Greiff, von dem ich den Laufplan übernommen habe, auf gar keinen Fall abgekürzt werden. In diesen letzten Kilometern stecke überproportional viel Nutzen. Bei ihm liest sich das so, dass du, wenn du die Endbeschleunigungs-Kilometer nicht bis zum letzten Meter läufst, das Marathonvorhaben gleich ganz sein lassen kannst. Dass er dafür nur Verachtung übrighat, versteht sich von selbst.
In einer Mischung aus unterwürfiger Obrigkeitshörigkeit, preußischem Pflichtgefühl und Angst vor dem Marathon laufe ich den Heimweg also im angestrebtem Renntempo. Aber es fühlt sich nicht schön an und ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch nicht schön aussieht.
Gegen Ende des Laufs muss ich an einer roten Ampel anhalten. Ich schnaufe kurzatmig und fluche: „Fuck, fuck, fuck, fuck!“ Die junge Frau neben mir schaut irritiert und vergrößert sicherheitshalber den Abstand zu mir. Dass ich mir unterdessen mit dem Handrücken Schmodder vom Mund wische, macht unsere Begegnung für sie sicherlich nicht erquicklicher.
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Meine Frau und der Sohn sind dieses Wochenende wieder in Greifswald. Wieder auf einem Judoturnier. Eigentlich wäre es an mir gewesen, ihn zu begleiten, aber die Marathonvorbereitung bietet mir die perfekte Entschuldigung, nicht mitfahren zu können. Wobei ich auf dem letzten Endbeschleunigungskilometer zu dem Schluss komme, dass die Wortwahl „perfekte Entschuldigung“ möglicherweise etwas unpräzise ist.
Aber meine Frau fährt auch gerne zu den Turnieren mit. Heute allerdings nicht ganz so sehr. Auf der Hinfahrt lässt sie ihre Umhängetasche samt Geldbeutel und damit samt EC- und Kreditkarte sowie Perso im Zug liegen.
Der Sohn tritt heute bei den Erwachsenen an. Ich schaue mir seine Wettkämpfe nachmittags am Schreibtisch per Livestream an. Auf meiner Schreibtischunterlage klebt ein Foto des Sohns. Auf dem Bild ist er knapp ein Jahr alt, sitzt im Strampler in seinem Hochstuhl und strahlt in die Kamera. Der Sohn auf dem Bildschirm versucht derweil, sich gegen hünenhafte Männer zu behaupten und zu vermeiden, dass diese ihn abwürgen. Das gelingt ihm sogar erfolgreich und belegt einen unerwarteten fünften Platz. Der Einjährige im Hochstuhl lacht fröhlich.
26. März 2023, Berlin
Heute ist Erfinde-deinen-eigenen-Feiertag-Tag. Ich glaube die Betreiber des Kalenders, dem ich immer die ganzen Gedenktage entnehme, haben jeden Tag Erfinde-deinen-eigenen-Feiertag-Tag.
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Beim Sohn läuft es heute nicht so gut in Greifswald. Er knickt im ersten Kampf um und beendet das Turnier lieber. Dafür sind meine Frau und er wenigstens früh zuhause.
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In Berlin wird mal wieder abgestimmt. Diesmal ein Volksentscheid. Ob Berlin bis 2030 klimaneutral sein soll, anstatt bis 2045, wie es bisher vorgesehen ist.
Ist die Mehrheit der Berliner*innen informiert genug, um eine solche weitreichende Entscheidung zu treffen? Wahrscheinlich nicht. (Und ich schließe mich da explizit ein.) Ist das Ziel realistisch und umsetzbar? Wahrscheinlich auch nicht. Hat Berlin genügend Geld, um das alles zu bezahlen? Definitiv nicht. (Zumindest nicht ohne Schulden zu machen.) Ist die Initiative trotzdem richtig und wichtig? Ich denke schon. Ein wenig Klimaschutz-Druck schadet dem neuen, voraussichtlich schwarz-roten Senat sicherlich nicht. Außerdem ist Berlin nicht gerade dafür bekannt, politische Vorhaben reibungslos, effizient und pünktlich umzusetzen. Deswegen bin ich eher skeptisch, ob das mit der Klimaneutralität bis 2045 klappt. Außer die Vorgabe lautet 2030. Dann vielleicht doch.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.
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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Heute ist St. Patrick’s Day. Ein Tag, über den ich mir nie größere Gedanken gemacht und den ich auch noch nie begangen habe. Möglicherweise liegt das daran, dass ich kein Guinness mag. Mir ist Guinness zu mächtig. Das schmeckt für mich, als würde ich einen Laib Brot trinken. Dann esse ich aber lieber Brot. Das kann ich wenigstens mit Butter beschmieren und mit Käse belegen. (Und um der Spießigkeit zu huldigen, packe ich vielleicht noch ein paar Gürkchen oben drauf.)
Da die Tochter in Irland studiert, beschäftige ich mich erstmalig mit dem St. Patrick’s Day. Nicht sonderlich überraschend wird er zu Ehren von St. Patrick abgehalten. Der war ein irischer Bischof, lebte im 5. Jahrhundert und gilt als erster christlicher Missionar in Irland. Da in Irland Religion bis heute einen hohen Stellenwert hat, wird das als etwas Positives gesehen und das groß gefeiert.
In Carlow begannen die Feierlichkeiten bereits am Mittwoch. Möglicherweise aber auch nur für Studierende, die den St. Patrick’s Day als Ausrede nutzten, um bereits Mittwochabend Party zu machen. Wobei ich aufgrund der Erzählungen der Tochter aus ihrem ersten Studienjahr nicht den Eindruck habe, dass die Studierenden in Carlow – und wahrscheinlich auch nicht in den anderen irischen Uni-Städten – eine Entschuldigung brauchen, um unter der Woche bis in die frühen Morgenstunden auszugehen und Alkohol in rauen Mengen zu trinken.
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Im Supermarkt legt die Frau vor mir fünf verschiedene Apfelsorten auf das Kassenband. Aber keine fünf einzelnen Äpfel, sondern fünf Apfel-Sechser-Packs. Was sie wohl zu dieser Kaufentscheidung bewogen hat? Möglicherweise bereitet sie sich auf eine Wetten-dass-Wette vor, bei der sie Thomas Gottschalk beweisen will, dass mit verbundenen Augen Apfelsorten erschmecken kann. Vielleicht hat sie aber auch eine fünfköpfige Familie und jedes Familienmitglied mag eine andere Sorte. Oder sie hat vergessen, welche Äpfel sie am liebsten isst und jetzt kauf sie einfach jede Sorte.
18. März 2023, Berlin
Der lange 35-Kilometer-Lauf führt mich wieder in den Grunewald. Dort herrscht so viel Natur- und Waldidylle, wie ich sie das letzte Mal wahrscheinlich erlebt habe, als ich asl Kind sonntags mit meinen Eltern im Wald spazieren gehen musste. Mein Bruder und ich haben das immer gehasst. (Ein Zeichen, dass wir vollkommen „normale“ Kinder waren.) Einmal war uns so langweilig, dass wir Äste als Besen benutzten, um den Waldweg zu fegen. (Ein Zeichen, dass wir möglicherweise doch keine vollkommen „normalen“ Kinder waren.)
Mittlerweile weiß ich das Waldambiente durchaus zu schätzen. Hier hörst du keinen Autolärm, keine knatternden Motorräder und auch sonst keine Verkehrsgeräusche. Nur zwitschernde Vögel, hämmernde Spechte und raschelnde Bäume. In der Ferne plätschert ein Bach. Dafür, dass mir das urbane Lebensgefühl nicht gänzlich verloren geht, sorgt später mein Heimweg über den Kudamm.
Bei Kilometer 29 geht der Spaß der heutigen Trainingseinheit erst richtig los. Und mit Spaß meine ich Kacke. Ich muss nicht nur die letzten drei, sondern die letzten sechs Kilometer im angestrebten Marathon-Tempo laufen. Das ist ziemlich herausfordernd, denn mir stecken die ersten drei Laufstunden schon in den Knochen und nun soll ich wie das blühende Leben losrennen. (Eine Metapher die keinerlei Sinn ergibt, aber ich laufe auch schon seit 7 Uhr durch Berlin, da können sie hier keine Prosa von Thomas Mannscher Qualität erwarten. Nicht einmal von Sebastian Fitzekscher Qualität. (Sorry, Sebastian.)
Mein von der Anstrengung gezeichnetes Gesicht ist bestimmt kein allzu schöner Anblick für die anderen Passant*innen. Zum Glück befinde ich mich nicht mehr am Kudamm. Schließlich möchte ich den ganzen wohlhabenden Konsumwilligen nicht ihr samstägliches Shopping-Erlebnis vermiesen.
19. März 2023, Berlin
Heute ist Lass-uns-Lachen-Tag. Und Tag des Geflügels. Sollte es bei Letzterem um die köstliche Zubereitung von Hühnchen, Pute & Co. gehen, hat das Geflügel nicht ganz so viel zu lachen.
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Meinen heutigen 20-Kilometer-,,Erholungslauf“ absolviere ich entlang des Hohenzollernkanals. Die Temperaturen sind angenehm mild, links von mir verläuft der Fluss, rechts von mir liegt eine Kleingartenkolonie. Es ist alles sehr grün, sehr pflanzig, sehr frühlingsblumig, sehr gartenzwergig und auch ein bisschen piefig.
Am Flussufer erblicke ich zwei Schwäne. Nicht im Fluss, sondern auf dem Ufer. Sie fuhrwerken am Schilf rum. Vielleicht bauen sie ein Nest. Keine Ahnung, ob Schwäne jetzt schon Brutzeit haben. Mein Wissen über Schwäne ist sehr begrenzt. Es existiert quasi nicht. (Zählen Schwäne eigentlich als Geflügel?)
Mich macht die Anwesenheit der Schwäne etwas nervös. Schwäne sind nicht dafür bekannt, entspannte Zeitgenossen zu sein, sondern sie sind immer latent schlecht gelaunt und aggro. Sofern mich mein nicht vorhandenes Schwan-Wissen nicht täuscht, gehen sie keinem Streit aus dem Weg. Weder mit anderen Schwänen noch mit Enten und auch nicht mit Menschen. Während der Brutzeit sind sie noch aggressiver. Da verfügen sie über die Frustrationstoleranz von Klaus Kinski. („Halt dich gefälligst von unserem Nest fern, du dumme Sau!“)
Ungünstigerweise sind Schwäne nicht nur aggro sondern auch ziemlich groß, haben eine imposante Flügelspannweite und verfügen mit ihren langen Hälsen über einen ziemlich großen Vorteil im Nahkampf. Die beiden Schwäne am Ufer sehen auch ziemlich imposant aus. Mit denen würde ich nur ungern eine körperliche Auseinandersetzung führen. Vor allem weil sie zu zweit sind und ich allein bin. Da würde ich mein Geld eher auf die Schwäne wetten.
Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich ihnen weglaufen könnte. Möglicherweise habe ich mehr Ausdauer als sie, aber ich weiß nicht, wie es um ihre Spurtfähigkeiten bestellt ist. Da sind sie mir möglicherweise überlegen. Da nützt es mir dann auch nichts, dass ich länger laufen kann als sie. Glücklicherweise interessieren sich die Schwäne nicht weiter für mich und lassen mich von dannen ziehen. Wobei es bestimmt ein spektakuläres Schauspiel gewesen wäre, wie ein Jogger von zwei Schwänen verfolgt und verprügelt wird. Das würde ich mir auf YouTube auch anschauen. Allerdings nur ungern mit mir in der Hauptrolle.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
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