Cassis 2022 – Tag 13 (21.07.): The boat that rocked (Teil 2)

Teil 1


Es kamen weitere Wellen – ich verbitte mir, in diesem Zusammenhang von Wellchen zu sprechen – und das Boot schwankte weiter. Dabei dachte ich daran, wo meine Bootaversion herkommt. Mit ungefähr zehn machte ich mit meinem Vater, meinem Bruder, einem befreundeten Vater und seinen beiden Töchtern eine Kanutour. Gegen Ende des Ausflugs versuchten wir, vom Altrhein in den Rhein zu fahren. Der Rhein hatte dagegen etwas einzuwenden und wir kenterten. Das hört sich etwas dramatischer an, als es war. Aber ich bin dabei mit dem Kopf unter Wasser gekommen und aufmerksamen Leser*innen ist meine ablehnende Haltung zu den Themen Wasser, Kopf und unter hinlänglich bekannt. Da war schon klar, das zwischen mir und Booten keine große Freundschaft entstehen würde.

In der 8. Klasse war ich dann auf Klassenfahrt auf Norderney. Da wollten damals einen Tagesausflug nach Helgoland machen. Das führte zu meinem nächsten Erlebnis, das mein distanziertes Verhältnis zu Bootsaufenthalten verstärkte.

Helgoland soll sehr schön sein. Ich weiß das aber nur aus Erzählungen, denn wir sind dort nie angekommen. Möglicherweise denken Sie jetzt: „OMG, die Fähre ist gekentert. Wieviel Pech kann ein Mensch haben, dass ihm so etwas zweimal passiert? Trotzdem eine geile Geschichte, also erzähl gefälligst weiter!“

Da muss ich sie leider enttäuschen. Das Boot ging nicht unter, sondern der Wellengang war so stark, dass wir nach einer knappen Stunde umdrehten. Außer unserer Klasse war unter anderem eine Gruppe von Seniorinnen an Bord. Die kotzten so viel, dass der Kapitän Angst um ihre Gesundheit hatte und die Fahrt abbrach.

Nachdem wir den Hafen wieder erreichten und die Fähre verlassen konnten, knieten mein Freund Patrick und ich uns auf den Boden und küssten diesen. Als Achtklässler bist du dir für große Gesten ja nicht zu schade.  man ja den Hang zu großen Gesten. Und was dem damaligen Papst recht war, sollte uns nur billig sein.

Heute ist der Seegang nicht so stark, dass sich die mitfahrenden Senioren übergeben müssen. Das Meer ist aber auch nicht vollkommen ruhig. Zumindest in meiner Wahrnehmung. Da gibt es schon immer wieder Wellen. Zwar eher kleine Wellen, aber immerhin stark genug, um das Boot von vorne nach hinten und von links nach rechts zum Schwanken zu bringen.

Ich mache mir deshalb folgende Gedanken:

  1. Sind wir nahe genug am Ufer, dass ich dort hinschwimmen könnte, falls das Boot kentert?
  2. Wäre ich dort in der Lage, an Land zu klettern, oder gibt es da nur extrem steile Böschungen, die ich nicht hochkomme, so dass das Ufer für mich nicht das rettende, sondern das tödliche ist?
  3. Könnte ich eine Nacht oder mehrere Tage am Ufer und auf den Klippen überleben?
  4. Gibt es unter den Passagieren jemanden, der aussieht als sei er auf einer einsamen Insel noch nutzloser als ich, so dass er vor mir von den anderen aufgegessen wird?

Während ich quasi eine Nahtoderfahrung habe, fahren wir an einer wunderschönen, malerischen Kulisse vorbei. Mit vielen Klippen, aber auch viel Grün und einigen Bäumen, mit blauem Himmel und blauem Wasser. Das Einzige, was die Idylle stört, sind die ständigen Wellen. (HERRGOTT NOCHMAL, DAS SIND KEINE WELLCHEN!!!)

Der Wind und das Wasser haben in tausenden von Jahren die Felsen zu bizarren Skulpturen verformt. Ab und an gibt es kleine Felsvorsprünge und Höhlen. Sieht ein bisschen aus wie die Szenerie eines Fünf-Freunde-Films und ich erwarte jeden Moment, dass irgendwo Timmy auftaucht. (Oder hieß der Tommy? Egal, Hauptsache nicht Jonas, Peter oder Bob.)

In den Buchten ist das Wasser so klar, dass du bis auf den Boden schauen kannst. Außerdem ist das Wasser spiegelglatt. Da gibt es keinerlei Wellen – nicht einmal Wellchen – und das Boot neigt sich keinen Millimeter. Hier gefällt es mir.

Auf den Felsen und Klippen stehen immer mal wieder vereinzelt Häuser. Von dort hast du bestimmt einen phantastischen Meerblick. Dafür ist die ÖPNV-Anbindung katastrophal.

Meine Freude über das ruhige Wasser währt nicht lange. Eine Stunde ist rum und wir fahren zurück. Durch die Wellen. Das Boot wackelt. Ich stemme mich mit den Füßen in den Boden und halte mich mit krampfigen Händen an der Vorderbank fest. Das gibt mir Stabilität und Halt und ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Sogar ein selbstbetrügerisches. Sollte die Fähre kentern – die Chance liegt bei ungefähr 0,0000214 Promille – hilft es mir rein gar nichts, mich an die Bank zu klammern. Die Chance, dass mir das etwas hilft, liegt bei 0,000000000000000719 Promille.

Um mich von dem Wackeln und Schaukeln des Bootes abzuhalten, fange ich an zu zählen. 1, 2, 3, 4, 5, … Zahlen sind gut. … 37, 38, 39, 40, 41, … Zahlen schwanken nicht, … 163, 164, 165, 166, 167, … Zahlen wackeln nicht, … 488, 489, 490, 491, 492, … Zahlen neigen sich nicht, … 1.317, 1.318, 1.319, 1.320, 1.321, … Zahlen bewegen sich nicht, … 1.844, 1.845, 1.846, 1.847, 1.848, … Zahlen gehen einfach regungslos immer weiter und weiter und weiter, … 2.125, 2.126, 2.127, 2.128, 1.229, …

Bei 2.711 erreichen wir endlich den Hafen. Diesmal verzichte ich darauf, den Boden zu küssen. Das kannst du als Achtklässler machen, mit Mitte 40 ist es das etwas zu melodramatisch.

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Ich möchte Sie nicht langweilen, aber ich muss Ihnen von unserem Kniffel-Turnier von einem weiteren Sieg meinerseits berichten. Dabei hatte ich nur 245 Punkte. Das ist nicht übermäßig viel. Das kann man durchaus übertreffen. Dazu müsste man halt auch mal einen Kniffel werfen. Hat aber niemand vom Rest der Familie. Dann kann ich es auch nicht ändern.

Vor dem letzten Spiel habe ich 288 Punkte Vorsprung vor dem Sohn. Ich fühle das Metall des Pokals in meinen Händen und schmecke das Spaghettieis in meinem Mund.


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