Familien-Tweets und -Tröts der Woche (470)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

###

Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

https://twitter.com/Miez_E_Katze/status/1693334741498384840
Weiterlesen

Eine kleine Wochenschau | KW33-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


14. August 2023, Berlin

Der Sohn ist bis Samstag im Judo-Trainingslager, die Tochter besucht für ein paar Tage die Großeltern im Westerwald. Meine Frau und ich können uns diese Woche also in der Rolle der Empty Nester üben. Ausprobieren, wie es so ist, wenn die Kinder groß und aus dem Haus sind.

Unsere Freizeitmöglichkeiten sind schier grenzenlos. Wir könnten uns ins Kulturleben stürzen, ins Kino gehen oder Restaurants und Bars besuchen und anschließend die Clubs der Stadt unsicher machen. (Sofern wir reingelassen werden.)

Wobei wir das alles auch sonst machen könnten. Die Tochter wohnt schließlich inzwischen den größten Teil des Jahres in Irland und der Sohn ist 16, da liegt er abends nicht im Bett und weint, wenn wir nicht da sind. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihm überhaupt auffallen würde.

Daher habe ich meine Zweifel, ob wir diese Woche kulturell, sozial und gastronomisch wahnsinnig aktiv sein werden. (Im Hintergrund nickt die Couch und kratzt sich am Kopf.)

Weiterlesen

Eine kleine Wochenschau | KW33-2023 (Teil 2)

Teil 1


17. August 2023, Berlin

Großes Kino in der Straße vor unserer Wohnung. Ein Mercedes GTI Coupé in matt schwarz versucht einzuparken. Beziehungsweise der Fahrer des Mercedes versucht es. Vom Balkon aus sehe ich nur seinen muskulösen rechten Arm, mit dem er schaltet.

Die von ihm auserwählte Parklücke ist relativ groß und an der Straßenseite gegenüber parken keine Autos, so dass es ausreichend Platz gibt, um das Auto in die Lücke zu manövrieren. Allerdings parkt der Mann ungefähr so gut ein wie ich. Das heißt, sehr, sehr schlecht. Er fährt ein Stückchen vor, bremst ab, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen zurück, bremst, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen vor, bremst ab, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen zurück, bremst, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen vor, bremst ab, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen zurück, bremst, schlägt das Lenkrad ein, schaltet und so weiter und so weiter.

Das geht fünf Minuten so, ohne dass er dem Ziel des Einparkens näherkommt. Das passt gar nicht zu dem Auto und dem Arm. Zumindest in meiner klischeebehafteten Vorstellung. In der können Männer mit dicken Autos und dicken Armen gut einparken. In der Realität nicht unbedingt. Ich habe fast ein bisschen Mitleid mit dem Mercedes-Fahrer.

Inzwischen stauen sich links und rechts die Autos die Straße hinunter. Allerdings traut sich niemand zu hupen. Wahrscheinlich wegen des muskulösen Arms.

Schließlich gibt der Mann sein Parkvorhaben auf, braust mit dröhnendem Motor davon und fährt bei rot über die nächste Kreuzung.

###

Meine Frau und ich liegen abends im Bett und lesen. Gerade als ich mein Buch weggelegt habe und fast eingeschlafen bin, tut es draußen einen ohrenbetäubenden Schlag: ein krachender Blitz, dicht gefolgt von einem Donnerschlag. Starkregen setzt ein, innerhalb von Minuten steht das Wasser knöchelhoch in der Straße. Meine Frau meint, das Wetter sei kaputt, ich frage mich, ob möglicherweise so die Apokalypse anfängt.

Als Kind habe ich mich sehr vor Gewittern gefürchtet. Ich saß dann bei meiner Mutter auf dem Schoß und habe geweint. Irgendwann, ich muss so sieben oder acht gewesen sein, fragte sie mich, was ich denn später machen würde, wenn meine Kinder Angst vor Gewittern hätten. Ich erklärte, dass ich dann zusammen mit ihnen weinen würde. So weit ist es aber nie gekommen.

Meine Frau und ich stehen zusammen am Fenster, schauen uns den prasselnden Regen an und zählen die Sekunden zwischen den Blitzen und Donnern. Das habe ich als Kind mit meiner Mutter auch gemacht. Zur Ablenkung und Beruhigung. Was allerdings nur funktioniert hat, wenn die Abstände größer wurden.

Es blitzt zweimal hintereinander, ohne dass es dazwischen donnert. Ich bin verwirrt. Was bedeutet das? Dass das Gewitter ganz weit weg ist? Oder befinden wir uns mitten im Auge des Unwetters? Oder funktionieren Gewitter in der Apokalypse anders?

18. August 2023, Berlin

Heute ist Tag der schlechten Poesie.

„Bitte, liebe Mutter, reich mir mal die Butter.
Danke sehr, bitte gib mir doch noch mehr.“

Damit sollte ich diesen Tag ausreichend gewürdigt haben.

###

Apropos schlechte Poesie. Wir bekommen einen Brief von der Hausverwaltung. Die Neben- und Heizkostenabrechnung fürs letzte Jahr. Die gute Nachricht: Unsere Nachzahlung ist nicht vierstellig. Die schlechte: Es fehlen nur 70 Euro bis zur Vierstelligkeit.

Dabei waren wir sehr sparsam. Wir haben rund fünfzig Prozent weniger bei Heizung und Wasser verbraucht. (Robert Habeck nicht anerkennend, Winfried Kretschmann überreicht uns einen goldenen Waschlappen, Christian Lindner schaut unbeteiligt weg.)

Ich bin dankbar, dass wir in der privilegierten Position sind, in der so eine Nachzahlung zwar nervig ist – ziemlich nervig sogar –, wir sie aber verkraften können.

19. August 2023, Berlin

Unangenehmes Erlebnis beim Laufen. Heute steht der „lange Lauf“ auf dem Plan. 35 Kilometer, die letzten sechs davon im Marathontempo. Das ist aber noch nicht der unangenehme Teil.

Um auf die vorgesehenen Kilometer zu kommen, laufe ich zum Grunewald und im Grunewald herum. Bei Kilometer 15 trinke ich eines meiner Energiegels. Mit Orangen-Geschmack. Danach muss ich aufstoßen.

„Das ist nicht schlimm“, denke ich. „Hier ist ja niemand.“ Also lasse ich meinem Mund einen Röhrer entweichen, bei dem sich Hirschkühe im Umkreis von zehn Kilometern erschrocken fragen: „Scheiße, muss ich gleich ran?“

Kaum ist wieder Stille eingetreten, höre ich es links neben mir knacken. Ein dicklicher, weißhaariger Mann schiebt sich auf seinem Mountainbike an mir vorbei. Sofern er keine Noise-Cancelling-Kopfhörer trägt oder vollkommen gehörlos ist, hat er meinen Rülps er auf jeden Fall gehört.

Ich würde am liebsten im Erdboden versinken. Andererseits hat der Mann aber Glück gehabt. Wäre er eben vor mir gefahren, hätten ihn die Schallwellen vom Rad geweht.

20. August 2023, Berlin

Im Traum lädt mich eine (fiktive) Bekannte meiner Eltern zu einem Duft- und Aroma-Seminar ein. Ich habe keine Ahnung, was mir mein Unterbewusstsein damit sagen will. Ich weiß nicht mal, was überhaupt ein Duft- und Aroma-Seminar ist. Die fiktive Bekannte erklärt mir das auch nicht, sondern lädt mich ganz selbstverständlich dazu ein, als sei es genau das Richtige für mich.

Ist es aber nicht, denn ich rieche nicht gut. Damit meine ich nicht, dass ich stinke – zumindest meistens nicht –, sondern es fällt mir sehr schwer Gerüche zu erfassen. Das gelingt mir nur, wenn sie sehr intensiv sind. Ich bin anscheinend schwernasig. Das kann aber durchaus von Vorteil sein. Zum Beispiel im Sommer in der U-Bahn.


Alle Beiträge der Wochenschau finden Sie hier.


Sie möchten informiert werden, damit Sie nie wieder, aber auch wirklich nie wieder einen Familienbetrieb-Beitrag verpassen?

Familien-Tweets und -Tröts der Woche (469)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

###

Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen
Weiterlesen

Eine kleine Wochenschau | KW32-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


07. August 2023, Berlin

Meine Frau ist gestern mit ihrer Mutter und der Tochter für eine Woche nach Föhr gefahren. Abends gerate ich auf 3Sat in eine Dokumentation über die spektakulärsten Bergbahnen der Schweiz. Genauer gesagt, über die Rigi-Bahn, die erste Zahnrad-Bahn Europas, ein Meisterwerk der Schweizerischen Ingenieurskunst, erfunden von einem Mann, der auf dem eingeblendeten schwarzweiß Foto über einen stattlichen Bart verfügt, dessen Namen ich jedoch vergessen habe. (Ich kann Ihnen also nicht sagen, wie der Zahnrad-Bahn-Erfinder heißt, könnte aber helfen, eine Phantombild-Zeichnung von ihm anzufertigen.)

Die Rigi-Bahn fährt von Arth-Goldau hoch auf den Gipfel der Rigi durch atemberaubende Berg-Landschaften mit Wasserfällen, Felsen und grünen Wiesen. Auf einer Strecke von achteinhalb Kilometern bewältigt sie circa 1.300 Höhenmeter. Vor der Eröffnung der Rigi-Bahn 1871 wurden betuchte Menschen in Sänften den Berg hinaufgetragen, was ich mir für alle Beteiligten unschön vorstelle.

Dreimal im Jahr, dem sogenannten Rigi-Historic-XXL-Day, werden die alten Züge aus dem Depot geholt, und fahren einen Tag lang hoch zum Rigi-Kulm. (Und im Idealfall auch wieder runter.) Einige der Triebwagen sind über 100 Jahre alt, der älteste sogar 149 Jahre. Der feucht-fröhliche Traum aller Trainspotter. Die reisen extra aus ganz Europa an, um dieses Ereignis in Bild und Video festzuhalten.

Als der Abspann läuft, frage ich mich, ob mir mein Strohwitwertum nicht so gut tut. Meine Frau ist nicht einmal zwei Tage weg und schon schaue ich Dokumentationen über historische Züge. Sollte sie mich jemals verlassen, sehe ich mich, wie ich an der Rigi-Strecke stehe und gemeinsam mit anderen Zug-Nerds – meinen neuen besten Freunden – alte Zahnrad-Bahnen fotografiere.

Weiterlesen

Eine kleine Wochenschau | KW32-2023 (Teil 2)

Teil 1


11. August 2023, Berlin

Ich stehe an ungefähr fünfzehnter Stelle in der Warteschlange bei Penny. Der Mann hinter mir ist ungeduldig. Er ist etwas jünger als ich und trägt vier Dosen Bier in den Händen. Seine leicht ins Rot-Lila spielende Nase deutet darauf hin, dass er in seinem Leben schon recht viel Alkohol getrunken hat.

Weil ihm das alles zu lange dauert, geht er zum Kassierer und fordert in mäßig freundlichem Ton, dass eine zweite Kasse geöffnet wird. Der Kassier murmelt etwas in sein Mikro und dann passiert erstmal nichts.

Drei Minuten später geht der Bierdosen-Mann wieder zum Kassierer und sagt in noch weniger freundlichem Ton, es sei eine Frechheit, wie die Kunden hier behandelt würden, und es solle jetzt unverzüglich eine weitere Kasse aufgemacht werden. Kurz danach erscheint tatsächlich eine Penny-Mitarbeiterin und setzt sich an eine der anderen Kassen.

Als der Bierdosen-Mann an der Reihe ist, hat er sich immer noch nicht beruhigt und schimpft, der Umgang mit den Kunden hier sei eine Unart. Die Kassiererin ignoriert den Mann und sagt gar nichts. Das macht ihn noch ungehaltener und er sagt, er würde heute Abend beim Filialleiter anrufen und sich über ihr unverschämtes Benehmen beschweren.

Ich frage mich, ob der Mann sich heute Abend tatsächlich die Mühe macht, bei Penny anzurufen, sich so lange durchstellen lässt, bis er bei dem Filialleiter landet, und sich dann bei diesem über die unhaltbaren Zustände in seinem Laden beklagt.

Unterdessen wird es einer Kundin in der Nachbarschlange zu bunt. „Mein Gott, jetzt lassen sie die Frau in Ruhe. Die will nur ihre Arbeit machen“, weist sie ihn zurecht. Wenig überraschend passt dem Mann das nicht.

„Ich lass´ mir von Ihnen gar nichts vorschreiben. Ich rede, wann ich will. Meinungsfreiheit, verstehn ´se?“
„Und es ist meine Meinungsfreiheit, zu sagen, dass sie die Frau in Ruhe lassen sollen.“
„Wissen Sie überhaupt wie man Meinungsfreiheit schreibt?“
„Das werd´ ich Ihnen nicht buchstabieren. Das können Sie schön selbst nachschlagen.“

Ich bin fasziniert von diesem Schlagabtausch. Zum einen, weil sich die beiden siezen. Zum anderen ist das Gespräch zwar scharf im Ton, gleichzeitig auch irgendwie sachlich. Also, vielleicht kein herrschaftsfreier Diskurs im Habermasschen Sinne, bei dem nur das bessere Argument zählt. Aber die Atmosphäre ist auch nicht übermäßig aggressiv und die beiden sind nicht kurz davor, sich an die Gurgel zu gehen.

Möglicherweise lebe ich allerdings einfach schon zu lange in Berlin, dass ich das für eine halbwegs normale Unterhaltung halte.

12. August 2023, Berlin

Ich gehe heute das Projekt Erdbeermarmelade kochen an. Dazu sind wir dieses Jahr noch nicht gekommen. Meine Frau wollte das noch kurz vor unserem Urlaub erledigen. Ich meinte aber, das könnten wir machen, wenn wir zurückkommen, im August gäbe es auf jeden Fall noch Erdbeeren. Meine Frau schaute skeptisch, ich nickte zuversichtlich und damit war die Sache erstmal erledigt. Um ehrlich zu sein, war ich von meiner Einschätzung selbst nicht vollkommen überzeugt, aber ich hatte keine Lust, parallel zum Kofferpacken Marmelade zu kochen.

Zu meiner eigenen Überraschung – und Erleichterung – lag ich mit meiner Erdbeer-Verkaufssaison-Prognose richtig. Vor der Heilandskirche, dem Erdbeer-Verkaufs-Hotspot in unserem Kiez, steht immer noch eines der markanten Erdbeerhäuschen von Karl’s Erdbeerhof. Es gibt sogar ein Sonderangebot. 500 Gramm kosten 5,45 Euro, das Kilo nur 8,90 Euro. Das ist zwar immer noch ein stattlicher Kilopreis für Erdbeeren, aber ich spare damit zwei Euro und das überzeugt den Sparfuchs in mir.

Ich entscheide mich für vier Kilo, damit ich einen großen Marmeladen-Vorrat kochen kann. Noch lieber würde ich acht Kilo nehmen, dann wären wir fast bis zum Beginn der nächsten Erdbeer-Saison versorgt, aber ich möchte nicht maßlos erscheinen. (Stattdessen werde ich in den nächsten Tagen nochmal kommen und die restlichen vier Kilo besorgen.)

Die junge Verkäuferin tippt auf dem Taschenrechner rum. „Das macht 26,70 Euro.“

Ich war nie besonders gut in höherer Mathematik. Also, falls Algebra und Analysis zu höherer Mathematik gehören. Falls nicht, war ich schon in mittlerer Mathematik nicht besonders gut. Dafür kann ich okay Kopfrechnen. (Zumindest im Zahlenraum bis 100.) Somit merke ich sofort, dass 26,70 Euro für vier Kilo Erdbeeren zu wenig sind.

Kurz überlege ich, nichts zu sagen. Dann hätte ich nicht nur zwei Euro pro Kilo gespart, sondern mehr als vier. Ich habe jedoch Skrupel. Nicht wegen Karl‘s Erdbeerhof. Bei deren Preisen können die einen Verlust von knapp zehn Euro verkraften. (Meine Moral ist flexibel genug, dass sie bei Wirtschaftsunternehmen endet.)

Aber vielleicht müsste die Verkäuferin ihren Fehler persönlich ausbaden und der Fehlbetrag würde von ihrem Lohn abgezogen. Das würde mir leidtun und wäre auch nicht gut für mein Karma. Dann verschimmelt mir die Erdbeermarmelade innerhalb von drei Tagen und darüber hinaus werde ich im nächsten Leben als Kellerassel wiedergeboren.

Also weise ich die junge Frau auf den zu niedrigen Betrag hin. Damit ich nicht zu mansplainig rüberkomme, sage ich: „Ich glaube, das ist zu wenig.“ Anstatt sich zu freuen, dass ich sie vor einem Lohnabzug bewahre, schüttelt sie den Kopf. „Das stimmt so.“ Sie hält mir den Taschenrechner hin, auf dessen Display 26,70 steht.

Nun könnte ich mir sagen: „Ich hab‘s versucht, dann will sie es nicht anders.“ und mich über meinen zusätzlichen Rabatt freuen. Noch lieber möchte ich meinem Kellerassel-Schicksal entgehen.

„Aber das Kilo kostet fast neun Euro, dann müssen das bei vier Kilo knapp 36 Euro sein“, insistiere ich und bin mir bewusst, dass das nun durchaus mansplainig rüberkommen könnte. Aber ich habe erstens recht und tue das zweitens für die Verkäuferin.

Die junge Frau gibt jedoch nicht klein bei. „Aber hier steht 26,70.“ Sie hält mir wieder den Taschenrechner vors Gesicht. Diskutiere ich hier wirklich mit der Erdbeerverkäuferin, damit ich zehn Euro mehr bezahle? Meine innere Kellerassel nickt.

„Vielleicht geben sie das nochmal neu ein“, schlage ich vor. „Vier mal 8,90“, ergänze ich zur Sicherheit. Die Frau verzieht unmerklich das Gesicht, als sei das ein vollkommen hirnrissiger Vorschlag, weil sowieso wieder das gleiche rauskommen wird. Trotzdem tippt sie auf ihrem Taschenrechner rum.

Im Gegensatz zu mir überrascht sie das Ergebnis. „Sie haben recht“, sagt sie. „Es sind 35,60 Euro.“ Ich verkneife mir ein: „Sehen Sie“ und gebe ihr 40 Euro.

„Da hätten sie fast ein Sonder-Sonderangebot bekommen“, sagt sie, als sie das Rückgeld abzählt. Ja, habe ich aber nicht. Weil ich nicht als Kellerassel leben will. Stattdessen erwarte ich, im nächsten Leben als irgendeine Gottheit wiedergeboren zu werden. Oder wenigstens als Chris Hemsworth.

13. August 2023, Berlin

Der Sohn fährt heute für eine Woche ins Judo-Trainingslager. Dafür kommen meine Frau und die Tochter heute Abend zurück. Selbstverständlich freue ich mich darüber. Wobei ein, zwei Tage später wäre auch nicht schlimm. Morgen kommt auf 3Sat nämlich die Doku „Dampfende Züge, dampfende Küche in der Toskana“.


Alle Beiträge der Wochenschau finden Sie hier.


Sie möchten informiert werden, damit Sie nie wieder, aber auch wirklich nie wieder einen Familienbetrieb-Beitrag verpassen?

Familien-Tweets und -Tröts der Woche (468)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

###

Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen
Weiterlesen

Irisches Tagebuch, 09. Juni | Dublin: Wo sind all die Tiere hin?

Wir waren wandern. In Irland. Hier gibt es den Bericht. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Ihnen Ihre Lebenszeit nichts wert ist und Sie alle Beiträge der Irischen Tagebücher lesen möchten, werden Sie hier fündig.


6 Uhr. Ich bin wach. Hellwach. Wenigstens schlafe ich seit zwei Tagen ein Stündchen länger und wache nicht mehr zu meiner üblichen Berliner Weckerklingeln-unter-der-Woche-Uhrzeit in auf. (Nimm das, Kapitalismus!)

Recherchiere am Handy nach Frühstücksoptionen. Die Auswahl ist riesig. In Dublin haben in den letzten Jahren viele neue Cafés mit nachhaltigen, ökologisch tadellosen und sozial unverdächtigen Angeboten aufgemacht. Die verwendeten Zutaten sind selbstverständlich regional, bio, fair, häufig vegetarisch, manchmal vegan. Schon beim Lesen fühle ich mich gesünder und moralisch gut. Die Speisen reichen von Seitan-Würstchen über glutenfreie Sandwiches, Smoothie-Bowls, Humus auf Dinkel-Toast, Chia-Porridge bis zu Avocado-Bagels und vielem mehr, was das Öko-Hipster-Herz erfreut. Komme mir vor wie ein Character in einer Sims Special Edition „Prenzlauer Berg“.

Die Fülle der Cafés überfordert mich. Ich habe keine Ahnung, wo wir hingehen sollen. Beim Wandern war das einfacher. Da hattest du dein B+B, es gab einen Frühstücksraum, du konntest aus drei bis vier Gerichten auswählen, dazu wurde Filterkaffee getrunken und fertig war die Laube. Beziehungsweise das Frühstück.

Weiterlesen

Irisches Tagebuch, 09. Juni | Dublin: Wo sind all die Tiere hin? (Teil 2)

Teil 1


Ich muss gestehen, richtig warm werde ich mit Dublin nicht. Nach vier Tagen auf dem Dingle Way, wo du nur ab und an ein paar andere Wander*innen getroffen hast, ist die Großstadt für mich eine konstante Reizüberflutung. Zu viele Menschen, zu viel Lärm, zu viel Verkehr. Dafür zu wenige Kühe und Schafe.

###

Am Ende der Grafton Street, auf der anderen Straßenseite, liegt ein kleiner Park. St. Stephen’s Green. Die öffentliche Anlage erstreckt sich über eine Fläche von neun Hektar mit grünem Rasen, Blumenbeeten, angelegten Wegen, Statuen und Gebäuden im viktorianischen Stil. (Natürlich habe ich keine Ahnung von viktorianischen Baustilen. Ich habe das von einer irischen Website übernommen.)

Auf einem kleinen See schwimmt ein Schwanenpaar mit seinen Küken. Alles sehr idyllisch hier. Das ist mehr nach meinem Geschmack als die Reizüberflutung des hektische Großstadttreibens. Leider kam niemand auf die Idee, aus den Grünflächen Weiden für Kühe und Schafe zu machen.

Jetzt reicht es aber mit der verklärenden Naturromantik, Christian. Nur weil du mal ein paar Tage in der irischen Landschaft unterwegs war, musst du hier nicht auf naturverbundenen Einsiedler machen, der nur in der Abgeschiedenheit – und in Begleitung von Kühen und Schafen – mit sich und der Welt im Reinen sein kann. Schlimm!

Außer den Schwänen sehen wir doch noch ein paar Tiere in Dublin. Hauptsächlich Möwen. Richtig stattliche Exemplare. Nicht so kleine Mickerlinge, die sich manchmal an der Spree aufhalten. Umgekehrt sind die Dubliner Tauben viel schmächtiger als ihre Berliner Verwandtschaft. Wahrscheinlich fressen die Möwen ihnen alles weg.

###

16 Uhr. Wir treffen die Tochter an einer Tram-Station. Ich übernehme ihren Koffer, sie fährt mit ihrer Mutter zum St. Anne’s Park, etwas außerhalb von Dublin. Dort spielen heute Abend Pulp, eine der Lieblingsbands meiner Frau. Als sie Anfang der 90er erstmals ein Video von ihnen bei MTV gesehen hat, war das mind-blowing für sie. Vor allem die Erkenntnis, dass es auch andere Musik – und vor allem bessere – als bei HR3 gibt. Die Tochter kommt mit, weil ihre Mutter sie gefragt hat, und sie Schwierigkeiten hat, nein zu sagen.

Ich verzichte auf das Konzert. Pulp finde ich zwar ganz okay und Jarvis Cocker ist selbstverständlich unfassbar cool und charismatisch – obwohl er eher uncool und nerdig aussieht –, aber das reicht mir nicht, um mir das live anzuschauen.

Ohnehin versuche ich, Konzerte zu meiden. Besonders von meinen Lieblingsbands. Meistens steht in meiner Nähe irgendein arschgeigiger Trottel und benimmt sich arschgeigig-trottelig. Das macht mir dann schlechte Laune. Ich möchte nicht, dass arschgeigige Trottel den gleichen Musikgeschmack wie ich habe.

###

Nachdem ich den töchterlichen Koffer ins Hotel gebracht habe, will ich noch Postkarten besorgen. Für meine Eltern und meine Schwiegermutter. In den Souvenir-Läden finde ich hauptsächlich Dublin-Motive, aber nichts von der Dingle Halbinsel und schon gar nicht vom Dingle Way. Was mich eigentlich nicht wahnsinnig überraschen sollte. Schließlich bekomme ich in Berlin auch keine Postkarten aus dem Harz oder der Lüneburger Heide.

Ich entscheide mich für eine Karte mit einem großen Schaf. Ist ja nicht ausgeschlossen, dass es aus Dingle ist. Vielleicht sogar eins, an dem wir vorbeigelaufen sind. Zumindest werde ich das behaupten.

###

Gegen 20 Uhr laufe ich durch Temple Bar. Ein Viertel, bekannt für sein ausschweifendes Nachtleben, und Anziehungspunkt für viele Tourist*innen. Ein Pub reiht sich hier an den nächsten, in vielen gibt es Live-Musik. So entsteht ein bizarrer Mash-up aus „Zombie“, „500 miles” und „Is this the way to Amarillo“. Traditionelle irische Folk-Musik ist Fehlanzeige.

Richtig lohnenswert finde ich Temple Bar nicht. Nicht nur, weil es hier auch keine Kühe und Schafe gibt. Mit den vielen Betrunkenen, die grölend durch die Straßen schwanken, strahlt das Viertel für mich starke Ballermann-Vibes aus. Ein authentisches Irish-Pub-Erlebnis bekommst du hier eher nicht.

Ein Bekannter von mir war Anfang der 90er Jahre in Dublin und gelangte durch Zufall in einen IRA-Pub. Dort waren so viele Menschen, dass du gar nicht bis zur Theke durchkamst. Das Geld und die Getränke wurden einfach über die Köpfe hinweg gereicht. Die Stimmung war trotzdem gigantisch. Oder gerade deswegen. Um 23 Uhr war Sperrstunde und alle sangen zusammen die irische Nationalhymne. Möglicherweise ein etwas zu authentisches Irish-Pub-Erlebnis.

Ich habe ohnehin keine rechte Lust, allein in einen Pub zu gehen. Würde ich in Berlin auch nicht machen. Mich in irgendeine Eckkneipe hocken, in der ich niemanden kenne. Ich habe nicht allzu viele Prinzipien in meinem Leben, aber eines ist, niemals allein Alkohol zu trinken. Sonst hätte ich das Gefühl, die Kontrolle über mein Leben zu verlieren. Interessanterweise habe ich das nicht, wenn ich beim Kölner Karneval schon um 11 Uhr mit dem Kölsch trinken anfange. Da bin ich aber auch in Gesellschaft.

###

Ich gehe ins Hotel und ziehe mich um. Schließlich müssen wir morgen um 3 Uhr raus, um zum Flughafen zu fahren.

Als ich im Bett liege, lasse ich die letzten Tage Revue passieren:

  • Wanderstrecke: 92km
  • Wanderzeit: 23 Stunden
  • Schritte: 135.000
  • Höhenmeter: 1.600 Höhenmeter
  • Dingle Dude: 1
  • Blasen: 3
  • Tropfen Regen: 0
  • Schafe: Tausende
  • Kühe: Tausende
  • Pferde: Dutzende
  • Esel: 2
  • Hunde: 4 (Vielleicht auch nur 2; Rassen unbekannt)
  • Insekten: sehr viele
  • Stunden im Zug: 9
  • Stunden im Bus: 3
  • Full Irish Breakfasts: 4
  • Pancakes: 4
  • French Toast: 2
  • Rühreier: 6
  • Avocado-Toast: 1
  • Porridge/Müsli: 3
  • Käseplatte: 1
  • Grapefruits: 3
  • Scones: 3
  • Burger: 7 (2 davon vegetarisch)
  • Pizzen: 2
  • Fish & Chips: 3
  • Lasagne: 1
  • Knoblauchbrot: 1
  • Sandwiches: 19
  • Packungen Crisps: 7
  • Rosinenbrötchen: 6
  • Schokoriegel: 16
  • Packungen Kekse: 2
  • Wasser: 14l
  • Pubs: 7
  • Guinness: 1
  • Lager: 6
  • Ale: 4
  • Cider: 10
  • Gin Tonic: 1
  • Eis: 3
  • Postkarten: 2
  • B+B: 5
  • Hotels: 2
  • Wetter-Small-Talk: ständig

Alles war gut, denke ich und schlafe ein. Ich kann mich fast nie an meine Träume erinnern, so auch diese Nacht nicht. Aber ich gehe davon aus, dass Kühe und Schafe eine wichtige Rolle spielten.


Gewinnspiel

Die For Me-Karten wurden verlost und die Gewinnerinnen benachrichtigt. Herzlichen Dank an alle, die so fleißig kommentiert haben, und den Gewinnerinnen viel Spaß beim Festival.


Alle Beiträge der Irischen Tagebücher finden Sie hier:



Ab heute überall erhältlich, wo es Bücher gibt.

Irisches Tagebuch, 08. Juni | Bus- und Zugfahrt – Von Dingle nach Dublin

Wir waren wandern. In Irland. Hier gibt es den Bericht. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Ihnen Ihre Lebenszeit nichts wert ist und Sie alle Beiträge der Irischen Tagebücher lesen möchten, werden Sie hier fündig.


6 Uhr. Wache durch ein summiges Brummen auf. Oder ein brummiges Summen. Wenigstens eine Stunde später und nicht durch meinen inneren protestantischen Arbeitsethiker. Dafür durch eine Wespe von beachtlicher Größe – und Lautstärke –, die sich in unserem Zimmer verirrt hat.

Die Wespe fliegt am Fenster hin und her, um einen Ausgang zu finden. Kaum dotzt sie 38-mal gegen die Scheibe und schon bemerkt sie, dass der geöffnete Fensterspalt den Weg nach draußen ermöglicht. Genau der Spalt, durch den sie zwei Minuten vorher reingeflogen kam. Wenigstens schafft sie es allein in die Freiheit und ich muss nicht aufstehen, um sie rauszubefördern.

Nun bin ich hellwach. Auf der Nachbarweide sind die Kühe zurück. Sie kauen erstaunlich geräuschvoll. Ich könnte meine Frau wecken und sie darüber informieren, lasse es aber lieber bleiben. Ein paar frühe Vögel, auf der Suche nach dem Wurm, zwitschern lautstark. In der Ferne miaut eine Katze. In die ländliche Tiergeräusch-Idylle mischt sich das sonore Schnarchen aus dem Nachbarzimmer.

Weiterlesen