Irisches Tagebuch, 07. Juni | Etappe 4: Von Dunquin nach Cuas

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Wache wieder kurz nach 5 auf. Versuche meinem Körper klarzumachen, wir wären im Urlaub und müssten nicht arbeiten. Er könnte ruhig noch zwei Stündchen schlafen, das wäre gar kein Problem, sondern voll supi. Mein Körper antwortet nicht, schläft aber auch nicht mehr ein. (Vielleicht mag er es nicht, wenn jemand „voll supi“ sagt.)

Ich weiß nicht, welcher Wochentag ist und im wievielten B+B wir geschlafen haben. Ich sehe das positiv. Als Zeichen maximaler Erholung und Entspannung und nicht des fortschreitenden Verfalls meines Denk- und Erinnerungsvermögens. Außerdem weiß ich noch, was ich jeden Morgen zum Frühstück hatte. So schlecht kann es um mein Gedächtnis nicht bestellt sein. Vielleicht ist das meine Inselbegabung. Oder ich bin so verfressen, dass ich immer an Essen denke.

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Irisches Tagebuch, 06. Juni | Etappe 3 – Von Dingle nach Dunquin

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Heute Morgen konfrontieren meine Frau und die Tochter mich mit schweren Anschuldigungen: Ich hätte heute Nacht geschnarcht. Das kann nicht stimmen, denn ich schnarche nie. Aufgrund der vielen Burger der letzten Tage kann es allenfalls sein, dass ich im Schlaf geringfügig lauter geatmet habe. Egal, ohne audiovisuellen Beweis weise ich diese infame Unterstellung entschieden zurück. Und ohne Anwalt werde ich mich nicht weiter äußern. Ich habe alle Folgen Boston Legal geschaut, da weiß ich, wie ich mich in solchen kniffligen Situationen juristisch schadlos halte.

Ich glaube, meine Frau und die Tochter sind einfach schlecht gelaunt. Die mehr als 40 Kilometer Wanderung der letzten beiden Tage haben ihre Spuren hinterlassen. Meine Frau klagt über zwickende Waden, die Tochter hat zwei Blasen an den Füßen. Ich spüre lediglich meine Hüftknochen etwas stärker als gewöhnlich. Richtig schlimm ist es nicht, ich betone es aber trotzdem. Damit ich nahbarer und Teil der Gruppe bin. Insbesondere nach den Schnarch-Anschuldigungen. (Den unbewiesenen Schnarch-Anschuldigungen, wie ich betonen möchte.)

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Irisches Tagebuch, 06. Juni | Etappe 3 – Von Dingle nach Dunquin (Teil 2)

Teil 1


Kilometer 14. Wir wollen eine Pause machen, finden aber keinen guten Ort zum Hinsetzen. Ohnehin ist die Zahl der Bänke entlang des Dingle Ways eher überschaubar. (Dingle Dude zuckt entschuldigend mit den Schultern.)

Wir hocken uns schließlich einfach an den Wegesrand. Zum Essen gibt es die Sandwiches, Rosinenbrötchen und Chips beziehungsweise Crisps. Richtig gemütlich ist unser Platz nicht und wir brechen bald wieder auf.

250 Meter weiter kommen wir an einem großen, flachen Felsbrocken vorbei. Ein idealer Rastplatz mit phantastischem Ausblick über die grünen Hügel und aufs Meer. Der Dingle Way kann also doch gute Sitzmöglichkeiten vorweisen. (Dingle Dude nickt zufrieden.)

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Der Weg bleibt steil, wird noch steiler und dann viel steiler. Dafür ist der Untergrund steinig und rutschig. Die Sonne brutzelt weiter.

Wir gehen an einer der vielen Steinmauer entlang, die die Hügel durchziehen. Auf einer Wiese stehen mehrere Steingebäude, die aussehen wie Bienennester. Ich hoffe, sie sind menschengemacht und nicht von riesigen Bienen, die ihre Nester aus Steinen bauen.

Nach zweieinhalb Kilometern Anstieg ist der höchste Punkt erreicht. Zur Belohnung dürfen wir mit Hilfe einer Leiter über ein Gatter klettern und über eine Schafweide laufen. Die Schafe sind klar in der Überzahl. 80:1 schätze ich. Dingle Dude spricht uns Mut zu: „Don’t be shy, mates, just move on.“

Wir halten respektvollen Abstand zu den Schafen. Zumindest versuchen wir es. Das ist nicht einfach, denn es sind so viele. Ganz am Rand an der Steinmauer zu laufen, funktioniert nicht, denn dort haben es sich ein paar Schafe im Schatten bequem gemacht.

Mir fällt auf, dass auch die weiblichen Schafe Hörner haben. Ich dachte bisher, dass nur Böcke damit ausgestattet sind. Vielleicht handelt es sich um eine besondere Rasse, die sich im Laufe der Evolution Hörner zugelegt hat, um nervige Wander*innen von ihrer Weide zu jagen. Die Schafe schauen uns aber lediglich mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Phlegma an. Wir durchqueren die Weide unbehelligt.

Als wir wieder über das Gatter klettern, applaudiert uns Dingle-Dude: „Good job, mates, good job.“

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Jetzt geht es kontinuierlich bergab. Was nicht viel angenehmer als der Aufstieg ist, denn es ist steil und auch steinig und rutschig. Als wir unten angekommen sind, können wir uns an einem Bach abkühlen.

Ich benetze mir Hände und Arme und schütte mir kaltes Wasser über den Kopf. Fühle mich wie in einem Abenteuer-Film, in dem ich auf einer Insel gestrandet bin und diese durchqueren muss.

Das ist zum Glück nicht der Fall. Ich verfüge über keinerlei Fähigkeiten, die hilfreich wären, um eine Nacht in der Wildnis zu überleben. Bei einer Gruppe von Überlebenden eines Flugzeugabsturzes wäre ich der erste, der von den anderen gegessen wird, weil ich zu sonst nichts zunutze bin.

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Kilometer 19. Die Moral unserer familiären Wandergruppe lässt zunehmend zu wünschen übrig. Die Tochter plagt sich weiter mit ihren Blasen rum, meine Frau klagt über Schmerzen in den Beinen. Mir geht es immer noch ziemlich gut. Ich sage trotzdem wieder, dass meine Hüfte zwicken, um mich dazugehörig zu fühlen. Die anderen glauben mir nicht, sind aber zu erschöpft, um mir zu widersprechen.

Unsere Wegbeschreibung kündigt ein „lovely“ Café an. Das kommt uns sehr gelegen, denn es gelüstet uns nach kalter Cola und mich nach Apple Pie. Daraus wird nichts, das Café hat heute geschlossen. How unlovely. 500 Meter weiter kommt ein weiteres Café. Es hat ebenfalls zu. How very unlovely.

Für die Stimmung der Truppe ist das nicht förderlich. „Sorry, mates“, entschuldigt sich Dingle Dude und trottet mit hängenden Schultern vorweg.

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Nach fast sechseinhalb Stunden Wanderzeit erreichen wir das Ortsschild von Dunquin. Im Deutschen bedeutet Dunquin so viel wie „freundliche Festung“. Ausgesprochen wird der Name wie Freddy Quinn, nicht wie Dunkin‘ Donuts, wie ich dachte. Wobei ich persönlich eine Festung, in der es Donuts gibt, freundlicher fände als eine, in der ein 50er-Jahre-Schlagersänger „Brennend heißer Wüstensand“ singt.

Dunquin hat ungefähr 160 Einwohner*innen, zu den berühmtesten Töchtern und Söhnen zählen verschiedene Literat*innen und (Folk-)Musiker*innen, deren Bekanntheitsgrad sich außerhalb Irlands knapp über Normalnull bewegt. (Möglicherweise auch außerhalb von Dunquin.)

Am Ortseingang gibt es eine Art Aussichtsplattform, die einen spektakulären Blick auf zerklüftete Klippen, das Meer und Blasket Island ermöglicht. Richtig genießen können wir den Ausblick nach mehr als 23 Kilometer in den Beinen aber nicht mehr.

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Bis zu unserem B+B An Portán müssen wir noch ein gutes Stück durch Dunquin. Die Strecke zieht sich. An jeder Biegung denken wir, das B+B müsste jetzt endlich auftauchen. Das tut es aber erst nach einem guten Kilometer. Wir werden von Geraldine empfangen. Sie strahlt weniger irische Fröhlichkeit, sondern mehr britische Zurückhaltung aus. (Vielleicht ist sie Protestantin.)

Das B+B besteht aus einem Haupthaus sowie einer Gruppe von zwölf bis fünfzehn Bungalows. Es erinnert mehr an ein Motel als an ein klassisches B+B. Wenigstens heißen die Besitzer*innen nicht Bates.

Wer auch immer für die Innenarchitektur der Zimmer zuständig war, hat sein Faible für Brauntöne ausgelebt. Die Wände sind ockerfarben, Türen, Möbel und Fußleisten aus dunklem Holz. Bei dem bräunlichen Teppichboden hoffe ich, dass er ursprünglich nicht weiß war.

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Bevor wir Essen gehen, muss ich einen Anruf tätigen. Ich telefoniere generell nicht gerne, in einer anderen Sprache schon gar nicht. Für morgen hat unser Reiseanbieter aber ein Taxi für uns organisiert, das uns am Ende der Wanderetappe abholt an einem Pub abholt und zu unserem B+B bringt. Allerdings bereits um 17 Uhr, was uns zu früh ist, denn wir würden gerne vorher essen.

Ich rufe bei dem Taxiunternehmen und hoffe, dass, war auch immer abhebt, nicht ausschließlich gälisch spricht. Ich habe Glück. Ein freundlicher Mann meldet sich in einigermaßen gut verständlichem Englisch. Wir spielen kurz das „How are you?“ – „How are you?“-Spiel, dann schildere ich kurz mein Anliegen, dass wir gerne erst um 19 Uhr abgeholt werden möchten.

In meiner Berliner Großstadt-Ignoranz bin ich überrascht, als er mir erklärt, dies sei leider möglich. Sie würden nur bis 17.30 Uhr fahren. Wahrscheinlich, weil es später in der Gegend ohnehin kaum Bedarf an Taxifahrten gibt. Außerdem wollen die Taxifahrer*innen auch irgendwann in den Pub. Wir verbleiben so, dass ich mich nochmal melden würde, wenn ich eine alternative Fahrmöglichkeit gefunden hätte.

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Der einzige Pub im Ort ist Kruger’s Bar. Laut eigenen Angaben ist es der westlichste in Irland und Europa. 1971 wurde hier die Campaign for Real Ale (CAMRA) gestartet, eine Initiative, die die Interessen der Biertrinker*innen und Pub-Besucher*innen in Irland und Großbritannien vertritt. Schön, dass es Menschen gibt, die sich für das Gemeinwohl und den sozialen Zusammenhalt einsetzen.

Auf der Speisekarte gibt es einen vegetarischen „Beyond meat“-Burger, der es mir erlaubt meinen aus dem Ruder gelaufenen Fleischkonsum ein wenig zu reduzieren. Die Frau entscheidet sich für einen Beef Burger (quasi einen „not beyond meat“-Burger), die Tochter für eine Pizza Margherita.

Das Essen ist nicht sensationell. Wenn du über das örtliche Pub-Monopol verfügst, musst du dich nur bedingt anstrengen. Aber wir sind hungrig genug, dass es uns trotzdem schmeckt. Außerdem sind die Getränke kalt und lecker und wir können bei bestem Wetter draußen sitzen. Was willst du mehr nach einem anstrengenden Wandertag?

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Im B+B telefonieren wir mit dem Sohn. Er hat bereits die Blumen gegossen, ohne dass wir ihn daran erinnern mussten. Ihm scheint die Zeit allein nicht gut zu bekommen.


Gewinnspiel

Die For Me-Karten wurden verlost und die Gewinnerinnen benachrichtigt. Herzlichen Dank an alle, die so fleißig kommentiert haben, und den Gewinnerinnen viel Spaß beim Festival.


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Ab heute überall erhältlich, wo es Bücher gibt.

Irisches Tagebuch, 05. Juni | Etappe 2: Von Annascaul nach Dingle

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Wache auch heute pünktlich um 6 Uhr auf. Der arbeitswütige Preuße ist stark in mir. In Deutschland ist es jetzt 7. Wenn alles gut läuft, steht der Sohn gerade auf und geht zur Schule. Wenn nicht alles gut läuft, sammelt er ein paar unentschuldigte Fehlstunden.

Kontrolliere meine Mails. Eine Mrs. Cynthia Eddie schreibt. Sie habe eine Spende in Höhe von 9.500.000 Euro für mich. Bei den irischen Pub-Preisen käme mir ein Millionenbetrag sehr gelegen.

Körperlich geht es uns allen nach der gestrigen Wanderung gut. Es sind keine Blessuren zu vermelden. Eine wandererfahrene Kollegin meiner Frau meinte, schlimm wäre erst der dritte Tag. Danke für den Pep-Talk.

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Irisches Tagebuch, 05. Juni | Etappe 2: Von Annascaul nach Dingle (Teil 2)

Teil 1


Kilometer 14. Die Wegbeschreibung bietet zwei Optionen an. Entweder weiter den Dingle Way entlang, der nun hauptsächlich über Weiden und Feldwege führt. Oder der Straße direkt nach Dingle folgen. Wir entscheiden uns für Option 1, obwohl das anderthalb Kilometer mehr bedeutet. Aber wir wollen Dingle Dude nicht enttäuschen, der uns erwartungsvoll anschaut.

Zunächst setzen wir uns erstmal hin, um etwas zu essen. Wir packen unsere Lunch Packs aus, die wir heute früh im B+B gekauft haben. Baguettes mit Ziegenkäse und getrockneten Tomaten. Nicht besonders irisch, aber sehr lecker. Obwohl die Baguettes dreieinhalb Stunden lang ungekühlt durch die Sonne getragen wurden.

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Weiter geht’s. Wir müssen über eine kleine Leiter klettern, um auf eine abgezäunte Kuhweide zu gelangen. Meinem ängstlichen, übervorsichtigen Ich ist das nicht ganz geheuer. Das wird schon seinen Grund haben, warum es den Zaun gibt. Zum Beispiel wegen der beiden Kühe, die uns anschauen, als wir die Weide betreten. Ich fühle mich wie ein Eindringling. (Gibt es den Straftatbestand Weidenfriedensbruch?)

Die Kühe sind gut 20 Meter entfernt. Das ist nicht so nah. Außerdem wirken die beiden ziemlich teilnahmslos. Als wäre es ihnen egal, was wir da machen.

Wir gehen ganz rechts am Rand der Weide am Zaun entlang. Nach einer kleinen Biegung tauchen etwas überraschend zwei weitere Kühe auf. In 15 Metern Entfernung. Das ist schon etwas näher. Nach der nächsten Kurve sehen wir uns den nächsten beiden Kühen gegenüber. 10 Meter entfernt. Das ist schon ziemlich nah.

Die Kühe sind deutlich in der Überzahl. Solange sie uns nicht für Heu halten, sollten wir aber auf der sicheren Seite sein. Außer es sind fleischfressende Kühe, eine weitestgehend unbekannte Rasse, von der noch nie jemand etwas gehört hat, weil sie alle auffressen, die sie sehen.

Wir beschließen, die Kühe zu ignorieren. Mit starr auf den Boden gerichtetem Blick schieben wir uns an den beiden vorbei. Wir vermeiden jeden Blickkontakt sowie ruckartige Bewegungen, die als Provokation missverstanden werden könnten.

Am Ende der Weide klettern wir wieder über eine kleine Leiter. Geschafft. Dingle Dude hebt den Daumen und sagt: „Well done, mates, well done.“ Dann schickt er uns weiter nach links.

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Kilometer 18. Wir machen an einem Anstieg eine Trink-und-wir-essen-die-halb-geschmolzenen-Snickers-aus-unserem-Lunch-Paket-Pause.

Ein Mann kommt den Hang hinauf. Er hat weißes, halblanges Haar und trägt eine Sonnenbrille, ein blaues, knitterfreies Hemd, eng geschnittene Jeans sowie modische, braune Sneakers. Sieht aus wie ein Best-Ager-Model auf dem Weg zum Foto-Shooting.

Mit zügigem Schritt geht der Model-Mann an uns vorbei. Er sagt „How are you?“, wir antworten: „How are you?“ und ich finde das immer noch merkwürdig.

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Ein paar enge Wege, Kuh- und Schafweiden, Stiegen, Leitern und Hecken später sehen wir in der Ferne Dingle. Noch zwei Kilometer abwärts und wir haben die Stadt erreicht. „See you tomorrow, mates“, verabschiedet sich Dingle Dude von uns.

Dingle hat 2.000 Einwohner*innen. Die genaue Zahl der Pubs ist mir nicht bekannt, aber die Dichte scheint mir wieder sehr hoch zu sein.

Berühmtester Sohn der Stadt ist Fungi. Ein Delfin, der 37 Jahre im Hafen von Dingle lebte. Vor drei Jahren verschwand er, so dass wir ihn uns leider nicht anschauen können. Die Tochter fragt sich, warum die Stadt nicht einfach einen anderen Delfin in den Hafen steckt. Den Unterschied würde sowieso niemand bemerken. Außer der Delfin natürlich.

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Unsere Unterkunft für heute Nacht ist Brosnan’s B+B. Ob die Betreiber*innen mit Pierce Brosnan verwandt sind? Vielleicht heißt er uns persönlich willkommen und macht morgen das Frühstück. 007 – Licence to cook.

Ganz unwahrscheinlich ist das nicht. Also, dass Pierce Brosnan das Frühstück serviert schon, aber eine verwandtschaftliche Bande zwischen unseren B+B-Hosts und dem James-Bond-Darsteller ist durchaus möglich. Bei der überschaubaren Einwohner*innenzahl Irlands sind fast alle über ein paar Ecken miteinander verwandt.

Die Mutter einer irischen Freundin der Tochter hat beispielsweise in ihrer Verwandtschaft eine Cousine zweiten oder dritten Grades von Pierce Brosnan und hat ihn mal auf einer Familienfeier getroffen. Das sind meine fünfzehn Minuten Ruhm: Die Mutter der Freundin meiner Tochter ist über ein paar Dutzend Ecken mit James Bond verwandt und war mal im gleichen Raum wie er. (Autogrammwünsche bitte an info@familienbetrieb.info.)

An der Tür des B+B hängt eine handgeschriebene Notiz. Wir sollen uns zum Check-in im Nachbarhaus melden. Dort öffnet nicht Pierce Brosnan, sondern eine ältere Dame in Schürze die Tür. Die Senior B+B-Chefin.

Sie begrüßt uns und flechtet die obligatorische Wetterbemerkung ein: „The weather is lovely, isn’t it?“ „Yes, beautiful.“ Anschließend bringt sie uns zu unserem Zimmer.

Wir duschen erstmal und spülen uns Staub, Schweiß und Sonnenmilch von der Haut. Danach fühle ich mich vielleicht nicht wie ein neuer Mensch, aber wie ein deutlich sauberer.

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In Dingle suchen wir nach einem netten Pub fürs Abendessen. Auf dem Bürgersteig versperrt meine Frau einem Mann versehentlich den Weg. Als sie es bemerkt, geht sie zur Seite und sagt pflichtschuldig „Sorry.“ Der Mann erwidert: „You are no problem.“ und ich finde das eine ganz bezaubernde Antwort. Die Welt wäre ein freundlicherer Ort, wenn wir alle unsere Mitmenschen nicht als Problem ansehen würden. (Naja, fast alle.) Im Weitergehen sagt der Mann noch: „Lovely weather, isn’t it?“, aber bevor meine Frau ihm zustimmen kann, ist er schon weg.

Die Pub-Suche gestaltet sich schwierig. In Irland ist Feiertag und die Menschen sind ausgehfreudig. Nach mehreren erfolglosen Anläufen bekommen wir einen Platz im Marina Inn.

Die vegetarischen Optionen auf der Karte sind sehr übersichtlich. Die Tochter muss sich mit Garlic Bread begnügen. Meine Frau nimmt ihre obligatorischen Fish & Chips, ist bei der Bestellung aber nicht mehr ganz so enthusiastisch wie in den letzten beiden Tagen. Meine Wahl fällt auf den Homemade Beef Burger und ich nehme mir vor, mich in Berlin mindestens einen Monat nur von Gemüse zu ernähren. (Oder von Kuchen. Da ist ja auch kein Fleisch drin.)

Auf dem Heimweg gönnen die Tochter und ich uns ein Eis bei Murphy’s, einer lokalen Eismanufaktur, die Läden in ganz Irland hat. Die Kugel kostet rekordverdächtige sechs Euro, wird aber trotzdem nicht in einem goldenen Becher serviert. Das Eis ist gut, aber nicht unbedingt sechs-Euro-gut.

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Zurück im B+B telefonieren wir mit dem Sohn. Der ist davon überzeugt, einen grünen Daumen zu haben. Bisher sei noch keine der Balkon-Pflanzen eingegangen. Außer eine, aber die habe schon von Anfang an nicht besonders fit ausgesehen, da könne man ihm keinen Vorwurf machen.

Dann lässt er sich in die Funktionsweise der Waschmaschine einweisen, da die Zahl seiner sauberen Kleidungsstücke nur noch überschaubar ist.

Aus der Schule berichtet er, dass er Chemie zurückbekommen hat. 7 Punkte. Ohne dafür gelernt zu haben und ohne eine Ahnung vom Thema zu haben, wie er betont. Somit seien seine 7 Punkte eigentlich wie 15 Punkte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieser Argumentation folgen möchte. Da er aber 7 Punkte mehr als ich in meiner letzten Chemieklausur hat, lasse ich das mal so stehen.

Zum Schluss fordert er noch seine Schwester auf, sie solle uns beim Wandern filmen. Wenn wir stolpern, hätte er etwas zu lachen. Das Alleinsein scheint ihm nicht zu bekommen.


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Irisches Tagebuch, 04. Juni | Etappe 1 – Von Camp nach Annascaul

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Wache um 5 Uhr auf. In Deutschland ist es jetzt 6. Um diese Zeit klingelt immer mein Wecker. Auch im Urlaub bin ich ein gut konditionierter Lohnabhängiger des Kapitalismus.

Draußen gurren ein paar Tauben. Sehr ausdauernd, sehr laut und sehr penetrant. Wie in Berlin. Nur ohne Straßenlärm.

Liege zwei Stunden wach, kurz nach 7 schlafe ich ein. Eine Viertelstunde später reißt mich der Handywecker aus dem Tiefschlaf. Ich fühle mich wieder wie gerädert und weiß immer noch nicht, was das bedeutet.

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Frühstück. Für unsere Wanderung müssten wir uns ordentlich stärken, meint unsere B+B-Landlady Sorcha. Sie schlägt ein Full Irish Breakfast vor. Ich bin zwar noch satt vom gestrigen Abendessen, willige aber trotzdem ein. Erstens will ich nicht widersprechen und zweitens möchte ich später nicht irgendwo auf dem Wanderweg zusammenklappen, weil ich mich der morgendlichen Nahrungsaufnahme verweigert habe.

Der kleine Frühstücksraum ist hell eingerichtet und bietet Platz für vier Tische. Außer uns frühstücken noch zwei irische Frauen aus Dublin. Sie sind ungefähr unser Alter. Vielleicht auch nicht. Ich verschätze mich bei so etwas häufig. Die beiden denken wahrscheinlich: „Außer uns sitzt eine deutsche Familie im Frühstücksraum. Die beiden Eltern sind ungefähr fünf bis zehn Jahre älter als wir. Eher fünfzehn.“

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Irisches Tagebuch, 04. Juni | Etappe 1 – Von Camp nach Annascaul (Teil 2)

Teil 1


Der zweite Teil unserer Wanderung ist etwas anstrengender als noch heute Vormittag. Die Wege werden enger, links und rechts sind sie von hohen Hecken gesäumt. Unzählige Insekten brummen und summen und schwirren um uns herum. Die Tochter kreischt jedes Mal, wenn ihr etwas zu nahekommt. Sie steht Insekten eher distanziert gegenüber. Um nicht zu sagen feindlich.

Ich bin mir des Nutzens von Insekten bewusst – wenn auch mehr so im Allgemeinen als im Detail –, bin aber auch nicht ihr größter Fan. Ich möchte kein Body-Shaming betreiben, aber mit ihren dünnen Beinen, glubschigen Augen und rüsseligen Nasen sind Insekten nicht übermäßig attraktiv. Persönlich würde ich sie sogar als eklig beschreiben. Und im ungünstigsten Fall stechen oder beißen sie dich. Ich versuche, mir meine Abneigung jedoch nicht anmerken zu lassen und verwedele sie mit größtmöglicher Würde.

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Die Wegbeschreibungen unseres Reiseanbieters sind sehr detailliert. Fast schon absurd detailliert.

„This road soon leads onto a track which in turn becomes a grassy path that takes you down to a small river. You may be able to jump over the narrow stream.”
“Where the trail turns sharply after 525 m turn left onto a rugged track until a junction 15 m further on brings you to a road.”
“Don’t get confused by the Dingle Way signpost pointing in three different directions but simply turn right onto a grassy track (often muddy).”
“After 245 m you have to cross a stile and follow the track which becomes much narrower as it follows a sunken path that runs low between walls and hedges on either side.”
“Eventually you arrive at a small road which you have to follow for just over 4 km, ignoring any tracks and paths left and right.”

Da kann nichts schief gehen. Eigentlich. Wir haben trotzdem immer häufiger Schwierigkeiten, die Hinweise aus der Wegbeschreibung in unserer Umgebung zu entdecken. Wie unterscheidet sich ein Track von einem Path? Sind die 57,4 m schon rum? Und wo ist nochmal links?

Vielleicht können wir uns aufgrund unserer zunehmenden Erschöpfung nicht mehr so gut konzentrieren. Oder es liegt an unserer generellen Orientierungslosigkeit. Ich tendiere zu ersterer Erklärung, befürchte aber das letztere zutreffend ist.

Zum Glück taucht Dingle Dude auf und ruft winkend: „Here you are, mates! Good to see you again. You have to go left. No, the other left. Phantastic, there you go.“

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Schließlich befinden wir uns auf der Straße Richtung Annascaul. Noch 2,5 Kilometer. Es geht die ganze Zeit bergab, aber derletzte Abschnitt zieht sich trotzdem. 2,5 Kilometer bleiben 2,5 Kilometer, egal wie steil es runter geht.

Annascaul hat ungefähr 300 Einwohner*innen und sechs Pubs und Bars. Auf 50 Menschen kommt also ein Pub. Bei diesem Verhältnis müsste es in Berlin ungefähr 82.000 Kneipen geben.

Es ist noch zu früh, um ins B+B zu gehen. Wir kehren erstmal im South Pole Inn ein. Der Pub ist dem berühmtesten Sohn des Ortes gewidmet: Tom Crane. Der nahm Anfang des 20. Jahrhunderts an den meisten britischen Antarktis-Expeditionen teil, wobei die wenigsten dieser Unternehmungen von Erfolg gekrönt waren. Später hat er dann das South Pole Inn gegründet.

Unsere 20-Kilometer-Wanderung bei bestem Wetter ist nicht direkt mit den Mühen und Entbehrungen zu vergleichen, die Tom Crane bei seinen Südpol-Fahrten auf sich genommen hat, aber ein kühles Getränk haben wir uns dennoch verdient. Zeitgleich mit uns kommt eine 20-köpfige Wandergruppe am South Pole Inn an. Die Männer und Frauen sind schon etwas betagter. Einige sehen aus, als hätten sie die 80 bereits überschritten. Vor vielen Jahren. Das hindert sie nicht daran, erstmal ein Pint Guinness zu ordern.

Das ist vielleicht das Geheimnis ihres Alters: Wandern an der frischen Luft und irisches Bier trinken. Wir belassen es trotzdem bei einer Coke Zero.

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The Old Anchor Guesthouse ist unser B+B für heute Nacht. Beata empfängt uns. Die circa 40-jährige gebürtige Polin heißt uns herzlich willkommen und lässt sich erstmal über das Wetter aus. (Natürlich.) Welch ein Glück wir hätten, dass es so sonnig ist, und dass das auch so bleiben solle und sie gar nicht wisse, wann es das letzte Mal so lange so gutes Wetter gegeben hätte. Damit wäre das auch geklärt.

Unsere Zimmer sind nett eingerichtet und geräumig. So können wir unsere Koffer ausbreiten und unsere Klamotten sortieren. Nur der Wasserdruck der Dusche lässt etwas zu wünschen übrig. Er scheint im Minusbereich zu liegen, aber das spart Wasser und ist somit gut für die Umwelt, so dass ich mich nicht beschweren will.

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Zum Abendessen gehen wir in Patcheen’s Bar. Die Tochter nimmt eine Pizza Margaritha, was in Irland als Pub Food durchgeht, und meine Frau wieder Fish & Chips. Ich setze meine Fleisch-Festspiele fort und entscheide mich für einen Beef-Burger. Diesmal mit unglasiertem Zwiebel und ohne Spiegelei, das ich aber nicht wirklich vermisse. (Sorry, Spiegelei) Der Burger ist saftig, der Bun fluffig und die Chips knusprig.

Die Tochter macht uns mit einem unfassbar leckeren Strawberry-Lime-Cider bekannt. Ihr Lieblingsgetränk, das sie meistens schon tränke, bevor sie in den Pub gehe, um dort nicht so viel Geld ausgeben zu müssen. (Ihr Auslandsstudium scheint eine Schule fürs Leben zu sein.) Der Cider schmeckt quasi wie Limo, was ebenso phantastisch wie bedenklich ist.

Die Gerichte in Patcheen’s Bar sind im Schnitt fünf Euro günstiger als gestern in Kirby‘s Brogue Inn. Somit können wir zwei Getränke mehr nehmen, so dass wir inklusive Trinkgeld wieder auf den gleichen Betrag wie am Vorabend kommen.

Auf dem Heimweg treffen wir die beiden Irinnen vom Frühstück wieder. Sie sind ebenfalls im Old Anchor Guesthouse untergebracht. Wir tauschen uns über die heutige Wanderung aus. Sie hatten am Nachmittag ebenfalls Schwierigkeiten mit der Wegbeschreibung. Es lag also nicht an uns. Oder die beiden sind genauso orientierungslos wie wir. Das ist nicht auszuschließen.

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Bevor wir ins Bett gehen, rufen wir den Sohn an. Er ist leicht verschnupft. Wahrscheinlich ist sein Immunsystem geschwächt, weil er uns so sehr vermisst.

Wir fragen, ob er die Blumen gegossen hat. Im Prinzip schon, erklärt er. Also, gestern nicht, aber heute. Dann beendet er das Telefonat recht zügig. Wahrscheinlich um die Blumen zu gießen.

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22.15 Uhr. Wir liegen im Bett. Aus einem der nahegelegenen Pubs erschallt plötzlich Live-Musik. Der Fenster-Rentner in mir findet es, „interessant“, um diese Uhrzeit an einem Sonntagabend ein Konzert zu beginnen.

Die Band spielt Cover-Songs wie „Baby come back“ und „Pretty woman“. Quasi das Kirmes-Band-Repertoire bei uns früher. Wenn du damals Glück hattest, konntest du darauf mit einem hübschen Mädchen tanzen. Und wenn du noch mehr Glück hattest, spielte die Band danach irgendeinen aktuellen Bravo-Kuschelrock-Song und du konntest Stehblues tanzen. Da ich meistens kein Glück hatte, musste ich am Rand stehen und dabei zuschauen, wie die hübschen Mädchen mit anderen tanzten. (Niedergeschrieben klingt das weirder, als es war. Vielleicht auch nicht, wenn ich es mir recht überlege.)

Zum Glück bin ich keine 18 mehr. Sonst müsste ich jetzt in den Pub gehen und darauf hoffen, dass ein hübsches Mädchen mit mir tanzt. Oder hübschen Mädchen beim Tanzen zusehen. (Okay, das hört sich definitiv creepy an.) Stattdessen kann ich in dem bequemen Bett liegen und der Musik aus der Ferne zuhören. Langsam dämmere ich weg. Im Hintergrund läuft „Summer of ´69“.


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Irisches Tagebuch, 03. Juni | Zugfahrt – Mit der Ir’schen Eisenbahne (Teil 2)

Teil 1


Ich schaue durchs Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft. Die ist grün und ein wenig hügelig, aber noch nicht Kerrygold-Werbung spektakulär. Was unter anderem daran liegt, dass wir nicht in Kerry sind.

Meine Frau meint, es sehe hier fast wie in Nordhessen aus, ich erkenne eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Westerwald. Hoffentlich sind diese Vergleiche nicht ehrabschneidend für die irische Landschaft.

Bisher habe ich schon sehr viele Kühe gesehen, aber noch nicht so viele Schafe. Auf einer Weide haben gerade zwei Kühe Sex. Irgendwoher müssen die ja alle kommen.

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Das Display oberhalb der Waggontür zeigt die Informationen zu den kommenden Stationen immer erst auf Irisch und dann auf Englisch an. Irisch sieht ein bisschen aus, als hätte jemand wahllos Vokale und Konsonanten zusammengewürfelt und zur Verzierung noch kleine Haken und Striche über oder unter die Vokale gemalt.

In Thurles steigen zwei junge Männer ein. Sie tragen Anzug mit Weste und Krawatte. Ich tippe auf Investmentbanker. Oder Mormonen auf Missionierungs-Tour.

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Am Bahnhof in Tralee holt uns Sorcha ab, die Betreiberin des B+B, in dem wir heute Nacht untergebracht sind. Sie ist schätzungsweise Mitte 50 und hat mittellanges, kastanienbraunes Haar.

Meine Frau und ich sind etwas nervös. Wir sind beide socially etwas challenged und fürchten uns ein wenig vor Small Talk. Das ist bei Sorcha glücklicherweise kein Problem. Sie ist sehr herzlich und vor allem sehr gesprächig.

Während der gar nicht so langen Autofahrt erfahren wir, dass ihre jüngste Tochter in Galway Irish, Geography und Psychology studiert, Psychology aber aufgeben wird, später mal Secondary oder Primary Teacher werden will, jetzt aber erstmal das Uni-Leben genießt. Ihr Sohn ist 21, hat gerade seine Ausbildung zum Immobilienmakler abgeschlossen und würde jetzt noch ein Studium draufsatteln. Er möge Football, Golf und Gardening und würde noch ein weiteres Jahr bei ihnen wohnen, das sei aber unproblematisch, denn er sei ein sehr unauffälliger Hausgast. Im Gegensatz zu ihren Töchtern, wenn die zuhause wären, bräche immer das Chaos aus, aber es sei trotzdem schön, wenn sie zu Besuch kämen. Ihr Mann Colm wollte heute eigentlich zum Gaelic Football gehen, hätte das Spiel aber aufgrund eines Missverständnisses verpasst, da er vergessen hatte, seinen Freund anzurufen, um Bescheid zu geben, dass er mitkommen würde, was nicht weiter schlimm gewesen wäre, denn so hätten sie sich das Spiel einfach im Fernsehen angeschaut. Das Wetter sei zurzeit sehr nice und das solle auch die nächsten Tage so bleiben und dann stehen wir vor dem B+B und Sorcha zeigt uns unser Zimmer.

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Zum Abendessen laufen wir nach Tralee. Ausgesprochen wird das wie Trolie. Oder Trulie. Oder so ähnlich. Genau weiß ich es nicht. Egal wie ich es betone, die Tochter sagt immer, es sei falsch. Wenn sie es dann ausspricht, hört es sich für mich genauso an, wie ich es gesagt habe. Daher rede ich nur noch von „der Stadt“ oder „dem Ort“.

Tralee ist die Hauptstadt des County Kerrys und liegt im Südwesten Irlands am Anfang der Halbinsel Dingle. (Oder am Ende, wenn du aus der anderen Richtung kommst.) In Tralee leben ungefähr 23.000 Menschen, einer von ihnen war mal Rea Garvey, seines Zeichens ehemaliger Frontmann der Band Reamonn. Beziehungsweise Frontmann der ehemaligen Band Reamonn.

Auf mich wirkt Tralee wie ein leicht heruntergekommener Ferienort, der schon bessere Tage erlebt hat, aber dennoch über einen gewissen Charme verfügt. Die Pub-Dichte in der Stadt ist bemerkenswert hoch. Der nächste Pub ist immer nur zwei Minuten entfernt und auch nur wenn du sehr langsam gehst. (Oder stark schwankst.)

Wie in Carlow gibt es auch in Tralee ziemlich viele Friseure und Barber-Shops. Vielleicht haben Iren einen überdurchschnittlich starken Haar- und Bartwuchs.

Fürs Abendessen fällt unsere Wahl auf das Kirby‘s Brogue Inn. Zum einen stand der Pub auf der Liste unseres Wanderreisenanbieters, zum anderen laufen wir zufällig daran vorbei.

Wir studieren die Karte. Die Preise sind ziemlich happig. Ich wünschte mir, es gäbe eine Damenkarte, in der nicht steht, was die Gerichte kosten. Noch mehr wünschte ich mir, dass zum Schluss ein Herr die Rechnung für mich begleicht.

An einer Wand hängt ein riesiger Fernseher, auf dem Gaelic Football gezeigt wird. Eine Mischung aus Fußball, Handball und Rugby. Auf dem Spielfeld passiert sehr viel, für den Laien erschließt sich aber nur schwer warum.

Die irischen Teams gehören beim Gaelic Football zur absoluten Weltklasse. Außerhalb Irlands gibt es allerdings auch kaum andere Teams.

Das Essen ist reichlich und lecker. Für die Tochter gibt es Gemüselasagne und als Beilage – damit die Kohlenhydrate nicht zu kurz kommen – Knoblauchbrot und Chips (aka Pommes), die Frau bekommt Fish & Chips mit Salat und – weil der Koch seine Kreativität ausgelebt hat – Kapernmayonnaise, und ich esse einen Burger mit Bacon, glasierten Zwiebeln, Gurken, Tomaten, Käse und aus irgendeinem Grund einem Spiegelei. Dazu werden Chips sowie ein Alibi-Salätchen gereicht.

Wir sollten genügend Kalorien für unseren morgigen ersten Wandertag zu uns genommen haben. Mit den Frühstückskalorien wahrscheinlich sogar für die ganze Woche.


Gewinnspiel

Die For Me-Karten wurden verlost und die Gewinnerinnen benachrichtigt. Herzlichen Dank an alle, die so fleißig kommentiert haben, und den Gewinnerinnen viel Spaß beim Festival.


Alle Beiträge der Irischen Tagebücher finden Sie hier:



Ab heute überall erhältlich, wo es Bücher gibt.

Irisches Tagebuch, 03. Juni | Zugfahrt – Mit der Ir’schen Eisenbahne

Wir waren wandern. In Irland. Hier gibt es den Bericht. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Ihnen Ihre Lebenszeit nichts wert ist und Sie alle Beiträge der Irischen Tagebücher lesen möchten, werden Sie hier fündig.


7 Uhr. Ich wache langsam auf. Fühle mich wie gerädert. Komischer Ausdruck. „Sich wie gerädert fühlen.“ Ich weiß nicht, was rädern ist, ohne Google zu bemühen, und damit auch nicht, wie du dich dabei fühlst.

Meine Augenlider sind bleischwer. Das kann ich mit Bestimmtheit sagen. Kein Googeln erforderlich. Es kostet mich nahezu unmenschliche Kraft, sie zu öffnen. Erst das linke, dann das rechte. Draußen ist es schon hell und die Sonne scheint durch das Rollo des Hotelzimmer-Fensters.

Unten auf der Straße unterhalten sich zwei Männer.

„Good morning. How are you?”
“Fine, fine, thank you. How are you?”
“Very good. Thank you.”
“The weather is lovely, isn’t it?“
„Indeed, indeed.“

Es entwickelt sich nun eine mehrminütige Unterhaltung darüber, wie warm es ist, wann es das letzte Mal so warm war, wie lange es noch warm sein soll und ab wann es wieder regnen wird.

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Irisches Tagebuch, 02. Juni | Anreise – Da wackelt nichts (Teil 2)

Teil 1


17 Uhr. Boarding. Warum bezahlen Menschen extra fürs Priority Boarding? Die müssen doch trotzdem warten. Statt am Gate im Flugzeug. Die fliegen ja nicht vor den anderen ab. (Falls doch, werde ich gleich Augen machen.) Vielleicht schmeichelt es ihrem fragilen Ego, als erstes an Bord gehen zu dürfen.

Eine Frau in gelber Warnweste erscheint. Sie trägt eine randlose, rötlich getönte Sonnenbrille, ihre braunen Locken sind mit viel Haarspray in Form gebracht und um ihren Hals hängt goldenes Geschmeide. Im Gesicht hat sie nicht gerade an Make-up, Lippenstift und Lidschatten gespart. Sie hat das aber durchaus gekonnt auftragen. Nicht wie ein vierjähriges Kind, das mit verbundenen Augen seine Schminkpuppe mit Paintballkugeln beschossen hat. Die Frau öffnet die Tür zum Flugfeld und dirigiert die Passagier*innen energisch aber fröhlich in Richtung Flugzeug.

Dort steht eine weitere Frau. Ebenfalls in der obligatorischen Warnweste und auch mit stylisher Sonnenbrille, toupiertem Haar und aufwändiger Gesichtsbemalung. Hinter ihrem Ohr hat sie eine geschmackvolle kleine Blume tätowiert.

Die beiden Frauen sehen weniger nach Flughafen-Bodenpersonal aus, sondern mehr nach Hollywood-Diven. Vielleicht sind sie tatsächlich Schauspielerinnen und üben für eine Bodenpersonal-Rolle. Hoffentlich trifft das nicht auch auf den Piloten zu.

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Am Fenster in meiner Reihe sitzt eine Frau, die sich sofort eine Schlafbrille aufsetzt. Der Mann auf dem Mittelplatz neben mir steht noch dreimal auf, um etwas aus seiner Tasche im Gepäckfach zu holen.

Meine Frau ist links und rechts von zwei hünenhaften Männern eingerahmt. Könnten professionelle Rugbyspieler sein. Oder Schwergewichts-Ringer. Oder beides. Die jammern bestimmt nicht, wenn ihnen jemand die Hand zusammendrückt.

Ich bin müde und würde gerne schlafen. Bis zum Sicherheits-Ballett der Flugbegleiterinnen zwinge ich mich aber, wachzubleiben. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass sich deine Überlebenschancen bei einem Flugzeugabsturz deutlich erhöhen, wenn du bei der Security-Vorführung zuhörst. Da will ich kein Risiko eingehen.

Vielleicht erzählen die Damen ja etwas Neues, was ich noch nicht weiß. Tun sie aber nicht. Die Notausgänge befinden sich an den gleichen Stellen wie immer, die Anschnallgurte öffnen und schließen sich wie eh und je und bei Druckabfall sollst du immer noch zuerst dir eine Maske nehmen und erst dann anderen helfen.

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Nun bin ich hellwach und kann den Flug nicht verschlafen, wie es mein Plan war. Ich könnte aus dem Fenster schauen. Geht aber nicht, denn die Schlafbrillen-Frau verdeckt den Blick nach draußen.

Ist aber auch besser so. Wenn ich aus Flugzeugfenstern schaue, kann ich nicht mehr so gut verdrängen, dass wir uns in einem tonnenschweren Gerät 10.000 Meter in der Luft befinden und dass das zwar physikalisch erklärbar ist, ich aber sehr schlecht in Physik war und es deswegen nicht wirklich verstehe und daher bei jedem kleinen Ruckler denke, dass dem Flugzeug vielleicht gerade einfällt, dass es doch viel zu schwer ist, um sich in der Luft zu halten, und das ist kein schöner Gedanke.

Allerdings ruckelt das Flugzeug nicht. Kein bisschen. Wirklich überhaupt nicht. Es ist der ruhigste Flug meines Lebens. (Ein Satz, den ich selbstverständlich erst nach der Landung und nicht während des Flugs niedergeschrieben habe. Du musst nicht hardcore abergläubisch sein, um zu wissen, dass man so etwas nicht macht.)

Unterdessen verkaufen die Stewardessen Rubbellose. Hauptgewinn eine Million Euro. Ich kaufe kein Los. Ich finde es befremdlich, sich im Glücksspiel zu versuchen, während du 30.000 Fuß über den Wolken fliegst. Außerdem passt es Ying und Yang vielleicht nicht, wenn hier jemand die Million gewinnt, und zur Wiederherstellung des kosmischen Gleichgewichts lassen sie die Maschine abstürzen. Ebenfalls kein schöner Gedanke. (Auch das habe ich natürlich erst niedergeschrieben, nachdem wir sicher gelandet sind. Ich hege schließlich keinen Todeswunsch.)

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Im Flughafen in Dublin geht meine Frau erstmal auf Toilette, ich warte bei der Gepäckausgabe. Wobei ich überhaupt nicht warten muss. Als ich zum Beförderungsband komme, fahren unsere Koffer schon fröhlich im Kreis umher. Stattdessen warte ich auf meine Frau.

Der Flug hat uns hungrig gemacht. Eigentlich hat das gar nichts mit dem Flug zu tun, sondern wir haben generell auf Reisen Hunger. Und sonst meistens auch.

Meine Frau besorgt in einem Flughafen-Shop Sandwiches, Getränke und Schokoriegel. Für einen Preis gegen den unser Proviant am BER ein richtiges Schnäppchen war. (Die Urlaubskasse hat jedweden Lebenswillen verloren.)

Da in Irland der Euro gilt, kannst du die Summe leider nicht durch zehn oder so teilen, sondern der Betrag ist wirklich so hoch wie er ist. Wenn du dir aber vorstellst, ein Kind hätte dir in seinem Kaufmannsladen einen Phantasie-Betrag abgeknöpft, geht es.

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20.05 Uhr. Weiter mit dem Bus nach Carlow. Der Busfahrer macht am Anfang eine Durchsage. Besonders viel verstehe ich nicht. Wegen des schlechten Mikros. Und weil er wie der Butler aus Dinner for One klingt. Nach dem dritten Gang. Das ist nicht so richtig beruhigend, aber wenigstens stolpert er über keine Tigerköpfe und das werte ich als gutes Omen. (Du musst nehmen, was du kriegst.)

Wir fahren durch Dublin. Dort gibt es sehr viele Brücken. Futuristische, antike, moderne, metallene, rostige, grüne, weiße, rote. Mir gefällt das. Anscheinend habe ich mich während des Fluges in einen Rentner verwandelt, der sich am Anblick von Brücken erfreut. Toll!

In der ersten Reihe hockt ein Typ mit riesigen Kopfhörern. Seine Musik ist so laut, dass der halbe Bus mithören muss. Ich äußere mich kritisch dazu und mein innerer, Brücken liebender Rentner nickt zustimmend. Meine Frau erklärt, die Musik käme nicht aus den Kopfhörern, das sei das Radio des Busfahrers.

Tatsächlich. Der Fahrer scheint ein großer Fan des Senders zu sein. Bei jedem Lied dreht er die Lautstärke etwas höher. Von Tina Turner über Bee-Gees bis zu A-ha. Bei Michael Jackson geht er all in und holt aus den Boxen raus, was rauszuholen ist.

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22.15 Uhr. Unser Musik-Express erreicht Carlow. Die Tochter nimmt uns in Empfang und wir gehen zum Hotel. Laut Website liegt das Dinn Rí zentral in der Innenstadt. Eine etwas unpräzise Ortsangabe, denn in Carlow ist quasi alles zentral und befindet sich mehr oder weniger in der Innenstadt.

Im Hotel liegt im Flur und im Zimmer ein unfassbar dicker Teppich. Fühlt sich an, als würdest du knöcheltief durch eine Marshmallow-Wiese waten. Ich verdränge den Gedanken, dass Milben den Teppich bestimmt super finden und darin eine Megacity mit Millionen von Einwohner*innen gebaut haben.

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Zum Abschluss des Tages Besuch in einer Bar. Die liegt praktischerweise direkt neben dem Hotel. Sie gehört dem gleichen Besitzer. Genauso wie das Frühstücks-Café gegenüber und die beiden einzigen Nachtclubs in Carlow. Gegen diesen Menschen sind Jeff Bezos und Elon Musk wahrscheinlich Sozialhilfeempfänger.

Erkläre dem Mann hinter der Theke, ich hätte gerne ein irisches Bier, aber auf keinen Fall Guinness. Er zählt eine Reihe von Bieren auf, die mir alle nichts sagen, und sagt etwas zu ihrem Geschmack, was ich nicht verstehe, weil die Musik so laut ist.

Als ich das Wort Lager höre, sage ich einfach „Excellent!“ Zur Sicherheit recke ich einen Daumen hoch. Falls er mich wegen der lauten Musik auch nicht versteht, und damit er nicht denkt, ich hätte „asshole“ gesagt.

Ich bestelle noch Cider (für die Tochter) und Guiness (für meine Frau). Der Barkeeper ist irritiert. Habe ich eben nicht explizit gesagt, dass ich quasi alles, aber unter keinen Umständen Guiness trinken möchte? Damit er nicht denkt, ich hätte mich über ihn lustig gemacht, recke ich wieder den Daumen hoch. Um jeden Zweifel auszuschließen, gebe ich ein viel zu großzügiges Trinkgeld. Jetzt denkt er erst recht, ich hätte ihn verarscht.

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Zurück im Hotel. Der junge Mann an der Rezeption schaut kurz von seinem Handy auf und begrüßt uns beiläufig mit „How is it going?“ Mich verwirrt das, denn ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Genauso wie auf „How are you?“

Was antwortet man da? Vielleicht mit der deutschen Variante? „Könnte schlechter sein.“ Oder ehrlich? „Die letzte Woche vor dem Urlaub war sehr stressig, aber jetzt freuen wir uns auf die Dingle-Wanderung.“ Oder etwas zu meinem körperlichen Befinden? „Beim Joggen zieht es manchmal im Knie. Das läuft sich aber nach ein paar Kilometern meistens weg.“

Dem Mann ist das wahrscheinlich alles egal. Ich murmle: „All right.“ Das interessiert ihn auch nicht, denn er schaut schon wieder in sein Handy.


Gewinnspiel

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