Eine kleine Wochenschau | KW39-2022 (Teil 2)

Teil 1


Ich lief allein weiter und wollte sehen, wie weit ich komme. Zunächst wurde ich sogar etwas schneller, aber nur unwesentlich und auch nur für eine kurze Zeit. Das Solo-Laufen war doch etwas demotivierend.

Auf Höhe der 32-Kilometer-Markierung dachte ich das erste Mal, eine kurze Gehpause wäre schön. Irgendwann wieder loslaufen müssen, wäre aber eher unschön. Ich joggte also weiter.

Erneut unternahm ich einen Versuch, mich zu pushen, indem ich mich mit ein paar Kindern abklatsche. Inzwischen hatte ich große Zweifel, dass sie großen Spaß daran haben. Wahrscheinlich haben sie heute Nacht Albträume, in denen sie von einem weißbärtigen Zausel verfolgt werden, der röchelnd grunzt: „Kommt zu Vaddi. Der will nur abklatschen.“

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Bei Kilometer 33 kam mir der Gedanke, das Rennen zu beenden und ich wurde ihn erstmal nicht mehr los. Allerdings war ich noch neun Kilometer vom Ziel entfernt. Da musste ich aber auf jeden Fall hin, weil dort in der Nähe der Bahnhof ist, von dem aus wir zurück nach Bonn fahren wollten. Dann konnte ich auch weiterlaufen.

Die Lächel-Schild-Frau tauchte erneut am Streckenrand auf. Ich kam mir ein wenig wie bei dem Hasen und dem Igel vor. Zu einer Gesichtsregung fühlte ich mich nicht mehr in der Lage.

Bei Kilometer 35 erklärten mein Kopf und mein Körper, wenn wir das Rennen schon nicht beenden, sollte ich mir das mit der Gehpause doch noch einmal überlegen. Da mir keine guten Gegenargumente mehr einfielen, willigte ich ein.

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Nun muss ich mich allerdings damit beschäftigen, wann ich wieder ins Laufen übergehe. Sobald ich mich fitter fühle? Das ist vielleicht erst morgen der Fall. Oder im November.

Ich beschließe, 200 Schritte zu gehen, dann 200 Schritte zu laufen, wieder200 Schritte zu gehen, anschließen 250 Schritte zu laufen, nach 200 weiteren Gehschritten 300 Laufschritte einzulegen und das immer weiter zu steigern, bis ich keine Gehpausen mehr mache. Zu meiner eigenen Überraschung funktioniert das sogar. Zumindest bis ich auf ungefähr 500 Schritte laufen komme. Anschließend fehlt mir der Wille, die Laufdistanzen zu erweitern. Im Gegenteil werden sie sogar zunehmend kürzer.

Bei Kilometer 38 stehen meine Frau, Arne und seine Tochter und feuern mich an. Zu dem Zeitpunkt bin ich glücklicherweise mal wieder im Laufschritt unterwegs. Wobei es für Außenstehende möglicherweise nicht nach Laufen aussieht, sondern nach breakdancender Schildkröte.

Kurz danach sehe ich schon wieder die Frau mit ihrem Smile-Schild. Inzwischen bin ich überzeugt, dass es sich um eineiige Vierlinge handelt, die sich entlang der Marathonstrecke verteilt haben. An ein Lächeln meinerseits ist nicht zu denken.

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Körper und Geist überzeugen mich von einer weiteren Gehpause. Ich habe den Eindruck, dass immer wenn ich gehe, besonders viele Menschen an der Straße stehen. Weil auf den Startnummern auch die Vornamen stehen, rufen sie Sachen wie „Christian, du machst das super!“ und „Es ist nicht mehr weit, du schaffst das, Christian!“

Ich komme mir aber nicht so, als würde ich etwas super machen. Im Gegenteil. Das Gehen fühlt sich eher nach Scheitern an und ist irgendwie demütigend. Also verfalle ich wieder in eine Art Traben, allerdings in einem Tempo, dass sich auf dem Niveau von Ü70-Nordic-Walker*innen bewegt. (Von unfitten Ü70-Nordic-Walker*innen.)

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Mit zunehmender Renndauer wächst die Erdanziehungskraft proportional an. Ich bekomme meine Füße kaum noch vom Boden gehoben und trippel-rutsche langsam voran. Hoffentlich erscheint nicht gleich mein Vater und ruft: „Schlurf‘ nicht so, Junge!“

Am 40-Kilometer-Schild, das ich gehend passiere, steht ein Helfer im roten Köln-Marathon-T-Shirt. „Jetzt setzt du die Arme ein, Christian, und dann wird wieder gelaufen“, ermahnt er mich in strengem Ton. Der Typ ist ungefähr 1,90 und sehr, sehr durchtrainiert. Daher verzichte ich darauf, ihm klarzumachen, dass ich 47 bin und mir von niemandem vorschreiben lasse, wie ich mich fortzubewegen habe. (Außer vielleicht von meinem Vater, wenn er mir sagt, ich solle nicht schlurfen.) Stattdessen laufe ich wieder los.

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Nun sind es nur noch 1.000 Meter bis zum Ziel. Das Verlangen nach einer weiteren Geh-Einlage wird immer stärker. In dem Moment erblicke ich neben mir einen jungen Läufer. Laut seiner Startnummer heißt er René. Er ist Anfang, Mitte 20 und in einem noch erbarmungswürdigeren Zustand. Ich sehe aus wie ein 90-jähriger Bewohner des Altersheims „Meerblick“, der sich beim Seniorensport übernommen hat, aber im Vergleich zu René wirke ich wie das blühende Leben. Er hat Krämpfe in den Beinen, humpelt, stöhnt bei jedem Schritt jämmerlich und sein Gesicht kann nur – und das schreibe ich mit größtmöglichem Mitgefühl – als schmerzverzerrte Fratze bezeichnet werden.

René wird meine Rettung sein, beschließe ich. Indem ich ihn motiviere, ins Ziel zu kommen, werde ich es selbst schaffen.

Ich verlangsame meinen Schritt und sage: „Okay, René, wir beide bringen das jetzt gemeinsam zu Ende. Es sind weniger als 1.000 Meter. Die bringen wir auch noch hinter uns.“ René sagt nichts, was ich als Zustimmung werte.

Alle 100 Meter sage ich ihm – und mir – die Restentfernung an. „Keine Schmerzen, René, keine Schmerzen!“, rufe ich ihm zu. Ganz wie ich es bei Rocky gelernt habe. Unter normalen Umständen wäre mir das peinlich – René sicherlich auch –, aber jetzt und hier sind keine normalen Umstände.

Wir biegen auf die Zielgerade ein. Noch 200 Meter. René humpelt, ich rede auf ihn ein. Die Zuschauer*innen jubeln und hauen auf die Bande, ich animiere sie, „René“ zu skandieren.

Nach knapp 4:25 Stunden überquere ich zusammen mit René die Ziellinie. Wir lachen, klatschen uns ab und umarmen uns. So hat der Lauf doch noch ein etwas versöhnliches Ende und der Marathon war nur ein mittelgroßes, aber kein totales Desaster. Danke, René! Und Arne und ich gehen das Projekt Marathon einfach nächstes Jahr noch einmal an.


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Eine kleine Wochenschau | KW39-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


02. Oktober 2022, Köln

Marathontag. Ich befinde mich bei Kilometer 35 und quäle mich eine nicht enden wollende Gerade entlang. In den letzten gut dreieinhalb Stunden habe ich genug Belege und Indizien gesammelt, um sagen zu können: Das Rennen ist bisher ein mittelgroßes Desaster. Bei Kilometer 30 musste mein Freund Arne aussteigen – Körper und Kreislauf rebellierten zu sehr. Seitdem laufe ich allein und grüble, wie viel Spaß das macht. Spoiler Alert: Nicht besonders viel.

Schon seit einigen Kilometern ringe ich mit mir, ob ich nicht eine Gehpause einlegen soll. Nun entscheide ich, dass es nichts schaden kann, mal ein paar Schritte zu gehen. Global betrachtet, stimmt diese Aussage natürlich. Nur weil ich gehe, statt zu laufen, entstehen keine neuen Kriege, die Klimakatastrophe wird dadurch nicht beschleunigt und die Energiepreise steigen deswegen auch nicht. Auf der persönlichen Ebene möchte ich allerdings nicht ausschließen, dass das Gehen doch schädlich sein könnte. Für die Motivation, die Moral und mein Bestreben, das Ziel vor dem Besenwagen zu erreichen. Außerdem weiß ich nicht, wie ich es gleich – oder irgendwann – schaffen soll, wieder in einen Laufschritt zu verfallen.

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Familien-Tweets der Woche (430)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

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Familien-Tweets der Woche (429)

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Familien-Tweets der Woche (428)

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Eine kleine Wochenschau | KW38-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


19. September 2022, Berlin

Mein Nachmittagsspaziergang führt mich am Stromeck vorbei. Eine Eckkneipe an der Stromstraße, wie der Name unschwer vermuten lässt. Davor sitzen zwei Männer. Sie trinken Bier und erklären sich gegenseitig die Welt. Als ich auf gleicher Höhe bin, sagt der eine gerade: „Das Wichtigste im Leben sind Gesundheit, Frieden und dass du nicht deinen Arsch verkaufst, um dir unnützen Luxus zu leisten.“

Wäre ein schöner Spruch für einen Foto-Kalender „Berliner Kneipen-Philosoph*innen“. (Eine weitere 1-Milliarde-Euro-Geschäftsidee meinerseits. Zuerst muss ich aber noch die Dusche-to-go und die Brioche-Matratze verwirklichen.)

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Eine kleine Wochenschau | KW38-2022 (Teil 2)

Teil 1


23. September 2022, Berlin

Meine Frau hat aus Wien Mozartkugeln und Manner-Schnitten mitgebracht. Zugegebenermaßen keine besonders außergewöhnliche Wien-Mitbringsel. Mir gibt es aber die Gelegenheit im Selbstversuch herauszufinden, ob Mozartkugeln und Manner-Schnitten ein schmackhaftes Frühstück sind. Spoiler Alert: Ja, sind sie. Und auch ein leckerer Vormittags-Snack, ein guter Mittagessen-Nachtisch und eine vorzügliche Ergänzung zum Nachmittags-Kaffee.

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Auf meinem Heimweg vom Supermarkt gerate ich in eine Gruppe von circa 20 bis 25 Skater * innen. Sie sind alle wahnsinnig lässig, ihre Hosen hängen in den Kniekehlen, sie tragen silberne Halsketten, lederne Armbändchen und abgegriffene Basecaps und ihre Arme sind mit aufwändigen und farbenfrohen Motiven tätowiert. Ein paar von ihnen skaten souverän auf der Straße, die anderen tragen ihre Boards entspannt unter dem Arm.

Ich frage mich, ob die Coolness der Skater*innen auf mich abfärbt. Wahrscheinlich nicht. Eher leidet ihr Swag unter meiner Anwesenheit. (Vor allem, wenn ich das Wort Swag verwende.)

24 September 2022, Berlin

Ich nutze den Nachmittag, um meinen Spam-Ordner aufzuräumen:

  • Eine Mail lädt mich ein, den Illuminaten beizutreten. Das ist bestimmt ein Fake. Ich bin zwar kein Experte für Illuminaten – noch weniger als für Füchse –, aber sofern ich mich korrekt an meine Da-Vinci-Code-Lektüre erinnere, sind die Illuminaten ein verschwörerischer Geheimbund. Da ist es eher unwahrscheinlich, dass sie Mitgliedsanträge per Mail verschicken.
  • Eine andere Mail prangert die Textilindustrie als größten Naturvernichter an. Umweltschädliche Färbetechniken würden die Süßwasservorkommen belasten und die jährlich mehr als 50 Milliarden produzierten Kleidungsstücke würden nicht sachgemäß entsorgt. An diesen Punkten ist sicherlich etwas dran. Der Verfasser der Mail belässt es aber nicht bei der Problembeschreibung, sondern präsentiert auch eine Lösung: Die Legalisierung von Nacktheit! Wenn alle Menschen nackert rumliefen, müssten keine Klamotten mehr produziert werden und die damit verbundenen Probleme wären gelöst. Eine in seiner Schlichtheit durchaus überzeugende Argumentation. Dennoch bezweifle ich, dass viele Menschen im Sinne des Umwelt- und Klimaschutzes künftig unbekleidet rumlaufen werden. (Insbesondere an Orten, wo Lebensmittel verarbeitet und verkauft werden, bin ich sehr dankbar dafür.)
  • Die nächste Mail hat den etwas sehr allgemein gehaltenen Betreff „Unser Gespräch“. Der Absender steigt mit der Frage ein, ob ich auch zu den Menschen gehöre, die mehr Geld haben möchten. Er geht davon aus, dass meine Antwort „ja“ lautet und führt aus, dass er nach monatelanger Recherche auf die Lösung gestoßen sei und betont, es handele sich dabei um keine Abzocke. Meine Lebenserfahrung von 47 Jahren sagt mir, wenn jemand unterstreicht, etwas sei keine Abzocke, dann liegt die Wahrscheinlichkeit bei ungefähr 100 Prozent, dass es sich doch um eine Abzocke handelt. Ich könnte mich selbst davon überzeugen, in dem ich auf den Link zur „sicheren Website“ klicke. (Das Wort sicher ist gefettet.) Allerdings sagt mir meine Lebenserfahrung von 47 Jahren auch, dass eine Website, die extra als sicher bezeichnet wird, mit einer Wahrscheinlichkeit von ungefähr 100 Prozent extrem unsicher ist.

25. September 2022, Berlin

Heute steht der letzte längere Lauf vor dem Marathon nächsten Sonntag an. So lang ist er aber gar nicht mehr. Es sind „nur“ 20 Kilometer. Im Zuge der Marathon-Vorbereitung verschiebt sich die Bedeutung des Wortes nur ein wenig. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass das für Menschen, die nicht für einen Marathon trainieren, nur sehr bedingt Identifikationspotenzial hat, sondern eher ein wenig angeberisch klingt. Daher die Verwendung der Anführungszeichen. Die sollen allen Coach Potatoes signalisieren: „Ich bin eigentlich einer von euch. Ich mache das hier nur, damit ich nächsten Sonntag nicht sterbe. Und damit ich viel Kuchen essen kann, ohne zuzunehmen.“

Den heutigen Lauf nutze ich, um nochmal meinen Trinkrucksack auszuprobieren. Den hat mir meine Frau zum Geburtstag geschenkt. Der sieht aus wie ein normaler kleiner Rucksack, enthält aber einen Plastikbeutel und einen Schlauch, über den du dich während des Laufens mit erfrischenden Getränken versorgen kannst. Mit Wasser zum Beispiel. Oder energiespendenden Elektrolyt-Mischungen. Eher nicht mit Kakao oder Gin Tonic.

Als ich den Rucksack vor ein paar Wochen das erste Mal getestet hatte, musste ich feststellen, dass gleichzeitiges Laufen, Trinken und vor allem Atmen gar nicht so leicht ist, wie du denkst. Zumindest meinen Körper und mich brachte es an den Rand unserer Multi-Tasking-Fähigkeiten.

Wenn du ihn aber richtig zu benutzen weißt, hat der Trinkrucksack den Vorteil, dass du beim Marathon nicht an den Getränkestationen anhalten und auch keine nervigen Trinkflaschen mit dir rumschleppen musst. Allerdings hat er den Nachteil, dass du, wenn du während des Joggens an einem Schlauch nuckelst, der aus deinem Rucksack kommt, wie ein Trottel aussiehst.


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Familien-Tweets der Woche (427)

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12. September 2022, Berlin/Dublin/Carlow

Kaum ist die Tochter zurück in Berlin, ist sie schon wieder weg. Und ich auch. Wir fliegen gemeinsam nach Irland, um in Carlow nach einer Unterkunft für ihr Studium zu suchen. Ist es ein wenig helikopterelternhaft, dass ich sie begleite? Vielleicht. Aber wenn jemand um Hilfe bittet, wird ihr oder ihm geholfen. Das gilt für Hogwarts und auch bei uns in der Familie.

Um präzise zu sein, hat die Tochter gar nicht gefragt, ob ich mitkommen kann. Aber ich glaube, sie war dankbar, dass sie nicht fragen musste, weil ich es ihr angeboten habe. (Das ist ja manchmal auch schon eine Hilfe. Anderen ersparen, um Hilfe bitten zu müssen.)

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Eine kleine Wochenschau | KW37-2022 (Teil 2)

Teil 1


15. September 2022, Carlow/Dublin/Berlin

01. 30 Uhr. In zehn Minuten klingelt der Handywecker. Ich muss so früh aufstehen, weil der Bus nach Dublin um 3 Uhr fährt. Mein Flug nach Berlin startet zwar erst um 7.20 Uhr, aber es gibt keine bessere Busverbindung und ein bisschen Puffer schadet ja auch nicht.

Kurz hatte ich überlegt, bereits am Vorabend von Carlow nach Dublin zu fahren, und mir dort ein Hotel in der Nähe des Flughafens zu nehmen, damit ich nicht so früh aufstehen muss. Eine Idee, die ich sehr schnell wieder verworfen habe, nachdem ich herausfinde, dass das günstigste Hotel in Flughafennähe 300 Euro die Nacht kostet. Länger schlafen ist zwar schön, aber nicht 300 Euro schön.

Nun liege ich wach im Bett und mir geht durch den Kopf, was bei der Rückreise alles schiefgehen könnte:

  • Ich könnte noch mal einschlafen, den Wecker überhören und erst um 7.20 Uhr wieder aufwachen.
  • Ich könnte im Bad die Zeit vergessen und bis um 7.20 Uhr duschen.
  • Ich könnte zu lange für die drei Kilometer nach Carlow zur Busstation brauchen und den Bus verpassen.
  • Ich könnte mich auf dem Weg nach Carlow verlaufen. (Sehr unwahrscheinlich, weil es immer geradeaus geht.)
  • Der Bus könnte zwei Stunden Verspätung haben.
  • Der Bus könnte an der Haltestelle vorbeifahren und mich nicht mitnehmen.
  • Der Bus könnte unterwegs eine Panne haben.
  • Ich könnte in Dublin das Terminal 1 nicht finden.
  • Die Schlange bei der Security könnte 4,73 Kilometer lang sein.
  • Ich könnte vergessen, die Kosmetika aus meinem Rucksack zu nehmen und wegen Terrorismusverdacht verhaftet werden.
  • Ich könnte das Abfluggate nicht finden.
  • Ich könnte mein Handy mit meinem Boarding Pass verlieren.
  • Der Akku meines Handys könnte leer sein.
  • Der Flug könnte überbucht sein, so dass ich nicht mitfliegen kann und die nächsten acht Jahre im Transitbereich des Dubliner Flughafens leben muss.

Da klingelt zum Glück der Handywecker. Bevor mir weitere Worst-Case-Szenarien einfallen, gehe ich schnell (!) duschen.

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Entgegen meinen Horrorszenarien erreiche ich die Bushaltestelle rechtzeitig, der Bus kommt pünktlich und nimmt mich mit. Er hat auch keine Panne und wir erreichen planmäßig um viertel nach vier den Flughafen.

Dort ist es trotz der frühen Uhrzeit bereits sehr voll. Nicht nur beim Security Check, sondern auch in allen Läden und Coffee Shops gibt es lange Schlangen. Ich stelle mich bei einem kleinen Laden an, der gerade aufgemacht wird. Selbst da stehen schon acht Leute vor mir.

Zum Frühstück esse ich Porridge und trinke einen großen Kaffee. Der Porridge ist ganz lecker, liegt aber etwas schwer im Magen. Ich ergänze auf meiner Was-alles-schiefgehen-könnte- Liste: „Im Wartebereich in einen tiefen Verdauungsschlaf fallen und das Boarding verpassen.“

Auf dem Weg zum Gate komme ich an einem Irish Pub vorbei. Dort sitzen erstaunlich viele Menschen und erstaunlich viele trinken Guinness, Lager, Wein oder andere alkoholische Getränke. Ich bin mir nicht sicher, ob sie schon oder noch immer trinken.

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Eigentlich hatte ich geplant, meinen fehlenden Nachtschlaf im Flugzeug nachzuholen. Das hätte den Vorteil, dass ich möglichst wenig von dem Flug mitbekomme. Mein Vorhaben gelingt aber nur teilweise. Kurz nach dem Boarding erklärt der Pilot, es würde circa 45 Minuten dauern, bis wir eine Starterlaubnis bekämen. Direkt danach schlafe ich ein, wache aber pünktlich wieder auf, als sich das Flugzeug Richtung Startbahn in Bewegung setzt.

Während des Flugs ist auch nicht an Schlaf zu denken. Um mich herum sitzen 30 bis 40 Mitglieder einer nordirischen Blaskapelle, die unterwegs zu einem europäischen Blasmusik-Festival in Bayern sind. Dadurch habe ich den kurzweiligsten und lustigsten Flug meines Lebens.

Der Sitznachbar zu meiner Rechten, seines Zeichens einer der Trompeter der Kapelle, spielt mir ein Video von ihrem letzten Auftritt dort vor. Ich habe sofort nostalgische Erinnerungen an die Frühschoppen, die es immer montagmorgens bei uns auf der Kirmes gab. Von Freitag bis Sonntag würden sie jeden Tag um 10.30 und 16.30 Uhr spielen, erzählt er. „These six hours are very challenging. It’s essential that you drink one beer less than the audience.”

Ich frage ihn, wie sie nach Bayern kämen. Am Flughafen stünde ein Bus bereit, erklärt er. Wo der stünde, wüssten sie allerdings nicht so genau. „I guess it will be the blind leading the blinds“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

Ich sage, ich drücke ihnen die Daumen, dass sie den Bus finden, denn um nach Bayern zu trampen, seien sie wohl zu viele. „Yes“, antwortet er. „And we are too ugly.”

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Nachdem ich zuhause ankomme, würde ich gerne den Rest des Tages mit Schlafen verbringen. Ich habe aber noch eine Verabredung. Morgen findet die Blogfamilia statt – das erste Mal seit drei Jahren – und ich treffe mich mit meinen Mitstreiter*innen Alu, Lisa und Janni, um Goodie Bags zu packen.

Die Materialien wurden alle zu Alu nach Hause geliefert. Daher muss ich nach Französisch Buchholz fahren. Wenn Sie jetzt denken, dass hört sich gar nicht nach Berlin an, dann kann ich Ihnen sagen, dass es dort auch nicht nach Berlin aussieht. Eher dörflich. Ist ja auch fast schon Brandenburg. Aber nur fast.

Google Maps zeigt mir die Distanz mit circa fünfzehn Kilometern an. „Ach, das kannste ja mit dem Fahrrad fahren“, denke ich. Bitte fragen sie nicht warum. Ich weiß es selbst nicht.

In den letzten drei Tagen habe ich die Gelassenheit der Carlower*innen genossen. Der Verkehr in der Stadt war überschaubar, alle waren immer höflich und die Autofahrer*innen sehr zuvorkommend. Nachdem ich fünf Minuten durch den Berliner Feierabendverkehr geradelt bin, ist mein heimeliges Irland-Gefühl verschwunden. Es wird in einer Tour gehupt, niemand denkt auch nur daran, andere Verkehrsteilnehmer*innen vorzulassen und es wird mehr geflucht und geschimpft als in einem durchschnittlichen Rap-Video.

Dafür ist das Packen der Goodie Bags sehr entspannt und wir sind alle guter Laune.

16. September 2022, Berlin

Um kurz nach neun muss ich los zur St. Michaelis-Kirche. Dort findet im Garten und im Gemeindehaus ab 17 Uhr die Blogfamilia statt. Um 10 Uhr werden die Getränke und Stehtische angeliefert und wir müssen noch einiges aufbauen und schmücken. Google Maps gibt die Entfernung zur Kirche mit acht Kilometern an. „Ach, das ist ja weniger als gestern, da kannste mit dem Fahrrad fahren“, denke ich. Meine Lernkurve ist sehr flach. Sehr, sehr flach.

Die Blogfamilia wird ein voller Erfolg. Die Location ist phantastisch, Nicole Staudinger hält einen ermutigenden Vortrag, es gibt leckeres indisches Essen von Amrit und gute Gespräche und alle freuen sich, dass wir uns nach so langer Zeit wiedersehen.

Später kommt eine junge Frau zu mir und erzählt, sie lese bei der Einschlafbegleitung ihres Sohns immer die Familien-Tweets und schicke sie dann ihrem Mann. Sie fragt, ob es mir etwas ausmachen würde, ein Foto mit ihr zu machen. Da ich auf Fotos immer wie ein fucking creep ausschaue, macht es mir etwas aus und ich bin mir auch nicht sicher, ob ihr Mann von ihrer Idee ebenso begeistert ist, sage aber trotzdem „ja“ und hoffe auf dem Bild nicht wie ein entlaufener Sex Offender auszusehen.

17. September 2022, Berlin

Um 9 Uhr sitze ich schon wieder auf dem Rad. (Meine Lernkurve ist wirklich sehr, sehr flach.) Ich muss wieder zur St. Michaelis-Kirche, wo wir noch ein wenig aufräumen müssen. Dort sind bereits zwei ältere Damen zugange. Sie bereiten das Erzähl-Café vor, das morgen in den Räumlichkeiten stattfindet.

Die beiden erkundigen sich, was wir für eine Veranstaltung gemacht hätten. Ich bemühe mich, den beiden zu erklären, was die Blogfamilia ist, bin aber nicht besonders erfolgreich. Die Damen sagen zwar „Das ist ja interessant.“, aber aufgrund ihrer fragenden Gesichter gehe ich davon aus, dass sie gerade denken: „Was zur Hölle sind Familienblogs?“ (Weil sie aktive Mitglieder einer katholischen Gemeinde sind, vielleicht ohne „war zur Hölle“.)

18. September 2022, Berlin

Als hätte ich mit meinem spontanen Irland-Trip, der Zimmersuche und der Blogfamilia diese Woche nicht schon genug erlebt, treffe ich mich heute in Zehlendorf mit meinem Freund Arne. Aufmerksame Stammleser*innen wissen, dass wir in zwei Wochen den Köln-Marathon laufen. Dieses Wochenende ist Arne wegen einer Geburtstagsfeier in Berlin. Das gibt uns die Gelegenheit, unseren letzten langen Lauf vor dem Marathon gemeinsam zu absolvieren.

Nach den 32 Kilometern fühlen wir uns noch recht gut. Also, nicht gerade wie junge Zicklein, aber gut genug, dass wir zuversichtlich sind, dass wir in vierzehn Tagen den Marathon schaffen.

Anschließend fahre ich zurück nach Moabit. Diesmal aber nicht mit dem Rad. Google Maps hatte die Entfernung nach Zehlendorf mit ungefähr zwölf Kilometern angegeben, so dass ich dachte: „Ach, da nimmste mal besser den Bus.“


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