Cassis 2022 – Tag 04 (12.07.): In der Ferne zirpen die Zikaden. Und in der Nähe. Und einfach überall. (Teil 2)

Teil 1


Meine Frau und ich gehen runter in den Ort zu unserer Stammbäckerei. Wir waren erst zweimal dort, aber werden in diesem Urlaub sicherlich zu keinem anderen Bäcker mehr gehen. In unserer Stammbäckerei – ja, ich bleibe bei der Formulierung – kennen wir die Regeln der sozialen Interaktion, die Gepflogenheiten, die Abläufe. Okay, bei anderen Bäckern ist das wahrscheinlich identisch: Du gehst rein, stellst dich an, wenn du an der Reihe bist, sagst du, was du haben möchtest, bezahlst und verlässt den Laden.

Trotzdem gibt es Sicherheit – insbesondere im Urlaub in einem Land, in dem du die Sprache nicht beherrschst –, wenn es Routinen gibt, du eine gewohnte Umgebung hast und vertraute Gesichter siehst. Gut, die ältere Verkäuferin schaut immer etwas grimmig. Trotzdem ist sie ein vertrautes Gesicht. Bei ihr weiß ich, dass sie mir nichts tut. Keine Ahnung, wie das in anderen Bäckereien ist. Wenn du da nicht schnell genug bestellst und bezahlst, wirst du vielleicht vom Verkaufspersonal attackiert . Oder in der „Boulangerie Lion“ sogar von dem backenden Löwen.

Heute früh müssen wir allerdings feststellen, dass in unserer Stammbäckerei die Croissants, die wir so liebgewonnen haben, aus sind. Ich verstehe nicht, was die jüngere Verkäuferin zu der Kundin sagt, die an der Reihe ist. Situativ erschließe ich mir aber, dass es wohl gleich Nachschub gibt. Meine Frau und ich verlassen die Bäckerei, um in ein paar Minuten noch einmal unser Croissant-Glück zu versuchen.

Wir schlendern zum Hafen. Dort reihen sich Lokale, Restaurants und Cafés aneinander. Mit Blick aufs Wasser und auf Ausflugs-, Segel- und kleinere Fischerboote kannst du hier zu recht strammen Preisen zu Mittag und zu noch strammeren Preisen zu Abend essen.

Apropos stramm: Obwohl es erst kurz nach 11 ist, führen sich nicht wenige Urlaubende schon ein Fläschchen Weißwein zu Gemüte. In der prallen Sonne bei 30 Grad. Einerseits sieht das durchaus reizvoll aus. Der Wein ist eisgekühlt und das Kondenswasser läuft die Gläser hinunter. Am liebsten würde ich die ablecken. Andererseits reicht bei dieser Hitze – und meinem leeren Magen – ein Schluck Alkohol und ich hätte einen im T. Aber das ist wahrscheinlich gar nicht so schlecht, wenn du nach dem Essen die Rechnung bekommst.

Ich bin ohnehin kein riesengroßer Fan der französischen Küche. (Zu viele Innereien und zu viele Tiere, die ich nicht essen möchte.) Das wirft natürlich berechtigterweise die Frage auf, warum ich überhaupt in Frankreich Urlaub mache, aber das ist ein anderes Thema. (Vor allem, weil jedes Jahr nach Italien fahren langweilig ist und Indien zu weit weg ist.) Auf jeden Fall bin ich nicht in Versuchung gebracht, unsere Urlaubskasse mit 20 Euro für eine Portion Moules Frites zu belasten. Und mit sieben Euro oder mehr für ein Glas Weißwein.

Da reizt mich eher das Frühstück in einem der kleinen Hafenbistros. Das wird auf einer dreistöckigen Etagere mit Käse- und Wurstaufschnitt, Marmelade, Nuss-Nougat-Creme, Crossaints und Baguettes sowie Obstsalat (französische Variante) oder gebratenem Schinken und Rührei (amerikanische Version) serviert. Dazu gibt es Orangensaft und ein Kaffeegetränk.

Dreizehn Euro kostet das Ganze. Für ein Frühstück nicht gerade geschenkt. Aber der sich nie irrende Volksmund weiß ja, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages ist und du morgens wie ein Kaiser speisen sollst. Für ein kaiserliches Mahl sind dreizehn Euro ziemlich wenig.

Die Urlaubskasse ist von dieser Logik nicht uneingeschränkt überzeugt. Nicht zu Unrecht. Der Rest der Familie möchte mir sicherlich nicht beim Frühstücken zuschauen, sondern selbst etwas essen. Dann liegst du schon bei über 50 Euro.

Meine Frau und ich gehen zurück zu unserem Stammbäcker. Wir holen zwei Baguettes und drei Croissants. Dafür müssen wir nur 5,30 Euro zahlen. 1,10 Euro für ein Croissant ist auch nicht übermäßig günstig. Aber wenn der Kaiser zum Frühstück Croissants essen will, bekommt er Croissants. Koste es, was es wolle.

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Ich war in meinem Leben an mehr als 30 Stränden, verteilt auf zehn Länder und drei Kontinente. Anthropologisch und soziologisch gesehen, ist es nicht wahnsinnig originell, wenn ich schreibe, dass sich je nach Land und Kulturkreis die Sitten, Gebräuche, Verhaltensweisen und Umgangsformen an Stränden stark voneinander unterscheiden.

Das trifft aber nicht auf Familien zu. Länder-, kultur und religionsübergreifend verhalten sich Eltern und Kinder an allen Stränden vollkommen identisch. Immer. Ohne Ausnahme. Da gibt es keinerlei Varianz und Abweichungen. Das gilt auch für unseren Stamm-Strand in Cassis. Hier ein paar Beispiele:

  • Eltern gehen überall ausschließlich sehr, sehr langsam und sehr, sehr bedächtig ins Wasser. Schritt für Schritt und zusammenzuckend sobald eine winzige Welle an ihnen hochschwappt. Dabei benetzen sie sich vorsichtig die Unter- und dann die Oberarme. Damit wollen sie vermeiden, durch zu schnellen Kontakt zum kalten Wasser einen Herzstillstand zu erleiden. Kinder müssen dagegen immer und ausnahmslos ins Meer rennen und maximal planschen und Wasser verspritzen. Das ist durch einen genetischen Code festgelegt. An allen Stränden rund um den Globus ermahnen Eltern ihre Kinder dann in scharfem Ton, sie sollen unverzüglich die Spritzerei unterlassen. Sie drohen mit Enterbung oder gar Eisverbot, was für die Kinder wesentlich schlimmer ist.
    (Bei generationsübergreifenden Konflikten in der Familie rund um den angemessenen Einstieg ins Meer stößt das Konzept „Erziehen ohne Strafen”  an seine Grenzen.)
  • Kinder wollen nie das Wasser verlassen. Nirgendwo, an keinem Strand weltweit. Ihre Lippen sind blau, die Finger- und Zehennägel weiß und ihr Zähneklappern hat mehr beats per minute als ein Scooter-Song. Trotzdem sind sie unter keinen Umständen bereit, aus dem Wasser zu gehen und sich kurz auf dem Badetuch aufzuwärmen. Eltern auf der ganzen Welt stehen dann vor ihren Kindern fordern auf, bitten, flehen, bestechen mit Süßigkeiten, schimpfen und zetern. Irgendwann wird es ihnen zu bunt, sie klemmen sich ihr schreiendes Kind unter den Arm und schleppen es zum Liegeplatz.
    (Eine Verhalten, das im ersten Moment grob und gewaltvoll wirkt, aber trotzdem mit bedürfnisorientierter Erziehung vereinbar ist: Das Bedürfnis der Eltern, ihr Kind soll nicht im Wasser erfrieren, hat in der Situation Vorrang gegenüber dem Bedürfnis des Kindes, nie wieder das Meer verlassen zu wollen.) (Für mehr unfundierte Erziehungsratschläge kaufen sie bitte meine Bücher.)
  • Alle Kinder auf allen Kontinenten hassen es, eingecremt zu werden. Sobald Eltern auch nur andeuten, eine Flasche Sonnencreme aus der Badetasche zu holen, beginnt unverzüglich das kindliche Gemaule und Protestieren. Wagen es Eltern tatsächlich, mit dem Eincremen zu beginnen, verwandeln sich Kinder in tollwütige Kraken, die mit allen zur Verfügung stehenden Extremitäten versuchen, sich nicht festhalten zu lassen und den Kontakt zur Sonnencreme zu vermeiden. Dabei gilt die Regel: Je kleiner das Kind, desto tollwütiger und krakiger.
    (Ich habe Babys gesehen, die ihre hünenhaften Väter zur Strecke gebracht haben, als diese versuchten, eine stecknadelkopfgroße Menge Sonnencreme zu applizieren.)
  • Kinder sind an keinem Strand der Welt in der Lage, Lebensmittel festzuhalten. Wird ihnen etwas Ess- oder Trinkbares gereicht, liegt es sofort auf dem Boden. Ein Eis, zack, unten. Ein Obstschnitzen, flutsch, unten. Ein Trinkbäckchen, platsch, unten. Ein Sandwich, plumms, unten. Nirgendwo reagieren Kinder dann mit Verständnis, wenn ihre Eltern ihnen untersagen, den angelutschten Keks, der über den halben Strand gekullert ist, noch zu essen.

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Der Kniffel-Abend bringt eine Veränderung auf dem Leader-Board. Mit einem Kniffel und 301 Punkten gewinne ich das dritte Mal hintereinander und übernehme die Gesamtführung. Außer mir scheint das niemanden so richtig zu freuen, ja, nicht einmal zu interessieren. Gewiss möchte ich hier nicht den verkrusteten patriarchalen Familienstrukturen der 50er/60er das Wort reden, aber ein wenig mehr Respekt gegenüber dem Herrn Vater wäre schon schön.

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Mond über Cassis

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Cassis 2022 – Tag 01 (09.07.): Sightseeing in Marseilles. Oder: So weit die Füße tragen.

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„Wollen Sie noch Frühstück dazu nehmen?“

Das hatte mich gestern Abend der Portier beim Einchecken gefragt. Wollte ich eigentlich nicht. Deswegen hatte ich das ursprünglich nicht mitgebucht. Weil ich dachte, das bekommen wir in einem Café bestimmt günstiger und das freut die Urlaubskasse.

„Kostet nur zehn Euro pro Person“, schob der Portier als Argument für das Frühstück hinterher. Also willigte ich ein. Schließlich wollte ich weder vor ihm noch vor dem Rest der Familie wie ein knauseriger Pfennigfuchser dastehen und das muss dann auch die Urlaubskasse verstehen.

Nun stehen wir im Essensraum und verschaffen uns einen Überblick. Die Tische stehen eng an eng. So können beim Frühstück möglichst viele Gäste gleichzeitig abgefrühstückt werden. (Wortspiele wie dieses sind der Grund, warum die Beiträge hier kostenlos sind.)

Das Buffet ist nicht übermäßig lang, aber reichlich bestückt. Mit Baguettes, Croissants, Brioches, Cornflakes, Müsli, Käse- und Wurstaufschnitt, verschiedenen Marmeladen, Honig, Karamell- und Schoko-Cremes, mehreren Joghurtsorten, Bechern mit geschnittenem Obst und diversen Kaffeespezialitäten aus dem Vollautomaten sowie A- und O-Saft. Auf einem Extratisch in der Ecke stehen etwas verschämt auch noch Rührei, gebratener Schinken und Würstchen.

Bei dieser Auswahl können wir uns die zehn Euro locker zurückholen. Zumindest in der Theorie. In der Praxis scheitert dieses Vorhaben bei mir kläglich. Direkt neben uns sitzen drei Männer und weil unsere Tische so dicht beieinanderstehen, muss ich ihnen beim Aufstehen entweder meinen Hintern oder meinen Penis ins Gesicht drücken. Da ich ihnen nicht das Frühstück und den restlichen Tag vermiesen möchte, hole ich mir lediglich einmal etwas am Buffet nach.

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Cassis 2022 – Tag 01 (09.07.): Sightseeing in Marseilles. Oder: So weit die Füße tragen. (Teil 2)

Teil 1


In der Stadt gibt es relativ wenige Shops von internationalen Marken oder Modeketten, sondern viele lokale und französische Geschäfte. Finde ich ganz gut, wenn Innenstädte nicht überall gleich aussehen. So einheitlich und genormt. Sonst müsste ich nicht nach Frankreich fahren, sondern könnte auch durch Wanne-Eickel, Bitterfeld oder Bromskirchen flanieren.

Bei einigen Geschäften kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob dort Parfüms und Seifen oder erlesene Pralinen und exquisites Gebäck verkauft werden. Oder beides. Hauptsache es schmeckt.

Ich möchte mit den Brioches Brüdern befreundet sein.

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Zum Abschluss und nicht zur uneingeschränkten Begeisterung des Sohns laufen wir zu einer weiteren Kirche, zur Cathédrale de la Major. Er verzichtet darauf, mit uns reinzugehen, sondern besichtigt in seinem Smartphone lieber die neuesten TikTok-Videos und Instagram-Storys.

Als wir die Kathedrale wieder verlassen, rutscht gerade eine ältere, leicht dickliche Italienerin am Ende der Treppe aus und sitzt nun auf ihrem Allerwertesten. Zum Glück ist ihr nichts Schlimmes passiert. Ihre größte Pein ist die Verwandtschaft, die in heller Aufregung, wild schnatternd um sie herumsteht und ihr aufhelfen will. Der Frau missfällt das um sie gemachte Aufheben und sie reagiert auf die Hilfsangebote recht unwirsch. Sie will in Ruhe gelassen werden und allein aufstehen. Vielleicht will sie auch in Ruhe gelassen werden und sitzen bleiben. Ist ja schließlich Urlaub.

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Gegen 16 Uhr fahren wir mit dem Regionalzug nach Cassis. Vom Bahnhof zu unserer Ferienwohnung ist es ein kleiner Fußmarsch. Aber nur gut 1.000 Meter. Also, alles im Rahmen des Machbaren. Selbst mit schwerem Rucksack und großen Koffern.

Dachten wir zumindest. Als meine Frau Google Maps für die Route konsultiert, wird die Entfernung plötzlich mit 2.500 Metern angegeben. Obwohl der Sohn im Laufe des Tages bereits tausende von Schritten durch Marseille gegangen ist und 2.500 Meter das monatliche Bewegungspensums eines Teenagers ist, hat er seine Gesichtszüge unter Kontrolle und nimmt die Nachricht regungslos entgegen. Oder bei den Worten „2.500 Meter“ ist irgendetwas in ihm gestorben und ihm fehlt der Lebenswillen, sein Gesicht zu verziehen.

Es stellt sich schnell heraus, dass nicht nur die zweieinhalb Kilometer Wegstrecke problematisch sind. Auch die Rahmenbedingungen sind alles andere als optimal. Es gibt größtenteils keine geteerten Bürgersteige und wir müssen unsere Koffer über staubige Stein- und Sandwege hinter uns herziehen. Um präzise zu sein, müssen meine Frau und der Sohn das tun. Ich dagegen trage unseren schweren Trekkingrucksack auf dem Rücken und einen weiteren vollgestopften kleineren Rucksack seitlich auf der Schulter. So wie sich meine Frau und der Sohn mit den Koffern abmühen, habe ich den Eindruck, trotzdem das bessere Los gezogen zu haben. In der Situation halte ich es aber nicht für hilfreich, ihnen dies mitzuteilen. Vor allem weil die beiden der Ansicht sind, dass ich mich am meisten abmühen muss.

Ab und an gibt es gar keinen Fußgängerweg, sondern nur einen kleinen abgesetzten Streifen an der Straße. Das hat den Vorteil, dass der Boden geteert ist, aber den Nachteil, dass die Autos recht nah an dir vorbeifahren.

Die Temperatur liegt bei über 30 Grad und es gibt nicht übermäßig viele Bäume, die Schatten spenden. Mit jedem Schritt werden die Koffer und Rucksäcke schwerer, die Rücken- und Armmuskulatur wird schwächer und die gute Laune und Urlaubsfreude machen sich irgendwo zwischen Kilometer 1 und 1,5 klammheimlich aus dem Staub.

Nach knapp 30 Minuten kommt es beinahe zu einem ehelichen Eklat. Meine Frau erklärt, die Tochter, die erst heute Abend nachkommt, könne diesen Weg unmöglich allein gehen. Am besten solle sie sich in Marseille ein Taxi nehmen. Nun ist Marseille mehr als 30 Kilometer von Cassis entfernt, was diesen Vorschlag in meinen Augen ein wenig abwegig erscheinen lässt. Dennoch möchte ich rückblickend zugeben, dass meine Reaktion nicht zu Unrecht als wenig konstruktiv und lösungsorientiert aufgefasst werden könnte.

„MIT DEM TAXI? VON MARSEILLE?“, frage ich. Die Lautstärke meiner Fragen entspricht nicht gänzlich den sozial akzeptierten Konversationsnormen. Dabei habe ich meine Gesichtszüge weit weniger gut unter Kontrolle als der Sohn eben am Bahnhof.

Meine Frau würdigt meine Fragen, die ohnehin mehr rhetorischer und noch mehr provokativer Natur waren, nicht mit einer Antwort. Sie erklärt, wir sollten schon mal vorgehen, sie benötige etwas Abstand. Und wahrscheinlich etwas Zeit, um zu recherchieren, was ein Taxi von Marseille nach Cassis kostet.

Nach fast 40 Minuten Fußmarsch finden wir den Ferienwohnungskomplex und nach weiteren fünf Minuten den Eingang zu unserem Appartement.

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Später schreibe ich der Tochter, sie solle sich am Bahnhof in Cassis ein Taxi nehmen. Ein schöner Kompromiss, wie ich finde. Friedensstiftend und geldsparend. Die Tochter fährt Taxi, aber keine 30 Kilometer. Falls sie keines mehr bekäme, solle sie mir Bescheid geben, schreibe ich weiter. Dann würde ich sie abholen und ihr mit dem Koffer helfen.

Als die Tochter die Nachricht liest, ist sie fast schon den kompletten Weg zur Ferienwohnung gelaufen und ich muss ihr nur noch knapp 200 Meter entgegengehen. Sie ist zwar etwas rot im Gesicht, aber dennoch frohgemut. Scheinbar hat sie unterwegs unsere gute Laune und Urlaubsfreude wiedergefunden und mitgebracht.

Cassis bei Abendrot

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Auch ausgedehnte Sightseeing-Spaziergänge, beschwerliche Wege vom Bahnhof und der Anflug von Zwietracht entbinden die Familie nicht, am ersten Urlaubstag das traditionelle Urlaubskniffel-Turnier zu starten. Der Sohn ist dieses Jahr Pokalverteidiger. Und wenn ich Pokal schreibe, meine ich auch Pokal. Im ersten Corona-Lockdown hatte ich in einem Anflug von Lagerkoller einen Champions-League-würdige Trophäe gekauft – nur von der Größe Champions-League-würdig, nicht vom Materialwert -, in deren Sockel seitdem die Gewinner*innen unserer Kniffel-Wettbewerbe graviert werden.

Neben der Verewigung auf dem Pokal geht es um ein Spaghetti-Eis aus der Waffel von der Eisdiele bei uns um die Ecke. Die Zweit- bis Viertplatzierten dürfen sich eine einzige Kugel Eis aussuchen. Das ist noch demütigender als gar kein Eis zu bekommen.

Der Sohn gewinnt das erste Spiel des Urlaubs, aber alle liegen noch nah beieinander. Da ist noch nichts passiert und alles offen.


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Cassis 2022 – Anreise (08.07.): Nur Amateure erreichen ihre Anschlusszüge sofort

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Kurz nach fünf. Wir werden aus dem Schlaf gerissen. Nicht vom Wecker, denn unser Zug fährt erst um urlaubsfreundliche 9.30 Uhr los. Sondern von einem Tauberich, der ebenso lautstark wie penetrant um Aufmerksamkeit gurrt. Ich wünschte, Taubenmännchen könnten Porsche fahren. Dann müssten sie nicht in aller Herrgottsfrühe rumblöken, um zu zeigen, was für tolle und horny Typen sie sind.

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Meine Frau und ich nutzen die gewonnene Zeit produktiv. Wir schmieren Sandwiches. Eine Menge Sandwiches. Schließlich sitzen wir heute gut zwölf Stunden im Zug und Teil unserer Reisegruppe ist ein dauerhungriger Teenager. (Sowie zwei Eltern, die auf Zugreisen das Fressverhalten ausgehungerter Pumas an den Tag legen.) Daher habe ich gestern zwei Laibe Toastbrot sowie Belag für vier Laibe gekauft. Dazu noch belgische Waffeln, Kekse, Chips, Nic-Nacs, Joghurt-Gums und Kaugummis. Heißt ja nicht umsonst, dass Zugluft hungrig macht.

Bevor wir aufbrechen, bringe ich den Müll runter. Vor ein paar Jahren hatten wir das mal vergessen. In unserer Abwesenheit entstand im Mülleimer eine neue Lebensform, die bei unserer Rückkehr kurz davor war, sich in der Küche auszubreiten und anschließend die gesamte Wohnung zu übernehmen.

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Cassis 2022 – Vorbereitung 2 (07.07.): Auch Nicht-Nicht-Stammfriseurinnen können gut Haare schneiden

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„Hallo, haben Sie einen Termin?“, begrüßt mich die Frau im Friseurgeschäft. Sie ist jung, mittelgroß, aufwändig geschminkt, hat mittellanges Haar und ich habe ein Problem. Also, nicht weil sie jung, mittelgroß und aufwändig geschminkt ist und mittellanges Haar hat, sondern weil ich nicht weiß, ob sie meine Stammfriseurin ist.

Hört sich komisch an und ist es auch. Meine Stammfriseurin ist nämlich gar nicht meine Stammfriseurin, sondern die meiner Frau. Vor ungefähr sieben Monaten, kurz vor Weihnachten, habe ich mir von Ayşe – so hieße die Stammfriseurin meiner Frau, wenn ich mir den Namen nicht ausgedacht hätte – die Haare schneiden lassen. Weil ich sehr zufrieden war, habe ich seitdem immer Termine bei ihr gebucht. Allerdings war sie nie da und stattdessen hat sich dann eine ihrer Kolleginnen um meine Haare gekümmert.

Weil ich im Urlaub in Cassis nicht rumlaufen möchte, als trüge ich eine Mütze aus räudigem Yak-Fell, habe ich gestern übers Internet einen Termin bei Ayşe ausgemacht. Nun stehe ich hier und weiß ich nicht, ob die Frau, die mich gerade so freundlich begrüßt hat, meine Stammfriseurin beziehungsweise meine Möchtegern-Stammfriseurin ist.

Das ist natürlich peinlich und wirft kein gutes Licht auf mich. Aber ich war ja auch nur einmal bei Ayşe und das ist, wie gesagt, schon sieben Monate her. Außerdem sehen sich die Friseurinnen hier alle recht ähnlich – jung, mittelgroß, aufwändig geschminkt, mittellanges Haar. Da kann es schon mal passieren, dass du nicht weißt, wer dir gerade gegenübersteht. Zumindest, wenn du ein Trottel bist.

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Föhr 2018 – Nachschlag 2: “Mord in Strandkorb 27. Alle sind föhrdächtig”

Wenn Sie meinen gestrigen Beitrag gelesen haben, wissen Sie, dass ich auf der Suche nach einer Geldquelle bin, um dauerhaft mit der kompletten Familie als Privatier nach Föhr umzusiedeln und eine luxuriöse Wohnung mit Meerblick zu beziehen. Optionen wie Kurkapellen-Roadie, Föhrer Bettelmusikant, Alpaka-Farmer und sonntäglicher Campingwecken-Monopolist scheiden leider aus. Daher ist meine beste Möglichkeit, zu viel Geld zu kommen, einen Bestseller-Roman zu schreiben. (Allenfalls beim Lottospielen habe ich eine noch höhere Chance, reich zu werden.)

Da die Nische des Föhr-Krimis noch nahezu unbesetzt ist, habe ich genau dafür eine Ideenskizze entwickelt, die ich nun an die renommiertesten deutschen Verlage schicken werde, damit diese sich an einer Ersteigerung der Druckrechte beteiligen können. (Es wäre ja unfair, gäbe ich nur einem Verlag die Möglichkeit, den neuen, erfolgreicheren Sebastian Fitzek zu entdecken.)

Den treuen Leserinnen und Lesern des Familienbetriebs und insbesondere des Föhr-Urlaubsblogs gewähre ich gerne eine exklusive Sneak-Preview in den Roman. Viel Spaß beim Lesen!

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Föhr 2018 – Heimreise: Der Mann vom Strandkorb nebenan. Oder: Die Hölle, das sind die anderen

Heute ist Abreisetag und ich warte beim Bäcker in der Schlange. Plötzlich höre ich, wie jemand unüberhörbar und sehr ausführlich über die Konsistenz des Föhrer Landbrotes – einem der Verkaufsschlager hier im Laden –, über traditionelle Backverfahren sowie über die heutigen Backfabriken doziert. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Charly ist, der da so laut redet. (Anm. der Redaktion: Alle Namen sind geändert.)

Wir sind Charly das erste Mal vor sechs Tagen begegnet. Oder besser gesagt er begegnete uns. Die Frau und ich saßen im Strandkorb, die Kinder spielten im Wasser, wir genossen die Sonne, dösten ein wenig und lasen so vor uns hin. Bis auf einmal eine laute Männerstimme ertönte. Anscheinend von einem Bekannten des Paares im Strandkorb neben uns. (Genau, da wo anfangs der Beinversehrte residierte.) Sie eine brünette, schlanke Frau von Mitte 40, die einen ganz sympathischen Eindruck machte, er etwas älter, schwarze Haare, nicht mehr ganz rank, eher etwas muffelig und mit der Angewohnheit, laut geschäftliche Telefonate am Strand zu führen. Dazu zwei reizende Töchter im Alter von circa zehn und zwölf, die so wohlerzogen waren, dass zu erwarten ist, dass sie in fünf, sechs Jahren so richtig durchdrehen, mit Drogen und Alkohol experimentieren und sich die Zungen piercen und die Fingerknöchel tätowieren lassen.

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Föhr 2018 – Tag 20: Aus und föhrbei

Es ist halb neun und ich warte schon seit rund 90 Minuten vor dem Bäcker auf meinen Vater. Er scheint nicht zu kommen. Meine Anrufe und SMS-Nachrichten beantwortet er auch nicht. Das ist aber kein Grund zur Sorge, da er sein Handy immer auf lautlos gestellt oder ganz ausgeschaltet hat.

Betrübt betrete ich die Bäckerei, wohlwissend dass es auch heute nichts wird mit dem ersehnten und –wie ich betonen möchte – verdienten kostenlosen Kinderbrötchen. Dass passt irgendwie zu unserem letzten Urlaubstag, der durch Regen, Schwermut und Trübsal gekennzeichnet ist. Heute enden unsere drei Wochen auf Föhr und damit ein großartiger Urlaub. (Lediglich mit leichten Abstrichen wegen der inakzeptablen Gratis-Brötchen-Situation und wegen der künstlichen Camping-Wecken-Verknappung an Sonntagen.) Ab morgen Nachmittag dann wieder Berlin, ab Montag dann wieder arbeiten. Keine schönen Aussichten. Als ich meine Brötchen bezahlt habe und – natürlich ohne Kinderbrötchen – den Laden verlasse, übergibt sich gerade ein kleiner Junge in den Brunnen an der Mittelbrücke. Ich würde das jetzt auch gerne machen.

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Föhr 2018 – Tag 19: Da kann man nicht meckern

„Jetzt streng dich gefälligst mal an, wir sind hier doch nicht bei der Fit-in-den-Morgen-Strandgymnastik für gichtige Greise!“ Es ist halb neun, ich hänge an der bekannten Reckstange und Beach Body treibt mich auf seine ebenfalls bekannte Art, für die ihn Eiskunstlaufmütter in Chemnitz beneiden, an, Klimmzüge zu machen. Es ist heute Morgen ziemlich windig und ich wäre froh, wenn es mich nicht von der Stange weht.

Trotzdem protestiere ich schweratmig: „Das ist aber ein unfairer Vergleich.“

„Sorry, mein Fehler“, antwortet Beach entschuldigend. „Die Omis und Opis, die da am Strand rumhupfen, sind wenigstens motiviert.“

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Föhr 2018 – Tag 18: Für eine Handvoll Schafköttel

Es ist kurz nach acht und ich stehe beim Bäcker an. Da die Frau und die Tochter heute ein paar Wellness-Behandlungen gebucht haben, musste ich gestern Abend Beach Body in einer längeren Diskussion davon überzeugen, dass wir erst nach dem Frühstück laufen gehen. Begeistert war er zwar nicht („Und was genau spricht dagegen, dass wir die Trainingseinheit nicht einfach um vier beginnen?“), willigte aber schließlich ein.

In der Schlange vor mir steht ein Paar mit ihrer kleinen Tochter. Die Mutter ist ungefähr Anfang 30, schlank mit seidig glänzendem schulterlangem Haar, der Vater im gleichen Alter, sportliche Statur mit kurzem modischen Haarschnitt und die Tochter von circa drei bis vier Jahren wäre mit ihren blonden Löckchen die Idealbesetzung als Engel in allen Krippenspielen weltweit. Die gesamte Familie wirkt, als wäre sie einem Werbefilm entsprungen, und ich habe das Bedürfnis, das gleiche Auto wie sie zu fahren, die gleiche Butter auf mein Brot zu schmieren, meine Wäsche mit dem gleichen Waschmittel zu waschen, die gleiche Limonade zu trinken und den gleichen Schokoriegel zu essen, einfach um so zu sein wie sie.

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