Wir waren wandern. In Irland. Hier gibt es den Bericht. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Ihnen Ihre Lebenszeit nichts wert ist und Sie alle Beiträge der Irischen Tagebücher lesen möchten, werden Sie hier fündig.
7 Uhr. Ich wache langsam auf. Fühle mich wie gerädert. Komischer Ausdruck. „Sich wie gerädert fühlen.“ Ich weiß nicht, was rädern ist, ohne Google zu bemühen, und damit auch nicht, wie du dich dabei fühlst.
Meine Augenlider sind bleischwer. Das kann ich mit Bestimmtheit sagen. Kein Googeln erforderlich. Es kostet mich nahezu unmenschliche Kraft, sie zu öffnen. Erst das linke, dann das rechte. Draußen ist es schon hell und die Sonne scheint durch das Rollo des Hotelzimmer-Fensters.
Unten auf der Straße unterhalten sich zwei Männer.
„Good morning. How are you?” “Fine, fine, thank you. How are you?” “Very good. Thank you.” “The weather is lovely, isn’t it?“ „Indeed, indeed.“
Es entwickelt sich nun eine mehrminütige Unterhaltung darüber, wie warm es ist, wann es das letzte Mal so warm war, wie lange es noch warm sein soll und ab wann es wieder regnen wird.
17 Uhr. Boarding. Warum bezahlen Menschen extra fürs Priority Boarding? Die müssen doch trotzdem warten. Statt am Gate im Flugzeug. Die fliegen ja nicht vor den anderen ab. (Falls doch, werde ich gleich Augen machen.) Vielleicht schmeichelt es ihrem fragilen Ego, als erstes an Bord gehen zu dürfen.
Eine Frau in gelber Warnweste erscheint. Sie trägt eine randlose, rötlich getönte Sonnenbrille, ihre braunen Locken sind mit viel Haarspray in Form gebracht und um ihren Hals hängt goldenes Geschmeide. Im Gesicht hat sie nicht gerade an Make-up, Lippenstift und Lidschatten gespart. Sie hat das aber durchaus gekonnt auftragen. Nicht wie ein vierjähriges Kind, das mit verbundenen Augen seine Schminkpuppe mit Paintballkugeln beschossen hat. Die Frau öffnet die Tür zum Flugfeld und dirigiert die Passagier*innen energisch aber fröhlich in Richtung Flugzeug.
Dort steht eine weitere Frau. Ebenfalls in der obligatorischen Warnweste und auch mit stylisher Sonnenbrille, toupiertem Haar und aufwändiger Gesichtsbemalung. Hinter ihrem Ohr hat sie eine geschmackvolle kleine Blume tätowiert.
Die beiden Frauen sehen weniger nach Flughafen-Bodenpersonal aus, sondern mehr nach Hollywood-Diven. Vielleicht sind sie tatsächlich Schauspielerinnen und üben für eine Bodenpersonal-Rolle. Hoffentlich trifft das nicht auch auf den Piloten zu.
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Am Fenster in meiner Reihe sitzt eine Frau, die sich sofort eine Schlafbrille aufsetzt. Der Mann auf dem Mittelplatz neben mir steht noch dreimal auf, um etwas aus seiner Tasche im Gepäckfach zu holen.
Meine Frau ist links und rechts von zwei hünenhaften Männern eingerahmt. Könnten professionelle Rugbyspieler sein. Oder Schwergewichts-Ringer. Oder beides. Die jammern bestimmt nicht, wenn ihnen jemand die Hand zusammendrückt.
Ich bin müde und würde gerne schlafen. Bis zum Sicherheits-Ballett der Flugbegleiterinnen zwinge ich mich aber, wachzubleiben. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass sich deine Überlebenschancen bei einem Flugzeugabsturz deutlich erhöhen, wenn du bei der Security-Vorführung zuhörst. Da will ich kein Risiko eingehen.
Vielleicht erzählen die Damen ja etwas Neues, was ich noch nicht weiß. Tun sie aber nicht. Die Notausgänge befinden sich an den gleichen Stellen wie immer, die Anschnallgurte öffnen und schließen sich wie eh und je und bei Druckabfall sollst du immer noch zuerst dir eine Maske nehmen und erst dann anderen helfen.
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Nun bin ich hellwach und kann den Flug nicht verschlafen, wie es mein Plan war. Ich könnte aus dem Fenster schauen. Geht aber nicht, denn die Schlafbrillen-Frau verdeckt den Blick nach draußen.
Ist aber auch besser so. Wenn ich aus Flugzeugfenstern schaue, kann ich nicht mehr so gut verdrängen, dass wir uns in einem tonnenschweren Gerät 10.000 Meter in der Luft befinden und dass das zwar physikalisch erklärbar ist, ich aber sehr schlecht in Physik war und es deswegen nicht wirklich verstehe und daher bei jedem kleinen Ruckler denke, dass dem Flugzeug vielleicht gerade einfällt, dass es doch viel zu schwer ist, um sich in der Luft zu halten, und das ist kein schöner Gedanke.
Allerdings ruckelt das Flugzeug nicht. Kein bisschen. Wirklich überhaupt nicht. Es ist der ruhigste Flug meines Lebens. (Ein Satz, den ich selbstverständlich erst nach der Landung und nicht während des Flugs niedergeschrieben habe. Du musst nicht hardcore abergläubisch sein, um zu wissen, dass man so etwas nicht macht.)
Unterdessen verkaufen die Stewardessen Rubbellose. Hauptgewinn eine Million Euro. Ich kaufe kein Los. Ich finde es befremdlich, sich im Glücksspiel zu versuchen, während du 30.000 Fuß über den Wolken fliegst. Außerdem passt es Ying und Yang vielleicht nicht, wenn hier jemand die Million gewinnt, und zur Wiederherstellung des kosmischen Gleichgewichts lassen sie die Maschine abstürzen. Ebenfalls kein schöner Gedanke. (Auch das habe ich natürlich erst niedergeschrieben, nachdem wir sicher gelandet sind. Ich hege schließlich keinen Todeswunsch.)
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Im Flughafen in Dublin geht meine Frau erstmal auf Toilette, ich warte bei der Gepäckausgabe. Wobei ich überhaupt nicht warten muss. Als ich zum Beförderungsband komme, fahren unsere Koffer schon fröhlich im Kreis umher. Stattdessen warte ich auf meine Frau.
Der Flug hat uns hungrig gemacht. Eigentlich hat das gar nichts mit dem Flug zu tun, sondern wir haben generell auf Reisen Hunger. Und sonst meistens auch.
Meine Frau besorgt in einem Flughafen-Shop Sandwiches, Getränke und Schokoriegel. Für einen Preis gegen den unser Proviant am BER ein richtiges Schnäppchen war. (Die Urlaubskasse hat jedweden Lebenswillen verloren.)
Da in Irland der Euro gilt, kannst du die Summe leider nicht durch zehn oder so teilen, sondern der Betrag ist wirklich so hoch wie er ist. Wenn du dir aber vorstellst, ein Kind hätte dir in seinem Kaufmannsladen einen Phantasie-Betrag abgeknöpft, geht es.
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20.05 Uhr. Weiter mit dem Bus nach Carlow. Der Busfahrer macht am Anfang eine Durchsage. Besonders viel verstehe ich nicht. Wegen des schlechten Mikros. Und weil er wie der Butler aus Dinner for One klingt. Nach dem dritten Gang. Das ist nicht so richtig beruhigend, aber wenigstens stolpert er über keine Tigerköpfe und das werte ich als gutes Omen. (Du musst nehmen, was du kriegst.)
Wir fahren durch Dublin. Dort gibt es sehr viele Brücken. Futuristische, antike, moderne, metallene, rostige, grüne, weiße, rote. Mir gefällt das. Anscheinend habe ich mich während des Fluges in einen Rentner verwandelt, der sich am Anblick von Brücken erfreut. Toll!
In der ersten Reihe hockt ein Typ mit riesigen Kopfhörern. Seine Musik ist so laut, dass der halbe Bus mithören muss. Ich äußere mich kritisch dazu und mein innerer, Brücken liebender Rentner nickt zustimmend. Meine Frau erklärt, die Musik käme nicht aus den Kopfhörern, das sei das Radio des Busfahrers.
Tatsächlich. Der Fahrer scheint ein großer Fan des Senders zu sein. Bei jedem Lied dreht er die Lautstärke etwas höher. Von Tina Turner über Bee-Gees bis zu A-ha. Bei Michael Jackson geht er all in und holt aus den Boxen raus, was rauszuholen ist.
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22.15 Uhr. Unser Musik-Express erreicht Carlow. Die Tochter nimmt uns in Empfang und wir gehen zum Hotel. Laut Website liegt das Dinn Rí zentral in der Innenstadt. Eine etwas unpräzise Ortsangabe, denn in Carlow ist quasi alles zentral und befindet sich mehr oder weniger in der Innenstadt.
Im Hotel liegt im Flur und im Zimmer ein unfassbar dicker Teppich. Fühlt sich an, als würdest du knöcheltief durch eine Marshmallow-Wiese waten. Ich verdränge den Gedanken, dass Milben den Teppich bestimmt super finden und darin eine Megacity mit Millionen von Einwohner*innen gebaut haben.
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Zum Abschluss des Tages Besuch in einer Bar. Die liegt praktischerweise direkt neben dem Hotel. Sie gehört dem gleichen Besitzer. Genauso wie das Frühstücks-Café gegenüber und die beiden einzigen Nachtclubs in Carlow. Gegen diesen Menschen sind Jeff Bezos und Elon Musk wahrscheinlich Sozialhilfeempfänger.
Erkläre dem Mann hinter der Theke, ich hätte gerne ein irisches Bier, aber auf keinen Fall Guinness. Er zählt eine Reihe von Bieren auf, die mir alle nichts sagen, und sagt etwas zu ihrem Geschmack, was ich nicht verstehe, weil die Musik so laut ist.
Als ich das Wort Lager höre, sage ich einfach „Excellent!“ Zur Sicherheit recke ich einen Daumen hoch. Falls er mich wegen der lauten Musik auch nicht versteht, und damit er nicht denkt, ich hätte „asshole“ gesagt.
Ich bestelle noch Cider (für die Tochter) und Guiness (für meine Frau). Der Barkeeper ist irritiert. Habe ich eben nicht explizit gesagt, dass ich quasi alles, aber unter keinen Umständen Guiness trinken möchte? Damit er nicht denkt, ich hätte mich über ihn lustig gemacht, recke ich wieder den Daumen hoch. Um jeden Zweifel auszuschließen, gebe ich ein viel zu großzügiges Trinkgeld. Jetzt denkt er erst recht, ich hätte ihn verarscht.
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Zurück im Hotel. Der junge Mann an der Rezeption schaut kurz von seinem Handy auf und begrüßt uns beiläufig mit „How is it going?“ Mich verwirrt das, denn ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Genauso wie auf „How are you?“
Was antwortet man da? Vielleicht mit der deutschen Variante? „Könnte schlechter sein.“ Oder ehrlich? „Die letzte Woche vor dem Urlaub war sehr stressig, aber jetzt freuen wir uns auf die Dingle-Wanderung.“ Oder etwas zu meinem körperlichen Befinden? „Beim Joggen zieht es manchmal im Knie. Das läuft sich aber nach ein paar Kilometern meistens weg.“
Dem Mann ist das wahrscheinlich alles egal. Ich murmle: „All right.“ Das interessiert ihn auch nicht, denn er schaut schon wieder in sein Handy.
Gewinnspiel
Die For Me-Karten wurden verlost und die Gewinnerinnen benachrichtigt. Herzlichen Dank an alle, die so fleißig kommentiert haben, und den Gewinnerinnen viel Spaß beim Festival.
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14.30 Uhr. Letzter prüfender Blick ins Wohnzimmer, ob da nichts mehr rumliegt, was wir mitnehmen wollen, sehe aber nichts dergleichen. Die letzte Arbeitswoche war sowohl bei meiner Frau als auch bei mir etwas hektisch und die Reisevorbereitung damit nicht besonders systematisch und entspannt. Bin mir deswegen sicher, dass wir irgendetwas vergessen werden.
Das muss aber nicht sein. Das denke ich vor jedem Urlaub, egal wie systematisch und entspannt die Vorbereitung war.
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Trotz aller Hektik haben wir den Koffer bereits gestern Abend gepackt. Beziehungsweise die Koffer. Zur Entlastung der Urlaubskasse hatten wir uns auf ein Gepäckstück beschränkt. Ursprünglich. Für einen mehrtägigen Wanderurlaub benötigst du allerdings recht viel Schuhwerk und das nimmt recht viel Platz weg. Folglich standen wir vor der Wahl, keine Unterwäsche mitzunehmen oder einen zweiten Koffer nachzubuchen. Wir entschieden uns für den zweiten Koffer. Der wog zum Glück knapp unter zehn Kilo. 9,9. Zumindest auf unserer fünfzehn Jahre alten Badezimmer-Waage. Hoffen wir einfach, die Flughafenwaage misst genauso genau. Oder ungenau. Hauptsache unter zehn Kilo.
Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.
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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.
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Hätte mir vor zehn Jahren jemand gesagt, ich würde mal einen Wanderurlaub machen, hätte ich das kategorisch ausgeschlossen und die geistige Gesundheit dieser Person angezweifelt.
Wanderurlaub war ein Wort, das für mich keinen Sinn ergab. Ein Widerspruch in sich. Ein Paradoxon, um hier mal ein Fremdwort einzuwerfen und Niveau vorzutäuschen.
Laut Wikipedia, der Göttin des Wissens, ist Wandern „eine Form des weiten Gehens über mehrere Stunden“, der Deutsche Wanderverband definiert Wandern als „Freizeitaktivität mit unterschiedlich starker körperlicher Anstrengung“. Urlaub stand dagegen für mich für Entspannung und Erholung, die du durch Nichtstun und Faulenzen erzielst.
Wandern ist aktiv, Urlaub passiv. Das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun. Überhaupt nichts. Das war nicht wie Ying und Yang oder zwei Seiten einer Medaille, etwas, das sich ergänzt, sondern schloss sich aus. Wie Feuer und Wasser, Eis und Sonne oder Käsekuchen und Rosenkohl.
Außerdem waren mir Wanderer suspekt. Für mich waren das kernige Mittsechziger mit sonnengegerbter Haut, die ins Reformhaus gehen, sich Darmflora schonend ernähren und praktische, aber hässliche Klamotten tragen. Das entsprach nicht meinem Selbstbild.
Zusätzlich gibt es per Mail ein 50-seitiges PDF mit Informationen rund um unseren Trip.
Sicherheitshinweise: „Be careful when walking near cliffs and stay clear of the edge.”
Anweisungen für akute Notfälle: „Do not panic. Someone will find you e. g. other walkers using the trial” (Quasi „Abwarten und Tee trinken.“)
Tipps bei Tier-Begegnungen. „Cattle: Calves are very curious and may run towards you. Don’t run away. If you do this, the cattle will simply follow you.” (Hoffentlich jagt die Herde einen nicht über die Klippen.)
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Die „Recommended Equipment List“ führt unter „Essentials“ wasserfeste Oberbekleidung, Funktionsunterwäsche, geeignete Socken und Schuhe, Stulpen, warme Mütze und Handschuhe (auch im Sommer) sowie einen Rucksack auf. (Damit niemand auf die Idee kommt, mit einer Aldi-Tüte zu wandern.)
Ich beschließe, als Kleidung meine Laufklamotten zu verwenden. Aus ökologischen und vor allem ökonomischen Gründen, denn die habe ich ja bereits. Was gut genug für einen Marathon ist, sollte für eine 20-Kilometer-Wanderung erst recht reichen. („Berühmte letzte Worte“)
Auf Mütze und Handschuhe verzichte ich ganz. Die trage ich sonst bis maximal fünf Grad und so kalt wird es wohl selbst im irischen Sommer nicht werden. (Weitere „Berühmte letzte Worte“)
Auf der Liste mit „Additional Suggestions“ stehen unter anderem Sonnencreme, Sonnenbrille und Sonnenhut. Das scheint mir angesichts der irischen Wetterverhältnisse etwas übervorsichtig zu sein. Oder überoptimistisch.
Sonnencreme und -hut packen wir trotzdem ein. Schließlich wollen wir nicht die ersten Irland-Besucher*innen seit 200 Jahren sein, die sich einen Sonnenbrand zuziehen.
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Mit den vielen Listen, Landkarten, Hinweisen und Wegbeschreibungen fühlen wir uns bestens vorbereitet. Da kann eigentlich nichts schief gehen. (Noch mehr „Berühmte letzte Worte“) Falls doch habe ich wenigstens eine schöne Grabinschrift.
Von Irischen Tagebüchern und Gebrauchsanweisungen
Fehlt nur noch die landeskundliche Vorbereitung auf unseren Urlaub. Mein Wissen über Irland ist nicht besonders groß. Sogar eher klein, um nicht zu sagen winzig.
Mein Irland-Bild ist hauptsächlich durch die Kerrygold-Butter-Werbung geprägt. Demnach besteht das Land aus vielen grünen Hügeln, Kühen und alten Männern mit Schiebermützen sowie rothaarigen Frauen, die in dick mit Butter beschmierte Stullen beißen. (So falsch ist dieses Bild wahrscheinlich gar nicht. Vielleicht abgesehen von den Bütterken essenden Rothaarigen.)
Ein paar irische Filme habe ich gesehen. Allerdings ist das schon länger her. The Commitments zum Beispiel. Ich erinnere mich jedoch nur noch an die Szene, in der die Band im Kreis steht und alle klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, um sich zu beglückwünschen, aber ich weiß nicht mehr zu was.
Waking Ned habe ich während meines Auslandsstudiums in England geschaut. Wobei ich mir nicht hundertprozentig sicher bin, ob der Film überhaupt in Irland spielt. Da auf dem Filmplakat grüne Hügel abgebildet sind, wird es aber wohl so sein.
Von Fish & Chips haben wir sogar die DVD. Colm Meany (aka Chief O’Brien vom Raumschiff Enterprise) kommt während der WM 1990 auf die Idee seiner Arbeitslosigkeit ein Schnippchen zu schlagen, indem er zusammen mit einem Freund einen Fish & Chips-Imbisswagen eröffnet. Auch an diesen Film habe ich nur vage Erinnerungen. Eigentlich nur, dass er zu großen Teilen in Pubs spielt und dass zum Schluss der Imbisswagen im Meer versenkt wird.
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Ich beschloss, unseren Irland-Trip literarisch vorzubereiten. Zunächst mit Irisches Tagebuch von Heinrich Böll. Während meines Zivildiensts hatte ich einiges von ihm gelesen. Ansichten eines Clowns, Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder Wanderer kommst du nach Spa. Fand ich alles ziemlich gut. Außerdem dachte ich damals, ich könnte Frauen beeindrucken, wenn ich in Unterhaltungen einfließen lasse, dass ich Böll lese. Hat aber nicht wirklich funktioniert. Was unter anderem daran lag, dass die Anzahl meiner Unterhaltungen mit Frauen sehr überschaubar war.
Fast 30 Jahre später war ich vom Irischen Tagebuch nicht ganz so angetan. Zu viele schräge Metaphern für meinen Geschmack.
„… die Sicherheitsnadel, die alte keltisch-germanische Fibel, trat wieder in ihr Recht.“ (Was hat eine Nadel mit einer Fibel zu tun und wie kann sie in ein Recht treten?)
„Ein Leuchtfeuer bellte rot-weiß dem Schiff entgegen.“ (Wie viel Whiskey musst du trinken, damit du ein Leuchtfeuer bellen hörst?)
„.. wo es den Nektar Westeuropas in großzügigen Portionen um billiges Geld gab: Tee“ (What?)
Wahrscheinlich hat sich niemand im Verlag getraut, zu Böll zu gehen und ihm zu sagen: „Du Heinrich, bei den Sprachbildern musst du noch mal ran.“
Aber wer bin ich, dass ich mich über die Wortwahl und Ausdrucksweise eines Literaturnobelpreisträgers erhebe? Wahrscheinlich bin ich im Laufe der Jahre zu abgebrüht und zynisch geworden und es mangelt mir einfach an dem notwendigen Intellekt, um die poetische Kraft der Böllschen Sprache in all ihrer Schönheit zu erfassen.
Meine Eltern sehen das anscheinend ähnlich. Sie schenkten mir Gebrauchsanweisung für Irland von Ralf Sotschek. Das bewegt sich eher auf meinem Niveau.
Durch das Buch habe ich gelernt, dass Irland sehr dünn besiedelt ist – zumindest was Menschen angeht, bei Schafen sieht das schon anders aus –, und Mitte des 19. Jahrhunderts unter einer fürchterlichen Hungersnot litt. Damals starben eine Million Menschen und zwei Millionen wanderten aus, was eine Erklärung für die dünne Besiedlung ist. Irland ist außerdem sehr katholisch – was eine noch dünnere Besiedlung verhindert. Daher stehen Iren dem Protestantismus argwöhnisch-kritisch gegenüber. England noch argwöhnischer und kritischer. (Wegen ehemaliger Kolonialmacht und allem, was damit zusammenhängt.) Abgesehen davon, sollen die Iren äußerst freundliche Menschen sein.
Selbstverständlich steht in der Irland-Gebrauchsanweisung noch viel mehr. Schließlich hat das Buch über 200 Seiten. Aber das waren die Sachen, die ich mir behalten habe und, um ehrlich zu sein, wusste ich die auch schon vorher. (Außer das mit der Hungersnot.) Aber so ist das im zunehmenden Alter. Da verändert sich nicht nur dein Stoffwechsel, sondern auch die Speicherkapazität deines Gedächtnisses nimmt ab und wird unzuverlässiger. Du musst dann auf das zugreifen, was da schon länger rumliegt.
Ach ja, dass in Irland eine ausschweifende und mitunter maßlose Pub-Kultur gepflegt wird, habe ich mir auch gemerkt. Aber das war mir ebenfalls schon vorher bekannt.
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Etwas hat mir bei Bölls Irischem Tagebuch doch gut gefallen. Die Vorbemerkung.
„Es gibt dieses Irland: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor.“
Das gleiche soll für mein Irisches Tagebuch gelten.
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Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
03. Juli 2023, Berlin
Heute ist Schmeichle-deinem-Spiegelbild-Tag. Umgekehrt würde mir der Tag erheblich besser gefallen. Wenn mir mein Spiegelbild schmeicheln müsste. Stattdessen muss ich tagein, tagaus, mir jeden Morgen im Bad einen weißbärtigen Mann anschauen, der für den älteren Bruder meines Vaters gehalten werden könnte. Und die Zähne muss ich ihm auch noch putzen. Danke für nichts, Spiegelbild.
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Der Sohn ist gestern Abend gut in Paris angekommen. Von Unruhen keine Spur. Zumindest nicht auf den Bildern, die er uns schickt.
Meine Frau und ich sind dennoch besorgt. Warum schickt der Sohn Fotos, ohne dass wir ihn vorher dazu aufgefordert haben? Das ist sehr ungewöhnlich. Ob es ihm gut geht? Vielleicht will er auch schonmal für gute Stimmung sorgen, falls sein Kursfahrt-Taschengeld nicht ausreicht und er uns später um einen kleinen Zuschuss bitten muss.
Ein Radfahrer schießt auf dem Bürgersteig an mir vorbei. Er schaut genervt, weil ich nicht mehr Platz mache, was mir schlicht unmöglich ist, da ich bereits mit einem Bein auf der Straße stehe. (Okay, ich könnte mich auch von einem Auto anstatt von ihm überfahren lassen.) Deswegen muss er minimal ausweichen, was er, wie mir seine Mimik signalisiert, nur äußerst widerwillig tut.
Ich bin kurz davor ihm hinterher zu rufen. „Geht das vielleicht auch ein wenig langsamer, junger Mann?“ Dann hat sich mein innerer Rentner wieder beruhigt und ich gehe wortlos weiter.
200 Meter später schnippt ein Mann seine Kippe knapp an mir vorbei an den Straßenrand. Ich schaue ihn irritiert an, er schaut maximal unirritiert zurück.
An der nächsten Ecke fährt eine ältere Dame auf einem E-Rolli mit beachtlichem Tempo um die Kurve und mich fast über den Haufen. Mit einem beherzten Sprung zur Seite bringe ich mich gerade noch in Sicherheit. Die Frau stört sich nicht weiter daran und rast kommentarlos von dannen.
Ich bin mir nicht sicher, ob diese Erlebnisse anekdotische Evidenz für die zunehmende Rücksichtslosigkeit und Verrohung der Gesellschaft sind. Vielleicht bin ich einfach nur unsichtbar geworden und die Menschen sehen mich schlicht nicht. Das wäre ganz schön, denn dann könnte ich dem nächsten Doofie unbemerkt eine Nackenschelle verpassen.
08. Juli 2023, Berlin
0.30 Uhr. Der Sohn ist zurück aus Paris. Heute früh saß er mit seinem Kurs pünktlich im TGV, doch der fuhr zwei Stunden lang nicht los. Dadurch verpassten sie ihren Anschlusszug in Karlsruhe um fünf Minuten. Warum der nicht warten konnte, blieb unklar. Möglicherweise haben die Passagier*innen darauf bestanden, weil sie kein Bock auf eine fünfstündige Fahrt mit einer 30-köpfigen Gruppe von Jugendlichen hatten.
Somit mussten sie einen anderen Zug nehmen, der eine Stunde später als geplant startete. Dank eines Böschungsbrandes auf der Strecke sowie eines Bundespolizei-Einsatzes in ihrem Zug verlängerte sich die Fahrzeit zusätzlich und sie kamen mit rund drei Stunden Verspätung am Berliner Hauptbahnhof an.
Trotz der späten Stunde erklärt sich der Sohn bereit, die Kursfahrt in knappen Worten für uns zusammenzufassen. Paris sei voll schön („Ganz viele alte Gebäude, alles in hellem Stein und die Straßen sind super breit.“), aber auch voll teuer. („8 Euro für ein kleines Baguette, von dem du nicht einmal satt wirst. Die spinnen doch.“)
Alle hätten sich gut verstanden, es hätte keinen Streit gegeben und sie hätten viel Spaß gehabt. Von Unruhen hätten sie nichts mitbekommen, aber es wäre ziemlich viel Polizei unterwegs gewesen.
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Das erhöhte Polizeiaufkommen wurde einem seiner Zimmernachbarn zum Verhängnis. Der meinte, am frühen Abend mit einem stattlichen Joint im Mund an einer Gruppe Polizisten vorbei gehen zu müssen. Warum er das für eine gute Idee hielt, blieb sein Geheimnis. Während ihn die ersten drei Polizisten nur befremdet anschauten, hielt ihn der vierte Kollege schließlich an.
Bei der unvermeidlich folgenden Leibesvisitation kam eine Menge an Gras zum Vorschein, die selbst mit sehr viel Wohlwollen nicht mehr als Eigenbedarf interpretiert werden konnte. (Wobei das natürlich eine subjektive Einschätzung ist und stark vom Ausmaß deines Haschkonsums abhängt. Wenn du beispielsweise Kette kiffst, können auch 12 Gramm durchaus als Eigenbedarf gelten.)
Der Sohn und zwei weitere Freunde erschienen den Polizisten verdächtig genug, um sie ebenfalls zu filzen. Da sie alle clean waren, blieb die Durchsuchung für sie folgenlos.
Eine ihrer Mitschülerinnen hielt die Szene von der anderen Straßenseite fotografisch fest, so dass nun ein Bild des Sohns existiert, wie er in Paris an einer Hauswand steht und von einem französischen Polizisten mit umgehängter Maschinenpistole abgetastet wird. Eine spätere Karriere als Bundeskanzler könnte damit schwierig werden.
Im Nachhinein ist diese Geschichte zwar recht amüsant. Aber es führt einem auch vor Augen, wie unterschiedlich der Kontakt mit der Polizei abläuft, wenn du ein weißer Jugendlicher aus Deutschland bist oder ein junger Mensch mit Migrationsgeschichte, der in einer der französischen Vorstädte lebt.
Für den kiffenden Mitschüler blieb die Geschichte nicht ohne Konsequenz. Gerade als er sich mit den Polizisten darauf geeinigt hatte, die Angelegenheit auf dem ganz kleinen Dienstweg beizulegen, indem er das Gras auf den Bürgersteig wirft und zertritt, meldete sich die Lehrerin, die vorher kontaktiert worden war.
Somit konnte der Vorfall nicht unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit in Vergessenheit geraten, sondern wurde doch aktenkundig. Nicht bei der Pariser Polizei. Deren Interesse an einer strafrechtlichen Verfolgung eines Berliner Jugendlichen mit ein paar Gramm Haschisch zu viel liegt weit unter Normalnull. Aber dafür bei der Schule.
Der Schüler musste am nächsten Morgen nicht nur die Heimreise antreten, sondern auch den Rest der Woche zur Schule gehen und obendrein ein wenig angenehmes Gespräch mit dem Schulleiter führen. Am Ende der Ferien entscheidet die Schulkonferenz dann noch über etwaige disziplinarische Maßnahmen.
Seine Eltern waren von der Aktion ebenfalls wenig angetan. Sie strichen ihm den Spanienurlaub mit seinen Kumpels, für den er bereits bezahlt hat. Ich denke nicht, dass er in naher Zukunft sein I love Paris-Shirt tragen wird.
09. Juli 2023, Berlin
Eine junge Frau läuft an unserem Haus vorbei. Sie ist Anfang 30, hat Kopfhörer in den Ohren und wirkt unauffällig. Abgesehen davon, dass sie ziemlich laut singt.
Als sie an zwei Männern vorbeiläuft, schaltet sie allerdings in den Nicht-mehr ganz-so-unauffällig-Modus und beschimpft die beiden lautstark. Was sie genau sagt, verstehe ich nicht. Nur dass mehrmals das Wort „hässlich“ fällt. Dann geht sie weiter, als sei nichts geschehen.
Eine ihr entgegenkommende ältere Dame weicht mit besorgter Miene aus. „Sie müssen keine Angst vor mir haben“, beschwichtigt sie die Frau. „Ich bin nicht verrückt, ich spüre nur manchmal die Aura von anderen Menschen.“
Mir liegt es wirklich fern, unsensibel zu sein und jemanden als verrückt zu bezeichnen. Aber auf der Straße laut singen, andere Menschen grundlos anschreien und Auren spüren, gelten im sozialen Miteinander gemeinhin nicht als normale Verhaltensweisen. Selbst in Berlin nicht.
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Die Wochenschau verabschiedet sich mit diesem Beitrag in die Sommerpause, kommt Mitte August zurück und wünscht allen eine schöne Ferienzeit.
Damit die Wartezeit aber nicht zu lange wird, gibt es ab nächstem Mittwoch die „Irischen Tagebücher“ über unseren kürzlichen Wanderurlaub.
Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.
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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets und -Tröts der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.
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Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
26. Juni 2023, Berlin
Die Tochter hat ihre Note für das erste Studienjahr erfahren. Beziehungsweise ihre Prozente. Die gibt es an irischen Universitäten anstatt Noten. Sie hat 68 Prozent. Das klingt nicht nach wahnsinnig viel, aber es gibt quasi nie mehr als 70 Prozent. Von daher sind ihre 68 Prozent ziemlich gut. Insbesondere weil sie das mit relativ überschaubarem Aufwand erreicht hat, ohne die sozialen Aspekte des First-Year-Student-Lebens zu vernachlässigen.
Etwas Angst hatte sie vor der Bewertung einer Geschichtsklausur. Die hatte sie leicht fiebrig und mit Halsschmerzen geschrieben. Sie wollte sich kein Attest besorgen und dann im August nachschreiben müssen. Ihre Sorge war allerdings unbegründet. Auch in dieser Arbeit hat sie 68 Prozent bekommen.
Ob das für die Leistung der Tochter oder gegen die Bewertungsmaßstäbe der Uni spricht, vermag ich nicht zu sagen. Ich vermute allerdings letzteres. Ihre Freundin kam auf 58 Prozent, obwohl sie in der gesamten Klausur auf die Verwendung von Jahreszahlen verzichtet hatte, weil sie sich nicht so richtig an sie erinnern konnte. Eine kreative Auslegung des Konzepts „Mut zur Lücke“.
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