Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
29. Januar 2024, Berlin
Jahrestag. Unser 27. Falls Sie sich jetzt fragen: „Wie, 27 Jahre? Sind die beiden schon seit dem Kindergarten zusammen?“ Ja.
In deutlich mehr als der Hälfte dieser Jahre haben wir unseren Jahrestag vergessen. Meistens beide. Zum Glück haben wir noch den Hochzeitstag im Mai. An den denken wir seit acht Jahren nicht. (Dass ich im Ordner „Wichtige Unterlagen“ in unserer Eheurkunde nachschauen musste, in welchem Jahr wir geheiratet haben, verdeutlicht zusätzlich, dass unsere Beziehung zu Jahres- und Hochzeitstagen kompliziert ist.)
Dieses Jahr ist alles anders. Dieses Jahr habe ich an unseren Jahrestag gedacht. Dieses Jahr kann ich mir etwas für den Jahrestag ausdenken. Das ist aus folgendem Grund sehr wichtig: An Weihnachten hat mich meine Frau überrumpelt, indem sie mir einen „Tipi am Kanzleramt“-Gutschein überreichte. Mit der Erklärung, der sei für uns zusammen. Damit wir gemeinsam etwas unternehmen. Das testete die Grenzen unserer seit Jahren geltenden „Wir schenken uns nichts“-Vereinbarung nicht nur aus, sondern verletzte sie aufs Gröbste.
Ein ebenso perfides wie durchschaubares Manöver, um das Gleichgewicht der Kräfte in unserer Beziehung zu ihren Gunsten zu verschieben. Was ihr auch gelang. Als regelbewusster Mensch hatte ich kein gemeinsames Geschenk für uns zusammen vorzuweisen und stand entsprechend blöd da.
Nun überlege ich mir ein Geschenk für unseren Jahrestag, um meine Frau zu düpieren. Darum geht es schließlich bei Jahrestaggeschenken. Die Partnerin oder den Partner schlecht aussehen lassen.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Heute ist Rückwärts-Tag. Müsste der nicht Gat-Sträwckür heißen?
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Als ich von meiner morgendlichen Laufrunde zurückkomme, sehe ich in der Ferne den Sohn gerade das Haus verlassen. Er winkt mir zu und geht dann in die andere Richtung zur U-Bahn, um zur Schule zu fahren.
Von Weitem erkenne ich, dass er keinen Rucksack trägt. Auch keine Tasche, keinen Beutel und auch sonst nichts, in dem er seine Schulsachen aufbewahren könnte. Bald ist er schullos und jetzt schon rucksack-, taschen- und beutellos.
Mich verwirrt das. Ist ein Schultag ohne Schulsachen überhaupt ein Schultag? Wie zählt so ein Tag in den Schul-Countdown, den der Sohn so akribisch ausgerechnet hat? Und wie will er ohne Block mitschreiben? Die Antwort ist recht naheliegend: Wahrscheinlich gar nicht.
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Im Briefkasten ist ein Schreiben der Hausverwaltung. Das bedeutet nie Gutes zu. Ich habe noch nie einen Brief von der Hausverwaltung bekommen, in dem stand: „Sie bekommen 5.000 Euro aus den Nebenkosten zurückerstattet.“ Oder: „Sie müssen die nächsten fünf Jahre keine Miete bezahlen.“
Diesmal auch nicht. Im Gegenteil. Es gibt eine Mieterhöhung. Plus fünfzehn Prozent. Sehr unschön. Ist das die Strafe für meine mangelnde Empathie mit den Millionären, die aus ihren Luxusvillen vertrieben werden? Muss ich wohl auch Kuchen essen. Habe aber keinen da. Das macht die Mieterhöhung noch unschöner.
01. Februar 2024, Berlin
Wichtiger Termin im Familienkalender: Zeugnisessen. Also, wir essen kein Zeugnis, sondern gehen essen, um das Halbjahreszeugnis des Sohnes zu begehen.
Der Sohn hat sein Zeugnis schon vor über zwei Wochen bekommen, aber da hatte er keine Zeit. Letzte Woche wollten meine Frau und ich beim Fasten wiederum nur ungern dem Sohn dabei zusehen, wie er Burger und Pommes verdrückt, während wir an einem Kräutertee nippen.
Früher sind wir nach dem Zeugnisessen immer noch in einen Buchladen gegangen und die Kinder durften sich Lesestoff aussuchen. Der Sohn winkt ab. Mit seiner Schullektüre sei sein Lesebedarf gedeckt. Das kann ich durchaus nachvollziehen. Zurzeit muss er für Philosophie „Der Mythos des Sisyphos“ von Albert Camus durcharbeiten. Da würde ich auch kein anderes Buch mehr anfassen.
02. Februar 2024, Berlin
Heute ist Welttag der Feuchtgebiete. Erotischer wird’s nicht.
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Weil ein Ehren-/Gedenk-/Feiertag nicht reicht, ist heute zusätzlich Maria Lichtmess. Ein kirchlicher Feiertag, von dem ich keine Ahnung habe, was er bedeutet. Außer dass er wohl irgendetwas mit einer Maria zu tun hat. Wäre ja merkwürdig, es ginge um den Heiligen Otto, aber der Tag wird nach Maria benannt. Wobei mir unklar ist, welche Maria gemeint ist. Die Gottesmutter oder das Fräulein Magdalena, das wahlweise als Number-1-Fan von Jesus oder seine Geliebte gilt? Vielleicht auch irgendeine andere Bibel-Mary, deren Existenz mir unbekannt ist.
Über Maria Lichtmess habe ich sonst nur das Inselwissen, dass traditionsbewusste Katholiken erst an diesem Tag den Weihnachtsbaum abschmücken. Ich weiß gar nicht, wie das so spät funktionieren soll. Wir haben dieses Jahr unseren Baum erst am 17. Januar entsorgt. Was im Bundesdurchschnitt wahrscheinlich sehr spät war. (Zumindest im unkatholischen Bundesdurchschnitt.)
Das war auch höchste Zeit für den Baum, denn er schon sehr stark genadelt. Wenn du ihn angefasst hast, oder ihm zu nahekamst oder ihn schief angeschaut hast, rieselten die Nadeln, wie die Schuppen bei meinem Kunstlehrer in der sechsten Klasse. Hätten wir mit dem Abschmücken drei Wochen länger gewartet, wäre es nur noch ein nadelloses Baumgerippe mit Weihnachtskugeln und Lichterkette gewesen.
Nachdem wir die Kugeln, die Holzfigürchen und die Kerzen entfernt und den Baum runter an die Straße gebracht hatten, lagen auf dem Boden im Wohnzimmer, Flur und Treppenhaus mehr Nadeln als in einem lauschigen Tannenwäldchen. Auch nach Wochen tauchen immer wieder vereinzelte Tannennadeln in der Wohnung auf und das wird sich bis in den Dezember fortsetzen.
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Die Schule fällt heute aus. Weil ver.di zum BVG-Streik ausgerufen hat, wissen die Lehrer- und Schüler*innen nicht, wie sie zur Schule kommen sollen. Das macht die Gewerkschaft bei den Schüler*innen ziemlich populär. Vielleicht geht es bei dem Streik gar nicht um bessere Arbeitsbedingungen für ÖPNV-Angestellte, sondern es ist eine geschickte Imagekampagne für potenzielle Junior-Gewerkschaftler*innen.
Der Sohn erklärt, er hätte heute ohnehin nur eine Stunde gehabt hätte. Da wäre er wahrscheinlich sowieso nicht hingegangen. Weil sich der Aufwand nicht lohnt, wenn der Anfahrts- und Abfahrtsweg länger als die Schulstunde dauert. Vor allem wäre es nur Philo gewesen.
Einerseits finde ich es schön, dass der Sohn ein so vertrauensvolles Verhältnis zu uns hat und freimütig erzählt, dass er schwänzen wollte. Andererseits frage ich mich, ob da ein mahnendes elterliches Wort vonnöten ist. Schließlich sind wir seine Erziehungsberechtigten. Zumindest formal. Denn um ehrlich zu sein, betrachte ich seine Erziehung als weitestgehend abgeschlossen. Wir haben uns redlich Mühe gegeben, unsere Bemühungen waren nicht vollkommen fruchtlos und was wir in den ersten siebzehneinhalb Jahren pädagogisch nicht auf die Reihe bekommen haben, würde uns auf der Zielgeraden zur Volljährigkeit auch nicht mehr gelingen.
Außerdem ist der Sohn nicht mehr schulpflichtig und geht freiwillig zur Schule. Meistens. Manchmal auch nicht. Er muss dann mit den Konsequenzen leben. Und machen wir uns nichts vor, die wären bei einer unentschuldigten Philo-Fehlstunde nicht allzu dramatisch. Aber ver.di sei Dank, kommt es gar nicht dazu.
03. Februar 2024, Berlin
Heute ist Tag der männlichen Körperpflege. Ich hoffe, diese findet nicht nur am 03. Februar statt, sondern täglich. Meine gelegentlichen Fahrten im Berliner ÖPNV lassen mich anderes vermuten.
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Nachmittags „Wir sind die Brandmauer“-Demo am Reichstag. Ob das etwas hilft? Keine Ahnung. Ich hoffe es. Außerdem lassen wir den Samstagsputz ausfallen. Damit haben wir uns auf jeden Fall geholfen.
04. Februar 2024, Berlin
Heute ist Danke-einem-Briefträger-Tag. Sonntags könnte das schwierig werden.
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In einer Mail wird mir die URL „auchganzschoen.de“ zum Kauf angeboten. Finde ich gut. „Auch ganz schön.“ Das ist so erfrischend ambitionslos. Kein „höher, schneller, weiter“, kein „schaffe, schaffe Häusle bauen“ und auch kein „du musst das Eisen schmieden, so lange es heiß ist“-Aktionismus. Stattdessen ein ganz entspannt-entschleunigtes „auch ganz schön“. Vielleicht lass‘ ich mir das auf eine Kaffeetasse drucken.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
6. 45 Uhr. Die letzte Nahrungsaufnahme liegt 82 Stunden zurück. Fühle mich kaputt. Meine Sinne scheinen mir auch nicht schärfer als sonst zu sein. Im Gegenteil. Komme mir vor, als sei ich in Watte gehüllt. Alles um mich herum ist dumpf und stumpf.
Kaffee würde jetzt guttun. Auf jeden Fall besser als meine Tasse Tee der Sorte „Morgenglück“. (Lügen-Tee)
In einer Art Übersprungshandlung höre ich „Ich mag“ von Volker Lechtenbrink. Das war früher das Lied in der Caro-Kaffee-Werbung. Caro-Kaffee ist gewiss nicht mein Lieblingsgetränk und auf keinen Fall Bohnenkaffee vorzuziehen. Gerade würde ich alles für eine Tasse Caro-Kaffee geben. Obwohl, wenn ich schon alles gebe, dann vielleicht doch lieber für einen richtigen Kaffee. Und wenn wir schon dabei sind, nähme ich noch ein Stück Käsekuchen dazu.
Singe gemeinsam mit Volker Lechtenbrink: „All das mag ich. Und ganz doll dich.“ Und ja, damit meine ich Kaffee.
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Mein Plan war, vormittags laufen zu gehen. Für die Agentur ist aber so viel zu tun, dass ich die Lauferei erstmal verschieben muss. Das viele Arbeiten hat auch seinen Vorteil: Es bleibt mir keine Zeit, um an Essen zu denken. Ob die Qualität meiner Arbeit besonders hoch ist, vermag ich nicht mehr zu beurteilen.
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15.45 Uhr. Komme endlich zum Laufen. Heute bin ich wieder erstaunlich fit und leistungsfähig. Bin ich vielleicht doch ein Keton-geschwängerter Hazda-Jäger?
Eine Frage, die ich nach zwei Kilometern verneinen kann. Meine Fitness- und Leistungslevel geht rapide runter. Zum Schluss bin ich so langsam, dass mich die Menschen wahrscheinlich für eine lebende Statue halten. Oder sie denken, ich habe beim Laufen einen Herzstillstand erlitten. Hoffentlich versuchen sie nicht, mich zu reanimieren.
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20 Uhr. Schauen abends „The Bear“. Eine Disney+-Serie, die in der Küche eines Chicagoer Sandwichladens spielt. In der ununterbrochen gekocht wird. Nicht die beste Streaming-Entscheidung, wenn du seit vier Tagen nichts gegessen hast.
Die gesiebte Gemüsebrühe schmeckt noch trostloser, wenn du dabei zusiehst, wie zartes Fleisch, tomatige Nudelgerichte und saftiger Schokoladenkuchen zubereitet werden. Und verzehrt. Ob meine Frau es merkwürdig findet, wenn ich den Bildschirm ablecke?
26. Januar 2024, Berlin
6. 30 Uhr. Ich, das Sofa und ein Glas Wasser. Die Fasterei ist heute rum. Erster Aufbautag. Ich dürfte einen Apfel essen. Bin aber zu antriebslos, um in die Küche zu gehen und mir einen zu schneiden.
Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder bitte ich meine Frau, mir Apfelschnitzen zu machen. Das hätte aber so unangenehme Patriarchats-Mutti-Vibes. Oder ich faste weiter. Bis mein Körper so viel Keton produziert hat, dass ich euphorisiert und fastengeflasht in die Küche hüpfe und mir voller Tatendrang einen ganzen Obstsalat zubereite.
Ich überlege noch. Vielleicht kommt der Apfel irgendwann von selbst aus der Küche. Das wäre eine dritte Möglichkeit. Und die beste.
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19 Uhr. Meine Frau und ich stehen in der Küche und schnippeln kiloweise Karotten, Pastinake, Lauch, Broccoli und Blumenkohl. Für unsere erste größere Mahlzeit, die wir nach dem Fasten zu uns nehmen dürfen: Gemüsesuppe. Mild gewürzt. Oder am besten gar nicht. Um den Magen ganz sanft an normales Essen heranzuführen.
Ich bin kein großer Gemüsesuppe-Fan. Im Gegenteil. Böte mir jemand unter normalen Umständen Gemüsesuppe an, würde ich erwidern: „Vielen Dank, ich habe bereits gegessen!“ Die Umstände sind aber nicht normal, denn genau dies habe ich nicht getan. Gegessen. Seit fünf Tagen. (Außer vorhin einen Apfel und eine Banane.)
Daher greife ich mit großem Appetit zu und finde die Gemüsesuppe köstlich. Schmeckt wie das beste Essen der Welt. (Käsekuchen, Pizza und Nudeln schauen mich entrüstet an. Ich glaube, das Fasten hat mich gebrochen.)
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20.30 Uhr. Bei „The Bear“ wird ein neues Risotto-Gericht ausprobiert. Das wäre noch besser als Gemüsesuppe, denke ich. (Kampflos gebe ich mich nicht geschlagen!)
27. Januar 2024, Berlin
8 Uhr. Überlege auf dem Sofa, ob ich einen Kaffee trinken soll. Ein Gedanke, der mir vor einer Woche nicht in den Sinn gekommen wäre. Da wäre die Antwort so klar gewesen, dass sich die Frage gar nicht gestellt hätte.
Heute zaudere ich. Was, wenn mein Magen das noch nicht verträgt, mir schlecht wird und ich nie wieder Kaffee trinken will? Das Risiko ist mir zu hoch. Was wäre das für ein Leben? Ich möchte kein Mensch sein, der den Morgen mit einer „leckeren“ Tasse Kräutertee begrüßt. Dafür habe ich viel zu viel Respekt vor dem Morgen. Der kann einem immerhin den ganzen Tag versauen.
Esse erstmal einen Apfel, eine reife Banane und zwei Scheiben Dinkel-Toast. Nun sollte mein Magen gewappnet sein für Kaffeebohnen, Koffein und einen Schuss Milch.
Zu meiner Enttäuschung muss ich feststellen, dass der erste Kaffee nur so mittel schmeckt. Auf keinen Fall die geschmackliche Offenbarung, wie ich sie mir die letzten Morgen vorgestellt habe, während ich gezwungenermaßen an meinem Kräuter-, Früchte- oder Ayurveda-Tee nippen musste.
Der Kaffee ist nicht so kräftig und intensiv, wie ich ihn mir erträumt habe. Wenn das so bleibt, wird das schwierig mit dem morgendlichen Lebensgeisterwecken. Möglicherweise liegt es an der Maschine. Die war sieben Tag im Stillstand, ist aus der Übung und muss erst wieder lernen, wie man leckeren, wohlduftenden Kaffee kocht.
Oder meine Kaffeegeschmacksknospen sind, nachdem sie eine Woche nichts zu tun hatten, verkümmert und ich muss sie aus dem Fasten-Schlaf holen. Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass ich doch nicht zu einem Kaffee hassenden und Kräutertee liebenden Menschen mutiert bin.
28. Januar 2024, Berlin
Die Fastenwoche ist auch an meinen Spam-Mails nicht spurlos vorbeigegangen. Früher bekam ich Angebote für Viagra, Penis-Pumpen und gefälschte Luxusuhren. In den letzten sieben Tagen hatten meine Spam-Mails dagegen folgende Betreffzeilen:
In der Prä-Fasten-Ära trauten mir die Spammer ein ausschweifendes Sexleben zu, dem lediglich durch ein paar Erektionsbooster und mit penisverlängernden Maßnahmen ein bisschen auf die Sprünge geholfen werden muss. Und mit ihren Fake-Chronometern könnte ich mich der Damenwelt als geldwerten und potenten Fuckbuddy präsentieren.
Jetzt halten die Spammer mich für ein ungelenkiges, vergessliches und diabetöses Wrack mit Schlaf, Seh- und Hörproblemen. Bei so einem Typen, denken sie, liegt so viel im Argen, da ist an orgiastische, sexuelle Aktivitäten überhaupt nicht zu denken.
„Leude, hier müssen wir erstmal Generalüberholung machen. Anschließend kümmern wir uns dann um den funktionsuntüchtigen Minipimmel.“
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
22. Januar 2024, Berlin
6.45 Uhr. Sitze auf dem Sofa und beginne langsam meinen Tag. Zumindest versuche ich es. Das ist gar nicht so einfach, wie es sich anhört. Heute startet unsere alljährliche Fastenwoche und da steht Kaffee auf der No-go-Liste. Für die die nächsten vier Tage gibt es nur Wasser und kein Brot, sondern Tee. Keine schöne Aussicht.
Ich verspüre Heißhunger. Immerhin habe ich seit zehn Stunden nichts gegessen. Kein Wunder, dass mir blümerant ist. Sicherlich bin ich hochgradig unterzuckert. Was natürlich Unsinn ist. Auch ohne Fasten läge meine letzte Mahlzeit zehn Stunden zurück. Trotzdem stünde ich da nicht kurz vor einem Schwächeanfall.
Frage mich, wie ich ohne Kaffee in den Tag starten soll. Wer weckt dann meine Lebensgeister? Bestimmt nicht das Glas Wasser, das neben mir steht. Und schon gar nicht der Waldfrucht-Tee, der mich vorwurfsvoll anschaut, weil ich ihn so langsam trinke.
Kaffee ist da anders. Kaffee ist wie ein guter Freund. Kaffee macht dir keine Vorwürfe. Kaffee hilft dir, ohne doofe Fragen zu stellen. Ich vermisse Kaffee.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Heute ist Wirf-Deine-Jahresvorsätze-über-Bord-Tag. Ich glaube nicht, dass bei allzu vielen die guten Vorsätze zweieinhalb Wochen gehalten haben.
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Auf meiner Laufrunde durch den Volkspark Rehberge entdecke ich an einem Gitter einen Zettel. Werbung für einen Fotokalender. „TXL forever“. Mit Motiven vom Flughafen Tegel.
Ich habe meine Zweifel, ob der Volkspark Rehberge der richtige Ort ist, um einen Flughafen-Fotokalender zu bewerben. Eine gewisse räumliche Nähe zu Tegel ist zwar gegeben, aber Parkbesucher*innen stehen wahrscheinlich eher auf Bäume, Pflanzen und Natur und weniger auf Flughäfen, die nicht mehr in Betrieb sind. Da hat der Kalender-Anbieter einen ziemlichen Streuverlust mit seiner Volkspark-Rehberge-Marketing-Kampagne.
Darüber hinaus fehlt der Kampagne die nötige Breitenwirkung. Im ganzen Park hängt nur dieses eine Poster. Das nicht einmal ein Poster ist, sondern ein DIN A4-Ausdruck in einer Klarsichthülle. Um die Werbebotschaft bei den potenziellen Käufer*innen nachhaltig zu penetrieren, reicht das wohl nicht.
Für mich allerdings schon. Zuhause schaue ich mir die Etsy-Seite zu dem Foto-Kalender an. Die Bilder für die verschiedenen Monate sind nach meiner unfachmännischen Einschätzung nur bedingt künstlerisch wertvoll. Der Anbieter weist aber auch darauf hin, dass es sich lediglich um Schnappschüsse und keine professionellen Fotografien handelt. Deswegen kostet der Kalender auch nur 16,50 Euro.
Ich frage mich, wer sich so etwas kauft. Enthusiastischen Tegel-Fans, die sich Kalender mit Bildern des 2020 stillgelegten Flughafens in ihre Wohnung hängen, scheint mir eine sehr spitze Zielgruppe zu sein. Aber Geschmäcker sind ja sehr verschieden.
Ein Bekannter von mir hatte beispielsweise nie einen rechten Draht zu seinem Schwiegervater. Bis er ihm einen hochwertigen Bildband mit Aufnahmen von Landwirtschaftsmaschinen geschenkt hat. Beim gemeinsamen Anschauen der Bilder und Fachsimpeln über Traktoren, Mähdrescher und Erntemaschinen haben sie dann gebondet. Vielleicht würden die beiden sich über einen Flughafen-Fotokalender freuen.
18. Januar 2024, Berlin
Schaue nach dem Aufstehen aus dem Fenster. Das mit dem Schnee scheint erstmal zu bleiben. Toll.
Wobei Berlin, was die Schneemengen angeht, noch glimpflich weggekommen ist. In NRW hat es in den letzten Tagen mehr als 30 Zentimeter geschneit. Dort fällt in vielen Landkreisen die Schule aus. Berliner Schüler*innen empfinden das nicht als „glimpflich weggekommen“, sondern als himmelschreiende Ungerechtigkeit.
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Radio Eins berichtet, dass nach den Bauern nun die LKW-Fahrer in Berlin protestieren. Oder wie die Moderatorin sagt: „Nach den Treckern kommen die Brummis.“ Heute gäbe es eine Mahnwache in der Straße des 17. Junis und morgen eine Kundgebung am Brandenburger Tor. (Sicherlich wird ihm wieder gehuldigt.)
Durch die vielen Lastwagen in der Stadt sei mit Verkehrsbehinderungen zu rechnen, erklärt der Nachrichtensprecher. Außerdem würden Bauen eine Autobahn-Auffahrt in Brandenburg blockieren. Wahrscheinlich fragt sich die letzte Generation gerade, wo sie sich noch hinkleben kann.
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Abends laufe ich vom Gendarmenmarkt nach Hause und komme an der LKW-Mahnwache vorbei. Die reicht von kurz hinterm Brandenburger Tor bis zur Siegessäule und dann noch ein größeres Stück der Altonaer Straße. Ungefähr drei Kilometer lang mit circa 500 Fahrzeugen.
Ab und an hupt einer der Lastwagen-Fahrer, einige andere stimmen dann mit ein. Ansonsten stehen viele Männer rum, ein paar Grillen und es wird Bier getrunken. Hat ein bisschen was von Betriebsausflug.
Ein paar Fahrer haben in einer rostigen Tonne ein Feuer entfacht, um sich zu wärmen. Ein Touristen-Pärchen stellt sich dazu und hält die Hände an die Flammen. „Is there a protest?“, fragt der Mann in gebrochenem Englisch. Nachdem du tausende Meter an einer Kolonne von riesigen Lastern vorbeigelaufen ist, die mit Postern, Transparenten und Bannern behängt sind, ist das ungefähr so, als stündest du vor einem brennenden Haus und fragst: „Is this house burning?“
Viele Fahrer stehen nicht draußen in der Kälte, sondern sitzen in ihren Brummis. Die Motoren lassen sie laufen, um sich an der Standheizung zu wärmen. Wenn ich das richtig verstehe, sind hunderte von LKW-Fahrern mit ihren Lastern durch ganz Deutschland nach Berlin gefahren und sitzen jetzt stundenlang mit laufenden Motoren bei ihrer Mahnwache rum und verbrauchen noch mehr Sprit. Da verliert das Argument, die Benzinpreise und die CO2-Bepreisung seien zu hoch, doch ein wenig an Glaubwürdigkeit.
19. Januar 2024, Berlin
Ich telefoniere mit der Tochter. Sie friert. Weil Gas so teuer ist, haben sie und ihre Mitbewohner*innen die Heiz-Zeiten eingeschränkt. Die Heizung wird nur zwischen 8 und 9, 13 und 14 und 20 und 22 Uhr angemacht. Dazwischen behelfen sie sich mit dicken Pullovern, Wärmflaschen und Tee.
Heute Abend würden sie alle zusammen weggehen, erzählt die Tochter noch. Irgendwie muss das eingesparte Heizgeld ja ausgegeben werden.
20. Januar 2024, Berlin
Habe heute Nacht geträumt und erinnere mich nach dem Aufwachen noch daran. Das passiert sehr selten. Im Traum stand ich im Supermarkt an der Kasse. Das Kassenband war sehr lang, bestimmt 25 Meter und voll mit Lebensmitteln. Nachdem ich bezahlt hatte, waren meine Einkäufe plötzlich alle verschwunden und unauffindbar.
Ich weiß nicht, ob das in die Kategorie Albtraum fällt oder mir mein Unterbewusstsein sagen will, ich solle gefälligst weniger essen.
21. Januar 2024, Berlin
Wenn die Bauern und die Brummi-Fahrer demonstrieren können, können wir das auch. Meine Frau und ich gehen zur „Zusammen gegen Rechts“-Demo am Bundestag. 100.000 andere auch. Keine Ahnung, ob das was bringt. Ich hoffe es.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
15. Januar 2024, Berlin
Heute ist große Bauern-Demo am Brandenburger Tor. Als ich gegen 13 Uhr zum Supermarkt gehe, fahren vereinzelte Traktoren an mir vorbei. Monströs große Maschinen. Die Fahrer hupen immer mal wieder.
Keine Ahnung, was die hier wollen. Das Brandenburger Tor ist rund anderthalb Kilometer entfernt. Wahrscheinlich wollen die Bauern ihren Protest in die ganze Stadt tragen, damit das auch wirklich alle mitbekommen. Als wäre das nicht schon seit Tagen Nummer-1-Thema in allen Nachrichtensendungen, Zeitungen und im Internet. Du musst schon unter einem Stein leben, um von den Bauern-Protesten nichts mitzubekommen.
Vielleicht wissen die Bauern, die hier durch Moabit cruisen, auch einfach nicht, wie sie zum Brandenburger Tor kommen. Deswegen fahren sie den ganzen Tag verzweifelt durch Berlin und suchen ihre demonstrierenden Kollegen.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Die Altglastonne im Hof wurde seit Wochen nicht geleert und ist so voll, dass der Deckel nicht mehr schließt. Gleichzeitig quillt in unserer Küche die Kiste, in der wir unsere leeren Einwegflaschen und -gläser sammeln, über.
Wohl oder übel muss ich abends mit der Kiste zum Altglas-Container. Der ist zum Glück direkt um die Ecke. Trotzdem ist es mir unangenehm, mit der Kiste durch den Kiez zu laufen. Nicht weil sie voller Sekt-, Wein- und Schnapsflaschen ist, wie bei jemandem mit bedenklich hohem Alkoholkonsum. Aber in der Kiste sind so viele leere Schokocreme- und Erdnussbuttergläser, dass die Menschen in der Nachbarschaft sicherlich denken, ich bin hochgradig Zucker und Fett abhängig. (Vor allem in der Adventszeit eine nicht vollkommen falsche Einschätzung.)
Vor dem vermeintliche Altglas-Container stehend, stelle ich fest, dass es sich um eine Altkleider-Sammelstelle handelt. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, die Kiste einfach daneben abzustellen und zu gehen. Aber nur ganz kurz. Das wäre schade, um die Kiste. Worin sollten wir zukünftig unser Altglas sammeln?
Zudem habe ich mich kürzlich wie so ein Fensterrentner echauffiert, als in unserer Straße eine Frau ihr Taschentuch auf den Gehweg geworfen hat. Da kann ich jetzt schlecht unseren Glasmüll wild entsorgen. Vor allem weil um die Uhrzeit noch relativ viele Menschen unterwegs sind und mich dabei beobachten würden.
Ich recherchiere am Handy nach dem Standort des nächsten Altglas-Containers. Zu meiner großen Überraschungen sind diese tatsächlich bei Google Maps eingezeichnet. Zu meiner noch größeren Überraschung gibt es sogar Google-Rezensionen zu einzelnen Containern.
Wer macht so etwas? Wie viel freie Zeit musst du haben, wenn du, nachdem du dein Altglas weggebracht hast, denkst: „Mensch jetzt schreib ich doch mal eine schöne Bewertung zu meiner Altglas-Container-Experience.“
Und was sind die Kriterien für so eine Rezension? Die Größe des Einwurflochs? Die Sauberkeit der Umgebung? Die Beschaffenheit der Containerwand?
Einer der Container in der Nähe hat eine 5-Sterne-Bewertung. Dazu schreibt „Michael v“: „A spot to drop off glass for recycling.“ In meinen Augen mehr eine Definition als eine Rezension. Da der Container aber diesen Zweck erfüllt, hat er sich die Höchstbewertung verdient. Zumindest in den Augen von „Michael v“.
Zu einem anderen Container führt „Walle Bob“ aus, dass der angrenzende Park jetzt viel sauberer sei und man da endlich gemütlich sitzen könnte. Trotzdem vergibt er nur vier Sterne.
Ich entscheide mich dennoch für den Vier-Sterne-Container, weil er näher ist. Als ich dort ankomme, werfe ich – wie es sich gehört – die Gläser und Flaschen mit so viel Schmackes in die Öffnung, dass sie im Innern des Containers krachend zersplittern. (sorry, Nachbarn.)
Das macht richtig Spaß. Vielleicht schreibe ich zuhause eine Bewertung. Aber mit 5 Sternen.
16. Dezember 2023, Berlin
Der Judoverein des Sohns veranstaltet sein jährliches Weihnachtsturnier. Das heißt, wir verbringen als Helferlein den Samstag in Kladow. In der Turnhalle der Grundschule am Ritterfeld. Was eine sehr irreführende Ortsbezeichnung ist, denn in der Umgebung gibt es überhaupt keine Ritter. Auch keine Burg oder ein Schloss.
Wie letztes Jahr jogge ich abends nach Hause. Circa 20 Kilometer. Vorher klang das wie eine gute Idee, um nach einem Tag in der sticken Halle noch ein wenig frische Luft und Bewegung zu haben. Bereits nach zwei Kilometern bin ich nicht mehr ganz so überzeugt, dass frische Luft und Bewegung wichtig sind.
In Gatow komme ich am „Wirtshaus Gatow“ vorbei. Das sieht aus, wie es sich anhört. Der Name ist in altdeutscher Schrift auf die gelb gestrichene Fassade geschrieben, die Fenster sind von braunen Holzrahmen umschlossen und im Sommer stehen bestimmt überbordende Blumenkästen auf den Fensterbänken.
Nicht ganz zu dem Wirtshaus-Klischee passt das Poster, das über dem Eingang hängt:
Neue Bewirtschaftung ab 30.11.23: Com Dang. Asiatische Speisen & Sushi
17. Dezember 2023, Berlin
Der jüngere Bruder meiner Frau – oder wie sie ihn in Verleugnung der Größenverhältnisse nennt: „mein kleiner Bruder“ – ist seit gestern mit seinem Sohn J., seiner Freundin M. und ihrem Sohn T. zu Besuch.
Um kurz vor acht mache ich mir einen Kaffee, in der Hoffnung, das Koffein möge mich in einen menschenähnlichen Zustand versetzen. Dieses Ziel habe ich noch nicht erreicht, als T. in der Küche erscheint. Er ist neun und wie es sich für dieses Alter gehört, ist sein Energielevel sofort nach dem Aufstehen bei 100. Sein Mitteilungsbedürfnis ebenfalls.
Er erzählt mir etwas von der Schlafsituation im letzten Portugal-Urlaub, klärt mich darüber auf, dass er seine Hausaufgaben immer schon in der Schule macht, damit er die „Kack-Aufgaben“ nicht daheim erledigen muss, und erklärt mir dann die Spielregeln eines Kartenspiels, bei dem es darum geht, maximal gleiche oder maximal ungleiche Dreier-Sets zu bilden. Glaube ich zumindest. Ich nippe an meinem Kaffee und hoffe, dass ich an den richtigen Stellen nicke.
Zum Bäcker mitgehen will T. nicht. Das sei ihm zu kalt. Das verstehe ich gut, aber damit wir etwas zum Frühstück haben, gehe ich dennoch los.
In der Bäckerei steht hinter mir eine junge Frau mit ihrer Tochter. Diese ist schätzungsweise drei und sitzt im Kinderwagen. Sie schaut mich strahlend an und ruft: „Schneemann.“ Ich frage mich, ob mein Haar weißer ist, als ich mir eingestehen will, und sich der übermäßige Plätzchenkonsum der letzten Wochen allmählich figürlich unvorteilhaft auswirkt. Dann entdecke ich auf der Brötchentheke einen kleinen Stoff-Schneemann, den die Kleine gemeint hat. Wahrscheinlich.
Das perfekte Schrottwichtel-Geschenk
Sie sind noch auf der Suche nach einem Geschenk für Weihnachten? Oder fürs Schrottwichteln? Da könnte eines meiner Bücher genau das Richtige sein. Schreiben Sie mir einfach eine Mail.
Die Bücher kosten zwischen 10 und 12 Euro (plus Versandkosten). Gerne versehe ich das Buch auch mit einer persönlichen Widmung. (Das verhindert, dass es weiterverschenkt werden kann.)
Anstatt einem weißen, (mittel-)alten, heterosexuellen Mann Geld für das Sammeln und Zusammenstellen von Tweets zu spenden, ist es sinnvoller, Vereine und Gruppen zu unterstützen, die sich für die Überwindung gesellschaftlicher Probleme einsetzen. Daher poste ich künftig unter den Familien-Tweets nicht mehr den Spenden-Hut. Stattdessen können Sie ja vielleicht eine Kleinigkeit an Heimatstern e.V. überweisen. Oder eine Großigkeit.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
11. Dezember 2023, Berlin
Der Sohn ist den vierten Tag in Corona-Isolation. Das Zimmer verlässt er nur, um ins Bad zu gehen, und immer mit Maske. Wir stellen ihm regelmäßig Essen vor die Tür, später räumt er das benutzte Geschirr in den Flur, wo wir es abholen. Er lebt quasi wie ein Gefängnisinsasse in Einzelhaft. Allerdings wie ein Gefängnisinsasse, der bestens mit elektronischen Unterhaltungsgeräten und Streamingdiensten ausgestattet ist.
Ab und an legt der Sohn auch seine Schmutzwäsche raus. Vielleicht ist er doch kein Gefängnisinsasse, sondern ein Hotelbewohner mit Room Service. Allerdings ein Hotelbewohner, der sein Zimmer nicht bezahlt.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Ich schreibe meinem jüdischen Bekannten L. eine Nachricht und wünsche ihm alles Gute zu Chanukka, dem jüdische Lichterfest. In den nächsten acht Tagen zünden Juden jeden Abend eine weitere Kerze an und die Kinder bekommen jeden Tag Geschenke und Süßigkeiten. Das stelle ich mir sehr schön für die jüdischen Kinder vor. Und ziemlich ruinös für die Eltern.
Zum Essen gibt es zu Chanukka in Öl gebackene Speisen wie Krapfen (Sufganiyots) und Kartoffelpuffer (Latkes). Damit soll an das Wunder des ewig brennenden Öls im Tempel gedacht werden. Eine sehr clevere Idee, um den Verzehr von Frittiertem zu rechtfertigen.
Im Christentum soll dagegen der Stollen an Christus als gewickeltes Baby erinnern. Eine merkwürdige kannibalistische Assoziation, die einem die Freude an einem Stück Stollen eher verleidet. Früher war das kein größeres Problem, denn der Stollen war eine Fastenspeise und wurde aus Wasser, Hafer und Rüböl zusammengemanscht. Das war geschmacklich ohnehin kein Hochgenuss.
Glücklicherweise fand irgendwann jemand, dass es dem Ansehen des Gottessohns bestimmt keinen Schaden zufügt, wenn Stollen lecker ist und hat ihm Zucker, Mehl und Butter beigefügt. Bis irgendein Trottel auf die Idee kam, man könne da auch noch Zitronat und Orangeat reinwerfen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll hier nicht noch einmal ausgebreitet werden.
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Für die gestern gebackenen Zitronenherzen brauchte ich sechs Eigelb. Die komplementären sechs Eiweiß verarbeite ich heute zu Kokosmakronen. Damit nichts wegkommt und weil Kokosmakronen in der Herstellung unkompliziert und schnell sind.
Da bei den Zitronenherzen aber weniger rauskamen, als erhofft, backe ich heute noch eine weitere Rutsche davon. Nun habe ich wieder sechs Eiweiß übrig. Es ist ein Teufelskreis. Aber ein sehr leckerer.
Da meine Frau zurzeit an der Arbeit sehr viel zu tun hat, konnte sie sich bis jetzt nur eingeschränkt bei der Weihnachtsbäckerei einbringen. Viele Plätzchensorten habe ich daher allein gebacken. Ich finde das aber nicht schlimm. Mir ist das lieber als umgekehrt. Schließlich möchte ich nicht in ihrer Plätzchenschuld stehen. Das ist in einer Ehe wie bei der Mafia. Der willst du auch keinen Gefallen schuldig sein.
Sollte ich irgendwann mal unseren Hochzeitstag vergessen – möglicherweise nächstes Jahr –, kann ich stattdessen nun sagen: „Dafür habe ich im Dezember 2023 allein Zitronenherzen gebacken.“
08. Dezember 2023, Berlin
Vor ein paar Wochen habe ich mir ein Poster zum Hamburg Marathon bestellt. Auf dem ist der Streckverlauf als schwarze Linie auf hellgelben Untergrund abgebildet und darunter stehen das Datum, mein Name und die erreichte Zielzeit. Das Poster sieht sehr stylish aus. Ich habe es gerahmt und in meinem Arbeitszimmer aufgehängt. Unterhalb des Posters habe ich noch eine Halterung angebracht, an der ich meine gesammelten Volkslauf-Medaillen der letzten fünfzehn Jahre auffädeln kann.
Wenn Sie jetzt denken, dass hört sich wie ein Midlife-Crisis-Altar an, haben sie vermutlich recht.
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Im Hausflur hängt ein Zettel. Er ist von R. aus dem dritten Stock. Sie wird heute 16 und feiert eine Party. Es kämen viele Leute und es könne etwas lauter werden. Sie werde jedoch dafür sorgen, dass um 0.30 Uhr alle gehen.
Ich weiß nicht, ob das alle Hausbewohner*innen so sehen, aber ich bin sehr enttäuscht von R., wenn die Party tatsächlich um halb eins vorbei ist.
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Der Sohn ruft an. Das ist ungewöhnlich. Generell und vor allem, weil er im Bad ist und ich nebenan im Arbeitszimmer sitze. Wenn dich jemand aus dem Nachbarzimmer anruft, kann das nur zweierlei bedeuten: Entweder ist die Person sehr, sehr faul oder sie hat schlechte Nachrichten, die sie dir nicht von Angesicht zu Angesicht überbringen kann.
Beim Sohn ist letzteres der Fall. Als er von der Schule nach Hause kam, hatte er leichte Gliederschmerzen und sich deswegen in die Badewanne gelegt. Anschließend war er so umsichtig, einen Corona-Test zu machen. Nun informiert mich der Sohn über die zwei unerwünschten Streifen. Ich lege ihm eine Maske vor die Tür, dann isoliert er sich in seinem Zimmer.
17 Uhr. Der Sohn meldet sich. Er habe Hunger und möchte sich etwas zu essen bestellen. Am liebsten bei Smack Burger, einem Laden, der vor ein paar Monaten bei uns in der Gegend aufgemacht hat und dessen Signature Move darin besteht, auf alles sehr viel Käse zu machen. Ein kluger Move, denn nichts wird schlechter, wenn du es mit Käse überbäckst.
Die Bestellliste des Sohns umfasst zwei Cheeseburger, ein Patty Melt – ein Rindfleisch-Patty mit der käsigen Haussauce, doppeltem Cheddar und karamellisierten Zwiebeln zwischen zwei hausgemachten Scheiben Toast – sowie eine Portion Chicken Cheese Poutine – Pommes mit Hühnchen und Käsestücken.
Sagen wir es so: Corona scheint ihm nicht auf den Magen zu schlagen.
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Als meine Frau nach Hause kommt, erkundigt sie sich beim Sohn nach seinem Wohlbefinden. Eigentlich gehe es ihm ganz gut, aber ihm sei sterbenslangweilig. Das ist ein wenig verwunderlich. Er hat den Großteil des Nachmittags damit verbracht, im Bett zu liegen, durch Insta, TikTok und Snapchat zu scrollen und dabei Fernsehen zu schauen. So wie jeden anderen Nachmittag auch. Aber anscheinend macht es einen Unterschied, ob du das aus freien Stücken tust oder dir keine andere Wahl bleibt.
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Wir telefonieren abends mit der Tochter. Sie erzählt, sie habe schon seit vier Tagen kein Türchen an ihrem Schoko-Adventskalender geöffnet. Weil sie das morgens immer vergessen würde. Jetzt hätte sie daran gedacht, aber zum Frühstück schon von ihrem Schoko-Weihnachtsmann gegessen, so dass sie jetzt keine Lust auf Schokolade hätte.
Meine Frau und ich verstehen den Zusammenhang nicht und fragen uns, wie man keine Lust auf Schokolade haben kann. Aber das spricht eher gegen uns als gegen die Tochter.
09. Dezember 2023, Berlin
Wie schon gestern fällt auch heute früh bei meiner Frau und mir der Corona-Test negativ aus. Somit steht unserer Teilnahme beim Nikolauslauf am Schlachtensee nichts im Wege, für den wir uns vor ein paar Wochen angemeldet hatten.
Gemeinsam mit meinen Laufkollegen, mit denen ich mich regelmäßig samstags im Grunewald treffe, habe ich mir den Drittelmarathon über 16,2 Kilometer vorgenommen. O. und sein Sohn verwechseln versehentlich ihre Startnummern. Der Sohn wird Erster in der Altersklasse 50, O. dagegen Zehnter bei den 20- bis 25-Jährigen.
Ich belege in der Altersklasse 45 den dritten Platz. Was etwas beeindruckender wäre, wenn in meiner Gruppe mehr als fünf Teilnehmer am Start gewesen wären. Aber immerhin gibt es eine Teilnehmermedaille, die ich an meinen Midlife-Crisis-Schrein hängen kann.
10. Dezember 2023, Berlin
Während ich im Arbeitszimmer sitze und die Wochenschau editiere, höre ich, wie meine Frau in der Küche Kartons zerkleinert. Dann geht sie in den Hof und entsorgt sie in der Altpapier-Tonne. Allein, ohne mich. Damit hat sie mein Solo-Zitronenherzen-Backen wettgemacht und ich darf in den nächsten Jahren unseren Hochzeitstag nicht vergessen. Verdammt.
Später muss ich feststellen, dass sie auch noch die Schokoladenplätzchen kuvertiert und alle Flaschen und Dosen auf den Küchenregalen abgewischt hat. Nun stehe ich tief in ihrer Schuld. Wahrscheinlich liegt heute Abend ein Pferdekopf auf meinem Kopfkissen.
Das perfekte Schrottwichtel-Geschenk
Sie sind noch auf der Suche nach einem Geschenk für Weihnachten? Oder fürs Schrottwichteln? Da könnte eines meiner Bücher genau das Richtige sein. Schreiben Sie mir einfach eine Mail.
Die Bücher kosten zwischen 10 und 12 Euro (plus Versandkosten). Gerne versehe ich das Buch auch mit einer persönlichen Widmung. (Das verhindert, dass es weiterverschenkt werden kann.)
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
04. Dezember 2023, Berlin
Morgendliche Laufrunde im Schlosspark Charlottenburg. Ich werde überholt. Das passiert schon mal. Allerdings nicht ganz so oft, dass es jemand auf Langlauf-Skiern ist.
Der Mann läuft im klassischen Stil. Dass er damit schneller ist als ich, spricht nicht für mein Tempo. Allerdings ist er bei dem verschneiten Untergrund mit seiner Wahl des Fortbewegungsmittels deutlich im Vorteil.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
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