Eine kleine Wochenschau | KW36-2022 (Teil 2)

Teil 1


09.09.2022, Berlin

Oops, they did it again! Die Käsenamen-Kreativen waren wieder aktiv. An der Käsetheke im Supermarkt gibt es eine neue Sorte: Das fruchtige Fränzle. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das besonders verkaufsfördernd ist. Wer möchte schon den Satz sagen: „Ich hätte gerne ein Stück von dem fruchtigen Fränzle.“

Zumindest der urige Hannes freut sich. Jetzt ist er nicht mehr der Käse mit dem bescheuertsten Namen.

10.09.2022, Berlin

Heute steht uns ein ereignisreicher Tag bevor. Die Tochter kommt aus Malmö zurück. Ihr Nachtzug kommt in Berlin mit 30-minütiger Verfrühung an. Ich weiß nicht, ob es das Wort Verfrühung überhaupt gibt. Wahrscheinlich nicht. Warum sollte es eine Bezeichnung für ein Phänomen geben, das so gut wie nie auftritt.

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Der Sohn hat heute wiederum Berliner U18-Einzelmeisterschaft. Im Gegensatz zum letzten Jahr sieht das nicht mehr so aus, als würde ein Kind gegen erwachsene Männer kämpfen. Eher nach Duellen auf Augenhöhe. Das ist für den Sohn natürlich schön. Für mich stellt sich aber die Frage, wie das überhaupt sein kann, wo er doch erst gestern seine Bärchen-Prüfung gemacht hat.

Der Sohn gewinnt zwei Kämpfe und verliert zwei. Damit wird er Siebter. Das ist nicht überragend, aber trotzdem ganz okay.

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Meine Frau geht abends zu Maximo Park in Huxley’s neuer Welt. (Ersteres ist die Band, zweiteres die Konzert-Location, falls sie sich gerade fragen, ob da grammatikalisch irgendetwas durcheinandergeraten ist.) Meine Frau ist eine begeisterte Konzertgängerin. Ich nicht. Ich habe immer Angst bei Konzerten auf unsympathische Menschen zu treffen und damit klarkommen zu müssen, den gleichen Musikgeschmack wie irgendwelche Arschgeigen zu haben. Außerdem werde ich bei der Vorstellung leicht nervös, in einer Masse von Menschen zu stehen, die gemeinsam singen und mit den Händen über dem Kopf im Rhythmus klatschen. Richtig nervös werde ich bei der Vorstellung, dass ich selbst mitsinge und -klatsche.

11.09.2022, Berlin

Ich habe heute Muskelkater. Weil ich gestern einen Halbmarathon gelaufen bin. Denn zur Marathonvorbereitung gehört nicht nur das langsame Dauerlaufen, sondern du musst auch einige Testwettkämpfe absolvieren. Um zu überprüfen, ob du gut im Training bist. Oder zumindest gut genug, um den Marathon zu überstehen und nicht mit dem Besenwagen über die Ziellinie befördert zu werden.

Glücklicherweise fand gestern der Berliner Vollmond-Marathon und -Halbmarathon statt. So konnte ich meiner Testwettkampf-Pflicht nachkommen. Ich hatte vorher ein bisschen Angst vor dem Lauf. Nicht vor der Distanz, sondern weil das immer eine recht überschaubare, fast schon familiäre Veranstaltung mit weniger als 100 Läufer*innen ist. Bestimmt treffen sich da jedes Jahr der Bernd und die Heike und der Michael und die Gabi und die freuen sich alle, gemeinsam zu laufen. Dieses Jahr würden sie sich dagegen wundern, wer der komische Typ ist, der ihre Laufgemeinschaft stört. Oder noch schlimmer: Sie begrüßen mich freundlich und wollen sich mit mir unterhalten.

Meine Angst war aber unbegründet. Zwar nahmen sogar nur 40 Läufer*innen teil, aber so richtig gut kannten die sich alle nicht. Es gab auch keine Bernds, Heikes, Michaels oder Gabis und ich wurde von niemandem angesprochen.

Die Strecke verlief größtenteils durch den Tegeler Forst und am Tegeler See entlang. Für Berliner Verhältnisse ist das wie in der freien Natur laufen. Die Idylle wurde lediglich durch die Mitläufer*innen und von ihrem Keuchen und Schnauben gestört. Und noch mehr von meinem eigenen Keuchen und Schnauben.

Der Lauf bot auch die ein oder andere Herausforderung. Zum einen zickte meine Laufuhr rum. Die ist schon ein bisschen älter – elf oder zwölf Jahre. Sobald ich mich nur 500 Meter außerhalb meines üblichen Bewegungsradius aufhalte, hat sie Schwierigkeiten, sich zu orientieren und die Distanzen richtig zu messen. Daher zeigte mir die Uhr während des gesamten Laufs Durchschnittsgeschwindigkeiten an, die entweder deutlich zu langsam oder deutlich zu schnell waren. (Körperlich fühlte es sich meistens nach zu schnell an.)

Zum anderen war die Veranstaltung zwar mit sehr viel Leidenschaft, Engagement und Herzblut organisiert, aber die Streckenmarkierungen waren eher semi-professionell und ließen ein wenig zu wünschen übrig. Nicht an jeder Abzweigung war es immer ganz eindeutig, wo es lang ging. Bereits irgendwo zwischen Kilometer drei und vier kam uns die Spitzengruppe entgegen. Die war einmal falsch abgebogen und weil wir alle stumpf gefolgt waren, mussten wir ein Stück zurücklaufen.

Das war besonders nervig, weil die Strecke ohnehin etwas länger als ein Halbmarathon war. 22,8, statt 21,0975 Kilometer. Das war ab Kilometer 21 recht demoralisierend, weil du die ganze Zeit dachtest, du wärst jetzt eigentlich schon fertig, musst aber fast noch zwei Kilometer überstehen. (Zumindest ich dachte so und weil ich egozentrisch genug bin, ging ich davon aus, dass die anderen genauso fühlten.)

Weil es nur so wenige Teilnehmer*innen gab, lief ich nach circa sechs Kilometern sechs im Prinzip allein. Die anderen waren entweder viel schneller oder deutlich langsamer. Gerade bei den Weggabelungen, wenn ich wieder überlegen musste, ob es rechts oder links weitergeht, wäre es ganz schön gewesen, jemanden an der Seite zu haben, mit dem ich mich hätte beratschlagen könnten.

Zwischen Kilometer 17 und 18 überholte mich aber ein Läufer, so dass ich nicht mehr solo unterwegs war. Das Vorhaben, mich an ihn ranzuhängen, gab ich sehr schnell auf. Es hatte schließlich einen Grund, warum er mich gerade überholt hatte. Er war schätzungsweise 25 Jahre jünger und vor allem schneller und mit mehr Ausdauer ausgestattet als ich. Aber ich konnte so gut mithalten, dass er in meiner Sichtweite blieb. Dadurch diente er mir als menschgewordenes Navi und ich musste nicht bei jeder Kreuzung nachdenken, wie die Strecke verläuft. Ich hoffte einfach, dass er sich nicht verläuft und wir wieder ein Stück zurücklaufen müssen. Sonst hätte ich entweder ihn oder mich umbringen müssen. (Wahrscheinlich eher mich, weil er ja schneller war und mir hätte weglaufen können.)

Im Ziel stoppte ich meine Uhr bei 2:02:27. Das war deutlich langsamer als ich mir erhofft hatte. Es stellte sich dann allerdings heraus, dass ich circa 800 bis 1.000 Meter mehr als die vorgesehenen 22,8 Kilometer gelaufen war. Kurz vor Schluss war der Läufer vor mir tatsächlich irgendwo falsch abgebogen, so dass wir eine ziemlich große Extraschleife hatten. (Zu seiner Verteidigung: Auch ohne ihn hätte ich exakt den gleichen Weg eingeschlagen.)

Meine Zeit reichte aber aus, um Siebter bei den Männern zu werden. (So wie der Sohn beim Judoturnier.) In meiner Altersklasse der 45-49-Jährigen wurde ich sogar Zweiter. Ein sportlicher Erfolg, der irgendwo zwischen meiner Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen 1985 – die einzige, die ich jemals gewonnen habe – und meinem Seepferdchen-Abzeichen anzusiedeln ist.


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Eine kleine Wochenschau | KW36-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


05.09.2022, Berlin

Heute ist Sei-spät-dran-für-etwas-Tag. Ich glaube, um das zu zelebrieren, braucht der Sohn keinen Ehrentag.

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Wir telefonieren mit der Tochter in Malmö. Sie erzählt, sie habe sich nach der Vorlesung mit einer Frau unterhalten, die schon seit fünfzehn Jahren studiert. An verschiedenen Unis und sie habe auch schon mehrere Abschlüsse, aber die Tochter ist trotzdem fassungslos. „Fünfzehn Jahre!“, wiederholt sie und reißt ihre Augen weit auf.

Bei uns in der Soziologie in Marburg gab es damals auch Studierende, die schon seit fünfzehn Jahren und länger studierten. Aber ausschließlich in Marburg und ohne bereits einen Abschluss zu haben. Und auch ohne Aussicht – und ohne Absicht –, bald einen zu machen. Das hatte auch sein Gutes: Mit meinem Diplom nach zwölf Semestern konnte ich mich wie ein Turbostudent fühlen.

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Familien-Tweets der Woche (426)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

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Eine kleine Wochenschau | KW35-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


29. August 2022, Berlin

Montagmorgen, 7.15 Uhr und ich mache den Supermann. Das heißt nicht, dass ich eine Unterhose über einem Gymnastikanzug trage, mir eine rote Tischdecke umgebunden habe und vom Sofa springe. Nein, Superman ist eine Übung zur Stärkung meiner Rückenmuskulatur. Du liegst dabei bäuchlings auf dem Boden, hebst die Beine an und streckst die Arme nach vorne. Das sieht ganz entfernt wie ein fliegender Superman aus. Mit sehr viel Phantasie. Vor allem wenn du noch nie einen Superman-Film gesehen hast.

Seit knapp vier Wochen mache ich regelmäßig Rückengymnastik. Aus Gründen. Nach unserem Urlaub wollte ich mich sportlich betätigen. Ein bisschen Fitnesstraining kann nicht schaden, dachte ich mir. Worauf das Fitnesstraining sagte: „Doch!“ Schon bei der ersten Übung – Kniebeugen mit Widerstandsbändern – schoss mir gleich bei der ersten Wiederholung ein stechender Schmerz in den Rücken, so dass ich die nächsten paar Minuten würdelos in Embryonalstellung auf dem Boden verbrachte.

Im Laufe des Tages und trotz ein paar 400er-Ibus wurde der Schmerz nicht viel besser. Dafür wurde mir das erste Mal richtig bewusst, für was du alles deine Rückenmuskulatur benötigst. Zum Einsteigen in die Dusche, zum Aussteigen aus der Dusche, zum Bücken, um die Beine abzutrocknen, zum Anziehen der Unterhose, zum Anziehen der Socken, zum Anziehen der Hose – nicht so sehr beim Anziehen des T-Shirts, aber nur obenrum bekleidet, wollte ich trotzdem nicht rumlaufen –, zum Hinsetzen, zum Aufstehen, zum auf Toilette gehen, zum Hinlegen, eigentlich für alles. Seit 47 Jahren schuftet meine Rückenmuskulatur tagein und tagaus und nie habe ich es ihr gedankt. Sorry, Rückenmuskulatur! Und danke!

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Eine kleine Wochenschau | KW35-2022 (Teil 2)

Teil 1


01. 09.2022, Berlin

Der Sohn hat heute Geburtstag. Seinen 16. Ein guter Anlass, um zum Frühstück Käsekuchen zu essen.

Seit Tagen beziehungsweise Wochen erzählt der Sohn, dass er an seinem Geburtstag eine Kiste Bier kaufen würde. Nicht weil er sie trinken möchte – zumindest nicht sofort –, sondern weil er es kann. Wobei er das vorher auch schon konnte. Zumindest in den Spätis, in denen sich niemand beim Verkauf von Alkohol mit der Kontrolle von Ausweisen belasten will.

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An meinen eigenen 16. Geburtstag kann ich mich noch gut erinnern. Ich trug damals eine rote Hornbrille, eine bordeauxrote Jeans und ein gemustertes Poloshirt mit bordeauxroten Farbelementen. Ich weiß nicht, ob das damals chic war. Wahrscheinlich nicht. Hört sich eher so an, als wäre es der Start einer langen Karriere von modischen Verfehlungen. Eigentlich war es aber eher die Fortsetzung. Mit 13 steckte ich immer meine Hosenbeine in die Socken, die ich wiederum mit meinen Schnürsenkeln zusammenband. Das war zu der Zeit in, sah aber trotzdem bescheuert aus. Wenn ich heute Bilder davon sehe, frage ich mich, ob meine Eltern damals ihre Aufsichtspflicht grob verletzten, als sie mich so rumlaufen ließen.

Gefeiert habe ich meinen 16. bei uns auf der Terrasse. Mit ungefähr 30 Freund*innen aus der Schule und der Ferienfreizeit, die kurz vorher zu Ende gegangen war. Meine Mutter hatte Unmengen an Chili con carne gekocht. Sin carne war Anfang der 90er noch nicht so gefragt. Zumindest nicht im Westerwald.

Zu trinken gab es Bier vom Fass. Mein Vater hatte eine 20-Liter- und ein 10-Liter-Fässchen besorgt. Mit einem Holzzapfhahn, den wir mittels eines Gummihammers in die Fässer schlugen. (Nie war ich dem Oktoberfest näher.) Zu Beginn der Feier ermahnte mein Vater uns, wir sollten das zweite Fass nur anstechen, wenn wir es auch leer trinken würden. Sonst stünde das Bier ab und würde nicht mehr schmecken.

Mit 16 hörst du bei mahnenden Worten deiner Eltern allerdings nicht so genau hin. Zu später Stunde schlugen wir daher das zweite Fass auch noch an und zapften ganze drei Gläser. Aber das hatte im Endeffekt auch sein Gutes: So hatten meine Eltern einen Tag nach meinem Geburtstag die Gelegenheit, spontan Freunde, Bekannte und Nachbarn zum Resteessen und -trinken einzuladen. Ich bin mir nicht allerdings sicher, ob meine Eltern das damals genauso positiv sahen.

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Da der Sohn unter der Woche Geburtstag hat und wir keine Terrasse haben, kann er keine Fete mit Chili und Fassbier feiern. (Ohnehin würde er keine Fete feiern, weil man das heute nicht mehr sagt.) Stattdessen gehen wir auf seinen Wunsch in ein Steakhaus.

Nachdem wir schon reichlich gegessen haben, bekommt der Sohn zum Nachtisch eine Creme Brûlée aufs Haus. Meine Frau und ich wollen dem Sohn nicht beim Essen zuschauen und bestellen uns New York Cheesecake. (Es ist ja auch schon mehr als zwölf Stunden her, dass wir Käsekuchen gegessen haben. Außerdem ist es schön, den Tag so zu beenden, wie du ihn begonnen hast. Zumindest wenn du Käsekuchen zum Frühstück hattest.)

Der Cheesecake wird mit Johannisbeeren und Karamellsauce serviert. Zumindest sieht das so das. Die Sauce schmeckt aber ein wenig säuerlich. Ein bisschen wie Balsamico-Essig. Für so avantgardistisch hatte ich das doch eher rustikale Steakrestaurant gar nicht gehalten. Das Ganze ist eher gewöhnungsbedürftig. Aber es ist immer noch Käsekuchen. Also esse ich ihn trotzdem auf.

Anschließend frage ich die Bedienung, was das für eine interessante Sauce gewesen sei. Salted Caramel, erklärt die junge Frau. Das könne ich definitiv ausschließen, erwidere ich, sie habe eher nach Balsamico geschmeckt. Dabei frage ich mich, ob das schon unter mansplainen fällt, was ich hier mache.

Die Kellnerin geht kurz in die Küche. Als sie zurückkommt, entschuldigt sie sich. Die neue Aushilfe in der Küche hätte heute ihren ersten Tag und habe versehentlich zur falschen Flasche gegriffen. Mit Blick auf unsere leer gegessenen Teller meint sie dann noch: „Vielleicht haben wir ja einen neuen Trend erfunden!“ Ich glaube eher nicht, behalte das aber für mich.

02. 09.2022, Berlin

Die Tochter ist seit letztem Samstag wieder in Schweden. Diesmal in Malmö, wo sie mit dem Studium angefangen hat. (In Stockholm war sie nur eine Art Gast-Studentin.) Eigentlich möchte sie lieber in Irland studieren. Da gibt es aber erst am 08. September die Rückmeldungen zu den Bewerbungen. So lange muss sie in Malmö zur Uni gehen, um ihren Studienplatz zu sichern.

Aufgrund ihrer ungewissen Aufenthaltsdauer in Malmö hat sich die Tochter für zehn Tage in einem Hostel einquartiert. In einem Vier-Bett-Zimmer. Das ist natürlich nicht gerade eine Traum-Schlafsituation. Aber als ich zum Studium nach London gegangen bin, habe ich auch eine Woche lang in einer Jugendherberge und sogar in einem Achter-Zimmer geschlafen. Im Bett neben mir lag ein nerviger Spanier, der alle, die ins Zimmer kamen, fragte: „Do you have time?“ Zu jeder Tages- und Nachtzeit. (Das ist so lange her, dass außer Wall-Street-Bankern noch niemand Handys hatte. Daher war der spanische Kollege auf Armbanduhr-Träger*innen angewiesen, die ihm die Uhrzeit mitteilen.)

Im Großen und Ganzen hat die Tochter Glück mit ihren Zimmernachbarinnen. Bis heute Nacht. Da ist eine Frau eingezogen, die unfassbar laut schnarcht. Die Tochter hat uns eine Tonaufnahme davon geschickt. Die hört sich an, als übernachte sie nicht in einem Frauen-Zimmer eines Hostels, sondern in einem Schlafsaal voll mit kanadischen Holzfäller.

03. 09.2022, Berlin

Ich habe heute Nacht geträumt und kann mich beim Aufwachen noch daran erinnern. Das kommt bei mir sehr selten vor.

In dem Traum war ich beim Friseur und der hat mir die Haare verschnitten. Wenn das das schlimmste Horrorszenario meines Unterbewusstseins ist, scheint es mir recht gut zu gehen.

04. 09.2022, Berlin

Der Sonntag ist prinzipiell nur mein zweitliebster Wochenendtag. Auf Sonntage legt sich immer schon die Schwere des drohenden Montags und der kommenden Arbeitswoche. In der Marathonvorbereitung spricht gegen den Sonntag zusätzlich, dass an diesem Tag die langen Läufe anstehen. 28, 30, 32 Kilometer oder noch mehr, wenn du richtig ambitionierte Zeiten laufen willst.

Das ist immer ein bisschen öde, weil du dann drei Stunden und mehr unterwegs bist. Und ein bisschen anstrengend ist es auch, weil du 28, 30, 32 Kilometer oder noch mehr laufen musst. Dafür laufe ich wenigstens eine recht idyllische Strecke an der Spree entlang. Ganz neue Ecken von Berlin lerne ich auch kennen. Zum Beispiel Haselhorst, wo ich irgendwann lande. Da war ich noch nie. Wahrscheinlich werde ich auch nie wieder dort hinkommen, denn dort ist es nicht ganz so idyllisch wie an der Spree.

Irgendwann habe ich gar keine Ahnung mehr, wo ich mich gerade befinde. Ich mache einen auf Pfadfinder, verlasse mich auf meinen Orientierungssinn und laufe in die Richtung, wo ich grob Moabit vermute. Zu meiner sehr großen Überraschung funktioniert das sogar.

Gegen Ende des Laufs muss ich noch ein paar Runden im Kleinen Tiergarten drehen, um die vorgeschriebenen Kilometer zusammenzubekommen. Dort kommen mir ein Mann und eine Frau entgegen. Sie gehören zu einer Gruppe von Trinker*innen, die im Park zusammen abhängen. Der Mann trägt eine Dose Bier in der Hand, die Frau trinkt aus einer großen Flasche irgendein giftgrünes Zeug. Wahrscheinlich Pfeffi.

Als wir auf gleicher Höhe sind, hält sie mir die Flasche auffordernd entgegen. „Willste was?“, fragt sie barsch, aber nicht vollkommen unfreundlich. (Zumindest für Berliner Verhältnisse.) Wahrscheinlich sehe ich so fertig aus, dass sie denkt, ich könnte das zur Erfrischung gut gebrauchen. Ich lehne trotzdem dankend ab. Pfefferminzlikör gilt wohl eher nicht als isotonisches Laufgetränk. Der Frau scheint das ganz recht zu sein. Dann bleibt wenigstens mehr für sie übrig.


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Familien-Tweets der Woche (425)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

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Cassis 2022 – Heimreise (23.07.): Au revoir!

Der alljährliche Urlaubsblog. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Sie, aus welchen Gründen auch immer, alle Beiträge des Cassis-Blogs lesen möchten, werden Sie hier fündig.


Abreisetag. Traditionell der unschönste Tag des Urlaubs. Dass der Handywecker um 4.45 Uhr klingelt, macht ihn nicht schöner. (Kein Tag wird schöner, wenn du um 4.45 Uhr aus dem Schlaf gerissen wirst.) Das einzig Gute an der frühen Uhrzeit: Die Zikaden schlafen auch noch und ihr tagesfüllendes Plärrkonzert beginnt erst später. Das macht das Letzte-Urlaubstag-Glas zwar nicht halbvoll, aber wenigstens fünf Prozent voll. (Vielleicht auch nur drei Prozent. Oder zwei.)

Wir stehen selbstverständlich nicht freiwillig und aus Spaß an der Freude so früh auf oder um uns selbst zu kasteien. Unser Zug nach Frankfurt fährt um 8.10 Uhr in Marseille los. Um ihn zu erreichen, müssen wir um 6.32 Uhr in Cassis die Regionalbahn nehmen. Theoretisch ginge auch die Bahn um 7. 32 Uhr. Dann kämen wir allerdings nur dreizehn Minuten vor Abfahrt des TGV in Marseille an.

Als lebenserfahrener und übervorsichtiger, immer mit dem Schlimmsten rechnender Mensch ist mir das zu riskant. Dem Sohn, der es für vollkommen ausreichend hält, zwei Minuten vor Abfahrt am Bahnhof zu erscheinen, haben wir verschwiegen, dass es eine spätere Reiseoption gibt. Es hilft ja niemandem, die mühsam erarbeitete Urlaubserholung zu gefährden, indem du fruchtlose Diskussionen mit einem Teenager führst, die du irgendwann diktatorisch beendest, was bei allen Beteiligten zu Frust und schlechter Laune führt.

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Cassis 2022 – Heimreise (23.07.): Au revoir! (Teil 2)

Teil 1


Inzwischen ist es kurz nach halb vier. Nicht mehr lange, bis wir in Frankfurt sind. Die automatisierte Lautsprecherdurchsage verkündet: „Wir sind gleich da.“ Dann schiebt sie leicht passiv-aggressiv nach: „Sicher nichts am Platz liegen gelassen? Ein letzter Blick kann nicht schaden.“

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In Frankfurt kommen wir mit einer knappen Viertelstunde Verspätung an. Unter normalen Umständen würden wir jetzt unseren Anschlusszug verpassen. Die Umstände sind aber tatsächlich normal und er hat ebenfalls fünfzehn Minuten zu spät. Er fährt auf den gleichen Schienen hinter unserem TGV her. Dadurch ist das Umsteigen vollkommen entspannt.

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Im ICE nach Berlin sitzt auf dem 4er-Platz neben unserem ein junger Mann. Er schaut auf seinem Laptop einen Film. Plötzlich steht ein älterer Herr auf, der in der Reihe dahinter sitzt, tritt in den Gang und fragt: „Ist das Taxi Teheran?“ Der junge Mann bejaht das.

Daraufhin startet der Senior einen längeren Vortrag darüber, wie phantastisch der Film sei, was für eine famose schauspielerische Leistung Hana Saeidi abgeliefert hätte, dass der Regisseur Jafar Panahi 2015 auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden sei – zu Recht wie der ältere Mann betont – und dass er nun leider im Iran im Gefängnis säße.

Der junge Mann nickt zunächst immer wieder höflich. Mit zunehmender Dauer des cineastischen Spontanreferats schaut er allerdings immer gequälter. Wahrscheinlich würde er sich gerne selbst einen Eindruck davon machen, wie phantastisch der Film ist, welch famose schauspielerische Leistung die Hana Saeidi abgeliefert hat und Jafar Panahi tatsächlich zu Recht den Goldenen Bären bekommen hat.

Sachen, die wir während des Urlaubs nicht gemacht haben

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Um kurz nach halb neun fährt unser Zug am Berliner Hauptbahnhof ein. Mit dem Bus fahren wir nach Moabit, am Otto-Spielplatz steigen wir aus und gehen den restlichen Weg nach Hause.

Auf einer Bank sitzt ein angetrunkener Obdachloser. Er schaut mich an und lacht. Dann steht er auf und singt aus voller Brust: „Strangers in the night!“

Schön, wieder daheim zu sein.

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Vielen Dank an alle, die tapfer durchgehalten, täglich den Urlaubsblog gelesen und hier oder bei Facebook fleißig kommentiert haben. Und ebenfalls vielen Dank, dass Sie über Orthographie-, Interpunktions- und Grammatikfehler sowie jegliche Ungereimtheiten und Inkonsistenzen großzügig hinweggeschaut haben. (Ist ja alles kostenlos hier.)

Falls Ihnen die Texte gefallen haben, haben Sie vielleicht auch Spaß an einem meiner Bücher. (Oder an allen.) Falls Ihnen die Texte nicht gefallen haben, haben Sie vielleicht Freude daran, meine Bücher an Menschen zu verschenken, die Sie nicht leiden können.

Sollten Ihnen die Texte gefallen haben, aber Sie haben gerade keine zehn Euro zur Verfügung, würde ich mich über ein paar Sterne beim großen A freuen. Wir finden natürlich alle, dass Jeff Bezos doof ist, aber leider sind für uns Autor*innen, die nicht jährlich 4,3 Milliarden Bücher verkaufen, diese Bewertungen leider ziemlich wichtig. Das ist auch gar nicht schwierig, sie zu schreiben und tut auch nicht weh. Ich hatte das auch schon mal ausprobiert.

Merci!


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Cassis 2022 – Tag 14 (22.07.): Ein letztes Mal

Der alljährliche Urlaubsblog. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Sie, aus welchen Gründen auch immer, alle Beiträge des Cassis-Blogs lesen möchten, werden Sie hier fündig.


Der letzte Urlaubstag und damit der letzte morgendliche Lauf. Was die Strecke angeht, gilt heute: Keine Experimente! Da halte ich es ganz mit der 50er-Jahre-CDU. (Ein Satz, von dem ich auch nicht gedacht hätte, dass ich ihn mal schreibe.) Nach gestern möchte ich aber nicht noch einmal so einen gebirgspfadartigen Weg laufen. Meine Sehnen, Bänder und Gelenke auch nicht.

Stattdessen quäle ich mich noch ein letztes Mal die Bahnhofsberg-Waldweg-Villenviertel-Strecke hoch. Um der guten alten Zeiten willen. Eine Idee, die auch so CDUig klingt. Und ziemlich bescheuert ist. Du gehst ja auch nicht zu deinem alten Klassenkameraden, der dich früher gemobbt hat, damit er dir um der guten alten Zeiten willen nochmal eine reinhaut.

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Cassis 2022 – Tag 14 (22.07.): Ein letztes Mal (Teil 2)

Teil 1


Ein letztes Mal zum Supermarkt. Proviant für die Heimreise morgen kaufen.

Nach einer Viertelstunde liegen in unserem Wagen drei Toastbrote, Käse, Schinken, Butter, Kekse mit Schokostückchen, Kekse mit Schokoüberzug, Waffelröllchen mit Schokoüberzug, belgische Waffeln, eine Packung mit kleinen Brioches, eine Packung mit einem großen Brioche, Chips mit Salt and Vinegar, Chips ohne alles, Eistee, Orangina light und Cola Zero. Die Tochter meint, wir würden wie Dreijährige einkaufen, die sonst nie zuckerhaltige Lebensmittel essen dürften, heute aber die Erlaubnis bekommen hätten, alles auszusuchen, worauf sie Lust haben.

Gut, unser Einkaufswageninhalt mag zwar nicht den neuesten ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen über eine gesunde und ausgewogene Ernährung entsprechen, aber er hat doch etwas Gutes: Das erste Mal in zwei Wochen liegt unser Einkauf im zweistelligen Bereich.

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Ein letztes Mal am Strand. Bei unserem ersten Besuch hier hatte ich von den Vorzügen des Steinstrands geschwärmt. Du liegst erstaunlich bequem und hast keinen Sand-to-go in der Ferienwohnung. (Und vor allem nicht in deinem Koffer, wo du ihn ein Jahr später vor dem nächsten Urlaub wiederfindest.)

Die Kinder am Strand stören sich nicht daran, dass es keinen Sand gibt, um Burgen zu bauen und Kuchen zu backen. Sie spielen stattdessen mit den Steinen. Am Wasser steht zum Beispiel ein kleiner Junge, der einen ungefähr kindskopfgroßen Stein immer wieder mit voller Wucht auf einen kleineren Stein wirft. Wahrscheinlich hofft er, dass der am Boden liegende Stein zerschmettert wird. Ich befürchte allerdings, dass er sich eher seinen Fuß zerschmettert.

Neben dem Jungen spielt ein kleines Mädchen ebenfalls mit den Steinen. Allerdings ein sehr spezielles Spiel. Energisch kommandiert sie ihren Papa herum, ihr in einem Eimerchen immer wieder neue Steine zu bringen. Dabei muss er jedes Mal einen anderen Eimer nehmen. Die Kleine hat erstaunlich viele davon. (Fast so viele wie wir Beach-Tennis-Sets.) Nimmt der Vater aus Versehen doch mal den gleichen Eimer, weist sie ihn mit der Freundlichkeit eines Navy-Seals-Ausbilders auf sein Missgeschick hin. Das Ganze sieht ein bisschen so aus, als schuftete der Vater in einem Gefängnissteinbruch. Wobei der Umgang dort wahrscheinlich weniger rau ist.

Während der Papa Steine schleppt, kümmert sich das Mädchen liebevoll um ihre Babypuppe. Diese strahlt mit ihrem fratzenhaften Gesicht, den weit aufgerissenen Augen und dem leicht geöffneten Mund starke Chucky-Vibes aus. Sollte ich heute Nacht schlecht träumen, weiß ich wovon.

Neben unserem Platz sitz ein Mann mit einem kleinen bunten Sonnenschirm auf dem Kopf. Ob er den wohl ironisch trägt? Oder hat er ihn heute Morgen aufgesetzt, sich im Spiegel angeschaut und gedacht: „Wie praktisch. Der Hut schützt mich vor der Sonne und sieht auch noch super aus!“

Etwas entfernt von uns sitzt ein anderes kleines Mädchen in einem Planschbecken. Einem mit Wasser gefüllten Planschbecken. Auf dem Strand. Im ersten Moment irritiert mich das, aber bei längerem Überlegen ist das eigentlich eine gar nicht so schlechte Idee. Da hast du als Eltern Gewissheit, dass dein Kind sicher ist und du musst nicht die ganze Zeit aufpassen, damit ihm im Meer nichts passiert. Aber skurril ist es trotzdem. Ein Planschbecken mit an den Strand zu nehmen, ist wie mit deinem Kind ins Kino zu gehen und ihm dann auf dem Tablet einen anderen Film zu zeigen.

Als wir den Strand verlassen kommt mir eine kleine rundliche Frau entgegen. Auf ihrem T-Shirt steht „Colour of Joy“. Das T-Shirt ist grau. Genau mein Humor.

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Auf dem Heimweg vom Strand werde ich Zeuge eines Verbrechens. Eine junge Frau macht sich einer großen Verletzung der sehr strengen Kleidervorschriften in Cassis schuldig. Hier weisen alle paar Meter Schilder darauf hin, dass du als Mann nicht oberkörperfrei und als Frau nicht im Bikini rumlaufen sollst. Die Hinweise gehen da nicht ins Detail, aber ich glaube, Männer dürfen auch nicht im Bikini und Frauen nicht oben ohne durch den Ort flanieren.

Zuwiderhandlungen kosten 38 Euro. 38 Euro ist eine merkwürdig krumme Summe. Fast wie Lebensmittel, die immer Irgendwas Komma 99 kosten. Um unter der psychologischen Kaufschwelle zu bleiben. Vielleicht ist das hier bei der Strafgebühr auch so. Weil sie unter 40 Euro liegt, verstoßen die Menschen häufiger gegen die Vorschriften und die Stadt nimmt mehr ein. Sehr clever!

Die junge Frau trägt Bikini und darüber ein Strandkleid, das vorne geöffnet ist. Ein städtischer Sicherheitsmann bittet sie höflich, das Kleid zuzuknöpfen. Sie leistet seiner Aufforderung sofort folge Allerdings ist das Strandkleid eher ein dünnes Nichts, so dass der Bikini darunter immer noch zu erkennen ist. Eigentlich sieht er jetzt noch aufreizender aus, als wenn sie vollkommen entblößt rumliefe. Aber Vorschrift ist Vorschrift!

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Möglicherweise fragen Sie sich, ob wir gar kein Eis im Urlaub gegessen haben. (Sehr wahrscheinlich ist Ihnen das vollkommen wumpe, aber es macht ein schönes Gefühl, sich vorzustellen, Sie beschäftigten sich eingehend mit meinen Beiträgen.) Das haben wir tatsächlich nicht getan.

Das liegt nicht daran, weil es einen Mangel an Eisdielen in Cassis gibt. Der Grund sind die unfassbar teuren Eis-Preise. Die günstigste Kugel Eis, die ich im Ort entdeckt habe, liegt bei 2,50 Euro. Das lässt die Verwendung des Wortes günstig etwas unangemessen erscheinen. Dabei handelt es sich nicht um Kugeln in Handballgröße, sondern um durchschnittlich große Eiskugeln. In einem Laden wird sogar 3,60 Euro für die Kugel verlang. Auch dort werden keine kürbisgroßen Eise über die Theke gereicht.

In einem anderen Laden formen die Verkläufer*innen das Eis zu detailgetreuen Blumen. Das ist aufwändig, sieht schön aus und für dieses Eis-Kunsthandwerk ist ein Preis von 2,80 Euro nicht unangemessen. Aber machen wir uns nichts vor: nach zehn Sekunden ist das auch nur noch ein stinknormales Eis.

Normalerweise bin ich ein eher sparsamer Mensch, aber im Urlaub genieße ich das Privileg, nicht auf jeden Cent achten zu müssen. (Die Urlaubskasse runzelt die Stirn. „What?“) Aber bei zwei fuffzig für `ne Kugel Eis ist meine Schmerzgrenze erreicht.

Früher gab es bei uns im Ort das Eiscafé Venezia. (Natürlich hieß das so. Wie auch sonst?) Dort kostete die Kugel Eis 50 Pfennig. 50 Pfennig! Ich behalte das hier aber für mich. Immer wenn ich davon erzähle, und das ist ziemlich oft der Fall, bekommen die Kinder so einen glasigen Tunnelblick. (Die Brausebonbons beim Bäcker haben damals auch nur zwei Pfennig gekostet, aber das ist eine andere Geschichte, die noch uninteressanter ist als die historische Eiskugelpreis-Entwicklung.)

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Apropos Eis. Kommen wir zum Kniffel-Turnier. Das endet mit einer riesigen Enttäuschung für mich. Nicht weil mir doch noch der Gesamtsieg entrissen wird. Das passiert nicht. Im Gegenteil, ich gewinne mit dem größten Vorsprung seit der Aufzeichnung unseres Urlaub-Kniffel-Turniers – und das schreibe ich mit der gebotenen und mir innewohnenden Bescheidenheit.

Ob dieses Triumphs hatte ich eigentlich erwartet, dass Konfetti von der Decke fällt, Champagnerkorken knallen, Raketen starten und die Familie mich auf den Schultern durch die Wohnung und dann durch die Straßen von Cassis trägt, bis die Bürgermeisterin mich am Rathaus empfängt, wo ich die Stadt beehre, indem ich mich als Kniffel-Champion ins Goldene Buch eintrage.

Zu meiner großen Irritation – und sicherlich auch der meiner treuen Stammleser+innen – geschieht nichts dergleichen. Die Familie nimmt meinen geschichtsträchtigen Sieg mit einer Mischung aus Desinteresse und Geringschätzung zur Kenntnis.

Ist mir aber egal. In Berlin lasse ich mir den Kniffel-Pokal mit Spaghetti-Eis füllen.


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