Eine kleine Wochenschau | KW33-2023 (Teil 2)

Teil 1


17. August 2023, Berlin

Großes Kino in der Straße vor unserer Wohnung. Ein Mercedes GTI Coupé in matt schwarz versucht einzuparken. Beziehungsweise der Fahrer des Mercedes versucht es. Vom Balkon aus sehe ich nur seinen muskulösen rechten Arm, mit dem er schaltet.

Die von ihm auserwählte Parklücke ist relativ groß und an der Straßenseite gegenüber parken keine Autos, so dass es ausreichend Platz gibt, um das Auto in die Lücke zu manövrieren. Allerdings parkt der Mann ungefähr so gut ein wie ich. Das heißt, sehr, sehr schlecht. Er fährt ein Stückchen vor, bremst ab, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen zurück, bremst, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen vor, bremst ab, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen zurück, bremst, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen vor, bremst ab, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen zurück, bremst, schlägt das Lenkrad ein, schaltet und so weiter und so weiter.

Das geht fünf Minuten so, ohne dass er dem Ziel des Einparkens näherkommt. Das passt gar nicht zu dem Auto und dem Arm. Zumindest in meiner klischeebehafteten Vorstellung. In der können Männer mit dicken Autos und dicken Armen gut einparken. In der Realität nicht unbedingt. Ich habe fast ein bisschen Mitleid mit dem Mercedes-Fahrer.

Inzwischen stauen sich links und rechts die Autos die Straße hinunter. Allerdings traut sich niemand zu hupen. Wahrscheinlich wegen des muskulösen Arms.

Schließlich gibt der Mann sein Parkvorhaben auf, braust mit dröhnendem Motor davon und fährt bei rot über die nächste Kreuzung.

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Meine Frau und ich liegen abends im Bett und lesen. Gerade als ich mein Buch weggelegt habe und fast eingeschlafen bin, tut es draußen einen ohrenbetäubenden Schlag: ein krachender Blitz, dicht gefolgt von einem Donnerschlag. Starkregen setzt ein, innerhalb von Minuten steht das Wasser knöchelhoch in der Straße. Meine Frau meint, das Wetter sei kaputt, ich frage mich, ob möglicherweise so die Apokalypse anfängt.

Als Kind habe ich mich sehr vor Gewittern gefürchtet. Ich saß dann bei meiner Mutter auf dem Schoß und habe geweint. Irgendwann, ich muss so sieben oder acht gewesen sein, fragte sie mich, was ich denn später machen würde, wenn meine Kinder Angst vor Gewittern hätten. Ich erklärte, dass ich dann zusammen mit ihnen weinen würde. So weit ist es aber nie gekommen.

Meine Frau und ich stehen zusammen am Fenster, schauen uns den prasselnden Regen an und zählen die Sekunden zwischen den Blitzen und Donnern. Das habe ich als Kind mit meiner Mutter auch gemacht. Zur Ablenkung und Beruhigung. Was allerdings nur funktioniert hat, wenn die Abstände größer wurden.

Es blitzt zweimal hintereinander, ohne dass es dazwischen donnert. Ich bin verwirrt. Was bedeutet das? Dass das Gewitter ganz weit weg ist? Oder befinden wir uns mitten im Auge des Unwetters? Oder funktionieren Gewitter in der Apokalypse anders?

18. August 2023, Berlin

Heute ist Tag der schlechten Poesie.

„Bitte, liebe Mutter, reich mir mal die Butter.
Danke sehr, bitte gib mir doch noch mehr.“

Damit sollte ich diesen Tag ausreichend gewürdigt haben.

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Apropos schlechte Poesie. Wir bekommen einen Brief von der Hausverwaltung. Die Neben- und Heizkostenabrechnung fürs letzte Jahr. Die gute Nachricht: Unsere Nachzahlung ist nicht vierstellig. Die schlechte: Es fehlen nur 70 Euro bis zur Vierstelligkeit.

Dabei waren wir sehr sparsam. Wir haben rund fünfzig Prozent weniger bei Heizung und Wasser verbraucht. (Robert Habeck nicht anerkennend, Winfried Kretschmann überreicht uns einen goldenen Waschlappen, Christian Lindner schaut unbeteiligt weg.)

Ich bin dankbar, dass wir in der privilegierten Position sind, in der so eine Nachzahlung zwar nervig ist – ziemlich nervig sogar –, wir sie aber verkraften können.

19. August 2023, Berlin

Unangenehmes Erlebnis beim Laufen. Heute steht der „lange Lauf“ auf dem Plan. 35 Kilometer, die letzten sechs davon im Marathontempo. Das ist aber noch nicht der unangenehme Teil.

Um auf die vorgesehenen Kilometer zu kommen, laufe ich zum Grunewald und im Grunewald herum. Bei Kilometer 15 trinke ich eines meiner Energiegels. Mit Orangen-Geschmack. Danach muss ich aufstoßen.

„Das ist nicht schlimm“, denke ich. „Hier ist ja niemand.“ Also lasse ich meinem Mund einen Röhrer entweichen, bei dem sich Hirschkühe im Umkreis von zehn Kilometern erschrocken fragen: „Scheiße, muss ich gleich ran?“

Kaum ist wieder Stille eingetreten, höre ich es links neben mir knacken. Ein dicklicher, weißhaariger Mann schiebt sich auf seinem Mountainbike an mir vorbei. Sofern er keine Noise-Cancelling-Kopfhörer trägt oder vollkommen gehörlos ist, hat er meinen Rülps er auf jeden Fall gehört.

Ich würde am liebsten im Erdboden versinken. Andererseits hat der Mann aber Glück gehabt. Wäre er eben vor mir gefahren, hätten ihn die Schallwellen vom Rad geweht.

20. August 2023, Berlin

Im Traum lädt mich eine (fiktive) Bekannte meiner Eltern zu einem Duft- und Aroma-Seminar ein. Ich habe keine Ahnung, was mir mein Unterbewusstsein damit sagen will. Ich weiß nicht mal, was überhaupt ein Duft- und Aroma-Seminar ist. Die fiktive Bekannte erklärt mir das auch nicht, sondern lädt mich ganz selbstverständlich dazu ein, als sei es genau das Richtige für mich.

Ist es aber nicht, denn ich rieche nicht gut. Damit meine ich nicht, dass ich stinke – zumindest meistens nicht –, sondern es fällt mir sehr schwer Gerüche zu erfassen. Das gelingt mir nur, wenn sie sehr intensiv sind. Ich bin anscheinend schwernasig. Das kann aber durchaus von Vorteil sein. Zum Beispiel im Sommer in der U-Bahn.


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Familien-Tweets und -Tröts der Woche (469)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Eine kleine Wochenschau | KW32-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


07. August 2023, Berlin

Meine Frau ist gestern mit ihrer Mutter und der Tochter für eine Woche nach Föhr gefahren. Abends gerate ich auf 3Sat in eine Dokumentation über die spektakulärsten Bergbahnen der Schweiz. Genauer gesagt, über die Rigi-Bahn, die erste Zahnrad-Bahn Europas, ein Meisterwerk der Schweizerischen Ingenieurskunst, erfunden von einem Mann, der auf dem eingeblendeten schwarzweiß Foto über einen stattlichen Bart verfügt, dessen Namen ich jedoch vergessen habe. (Ich kann Ihnen also nicht sagen, wie der Zahnrad-Bahn-Erfinder heißt, könnte aber helfen, eine Phantombild-Zeichnung von ihm anzufertigen.)

Die Rigi-Bahn fährt von Arth-Goldau hoch auf den Gipfel der Rigi durch atemberaubende Berg-Landschaften mit Wasserfällen, Felsen und grünen Wiesen. Auf einer Strecke von achteinhalb Kilometern bewältigt sie circa 1.300 Höhenmeter. Vor der Eröffnung der Rigi-Bahn 1871 wurden betuchte Menschen in Sänften den Berg hinaufgetragen, was ich mir für alle Beteiligten unschön vorstelle.

Dreimal im Jahr, dem sogenannten Rigi-Historic-XXL-Day, werden die alten Züge aus dem Depot geholt, und fahren einen Tag lang hoch zum Rigi-Kulm. (Und im Idealfall auch wieder runter.) Einige der Triebwagen sind über 100 Jahre alt, der älteste sogar 149 Jahre. Der feucht-fröhliche Traum aller Trainspotter. Die reisen extra aus ganz Europa an, um dieses Ereignis in Bild und Video festzuhalten.

Als der Abspann läuft, frage ich mich, ob mir mein Strohwitwertum nicht so gut tut. Meine Frau ist nicht einmal zwei Tage weg und schon schaue ich Dokumentationen über historische Züge. Sollte sie mich jemals verlassen, sehe ich mich, wie ich an der Rigi-Strecke stehe und gemeinsam mit anderen Zug-Nerds – meinen neuen besten Freunden – alte Zahnrad-Bahnen fotografiere.

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Eine kleine Wochenschau | KW32-2023 (Teil 2)

Teil 1


11. August 2023, Berlin

Ich stehe an ungefähr fünfzehnter Stelle in der Warteschlange bei Penny. Der Mann hinter mir ist ungeduldig. Er ist etwas jünger als ich und trägt vier Dosen Bier in den Händen. Seine leicht ins Rot-Lila spielende Nase deutet darauf hin, dass er in seinem Leben schon recht viel Alkohol getrunken hat.

Weil ihm das alles zu lange dauert, geht er zum Kassierer und fordert in mäßig freundlichem Ton, dass eine zweite Kasse geöffnet wird. Der Kassier murmelt etwas in sein Mikro und dann passiert erstmal nichts.

Drei Minuten später geht der Bierdosen-Mann wieder zum Kassierer und sagt in noch weniger freundlichem Ton, es sei eine Frechheit, wie die Kunden hier behandelt würden, und es solle jetzt unverzüglich eine weitere Kasse aufgemacht werden. Kurz danach erscheint tatsächlich eine Penny-Mitarbeiterin und setzt sich an eine der anderen Kassen.

Als der Bierdosen-Mann an der Reihe ist, hat er sich immer noch nicht beruhigt und schimpft, der Umgang mit den Kunden hier sei eine Unart. Die Kassiererin ignoriert den Mann und sagt gar nichts. Das macht ihn noch ungehaltener und er sagt, er würde heute Abend beim Filialleiter anrufen und sich über ihr unverschämtes Benehmen beschweren.

Ich frage mich, ob der Mann sich heute Abend tatsächlich die Mühe macht, bei Penny anzurufen, sich so lange durchstellen lässt, bis er bei dem Filialleiter landet, und sich dann bei diesem über die unhaltbaren Zustände in seinem Laden beklagt.

Unterdessen wird es einer Kundin in der Nachbarschlange zu bunt. „Mein Gott, jetzt lassen sie die Frau in Ruhe. Die will nur ihre Arbeit machen“, weist sie ihn zurecht. Wenig überraschend passt dem Mann das nicht.

„Ich lass´ mir von Ihnen gar nichts vorschreiben. Ich rede, wann ich will. Meinungsfreiheit, verstehn ´se?“
„Und es ist meine Meinungsfreiheit, zu sagen, dass sie die Frau in Ruhe lassen sollen.“
„Wissen Sie überhaupt wie man Meinungsfreiheit schreibt?“
„Das werd´ ich Ihnen nicht buchstabieren. Das können Sie schön selbst nachschlagen.“

Ich bin fasziniert von diesem Schlagabtausch. Zum einen, weil sich die beiden siezen. Zum anderen ist das Gespräch zwar scharf im Ton, gleichzeitig auch irgendwie sachlich. Also, vielleicht kein herrschaftsfreier Diskurs im Habermasschen Sinne, bei dem nur das bessere Argument zählt. Aber die Atmosphäre ist auch nicht übermäßig aggressiv und die beiden sind nicht kurz davor, sich an die Gurgel zu gehen.

Möglicherweise lebe ich allerdings einfach schon zu lange in Berlin, dass ich das für eine halbwegs normale Unterhaltung halte.

12. August 2023, Berlin

Ich gehe heute das Projekt Erdbeermarmelade kochen an. Dazu sind wir dieses Jahr noch nicht gekommen. Meine Frau wollte das noch kurz vor unserem Urlaub erledigen. Ich meinte aber, das könnten wir machen, wenn wir zurückkommen, im August gäbe es auf jeden Fall noch Erdbeeren. Meine Frau schaute skeptisch, ich nickte zuversichtlich und damit war die Sache erstmal erledigt. Um ehrlich zu sein, war ich von meiner Einschätzung selbst nicht vollkommen überzeugt, aber ich hatte keine Lust, parallel zum Kofferpacken Marmelade zu kochen.

Zu meiner eigenen Überraschung – und Erleichterung – lag ich mit meiner Erdbeer-Verkaufssaison-Prognose richtig. Vor der Heilandskirche, dem Erdbeer-Verkaufs-Hotspot in unserem Kiez, steht immer noch eines der markanten Erdbeerhäuschen von Karl’s Erdbeerhof. Es gibt sogar ein Sonderangebot. 500 Gramm kosten 5,45 Euro, das Kilo nur 8,90 Euro. Das ist zwar immer noch ein stattlicher Kilopreis für Erdbeeren, aber ich spare damit zwei Euro und das überzeugt den Sparfuchs in mir.

Ich entscheide mich für vier Kilo, damit ich einen großen Marmeladen-Vorrat kochen kann. Noch lieber würde ich acht Kilo nehmen, dann wären wir fast bis zum Beginn der nächsten Erdbeer-Saison versorgt, aber ich möchte nicht maßlos erscheinen. (Stattdessen werde ich in den nächsten Tagen nochmal kommen und die restlichen vier Kilo besorgen.)

Die junge Verkäuferin tippt auf dem Taschenrechner rum. „Das macht 26,70 Euro.“

Ich war nie besonders gut in höherer Mathematik. Also, falls Algebra und Analysis zu höherer Mathematik gehören. Falls nicht, war ich schon in mittlerer Mathematik nicht besonders gut. Dafür kann ich okay Kopfrechnen. (Zumindest im Zahlenraum bis 100.) Somit merke ich sofort, dass 26,70 Euro für vier Kilo Erdbeeren zu wenig sind.

Kurz überlege ich, nichts zu sagen. Dann hätte ich nicht nur zwei Euro pro Kilo gespart, sondern mehr als vier. Ich habe jedoch Skrupel. Nicht wegen Karl‘s Erdbeerhof. Bei deren Preisen können die einen Verlust von knapp zehn Euro verkraften. (Meine Moral ist flexibel genug, dass sie bei Wirtschaftsunternehmen endet.)

Aber vielleicht müsste die Verkäuferin ihren Fehler persönlich ausbaden und der Fehlbetrag würde von ihrem Lohn abgezogen. Das würde mir leidtun und wäre auch nicht gut für mein Karma. Dann verschimmelt mir die Erdbeermarmelade innerhalb von drei Tagen und darüber hinaus werde ich im nächsten Leben als Kellerassel wiedergeboren.

Also weise ich die junge Frau auf den zu niedrigen Betrag hin. Damit ich nicht zu mansplainig rüberkomme, sage ich: „Ich glaube, das ist zu wenig.“ Anstatt sich zu freuen, dass ich sie vor einem Lohnabzug bewahre, schüttelt sie den Kopf. „Das stimmt so.“ Sie hält mir den Taschenrechner hin, auf dessen Display 26,70 steht.

Nun könnte ich mir sagen: „Ich hab‘s versucht, dann will sie es nicht anders.“ und mich über meinen zusätzlichen Rabatt freuen. Noch lieber möchte ich meinem Kellerassel-Schicksal entgehen.

„Aber das Kilo kostet fast neun Euro, dann müssen das bei vier Kilo knapp 36 Euro sein“, insistiere ich und bin mir bewusst, dass das nun durchaus mansplainig rüberkommen könnte. Aber ich habe erstens recht und tue das zweitens für die Verkäuferin.

Die junge Frau gibt jedoch nicht klein bei. „Aber hier steht 26,70.“ Sie hält mir wieder den Taschenrechner vors Gesicht. Diskutiere ich hier wirklich mit der Erdbeerverkäuferin, damit ich zehn Euro mehr bezahle? Meine innere Kellerassel nickt.

„Vielleicht geben sie das nochmal neu ein“, schlage ich vor. „Vier mal 8,90“, ergänze ich zur Sicherheit. Die Frau verzieht unmerklich das Gesicht, als sei das ein vollkommen hirnrissiger Vorschlag, weil sowieso wieder das gleiche rauskommen wird. Trotzdem tippt sie auf ihrem Taschenrechner rum.

Im Gegensatz zu mir überrascht sie das Ergebnis. „Sie haben recht“, sagt sie. „Es sind 35,60 Euro.“ Ich verkneife mir ein: „Sehen Sie“ und gebe ihr 40 Euro.

„Da hätten sie fast ein Sonder-Sonderangebot bekommen“, sagt sie, als sie das Rückgeld abzählt. Ja, habe ich aber nicht. Weil ich nicht als Kellerassel leben will. Stattdessen erwarte ich, im nächsten Leben als irgendeine Gottheit wiedergeboren zu werden. Oder wenigstens als Chris Hemsworth.

13. August 2023, Berlin

Der Sohn fährt heute für eine Woche ins Judo-Trainingslager. Dafür kommen meine Frau und die Tochter heute Abend zurück. Selbstverständlich freue ich mich darüber. Wobei ein, zwei Tage später wäre auch nicht schlimm. Morgen kommt auf 3Sat nämlich die Doku „Dampfende Züge, dampfende Küche in der Toskana“.


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Familien-Tweets und -Tröts der Woche (468)

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Irisches Tagebuch, 09. Juni | Dublin: Wo sind all die Tiere hin?

Wir waren wandern. In Irland. Hier gibt es den Bericht. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Ihnen Ihre Lebenszeit nichts wert ist und Sie alle Beiträge der Irischen Tagebücher lesen möchten, werden Sie hier fündig.


6 Uhr. Ich bin wach. Hellwach. Wenigstens schlafe ich seit zwei Tagen ein Stündchen länger und wache nicht mehr zu meiner üblichen Berliner Weckerklingeln-unter-der-Woche-Uhrzeit in auf. (Nimm das, Kapitalismus!)

Recherchiere am Handy nach Frühstücksoptionen. Die Auswahl ist riesig. In Dublin haben in den letzten Jahren viele neue Cafés mit nachhaltigen, ökologisch tadellosen und sozial unverdächtigen Angeboten aufgemacht. Die verwendeten Zutaten sind selbstverständlich regional, bio, fair, häufig vegetarisch, manchmal vegan. Schon beim Lesen fühle ich mich gesünder und moralisch gut. Die Speisen reichen von Seitan-Würstchen über glutenfreie Sandwiches, Smoothie-Bowls, Humus auf Dinkel-Toast, Chia-Porridge bis zu Avocado-Bagels und vielem mehr, was das Öko-Hipster-Herz erfreut. Komme mir vor wie ein Character in einer Sims Special Edition „Prenzlauer Berg“.

Die Fülle der Cafés überfordert mich. Ich habe keine Ahnung, wo wir hingehen sollen. Beim Wandern war das einfacher. Da hattest du dein B+B, es gab einen Frühstücksraum, du konntest aus drei bis vier Gerichten auswählen, dazu wurde Filterkaffee getrunken und fertig war die Laube. Beziehungsweise das Frühstück.

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Irisches Tagebuch, 09. Juni | Dublin: Wo sind all die Tiere hin? (Teil 2)

Teil 1


Ich muss gestehen, richtig warm werde ich mit Dublin nicht. Nach vier Tagen auf dem Dingle Way, wo du nur ab und an ein paar andere Wander*innen getroffen hast, ist die Großstadt für mich eine konstante Reizüberflutung. Zu viele Menschen, zu viel Lärm, zu viel Verkehr. Dafür zu wenige Kühe und Schafe.

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Am Ende der Grafton Street, auf der anderen Straßenseite, liegt ein kleiner Park. St. Stephen’s Green. Die öffentliche Anlage erstreckt sich über eine Fläche von neun Hektar mit grünem Rasen, Blumenbeeten, angelegten Wegen, Statuen und Gebäuden im viktorianischen Stil. (Natürlich habe ich keine Ahnung von viktorianischen Baustilen. Ich habe das von einer irischen Website übernommen.)

Auf einem kleinen See schwimmt ein Schwanenpaar mit seinen Küken. Alles sehr idyllisch hier. Das ist mehr nach meinem Geschmack als die Reizüberflutung des hektische Großstadttreibens. Leider kam niemand auf die Idee, aus den Grünflächen Weiden für Kühe und Schafe zu machen.

Jetzt reicht es aber mit der verklärenden Naturromantik, Christian. Nur weil du mal ein paar Tage in der irischen Landschaft unterwegs war, musst du hier nicht auf naturverbundenen Einsiedler machen, der nur in der Abgeschiedenheit – und in Begleitung von Kühen und Schafen – mit sich und der Welt im Reinen sein kann. Schlimm!

Außer den Schwänen sehen wir doch noch ein paar Tiere in Dublin. Hauptsächlich Möwen. Richtig stattliche Exemplare. Nicht so kleine Mickerlinge, die sich manchmal an der Spree aufhalten. Umgekehrt sind die Dubliner Tauben viel schmächtiger als ihre Berliner Verwandtschaft. Wahrscheinlich fressen die Möwen ihnen alles weg.

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16 Uhr. Wir treffen die Tochter an einer Tram-Station. Ich übernehme ihren Koffer, sie fährt mit ihrer Mutter zum St. Anne’s Park, etwas außerhalb von Dublin. Dort spielen heute Abend Pulp, eine der Lieblingsbands meiner Frau. Als sie Anfang der 90er erstmals ein Video von ihnen bei MTV gesehen hat, war das mind-blowing für sie. Vor allem die Erkenntnis, dass es auch andere Musik – und vor allem bessere – als bei HR3 gibt. Die Tochter kommt mit, weil ihre Mutter sie gefragt hat, und sie Schwierigkeiten hat, nein zu sagen.

Ich verzichte auf das Konzert. Pulp finde ich zwar ganz okay und Jarvis Cocker ist selbstverständlich unfassbar cool und charismatisch – obwohl er eher uncool und nerdig aussieht –, aber das reicht mir nicht, um mir das live anzuschauen.

Ohnehin versuche ich, Konzerte zu meiden. Besonders von meinen Lieblingsbands. Meistens steht in meiner Nähe irgendein arschgeigiger Trottel und benimmt sich arschgeigig-trottelig. Das macht mir dann schlechte Laune. Ich möchte nicht, dass arschgeigige Trottel den gleichen Musikgeschmack wie ich habe.

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Nachdem ich den töchterlichen Koffer ins Hotel gebracht habe, will ich noch Postkarten besorgen. Für meine Eltern und meine Schwiegermutter. In den Souvenir-Läden finde ich hauptsächlich Dublin-Motive, aber nichts von der Dingle Halbinsel und schon gar nicht vom Dingle Way. Was mich eigentlich nicht wahnsinnig überraschen sollte. Schließlich bekomme ich in Berlin auch keine Postkarten aus dem Harz oder der Lüneburger Heide.

Ich entscheide mich für eine Karte mit einem großen Schaf. Ist ja nicht ausgeschlossen, dass es aus Dingle ist. Vielleicht sogar eins, an dem wir vorbeigelaufen sind. Zumindest werde ich das behaupten.

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Gegen 20 Uhr laufe ich durch Temple Bar. Ein Viertel, bekannt für sein ausschweifendes Nachtleben, und Anziehungspunkt für viele Tourist*innen. Ein Pub reiht sich hier an den nächsten, in vielen gibt es Live-Musik. So entsteht ein bizarrer Mash-up aus „Zombie“, „500 miles” und „Is this the way to Amarillo“. Traditionelle irische Folk-Musik ist Fehlanzeige.

Richtig lohnenswert finde ich Temple Bar nicht. Nicht nur, weil es hier auch keine Kühe und Schafe gibt. Mit den vielen Betrunkenen, die grölend durch die Straßen schwanken, strahlt das Viertel für mich starke Ballermann-Vibes aus. Ein authentisches Irish-Pub-Erlebnis bekommst du hier eher nicht.

Ein Bekannter von mir war Anfang der 90er Jahre in Dublin und gelangte durch Zufall in einen IRA-Pub. Dort waren so viele Menschen, dass du gar nicht bis zur Theke durchkamst. Das Geld und die Getränke wurden einfach über die Köpfe hinweg gereicht. Die Stimmung war trotzdem gigantisch. Oder gerade deswegen. Um 23 Uhr war Sperrstunde und alle sangen zusammen die irische Nationalhymne. Möglicherweise ein etwas zu authentisches Irish-Pub-Erlebnis.

Ich habe ohnehin keine rechte Lust, allein in einen Pub zu gehen. Würde ich in Berlin auch nicht machen. Mich in irgendeine Eckkneipe hocken, in der ich niemanden kenne. Ich habe nicht allzu viele Prinzipien in meinem Leben, aber eines ist, niemals allein Alkohol zu trinken. Sonst hätte ich das Gefühl, die Kontrolle über mein Leben zu verlieren. Interessanterweise habe ich das nicht, wenn ich beim Kölner Karneval schon um 11 Uhr mit dem Kölsch trinken anfange. Da bin ich aber auch in Gesellschaft.

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Ich gehe ins Hotel und ziehe mich um. Schließlich müssen wir morgen um 3 Uhr raus, um zum Flughafen zu fahren.

Als ich im Bett liege, lasse ich die letzten Tage Revue passieren:

  • Wanderstrecke: 92km
  • Wanderzeit: 23 Stunden
  • Schritte: 135.000
  • Höhenmeter: 1.600 Höhenmeter
  • Dingle Dude: 1
  • Blasen: 3
  • Tropfen Regen: 0
  • Schafe: Tausende
  • Kühe: Tausende
  • Pferde: Dutzende
  • Esel: 2
  • Hunde: 4 (Vielleicht auch nur 2; Rassen unbekannt)
  • Insekten: sehr viele
  • Stunden im Zug: 9
  • Stunden im Bus: 3
  • Full Irish Breakfasts: 4
  • Pancakes: 4
  • French Toast: 2
  • Rühreier: 6
  • Avocado-Toast: 1
  • Porridge/Müsli: 3
  • Käseplatte: 1
  • Grapefruits: 3
  • Scones: 3
  • Burger: 7 (2 davon vegetarisch)
  • Pizzen: 2
  • Fish & Chips: 3
  • Lasagne: 1
  • Knoblauchbrot: 1
  • Sandwiches: 19
  • Packungen Crisps: 7
  • Rosinenbrötchen: 6
  • Schokoriegel: 16
  • Packungen Kekse: 2
  • Wasser: 14l
  • Pubs: 7
  • Guinness: 1
  • Lager: 6
  • Ale: 4
  • Cider: 10
  • Gin Tonic: 1
  • Eis: 3
  • Postkarten: 2
  • B+B: 5
  • Hotels: 2
  • Wetter-Small-Talk: ständig

Alles war gut, denke ich und schlafe ein. Ich kann mich fast nie an meine Träume erinnern, so auch diese Nacht nicht. Aber ich gehe davon aus, dass Kühe und Schafe eine wichtige Rolle spielten.


Gewinnspiel

Die For Me-Karten wurden verlost und die Gewinnerinnen benachrichtigt. Herzlichen Dank an alle, die so fleißig kommentiert haben, und den Gewinnerinnen viel Spaß beim Festival.


Alle Beiträge der Irischen Tagebücher finden Sie hier:



Ab heute überall erhältlich, wo es Bücher gibt.

Irisches Tagebuch, 08. Juni | Bus- und Zugfahrt – Von Dingle nach Dublin

Wir waren wandern. In Irland. Hier gibt es den Bericht. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Ihnen Ihre Lebenszeit nichts wert ist und Sie alle Beiträge der Irischen Tagebücher lesen möchten, werden Sie hier fündig.


6 Uhr. Wache durch ein summiges Brummen auf. Oder ein brummiges Summen. Wenigstens eine Stunde später und nicht durch meinen inneren protestantischen Arbeitsethiker. Dafür durch eine Wespe von beachtlicher Größe – und Lautstärke –, die sich in unserem Zimmer verirrt hat.

Die Wespe fliegt am Fenster hin und her, um einen Ausgang zu finden. Kaum dotzt sie 38-mal gegen die Scheibe und schon bemerkt sie, dass der geöffnete Fensterspalt den Weg nach draußen ermöglicht. Genau der Spalt, durch den sie zwei Minuten vorher reingeflogen kam. Wenigstens schafft sie es allein in die Freiheit und ich muss nicht aufstehen, um sie rauszubefördern.

Nun bin ich hellwach. Auf der Nachbarweide sind die Kühe zurück. Sie kauen erstaunlich geräuschvoll. Ich könnte meine Frau wecken und sie darüber informieren, lasse es aber lieber bleiben. Ein paar frühe Vögel, auf der Suche nach dem Wurm, zwitschern lautstark. In der Ferne miaut eine Katze. In die ländliche Tiergeräusch-Idylle mischt sich das sonore Schnarchen aus dem Nachbarzimmer.

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Irisches Tagebuch, 08. Juni | Bus- und Zugfahrt – Von Dingle nach Dublin (Teil 2)

Teil 1


Den Rest der Fahrt kann ich endlich genießen, denn ich denke, dass sich das Fahrkarten-Problem erledigt hat. Bei unserer Ankunft in Dublin stellt sich heraus, dass diese Annahme so vorläufig wie falsch war.

De Bahnsteige kannst du nur durch eine Absperrung verlassen. Diese öffnet sich erst, wenn du dein Ticket einscannst. Natürlich ein gültiges. Sonst bewegt sich bei der Absperrung nichts.

Ich überlege, was wir jetzt tun können. Vielleicht verbringen wir einfach den Rest unseres Lebens auf dem Bahnsteig. So wie der Mann, von dem ich mal gelesen habe, der 18 Jahre auf dem Pariser Flughafen lebte, weil er keine gültigen Papiere hatte.

Bevor meine Schweißdrüsen hochfahren können, scheucht uns die Tochter zu dem Ausgang für Rollstuhlfahrer*innen sowie Menschen mit Rädern oder sperrigem Gepäck. Dort gibt es keine Absperrung und wir huschen mit der Menge hinaus. Ich frage lieber nicht, woher die Tochter so schnell wusste, wie du den Dubliner Bahnhof ohne Fahrschein verlässt.

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Zum Hotel sind es ein paar Stationen mit der Tram, die in Dublin Luas heißt. Mein Bedarf an klandestinem Fahren ohne Ticket ist für heute – und die nächsten acht Jahre – gedeckt und wir gehen zum Ticketautomaten. Dort darf ich doch noch den doofen Touri geben.

Der Automat zeigt Dutzende von Ticketmöglichkeiten an. Für eine oder mehrere Zonen, für Tages-, Wochen- und Monatskarten, für peak- und off-peak-Zeiten, für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren und so weiter und so fort. Ich habe keine Ahnung, welches Ticket wir kaufen müssen. Eigentlich fühle ich mich nicht wie ein doofer Touri, sondern wie ein tattriger Greis, der technologisch abgehängt ist und sich in dieser schnelllebigen Zeit nicht mehr zurechtfindet.

Mit ein paar flinken Fingerbewegungen auf dem Touchscreen wählt die Tochter die richtigen Karten für uns aus. Jetzt fühle ich mich erst recht wie ein überforderter Tattergreis. Trotzdem bietet mir in der Tram niemand einen Sitzplatz an.

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Unser Hotel gehört zu einer internationalen Kette. Die Zimmer sind seelenlos-modern gestaltet, verfügen aber über eine integrierte Küchenzeile für die Selbstversorgung. Für zwei Nächte zu Dritt müssen wir einen selbst für Dublin horrenden Preis in mittlerer dreistelliger Höhe zahlen. Auf den Bildern im Internet sieht das Hotel ganz nett aus, aber auch nicht wie das Adlon, wo ich solche Preise vermuten würde. (Ich habe keine Ahnung, was Zimmer im Adlon kosten. Wahrscheinlich 500 pro Nacht. Für die Besenkammer.)

Allerdings konnte ich für dieses Wochenende trotz intensiver Recherche keine günstigere Alternative finden. Abgesehen von einem schäbigen Wohnwagen 50 Kilometer außerhalb von Dublin für 350 Euro sowie ein Hostel für 300 Euro. In einem 12er-Schlafsaal mit Gemeinschaftsdusche. Mit Mitte/Ende 40 weiß ich einen gewissen Komfort und vor allem meine Privatsphäre zu schätzen. Somit war es keine Option, in einem fragwürdigen Wohnwagen zu übernachten oder mit einem Dutzend fremder Menschen in einem Raum zu nächtigen. Vor allem als ich feststellte, dass die 300 Euro in dem Hostel der Preis für eine Nacht war.

An der Rezeption empfängt uns eine junge Frau. Nachdem sie uns eingecheckt hat, erklärt sie, unser Zimmer läge im Nachbargebäude. Um dorthin zu gelangen, müssen wir den Innenhof durchqueren. Dort stehen ein paar verwaiste orangene und lila Fahrräder von Essenslieferdiensten herum, die es auch in Berlin und wahrscheinlich in jeder Metropole weltweit gibt. Auf einer Bank sitzen zwei junge Männer und rauchen einen Joint, ein Obdachloser räumt seinen Einkaufswagen auf.

Das Zimmer ist mit einem Doppelbett und einem Schlafsessel ausgestattet. Außerdem gibt es einen kleinen Tisch mit drei Stühlen. Damit ist der Raum vollständig ausgefüllt. Soweit alles wie erwartet. Unerwartet ist dagegen der Geruch. Das Zimmer riecht stark nach Farbe. Als sei es kürzlich geweißt worden. Gestern vielleicht. Oder vor ein paar Stunden.

Nun tue ich etwas, was für mich eher unüblich ist und mich selbst überrascht. Ich gehe an die Rezeption und beschwere mich. Das widerspricht meinem Naturell und meinem Bestreben, keine Umstände machen zu wollen. Bei dem Preis, den wir bezahlen, möchte ich aber ungern das Gefühl haben, in einem Farbeimer zu übernachten.

Dennoch möchte ich gegenüber der Hotelmitarbeiterin selbstverständlich nicht den polternden und fordernden Teutonen geben. Deswegen lege ich eine Höflichkeit an den Tag, die leicht ins Unterwürfige spielt. Ich erkundige mich, ob es möglicherweise sein könnte, also ganz eventuell, dass unser Zimmer unter Umständen kürzlich frisch gestrichen worden sei. Aufgrund des nicht ganz unerheblichen Farbgeruchs sei diese Möglichkeit nicht vollkommen auszuschließen.

Die junge Frau geht an den Computer und sucht nach irgendetwas. Sehr lange. Ich weiß nicht, nach was. Vielleicht checkt sie ihre Social-Media-Accounts.

Schließlich sagt sie, es gäbe im System keine Bemerkung zu unserem Zimmer, dass es in den letzten Tagen renoviert worden sei. Sie könne uns aber einen Luftreiniger hochbringen lassen. Dazu müssten wir allerdings für ein paar Stunden rausgehen, denn die Maschine würde nicht nur üble Gerüche aufsaugen, sondern auch den Sauerstoff.

Ich erkläre, dies sei schwierig, da wir den Abend im Zimmer verbringen wollten. Damit weiterhin nicht der Eindruck entsteht, ich würde mich beschweren, streue ich eine Reihe von „I am afraid“, „unfortunately“ und „very sorry“ ein.

Die Mitarbeiterin blickt erneut für längere Zeit auf den Monitor – wahrscheinlich sind jetzt die restlichen Social-Media-Accounts dran. Dann erklärt sie, sie habe ein anderes Zimmer für uns gefunden. Das liegt zwar immer noch im Hinterhaus, dafür ist es aber auf der obersten Etage und mehr als doppelt so groß. Vielleicht sollte ich mich häufiger überwinden und nachfragen, wenn etwas nicht passt.

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Wir sind des vielen vielen Pub-Foods der letzten Tage überdrüssig. Meine Frau will außerdem endlich mal wieder etwas Gesundes essen. Sie schlägt vor, dass wir die Küchenzeile unseres Zimmers nutzen und uns selbst bekochen. Die Urlaubskasse findet die Idee prima.

In einem kleinen Supermarkt um die Ecke holen wir Nudeln und Tomatensauce. Meine Frau besteht noch auf Salat, Tomaten und Paprika. Sie meint es mit dem „endlich mal wieder etwas Gesundes essen“ anscheinend tatsächlich ernst. Aber auch nicht zu ernst. Sie packt noch eine Packung Crisps in unseren Einkaufskorb. Damit diese sich nicht so allein fühlen, lege ich ein paar Kekse dazu.

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Nach dem langen Reisetag sind wir müde und würden am liebsten im Hotel bleiben. Wenn du aber schon mal in Dublin bist und so viel dafür bezahlst, bist du quasi verpflichtet, rauszugehen und möglichst viel von der Stadt zu sehen. Wobei die teure Unterkunft eigentlich dafür spricht, sie möglichst wenig zu verlassen, um sie ausgiebig zu nutzen

Wir beschließen, auf ein Getränk in einen Pub zu gehen. Die Urlaubskasse findet das nur so mittel. Vor allem als sie feststellt, dass die Preise in Dubliner Pubs noch höher als auf dem irischen Land sind.

An der Theke unterhalten sich zwei Männer. Sie sind ungefähr Ende 20. Der eine ist Einheimischer, der andere Amerikaner auf Backpacking-Tour in Irland. Sie smalltalken. Anderthalb Stunden und drei Guinness später hat der Ire seinen Arm um die Schulter des Amerikaners gelegt. Vielleicht ziehen sie bald zusammen.

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Im Hotel telefonieren wir kurz mit dem Sohn. Er hätte sich heute etwas erkältet gefühlt. Mit einem kräftigen Husten unterstreicht er seine Aussage. Deswegen sei er heute nicht in der Schule gewesen und habe sich stattdessen ausgeruht. Morgen steige schließlich die große Fete für seinen Freund T., der von seinem Austauschjahr in den USA zurückkommt, und da müsse er fit sein.

Schön, dass der Sohn auf seine Gesundheit und seine School-Life-Balance achtet.


Gewinnspiel

Die For Me-Karten wurden verlost und die Gewinnerinnen benachrichtigt. Herzlichen Dank an alle, die so fleißig kommentiert haben, und den Gewinnerinnen viel Spaß beim Festival.


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Ab heute überall erhältlich, wo es Bücher gibt.

Irisches Tagebuch, 07. Juni | Etappe 4: Von Dunquin nach Cuas (Teil 2)

Teil 1


Vor einer Schule wartet Dingle Dude. Wir sollen links abbiegen. In der Ferne sehe ich einen Hund. Eine Art Collie-Mischling. Oder so etwas ähnliches. Meine Hundeexpertise ist in den letzten paar Stunden nicht größer geworden. Auf jeden Fall ist der Hund nicht so klein, dass er mir vollkommen egal ist. Dingle Dude hat sich auch schon aus dem Staub gemacht.

Hoffentlich sieht der Hund uns nicht als Eindringlinge an und jagt uns zurück zu den Kühen. Oder zur Töpferei. Oder nach Dunquin.

Wir bleiben ganz eng beieinander. Vielleicht hält er uns dann für ein Rudel und hat Respekt vor uns. Im Gänsemarsch schieben wir uns langsam an ihm vorbei und vermeiden jedweden Blickkontakt. Der Hund beäugt uns misstrauisch, stuft uns als ungefährlich ein und trottet von dannen.

Knapp 300 Meter später kommt ein Haus zu unserer linken. Im Hof liegt ein Hund. Wieder eine Collie-Mischung. Oder was auch immer das eben war. Der Hund hebt kurz den Kopf, mustert uns und döst weiter. Die Hunde hier scheinen uns nicht als Gefahr ernst zu nehmen. Das ist beruhigend, gleichzeitig aber ein wenig kränkend.

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Wir gehen auf einem staubigen Weg durch die Ausläufer eines Wohngebiets. Auf einem Grundstück steht ein älterer Mann und winkt. Ich winke zurück.

Von hinten kommt ein monströs großer Traktor angefahren. Der Fahrer winkt, ich winke zurück. Auf dem Anhänger steht ein Mann. Er winkt auch, ich winke zurück. Die Tochter sieht aus, als würde sie ihn am liebsten vom Hänger schubsen, um an seiner Stelle mitzufahren.

Ein Hund rennt hinter dem Traktor her. Schon wieder diese Collie-Mischung-Art. Entweder ist es hier gesetzlich untersagt, andere Hunderassen zu halten, oder es ist immer der gleiche Hund, der uns gehörig verarscht.

Es ist heiß und kein Lüftchen sorgt für etwas Abkühlung. Meine Frau ist erschöpft, der Tochter schmerzen die Füße. Beide trotten schweigsam und mit überschaubar guter Laune den Weg entlang. Ich fühle mich noch ziemlich gut, erkläre aber, meine Hüfte täte schon auch ein wenig weh, damit ich als vollwertiges Mitglied unserer kleinen Wandergruppe zähle. Frau und Tochter sagen nichts dazu. Meine Lippenbekenntnisse reichen wohl nicht aus, um zum Club der Versehrten zu gehören.

Am letzten Haus des Ortes sitzt eine Familie vor der Tür. Die Eltern winken. Noch schöner wäre es, wenn sie uns eiskalte Cola reichen würden. Ich winke trotzdem zurück. Vielleicht zerre ich mir bei der ganzen Winkerei die Schulter und meine Frau und die Tochter akzeptieren mich dann doch als einen der ihren.

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Die letzten zwei Kilometer brechen an. Mittels einer kleinen Leiter überqueren wir einen Zaun, um auf einen engen, knapp 30 Zentimeter breiten Pfad zu gelangen. Er ist links von dornigen Ranken und rechts von Brennnesseln gesäumt. Ich trage kurze Hosen.

Die Schafe der benachbarten Weide recken ihre Hälse über den Zaun und schauen mir zu, wie ich über den Weg tripple. Bestimmt haben sie Wetten abgeschlossen, ob ich mir zuerst die linke Wade zerkratze und dann das rechte Bein verbrennnessle oder umgekehrt. Überraschend gewinnt der Außenseiter-Tipp „Der Trottel mit dem Zottelbart kommt vollkommen unbeschadet durch.“

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Nach insgesamt 26 Kilometern erreichen wir das Ziel der heutigen Etappe und des gesamten Wandertrips: den Pub An Bóthar in Cuas. Meine Frau und die Tochter sind zu kaputt, als dass wir uns jubelnd in die Arme fallen könnten. Wir nicken uns zu.

Cuas ist so klein, dass der Ort keine offizielle Website und keinen Wikipedia-Eintrag hat. Somit habe ich keine Angaben zur Einwohner*innenzahl, schätze aber, sie liegt im sehr niedrigen dreistelligen, vielleicht sogar im zweistelligen Bereich.

Berühmtester Sohn der Region ist der irische Heilige St. Brendan. Der segelte im sechsten Jahrhundert in der Nähe von Cuas von Brandon Creek aus los, um den Garten Eden zu erreichen. Überraschenderweise kam er dort nie an, dafür aber angeblich in Amerika. Fast 900 Jahre vor Christoph Kolumbus.

Ob das wirklich stimmt, ist nicht belegt. Falls ja, hat der Heilige Brendan in Amerika weit weniger Eindruck hinterlassen als Kolumbus und hat den amerikanischen Ureinwohner*innen weder Pocken, Masern und Influenza noch Ausbeutung und Auslöschung gebracht, was diese sicherlich begrüßt haben.

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An Bóthar ist der einzige Pub im Umkreis von mehreren Kilometern. Gerade als wir uns gesetzt haben, geht die Tür auf. Das amerikanische no-nonsens Paar, das wir im Frühstückraum in Annascaul gesehen hatten, betritt den Pub. Beide humpeln stark. Anscheinend war ihre Ausrüstung doch nicht so professionell. Oder sie sind weniger erfahrende Wander*innen, als ich dachte. Oder beides.

Wir bestellen zwei Beef-Burger (für meine Frau und mich) sowie einen vegetarischen Gemüse-Pattie-Burger (für die Tochter). Auf den Burgern sind autoreifengroße, frittierte Zwiebelringe drapiert, von denen du allein satt werden könntest. Außer du bist fast 26 Kilometer gewandert. Dann willst du mehr als frittierte Autoreifen essen.

Geschmacklich rangieren die Burger und die Chips eher im Mittelfeld. Zum Nachtisch gönnen wir uns warme Brownies mit Vanilleeis. Nach 92 Wander-Kilometern in vier Tage haben wir uns das verdient. Finden zumindest wir. Dingle Dude nickt, wir geben ihm ein Stück Brownie ab.

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An Dooneen – The Hurley Farm, unser B+B für heute Nacht, liegt in Kilcooley, circa fünf Kilometer vom Pub entfernt. Ein Ort, der so klein ist, dass Cuas dagegen als Großstadt-Metropole gilt.

Wir warten vor dem Pub auf usnere Landlady Mary, die uns freundlicherweise abholt. Ich hatte im Vorfeld einen angeregten Mailaustausch mit ihr, um unsere Ankunfts- und Abholzeit abzuklären. Aufgrund ihres Namens und weil sie immer so schnell geantwortet hat, hatte ich das Bild einer 35-bis 40-jährigen Frau vor Augen. Keine Ahnung warum.

Aus dem Auto, das auf den Parkplatz vom An Bóthar einbiegt, steigt eine schätzungsweise Mittsiebzigerin mit schwarz gefärbtem Haar aus. Ihre Stimme ist erstaunlich tief und kratzig. Ich schätze, sie hat in ihrem Leben den ein oder anderen Whiskey getrunken.

Mary fährt einen ziemlich flotten Stiefel und stört sich nicht weiter daran, dass die Straße kurvenreich und eng ist. Entgegenkommenden Fußgänger*innen weicht sie kaum aus und das Tempo verringert sie auch nur geringfügig. Interessant, das mal aus der anderen Perspektive zu erleben.

Ich winke den Menschen freundlich zu, damit nicht das letzte, was sie sehen, ein muffeliger Deutscher ist.

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Das An Dooneen entpuppt sich als das B+B-igste B+B unserer Reise. Mary betreibt es seit über 50 Jahren, hat es stil- und liebevoll mit alten Möbeln eingerichtet und der Teppich ist so dick, dass er es mit seinem Kollegen im Dinn Rí in Carlow aufnehmen kann.

Mary führt uns eine steile, knarzende Treppe hinauf zu unserem Zimmer. Von diesem aus haben wir einen Ausblick auf weite Felder, Hügel und den St. Brandon.

Nebenan ist eine Weide. In kurzen Abständen schauen ein paar schwarz-weiß gefleckte Kühe vorbei und verschwinden wieder. Ich kommentiere das jedes Mal mit: „Da sind die Kühe wieder.“ und „Jetzt sind sie weg.“ Meine Frau zuckt irgendwann mit dem linken Auge und ich glaube sie setzt diesen Moment auf ihre „Warum eine Scheidung nicht vollkommen ausgeschlossen ist“-Liste.

Die Wände des Hauses sind sehr dünn. Im Nachbarzimmer unterhalten sich zwei Personen. Unglücklicherweise verstehen wir nicht jedes Wort. Das ist ja immer wahnsinnig nervig, wenn du die Gespräche andere Menschen nur halb belauschen kannst.

Ich befürchte, unser Fernseher könnte zu laut sein und unsere Zimmernachbar*innen stören. Tut er aber nicht. Zumindest beschwert sich niemand. Vielleicht weil sie wissen, was noch kommt. In der Nacht wird im Nachbarzimmer ein derartiges Schnarchgelage veranstaltet, das ich überlege, ob dort vielleicht ein Dutzend kanadische Holzfäller übernachtet.

Nun weiß ich wenigstens, warum auf der Packliste unseres Reiseanbieters Ohrstöpsel standen.


Gewinnspiel

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