Cassis 2022 – Tag 10 (18.07.): Je ne parle pas français. Really not. (Teil 2)

Teil 1


Heute gehen wir ausnahmsweise nicht zu unserem Stamm-Supermarkt. Stattdessen machen wir ein paar Besorgungen in einem der kleineren Tante-Emma-Märkte, an dem wir auf dem Rückweg vom Strand vorbeikommen.

Am Eingang begrüßt uns ein außerordentlich freundlicher Security-Mann und erklärt etwas auf Französisch. Ich antworte mit meinem akzentfreien „Je ne parle pas français.“ Daraufhin erklärt uns der Mann in einem Mix aus einzelnen englischen Worten, pantomimischen Handbewegungen in bester Marcel-Marceau-Tradition sowie etwas, das nach Breakdance-Moves aussieht, wir dürften unsere Strandtaschen nicht mit in den Laden nehmen.

Meine Frau und ich gehen strandtaschenlos durch den Laden und besorgen unsere Sachen, die sich wieder am Prinzip „nur das Allernötigste“ orientieren. Neben Wasser, Brioches und Schoko-Creme noch ein paar Knabbereien für den Abend sowie eisgekühlte Softdrinks, die unser Überleben auf dem steilen Anstieg zu unserer Ferienwohnung sichern sollen.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie der Security-Mann in der Obstabteilung der Tochter irgendetwas erzählt. Ich komme ihr zu Hilfe. Wenn ich ihn richtig verstehe, sind die Honigmelonen im Angebot. 3 Stück für 10 Euro. Ich habe keine Ahnung, ob das ein guter Deal ist. Es ist schon sehr lange her, dass ich Honigmelonen gekauft habe. Um ehrlich zu sein, erinnere ich mich nicht, ob ich überhaupt jemals Honigmelonen gekauft habe.

Der Security-Mann lässt sich durch mein „Merci, non, merci“ nicht aus der Ruhe bringen. Er erklärt uns, welches Obst in der Auslage aus der Region kommt. Aprikosen, helle Trauben, dunkle Trauben und die bereits von ihm angepriesenen Honigmelonen. Smalltalken gehört nicht gerade zu meinen Stärken – eine Formulierung, die davon ablenken soll, dass ich über die Small-Talk-Fähigkeiten einer Schrankwand „Eiche rustikal“ verfüge. Daher weiß ich nicht so recht, was ich sagen soll. Im Französischen noch weniger als im Deutschen. Ich werfe einfach an Stellen, die mir am wenigsten unpassend erscheinen, einzelne Worte ein. In erster Linie englische Vokabeln, die ich französisch ausspreche. Wahrscheinlich wundert sich der Security-Mann, warum ich Elbisch rede.

Das hält ihn nicht davon ab, unsere „Unterhaltung“ fortzuführen. Er fragt, wo wir herkommen. „Allemagne“, antworte ich. Seine Augen leuchten. „Ah, die Mannschaft!“, ruft er. Wenigstens einer, der den DFB-Marketingclaim für die deutsche Männermannschaft übernommen hat. Da wird sich Oliver Bierhoff freuen.

Dann fragt er mich: „Bayern?” Ich denke, er will wissen, wo in Deutschland wir wohnen. Also erwidere ich „Non, Berlin.“ Das war aber ein Missverständnis meinerseits, denn er wollte wissen, ob ich Bayern-Fan bin. Nun denkt er, ich bin Berlin-Anhänger. Er verzieht das Gesicht und sagt „Hertha bäh!” Dazu macht er eine wegwerfende Handbewegung.

Das verstehe ich sehr gut, denn ich hege auch keinerlei Sympathien für Hertha BSC. Deswegen sage ich „Hertha non“ und mache dazu eine linkische Daumenbewegung nach unten. Wahrscheinlich hält der Security-Mann mich jetzt für einen rückgratlosen Lappen, der seinen Lieblingsverein verleugnet und ihm nach dem Mund redet. Diesen unschmeichelhaften Eindruck verstärke ich, indem ich „Bayern top“ sage. Dabei bewege ich den Daumen nach oben. Hoffentlich ist das in Frankreich keine obszöne Geste à la „Ich steck dir meinen Daumen in den Po.“

Der Security-Mann nickt aber anerkennend und sagt „Bayern monster.“ Wenn ich nicht vollkommen falsch liege, erzählt er dann, dass er Müller gut findet und die Bayern mal im Velodrom, dem Stadion von Olympique Marseille, gesehen hat. Anstatt mich langsam aus der Unterhaltung zu stehlen, fühle ich mich bemüßigt, ihn auch nach seinem Lieblingsclub zu fragen: „Favourite club toi?“ Das hört sich an, als könnte ich nicht nur kein Französisch, sondern auch kein Englisch. Und wahrscheinlich nicht einmal Deutsch.

Die Tochter steht derweil mit regungslosem Gesichtsausdruck neben mir. Wahrscheinlich würde sie gerne gehen, aber meine Interaktion mit dem Sicherheitsmann ist wie ein Autounfall, bei dem du nicht wegschauen kannst.

Meine kryptische Frage löst bei dem Security-Mann einen Redeschwall aus, von dem ich Null Komma Nichts verstehe. Damit ich nicht vollkommen nutzlos rumstehe, werfe ich ab und an ein „Oui“ ein. Diese sinnentleerte Zustimmung animiert in ungünstigerweise, seinen Monolog fortzuführen.

Ein ehemaliger Kollege, der früher im diplomatischen Dienst gearbeitet hat, hat mir mal erklärt, dass du beim Smalltalk immer eine Exit-Option parat haben solltest, durch die du die Unterhaltung elegant verlassen kannst. Fieberhaft suche ich jetzt nach einem geschmeidigen Gesprächsausstieg. Ich könnte mich mit Benzin übergießen und anzünden. Das wäre aber vielleicht ein wenig zu radikal. Stattdessen wähle ich einen nur geringfügig eleganteren Abgang: Ich deute auf mein Handgelenk, an dem sich allerdings gar keine Armbanduhr befindet, und sage „Pardon.“ Dann nehme ich drei Honigmelonen und gehe zur Kasse.

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Nach ihrem gestrigen Premieren-Kniffelsieg legt die Tochter heute mit einer 314er-Runde nach. Das reicht trotzdem nicht zum Tagessieg. Den hole ich mir dank eines Doppel-Kniffels. Trotzdem komme ich nur auf 348 Punkte. Das liegt am verpassten Bonus im oberen und einem gestrichenen Viererpasch im unteren Teil. Der Rest der Familie findet dafür aber keine Worte des Bedauerns und des Mitgefühls. Diese emotionale Kälte, ist der Preis, den du als Führender für deinen Erfolg bezahlen musst.

Der Sohn überholt seine Mutter und ist als Zweitplatzierter nun mein ärgster Verfolger. Wobei mir bei einem Rückstand von 400 Punkten, die Bezeichnung „ärgster Verfolger“ nicht ganz passend erscheint. Fast schon irreführend. Möglicherweise sind solche Sätze der Grund für die emotionale Kälte, die mir meine „Mit“spieler*innen entgegenbringen.


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