Cassis 2022 – Tag 11 (19.07.): Was macht die Taube am Strand? (Teil 2)

Teil 1


Wir gehen heute erst am frühen Nachmittag zum Strand. Es ist 14 Uhr und ziemlich viel los. Trotzdem finden wir einen Premium-Platz direkt an der Wasserkante. Mit freiem Blick aufs Meer, einer frischen Brise und weniger als fünf Meter vom kühlen Nass entfernt!

Ich bin trotzdem skeptisch. Der Strand ist voll, aber dieser Top-Spot ist noch frei. Warum? Ist er zu nah am Meer und die Wellen schwappen dort ständig auf dich und deine Strandutensilien? Oder hat sich der Mann zur rechten zum Mittagessen eine deftige Cassoulet reingepfiffen und lässt jetzt seinen Darmwinden freien Lauf? Oder lebt an dieser Stelle im Meer ein Seeungeheuer, das ahnungslose Badegäste ins Wasser zieht und verspeist? Wahrscheinlich eine Kombination aus allem.

Der Rest der Familie nimmt meine Vorbehalte gegenüber dem Liegeplatz nicht ernst und breitet unsere Badetücher aus. Ich überlege, ob ich ins Wasser gehen soll. Was dafür spricht: Es bietet eine erfrischende Abkühlung und der Weg ist sehr kurz. Was dagegen spricht: Ich bin dann im Wasser.

Die aufmerksamen Stammleser*innen wird es nicht überraschen, wenn ich bekenne, kein großer Fan von Wasser zu sein. (Duschen ausgenommen.) In meiner Rangliste der beliebtesten Elemente belegt Wasser den letzten Platz. (Platz 3: Feuer (zu heiß), Platz 2: Erde (schmutzig), Platz 1: Luft (brauchst du zum Atmen)) Vor allem mag ich es nicht, Wasser ins Gesicht zu bekommen. Und noch weniger, mit dem Kopf unter Wasser zu tauchen. Das brennt in den Augen, deine Ohren laufen voll, du kannst nicht atmen. Alles Argumente, die dagegen sprechen, deinen Kopf ins Wasser zu stecken.

Der Mensch ist nun mal kein Unter-Wasser-Lebewesen. Hätten Gott, Allah, Buddha, Shiwa oder das fliegende Spaghettimonster gewollt, dass wir unter Wasser leben, hätten sie uns Kiemen gegeben. Da wir aber keine Kiemen haben, gehe ich davon aus, dass Gott, Allah, Buddha, Shiva oder das fliegende Spaghettimonster nicht wollen, dass wir mit dem Kopf unter Wasser gehen. Ich finde, das ist eine sehr bestechende, wenn auch leicht ins Tautologische spielende Argumentation.

Ich vertage meine Wasser-Entscheidung und gehe meiner Lieblingsstrandbeschäftigung nach: Dösen. Das geht hier ganz phantastisch. Im Hintergrund rauscht das Meer, die Menschen um dich herum murmeln, in der Ferne zirpen die Zikaden. Der perfekte Klangteppich, um in die REM-Phase zu dämmern.

Wache eine Viertelstunde später auf. Ich drehe meinen Kopf nach links und schaue auf eine Taube. Die Taube schaut zurück. Ich bin verwirrt. Warum ist hier eine Taube? Träume ich noch? Der Strand ist doch der Lebensraum von Möwen und nicht von Tauben. Die gehören nicht hierher, sondern in die Stadt, wo sie rumgurren und alles voll kacken. Also, was will die Taube hier am Strand?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen Tauben. Einige meiner besten Freunde sind Tauben. Ich möchte auch auf keinen Fall Tauben diskriminieren oder Ressentiments gegen Tauben schüren. Es heißt nicht umsonst „Alle Vögel sind Tauben, fast überall.“ Trotzdem haben Tauben meiner Meinung nach an einem Strand nichts verloren. (Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.)

Vielleicht ist es aber gar keine Taube, die mich anglotzt, sondern eine verkleidete Möwe auf dem Weg zu zu einer Mottoparty. Oder die Taube macht hier Urlaub. So ein Stadtleben ist ja anstrengend. Mit dem ganzen Gegurre und der ständigen Vollkackerei. Da willst du dich auch mal ein, zwei Wochen im Jahr erholen, ohne dass dir irgendein dahergelaufener Penner das Recht abspricht, am Strand abzuhängen.

Ich kann nicht länger den Blickkontakt mit der Taube halten und schaue weg. Sie trippelt weiter, läuft über ein paar Handtücher und über das Bein eines verdutzten Mannes. Dann pickt sie an einem Baguette, das irgendeinem Kind runtergefallen ist.

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Am Hafen neben unserem Stamm-Strand wurde in den letzten Tagen eine große Bühne aufgebaut. Für das Cassis en scéne festival. Heute Abend spielt dort Patrick Bruel. Ein Künstler, der mir gänzlich unbekannt ist. Das hat aber nichts zu bedeuten. Ich habe vor circa 20 bis 25 Jahren den Anschluss an aktuelle, angesagte Musik verloren. Deswegen ist es durchaus möglich, dass Patrick Bruel der größte Rockmusiker ist, den Frankreich jemals hervorgebracht hat.

Gestern dachte ich kurz, dass ich Patrick Bruel doch kenne. Das lag aber nur daran, dass ich seinen Namen hier täglich auf den Veranstaltungspostern lese.

Morgen treten Earth, Wind and Fire auf. Das ist natürlich ein spektakulärer Show-Act. Zumindest für Menschen aus der Generation meiner Eltern. Wahrscheinlich hat sie der Typ aus der Stadtverwaltung gebucht, der für das 14.-Juli-Feuerwerk die Psychedelic-Rock-Flower-Power-Musik ausgesucht hat. Für die Originalband hat es allerdings nicht gereicht. Stattdessen spielen Earth, Wind & Fire Experience. Hört sich wie der mäßig originelle Name einer Coverband an. So wie Rolling Stoneheads, ReBeatles oder Modern Talking Reloaded. Die Tickets kosten trotzdem über 50 Euro. Vielleicht kann man mit Monopoly-Geld bezahlen. Quasi Covergeld für die Coverband. (Miese Witze aus dem Niveaukeller sind der Grund, warum ich weiterhin kein Geld für meine Blogbeiträge nehmen kann.)

Am Donnerstag gibt es noch einen Auftritt von Axel Bauer und Bénabar. Zwei Künstler, von deren Schaffen ich bis zu unserer Ankunft in Cassis ebenfalls noch nichts wusste. Aber, wie gesagt, das schließt nicht aus, dass sie trotzdem die größten Rockstars sind, die Frankreich je hervorgebracht hat. Außer Patrick Bruel.

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Nachdem wir Kaffee getrunken und Melone und Brioches gegessen haben, ruhe ich mich auf dem Balkon aus. (Schönen Gruß aus der Seniorenresidenz „Meerblick“.) Im Hintergrund sind – wie immer – die Zikaden zugange. Inzwischen habe ich mich tatsächlich daran gewöhnt. Die meiste Zeit des Tages blende ich das einfach aus.

Irritierender finde ich mittlerweile, wenn das Dauergeratsche zwischendurch aufhört. Ab und an passiert das tagsüber. Zuerst schwillt das Zikadengeschrei an und plötzlich hört es kurz auf, bevor es mit noch größerer Intensität weitergeht. Ich stelle mir dann immer vor, den Zikaden fällt in diesem Moment auf, dass sie den Humanoiden zahlenmäßig weit überlegen sind. Daraufhin schmieden sie Pläne, alles in und um Cassis herum kahl zu fressen. Inklusive der Menschen.

Keine schöne Vorstellung, dass der Urlaub so endet. Aber ein entwicklungsfähiger Plot für einen gruseligen Horrorschocker: „Wenn die Zombie-Zikade zweimal zirpt“.

Weitere Titel für Zikaden-Filme, die mir spontan einfallen:

  • Agenten-Film: Zirp an einem anderen Tag
  • Romanverfilmung: Die Zikade in Venedig
  • Superhelden-Film: Zirp-Man begins
  • Dude-Movie: Zirpover
  • Rom Com: 4 Zikaden und 1 Hörsturz
  • Mafia-Film: Die Zikados
  • Thriller: Das Schweigen der Zikaden
  • Dooms-Day-Film: The day after the Zikaden

Vielleicht sollte ich mal aus der Sonne gehen.

(Falls Sie Interesse daran haben, die Rechte an einem dieser Titel zu kaufen, schreiben Sie bitte an igiveyouallmymoney@familienbetrieb.info. Danke!)

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Gestern wollte ich den Sohn aufgrund meines hohen Vorsprungs nicht als „ärgsten Verfolger“ ernst nehmen. Heute schlägt er zurück: Mit zwei Kniffeln und einer 405er-Runde holt er fast 200 Punkte auf, weil ich mit einer 218er-Runde schwächle.

Ich würde gerne sagen, dass ich das mit Absicht getan habe, um das Kniffel-Turnier spannender zu machen, die Zuschauerzahlen zu erhöhen und die Werbeeinnahmen zu steigern. Erstens haben wir aber keine Zuschauer, zweitens gibt es deswegen auch keine Werbung und drittens würde ich niemals den Kniffel-Pokal und schon gar nicht das Gewinner-Spaghettieis mit solchen Sperenzchen aufs Spiel setzen.

(Falls Sie das Kniffel-Turnier trotz fehlender Zuschauer sponsern möchten, schreiben Sie bitte ebenfalls an igiveyouallmymoney@familienbetrieb.info. Danke!)


Alle Beiträge des Cassis-Urlaubsblogs finden Sie hier.



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Familien-Tweets der Woche (423)

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Eine kleine Wochenschau | KW27-2022

Wegen unseres anstehenden Urlaubs gibt es nicht erst zum Sonntag-, sondern schon Freitagabend meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


04. Juli 2022, Berlin

Impressionen auf dem Weg zum Einkaufen:

  • Vor einer Kita stehen zwei bullige, stiernackige Männer mit Gesichtstätowierungen und Rocker-Lederwesten. Sie unterhalten sich über die Vor- und Nachteile von verschiedenen Kinderhochstühlen.
  • Eine Frau kommt mir entgegen, die ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Niveau ist keine Creme“ trägt.
  • An der Straßenecke unterhalten sich zwei Männer auf Arabisch. Zum Schluss verabschiedet sich der eine mit einem fröhlichen „Tschüssikowski!“ Bin mir nicht sicher, ob das ein Zeichen für Multi-Kulti im besten Sinne ist oder ob die beiden bei der Integration ein wenig überperformt haben. Nun ja, zumindest tragen sie keine Krachledernen und Trachtenjankerl.
  • Ein kleines Mädchen schaut sich ein Werbeplakat für einen Rasierapparat an und erklärt seiner Mutter mit ernster Miene: „Damit entfernt man sich das Gesicht.“
  • Auf einer Bank sitzt ein verwirrter Mann und brüllt: „Wir müssen mit dieser Scheiße endlich aufhören!“ Vielleicht ist er auch gar nicht verwirrt, sondern der einzige Mensch mit Durchblick.
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Familien-Tweets der Woche (419)

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Eine kleine Wochenschau | KW26-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


27. Juni 2022, Berlin

Der Sohn fährt heute auf Klassenfahrt. Fünf Tage Heidelberg. Unabhängig voneinander fragen meine Frau und ich, ob er genügend Unterwäsche und Socken eingepackt, die Zahnbürste nicht vergessen und an die Regenjacke gedacht hat. (Ja, hat er. Nein, hat er nicht. Braucht er nicht). Irgendwann ist er so genervt, dass sich wenigstens sein Abschiedsschmerz in Grenzen hält.

Pro forma hat meine Frau ihn gestern Abend gefragt, ob wir ihn zum Bahnhof bringen sollen. Der Sohn meinte, dass sei nicht nötig. Wirklich nicht. Ob er es wohl lustig findet, wenn wir trotzdem zum Bahnsteig kommen und ihm vor versammelter Klasse einen Teddy und ein Schnuffeltuch mit den Worten überreichen: „Ohne die schläfst du doch so schlecht ein, Spätzchen.“

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Eine kleine Wochenschau | KW26-2022 (Teil 2)

Teil 1


01. Juli 2022, Berlin

Heute ist Internationaler Witzetag. Keine Pointe.

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Der Sohn kehrt wohlbehalten von der Klassenfahrt zurück. Er ist zwar etwas müde, aber ansonsten körperlich unversehrt. Fast. Im Schwimmbad ist er in eine Wespe getreten und am nächsten Tag in den Ohrring einer Klassenkameradin. Das sei aber eigentlich ganz praktisch gewesen, meint er, denn so hätten sie den Ohrring wenigstens wieder gefunden. Eine angenehm pragmatische Sichtweise.

02. Juli 2022, Berlin

Heute ist Fest der Niederlegung der Muttergottesgewänder. Ob das wohl so eine Art FKK-Body-Positivity-Tag für Maria ist?

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Seit ungefähr zwei Tagen steht bei uns vor dem Haus ein sehr niedriger, länglicher Couch-Tisch. Entweder hat da jemand seinen Sperrmüll wild entsorgt, weil der Weg zum Wertstoffhof zu lästig war, oder es handelt sich um eine der Nachhaltigkeit verpflichteten „Zu verschenken“-Aktion, bei der allerdings der „Zu verschenken“-Zettel vergessen wurde. Vielleicht beides.

Gegen 23 Uhr wählen ein junger Mann und eine junge Frau, beide circa Anfang 20, diesen Tisch als Sitzgelegenheit, um ein Bier zu trinken und sich zu unterhalten. Das ist ein bisschen nervig. Nicht wegen der Ruhestörung, sondern weil sie nicht laut genug reden, dass ich verstehen kann, um was sich ihre Unterhaltung genau dreht. Dem Gemurmel entnehme ich lediglich, dass sich die Frau kürzlich von ihrem Freund getrennt hat. Das empfindet sie inzwischen aber als Chance, um sich weiterzuentwickeln. Der junge Mann ist da ganz ihrer Meinung.

Sofern es sich bei dem jungen Mann nicht um den schwulen besten Freund der jungen Frau handelt, mit dem sie sich super über Männer austauschen kann, gehe ich aufgrund meiner Lebenserfahrung davon aus, dass er nicht abgeneigt ist, die vakante Stelle des GV-Partners einzunehmen. Oder zumindest ein wenig zu knutschen. Das haben Männer nämlich meistens im Sinn, wenn sie sich nachts, leicht angetrunken mit Frauen über deren Beziehungsproblemen unterhalten. Ungünstigerweise freuen sich die Frauen häufig einfach, dass es Männer gibt, die so gut zuhören, und packen sie in die „friend zone“. Eine klassische Lose-win-Situation.

03. Juli 2022, Berlin

Heute ist Schmeichle-deinem-Spiegelbild-Tag. Ein Ehrentag, der am besten in Verbindung mit dem Schalte-das-Licht-im-Bad-nicht-an-, dem Trinke-schon-vor-dem-Zähneputzen-Gin-Tonic- und dem Belüge-dich-selbst-Tag funktioniert.

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Beim Joggen sehe ich eine Frau, die mit ihrem Hund Gassi geht. Wegen ihres grauen Haars schätze ich sie auf Ende 60 oder Anfang 70. (Sie mich aufgrund meines grauen Barts möglicherweise auch.) Sie trägt ein schwarzes T-Shirt, auf dem in großen Buchstaben: „All fucking metall!“ steht.

Irgendwie finde ich es cool, dass die Frau in ihrem Altern ein T-Shirt mit so einem Spruch anzieht. Gleichzeitig bin ich mir unsicher, wie cool ich es fände, wenn meine Eltern so ein T-Shirt trügen.


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https://twitter.com/MarlingMarina/status/1540940520792461312
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