¡Hola España! – Tag 06 (13.09.): Mein Name ist nicht Bond (Teil 2)

Teil 1


Links von uns liegt eine vierköpfige Familie aus England. (Dies weiß ich mit hundertprozentiger Sicherheit, denn sie reden Englisch) Aus der schwarzen Badeshorts des Vaters hängt hinten das Etikett raus. Normalerweise verspüre ich bei so etwas den starken Drang, den Zettel in die Hose zu stecken. Da der Rücken des Mannes aber sehr, sehr stark behaart ist – eine Mischung aus Braunbär und Flokati-Teppich – hält sich mein Bedürfnis diesmal in Grenzen.

Der ältere Sohn der Familie ist schätzungsweise Anfang zwanzig und geistig leicht behindert. Er sitzt mit verschränkten Armen auf einem Klappstuhl unter einem Sonnenschirm und schaut aufs Meer. Manchmal pfeift er eine der Tauben an, die hier über den Strand trippeln, ab und an isst er ein paar Chips. Jedes Mal, wenn sein Papa im Wasser von einer Welle überrascht wird, kichert er glucksend. Ich glaube, er hat einen guten Tag.

In der Ferne jagt eine Gruppe von fünf, sechs Jetski-Fahrern übers Meer. Bestimmt fühlt sich mindestens einer von ihnen dabei wie James Bond. Bei mir wäre das auf jeden Fall so. Allerdings würde ich mich nicht trauen, Jetski zu fahren. (Stichworte: schnelles Gefährt, Wasser, draußen auf dem Meer) Das disqualifiziert mich wohl als James Bond. (Selbst als eingebildeter James Bond.)

Wahrscheinlich ist das auch besser so. So ein Leben als Geheimagent stelle ich mir sehr stressig vor. Verfolgungsjagden, Bomben entschärfen, auf Leben und Tod kämpfen, immer wieder die Welt retten müssen. Kein Wunder, dass die Bond-Darsteller nach ein paar Filmen ausgewechselt werden müssen. (Ich tippe auf Burn-out.)

Die Bond-Girls sind auf Dauer bestimmt auch anstrengend. Die machen nicht den Eindruck, als könnte man mit ihnen gemütlich auf dem Sofa abhängen und Netflix schauen.

Hatte heute meinen fast perfekten Strandtag: Tücher ausbreiten, dösen, schreiben, überlegen, etwas zu trinken, dösen, lesen, noch mal überlegen, etwas zu trinken, über etwas nachdenken, vergessen, worüber man nachgedacht hat, schreiben, ein Foto vom Meer machen, dösen, schreiben, tatsächlich einen Schluck trinken, dösen, lesen, dösen, einpacken, nach Hause gehen. Nur die Badetücher vorm Meer retten zu müssen, gibt leichte Abzüge.

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Der Influencer-Foto-Hotspot ist zur Abendessenzeit nur spärlich frequentiert. Lediglich die Frau mit dem sehr langen schwarzen Haar ist wieder da. Sie hockt am Wasser und fotografiert die heranziehenden Wellen. Vielleicht ist die heutige Aufgabe in der Influencer-Academy „Natur“. Oder sie sollen Selfies aus sehr unvorteilhaften Winkeln von unten schießen.

Im Hintergrund trainiert der Leg-Day-Typ von gestern und hüpft wieder breitbeinig über den Strand. Wenn der das jeden Abend macht, muss er erstmal 1.000 Sprünge machen, bevor er etwas in den Beinen merkt.

Später kommen zwei Jungs, so um die 18, 19 und fotografieren sich gegenseitig. „Schön, dass das für alle Gender offen ist“, meint meine Frau, so wie sich das gehört, wenn du im Familienministerium arbeitest. Ob sie damit richtig liegt, weiß ich allerdings nicht. Zwei Jungs unter gefühlt 800 Frauen, die hier in den letzten Tagen ihre Selfies geschossen haben, würde ich jetzt nicht direkt als „offen für alle Gender“ bezeichnen.

Die beiden gehen wesentlich forscher als die bisherigen Selfie-Fotografinnen vor. Ein, zwei Posen – verschränkte Arme und kühner Blick nach oben oder einen Arm schräg in die Höhe gestreckt, wie sie sich das bei irgendwelchen Alpha-Male-Trotteln im Internet abgeschaut haben – und fertig ist die Laube. Ob das fürs Examen in der Influencer-Academy reicht?

Meerblick bei Nacht (ohne Fledermäuse)

Als die Dämmerung einsetzt, erscheinen ein paar Fledermäuse in der Apartmentanlage, auf der Suche nach einem kleinen Abendsnack. Eigentlich faszinierend, wie sie im Zickzack-Kurs durch die Lüfte düsen. Kürzlich ist einer ihrer Kollegen allerdings in Moabit zu uns in die Wohnung geflogen. Das hat mich eine Menge Nerven und circa zwei Liter Schweiß gekostet und seitdem stehe ich den kleinen Batmännern skeptisch gegenüber.

Ich hoffe, die spanischen Fledermäuse bleiben in ihrem Tanzbereich, so wie wir in unserem. Ich werde auf jeden Fall nicht durch die Luft jagen und den Fledermäusen die Insekten wegsnacken.


Bilanz des Tages

  • 10,04 Kilometer gelaufen
  • 17 Fotos gemacht
  • 14.282 Schritte zurückgelegt
  • 3-mal die Badetücher vor den Wellen gerettet
  • 31,51 Euro im Supermarkt ausgegeben
  • 1 Kniffel geworfen

Familien-Gedöns der Woche (523)

Die DSGVO, so beliebt wie Zitronat, Orangeat, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Posts der diversen Social-Media-Plattformen können deren Betreiber wahrscheinlich irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Posts nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, das beste Familien-Gedöns der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

„Mama, was hättest du lieber? Die Weltherrschaft oder ein Haus, das nur aus Wolle besteht?“

— Stoßlüfterin (@fraufrischluft.bsky.social) 28. Oktober 2024 um 20:21
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¡Hola España! – Tag 05 (12.09.): Vom Winde gemobbt

Der alljährliche Urlaubsblog. Aus Spanien. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Sie, aus welchen Gründen auch immer, alle Beiträge des ¡Hola España!-Blogs lesen möchten, werden Sie hier fündig.

Stehe auf dem Balkon, widerwillig eine Banane essend. Bananen zählen ohnehin nicht zu meinem Lieblingsobst – Stichwort eklige Fäden –, aber dieses Exemplar erregt mein Missfallen in besonderem Maße. Einerseits süß, aber anderseits trotzdem von der festen Konsistenz einer unreifen Banane, was das haptische Verzehrerlebnis erheblich einschränkt. (Sollten Sie mal erklären müssen, was ein First-World-Problem ist, können Sie gerne auf dieses Beispiel zurückgreifen.)

Aus Vernunftgründen drücke ich mir die Banane trotzdem rein. Heute stehen Drei-Kilometer-Intervallläufe auf dem Trainingsplan. Da möchte ich vermeiden, dass der Mitten-im-dritten-Intervall-Christian schwächelt und das Bedürfnis verspürt, den Vor-Trainingslauf-Christian mit der Schale der nicht gegessenen Banane zu ohrfeigen. (Der Vor-Trainingslauf. Christian ist ein sehr harmoniesüchtiger Mensch und umso mehr, wenn er das Objekt einer körperlichen Züchtigung mittels einer Obstschale werden könnte.)

Bevor ich meinen Lauf starte, trinke ich erst noch einen Kaffee. (Der Vor-Trainingslauf-Christian ist nicht nur harmonie-, sondern auch Koffein süchtig. Das gilt allerdings für alle Christians.)

Titelbild mit Blick aufs Meer, der Himmel ist von dunklen Wolken verhangen
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¡Hola España! – Tag 05 (12.09.): Vom Winde gemobbt (Teil 2)

Teil 1


Das Strandtag ist heute kein Vergnügen. Der Sand wird gegen Beine, Arme und Gesicht geschleudert, was recht schmerzhaft ist. Oder wie meine Frau sagt, die positiv denkt und Wellness affiner ist: „Da bekommen wir ein schönes Peeling.“

Merkwürdigerweise kommt der Sand aus allen Richtungen angeflogen. Von links, von rechts, von oben und von unten. Wahrscheinlich eine Variante des Christian-Phänomens.

Bestimmt haben sich in der Frühe der Nord-, der Süd-, der West- und der Ostwind zusammengesetzt und beschlossen: „Heute piesacken wir den Christian mal so richtig!“ „Genau, beim Laufen, da geben wir ihm ordentlich Gegenwind.“ „Ja, auf dem Hin- und dem Rückweg.“ „Später beschießen wir ihn am Strand volle Granate mit Sand, damit der in allen Körperöffnungen landet.“ „Super Idee, davon hat er bis zum Ende des Urlaubs etwas und noch darüber hinaus.“

Dann haben sich die vier Winde auf die Schenkel geklopft und gelacht, aber nicht sympathisch, sondern hämisch, denn sie sind ganz fiese Mobber.

Maximale Stranderotik

Ich habe nicht nur unter dem herumfliegenden Sand zu leiden. Obendrein tut meine Nase weh. Nicht weil ich sie mir gestoßen habe oder ich drauf gefallen bin oder zu viel Sand reingeflogen ist. Nein, weil sich darin ein dicker Pickel gebildet hat. Links im linken Nasenloch. Da, wo du nicht gut rankommst. Und wenn du es trotzdem versuchst, siehst du aus wie ein ungehobelter Klotz, der vollkommen schamlos und derbe in der Nase bohrt. Und das möchte man ja nicht: Wie jemand aussehen, der vollkommen schamlos und derbe in der Nase bohrt.

Derweil prasselt der Sand weiter von allen Seiten auf uns nieder. Außerdem zerren die Böen an meinen Klamotten, als wollten sie sie mir vom Leib reißen. Und wenn ich dann nackert daliege, lachen der Süd-, der Nord-, der West- und der Ostwind schadenfroh und zeigen mit dem Finger auf mich.

Eigentlich wäre es besser, den Strandbesuch abzubrechen. Aber meine Trägheit, den Rückweg in die Ferienwohnung anzutreten, ist größer als der Schmerz des peitschenden Sandes. Ich versuche. die widrigen Bedingungen zu ignorieren, schließe die Augen und dämmere vor mich hin.

Die Ignoriererei und Dämmerei klappt so lange, bis mich plötzlich ein Schlag trifft. Ein umherfliegender Klappstuhl ist auf mir gelandet. (Vor meinem geistigen Auge feiern die Winde und klatschen sich ab.)

Circa fünfzehn Meter rechts von uns sitzt ein alter Mann auf einem Klappstuhl der gleichen Marke und hebt entschuldigend die Hände. Er erhebt sich und kommt zu mir rüber. Da er sehr alt ist, dauert das sehr lange. Ich bezweifle, dass er bis zum Ende unseres Urlaubs bei mir ankommt und gehe ihm entgegen, um ihm seinen Stuhl zurückzugeben.

Der Mann entschuldigt sich auf Französisch: „Pardon, pardon, excuse moi.“ Sein Französisch klingt aber nicht wie von einem Franzosen, sondern wie von einem Engländer. (Ich bin mir zu 99 Prozent sicher.) Ich erwidere „Null problemo“, was weder Französisch noch Englisch ist. Nicht einmal Spanisch, sondern Melmacisch.

Wir deuten den umherfliegenden Stuhl als Signal, nach Hause zu gehen. Wir und zehn Tonnen Sand in unseren Klamotten, Haaren, Handtüchern und der Strandtasche.

Der Abendhimmel über dem Strand

Trotz des stürmischen Wetters bekommen wir beim Abendessen wieder eine Strand-Fotosession geboten. Eine Frau mit sehr kurzem weißem Kleid und sehr langen schwarzen Haaren – das Ende des Kleids und das Ende der Haare treffen sich knapp unterhalb ihres Pos – nimmt verschiedene Selfieposen ein.

Allerdings verdeckt sie dabei größtenteils eine Palme. Das ist sehr ärgerlich, weil ich dadurch ihren Auftritt nur sehr schlecht sehe. Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen ist meine Frau nicht bereit, runter an den Strand zu gehen, um das Selfie-Model zu bitten, ihr Shooting fünfzehn Meter nach rechts zu verlagern, damit ich sie besser beobachten kann. Manchmal habe ich den Verdacht, meine Frau hat das mit dem „in guten wie in schlechten Zeiten“ gar nicht ernst gemeint.

Später kommen drei weitere Frauenduos zum Strand, um sich gegenseitig zu fotografieren und zu filmen. Außerdem nimmt ein Typ seinen Leg Day sehr ernst und hüpft in tiefen Froschsprüngen über den Sand.

Würden wir hier wohnen, bräuchten wir kein Netflix und hätten trotzdem immer etwas zu schauen. Toll.


Bilanz des Tages

  • 17,01 Kilometer gelaufen
  • 0 Personen überholt
  • 2-mal überholt worden
  • 20.274 Schritte zurückgelegt
  • 1 schmerzender Pickel in der Nase
  • 10 Tonnen Sand abbekommen (konservative Schätzung)
  • 1 Liegestuhl abbekommen
  • 2 Kniffel geworfen

¡Hola España! – Tag 04 (11.09.): Nationalfeiertagsfeierlichkeiten Fehlanzeige

Der alljährliche Urlaubsblog. Aus Spanien. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Sie, aus welchen Gründen auch immer, alle Beiträge des ¡Hola España!-Blogs lesen möchten, werden Sie hier fündig.

Während ich langsam aufwache, verflüchtigt sich wie gestern schon die Erinnerung an einen Traum, den ich nicht festhalten kann. Boris Becker taucht erneut nicht auf.

Starte den Tag mit meinem liebgewonnenen Kaffee-auf-dem-Balkon-trinken-und-aufs-Meer-schauen-Ritual. Heute bei Wind und morgendlich kühlen Temperaturen. Die ersten Jogger*innen laufen auf der Promenade, der Strand ist noch verwaist.

Laut Trainingsplan muss ich heute nur lockere zehn Kilometer absolvieren. (Geht doch, Trainingsplan-Ersteller-Christian.) Das ist ganz schön, weil nicht so weit und nicht so anstrengend. Gleichzeitig fehlt mir die Motivation, mich aufzuraffen, weil nicht so weit und nicht so anstrengend.

Da kannst du dir mit der Aufrafferei ein wenig Zeit lassen und der Kaffee will ja auch vorher getrunken werden, und einer von den Keksen gegessen werden, die so trocken sind, dass du einen weiteren Kaffee benötigst, um sie runterzuspülen. (Dafür haben sie kleine Schokostückchen. Immer das Positive sehen.)

Titelbild mit einem Mann, der auf einem Klappstuhl am Strand sitzt und aufs Meer schaut. Neben ihm steht ein zusammengeklappter Sonnenschirm
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¡Hola España! – Tag 04 (11.09.): Nationalfeiertagsfeierlichkeiten Fehlanzeige (Teil 2)

Teil 1


Vielleicht wohnen nur wenige Katalanen in Cambrils und bei den vielen ausländischen oder den nicht-katalanischen spanischen Touristen lohnt sich das mit der Nationalfeiertagsfeierei nicht.

Cambrils ist trotzdem ganz schön. Gastronomie und Einzelhandel sind zwar stark auf Tourismus ausgerichtet, aber nicht aggressiv und marktschreierisch, sondern einigermaßen dezent und zurückhaltend. Die Häuser und Hotels sind niedriger als in Salou und es gibt einen schönen Platz, an dem eine große Kirche steht und daneben das Theater, wo das Katzen-Pistolen-Stück aufgeführt wird.

Ich denke, das war nicht unser letzter Besuch in Cambrils. Schließlich müssen wir irgendwo unsere obligatorischen Urlaubsort-Kühlschrankmagneten kaufen. Und der rote Keramikstier, den wir in einem Laden gesehen haben, würde sich gut in unserer Küche machen. Selbstverständlich ironisch.

Nach knapp einer Woche Urlaub bin ich mir sicher, unter allen Tourist*innen mit 90-prozentiger Treffsicherheit die englischen Urlauber*innen erkennen zu können, ohne dass ich sie reden höre. Das liegt nicht an Hardcore-Sonnenbränden und/oder übermäßigem Alkoholkonsum, sondern an Physiognomie, Frisuren und Habitus. (Und manchmal an leichten Sonnenbränden.)

Keine Ahnung, was ich mit dieser Fähigkeit anfangen soll. Mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit Engländer*innen zu identifizieren, scheint mir keine übermäßig hilfreiche Superheldenkraft zu sein. Außer du willst dich von Engländer*innen fernhalten. Dann ist das super. In Irland wäre ich der beliebteste Superheld aller Zeiten.

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Am Strand. Der Wind windet heute stärker als in den letzten Tagen. Das Wellenrauschen ist auch nicht ganz so einlullend wie sonst, sondern etwas energischer. Als riefe das Meer: „Ich kann auch anders.“

Aber noch nicht so doll wie nachts. Da klingen die Wellen etwas bedrohlich, fast schon zornig. Weil das Meer kein Wutkissen zum Hineinbrüllen hat, schreit es seine Aggressionen in die Dunkelheit, um sein inneres Mordor im Zaum zu halten.

In der Ferne ist ein Kind zu hören. Diesmal kein hysterisches Kreischen, sondern ein fröhliches Glucksen und Kichern. Die pure Freude, wenn du Papa nass gespritzt hast. Oder wenn Mama hinter dir herrennt, als wäre sie ein Monster, das dich gleich auffrisst. Oder wenn der Bruder oder die Schwester einen Ball an den Kopf bekommt.

Heute bedaure ich, dass die Tochter und der Sohn nicht mehr so klein sind und diese kindliche Freude nicht mehr haben. Wobei sie sich immer noch kaputtlachen würden, wenn der oder die andere einen Ball an den Kopf bekommt. (Noch mehr bei ihren Eltern.)

Meer

Denke mir, während ich am Strand liege, merkwürdige Worte aus:

  • Fußpilzragout
  • Affentheaterregisseur
  • Taschenlampenschirm
  • Rosinenbomberjacke
  • Wäscheklammeraffe
  • Flaschenpostschalter
  • Bankautomatenkaffee
  • Sonnencrème brûlée
  • Klorolle rückwärts

Keine Ahnung, für was das mal nützlich sein wird. Wahrscheinlich für nichts.

Abendmahl, nicht das letzte

Zu meiner leichten Enttäuschung sind während des Abendessens keine Fotosessions am Meer zu beobachten. Erst als wir abräumen, erscheinen zwei Frauen am Strand. Schätzungsweise Anfang 60, mit ergrauten Haaren und schwarzen, wallenden Gewändern. Sie fotografieren und filmen sich gegenseitig, wie sie mit gelupften Röcken an der Wasserlinie entlanglaufen.

Nach etlichen Versuchen sind sie mit dem Ergebnis zufrieden, zum Abschluss machen sie mit Selbstauslöser ein Foto zu zweit. Anschließend verlassen sie den Strand kichernd und gickelnd wie Teenagerinnen. Ob die Influencer-Academy auch Senior*innen-Kurse anbietet?

Mond, halb

Bilanz des Tages

  • 10,03 Kilometer gelaufen
  • 9 Fotos beim Laufen gemacht
  • 25.596 Schritte zurückgelegt
  • 1 Wildschwein gesehen
  • 0 Nationalfeiertagsfeierlichkeiten
  • 1 halber Mond am Abendhimmel
  • 2 Kniffel geworfen

¡Hola España! – Tag 03 (10.09.): Dem Meer ist alles egal

Der alljährliche Urlaubsblog. Aus Spanien. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Sie, aus welchen Gründen auch immer, alle Beiträge des ¡Hola España!-Blogs lesen möchten, werden Sie hier fündig.

Erinnere mich beim Aufwachen, geträumt zu haben, aber nicht an was. Der Traum hat sich verflüchtigt, ist aus meinem Unterbewusstsein, meinem Bewusstsein und meinem Gedächtnis geflohen, aus der offenen Balkontür hinaus aufs offene Meer entflogen.

Das hat sich in meinem Kopf poetischer angehört als hier so niedergeschrieben. Ich lass‘ das trotzdem stehen. So ein Urlaubsblog füllt sich schließlich nicht von allein.

Zu Träumen habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Prinzipiell träume ich gerne. (Ausnahme: Albträume) Häufig erlebe ich schöne Dinge im Traum. (Nicht das, was Sie jetzt denken.) Umso größer ist die Enttäuschung, sobald sich herausstellt, dass alles gar nicht echt war. Als Kind war mein Lieblingstraum, mit Boris Becker Tennis zu spielen. Sie können sich nicht vorstellen, wie niedergeschlagen ich jedes Mal war, wenn mir klar wurde, ich habe nur geträumt.

Heute früh bin ich mir ziemlich sicher, dass mir Boris Becker nicht im Schlaf erschienen ist. Daran könnte ich mich erinnern.

Titelbild mit einem Rettungsschwimmer-Wachturm aus Holz, der am Strand steht. Der Turm ist von hinten mit Blick aufs Meer fotografiert.
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¡Hola España! – Tag 03 (10.09.): Dem Meer ist alles egal (Teil 2)

Teil 1


Meinen Gedanken nachhängen ist auch okay. Zum Beispiel über das Meer. Das war schon immer da und wird immer da sein. Zumindest bis die Erde verglüht, weil sich die Sonne in eine Supernova verwandelt hat.

Immer und ewig war das Meer natürlich nicht schon da. Aber schon seit tausenden Jahren. Seit zehntausenden. Oder hunderttausenden? Bestimmt noch viel länger, aber ohne Google weiß ich das nicht so genau.

Da musst du vorsichtig sein. Wenn du behauptest, das Meer und die Erde seien erst zehntausend Jahre alt, wirst du im günstigsten Fall für ungebildet gehalten und im ungünstigsten für einen die Evolution leugnenden Kreationisten. Und dann giltst du ganz schnell als Aluhut-Träger und Verschwörungstheoretiker und das will kein Mensch. (Außer du bist Kreationist, Aluhut-Träger und Verschwörungstheoretiker, dann kümmert dich das vermutlich nicht.)

Nun gut, ich weiß ohne Internetzugang nicht genau, wann der Urknall war und wann das Meer entstanden ist, aber ein paar Milliarden Jahre wird das schon her sein. (Ein paar Jahre mehr oder weniger sind bei so einer Zeitdimension nicht so entscheidend.)

Faszinierend, was das Meer schon alles erlebt hat. Die Dinosaurier, den Untergang des Römischen Reiches, die Renaissance, die Weltkriege, die Mondlandung, Helmut Kohl, Modern Talking und all die geschichtlichen Ereignisse in Asien, Afrika und Lateinamerika, von denen ich ohne Internetzugang auch nichts weiß.

Und dem Meer ist alles egal. Wirklich alles. Der Lieblingsverein hat verloren? Egal. Die private Altersvorsorge reicht nicht aus? Egal. Du schaffst es nicht, deinem ausuferndem Hüftspeck Einhalt zu gebieten? Egal. Friedrich Merz wird Bundeskanzler? Egal.

Gut, das Meer kann auch nicht „The Bear“ schauen, Käsekuchen essen oder am Kopf eines Babys riechen. Aber dafür ist ihm vollkommen wumpe, ob Friedrich Merz Bundeskanzler wird. Beneidenswert.

Bild von Strand und Meer
Meer, leidenschaftslos

Am Strand sind erstaunlich viele Frauen oben ohne unterwegs. Wegen nahtloser Bräune und so. Ebenfalls erstaunlich viele Frauen treiben am Strand barbusig Sport, spielen Beach Tennis oder machen Dehnübungen.

Für einen Moment dachte ich, wir liegen im FKK-Bereich, weil hier so viele halbnackte Frauen rumlaufen. Bestimmt ein Dutzend. Das ist ungefähr zwölfmal mehr als letztes Jahr in Portugal.

Nageln Sie mich nicht fest, ob es wirklich zwölf Oben-ohne-Frauen sind, die ich gesehen habe. Das ist eine Schätzung von mir, ich habe das nicht genau nachgezählt.

Du kannst schließlich nicht mit einer Strichliste über den Strand laufen und die Barbusigen durchzählen. Da giltst du ganz schnell als Perverser und mein Spanisch ist zu schlecht, um zu erklären, dass das rein wissenschaftlichen Zwecken dient. Dazu würde selbst mein Englisch nicht ausreichen, wahrscheinlich nicht einmal mein Deutsch.

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Abends Telefonat mit den Kindern. Zuerst mit der Tochter. Sie und C. schauen zurzeit eine Survival-Show auf Netflix, in der die Teilnehmenden mit sehr wenig Ausrüstung in Alaska überleben müssen. Das wäre nichts für sie, meint die Tochter. Sobald sie ein Geräusch hören würde, das nur im Entferntesten auf Bären oder Wölfe hindeutete, würde sie sofort die Leuchtfeuer-Pistole abfeuern, um zu signalisieren, dass sie abbrechen will.

Ich vermute, sie würde wahrscheinlich schon bei der Sichtung einer Spinne, einer Motte oder irgendeines Käfers die Pistole benutzen. Noch wahrscheinlicher würde sie bei so einer Show gar nicht mitmachen. Wobei das vielleicht eine interessantere Sendung wäre: eine Survival-Show mit lauter Insektenphobiker*innen.

Anschließend Video-Anruf beim Sohn. Seit unserer Abreise hat er einen Oberlippenbart und ein Kinnbärtchen kultiviert, was ihm das Aussehen eines spanischen Adligen verleiht. Zumindest aus einer bestimmten Kameraperspektive und bei schummrigem Licht. Und wenn du nicht weißt, wie spanische Adlige aussehen.

Er berichtet, er hätte jeden Tag Blumen gegossen, die sähen aber trotzdem voll trocken aus. Ich möchte nicht ausschließen, dass er die Blumengießerei irgendwann aus den Augen verloren hat und uns jetzt beibringen will, uns besser geistig schon mal von der Balkonbepflanzung zu verabschieden.

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Während des Abendessens fotografieren sich erneut zwei junge Frauen am Strand gegenseitig. Sie posieren stehend und sitzend vor den Wellen. Bestimmt war die heutige Aufgabe in der Influencer-Academy: Nutze die Natur als deine Kulisse.


Bilanz des Tages

  • 19 Kilometer gelaufen, 15 davon flott
  • 22.078 Schritte gegangen
  • 44,94 Euro im Supermarkt bezahlt
  • 1 Nickerchen vor dem Strandbesuch gemacht
  • 1 Nickerchen während des Strandbesuchs gemacht
  • 2 Telefonate mit den Kindern geführt
  • 1 Kniffel geworfen
  • 3 Partien Kniffel verloren

¡Hola España! – Tag 02 (09.09.): Do you need a good one or a normal one?

Der alljährliche Urlaubsblog. Aus Spanien. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Sie, aus welchen Gründen auch immer, alle Beiträge des ¡Hola España!-Blogs lesen möchten, werden Sie hier fündig.

Kurz nach 7. Heute kein Weckerklingeln, wache von allein auf. Gehe auf den Balkon. Kaffee und Meerblick. Die Sonne noch nicht draußen, der Wind schon. Frisch. Septembermorgen.

Noch mag ich mich nicht so recht mit dem Gedanken anfreunden, laufen zu gehen. Unten marschieren zwei Frauen mit Handtüchern unter den Armen Richtung Strand. Frühschwimmer*innen. Somit gehen mir die Entschuldigungen aus, mich vor dem Sport zu drücken.

Nach der gestrigen langen Einheit sieht der Trainingsplan heute einen Erholungslauf vor. Fünfzehn Kilometer. Den Zusammenhang mit der Erholung muss mir der Plan noch erklären. Das Tempo soll gemütlich langsam sein. Ich war gestern schon ziemlich langsam. (Aber ohne Gemütlichkeit.) Um das zu unterbieten, müsste ich gehen. Oder sitzen.

Titelbild mit einer Müslipackung, die auf einem Glastisch steht. Die Packung spiegelt sich auf der Oberfläche des Tischs.
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¡Hola España! – Tag 02 (09.09.): Do you need a good one or a normal one? (Teil 2)

Teil 1


Döse am Strand vor mich hin, lausche dem Rauschen des Meeres und lasse meine Gedanken fließen. Stelle schnell fest, dass da gar nicht so schrecklich viel fließt. Vielleicht liegt das an der Urlaubsentspannung. Oder ich habe weniger Gedanken als ich dachte und noch weniger kluge. Besser nicht weiter darüber nachdenken, sondern einfach dem rauschenden Meer lauschen. Dem ist auch alles egal.

Meine Frau probiert die neue Taucherbrille aus. Die ist tatsächlich „very good“ und lässt kein Wasser durch. Trotzdem sieht sie nicht, was unter ihr passiert. Zu viel aufgewirbelter Sand. Da hätte auch die „more good“ Brille nicht geholfen.

Dämmere weiter vor mich hin. Das Meeresrauschen lässt mich allmählich in ein Nickerchen abdriften. Von links weht spanisches Stimmengewirr herüber, das in seinem schnellen Stakkato an Maschinengewehrsalven erinnert.

In der Ferne ist Kinderlärm zu hören. Kein fröhliches Juchzen oder glucksendes Kichern, sondern die Art von Kreischen, vor dem sich alle Eltern fürchten. Weil du entweder keine Ahnung hast, was deinem Kind nicht passt, oder du weißt es, kannst aber nichts daran ändern. Weil das Kind nun mal beim Straße überqueren an der Hand gehen soll, egal ob es will oder nicht, oder noch mal eingecremt werden muss oder seine nasse Badehose ausziehen soll.

Ich bin froh, dass unsere Kinder so groß sind, dass sie nicht mehr hysterisch kreischen, wenn ihnen etwas nicht passt. (Und ein bisschen wehmütig, dass sie so groß sind, dass sie nicht mehr mit uns in Urlaub fahren.) Am liebsten würde ich den Eltern des eskalierenden Kindes zurufen: „Fürchtet euch nicht. Alles wird gut.“

Menschenleerer Strand, Meer und wolkenloser Himmel
Strand, Tag am

„Hola, Massages?“ Eine Frau läuft über den Strand und bietet Massagen an. Ich stehe Massagen eher ablehnend gegenüber. Ich möchte nicht von einer mir unbekannten Person angefasst und durchgeknetet werden. Ich möchte nicht einmal von einer mir bekannten Person durchgeknetet werden. Die Vorstellung, dass ich dabei auf dem Strand liege und mir Sand an alle Körperteile und in alle Körperöffnungen weht, macht das Ganze noch unattraktiver.

Die Masseurin stampft resolut über den Sand. Ihr „Hola, Massages?“ klingt weniger nach Frage, sondern mehr nach Aufforderung, wenn nicht gar Befehl. Ich lehne trotzdem mit einem schüchternen „No, gracias“ ab. Die Frau geht missmutig weiter und bellt weiter ihr „Massages“ über den Strand.

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Während des Abendessens beobachten wir diesmal zwei Frauen am Meer, die sich gegenseitig dabei fotografieren oder filmen, wie sie ins Meer rennen. Immer wieder stürmen sie in die Wellen, kontrollieren die Aufnahme, sind nicht zufrieden und es geht wieder von vorne los. 20 Minuten lang. Dann verlassen sie pitschnass den Strand und gehen in Richtung des Hotels, das hinter unserer Ferienwohnung liegt.

Vielleicht findet dort eine Influencer-Academy statt, bei der die Teilnehmer*innen jeden Tag Content am Strand erstellen müssen.

Blick vom Balkon auf den menschenleeren, abendlichen Strand
Strand, abendlich (ohne Strandfluencerinnen)

Bilanz des Tages

  • 15,01 Kilometer gelaufen
  • 27. 875 Schritte gegangen
  • 1 Supermarktbesuch (37,88 Euro)
  • 0 Fake-Produkte an der Promenade gekauft
  • 1 Paar Fake-Flip-Flops in Salou erworben
  • 1 “good one” Taucherbrille in Cambrils erstanden
  • 2 Irish Pubs gesehen
  • 3 Kniffel geworfen (alle ich)